Editorial

24. September 2016

Well met, alle zusammen!

Offizieller Herbstanfang? Check … (diesmal mit einem Klaubild aus dem Netz, also falls es jemandem gehört, dann bitte bei mir melden – aber ich wollte es Euch nicht vorenthalten!)

... abbiegen in die dunklere Jahreszeit

… abbiegen in die dunklere Jahreszeit

In unserem heutigen Update können wir Euch (nach meiner letztwöchigen Übersetzung) einen deutschsprachigen EventArtikel präsentieren. Besonders freut mich, dass er noch dazu zwei Teile, und auch zwei Autoren hat … „Lange Nacht der Religionen: Pagane Wege und Gemeinschaften„. Deutschsprachig sind wir damit schon mal, vielleicht findet sich auch einmal wieder eine Rückschau auf eine österreichische Veranstaltung?
Der zweite Artikel setzt Sacribas Serie „Wie funktioniert gesunde Polyamorie?“ mit dem Teil II fort. Schade, dass wir zu einem derartig interessanten Thema bis dato noch keine Kommentare zu lesen bekamen … na vielleicht möchte das ja jetzt jemand nachholen.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns Euer Feedback oder vielleicht sogar einen Themenvorschlag, der Euch besonders interessiert.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil II, geschrieben von Sacriba

24. September 2016

Primärmotivierte Polyamorie

Ist im Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich? herausgekommen, dass Polyamorie wahrscheinlich ein primärmotivierter Wunsch von dir ist?

Oder bist du einfach neugierig, wie primärmotivierte Polyamorie aussieht?

In beiden Fällen bekommst du hier dazu mehr Information.

Meiner Erfahrung nach gibt es bisher genau 3 Hintergründe, die einen primärmotivierten Wunsch nach gesunder, funktionierender Polyamorie erzeugen:

Verschiedene Bedürfnisse an Nähe:

Innerhalb einer bestehenden Zweierbeziehung benötigt Mensch A mehr liebevolle Nähe als das Gegenüber Mensch B. Mensch A wünscht sich daher eine Liebesbeziehung zu einem zusätzlichen Menschen.

Der Grund für diese Unausgeglichenheit muss allerdings an einem durch Verhandlung unveränderbaren Zustand liegen – z. B.:

  • Wenn Mensch A neurotypisch funktioniert, Mensch B sich aber am autistischen Spektrum befindet.
  • Wenn Mensch A besonders viel Freizeit hat, während Mensch B seine Selbstverwirklichung im Beruf findet. Diese spezielle Situation ist allerdings verwundbar: Nehmen wir an, Mensch B entscheidet sich eines Tages dafür, ebenso viel Freizeit wie Mensch A zu haben. Daraus kann dann ein größeres Nähebedürfnis als bisher entstehen, das wiederum Mensch A dann nicht erwidern kann, da sein Bedürfnis von einer Liebesbeziehung mit Mensch C abgedeckt wird, usw.

Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung:

Ein Mensch lebt in einer erfüllten Zweierbeziehung. Allerdings möchte und kann dieser Mensch auf der amoren Ebene mehr geben, als die bestehende Liebesbeziehung braucht, um schön und stabil zu funktionieren. Dieser Wunsch ist nur konstruktiv, wenn:

  • sich dahinter keine Sekundärmotivationen verstecken (z. B. der Wunsch nach mehr Sex)
  • Der Wunsch NICHT aus einem Mangel heraus erfolgt (z. B. ein Defizit an Nähe in der Ursprungsbeziehung)
  • die Nähe, Zeit und Platz füreinander in der Ursprungsbeziehung erhalten bleiben
  • eine höhere Komplexität als zu zweit gewünscht wird, um eine umfangreichere Selbsterfahrung für persönliche Weiterentwicklung zu erreichen
  • kein Poly-Zeitproblem wegen zu hoher Komplexität entsteht

Das war der Hauptbeweggrund für meinen Freund Nemo, eine weitere Hetero-Beziehung zusätzlich zu seiner Ursprungsbeziehung mit Maitri anzustreben.

Die amore Orientierung:

Ein Mensch ist biamor (und damit automatisch auch bisexuell) und wünscht sich jeweils eine Liebesbeziehung zu beiden Cis-Geschlechtern (Frau und Mann).

Diese Motivation, polyamor zu leben, tritt allerdings fast immer IN KOMBINATION mit den obigen Gründen (Verschiedene Bedürfnisse an Nähe oder Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung) auf.

Schließlich gibt es genug Menschen, die klar biamor sind, die sich aber keine höhere Komplexität im Beziehungsleben als die einer Zweierbeziehung wünschen.

Das ist mein persönlicher Beweggrund:
Nach der Entfernung einiger Sekundärmotivationen kam bei mir meine amore Orientierung parallel mit einem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung als Primärmotivation für Polyamorie zum Vorschein. Bei meiner Freundin Maitri stehen ebenfalls diese beiden Gründe hinter ihrer Entscheidung für unsere Triade.

 

Disclaimer:

Alle anderen Gründe für Polyamorie von Menschen, mit denen ich persönlich Kontakt hatte, stellten sich nach Anwendung der „Wozu (willst du das)?“-Fragenkaskade als Sekundärmotivationen heraus.

Sollte ich ein neues Konzept kennenlernen, das nach Anwendung der Fragenkaskade auf einer Primärmotivation aufbaut, nehme ich es gerne in die obige Liste über die Gründe für primärmotivierte Polyamorie auf. Bisher ist das aber noch nicht passiert.
In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen ein Zeitproblem auf. Mein Freund Nemo hat dieses Zeitproblem in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

PM_Legende

PM_Paar

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B.
Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

PM_Triade

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach:
3×1 + 1 = 4

 

Soweit sind noch keine metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V:

Ein V ist ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

PM_V

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen:
A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

Das metamour-Verhältnis A+C:
Diese beiden Menschen müssen schließlich Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, untereinander besprechen können.

Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also, obwohl es eine Liebesbeziehung weniger als in einer Triade gibt, gleich hoch:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung.
Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

PM_Reihe

 

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:
Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

 

 

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:
Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen
A+C, B+D und A+D
Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D
Das ergibt in Summe die Komplexität:
3×1 + 3×1 + 1 = 7

Selbst wenn wir realistischerweise davon ausgehen, dass metamours etwas weniger Kontakt zueinander haben als die Paarbeziehungen, und daher auf die Komplexität = 6 abrunden, erfordert diese Konstellation immer noch 6mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern auch noch untereinander als Paarbeziehungen vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

PM_Viereck

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind.
Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen.
Damit gibt es zwar keine metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

6 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
4 Triaden:
A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
Und das Gesamtsystem aus allen: A+B+C+D

Die Komplexität ist also:
6×1 + 4×1 + 1 = 11

Also 11mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie in einer Zweierbeziehung.
Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Dazu behauptet die Poly-Szene:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Damit ist gemeint, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das dann für die Betroffenen auch noch schön wäre.

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren. Diese Philosophie hat meiner Meinung nach daher den Nutzen einer Durchfallerkrankung.

Die realistische Konsequenz dieser Haltung ist nämlich entweder der miauende Hund oder (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Solange Nähehandlungen (Kuscheln, Schmusen, Küssen) dann immer noch ausgeführt werden, besteht allerdings die Sehnsucht nach der großen Nähe einer echten Liebesbeziehung mit diesem Menschen im Unbewussten weiter.

Die Folge sind ständige destruktive Konflikte wegen des nicht mehr erfüllbaren Beziehungswunsches, also in meinem Beispiel einem tatsächlich bellenden Hund.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 4/8: Das Poly-Zeitproblem

Damit bewegt sich das ganze System in Richtung eines energiefressenden Zustands, also in einen instabilen Zwischenzustand auf der Näheskala, ähnlich dem einer „Nebenbeziehung“.

Langfristig gesehen entstehen so zutiefst frustrierte Menschen, deren Wunsch nach Liebe kein Gegenüber mehr findet. Die Folge sind psychische Probleme, die zu chronischer Depression und Persönlichkeitsstörungen führen können.

Ende Teil II

Lange Nacht der Religionen: Pagane Wege und Gemeinschaften – Teil I geschrieben von Syba Sukkub

24. September 2016

Pagane Wege und Gemeinschaften

 

Ein Blick von Syba Sukkub auf die lange Nacht der Religionen

Erstmal: das Folgende ist meine absolut subjektive, unauthorisierte, unvollständige und unmaßgebliche Schilderung der Veranstaltung.

Samstag. Eröffnungsritual, Sinmara begrüßt alle herzlich, aber ich brauche wohl noch etwas Zeit um anzukommen. Das Heidenvolk ist bunt, gemischt was Alter und Geschlecht angeht und viele haben sich für diesen Anlass in besondere Gewandung geworfen, von Mittelalter bis Fantasy, Runen und Pentagramme überall.

Man kommt schnell ins Gespräch. Ein paar junge Frauen schleppen mich mit in den Vortrag von Dr. Donate Pahnke McIntosh zur „Göttin-Spiritualität“. Eigentlich hab ich damit wenig am Hut und die Vulva-Atmung fällt mir nach wie vor schwer. Aber Dr. Donate ist wunderbar, spricht sehr schön, klar, klug, ruhig, mit schönen Gesten und mir gehen ein paar Lampenläden auf, warum wir die Göttinnen brauchen.

Danach will ich mir das Sexsymbol der Asatru-Szene anschauen: Voenix. Wahrscheinlich liegt´s aber an meinem hohen Alter und dem Hexenschuss, dass ich seinen Auftritt überstehe, ohne ihn anzuspringen. Seine Arbeit mit Ahnengeistern bringt er in Zusammenhang mit Familienaufstellungen. Als er Kindesmissbrauch und Vergebung in einem Satz erwähnt, verlassen ein paar Leute den Raum. Auch ich bin kein Hellinger-Fan. Aber ich sehe, dass er scheinbar einiges richtigmacht, das Bedürfnis nach Trance, Ritual, Gemeinschaft und dem folkloristischen Dekor ist groß. Die Trommel allein macht auf jeden Fall eine Menge her.

Später nehme ich teil an einem Reclaiming-Ritual, das viele gute Zutaten enthält: Musik, Tanz und Gesang, kurze Texte, Mysterientheater. Respekt, es ist nicht so leicht, einen so großen Kreis von überwiegend Fremden wirklich zusammenzubringen. Aber die amtierenden Hexen sind erfahren und das ganze Team spielt wunderbar zusammen. (Dr. Donate zeigt ihre praktische Seite und initiiert den Spiraltanz.)

Wenig später lassen die Ibuprofen mich im Stich und ich mach mich schnell auf den Heimweg. Auf jeden Fall bin ich beeindruckt von der Organisation. Eine dicke Party für 200 Leute umsonst und draußen, mit Essen, Trinken, offenem Feuer, Toiletten, Vorträgen, Ruheraum und allem Drum und Dran auf die Beine zu stellen ist sensationell! Eine Heidenarbeit! Großer Respekt!

Am Sonntag findet das Treffen an einem anderen Standort statt, viel weiter draußen, aber die Location ist S-Bahn-nah und sehr schön. Die Runde ist kleiner geworden, der Innenhof ist sonnig, die Stimmung entspannt. Die Hüpfburg wird gelegentlich frequentiert, es gibt Kuchen, Getränke und Grill.
Voenix in prachtvoller Ritualgewandung (wer zum Geier näht ihm die Klamotten?) und mit Geweih-Kopfschmuck eröffnet auf bewährte Weise, indem er Teilnehmern besondere Aufmerksamkeit und Behandlung anbietet und zum Abschluss jeden im Kreis trommelnd würdigt.
Der Duke liest aus seinem Buch „Das Lied der Eibe“, was Spaß macht, weil er klasse lesen kann. Er hat eine tolle Stimme und viel Ausdruck. Seine Texte sind poetisch, sprachgewandt und witzig. Das Hörbuch wird sehnsüchtig erwartet.
Danach spricht Morgana Sythove über Wicca. Sie betont die politische Dimension des Heidentums und eine wesentliche Gemeinsamkeit der verschiedenen Richtungen: die Verehrung der Erde bzw. der Natur, des Lebens.

Wozu überhaupt so ein Heidentag? Brauch ich das? Spiritualität hat viel mit Zugehörigkeit zu tun, auf jeder Seite der Hecke. Brauchen wir Gemeinschaft? Na sicher. Und zum Glück gibt es ein paar Leute, die sich dafür enorm engagieren, Anlaufpunkte zu bieten, Grüppchen zu vernetzen und Angebote zugänglich zu machen. Ehrenamtlich und unentgeltlich. Mit sehr viel Herzblut.
Im Publikum werden die Unterschiede betont, wer z.B. ein Pentagramm trägt, möchte keinesfalls in denselben Topf wie die anderen Pentagramm-Träger geworfen werden. Das ist okay, es leben die Unterschiede, die Vielfalt, die bei dieser Veranstaltung ja tatsächlich gegeben war.
Aber vielleicht gibt es doch einige gemeinsame Interessen, Ziele, ein paar Sachen, die wichtig sind und wo man gemeinsam wohl mehr Erfolg hat. Also falls das Heidentum kein Escapismus ist, sondern eben auch einen politischen Aspekt hat.
Meine Augen brennen, irgendwie habe ich viel Rauch vom Lagerfeuer abbekommen. Insgesamt nehme ich aber auch eine ganze Menge mit. Da ist ein ganzer Stapel Infozettel und ich fange an, mich durch eine Vielzahl an links zu klicken. Und mein Mann sagt: „HmMm. Du riechst ja gut. Wie eine Salami.“

Ende Teil I

 

Editorial

17. September 2016

Well met, alle zusammen!

Jetzt ist er da, der Herbst – zumindest in meinen und Naomis Breitengraden, wie ihr uns gespendetes Bild wunderschön zu sehen ist …

Herbst ist da copyright Naomi

Herbst ist da copyright Naomi

Heute können wir Euch wieder eine mehr als interessante Serie vorstellen – „Wie funktioniert gesunde Polyamorie?„. Ich persönlich habe ja durch die Jahre schon viele Leute kennengelernt, die in Beziehungen mit mehr als einer Person waren – aber auf Jahre hinaus so wirklich gut gegangen ist das in den seltensten Fällen. Sacriba schreibt aus Erfahrung und hat sich die Hintergründe genau angesehen – also was könnte es für eine bessere Informationsquelle geben?
Der zweite Artikel war mir persönlich ein großes Anliegen. Damh hat einen Blogbeitrag zu einem Event verfasst, den ich für absolut lesenswert halte. „Zauber und Sprüche“ beschreibt das jährliche Anderida Gorsedd Camp, seine Herangehensweisen und Zielsetzungen. Many thanks, Damh, for writing this article and letting me translate it!!!

Wie immer wünsche wir Euch viel Lesevergnügen und freuen uns über das eine oder andere Feedback! Gerade diese beiden Artikel werden wohl niemanden völlig kalt lassen …

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

 

Zauber und Sprüche, geschrieben von Damh, the Bard, übersetzt von Anufa

17. September 2016

Letztes Wochenende war das Anderida Gorsedd Camp. Ich und Cerri haben mit diesen Camps schon 2003 begonnen und unser Anliegen war es, einen Raum zu schaffen, der sich auf Magie und Gemeinschaft konzentrierte. Es gab viele Camps die unterschiedlichste Workshops und Rituale anboten, aber mit Anderida Camps suchten wir uns ein Thema aus und zielten an diesem Wochenende alles darauf ab. Das gipfelt in der Samstagnacht in einem großen Gruppenritual, das auf dem Thema aufgebaut ist, das wir uns ausgesucht haben.
Das Thema des letztwöchigen Camps war „anglosächsische Zauber und Sprüche“ und die Inspiration für das ganze Camp war der anglosächsische Neun-Kräuter-Zauber. Wir hatten einen Gastreferenten, den Experten für Angelsachsen, Steve Pollington. Er sprach ungefähr eine Stunde über die Tradition der Kräuterüberlieferungen im angelsächsischen England, bevor er den gesamten Neun-Kräuter-Zauber auf Angelsächsisch vorlas und dann in modernem Englisch. Es ist immer wieder erstaunlich diese alte Sprache gesprochen zu hören. Etwas in mir kennt sie und es ist so, als ob jeder Grashalm zuhören und sagen würde, „Wart einmal, ich kenne diese Worte!“. Diesen Neun-Kräuter-Zauber in seiner originalen Form gesprochen zu hören, das war als solches schon magisch und half sich auf die Aktivitäten des Nachmittags zu konzentrieren.

Aber ich überhole mich grad selbst

Einer der Mitglieder meines Groves, Garry, ist ein Genie wenn es nötig ist, Sachen zu erschaffen. Als wir mit ihm über die Idee hinter dem Camp sprachen, dachten wir alle, dass es großartig wäre für das Samstagnacht-Ritual einen Kessel zu erschaffen. Einer, in den wir Kräuter geben und die dann verbrennen konnten um unsere Wünsche und Segen an die Götter zu senden. Damit ging Garry an die Arbeit und das ist, was am Camp, auf einem Anhänger ankam. Ich hätte so gerne die Gesichter der Leute gesehen, an denen er auf der Straße vorbeigefahren war. Ein zwei Meter hoher und zweieinhalb Meter breiter Kessel. DAS ist ein Kessel!

Anderida cauldron

Während Garry den Kessel machte, arbeitete Cerri hart daran, den Wächter zu schaffen und seine Schachtel in Herzform. Er würde im Meditationsbereich sitzen. Die Leute würden einfach hingehen und ihn besuchen können, mit ihm reden und etwas aufschreiben, das sie dem Kessel der Veränderung übergeben wollten. Das konnte alles sein. Heilung, ein Abschluss, Inspiration, einfach alles. Das Stück Papier kam in die herzförmige Schachtel.

Cerri´s Wächter

 

Alles an seinem Platz – lass die Reise beginnen

Nach dem Mittagessen sammelten sich alle in Gruppen zwischen acht und zehn Leuten. Ich und Cerri hatten schon sieben Pflanzen ausgesucht, mit der die Gruppen arbeiten sollten. Eine für jede Gruppe um sich darauf zu konzentrieren, aber auch Pflanzen, die – egal was die Leute als ihren Wunsch beigesteuert hatten – er würde von einer der Pflanzen unterstützt werden. Ich war selber in der Landschaft von Sussex unterwegs gewesen um eine kleine Menge davon zu sammeln.

Bevor also noch jemand seine Pflanze besprechen konnte, nahmen wir die Gruppen mit auf eine innere Reise zum Ton der Trommel. Sie wurden nur in einen Baumkreis geführt, und es wurde ihnen genügend Zeit geben ihre Pflanze zu finden. Die Zielsetzung der Reise war, den Geist der Pflanze zu jagen, ihm zu folgen, sich ihm zu nähern und mit ihm zu kommunizieren. Wenn ihr „The Way of Wyrd“ von Brian Bates nicht gelesen habt, dann würde ich das absolut empfehlen. Das Jagen der Pflanzen auf diese Art und Weise, wurde von einem Kapitel des Buches inspiriert. Der Grund, warum wir die Leute vorher nicht darüber sprechen lassen wollten ist, dass wir verhindern wollten, dass die Ergebnisse der Reise von voreingenommenen Vorstellungen über die Energie der Pflanzen beeinflusst werden. So unbedarft wie möglich zu reisen, bedeutet, dass die Informationen von den Pflanzengeistern kommt und nicht von wissenschaftlichem Lernen.

Wieder zurück unter dem Zeltdach baten wir jede Gruppe einen kleinen Beutel, der die Pflanzen enthielt, in der Gruppe herumzureichen und als Talking Stick zu benutzen um mit der Gruppe die jeweilige Einzelreise zu teilen und auf die jeweiligen Verbindungen und Ähnlichkeiten zu achten. Als ich so herumging, bemerkte ich amüsierte Gesichter weil die Verbindungen immer deutlicher wurden. Der Energieschub um das Zeltdach war körperlich fühlbar.

Ich werde hier nicht sehr ins Detail gehen, weil sich das nicht richtig anfühlt aber am Ende des Nachmittags hatte jede Gruppe einen siebenzeiligen Spruch verfasst, der im Ritual Verwendung finden würde um im Ritual den Geist der Pflanze anzurufen.

Am Nachmittag begann es zu regnen. Wir waren unter dem Zeltdach und damit war das auch in Ordnung, aber wir hatten es nötig, dass der Regen sich verzog bevor wir den Kessel enthüllen und das Ritual beginnen konnten. Wir versprachen ein Opfer von vier Gläsern Sussex Festmahlmet wenn das Wetter sich ändern würde. Um halb neun abends klarte es auf.

Wir versammelten uns ums zentrale Lagerfeuer. Es wurden Fackeln angezündet und wir machten eine Prozession zum Schrein des Wächters um das Herz abzuholen. Das Herz trug alle Vorhaben und Wünsche der Anwesenden in sich. Der Wächter übergab freiwillig sein Herz und wir gingen weiter zum Kessel.

Ich näherte mich der ersten Gruppe.

„Welche Pflanze bringst du mit in diesen Kreis?“, fragte ich.
Die Gruppe gab ihre Antwort.
„Dann rufe ich die Kraft von … an.“

Die Gruppe rief nun dreimal im Ruf- und Antwortmodus ihren Spruch. Das erste Mal allein, dann beim zweiten und dritten Mal fiel der ganze Kreis ein. Stimmen klangen durch die Nacht. Nachdem die Pflanze gerufen worden war, trat der Pflanzenträger vor und legte sie in den Kessel. Das wurde dann noch sechsmal gemach, bis alle Kräuter drinnen waren. Dann sprach Cerri für das Herz und reichte es an mich weiter. Ich legte es in den Kessel.

Es wurden noch mehr Fackeln entzündet und das Reisig unter dem Kessel wurde von den ersten Flammen geküsst. Zuerst nur klein, sprang der Funke über. Alle Gruppen riefen nun ihren Spruch in einem Wirrwarr an Stimmen. Aber dann geschah etwas Unerwartetes. Am Anfang glühte und rauchte der Oberteil des Kessels aber plötzlich brachen die Flammen durch und der Kessel wurde zu einem hundert Meter hohen Inferno. Es war so heiß, dass nicht nur alle zurücktreten, sondern sogar von der Hitze weggehen mussten. Obwohl aber die Hitze so riesig war, waren die Seiten des Kessels immer noch vollständig. Aber siewaren doch nur Papier! Es waren ein paar Eierkartons im Kessel drinnen gewesen aber nichts, was dem Feuer derartige Energie gegeben hätte um eine derartige Höhe zu erreichen und eine derartigeHitze.

Wir bemerkten auch den genauen Augenblick, als der Inhalt des Herzens verbrannte. Ich fühlte eine schlagartige Erleichterung und damit war ich nicht allein.

Die Flammen erloschen. Unsere Stimmen wurden ebenfalls leiser. Wir standen im Kreis, jetzt unter dem sternenerfüllten, mondhellen Himmer und schworen den Eid des Friedens. Dann wurde das Awen gesungen. Der Zauber war vollendet.

Jetzt habe ich noch eine Sache zu erwähnen

Während wir zurück zum zentralen Lagerfeuer gingen, ging eine aus unserer Gruppe, Billie, zurück zum Feuer des Kessels. Die Flammen waren da noch ungefähr einen Meter hoch und sie konnte dieses Bild machen. Darin ist deutlich zu erkennen, dass der Wächter durch die Flammen geht und ein Herz hält.

Feuerherz

Magie passiert.
Cerri hat aus ihrer Sicht ebenfalls einen Beitrag geschrieben.