Geschrieben wurde dieser Artikel von Jedidjah de Vries und übersetzt von Distelfliege für die Rubrik “WeiberCraft”
In der High School aßen wir unter einem Baum zu Mittag, den wir den Göttinnenbaum“ nannten. (K. Murray, Personal communication, 31. Mai 2009)
1 Einleitung
Bevor ich mich daran machte, diese Arbeit zu schreiben, habe ich einen Zauber für akademischen Erfolg gewirkt. Ich zog einen heiligen Kreis, invozierte die vier Himmelsrichtungen und die ihnen zugehörigen Elemente, rief den Gott und die Göttin an und bat sie, meine Bücher, den Füller, den Laptop und das leere Druckerpapier zu segnen, auf das ich meine Arbeit auszudrucken gedachte, indem ich sang:
Air, whisper my books’ secrets
Fire, inspire my pen
Water, let the words flow
Earth, give my paper strength
(Luft, flüstere die Geheimnisse meiner Bücher,
Feuer, inspiriere meine Schreibfeder,
Wasser, lass die Worte fliessen,
Erde, gib meiner Arbeit Kraft.)
Dies war ein (versuchter) magischer Akt. Ich hielt ein Ritual ab, das auf einem mythologischen Weltverständnis beruhte, und ich hantierte mit Symbolen mit dem Ziel, einen Effekt in der realen Welt zu hervorzurufen. In der weltlichen Kultur ist der Glaube an Magie heutzutage selten. (Gill et al, 1998). Jedoch ist er nie ganz ausgestorben. Speziell in modernen neuheidnischen Religionen lebt er fort. (Pike, 2004). „Neuheidnisch“ ist ein Oberbegriff für ein sehr breites Spektrum von Praktiken. Diese Arbeit wird sich auf ein Set von Praxen innerhalb des breiteren neuheidnischen Spektrums konzentrieren, nämlich diese des spirituellen Feminismus bzw. des feministischen neuen Hexentums.
Das feministische Hexentum ist kein einheitlicher Satz von Glaubensinhalten und Handlungsweisen, sondern eine weltanschauliche Strömung, die multiple Traditionen beinhaltet, welche als Gemeinsamkeit eine gerechtere Gesellschaft (durch Magie) herbeiführen wollen (Klassen, 2008, S. 19), mit besonderem Augenmerk auf den Kampf gegen patriarchale Unterdrückung. (Budapest, 2007, S.1)
Auf den ersten Blick wird die Idee, dass (unechte) Magie als Widerstandsform gegen (sehr echte) patriarchale Unterdrückung wirken kann, wahrscheinlich als Aberglaube abgetan werden. In dieser Arbeit werde ich untersuchen, wie feministisches Hexentum auf diese Weise Widerstand entwickelt. Bezugnehmend auf Bourdieus symbolische Macht/Gewalt, Durkheims Texte über das Ritual und Butlers Konzept von Geschlecht als Performance, werde ich zeigen, dass Magie sehr real sein und sich auf Machtverhältnisse in der realen Welt auswirken kann.
Als Ausgangspunkt dient Chris Klassens Erklärung, was sie an den Hexen ursprünglich so faszinierte und anzog: „Als Hexe hatte man Zugang zu Mächten, die einem zehnjährigen Stadtkind und mennonitisch-christlich erzogenen Mädchen entschieden fehlten.“ (2008, S.1)
2. Die Symbole
In seinen Arbeiten entwickelte Pierre Bourdieu das Konzept der symbolischen Macht, die – auf ihrer grundlegendsten Ebene – die Wirklichkeit hauptsächlich durch symbolische Strukturen konstruiert. (Bourdieu, 1991, S. 166) Symbolische Macht ist insofern eine „weiche“ Machtausübung, dass sie keinen physischen Zwang umfasst. Symbolische Macht führt zwar zu Herrschaft, von Bourdieu als „symbolische Gewalt“ bezeichnet, jedoch ist das eine Art von Herrschaft, die nur ausgeübt werden kann, wenn die durch sie Beherrschten komplizenhaft dabei mitwirken, (Bourdieu, 1991, S. 164) denn dabei nehmen die Beherrschten die „vorherrschende Meinung“, die Weltsicht, die von den dominanten Kräften entwickelt wurde, als ihre eigene an; und damit ein Selbstbild, das von den dominierenden Mächten geformt wurde. (Krais, 1993)
Hinzu kommt, dass die Beherrschten sich innerhalb des Symbolsystems miteinander austauschen, in welchem sie unterdrückt werden, und deshalb werden die Mechanismen der symbolischen Macht verkannt und als etwas gedacht, das „angemessen“ erscheint, und damit unsichtbar (Krais, 1993). Es überrascht nicht, dass eines der Felder, die Bourdieu von symbolischer Macht durchsetzt bezeichnete, die Geschlechterstrukturen sind; in seinem Essay „La Domination Masculine“ führt er aus, dass symbolische Macht der essentielle Aspekt männlicher Dominanz ist. (1990, S.11).
In unserer Gesellschaft sind Frauen Ausgeschlossene aus den Zitadellen in welchen Gedankenfäden zu einem Netz gesponnen wurden, ein Netz in dem die Realität festgehalten wird. (Daly, 1977, S.6) Dies bedeutet, dass Frauen zusätzlich zu offensichtlicher Diskriminierung und Gewalt mit einer subtileren Form von Unterdrückung konfrontiert sind, indem sie in einer Welt leben, wo die symbolischen Bedeutungen der Dinge von Männern konstruiert worden sind, und zwar so, dass sie Frauen ihre Macht nehmen.
Aus dieser Perspektive betrachtet verlieren alltägliche, banale Interaktionen zwischen Menschen den Anschein ihrer Harmlosigkeit; sie fließen zusammen zu einem stetigen Strom symbolischer Gewaltakte, welcher Frauen immer wieder in die vorherrschende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zurückstößt, ohne dass diese Art der Gewalt als solche wahrgenommen wird (Krais, 1993).
Es ist die symbolische Natur dieser Machtausübung, die es feministischen Hexen erlaubt, dagegen zu halten und Widerstand zu entwickeln, denn Magie wirkt auf der Ebene der Symbole. Bourdieu selbst beschreibt oftmals die symbolische Macht als eine Art „sozialer Magie“, speziell dann, wenn symbolische Rituale zu realen Veränderungen führen, wie beispielsweise ein Richterspruch oder eine Eheschliessung durch eine Priester. (1991, S. 125)
(…)
Um verstehen zu können, wie feministische Hexen auf die symbolische Gewalt männlicher Herrschaft antworten, müssen wir zunächst deren Thealogie verstehen. Die bloße Verwendung des Wortes „Thealogie“ stellt schon zum Teil dar, wie spiritueller Feminismus innerhalb des Systems von Zeichen ansetzt, um die Dynamik der Macht zu verändern.
„Thea“ ist die weibliche Form von „Theo“, was „Gottheit“ bedeutet. „Thealogie“ wird statt „Theologie“ verwendet um die Bedeutung der Göttin in der feministischen Hexentradition herauszustreichen. (Klassen, 2008, S. 31). Feministische Hexentradition ist eine polytheistische Religion, die eine Göttin und auch einen Gott verehrt. Die Göttin ist nicht einfach der traditionelle Judäo-christliche Gott im weiblichen Gewand, sondern: Wenn wir uns lösen von Bildern, Konzepten und Systemen, die das Konstrukt einer männlich dominierten Theologie und ebensolcher Institutionen darstellen, gewinnen wir die Freiheit, Gott mit unseren eigenen Augen zu sehen und nicht durch die Brille, die eine Kirche sanktioniert hat. (Giles, 1982, S.3)
Und so wird die Göttin als Gegenbild zum „Vatergott“ konstruiert, der vom Patriarchat zum einen seine anhaltende Glaubwürdigkeit erhält, zum anderen mit eben dieser die Unterdrückungsmechanismen des Patriarchats angemessen und richtig erscheinen lässt, z.B. durch die symbolische Struktur. (Daly, 1977, S. 13) Wie Starhawk, die Gründerin der Reclaiming-Hexentradition (eine der wichtigsten Strömungen des feministischen Hexentums) erklärt:
..in den Bereichen, deren Wurzeln so tief liegen wie die der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, kann sich nur dann etwas verändern, wenn die Symbole und Mythen unserer Kultur selbst sich verändert haben. Das Symbol der Göttin übermittelt die spirituelle Kraft um Systeme der Unterdrückung in Frage zu stellen und neue, lebensbejahende Kulturen zu schaffen. (199, S.35)
Dies wird auf der grundlegendsten Ebene dadurch möglich, dass sich das feministische Hexentum – und damit die symbolische Macht und die religiöse Autorität, die man als aktive Praktizierende dieser Religion erhält – als offen und zugänglich für Frauen darstellt, dass es die religiöse Aktivität von Frauen ausdrücklich begrüsst. Bado-Fralick (2005, S.27) betont dies, wenn sie in „the Craft“ schreibt, es gäbe „keine schnörkelig verzierten Türen, die für Frauen verschlossen sind.“
Hinzu kommt, dass die Göttin das Weibliche in der Religion legitimiert, sogar feiert, und Frauen erlaubt, sich über einengende Rollen hinwegzusetzen, indem sie Frauen inspiriert, sich selbst als göttlich zu sehen. (Starhawk, 1999, S. 34) In anderen Worten, die Göttin ist ein Werkzeug symbolischer Macht, das dazu benutzt wird, eine zum Patriarchat oppositionelle symbolische Struktur aufzubauen. Interessant ist, dass feministische Hexentradition zum einen einen Glauben an die Göttin beinhaltet, zum anderen aber eben die Göttin als eine Form des Widerstands erst konstruiert hat.
Ende Teil I