Ein Tag für die Liebe

08. Februar 2010

Man merkt es an der zunehmenden Werbepräsenz für Schokolade und Blumen – der Valentinstag rückt näher. Aber was genau der Valentinstag eigentlich ist oder ob es wirklich nur alles eine Erfinfdung der Süßigkeitenindustrie ist, das wollen wir uns heute im Rahmen der WurzelWerk Kulturecke ansehen.

Auf der Spurensuche nach dem Ursprung dieses Festes landen wir zuallererst in Rom und nicht im dunklen Hinterzimmer der Firma eines ausgekochten Schokolatiers. Der Valentinstag hat einen vermutlichen Ursprung, um den sich allerdings wie so oft sehr viele verschiedene Geschichten ranken, die man nur begrenzt verifizieren kann. Im Römischen Reich wurde am 15. Februar ein Fest für den beginnenden Frühling und die Fruchtbarkeit gefeiert – die Lupercalien. Dieses der Göttin Lupa/Juno gewidmete Fest (oft wird auch von einer Göttin Lupercalia gesprochen, deren Existenz aber nicht belegt werden konnte) soll ein sehr sexuell zentriertes Fest gewesen sein, wie man aus Bräuchen vermutet – und immerhin ging es ja um die Fruchtbarkeit.

Der Name “Valentinstag” – ist auf den katholischen Heiligen St. Valentin zurückzuführen. Dieser Mann soll laut einer Überlieferung ein Priester aus Ternia gewesen sein und wurde am 14. Feburar als Märtyrer hingerichtet, da er versucht haben soll – trotz dem Verbot christlicher Handlungen im damaligen Römischen Reich – Pärchen zu trauen. Die Existenz dieses Heiligen ist aber noch immer ein sehr heißes Diskussionethema, auch innerhalb der katholischen Kirche. Da viele der christlichen Heiligen Revisionen heidnischer Götter sind und da auch viele christlichen Feste bewusst auf das Datum ihrer heidnischen Vorreiter gelegt wurden, ist man sich bis heute nicht einig, ob es den heiligen St.Valentin wirklich gegeben hat oder ob seine Taten, wenn er denn wirklich gelebt hat – auch die waren, die man ihm zuschreibt.

Vielleicht fühlt ihr euch ja jetzt auch dazu bemüßigt zu diskutieren – dazu steht euch natürlich wie immer die Kommentarfunktion offen. Eventuelle Ideen und Vorhaben, wie ihr den Valentinstag verbringt, sind uns auch sehr willkommen. Auf jeden Fall hoffen wir, dass euch dieser kurze Einblick in die Geschichte dieses “Feiertags” gefallen hat.

Der Moment (12)

07. Februar 2010

morgengrauen
(Bild (c) Distel)

Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
Wenn man die Männer hat weinen sehen
Und die Frauen lachen,
Soll man von dannen gehen,
Neue Städte zu bewachen.
(Klabund, 1932)

Editorial

06. Februar 2010

Well met, alle zusammen!

Obwohl die Medien gerade jetzt, wo der Taschentuchverbrauch sprunghaft ansteigt und es kaum einen Minute in den Öffis gibt in denen niemand hustet oder niest, keinerlei Aufhebens um grippale Infekte oder Grippegeplagte machen, schnupft und hustet es ganz gewaltig. Den Göttern sei Dank hält uns das nicht vom dieswöchigen Update ab…

Erstmals hier im WuWe Blog können wir Euch einen weiteren Artikel aus “Leerheit und Form”  der buddhistischen Rubrik im WurzelWerk nahe bringen. Aus der Feder von Uhanek stammt ein weiterer Teil seiner Serie “Der spirituelle Freund” (im WurzelWerk findet Ihr hier Teil I und II).

Ebenso setzt Anufa die Übersetzung der Serie “Eine Hexe mit anderem Namen” in “Noreia, die Eule” mit dem Teil III fort.

Macht es Euch gemütlich mit diesen neuen Artikeln und vielleicht lasst Ihr uns an den Gedanken, die daraus entstehen, ja mittels Kommentar teilhaben…

Bright blessings
Anufa, für´s WurzelWerk Team

Eine Hexe mit anderem Namen – Die große Debatte um Wicca versus Hexentum Teil III

06. Februar 2010

Ein schneller und offensichtlicher Beweis dafür ist, dass J. R. R. Tolkien, Autor der „Herr der Ringe“ Trilogie, das Wort „wicca“ verwendete, als er seine früheste Version des Manuskripts der „Zwei Türme“ skizzierte. Wir wissen das, weil Tolkiens Sohn Christopher den kreativen Prozess seines Vaters in zwölf Bänden der Analyse akribisch dokumentiert hat.
In Band Sieben, „Der Verrat von Isengard“ Kapitel XX, „Die Reiter von Rohan“ erwähnt Christopher in einer Fußnote, dass Tolkien offensichtlich das Wort „wicca“ benutzt, um die Charaktere Gandalf und Saruman zu identifizieren, die anderswo in der Trilogie durchgehend als „wizards“ (Zauberer) bezeichnet waren. Das Wort „wicca“ ist an den Seitenrand nahe der Szene geschrieben, in der die Identität eines mysteriösen, alten, bärtigen Wanderers durch Rohan diskutiert wird.

Tolkin schrieb diesen Entwurf 1942, zehn Jahre, bevor Gardner seine erste Abhandlung über Wica publizierte. So ist es für Gardner unmöglich Tolkiens Verwendung des Ausdrucks beeinflusst zu haben. Genauso wenig hat Tolkien Gardner beeinflusst, weil diese Kleinigkeit unveröffentlicht geblieben war.  Es gab den völlig unabhängigen Gebrauch des selben Wortes durch unterschiedliche Autoren die auf unterschiedlichen Gebieten arbeiteten, und Tolkiens Erwähnung der gebräuchlicheren Schreibweise datiert volle zehn Jahre vor Gardner.

Wenn also Wicca einfach nur eine frühere Form des Wortes „witch“ wäre und in den Jahrzehnten vor Gardner noch bestand, schaut es absolut nicht so aus, als ob Wicca und „witchcraft“ zwei unterschiedliche Dinge bezeichnet hätten. Natürlich um sie absolut deckungsgleich zu machen, sollte man die spätere und vollständige „Saxon“ Form, Wicca-craeft“ angeben.

Aber was hat das Wort „Wicca“ eigentlich bedeutet? Wie definiert man es?

Bevor wir uns zu weit ins Feld wagen wird es nötig ein paar Populäretymologien weg zu werfen, die in den letzten Jahrzehnten in der Gunst gestiegen sind.

Die erste ist, dass „wicca“ der Ursprung des modernen Wortes „wisdom“ (Weisheit) und „wise“ (weise) wäre, infolgedessen wäre „Wicce-craeft“ „Craft oft he Wise“ (Kunst/Handwerk der Weisen). Das ist ein großartiges Konzept und eines, das von vielen heute praktizierenden Hexen, die ihre Religion „Craft oft he Wise“ oder schlichtweg kurz „the Craft“ nennen, willkommen geheißen wird.
Leider kann diese Etymologie nicht weiter unterstützt werden. Trotzdem ist es einfach zu sehen, wie die Verwirrung entstanden ist, weil die zwei Konzepte sich an vielen historischen Punkten berühren. Es war viele Jahrhunderte lang eine weit verbreitete Praxis den Dorfkräuterheiler oder die Hebamme als „witch“ oder als „wise woman“ zu bezeichnen. Wie Reginald Scott in seiner „Discoverie of Witchcraft“ (herausgegeben 1584) sagt „Zu dieser Zeit ist es in der englischen Sprache gleichgültig ob man sagt „sie ist eine Hexe (witch)“ oder „sie ist eine weise Frau (wise woman)“.
Wir wissen auch, dass das männliche Äquivalent einer derartigen Person oftmals als „wizard“ bezeichnet wurde (wir erinnern uns an Tolkiens Zauberer, die auch designierte „wicca“ waren), und „wizard“ ist etymologisch mit den Worten „wisdom“ und „wise“ verbunden.
Schlussendlich erinnern wir uns daran, dass König Alfred das Wort „wiccan“ auf Leute anwandte, die für sich selbst höchstwahrscheinlich eine Variante des Wortes „Druid“, das als „oak wisdom“ (Eichenweisheit) oder „oak wise“ (Eichenweiser) übersetzt wurde, in Anspruch nahmen. So ist die Verbindung zwischen „witch“ und „wisdom“, wenn schon nicht sprachlich so eine langbestehende und sture welche.

Ein geringfügig neuerer Versuch an der Etymologie von „wicca“ bezieht sich auf ein altes Wort, das „to twist or bend“ (drehen oder beugen) bedeutete. Die Unterstützer dieser Theorie „erklärten“ sie indem sie meinte, dass Hexen Leute wären, welche die Realität drehen oder beugen würden – eine Referenz an ihre magische Arbeit. Das einzige Ding, das an dieser Erklärung hier gedreht oder gebeugt zu sein scheint, ist das dünne Haar an dem sie hängt.
Wenn also „wicca“ weder „gedreht“ noch „Weisheit“ (oder „gedrehte Weisheit“ – was ein großartiger Name für eine heidnische Rockband wäre) heißt, was heißt es dann?

Ich neige dazu, der Führung des Historikers Jeffrey Burton Russell zu folgen und verfolge das Wort „wicca“ zurück zu seiner ultimativen Wurzel im Indoeuropäischen Wurzelwort „weik“. Sprachwissenschaftler glauben heute, dass „weik“ eine Bedeutung hatte, die auf halben Wege zwischen den modernen Konzepten für „Religion“ und „Magie“ liegt.

Es könnte am besten erklärt werden indem man ein Venn-Diagramm von zwei überlappenden Kreisen zeichnet, einer „Religion“ und der andere „Magie“ genannt. „weik“ wäre dann die Bezeichnung für das Gebiet in dem sich die zwei Kreise überlagern. Und diese Bedeutung ist genau das was man logischer Weise erwarten würde. Interessanter Weise ist das einzige andere Wort, das ebenfalls zum Wort „weik“ zurück geführt werden kann, in einer modernen Hindisprache zu finden – das Wort „Veda“ ein Wort, das gebraucht wird um heilige Hindu-Schriften zu bezeichnen, einmal mehr das Unterstreichen dieser Verbindung zu religiösen Traditionen.

Ist Wicce-craeft oder Witchcraft denn nun eine Religion?

Ist jemand der designierter Wicca oder Witch ist, ein Jünger dieser Religion? Die kurze Antwort ist, dass alles davon abhängt, was man unter „Religion“ versteht.  Die Gelehrten der vergleichenden Religionswissenschaften werden mittlerweile schon wissen, wo ich damit hin will.
in unserer westlichen Kultur tendieren wir dazu Religion in sehr engen Grenzen zu betrachten. Wir setzen voraus, dass sie immer mit ganz bestimmten Fallstricken und Strukturen daher kommt und dass sie durch die Zeiten hochgradig beständig bliebe.  Wir mögen voraussetzen, dass eine Religion immer bestimmte Glaubensinhalte haben muss, dass sie heilige Schriften hat, erkennbare Geistliche, dass sie Verbindung zu einem Gott oder Göttern, einen bestimmten Satz an Ritualen, eine Hierarchie der Gläubigen hat oder eine bestimmte Garnitur an moralischen Grundsätzen favorisiert.
Überraschend, wie Reisende im Orient herausgefunden haben, brechen viele der großen Weltreligionen eine oder mehrere dieser Gesetze. Noch viel mehr machen das die Hunderten kleinerer Stammes- oder Indigenenreligionen. Einige dieser Religionen sind kaum mehr als eine lose Sammlung von Ritualen und Andachten, die sich über die Zeit dramatisch verändern. Sie sind nicht die langlebigen, gut fundierten, organisierten Religionen, die für den Westen so typisch sind. Sie könnten eher als „Volksreligion“ beschrieben werden. In diesem Sinne ist das Hexentum eine Religion, war es schon immer und wird es immer sein.

Ende Teil III

Der spirituelle Freund Teil III

06. Februar 2010

Doch nicht nur der Schüler muss lernen, den Lehrer zu prüfen, auch der Lehrer muss die Eigenschaften des Schülers prüfen. So sollte ein geeigneter Schüler u.a. folgende Eigenschaften aufweisen:

  • Entschiedenheit und stabile Intelligenz
  • Er oder sie sollte dem Meister ohne Rücksicht auf den eigenen Körper und das eigene Leben folgen
  • Der Schüler sollte all das, was ihm gesagt wird, vollständig ausführen
  • Er schützt sich nie selbst und wird sich dank der eigenen Hingabe befreien
  • Geeignet ist ferner, wer Glaube, großes Mitgefühl und Weisheit hat und ernsthaft studiert,
  • wer die Gelübde und die Samayas (d.h. die mit der tantrischen Ermächtigung übernommenen Verpflichtungen) einhält und mit Körper, Stimme und Geist bescheiden ist,
  • wer offen und großzügig ist, reine Vision und Sinn für Zurückhaltung hat,
  • wer sich bereitwillig vom Lehrer korrigieren lässt
  • wer sich frei von Stolz und Arroganz vom Lehrer anleiten lässt

Dies sind Eigenschaften, die ein Schüler unbedingt besitzen sollte. Hat er sie nicht, so sollte er mit Fleiß daran arbeiten, sie zu erlangen. Man kann es jedoch auch anders formulieren: Ein Schüler sollte von gutem Charakter sein und ein ernsthaftes Interesse an den Lehren und ihrer tatsächlichen Anwendung besitzen; er sollte fähig sein zur kritischen Selbstreflektion und zur Zusammenarbeit mit dem spirituellen Lehrer; er sollte den Lehrer respektieren und Loyalität, Vertrauen und Hingabe zu ihm entwickeln.

Umgekehrt werden für einen ungeeigneten Schüler folgende Eigenschaften aufgelistet:

  • Wer nur durch Materielles zu befriedigen ist,
  • wessen Glaube heuchlerisch ist und wandelbar wie die vier Jahreszeiten
  • Wer zuerst nicht fähig ist, den Pfad des Dharma zu betreten und danach Abneigung empfindet gegen das Studium und die Reflexion
  • Wer sich nur mit dem Leben im Augenblick beschäftigt und sich am Schluss mit schlechten Gefährten zusammentut und darauf hin nur noch üble Handlungen begeht
    • Wenn er vor dem Meister steht, möchte er fliehen
    • Wo auch immer er hingeht wird er von den eigenen negativen Handlungen bestimmt
  • Er ist wie ein Stängel des Kusha-Grases, der vom Wind hin und her geweht wird, d.h. sein Charakter ist schlecht, er ist Experte im Betrug mit heuchlerischen Worten
  • Er folgt dem Meister, als wäre dieser ein Moschushirsch, um von ihm den höchsten Dharma zu nehmen, als wäre dieser Moschus, um dann begeistert von der Jagd heimzukehren, ohne die Samayas zu beachten
  • Er hat viele Ideen, setzt sie jedoch nie in die Praxis um auf Basis der essentiellen Punkte der erhaltenen Belehrungen, sondern geht auf die Suche nach neuen Belehrungen
  • Am Ende ist er all dessen müde, er findet keine neuen (Belehrungen) mehr, die er erhalten könnte und (die wenigen, die er einmal gekannt hat), vergisst er

Hier wird eine Form von charakterloser Oberflächlichkeit umrissen, die sicherlich für weite Teile unserer heutigen Konsumgesellschaft kennzeichnend ist. „Spiritualität“ ist dabei selten mehr als einer von vielen Konsumartikeln im Dienste gewöhnlicher Selbstbespiegelung und zum Zwecke banaler Lustbefriedigung, die sich spirituell gibt, jedoch von authentischer Spiritualität nicht selten weit entfernt ist.

Dem Meister folgen und sein Wissen und Verhalten erlangen

Wie aber folgt man einem qualifizierten Meister, nachdem man ihn gefunden hat? Dazu sagt etwa Jigme Lingpa, einer der herausragendsten spirituellen Meister des 18. Jahrhunderts:

Wie ein Kranker dem Arzt und ein Reisender dem Führer,

wie ein ängstlicher Mensch der (mutigen) Eskorte folgt,

wie ein Kaufmann (auf Reisen) dem Kapitän (des Schiffes),

so wie jemand auf einem Fährschiff dem Fährmann folgt:

Wer vor den beiden Feinden Geburt und Tod und vor den Emotionen Furcht empfindet,

soll auf diese Art und Weise (dem Lehrer) folgen.

Bei Patrul Rinpoche, einem wichtigen Lehrer des 19. Jahrhunderts, heißt es über die Art und Weise, wie man den Meister erfreuen kann:

Was auch immer an materiellen Gütern ihr der vierten Kostbarkeit[1] opfert,
Oder wie ihr ihm mit Körper und Rede dient und ihn ehrt,
keine dieser Taten geht jemals verloren.
Doch die beste der drei Arten, ihm zu gefallen, ist zu praktizieren.

Patrul Rinpoche führt noch einige weitere sehr wichtige Punkte aus. So etwa über die Notwendigkeit, eine reine reine Sichtweise zu üben:

Man kann die Handlungsweise eines Lehrers nicht im Voraus festlegen. Doch wie auch immer er handelt, wir sollen dabei denken, dass er mit geschickten Mitteln handelt (um den anderen zu helfen) und nur eine reine Vision haben.

[…]Fast alle mächtigen indischen Siddhas lebten auf einer sehr niedrigen sozialen Stufe, oft waren sie Kastenlose; Saraha stellte Pfeile her, Shâvaripa war Jäger. Lasst euch deshalb niemals durch das Verhalten eures Lehrers irre machen. Übt euch darin, immer eine reine Sichtweise zu haben.[…]

Wer das nicht weiß und das Verhalten des Lehrers ständig falsch interpretiert und kritisiert, würde – so heißt es – selbst am Buddha etwas auszusetzen haben, falls er nur lange genug mit ihm zusammen sein könnte.

Hier geht es nicht darum, „das Gehirn an der Garderobe abzugeben“, sondern darum, einem Pfad konsequent zu folgen und dabei das Hindernis der narzistischen Selbstüberhöhung zu überwinden, das uns dazu verführt, Negativitäten zu suchen, mit deren Hilfe wir in einer selbstgefälligen Position verharren können, die letztlich einer authentischen Weiterentwicklung im Wege steht. Die Dharmapraxis zielt darauf, unser Bewusstsein aus seinem dualistischen Gefängnis zu befreien. Solang es sich im konditionierten Zustand befindet, unterliegt es dem Irrtum. Daher heißt es:

Ohne eure Wahrnehmung gemeistert zu haben,
Ist es ein unermesslicher Irrtum, nach Fehlern bei anderen zu suchen.

Tatsächlich hilft uns der Meister, aus dem Irrgarten all der Konzepte unseres verwirrten, von Gedanken und Emotionen konditionierten Geistes hinaus zu gelangen. Dabei sind wir jedoch nicht einfach passiv, sondern üben uns aktiv in der reinen Sichtweise und bemühen uns intensiv darin fähig zu werden, das Wissen und das Verhalten des Meisters zu erlangen. Dazu ist es notwendig, lange ernsthaft zu üben, bis in uns alle authentischen Aspekte des Zustandes des Wissens und des Verhaltens des Meisters entstanden sind. Letztlich führt uns eine solche Hingabe an den äußeren authentischen Meister hin zum inneren Meister.

Indem wir die Haltung der reinen Sichtweise üben, betrachten wir den Meister aus einer Perspektive der Nicht-Zweiheit. Der äußere Meister spiegelt das Reinste und Edelste wieder, das verborgen unter vielerlei Befleckungen in uns ruht. Sehen wir daher den Meister als den kostbaren Buddha selbst, so können wir dadurch die Verwirklichung eines Buddhas erlangen. Ein Sprichwort sagt:

Alle Handlungen basieren auf Nachahmung: Wer am besten imitiert, ist der Beste!

Den Dharma zu üben bedeutet tatsächlich, den Buddhas und Bodhisattvas der Vergangenheit, die im Wissen und Verhalten des Meisters repräsentiert sind, nachzueifern. Daher sagt Jigme Lingpa:

Jene, die den Lehrer so teuer halten wie die eigenen Augen, erhalten alle tiefgründigen Belehrungen. Es reicht nicht aus, die Belehrungen zu erhalten. Wenn wir sie nicht mit intensiver Konzentration üben und dabei alle Zerstreuung fallen lassen, werden wir den (absoluten) Zustand, der alle höchsten Eigenschaften hat, nicht erlangen.

Dharma bedeutet also nicht Theorie, sondern praktische Anwendung. Daher sagte der indische Meister Aryadeva:

Jemand, der für Millionen von Kalpas (= Weltzeitalter)
Sein Studium vervollkommnet hat,
und doch die Ermächtigungen noch immer draußen sucht,
versteht die wahre Natur nicht.

Die Meidung schlechter Gesellschaft

Das Gute entsteht, wenn man schlechte Gesellschaft meidet und vorbildhaften Gefährten folgt. Als vorbildhafte Eigenschaften gelten z.B. Intelligenz, Großzügigkeit und Mitgefühl, Vertrauen in die Drei Juwelen (d.h. der Buddha, der Erwachte, der Dharma, die in der Lehre formulierten Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten, und der Sangha, die Gemeinschaft der den Dharma praktizierenden vorbildhaften Gefährten), Aufrichtigkeit, Bildung; die Fähigkeit, Unannehmlichkeiten ertragen zu können; nicht Brahmanen und weltliche Gottheiten zu verehren; Geschicklichkeit und Bescheidenheit etc. Indem wir uns an solchen Qualitäten guter Gefährten orientieren, werden auch wir alle heilsamen Dharmas entwickeln und uns von falschen Wegen entfernen. Gute Gefährten werden uns erklären, was wir anzunehmen und ablehnen sollten. Sie sind uns auf unserem Pfad, dem Meister folgend, eine große Hilfe. Sie werden uns an all das erinnern, was wir von den Belehrungen vergessen haben.

Schlechte Gefährten hingegen werden uns in unserer Negativität bestärken. Dazu sagt Jigme Lingpa:

Auch wenn die schlechten Gefährten menschliche Körper haben, so sind sie, was ihre geistige Haltung betrifft, Asuras [d.h. aggressive und machtversessene Halbgötter]. Deshalb verhalten sie sich auf direkte oder indirekte Art und Weise immer schlecht. Mit der Absicht zu betrügen, mit dem Geist, der von negativen Handlungen beherrscht wird, verhalten sie sich im Gegensatz (zu dem Prinzip), dass wir alle negativen Handlungen zurücklassen und positive Handlungen ausführen sollten. Allein der Umgang mit solchen Gefährten lässt die negativen Handlungen anwachsen und das Heilsame abnehmen. Deshalb ist es notwendig, diese Gefährten zu verlassen. So heißt es im Text „Das Sutra der geistigen Achtsamkeit“: „Die Ursache aller Anhaftung, Ablehnung und geistiger Verdunkelung ist schlechte Gesellschaft. Diese ist wie eine giftige Pflanze.“

Das Mahaparinirvana-Sutra sagt dementsprechend:

Ein Bodhisattva muss schlechte Gesellschaft noch mehr fürchten, als beispielsweise einen verrückt gewordenen Elefanten. Der Letztere kann nur den Körper zerstören, doch die Erstere kann die makellose Reinheit des Geistes vollständig zerstören.

Auf diese Weise wird verdeutlicht, wie wichtig es für einen Praktizierenden ist, aus ganzem Herzen einem qualifizierten Lehrer zu folgen und dabei gute Gefährten zu haben. Gleichzeitig wird auch gezeigt, wie wichtig es ist, immer bewusst zu bleiben, um nicht negative Einflüsse aufzunehmen, die Hindernisse unterschiedlichster Art schaffen können.


[1] Der Lehrer als Verkörperung der Drei Juwelen wird hier als Vierte Kostbarkeit bezeichnet.