Editorial

21. Januar 2012

Well met, alle zusammen!

Diese Woche freue ich mich besonders den ersten Artikel in unserer neuen Rubrik “Nil Oase” ankündigen zu dürfen. Sat Ma´at hat über “Ma´at als Schöpfungsprinzip” geschrieben. Wie alle unsere Autoren freut sie sich über Eure Kommentare!
Als zweiten Artikel habe ich von Nils Koschorek fürs WurzelWerk eine ArtikelSpende bekommen, die gerade für magisch arbeitende Menschen von Interesse sein könnte “Wie positives Denken verblödet (und wie Du das verhinderst)“.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und reiches Gedankenfutter und uns Eure Kommentare.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Ma’at als Schöpfungsprinzip

21. Januar 2012

Die  Ägypter, ein Agrarvolk

Wenn etwas die Kemeten (eigentl. „Remetiu Kemeti“ – „Menschen des schwarzen Landes“) im besonderen Maße auszeichnete dann ihr Pragmatismus und ihre Bodenständigkeit. Das mag vielleicht ungewöhnlich anmuten, da wohl kaum eine Kultur so ausgeprägte kultische und mythologische Aspekte besitzt wie die der Ägypter. Dennoch waren sie vor allem eines: ein Agrarvolk, das in enger Verbundenheit mit den Zyklen der Natur lebte. Daher ist es  nicht verwunderlich, dass Ma’at ein Prinzip ist, das der intensiven Beobachtung und dem Erleben der natürlichen Rhythmen entspringt, derer es in Kemet viele gab. Die stets aufs Neue wiederkehrende Nilschwemme, die den fruchtbaren schwarzen Schlamm über die Felder brachte, der Lauf der Sonne, die auf der östlichen Seite des Nils aufging und im Westen wieder unterging, die Bahnen verschiedener Sterne und Sternbilder, die Zeiten von Aussaat, Wachstum und Ernte…

Götter in der Schöpfung

Um Ma’at als Prinzip der Schöpfung zu begreifen, ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass die Götter Ägyptens nicht in einer Sphäre fernab der menschlichen Welt existierten, sondern in der Natur – um nicht zu sagen, die Götter waren die Natur selbst. Die kemetische Religion ist keine Religion im eigentlichen Sinne, denn ein „religio“ – also eine Rückverbindung an das Göttliche – war praktisch nicht erforderlich, waren doch die Götter allgegenwärtig und greifbar. Auch die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz der Götter stellt sich folglich gar nicht erst. So war z.B. der Nil das Ka* des Osiris in seiner Rolle als Fruchtbarkeitsgott oder der Wind das Ka des Luftgottes Schu oder die Milchstraße die Gestalt der Himmelsgöttin Nut. Es ist also naheliegend, dass auch Ma’at nicht nur kosmisches Prinzip ist sondern auch eine Gottheit. Diese Doppelbedeutung – Person und Prinzip – lässt sich bei jeder der ägyptischen Gottheiten nachvollziehen. Das eine ist dabei vom anderen nicht scharf abgegrenzt, sondern geht ineinander über. Ma’at ist eine oft kniend dargestellte Frau mit ausgebreiteten Schwingen und einer Straußenfeder auf dem Kopf. Die ausgebreiteten Schwingen und die Feder symbolisieren ihren luftigen und damit transzendenten Aspekt, der alle Formen des Seins zu durchdringen vermag.

Die Göttin Ma'at

 

Schöpfung als Prozess

Die Vorstellung der Kemeten von der sie umgebenden Schöpfung war, dass sie in unendlich vielen ineinandergreifenden Zyklen funktioniere und diesen unzähligen Zyklen ein initialer Akt, also ein „erstes Mal“ vorausging. Die Kosmongonie ist also kein Akt eines immanenten Schöpfers, sondern ein Vorgang des Sich-selbst-Entfaltens. Damit ist die Schöpfung vielmehr ein Prozess, der fortwährend aufs Neue beginnt, gelingen muss und als solcher auch stets erneut vom Scheitern bedroht ist. Dies führt dann zum antagonistischen Prinzip von Ma’at, nämlich Isfet, welches oft mit „Chaos“ übersetzt wird, aber an Dramatik und Destruktivität doch weit über diesen Begriff hinausgeht. Das schöpferische Potential muss also in eine Form fließen, eine Ordnung, so dass diese Schöpfungskraft in greifbare Erscheinung treten kann. Diese Ordnung ist Ma’at. Man kann sich also den Verlauf des Schöpfungsprozesses in etwa wie einen Dominoeffekt vorstellen.

Auszug aus einem Sargtext zur Kosmogonie von Heliopolis:

Ich bin am Schwimmen und sehr ermattet, meine Glieder sind träge.
Mein Sohn “Leben” ist es, der mein Herz erhebt.
Er wird meinen Geist beleben, nachdem er diese
meine Glieder zusammengerafft hat, die sehr müde sind.
Da sprach Nun zu Atum:
“Küsse deine Tochter Ma’at, gib sie an Deine Nase!
Dein Herz lebt, wenn sie sich nicht von Dir entfernen.
Ma’at ist Deine Tochter,
zusammen mit Deinem Sohn Schu,
dessen Name “Leben” ist.
(CT II 34g-35h)

Dieser Sargtext beschreibt das Bild von einem Schöpfergott (Atum) der ohne Bewusstsein (Mattigkeit) im Urmeer (Nun) treibt. Er verkörpert damit das Noch-Nicht-Seiende, das Prä-existente. Die Welt entsteht also nicht aus einem „Nichts“ sondern aus einem „ungeordneten Etwas“. Atums Beiname lautet auch “Der sich selbst erschaffen hat”. Durch die Zeugung seiner beiden Kinder Ma’at (Ordnung) und Schu (reine ungerichtete Lebenskraft), wird Atum be-lebt. Diese Zeugung geht einher mit der Bewusstwerdung Atums, welches den Übergang vom Prä-Existenten in das Existente darstellt. Die kosmische Parthenogenese Atums taucht in den Mythen durch recht derbe Bilder wie „Ausspucken“, „Aushusten“ bzw. Masturbation auf. Indem also die reine ungerichtete Kraft in seiner Verkörperung als Schu in eine geordnete Form -nämlich  Ma‘at- fließt um Gestalt anzunehmen, zeugt sich das Seiende aus sich selbst heraus.

Hier sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, dass Ma’at in dieser Betrachtungsweise der Schöpfung synonym für Tefnut in Erscheinung tritt, was eher ungewöhnlich ist, denn in den Erläuterungen zur Kosmogonie von Heliopolis besteht das erste Götterpaar aus Schu und Tefnut. Tefnut kann daher als „Ma’at des ersten Males“ interpretiert werden, wohingegen Ma’at die Ordnung des fortlaufenden Schöpfungsprozesses darstellt.

Küssen bedeutet hier “Einatmen” und steht sinnbildlich für die Einverleibung der Ma’at. Ma’at taucht in den Mythen nämlich auch als Stirnschlange des Sonnengottes Re auf. Atum wie Re eint der solare Aspekt, da die Sonne als Verkörperung der Schöpfungskraft galt. Diese sog. Uräusschlange findet sich an allen Königskronen wieder und in vielen Darstellungen unterschiedlicher Gottheiten und erinnert so an den notwendigen Ablauf des stetig wiederkehrenden Schöpfungsaktes. Denn ausnahmslos jede Gottheit unterwirft sich der kosmischen Ordnung Ma’at und gewährleistet so das Gelingen der Schöpfung. Ma’at ist hier „der Navigator“ des Re, der mit seiner Sonnenbarke des Tages über den Himmel fährt, deren Bahn Ma’at vorgibt.

Sonnenaufgang über dem Nil

 

Ma’at – ein Begriff, viele Bedeutungen

Für Ma’at wurden schon viele Übersetzungen herangezogen, wie z.B. „Gleichgewicht“, „Harmonie“, „Weltenordnung“, „Gerechtigkeit“ oder „Gesetz“. Doch sie alle werden diesem alles umfassenden und alles durchdringenden komplexen Prinzip nicht annähernd gerecht. Ma’at ist vielmehr die Grundlage dem all diese genannten Begriffe entspringen, das unsichtbare Netz, dass diese Dinge eint um darin in Erscheinung zu treten und erfahrbar zu werden. Gerade Begriffe wie „Gerechtigkeit“ oder „Harmonie“ werden dem prozesshaften und dynamischen Charakter Ma’ats in keiner Weise gerecht. Ma’at ist „das Richtige“ das je nach Situation immer wieder neue Erscheinungsformen annehmen wird um den Schöpfungsprozess am Laufen zu halten.

*Ka: hier der „Geist“ oder das Wirken einer Gottheit

 

Literatur

Jan Assmann, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten

Jan Assmann, Schöpfungsmythen und Kreativitätskonzepte im Alten Ägypten

Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte

Bilder, Wikimedia Commons

Wie positives Denken verblödet (und wie Du das verhinderst) von Nils Koschoreck

21. Januar 2012

Meine provokativ zugespitzte These ist:
Fast alle Formen positiven Denkens führen zu Verblödung, im Sinne der Verflachung des Menschen auf ein Bündel narzisstischer Fixierungen, welches jede Form der Unterscheidungsbildung und differenzierten Denkens verlernt hat.
Der Philosoph Nietzsche nannte dies den “letzten Menschen”, der sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht hat:
>>”Wir haben das Glück erfunden” – sagen die letzten Menschen und blinzeln.<<
So mancher Prediger des positiven Denkens behauptet Ähnliches. Die letzten Menschen blinzeln, weil sie vor lauter Selbstbetrug niemandem mehr geradeheraus in die Augen schauen können und das Licht der Klarheit nicht ertragen.
Ich möchte im folgenden Beitrag etwas mehr Klarheit bringen in das, was als Extremform positiven Denkens sehr populär ist und massenweise verbreitet wird.
Dabei konzentriere ich mich auf 4 Aspekte, welches  die “positiven Denker” quasi zum religiösen Kanon erhoben haben:
Die Unsinnigkeit des Sich-Sorgen-Machens, Die Abschaffung negativer Gefühle, Das Paradigma des Perfektionismus und Die Ideologie des Opfertums.

Die Unsinnigkeit des Sich-Sorgen-Machens

“Sorge dich nicht, lebe” lautet der Titel des populären Klassikers von Dale Carnegie. Und Heerscharen von Epigonen wiederholen gebetsmühlenartig, wie dumm es doch sei, sich unnötig Sorgen zu machen.Sicher – wer den ganzen Tag nichts anders tut als sich Sorgen zu machen, wird kaum den Kopf frei haben, um seine Lebenssituation zu verbessern. Eine Umfokussierung auf Lösungen und das, was machbar und möglich ist, um die Situation zu verbessern, ist dann eventuell hilfreich.
Was die Predigt vom “Hör auf, dir Sorgen zu machen” jedoch übersieht, ist: Dass Sorge einen Sinn hat.
Wer sich über die Zukunft sorgt, nimmt mögliche negative Ereignisse vorweg und kann sich so auf die Auseinandersetzung damit vorbereiten.
Negative Vorbereitung ist nicht nur wichtig, sondern ein essentieller Erfolgsfaktor: Wer Negatives antizipiert und im Vorhinein Lösungen entwirft, wird mit eventuellen Rückschlägen besser umgehen können als ein naiver positiver Denker, der bei Rückschlägen nicht weiss, wie ihm geschieht.
Sorge, in menschlicher Dosis, hat in diesem Sinne durchaus positive Aspekte – die all denen, die zwanghaft positiv denken (wollen) verloren gehen.
Statt Sorgen abzuschaffen ist es nützlicher, sich ihnen zu stellen, deine eigenen “Worst-Case-Szenarien” bewusst durchzuspielen und so Lösungen und Perspektiven entwickeln zu können, die dein Leben spürbar bereichern.

Die Abschaffung negativer Gefühle

Die populären Bücher von Esther und Jerry Hicks, welche angeblich eine höhere Wesenheit mit dem Namen Abraham “channeln” (und “Abraham” ist, nebenbei bemerkt, ein verdammt guter Marketer und Verkäufer), verbreiten vor allem eine Botschaft:
Negative Gefühle sind schlecht, nur gute Gefühle sind gut.
Die eindimensionale Argumentation folgt dem Muster, dass negative Gefühle nur dazu dienen, dich darauf aufmerksam zu machen, dass Du etwas denkst, was nicht gut für dich ist und es nun darauf ankommt, möglichst schnell an etwas anderes zu denken, das sich besser anfühlt:
“Angst, Schuld, Bedauern etc. – weg damit! Und schnell an etwas anderes denken.”
Was wirklich Sorge macht ist, wie viele Menschen bereit sind, eine solche Botschaft fraglos zu akzeptieren – übrigens auch, wenn sie es über Jahre nicht schaffen, sich nur gut zu fühlen und nur positiv zu denken.
Das marketingtechnisch Geniale an der Lehre von der Abschaffung guter Gefühle ist, dass sie sich nicht widerlegen lässt.
Wer sich trotz allem noch immer nicht gut fühlt, noch nicht immer positiv denkt und noch nicht das “angezogen” (gemäß des “Gesetzes der Anziehung”), was er in seinem Leben wirklich will – nun, der muss halt öfter positiv denken, solange bis es klappt und am besten mit Untertützung der neuen Produkte von “Abraham”…
Auf diese Art und Weise bleibt das Denkmodell unangreifbar – und das Konto der Prediger des Modells voll.
Doch was viel besorgniserregender ist:
Wer negative Gefühle abschaffen will, verflacht in seinem MenschSein. Denn nagative Gefühle haben eben nicht nur den Sinn, dich daruaf aufmerksam zu machen, an etwas anders zu denken.
Auch schlechte Gefühle können eine sinnvolle Botschaft haben:
Schuld z.B.kann dich daruf aufmerksam machen, dass Du falsch gehandelt hast. Dann gilt es nicht, an etwas anders zu denken (das ist die Strtegie von Verbrechern), sondern anders zu handeln und etwas zu tun, um den entstandenen Schaden wiedergutzumachen.
Bedauern kann dich auf Fehlentscheidungen in deiner Vergangenheit aufmerksam machen und so zu besseren Entscheidungen in der Zukunft führen.
Die Fähigkeit des Bedauerns ist nicht eine Aufforderung zu “Denk an etwas anderes”, sondern ein Zeichen von Intelligenz und Reflexionsbereitschaft. (Letzteres ist eine Kategorie, die es für “Abraham” übrigens nicht zu geben scheint).
Trauer kann dich den Wert des Verlorenen spüren lassen und so zu einer höeren Wertschätzung des Lebens führen.
Negative Gefühle sind Teil eines gelingendem MenschSeins und Miteinanderseins, Katalysatoren unserer Entwicklung und sinnvolle Feedbackmechanismen.
Wer negative Gefühle zwanghaft wegzudenken versucht, endet als herzloser Flachkopf.
Stattdessen gilt es, negative Gefühle anzunehmen, ihre Botschaft zu entschlüsseln und sie als Anstösse zu tieferem MenschlichSein und ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen.

Das Paradigma des Perfektionismus

Das wirkliche destruktive Grundelement vieler Schulen des positiven Denkens ist der ihnen innewohnende implizite oder explizite totale Perfektionsimus.
Direkt oder indirekt wird postuliert, dass ein perfektes, sorgenfreies Leben in allen Bereichen möglich sei – ein Leben ohne Schmerz, ohne Leid, ohne Stress, ohne Probleme.
Willkommen in der “Schönen Neuen Welt”! ;-)Was daran so destruktiv ist, ist, dass es eine unerfüllbare Erwartung weckt.
Das Versprechen, dass alles in deinem Leben perfekt sein kann – und zwar “nur” dadurch, dass Du dein Denken veränderst, aber sonst ganz ohne Tun und Anstrengung. – führt letzten Endes immer zu Enttäuschung, da diese Perfektion nie ganz erreicht werden kann.
Statt auf die kleinen Schritte, zu fokussieren, die das Leben täglich etwas besser machen können, werden die Anhänger positiven Denkens mit totalitären Lebensvisionen denk- und handlunsgunfähig gemacht – und so abhängig von noch mehr Lebensverbesserungs-Produkten:
Schliesslich muss es an dir liegen, dass es nicht funktioniert, denn die “Methode” ist ja leicht verständlich… (die BILD-Zeitung übrigens auch…)
Vielen Trainern in der Selbsthilfeszene, der ich in gewisser Weise selbst angehöre, ist all dies übrigens vollkommen klar.
Es gibt kaum ein Feld, in dem man soviel Zynismus antrifft wie hinter den Kulissen der Selbsthilfeszene, nach dem Motto: “Wir wissen, dass es nicht funktioniert – aber es lässt sich besser verkaufen als die Wahrheit.”
Werner Erhard, einer der Gründungsväter der modernen Selbsthilfeszene, formulierte das unnachahmlich präzise:
“Wir verkaufen Freiheit und wir verursachen Abhängigkeit”.
Statt einem perfektionistischen Phantasma anzuhängen, ist es deutlich gesünder und erfüllender, sich täglich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren, die Du verändern kannst – und die auf lange Sicht einen großen Unterschied machen.
Die Ideologie des Opfertums

Es gibt innerhalb der Gemeinschaft positiver Denker so etwas wie die Verachtung des Opferbewusstseins. (Natürlich ist “Verachtung” nicht positiv genug formuliert…)
Vor allem unter Anhängern der absoluten Extremform positiven Denkens, des Gesetzes der Anziehung, gibt es so etwas wie die Stigmatisierung der Opfer:
Schließlich müssen sie eine lange Zeit äusserst negativ gedacht haben um ihr leidvolles Schicksal zu verdienen – Verzeihung: “angezogen” zu haben.
Du hast Krebs? Zuviel negatives Denken, zu wenig Selbstliebe.
Du bist pleite? Zuviele negative Glaubenssätze.
Dein Mann ist mit dem Flugzeug abgestürzt? Er hatte eine unbewusste Programmierung, die das angezogen hat.
Beliebt ist in Zirkeln positiver Denker daher der Rat, sich von negativen Menschen fernzuhalten.
Mit gesundem Menschenverstand betrachtet ist das manchmal eine gute Idee, im Wahn positiven Denkens wird das in der Praxis jedoch oft zu angewandter Mitgefühlsslosigkeit.
In ihrem missionarischen Eifer sagen die positiven Denker zu dem Depressiven: Denke bessere Gedanken. (Und denken: Der ist ja selbst schuld.)
Jeder, der nur ein klein wenig differenziertes Denkvermögen hat, weiss, dass ein solcher Ratschlag nur tiefere Depressionen auslöst.
Es lässt sich deutlich menschlicher leben, wenn man unterscheiden kann zwischen Opfer und Opferbewusstsein – etwas, das vielen positiven Denkern leider abgeht.
Auf den Hinweis, dass es natürlich sei, über den Tod eines geliebten Menschen zu trauern, erhielt ich z.B. von einer radikalen positiven Denkerin den Rat, dass ich aus dem Opferbewusstsein aussteigen solle…
Wer soviel Unmenschlichkeit nicht besorgniserregend findet, gehört zu Nietzsches “letzten Menschen”.
Ja, es ist richtig, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben statt im Opferbewusstsein zu verharren.
Und es ist auch richtig, dass uns Dinge zustossen können, deren Opfer wir sind. Damit umgehen zu können, allein und gemeinsam, macht uns zu MENSCHEN.

Ausgewogenes DENKEN vs. Positives Denken

Was ich vorschlage ist eine Unterscheidung zwischen ausgewogenem DENKEN und positivem Denken.
Positives Denken in seiner extremen Anwendung ist per Definition dumm, weil es den anderen Pol auschliessen will.
Ausgewogenes DENKEN dagegen ist in der Lage, beide Pole des Lebens voll anzuerkennen und zu erleben – und die Gleichzeitigkeit beider Pole wahrzunehmen, also das Gute im Schlechten und das Schlechte im Guten zu erkennen.
Was wir brauchen sind nicht noch mehr differenzierungsunfähige positive Denker, die süchtig nach guten Gefühlen sind wie der Fixer nach der Droge – was wir brauchen sind MENSCHEN, die DENKEN können und die volle Bandbreite menschlicher Gefühle und Erfahrungen dankbar annehmen.

Editorial

14. Januar 2012

Well met, alle zusammen!

Nun hat uns hier im Osten auch das erste Gewitter dieses Winters – im wahrsten Sinn des Wortes – kalt erwischt. Eigentlich nicht überraschend, schließlich haben wir ja bereits Mitte Jänner. Trotzdem ist es eine Überraschung bei fünf Grad plus und strahlendem Sonnenschein von zu Hause weg zu fahren und dann knapp eine Viertelstunde später, gerade mal zwölf Kilometer entfernt in ein wirklich heftiges Wintergewitter zu fahren. Warum nur erinnert mich das an viele, momentan besprochene und beschriebene Situationen wie Politik, Wirtschaft etc??

Einen Kontrapunkt bilden wir da heute mit dem ersten Artikel in unserem Update. Shina hat uns einen Artikel für das Grüne Horn geschrieben, “Erdung ja, doch warum?“. Eigentlich ja ein Thema, das gerade für spirituelle Menschen zum täglichen Handwerk gehören sollte, aber doch immer wieder (nicht nur für Anfänger) von Interesse.
Eibensang hat uns einen weiteren Teil seines Sonnenglanzes zur Verfügung gestellt – wie immer findet Ihr die vorhergehenden Teile in der Rubrik “Landgodhtru“.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen (und auch Input) und uns Eure Kommentare, besonders hier bei uns im Blog.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Erdung ja, doch warum?

14. Januar 2012

Eine Technik, über die man als Anfänger in den magischen Kreisen immer wieder stolpert ist die Erdung. Was genau jedoch ist Erdung und warum ist sie so wichtig?

Was Erdung ist und warum sie so wichtig ist:

Erdung ist eine Art des Energieausgleichs. Wenn wir uns erden nehmen wir neue Energie auf und geben alte Energie ab. Über Erdung kann man sich auch von belastenden Gedanken oder Verspannungen befreien und neue Energie für anstehende Aufgaben aufnehmen. Vor einem Ritual oder einer magischen Handlung ist der Energieausgleich extrem wichtig, denn durch die Erdung erhält man Energie für das Vorhaben und bereitet sich innerlich vor.

Auch nach dem Ritual sollte man sich erneut erden, denn ein Ritual zehrt nicht nur manchmal an der eigenen Energie, nein manchmal putscht es auch enorm auf. Mit einer anschließenden Erdung kommt man wieder ganz ins “Hier und Jetzt” zurück. Die Erdung hilft in der gegenwart und somit auch, um auf die Gegenwart einzustimmen und Kraft zu holen. Sie hilft gegen das „Kopf-in-den-Wolken“ Gefühl und verschafft einen Fokus auf Dinge, die vor einem liegen.


Wie man sich erden und zentrieren kann:

Es gibt Hunderte Arten das zu tun, aber am bekanntesten ist die rituelle Fassung der Erdung. Hierbei zentriert man sich vorher um fest zu stehen. Stell dich aufrecht hin, die Füße schulterbreit auseinander, die Knie leicht gebeugt, das Becken etwas vorgeschoben, die Schultern gerade und der Blick nach vorn. Nichts darf sich verkrampft oder verspannt anfühlen! Atme tief. Wenn du ein Musikinstrument spielst, oder Kampfsport machst, wird dir diese Haltung vielleicht etwas bekannt vorkommen. Benutze sie so, wie du sie gelernt hast, und versuche sie zu verbessern, wenn du sonst Probleme mit deiner Haltung hast. Pendle mit dem Körper ein wenig, um deinen Schwerpunkt zu finden und schau darauf, dass du fest stehst und nichts dich umwerfen kann.

Bleib in der zentrierten Haltung stehen und stell dir vor, dass aus deinen Füßen Wurzeln wachsen. Sie durchdringen den Boden, auf dem du stehst und gelangen bis in die Erde. Sie durchdringen sogar Asphalt. Du verwächst mit der Erde wie ein Baum. Fühle die Erde. Lass nun die Kraft der Erde über die Wurzeln in deinen Körper gelangen. Manchmal hilft es, wenn man sich das gemeinsam mit dem Atmen vorstellt. Beim Einatmen saugst du Energie aus der Erde an, wie ein Baum das Wasser. Beim Ausatmen gibst du verbrauchte Energie an die Erde ab, damit sie gewandelt werden kann.

Fühle, wie die Energie emporsteigt und dich ausfüllt und alte verbrauchte Energie wieder in die Erde hinein leitet. Lass die Energien in deinem Körper wandern und wenn du denkst, es sei genug, ziehe deine Wurzeln in deinen Körper zurück und löse deine Sohlen nacheinander vom Boden.

Es wäre möglich, dass du nach deiner ersten Erdung Kopfschmerzen bekommst oder dir ein wenig übel wird. Leg dich dann mit den Handflächen nach unten auf den Boden und lasse durch sie hindurch alle überschüssige Energie in den Boden fließen. Lass einfach alles abfließen, was zuviel ist oder nimm auf, was zu wenig ist. Dies ist auch eine gute Methode für zwischendurch, wenn es mal grade stressig ist.

Ein kleines Schwindelgefühl nach dem Erden kann normal sein. Wenn man diese Art des Energieausgleichs nicht kennt, oder sich mit Atemmeditationen generell ein wenig schwer tut, braucht es natürlich ein gewisses maß an Übung, bis man dies entspannt machen kann, ohne den Atem steuern zu müssen und somit den natürlichen Atemfluss zu manipulieren.


Andere Arten:

Etwas leichtere, aber genauso wirkungsvolle Arten sich zu Erden sind folgende: Man kann einen Baum umarmen und so mit ihm Energie austauschen. Man kann Energie durch die Handflächen in den Boden abgeben oder aufnehmen. Nach einem Ritual kann man sich erden, indem man etwas isst oder trinkt. Eine gute Möglichkeit zur Erdung oder zum Energieausgleich ist auch Bewegung. Herum-springen, das Ausschütteln der Arme und Beine, oder ein kurzer Lauf auf der Stelle regt die Durchblutung an, macht den Körper wach und hilft uns diesen bewusst wahrzunehmen.

Man bemerkt – Erdung hat nicht nur etwas mit dem Gefühl zu tun, hier und jetzt zu sein. Erdung ist auch die Bewusstwerdung des eigenen Körpers und der Natur oder Erde rund um uns selbst. Wer sich regelmäßig erdet, kann damit ein besseres Bewusstsein für die Umwelt schaffen und seine Wahrnehmung stärken.

Auch wenn die reale Welt oftmals dazu verleitet mit dem Kopf ganz woanders zu sein, während der Körper monotone Aufgaben verrichtet – so kann umgekehrt die Zusammenarbeit dieser beiden und die bewusste Ausübung einer Tätigkeit die Sinne schärfen und es ermöglichen, dass man in den noch so kleinen Aufgaben manches Mal wahre Wunder entdeckt oder plötzlich den Geist für neue Erkenntnisse erweitern.