Esoterische Physiologie
Nachdem ich einen Überblick über die esoterische Anatomie gegeben und einen Bezug zu C.G. Jungs Tiefenpsychologie hergestellt habe, auch wenn ich dabei nur an der Oberfläche kratzen konnte, nachdem ich bislang schon etwas über das Woher und über das Wie gesagt habe, möchte ich mich nun an das Wohin heranwagen und sogar ein bisschen etwas über das Warum sagen. Hierzu möchte ich zunächst einen kleinen Überblick über die so genannte esoterische Physiologie geben.
Wir haben gesehen, um es noch einmal knapp zusammenzufassen, dass zu jeder Evolutions- (besser Involutions-) stuf ein Körper gehört (emotionaler, mentaler und spiritueller Körper), dem wiederum eine unsere „inneren Schichten“ zugeordnet ist (Persönlichkeit, Individualität und Geist bzw. in Jungs Klassifikationsschema Bewusstsein plus persönliches Unbewusstes, kollektives Unbewusstes und jener Bereich des Unbewussten, der nie bewusst gemacht werden kann).
„Die Persönlichkeit ist das Vehikel einer Inkarnation“. Dieser Satz stammt von Charles Fielding [i].
In dieser prägnanten Formulierung ist genau das enthalten, was ich schon bei der Erörterung der wissenschaftlichen Betrachtungsweise darzustellen versucht habe: unsere Persönlichkeit hält mittelbaren Kontakt zu dem, was wir die Außenwelt, die äußere Welt, die reale Welt usw. nennen; das Mittel hierfür sind unsere fünf Sinne. Mittels unserer Persönlichkeit und unserer Sinneswahrnehmungen sammeln wir im Laufe einer Inkarnation Eindrücke und Erfahrungen in der materiellen Welt. Die Inkarnationen des Einen Geistes – des Alleseinen – müssen Erkenntnisse in der materiellen Welt sammeln und reinkarnieren immer wieder bis in summa alles über die jeweilige Welt gewusst wird was über diese gewusst werden kann. Sie setzen damit den Versuch des Mysteriums, (Selbst-) Erkenntnis zu erlangen fort – wie oben so unten.
Und wieder Charles Fielding: „Die Individualität ist das Vehikel der Evolution“ [ii].
Die Individualität steht auf der nächst höheren Ebene bzw. aus der Sicht der Psychologie und der okkulten Anatomie auf der nächst inneren Ebene; sie stellt eine Differenzierung des kollektiven Unbewussten dar, unter evolutionären Gesichtspunkten ebenso wie aus kabbalistischer Sicht (siehe die vorangegangene Betrachtung der okkulten Anatomie). Während die Persönlichkeit am Ende eines irdischen Lebens erlischt, besteht die Individualität fort. Sie steuert gewissermaßen die Persönlichkeiten (der jeweiligen Inkarnationen) und sammelt die Eindrücke ein, die die jeweiligen Persönlichkeiten gewonnen haben, die Erfahrungen, die sie gemacht haben und das Wissen, das sie erworben haben, wenn sie mit dem Eintreten des physischen Todes jeweils erlöschen und fügt diese dem gemeinsamen Pool, nämlich dem kollektiven Unbewussten hinzu. Die Persönlichkeit umfasst somit die Erfahrungen eines Lebens. Mit fortschreitender Evolution wird die Individualität zusehends immer „bessere“ Persönlichkeiten hervorbringen. Mit „besser“ meine ich vor allem, dass sie sich der Welt und ihrer Aufgaben in der Welt immer bewusster werden, immer mehr ursprünglich Jenseitiges in einem kumulativen Prozess zu Diesseitigem transzendieren können und sich zusehends der Erkenntnis bzw. der Erfahrung der „vollen Eigentlichkeit“ des menschlichen Seins annähern. „Volle Eigentlichkeit“ zu erreichen bedeutet auch, die Gesetze des Kosmos zu transzendieren, indem wir die Gesetze zum Bestandteil unseres Wesens werden lassen, indem wir sozusagen zum Gesetz und damit zu spirituellen Wesen oder, wenn man so will, zu Göttern werden.
Aber auch die Individualität ist weder unabhängig noch währt sie ewig. Sie wird vom Geist gesteuert. Nur er ist ewig. Zwischen Geist und Individualität besteht ungefähr dasselbe Verhältnis wie zwischen Individualität und Persönlichkeit. Die Individualität ist das Vehikel des Geistes. Während jedoch die Persönlichkeit als Vehikel der Individualität auf die Aktionen der materiellen Welt reagiert, reagiert die Individualität auf die Aktionen der höheren Ebenen, welche eigentlich nicht-materieller Natur sind; „eigentlich“ deshalb, weil dieser Satz nur dann stimmt, wenn man die feinstoffliche Ebene zu den nicht-materiellen Ebenen zählt, was ich bei der Erörterung der Involution aus kabbalistischer Sicht absichtlich nicht getan habe. Wenn ich an dieser Stelle von der materiellen Welt spreche, meine ich jedenfalls nicht alleine die Welt der „dichten Materie“ (Malkuth; Erde), sondern auch den unteren Bereich der feinstofflichen (astralen) Welt (Jesod; Mond), denn wie ich bei der Erörterung der esoterischen Anatomie bereits erwähnt habe, umfasst die Persönlichkeit auch das persönliche Unbewusste und erstreckt sich somit im Baum des Lebens mindestens bis Jesod und je nach Sichtweise müssen auch noch Netzach (Venus) und Hod (Merkur) dazugezählt werden.
Um sich dem Zustand der Vollkommenheit zumindest iterativ annähern zu können, muss die Evolution auf jeder Stufe Körper hervorbringen, die auf dieser Stufe als Vehikel dienen, um die Welt auf dieser Ebene wahrnehmen und erfahren zu können. Zwangsläufig gehören dazu auch Tod und Wiedergeburt; einmal natürlich, weil Körper aus dem selben Stoff gemacht sind wie die Welt, in der sie als Vehikel agieren und somit einem natürlichen Verschleiß unterliegen; zum anderen, weil ein Iterationsprozess nur durch ständige Erneuerung in Gang gehalten werden kann. Somit sind Tod und Reinkarnation eine evolutionäre Notwendigkeit.
Wenn die Evolution den Zustand der in diesem Zyklus möglichen höchsten Vollkommenheit erreicht hat – die Physiker würden sagen, wenn die Welt den Zustand maximaler Entropie erreicht hat, was wiederum dem Zustand größtmöglicher Unordnung entspricht (und das ist kein Widerspruch zur höchsten Vollkommenheit) – hat sich alle Individualität aufgelöst; sie verschwindet. Sie löst sich im Geist auf, wobei dieser die Quintessenz ihrer Erfahrungen aufnimmt. Die akkumulierten Erfahrungen und das akkumulierte Wissen der unteren Ebenen sind auf den höheren, nicht-materiellen Ebenen angekommen.
Mit der Rückkehr zum Ursprung (die Wiedervereinigung mit unserem Ursprung ist die spirituelle Erfahrung, die der Sephirah Kether zugeordnet wird), verschwindet die Illusion von Subjekt versus Objekt, von Ich versus Nicht-Ich; Gott und Göttin sind wiedervereinigt, der Kreis hat sich geschlossen. Der Omega-Punkt ist der Alpha-Punkt. „Ich bin das Alpha und das Omega“. [iii] [iv]
Mit dem nächsten Zyklus – so darf man zumindest spekulieren – entwickelt sich eine neue, nicht vollkommene, aber der Vollkommenheit ein Stücken näher kommende Individualität … und der Zyklus wird vielleicht solange durchlaufen werden bis sukzessive allerhöchste, nicht mehr zu übertreffende Vollkommenheit erreicht ist – wie auch immer das aussehen mag. Oder der Zyklus wird eben ad Infinitum durchlaufen, weil die Regression nie endet, da (allerhöchste) Vollkommenheit nie erreicht werden kann.
Zurück zum Kreis des Seins
Betrachten wir nun den Kreis des Seins erneut, diesmal versehen mit einigen Erkenntnissen, die wir aus dem „Großen Zyklus“ und unserer Betrachtung der okkulten Anatomie und Physiologie gewonnen haben.

Abbildung 11: Kreis des Seins – Rad des Bewusstseins –– reloaded
Außen und Innen sind nun vertauscht. Die Verhältnisse erscheinen gegenüber Abbildung 2 und Abbildung 3 gespiegelt. Der äußere Kreis, genauer die Kreislinie oder der Kreisumfang, stellt jetzt die Welt und den Körper im Zustand des Tiefschlafs, wenn nicht gar des Todseins dar, wobei jetzt der spirituelle Tiefschlaf und das spirituelle Todsein gemeint sind. In diesem Zustand nehmen wir uns körperlich und die Welt als Sammelsurium von Erscheinungen wahr. Wie nehmen uns als separate Individuen wahr, die in dieser Welt agieren und mit ihr interagieren, aber dennoch von ihr getrennt sind. Es ist die Welt der Individuen, der Erscheinungen und der Dualität. In unserem spirituellen Schlaf träumen wir als separate individuelle Träumer den gemeinsamen Traum, den wir Welt nennen; d.h. auf dem äußeren Kreis tummeln wir uns als Individuen in einer Welt der Erscheinungen, die wir gemeinsam träumen.
Zwischen äußerem und innerem Kreis, zwischen Welt und „reinem Bewusstsein“, befindet sich die Psyche, unsere Innenwelt. Sie stellt die Verbindung zwischen „reinem Bewusstsein“ und der Welt dar; der ihr zugeordnete Pfeil hat daher zwei Spitzen.
Der innere Kreis stellt in dieser Sichtweise den Zustand des Wachseins dar, wobei jetzt aber nicht das physische sondern das spirituelle Wachsein gemeint ist. Er repräsentiert unsere „essentielle Identität“, unser „reines Bewusstsein“. Dieses ist der Erfahrende, und der ständige Fluss der Erfahrungen, den der Erfahrende wahrnimmt, ist unsere Psyche. Unser „reines Bewusstsein“ ist sich des Stroms der Erfahrungen bewusst; ist sich der Psyche bewusst. Die Psyche ist die Gesamtheit aller unserer Erfahrungen und diese Gesamtheit beinhaltet auch die körperlichen Erfahrungen. In diesem Sinne ist nicht die Psyche im Körper enthalten sondern der Körper in der Psyche, eine Betrachtungsweise, die schon Plotinus [v] geläufig war. Aufgrund der Empfindungen unserer fünf Sinne, also unserer Sinnerwahrnehmungen, glauben wir gemeinhin, unser Körper nehme die „objektive Welt“ wahr. Empfindungen jedoch sind subjektive Ereignisse, die in unserer Psyche stattfinden. Wer weiß schon, ob ein anderer das, was er selbst als „rot“ empfindet, genauso empfindet, selbst dann wenn der andere es ebenfalls als „rot“ bezeichnet! Und das ist so, weil Sinnerwahrnehmungen in der Psyche stattfinden und niemand einen direkten Zugang zur Psyche des anderen hat.
Somit können wir sagen: Vom inneren Standpunkt aus betrachtet, sprich vom Mittelpunkt des Kreises ausgehend nach Außen schauend, sind wir reines die Psyche erfahrendes Bewusstsein, wobei letztere auf dem Kreisumfang den Körper in Form von Sinneswahrnehmungen beinhaltet. Als dieser Psyche-Körper [engl. body-mind] erscheinen wir, reines Bewusstsein SIND wir.
[i] Ch. Fielding, die Praktische Kabbala, S. 108
[ii] Ch. Fielding, die Praktische Kabbala, S. 108
[iii]Die Offenbarung des Johannes (auch Apokalypse des Johannes und Johannes-Apokalypse genannt), 1:8. Das Zitat findet sich an zwei weiteren Stellen in diesem Text, nämlich :11 und 22:13 sowie im Alten Testament (Jesaja 44:6).
[iv] Übrigens lassen sich auch sukkzessive Big Bang – Big Crunch Zyklen des materiellen Universums mathematisch so beschreiben, dass Anfangspunkt (Big Bang) und Endpunkt (Big Crunch) zusammenfallen und nahtlos ineinander übergehen. Big Crunch ist dabei das Pendant zu Big Bang. Man kann nicht ausschließen, dass die momentane Expansion des Universums sich stetig verlangsamt, irgendwann zum Stillstand kommt und dann wieder in eine Kontraktion übergeht. Das kann man sich dann so ähnlich vorstellen wie wenn man auf einer Kugel vom Äquator ausgehend (in dieser Analogiebetrachtung das pulsierende Universum im Zustand seiner maximalen Ausdehnung) entlang eines Längenkreises zum Nordpol läuft. Diese Wanderung entspricht dem Schrumpfen, der Kontraktion des Universums. Am Nordpol geht dieser Crunch in den nächsten Bang über, denn wenn man den Nordpol überschreitet („Nordpol“ bedeutet in dieser Analogie: das Universum hat sich zu einem Punkt zusammengezogen) bewegt man sich wieder Richtung Äquator, also Richtung erneuter maximaler Ausdehnung, entsprechend der erneuten Expansion im nächsten Zyklus des Universums.
[v] Plotinus (204 – 270) war ein griechischer Philosoph und gilt als der Begründer des so genannten Neoplatonismus. Sein metaphysisches System hatte großen Einfluss auf die Gnostik heidnischer wie auch frühchristlicher Prägung.