Editorial

28. Mai 2016

Well met, alle zusammen!

So schnell kann´s Sommer sein … und alles im Garten explodiert (und runderum ist oder war es auch ziemlich explosiv, zumindest bei uns in Österreich und politisch betrachtet)

Grünexplosion im Drachengarten

Grünexplosion im Drachengarten

In unserem heutigen Update gibt´s den Teil II von Uwes „Ich-Sucht und -anhaftung“, das gerade für Nicht-Buddhisten von großem Interesse sein dürfte. Natürlich freuen wir uns gerade bei solchen Artikeln immer über Euer Feedback – sowohl von berufenem Blickwinkel als auch vom Außenstehenden.
Den zweiten Artikel hat uns Eibensang zur Verfügung gestellt. Er stellt eine – gerade in der heutigen Zeit – wichtige Frage „Wo gehörst Du hin?

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns Eure Kommentare oder sogar den einen oder anderen Artikel aus GastAutoren-Fingerspitzen …
Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Wo gehörst du hin? – Teil I, geschrieben von Eibensang

28. Mai 2016

Wer Heidentum für „unpolitisch“ hält, braucht sich mit (zum Beispiel) Astrologie, Orakeln gleich welcher Art und erst recht so Sachen wie sympathetischer Magie oder ähnlichem gar nicht erst abzugeben.

Denn wenn die Sterne Einfluss auf unser Geschick nehmen, Gottheiten verschiedenster Herkunft und Ausformung uns persönliche Zeichen geben und sich sogar zu Handlungen durch menschengemachte Rituale bewegen lassen – wieso sollte dann ausgerechnet das, was wir im Alltag tun oder lassen, überhaupt keine Wirkung haben auf unsere Umgebung und (in letztlicher Folge und deren Nachfolgeereignisanstößen auf) den Rest der Welt? Wieso hat ein „rückläufiger Merkur“, eine aufrechte oder gestürzte Rune oder welche Göttin auch immer irgendeine (zumindest gefühlte) Relevanz in unserem Gemüt – aber all das, was wir sonst so meinen, denken und tun, angeblich keine? Ein Essay für das Einnehmen von Haltung: dafür einzustehen, was wir bewirken, was wir auslösen, was wir ermöglichen oder verhindern – das eine durch unsere Taten, das andere durch deren Ausbleiben.

Wo gehörst du hin?

Neulich in den Social Media: In einem Thread zum Tagesgeschehen kam die Kornblume Norbert Hofers zur Sprache. Hofer (FPÖ) war gerade aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat Österreichs (der erst eine Stichwahl später knapp unterliegen sollte) – und sein Ansteckerchen am Revers war bereits unter den Nazis des 20. Jh. (vor dem „Anschluss“ Österreichs ans „Großdeutsche Reich“) heimliches bis unheimliches Erkennungszeichen einer entsprechenden Gesinnung gewesen. Entsprechend besorgt und bewegt kommentierte das auch die Mehrzahl der online diskutierenden Gemüter (viele aus Deutschland). Ein Beitrag jedoch stach in merkwürdiger Weise hervor, er erklärte den Gedankenaustausch zu diesem Thema nämlich indirekt für überflüssig. Eine (mir flüchtig bekannte) bekennende Heidin lehnte jegliche inhaltliche Interpretation solch fragwürdiger Symbolik ab: Für sie sei eine Kornblume einfach nur ein „schönes Gewächs“ und mehr brauche, so ihr Begehr, dahinter nicht gesehen zu werden. Das sei, so holte sie weiträumig aus, das Gleiche „wie mit dem Hakenkreuz“, das als Swastika bis heute in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Indien, ein uraltes religiöses Symbol und dort auch ganz friedlich „nach wie vor verbreitet“ sei, ohne „gleich“ mit Nazis und Völkermord (dessen Erwähnung hier von mir) in Verbindung gebracht werden zu müssen.

Ich war in Versuchung, zu fragen, ob sie dann auch bei Rot über die Straße gehe (oder dies anderen, zum Beispiel Kindern, empfehle), weil Rot doch eine schöne Farbe sei und nicht immer und überall „gleich“ die Bedeutung von „Stopp, Gefahr, Autoverkehr“ haben müsse… ließ das aber bleiben, als ich sah, dass die anderen Diskutierenden den einsamen Aufruf zur Ignoranz nicht weiter beachteten, sondern unbeirrt beim Thema blieben – so weit, so hoffnungsvoll. Aber der Einwurf machte mich schon nachdenklich: hinsichtlich seiner möglichen Absicht – die mir allerdings ein Rätsel blieb. Wieso stört sich ausgerechnet eine bekennende Heidin daran, dass über Bedeutung von Symbolik diskutiert wird und in diesem Zusammenhang ein Symbol, das Erkennungszeichen erklärter Menschenverächter, Tyrannenfans und späterer Völkermörder war, auch heute noch – und gerade wieder – Besorgnis erregt? Zumal, wenn dem erwähnten prominenten Träger auch anderweitig ein eher zwiespältiges Verhältnis zum demokratischen Wertegefüge nachgesagt werden darf, nein: muss!

Wo gehörst du hin?

Ich fragte nicht extra nach, vor allem, um das Niveau besagten Threads nicht in die Niederung zu drücken, warum und weshalb fragwürdige Symbolik überhaupt diskutiert werden sollte. Aber ich nehme den kleinen Vorfall hier zum Anlass, allgemein die Frage zu stellen: Was soll das? Denn gerade unter Heiden begegnet mir die nämliche Haltung (die genau genommen einen Mangel an Haltung erkennen lässt) zu oft. Die allermeisten Heiden bekennen sich zu einer persönlichen Ahnentradition, legen Wert auf profunde Detailkenntnis meist weit zurückliegender historischer Epochen und sind zudem magiegläubig, das heißt, sie glauben an Verbundenheiten und Zusammenhänge über rational erklärbare Kausalketten hinaus – das häufige Zitat, dass „alles mit allem“ zusammenhänge, darf Bände sprechen für Mehrheiten der Szene. Doch dieselben AhnenverehrerInnen, die so genau Bescheid wissen über Einzelheiten mittelalterlicher Tracht und Bräuche, ignorieren allzugern maßgebliche Geschehnisse der letzten zwei Jahrhunderte. Die behandeln sie am liebsten gar nicht oder als würde damit etwas (offenbar doch Störendes) aufgebauscht und ärgerlicherweise immer wieder erwähnt – das sie dann oft mit geradezu angeekeltem Widerwillen abzuschütteln bestrebt sind: wohlgemerkt nicht das historische Geschehen oder den Ungeist, der da wütete, sondern die Auseinandersetzung mit beider Folgen.

Als Heiden ignorieren sie meist noch viel mehr, nämlich die Tatsache, dass geschätzte 99,9 Prozent ihrer Vorfahren die letzten anderthalb Jahrtausende lang mehr oder minder fromme Christen gewesen sein dürften… (Religionsfreiheit, die Wahl des persönlichen Glaubens, ist nämlich eine Errungenschaft erst der Aufklärung und ihrer Folgeereignisse – und bis heute ausschließlich in demokratischen Systemen zu finden und nur dort gefahrlos praktizierbar. Zu Beltane nicht bürofrei zu kriegen, mag ärgerlich sein, das Verehren x-beliebiger Gottheiten ruft aber hierzulande weder Inquisition noch Polizei auf den Plan – und bis jetzt bürgerseidank keine Bürgerwehr. Wer es nicht erträgt, belächelt zu werden, hat vielleicht ein Problem mit dem Selbstbewusstsein, kriegt aber keines mit der Freiheit, weiterzumachen wie’s beliebt.) Wobei ich mich frage, ob diese vielen christlichen Ahnen nicht irgendwann ein bissi sauer reagieren könnten auf eine angebliche Ahnenverehrung, die so viele Generationen nonchalant übergeht und stattdessen (fast immer nur) eine Altvorderenzeit favorisiert, über deren vorchristliche Kultbräuche so gut wie nichts bekannt ist, während sich die letzten Wurzelfasern selbst ältester und gepflegtester Stammbäume und Verwandtschafts-Ahnungen doch bereits spätestens einige Jahrhunderte rücklings im streng christlichen Irgendwo verloren haben dürften… Andererseits ist das nicht mein Problem und wäre ein Extra-Thema.

Was aber ein Problem ist, das über unsere heidenszenische(n) Blubberblase(n) weit hinausreicht, sind die Autoritätsgläubigen in ganz Europa: Geschürte Angst treibt sie auf die Straße – und in den Wahlkabinen dazu, populistische Pappnasen mit Einweg-Ideen in Parlamente zu hieven, die dort nichts verloren haben dürften, weil sie den Parlamentarismus, die Konsens- oder Kompromissfindung über Streitgespräche bürgerlich Gleichberechtigter, schlicht abschaffen wollen – die einen mehr, die anderen schon sehr viel weniger verhohlen. Noch sind sie (in Österreich und Deutschland wenigstens) Minderheiten – aber, obwohl demokratisch gewählt, keine demokratischen.

In Talk Shows und auf anderen öffentlichen Plattformen geben ihre AushängekrakeelerInnen längst den Ton an, die Tonart vor: Blitzlichtbeknattert, gefilmt und zigfach zitiert, verbreitet und in höchster Breitenwirkung beachtet, beklagen die als „Tabubrecher“ („…das wird man doch wohl noch sagen dürfen…“) Gefeierten, dass „man“ bestimmte Sachen „nicht mehr sagen“ dürfe. Unentwegt zählen sie alles das auf, was angeblich „nicht mehr“ gesagt werden darf. Sie und wir können all das überall nachlesen und angucken, wie sie es aussprechen. Sie sind als Lieblingsböcke geladen, wo und wann immer über Gärtnerei „diskutiert“ wird – oft sogar ziemlich ausschließlich: ohne relevante oder kompetente Gegenstimmen. Es ist ja soviel interessanter geworden, was solche Böcke übers Gärtnern zu sagen haben, als irgendwelche „Linksgrünversifften“, die sich fürs Blühen und Gedeihen von Gewächsen interessieren und das womöglich sogar studiert haben. Und so erklären die Böcke munter, was alles Unkraut und endlich auszureißen sei. Und die emsig Jätenden in den Gärten spüren ihre schmerzenden Rücken und – stimmen zu (vor allem die Unterbezahlten): Ja, warum nicht einfach weg mit der blöden Herumpflanzerei, Heger- und Blumengießerei? Wird Zeit, dass da eine starke Hand durchgreift!

Was sie aber als „Zensur“ empfinden, ist jeglicher Widerspruch. Sie kämpfen dafür, sich keine Widerworte mehr anhören zu müssen. Mit Meinungsfreiheit meinen sie ausschließlich ihre eigene. Das entspricht, genau genommen und nur ein klein wenig weitergedacht, einer Demokratie, in der nur noch eine einzige Stimme zählt: die verordnete. Ein solches System müsste sich dann in der Tat eine Diktatur heißen lassen. Die Denkweise ist nicht nur AntidemokratInnen zu eigen. „Alternativlos“ ist das Ende jeglicher Wahlmöglichkeiten. Die deutsche Kanzlerin mag dieses Unwort zu widerwärtiger Hoffährtigkeit popularisiert haben – eine „Diktatur“ mag ihr daraus aber nur ebenso nachsagbar sein wie mir die Weltherrschaft. Denn wir beide, Merkel und ich, ernten immer noch eines gemeinsam: Widerspruch. Wer akademisiert sich so lächerlich, den Nachweis zu bemühen, wer von beiden – eine Bundeskanzlerin und ein freischaffender Künstler – mehr Gegenwind erführe? Dies ist keine Gehaltsfrage. Auch keine des persönlichen Bekanntheitsgrades oder messbarer Einzelwirkung. Im Weltgeschehen geht es, ungeachtet heroisierender Geschichtsschreibungen, nicht um Personen. Es geht um Bewegungen. Und da gewinnt – langfristig, wie ich meine – meine: deren geringster Teil ich sein mag – aber ich befördere sie mit allem, was ich bin und habe und tue. Ja, Freunde: Es zählt Haltung. Meine verschafft mir Ahnen-Verbündete, von denen der ganze kleingeistige – und geistfeindliche – Kapitalismus keine Ahnung hat. Ich bin ein Schürer des Feuers von Itchatchilatlan, ein Diener des Grauen Wanderers, ein Liebling der Großen Sau… und noch viel lustigerer Gestalten. Ich nenne mich Ásatrú, auch wenn – oder weil! – die Dynamik, die sich daraus ergibt, für meinen Teil schon lange nicht mehr ausschließlich zwischen die Buchdeckel einer Edda passt. Ich hatte es noch nie mit Buchreligionen – und lasse mir auch aus den besten Büchern keine machen. Dafür ist meine Fantasie zu stürmisch – und mein Lebenswille zu gestaltungswütig. Mit mir kommen die wirkmächtigsten Großen, die je zwischen Feuer und Eis ihre Hämmer warfen – Thor küsst Crazy Horse… mit solidarischem Gruß… und die göttliche Stute Loki gebiert ein neues Fohlen. Vielleicht ist es sechzehnbeinig, diesmal? Warum die Globalisierung denen überlassen, die sich nur persönlich bereichern wollen? Wir sind viele, wir sind viel mehr, wir haben die stärkeren – und weitaus älteren – Wurzeln. Die unseres Geistes, unserer Herzen, unserer Leidenschaft!

Wer Deutschland von einer „Merkel-Diktatur“ unterjocht wähnt, (hat nicht nur vergessen, dass Regierungen selbst in angegriffenen, ausgehöhlten und erodierenden sprich gefährdeten Demokratien immer noch abwählbar sind oder wären, sondern…) fühlt sich wahrscheinlich auch von mir Linksgrünversifftem, obwohl ich weder links noch grün bin, sondern nur blond und zornig, meinungszensiert. Denn ich widerspreche, tanze, singe, tobe – und argumentiere. Und weder gedruckte noch ungeschriebene Gesetze halten mich auf dabei. Ihr werdet, so meine Götter genehmigen, weiter mit mir leben müssen… und selbst, wenn ich gleich stürbe, mit meinen Folgen, Kurzatmige! Dies ist eine Drohung – und ein Versprechen. In aller Göttinnen und Götter Namen. Zurück zur Eingangsfrage. Sie ist nur sinnvoll auf Augenhöhe. Daher zielt sie auf Kopf und Rückgrat – und damit aufs Herz. Nicht auf den Fußboden …und schon gar nicht auf das Blut, das ihn besudelt. Meins ist rot – und deins? Wie blutest du? Was lässt dein Herz bluten, was hoffen?

Ende Teil I

Ich-Sucht und -anhaftung – Teil II, geschrieben von Uwe Spille

28. Mai 2016

Ich – Bloß relativ

Wollen wir dieses Ich einmal ein wenig „auseinandernehmen“.
Auf der einfachsten Ebene kann man dieses Ich auch das „bloße Ich“ nennen. Dieses bloße Ich wird benötigt, um zu agieren, zu kommunizieren, um überhaupt etwas zu tun. Ziel einer Meditation auf das „Ich“ könnte es nun sein, dieses „bloße Ich“ klar definiert hervortreten zu lassen. Allerdings ohne seine „neurotischen“ Komponenten.
Es folgt nun ein zugegebenermaßen unzulängliches Beispiel für dieses bloße ich und seine neurotischen Anteile:

Das bloße Ich könnte man mit dem eigenen Gesicht vergleichen. Dieses ist zusammengesetzt aus verschiedenen voneinander abhängigen Teilen wie Haut, Mund, Augen, Nase, Ohren. Mit diesem Gesicht kann man die Welt wahrnehmen.
Dieses Gesicht, das „bloße Ich“, ist so gesehen tatsächlich nicht das Problem, um das es aus buddhistischer Sicht geht. Denn um in dieser relativen Welt überhaupt zu existieren und zu agieren braucht es ein Gesicht, braucht es dieses bloße Ich. Solange das Gesicht nicht in einen Spiegel schaut ist alles okay.

Doch sobald dies geschieht, ist es vorbei mit dem „Nur-Gesicht“. Dann kommt es zu: „Oh. Das ist mein Gesicht“, die erste Stufe der Verwirrung. Sie verfestigt sich mit „Was für ein schönes/hässliches Gesicht“. Wird endgültig steif mit „Mein schönes/hässliches Gesicht“. Neurotisch wird es mit „Ich sollte mit meinem schönen Gesicht Fotomodell werden/zum Chirurgen gehen“. Wahnhaft mit „Mein schönes/hässliches Gesicht ist schöner/hässlicher als das von anderen“. Völlig verwirrt durch „Warum sehen die anderen nicht mein schönes/hässliches Gesicht“.
Doch genauso wie ein Gesicht nur eine bedingt abhängiges Zusammenkommen von Haut, Mund, Augen, Nase, Ohren ist und beileibe nicht dauerhaft, unabhängig oder gar aus sich selbst existierend ist auch dieses „bloße Ich“ nicht mehr als etwas Zusammengesetztes.

Statt von Haut, Mund, Augen, Nase und Ohren beim Gesicht sprechen wir im Zusammenhang mit dem „bloßen Ich“ von Form, Gefühl, Unterscheidung, Gewohnheitsmustern (auch karmischen Wirkkräften) und Bewusstsein. Diese fünf Komponenten führen zum Erleben eines eigenständig, unabhängig, dauerhaft erlebten „Ich“, „Selbst“, „Person“.
Und können gut betrachtet werden als ebenfalls bedingt-abhängige Komponenten ohne jede Eigennatur.

Absolut kein Ich

Dieses „Ich“, das wir alle erfahren, ist etwas bedingt-abhängig Existentes. Da ist zum einen „Form“, die materielle Erscheinung, die sich als Körper manifestiert. Dieser Körper wäre ein schnell verwesender Leichnam, wären da nicht vier geistige Komponenten. Zum einen „Gefühl“, dann „Unterscheidung“, dazu kommt ein riesiger Komplex an „Gewohnheitsmustern, Erinnerungen und Fähigkeiten“, die allesamt in „Bewusstsein“ stattfindet.
(Dazu sei angemerkt, dass es sich bei dieser „Vierteilung“ um eine grobe, konzeptuelle Beschreibung des Phänomens „Geist“ handelt. Diese aber hilft, das Konstrukt „Ich“ besser einzugrenzen und zu verstehen).

Aus diesen fünf Faktoren wird, wie im Folgenden beschrieben, in Unkenntnis der Wirklichkeit schließlich mehr „gemacht“ als tatsächlich vorhanden ist. Aus einem sich ständig ändernden Konglomerat wechselseitig abhängiger Faktoren wird etwas Solides, Dauerhaftes, Selbstständiges. Der Irrtum nimmt seinen fatalen Lauf.
Genau damit haben die nicht erleuchteten Wesen, also wir, zu kämpfen. Darunter leiden wir.

Ich – Absolut gesehen: Nein

Denn was die „absolute Wahrheit“ betrifft, so ist dieses Ich aus buddhistischer Sicht nirgendwo zu finden. Wo auch?
Das Ich, wie es wahrgenommen wird, ist nur ein zusammengesetztes, von seinen einzelnen Komponenten abhängig existierendes Phänomen. Um diese Komponenten noch einmal zu benennen:

1. Der Körper als materielle Form.
2. Gefühle – angenehm, unangenehm, neutral.
3. Unterscheidung – Benennung oder Etikettierung.
4. Impulse aus vergangenen Handlungen und Gewohnheitsmustern.
5. Bewusstsein – Die fünf Sinnesbewusstseine sowie das Geistbewusstsein.

Betrachtet man diese fünf Faktoren und untersucht ihre Erscheinungsweise, erkennt man über kurz oder lang, dass sie ebenfalls in sich wieder nur zusammengesetzte Phänomene sind.

Beispielsweise die fünf Sinnesbewusstseine sind ohne ihre dazugehörenden Sinnesorgane und die entsprechenden Sinnesobjekte, auf die sie sich beziehen (z. B. Form, Auge, wahrgenommene Form) nicht erfahrbar. Wenn diese dann zusammen kommen, sind es nur vorübergehende Erfahrungen, die letztlich keine wirkliche Existenz haben (so wie der Klang, der vom Ohr wahrgenommen und im Bewusstsein erfahren wird im nächsten Moment schon wieder verklungen ist).
Die Impulse aus vergangenen Handlungen und Gewohnheitsmustern sind ebenfalls etwas abhängig Entstandenes und von flüchtiger Natur.

Auch der Faktor „Unterscheidung“ ist nichts, dass von dauerhafter oder unabhängiger Natur wäre sondern abhängig von den Erscheinungen, die unterschieden werden.

Gefühle sind, wie jeder bestätigen wird, besonders flüchtig zu erleben, können nirgends wirklich „verortet“ werden.

Und was diesen Körper betrifft – 100 Billionen Körperzellen, die ständig absterben und neu entstehen, sich formieren, verändern und in Bewegung sind, die für sich nur zusammengesetzte Proteine und Moleküle sind, die in sich auch nur aus Atomen und Wellen bestehen – was soll daran „solide“ sein?

Betrachten wir diese fünf Faktoren einmal mit einer gewissen Distanz, so erkennen wir, dass diese sich in einem ständigen Wandel befinden, nie still stehen geschweige denn unsterblich sind. Das trifft nicht nur auf die materielle Komponente zu, wo dies, wenn es um Tod und Sterben geht, besonders auffällig ist.
Gefühle, Gedanken, Emotionen sind wesentlich schneller noch der Vergänglichkeit und Unbeständigkeit unterworfen und aus absoluter Sicht tatsächlich nicht vorzufinden. Nur relativ, in Bezug auf eine Vielzahl anderer Komponenten. Wie könnte aber etwas, das absolut gesehen nicht existiert, etwas hervorbringen, dass ein absolutes „Ich“, ein „höheres Selbst“ oder irgendeine andere Entität sein könnte?
Und dennoch halten wir fest an der Überzeugung „Ich bin“. Ein Missverständnis, das seid anfangsloser Zeit vorliegt.
Dieses Missverständnis ist ein hartnäckiger, absurder Selbstläufer. Dieses sorgt dafür, dass sich „Ich“ in seiner Selbsttäuschung für tatsächlich existent hält. Genau diese Selbsttäuschung zu überwinden gilt es. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen.
Dass es, zumindest für Menschen mit entsprechendem Potential, dennoch möglich ist, sich aus diesem Missverständnis zu befreien, darin liegt das Verdienst des Buddha. Er hat dieses Missverständnis aufgedeckt und einen Weg gezeigt, wie es überwunden werden kann.

Ende Teil II

Editorial

21. Mai 2016

Well met, alle zusammen!

Ein wunderschönes Wochenende soll uns in unserer Gegend ja vorhergesagt sein – mit sommerlichen Temperaturen. Kaum blüht er mein Flieder – ist es auch schon wieder vorbei …

Gerade noch blüht er, der Flieder

Gerade noch blüht er, der Flieder

In unserem heutigen Update freue ich mich besonders zwei neue GastAutoren begrüßen zu dürfen. Uwe Spille und Frank Röpti – zwei Praktiker, wie mensch sie sich nur wünschen kann!
Frank hat sich im SchamanenBlick dem Thema „Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa“ gewidmet und Uwe hat uns die „Ich-Sucht und -anhaftung“ aus buddhistischer Sicht beleuchtet.
Wie immer hoffen wir, dass Euch dieses Lesefutter massenhaft Input liefert und vielleicht sogar Mistverständnisse auszumerzen hilft – wie es ja unsere Agenda wäre! Natürlich wünschen wir uns damit auch Eure Kommentare und Euren Input – weil sich sonst die Wurzeln mit dem Werkeln um Ecken schwerer tun …
Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa – Teil I geschrieben von Frank Röpti

21. Mai 2016

 

13242067_1039282336118008_1492012894_oKaum war die Nacht da, frischte der Wind auf. Wütend heulte er um die Ecken, riss am Dachfirst und lies die massiven Holzwände knarren. Hrut stand nachdenklich an einem der Fenster und spähte in die Nacht hinaus. Eine bedrückte Stimmung legte sich wie ein gigantisches Ungetüm auf das Haus.

Hinter dem Sturm war noch etwas Anderes. Töne. Geräusche. An- und abschwellende Rufe, die sich zu verschlungenen Melodien knäulten. Betörender Gesang erklang aus allen Richtungen, drängte mit dem Wind und der Finsternis durch die Ritzen der schweren Holzbalken. Fraß sich in die Ohren von Hruts Leuten. Niemand konnte sagen, welche Wesen solche Klänge hervorbringen mochten. Faszinierend fanden es die Einen, bösartig und bedrohlich die Anderen. Hrut kannte diese Lieder. Entsetzt fuhr er herum. »Niemand verlässt das Haus! Schließt die Tür – und schlaft heute Nacht nicht! Schlaft nicht ein! Haltet Euch wach bis zum Morgengrauen – dann ist der Bann gebrochen. Die Dunkelheit hat sich mit Sturm und Feind gegen uns verschworen! Schlaft nicht ein!«

Stunde um Stunde pulsierte der Gesang. Durch die Finsternis schleichend zermarterte er den Widerstand der Menschen, die sich zusammenkauerten. Ein Augenpaar nach dem anderen schloss sich und tiefer, traumloser Schlaf überspülte seine Besitzer. Schließlich lag auch Hrut, der am längsten durchgehalten hatte, selbstvergessen in der Dunkelheit.

Nur Kari lauschte immer noch fasziniert den Gesängen. Sie schienen ihn zu anzusprechen, zu bitten, zu beschwören und locken. Bald hielt er es nicht mehr aus. Er stürzte zur Tür und lief, trotz der Warnung seines Vaters, hinaus in die Schwärze. Da sah er die sich wiegenden Schatten, unförmig und groß. Jenseits des Hauses hatten sie sich nahe der Wälder verschanzt. Von drei Seiten traf ihn der Blick glühender Augen. Sprühende Funken tanzten vor seinem Gesicht, als er im Kreuzungspunkt des Seidr-Fluchs zu Boden stürzte.

Als er tot war, zog sich der Gesang zurück, aufgesogen von den Schatten der Finsternis. Grimas Leute hinterließen keine Spuren, als sie mit dem Wind in die Dunkelheit davon schlichen.

Diese Geschichte – als Auszug nacherzählt aus der Laxdaela-Saga – ist eines von wenigen Fragmenten, welche uns als Aufzeichnungen aus den nebelhaften Vorzeiten des nordischen Europas erhalten sind. Hin und wieder findet sich dort der geheimnisvolle Ausdruck »Seidr«. Verzweifelt wird versucht, aus dem wenigen Überlieferten allgemeingültige Angaben abzuleiten, was Seidr genau gewesen sein mochte. Die Thesen bewegen sich zwischen verschiedenen Hauptannahmen. Während manche glauben, dass es sich beim Seidr um eine nordisch-germanische Form des Schamanismus gehandelt habe, lehnen andere diese Annahme grundsätzlich ab. Wieder andere nehmen an, Seidr sei eine spezielle, extatisch-schamanisch geprägte Form der spirituellen Praxis unserer Vorfahren.

Laut Kurt Oertel besteht zumindest unter Sprachwissenschaftlern Einigkeit bezüglich der tatsächlichen Bedeutung des Ausdrucks. Demnach sei »Seidr« der Oberbegriff für jedwede Form von Magie und Zauberei im nordischen Europa gewesen. Oertel wiederum zieht in seiner Begriffsuntersuchung deutliche Grenzen zwischen dem »Völventum« als eine Art isolierter Wahrsagekunst (Spa-Kunst) und Seidr, als dem Oberbegriff für Zauberei aller Art. Dabei ist es nur natürlich anzunehmen: Wahrsagerei oder »Divination« war immer schon ein natürlicher Teil der Magie in allen ihren Spielformen.

Schaut man sich die wenigen Berichte näher an, fallen unweigerlich Parallelen zu Schamanismen anderer Kulturen auf. Odin – der Götterkönig nordischer Mythologie – war ein Meister des Seidr. Unterrichtet wurde er darin von Freya. Zu seinen Fähigkeiten gehörte es, tierische Gestalt anzunehmen und augenblicklich in ferne Länder reisen zu können, um Informationen zu sammeln. Er konnte Wind und Wetter beschwören und selbst die Geister der Toten, um sie nach ihrem Wissen zu befragen. Zahlreiche Tierische »Geisthelfer« sind untrennbar mit ihm verbunden: Die Raben Hugin und Munin, die Wölfe Frik und Freki oder das achtbeinige Pferd Sleipnier gehören zu den prominentesten Vertretern. Er war ein Meister der Runenkunst. Sein Weg zu dieser Meisterschaft ist unzweifelhaft schamanischer Art. Neun Tage und Nächte hing er am windigen Weltenbaum. Sich »selbst geweiht« erwirbt er am Ende der Tortur das Wissen und die Kräfte der Runen. Dann beschreibt er, wie er sich durch Anwendung seiner neuen Technik regelrecht selbst zusammensetzt, mit Kraft und Leben füllt. Sein Runenlied geht konform mit den Initiationszyklen im beispielsweise zentralasiatischen Schamanentum. Dort wird der Schamanenanwärter gründlich von den Geistern zerstückelt – und anschließend wieder zusammengesetzt, um fortan als Schamane wirken zu können.


Erzählungen

Nach den alten Geschichten und Sagas kann schnell der Eindruck aufkommen, dass Seidr eine verruchte Kunst gewesen sein mochte. Die negativen Darstellungen, Anwendungen von Schadenszaubern und dergleichen, überwiegen deutlich. Trotzdem tauchen auch positive Elemente auf, solche, die von den Menschen als hilf- und segensreich empfunden wurden. Heilungen etwa, typischerweise auch Weissagungen, für die Seidhleute verantwortlich waren. Dass Seidr trotz allem stark negativ belegt gewesen sei, das wird uns von den damaligen Autoren immer wieder vor Augen geführt. »Ergi« etwa – arg oder dreckig – sei die Kunst von den Menschen empfunden worden. Vor allem auch dann, wenn sie von Männern praktiziert wurde. Odin wurde im Streit mit Loki von diesem direkt in solcher Manier angesprochen. Dass er als Weib verkleidet Seidr-Zauber betrieben habe. Das eben dünge Loki »von des Argen Art«.

Ende Teil I