Jim Tree besucht Wien

30. August 2010

Noch einen spannenden Wien Besuch gibt es zu vermelden. Am Sonntag den 5. September wird Jim Tree auf seiner Europareise in Wien halt machen und im Seminarraum Diehlgasse eine Pfeifenzeremonie abhalten. Außerdem wird er
wie auch im letzten Jahr einen kurzen Vortrag halten – zum Thema “Restoring the sacred masculine from the Cherokee perspective“.

Wer ist Jim Tree?
Jim ist spiritueller Ratgeber der “Keepers of the sacred Tradition of Pipemakers“, einer bundesstaatlich anerkannten Native American Church mit Sitz in Pipestone, MN. Er ist Ratgeber was Native American Themen betrifft, für die Montana Youth Homes sowie dem E.T. Seton Institut und weiteren. Seit 1999 ist er verwantwortlich für die “United Nations Turtle Pipe” – die zeremonielle Pfeife welche 1978 der UN übergeben wurde – und hält damit weltweit Zeremonien im Auftrag der Native American Leadership Alliance ab. Außerdem hat Jim tree ein Buch für all jene geschrieben, die mit einer persönlichen Pfeife arbeiten – “The Way of the Sacred Pipe” – das sich unter den Besuchern der monatlich stattfindenden Pipe Ceremonies in Wien großer Beliebtheit erfreut. Eine ideale Gelegenheit also mehr über die Cherokee und ihren Weg der Pfeife zu lernen.

Der Vortrag wird natürlich in Englisch abgehalten, da Jim kein deutsch spricht, jedoch wird es die Möglichkeit einer Übersetzung geben, falls jemand diese braucht. Da der Event noch in Planung ist, können sich Details der Veranstaltung noch ändern, hier bekommt ihr jedoch weitere Informationen: www.goodmedicine.at

Wichtig zu wissen ist noch, dass ihr euch an ein Protokoll halten müsst, wenn ihr eine Pipe Ceremony besuchen wollt, um die Medicine der Pfeife nicht mit anderen zu vermischen. Dazu gehört beispielsweise die Abstinenz von Alkohol vor und nach der Zeremonie. Genauere Informationen hier.

Der Moment (38)

29. August 2010

Regen-Sonnenblume

Ich habe versucht, eine Sonnenblume im Regen zu fotografieren.
Aber sobald ich die Kamera ausgepackt hatte, hörte der Regen auf,
und die Sonnenblume war wieder eine Sonnenblume.

Bild (c) Distel

Editorial

28. August 2010

Well met, alle zusammen!

Langsam kehren auch die letzten Urlauber wieder in heimatliche Gefielde zurück und wir haben diese Woche im WurzelWerk – Blog wieder ein lesenswertes Update für Euch zusammen gestellt.

In der Rubrik “Es war einmal” beschäftigt sich Akesios mit Prometheus und Distelfliege hat für Euch einen mehrteiligen Artikel aus dem Englischen übersetzt, zum Thema “Wielding Magic, Smashing Patriarchy Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern“.

Wie immer wünsche ich Euch spannendes Lesevergnügen und uns Eure Kommentare.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk – Team

Prometheus von Akesios

28. August 2010

Es gestaltet sich als äußerst schwierig, einen kurzen Artikel über Prometheus zu schreiben, denn diese mythische Gestalt ist so vielschichtig, und die Quellen bieten teilweise kontroverse Interpretationen, dass hier nur einige wichtige Aspekte heraus gegriffen werden können. Für eine tiefer  gehende Lektüre empfehle ich das Prometheus-Buch von Karl Kerényi.

Prometheus (Vorbedacht) und sein Bruder Epimetheus (Nachbedacht) sowie zwei weitere Brüder, sind (nach Hesiod) die Söhne des Titanen Iapetos und der Klymene, einer Tochter des Okeanos. Doch obwohl Prometheus ein “Titan” ist, setzt er sich für die Menschen ein, stiehlt für sie das Feuer und handelt mit Zeus die Aufteilung der Teile beim Opfer aus. Was hat ein Titan damit zu schaffen? Warum interessiert er sich für die Menschen?

Betrachtet man die Quellen aus archaischer Zeit, vor allem Hesiods Werke, näher, findet man eine eigenartige Tatsache: die Menschen der Antike gingen ganz selbstverständlich von einer Kluft zwischen Menschen und Göttern aus – hier die sterblichen Menschen, in ihrem mühseligen, kurzen Leben verhaftet, dort die Götter, die ein seliges, unbeschwertes ewiges Dasein führen. Die Geschichte des Prometheus jedoch spielt zu einer Zeit, in der es noch gar kein eigentliches Menschengeschlecht gab (1). Diese Vorstellung eines “goldenen” Zeitalters, also einer Zeit, als sich die Weltordnung, so wie wir sie kennen, erst formen musste, ist die Ausgangsposition des Prometheus-Mythos, und die Titanen, denen Eigenschaften zugeschrieben werden, die später die Menschen haben werden, stehen mit Prometheus als Katalysator für diese Neuordnung.

Titanen sind unberechenbar, wild, rebellisch, stolz, bereit zur Gewalt, listig, und im Gegensatz zu den Olympiern “krummen Sinnes”. So sagt man. Natürlich könnte man jetzt statt “Titanen” auch das Wort “Menschen” einsetzen, auch wenn dies weder für die eine noch die andere Gruppe wirklich stimmen wird. Doch diese “Vorurteile” sind im Mythos nötig, um den Gegensatz von Titanen/Menschen und den olympischen Göttern, aber auch die Verwandtschaft vom Menschen und Titanen darzustellen. Somit wird auch klar, warum manche Quellen angeben, die Titanen hätten die Menschen erschaffen – wobei gerade die “Erschaffung” des Menschen auch ein Thema ist, das nicht (wie z.B. in der Thora) wirklich eindeutig dargestellt wird, man hat eher den Eindruck, dass es sich um die Beschreibung einander ablösender Zivilisationen handelt als die tatsächliche Gestaltung von Individuen, und dass das Vorhandensein von Menschen eher vorausgesetzt als mythologisch beschrieben wird (siehe dazu auch unten). Auch die Titanen selbst wurden teilweise als älteres Göttergeschlecht gedeutet, das von den Olympiern abgelöst wurde, was aber insofern nicht ganz stimmig ist, als einerseits einige der Titanen durchaus auch unter der Herrschaft der Olympier ihre Bedeutung  behielten (wie z.B. Themis), andererseits auch Hermes unter den Olympiern durchaus titanische Wesenszüge zeigt.

Doch zurück zu Prometheus und seinen Taten. Als wesentlichste für die griechische Religion scheint wohl die “List in Mekone” (Hes.Theog.535ff) zu sein, als Prometheus durch seine Aufteilung des Opferstiers Zeus anscheinend überlistet und somit das künftige Opferwesen definiert. Diese Geschichte beinhaltet etliche Besonderheiten.

Der Charakter des Prometheus ist für die Handlung und deren Interpretation von großer Wichtigkeit. Er ist der “Vorbedacht”, also jemand, der seine Handlungen zuerst plant, ihre Konsequenzen durchspielt und dann erst durchführt. Dies zeichnet jemanden aus, der weiß, dass   seine Handlungen durchaus extrem negative, d.h. vielleicht sogar tödliche, Auswirkungen auf ihn selbst und Andere haben können. Götter, die unsterblich sind, brauchen nicht so viel Wert auf eine entsprechende Absicherung zu legen, Menschen jedoch schon.

Die Beziehung zwischen Menschen und Göttern wird in der Szene von Mekone deutlich: Zunächst ist das Szenario ungewöhnlich. Handelnde Personen sind Götter und “Menschen” (oder sind es doch Titanen?), die “auf der Erde wandeln”. Die spätere Polarität Götter-Menschen existiert allerdings zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht, und doch ist das Ergebnis von Mekone bindend für spätere Menschengeschlechter. Denn zum Zeitpunkt der Erzählung gibt es diese Teilung natürlich. Daher ist diese Szene in religiöser Hinsicht als Rückbindung an die vorgeschichtliche Zeit, als Götter und Menschen noch nicht “geschieden” waren, besonders wichtig, denn sie zeigt, dass diese Kluft, die so selbstverständlich zum griechischen Weltbild gehörte (2), nicht von Anfang an bestand, und somit auch möglicher Weise wieder rückgängig gemacht werden kann.

Der listige Prometheus ist nun also einerseits Mittler zwischen Göttern und Menschen, andererseits auch derjenige, der sie auseinander bringt. Doch wir erfahren nicht, warum, so plötzlich setzt die Szene bei Hesiod ein. War es nur ein Wettstreit mit Zeus, also zwischen dem  “Vorbedachten” und dem “voll des ewigen Rates”. Zeus ließ sich absichtlich täuschen, er kannte ja die Absichten des Prometheus (auch wenn sie uns noch immer vor ein Rätsel stellen, wenn wir rein von der Handlung des Mythos ausgehen und nicht unterstellen, dass es sich um eine nachträgliche Legitimation des Opfers handelt), was nichts anderes bedeutet, als dass es in den kosmischen Plan, den Zeus repräsentiert, passt. So sollen also Menschen und Götter von einander getrennt leben, die einen sterblich, in Mühsal, die anderen sorglos auf dem Olymp. Das erste Opfer stellt somit den Beginn einer neuen Weltordnung dar, des antiken griechischen Weltbildes, und das klassische Opfer ist Zeichen dieser Weltordnung, es ist gleichzeitig Zeichen für den Unterschied zwischen Göttern und Menschen, und Zeichen für ihre Verbindung.

Es gibt allerdings zwei Voraussetzungen für diese Darbringung von Opfergaben. Einerseits benötigen die Menschen Vieh, das geopfert werden kann, also ist diese mythologische Szene offenbar doch schon zu einer Zeit angesiedelt, als der Mensch die Viehzucht bereits entwickelt hatte. Und andererseits, wie um diese Stufe der Kultur noch weiter zu bekräftigen, organisiert Prometheus den Menschen noch das Feuer, das  natürlich für Brandopferanlagen ebenfalls benötigt wird. Somit ist nicht nur die Tatsache, dass es Menschen gibt (ungeachtet ihrer Schöpfung oder sonstigen Entstehung!) im Mythos bereits Grund gelegt, sondern auch ihr kultureller Status angedeutet. Die Strafe des Zeus für den Feuerdiebstahl ist, dass die “erste Frau” zu den Menschen gesandt wird: Pandora, das schöne Übel. Leider ist diese Geschichte zu umfangreich und vielschichtig, um sie hier abhandeln zu können.

Dass Prometheus selbst offenbar mehr zu den Menschen also zu den Göttern zu rechnen ist (obwohl er nie als “echter” Mensch unter Menschen in Erscheinung tritt), wird nicht nur durch seinen Charakter, sondern auch dadurch bestätigt, dass er wie sie verwundet werden kann und Schmerz empfinden kann. Prometheus ist kein “Mensch gewordener Gott” wie Christus, der sich opfert, sondern nur ein Gott, der den Menschen näher steht als andere Götter, weil er als Pate an der Schwelle des Beginns der Menschheit steht und ihnen entscheidende Hilfen auf den Weg in die Kultur mit gibt.

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(1) vgl. die Geschichte am Anfang des Buches Genesis: Adam und Eva im “Garten Eden” waren ja auch noch kein Menschengeschlecht, so lange sie sich noch nicht fortgepflanzt hatten, und das taten sie erst nach ihrer Vertreibung aus dem Garten

(2) und nicht nur zum griechischen, denn auch viele andere Kulturen, so auch die jüdisch-christliche Welt geht davon aus, und wartet auf den Messias, der die beiden Sphären wieder zusammen führt

Wielding Magic, Smashing Patriarchy Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern von Jedidjah de Vries

28. August 2010

Geschrieben wurde dieser Artikel von Jedidjah de Vries und übersetzt von Distelfliege für die Rubrik “WeiberCraft”

In der High School aßen wir unter einem Baum zu Mittag, den wir den Göttinnenbaum“ nannten. (K. Murray, Personal communication, 31. Mai 2009)

1 Einleitung

Bevor ich mich daran machte, diese Arbeit zu schreiben, habe ich einen Zauber für akademischen Erfolg gewirkt. Ich zog einen heiligen Kreis, invozierte die vier Himmelsrichtungen und die ihnen zugehörigen Elemente, rief den Gott und die Göttin an und bat sie, meine Bücher, den Füller, den Laptop und das leere Druckerpapier zu segnen, auf das ich meine Arbeit auszudrucken gedachte, indem ich sang:

Air, whisper my books’ secrets

Fire, inspire my pen

Water, let the words flow

Earth, give my paper strength

(Luft, flüstere die Geheimnisse meiner Bücher,

Feuer, inspiriere meine Schreibfeder,

Wasser, lass die Worte fliessen,

Erde, gib meiner Arbeit Kraft.)

Dies war ein (versuchter) magischer Akt. Ich hielt ein Ritual ab, das auf einem mythologischen Weltverständnis beruhte, und ich hantierte mit Symbolen mit dem Ziel, einen Effekt in der realen Welt zu hervorzurufen. In der weltlichen Kultur ist der Glaube an Magie heutzutage selten. (Gill et al, 1998). Jedoch ist er nie ganz ausgestorben. Speziell in modernen neuheidnischen Religionen lebt er fort. (Pike, 2004). „Neuheidnisch“ ist ein Oberbegriff für ein sehr breites Spektrum von Praktiken. Diese Arbeit wird sich auf ein Set von Praxen innerhalb des breiteren neuheidnischen Spektrums konzentrieren, nämlich diese des spirituellen Feminismus bzw. des feministischen neuen Hexentums.

Das feministische Hexentum ist kein einheitlicher Satz von Glaubensinhalten und Handlungsweisen, sondern eine weltanschauliche Strömung, die multiple Traditionen beinhaltet, welche als Gemeinsamkeit eine gerechtere Gesellschaft (durch Magie) herbeiführen wollen (Klassen, 2008, S. 19), mit besonderem Augenmerk auf den Kampf gegen patriarchale Unterdrückung. (Budapest, 2007, S.1)

Auf den ersten Blick wird die Idee, dass (unechte) Magie als Widerstandsform gegen (sehr echte) patriarchale Unterdrückung wirken kann, wahrscheinlich als Aberglaube abgetan werden. In dieser Arbeit werde ich untersuchen, wie feministisches Hexentum auf diese Weise Widerstand entwickelt. Bezugnehmend auf Bourdieus symbolische Macht/Gewalt, Durkheims Texte über das Ritual und Butlers Konzept von Geschlecht als Performance, werde ich zeigen, dass Magie sehr real sein und sich auf Machtverhältnisse in der realen Welt auswirken kann.

Als Ausgangspunkt dient Chris Klassens Erklärung, was sie an den Hexen ursprünglich so faszinierte und anzog: „Als Hexe hatte man Zugang zu Mächten, die einem zehnjährigen Stadtkind und mennonitisch-christlich erzogenen Mädchen entschieden fehlten.“ (2008, S.1)

2. Die Symbole

In seinen Arbeiten entwickelte Pierre Bourdieu das Konzept der symbolischen Macht, die – auf ihrer grundlegendsten Ebene – die Wirklichkeit hauptsächlich durch symbolische Strukturen konstruiert. (Bourdieu, 1991, S. 166) Symbolische Macht ist insofern eine „weiche“ Machtausübung, dass sie keinen physischen Zwang umfasst. Symbolische Macht führt zwar zu Herrschaft, von Bourdieu als „symbolische Gewalt“ bezeichnet, jedoch ist das eine Art von Herrschaft, die nur ausgeübt werden kann, wenn die durch sie Beherrschten komplizenhaft dabei mitwirken, (Bourdieu, 1991, S. 164) denn dabei nehmen die Beherrschten die „vorherrschende Meinung“, die Weltsicht, die von den dominanten Kräften entwickelt wurde, als ihre eigene an; und damit ein Selbstbild, das von den dominierenden Mächten geformt wurde. (Krais, 1993)

Hinzu kommt, dass die Beherrschten sich innerhalb des Symbolsystems miteinander austauschen, in welchem sie unterdrückt werden, und deshalb werden die Mechanismen der symbolischen Macht verkannt und als etwas gedacht, das „angemessen“ erscheint, und damit unsichtbar (Krais, 1993). Es überrascht nicht, dass eines der Felder, die Bourdieu von symbolischer Macht durchsetzt bezeichnete, die Geschlechterstrukturen sind; in seinem Essay „La Domination Masculine“ führt er aus, dass symbolische Macht der essentielle Aspekt männlicher Dominanz ist. (1990, S.11).

In unserer Gesellschaft sind Frauen Ausgeschlossene aus den Zitadellen in welchen Gedankenfäden zu einem Netz gesponnen wurden, ein Netz in dem die Realität festgehalten wird. (Daly, 1977, S.6) Dies bedeutet, dass Frauen zusätzlich zu offensichtlicher Diskriminierung und Gewalt mit einer subtileren Form von Unterdrückung konfrontiert sind, indem sie in einer Welt leben, wo die symbolischen Bedeutungen der Dinge von Männern konstruiert worden sind, und zwar so, dass sie Frauen ihre Macht nehmen.

Aus dieser Perspektive betrachtet verlieren alltägliche, banale Interaktionen zwischen Menschen den Anschein ihrer Harmlosigkeit; sie fließen zusammen zu einem stetigen Strom symbolischer Gewaltakte, welcher Frauen immer wieder in die vorherrschende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zurückstößt, ohne dass diese Art der Gewalt als solche wahrgenommen wird (Krais, 1993).

Es ist die symbolische Natur dieser Machtausübung, die es feministischen Hexen erlaubt, dagegen zu halten und Widerstand zu entwickeln, denn Magie wirkt auf der Ebene der Symbole. Bourdieu selbst beschreibt oftmals die symbolische Macht als eine Art „sozialer Magie“, speziell dann, wenn symbolische Rituale zu realen Veränderungen führen, wie beispielsweise ein Richterspruch oder eine Eheschliessung durch eine Priester. (1991, S. 125)

(…)

Um verstehen zu können, wie feministische Hexen auf die symbolische Gewalt männlicher Herrschaft antworten, müssen wir zunächst deren Thealogie verstehen. Die bloße Verwendung des Wortes „Thealogie“ stellt schon zum Teil dar, wie spiritueller Feminismus innerhalb des Systems von Zeichen ansetzt, um die Dynamik der Macht zu verändern.

„Thea“ ist die weibliche Form von „Theo“, was „Gottheit“ bedeutet. „Thealogie“ wird statt „Theologie“ verwendet um die Bedeutung der Göttin in der feministischen Hexentradition herauszustreichen. (Klassen, 2008, S. 31). Feministische Hexentradition ist eine polytheistische Religion, die eine Göttin und auch einen Gott verehrt. Die Göttin ist nicht einfach der traditionelle Judäo-christliche Gott im weiblichen Gewand, sondern: Wenn wir uns lösen von Bildern, Konzepten und Systemen, die das Konstrukt einer männlich dominierten Theologie und ebensolcher Institutionen darstellen, gewinnen wir die Freiheit, Gott mit unseren eigenen Augen zu sehen und nicht durch die Brille, die eine Kirche sanktioniert hat. (Giles, 1982, S.3)

Und so wird die Göttin als Gegenbild zum „Vatergott“ konstruiert, der vom Patriarchat zum einen seine anhaltende Glaubwürdigkeit erhält, zum anderen mit eben dieser die Unterdrückungsmechanismen des Patriarchats angemessen und richtig erscheinen lässt, z.B. durch die symbolische Struktur. (Daly, 1977, S. 13) Wie Starhawk, die Gründerin der Reclaiming-Hexentradition (eine der wichtigsten Strömungen des feministischen Hexentums) erklärt:

..in den Bereichen, deren Wurzeln so tief liegen wie die der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, kann sich nur dann etwas verändern, wenn die Symbole und Mythen unserer Kultur selbst sich verändert haben. Das Symbol der Göttin übermittelt die spirituelle Kraft um Systeme der Unterdrückung in Frage zu stellen und neue, lebensbejahende Kulturen zu schaffen. (199, S.35)

Dies wird auf der grundlegendsten Ebene dadurch möglich, dass sich das feministische Hexentum – und damit die symbolische Macht und die religiöse Autorität, die man als aktive Praktizierende dieser Religion erhält – als offen und zugänglich für Frauen darstellt, dass es die religiöse Aktivität von Frauen ausdrücklich begrüsst. Bado-Fralick (2005, S.27) betont dies, wenn sie in „the Craft“ schreibt, es gäbe „keine schnörkelig verzierten Türen, die für Frauen verschlossen sind.“

Hinzu kommt, dass die Göttin das Weibliche in der Religion legitimiert, sogar feiert, und Frauen erlaubt, sich über einengende Rollen hinwegzusetzen, indem sie Frauen inspiriert, sich selbst als göttlich zu sehen. (Starhawk, 1999, S. 34) In anderen Worten, die Göttin ist ein Werkzeug symbolischer Macht, das dazu benutzt wird, eine zum Patriarchat oppositionelle symbolische Struktur aufzubauen. Interessant ist, dass feministische Hexentradition zum einen einen Glauben an die Göttin beinhaltet, zum anderen aber eben die Göttin als eine Form des Widerstands erst konstruiert hat.
Ende Teil I