Archiv für die Kategorie ‘Kreuz und Quer’

Ich habe Interesse… – Teil II, geschrieben von Chris

Samstag, 21. April 2018

Im Gespräch

Nehmen wir an, der potentielle Lehrer hat sich zurückgemeldet (etwas, dass ich schon aus Höflichkeit immer tue), und es kommt zu einem tiefer gehenden Gespäch – sei es per E-mail oder in einem Café. Folgende Punkte können dir helfen, das Gespräch in die für dich beabsichtigte Richtung zu bewegen, nämlich als Trainee erwogen zu werden:

1. Hör zu
Der Lehrer hat sich in der Regel Gedanken zu dir gemacht und sagt Dinge nicht einfach so daher, sondern aus einem bestimmten Grund. Wenn du wirklich lernen willst, hör genau hin.

2. Gib keine Widerworte
Das hört sich erst einmal an wie eine Belehrung, die man Fünfjährigen erteilt, aber ich meine es ernst. Im Fall einer Ablehnung mit „Ja aber…“ zu reagieren und all die Gründe aufzuzählen, warum man doch ausgebildet werden muss, ist ziemlich unklug. Frage stattdessen, was du tun kannst, um die Voraussetzungen für das Training zu erfüllen. Das zeigt dem Lehrer, dass du zuhörst, lernwillig bist und mit Kritik umgehen kannst. Bedenke immer, du willst etwas von dem Lehrer, nicht umgekehrt. Mach es dir nicht kaputt, indem du dich wie ein Fünfjähriger benimmst.

3. Lies zwischen den Zeilen
In Wicca wird eine Menge Wissen und Weisheit durch Vorleben und Beobachten weitergegeben, nicht durch formellen Unterricht. Das liegt unter anderem daran, dass Magie so viel mit Erfahrung, Intuition und Einfühlungsvermögen zu tun hat. Ein Mensch, dem man alles haarklein erklären muss, wird im Wicca schnell seine Frustrationsgrenze erreichen. Zeige dem Lehrer am besten gleich, dass du in der Lage bist, versteckte Hinweise zu erkennen und zwischen den Zeilen zu lesen. Oder tu zumindest so, frei nach dem Motto Si tacuisses, philosophus mansisses.*

4. Sei bescheiden
Zeige Bereitschaft zu lernen. Traue dem Lehrer zu, die Tradition besser zu kennen als du. Warum sonst solltest du überhaupt von ihm lernen wollen?

5. Und, besonders wichtig: Sei selbstbewusst
Das mag sich etwas widersprüchlich anhören, wenn man den vorhergehenden Punkt als Unterwürfigkeit deutet. Was ich als Wicca-Lehrer aber am meisten schätze, ist eine Person, die offen dafür ist, etwas Neues zu lernen, Kritik anzunehmen und zuzuhören, aber dennoch weiß, wo sie selbst steht und mir auf Augenhöhe begegnet. Wicca ist ein Weg der Erwachsenenbildung. Wir wollen keine Anwärter, die jammern oder nörgeln, bei einem Anflug von Kritik gleich in sich zusammenbrechen oder nichts hinterfragen.

No-Gos

Zum Abschluss (jetzt aber wirklich) noch ein paar Stereotypen, auf die ich immer wieder treffe – und die deutlich zeigen, wie man es nicht machen sollte. Wenn ein Anwärter in eine dieser Kategorien fällt, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich einen großen Bogen um ihn mache.

„Die Große Hexe“ (oder der Ich weiß schon AllesTyp)**
Die Große Hexe ist in einer Familientradition großgeworden und weiß dementsprechend schon alles über Wicca. Dennoch möchte sie aus unerfindlichen Gründen eine Ausbildung in Gardnerian Wicca. Bei ihrer Bewerbung lässt sie einen gleich wissen, dass sie bereits mit einem Generationen überspannenden Wissen ausgestattet ist und damit schon viel weiter als alle anderen Bewerber. Sie ahnt nicht, dass genau diese Einstellung ihr zum Verhängnis werden wird, denn mal ganz ehrlich – gibt es einen besseren Weg, einem Lehrer zu zeigen, dass man nicht nur ein aufgeblasenes Ego besitzt, sondern wahrscheinlich auch eine absolut beratungsresistente und nervtötende Person ist?

„Die Dienerin der Göttin“ (oder der Ich bin unwürdigTyp)
Dieser Typ ist das komplette Gegenteil der Großen Hexe, leidet wie diese zwar auch an mangelndem Selbstbewusstsein, aber kompensiert dieses nicht durch vorgespielte Größe, sondern durch Opferhaltung. Sie sieht die Göttin (oder die Götter) als hoch über sich selbst – dem unwürdigen Wurm – thronend, deutet aber dennoch jedes fallende Laubblatt oder Werbeplakat als Zeichen der Göttin, die sich herablässt mit ihr zu kommunizieren – häufig um sie zu tadeln. Dabei erkennt sie nicht, dass sie lediglich den strafenden Gott ihrer Kindheit gegen eine andere übernatürliche Richterfigur ausgetauscht hat. An sich stellt die Haltung der Dienerinkein unüberwindbares Problem dar, wenn die Person bereit ist, ihre Projektion zu entlarven und aufzugeben, sich aus dem Staub zu erheben und einen neuen Umgang mit den Göttern – aber vor Allem mit sich selbst – zu lernen. Leider bestehen Dienerinnen oft darauf, dass sie die Welt komplett richtig sehen, und es bedarf einer Menge Arbeit, sie davon abzubringen; Arbeit, die ein Hohepriester möglicherweise nicht zu leisten bereit ist.

„Die Schnäppchenjägerin“ (oder der Darf’s noch etwas mehr sein Typ)
Die Schnäppchenjägerin ist oft eine Variante der Großen Hexe, aber nicht immer. Manchmal ist sie einfach nur ein Opfer unserer kurzlebigen Instant-Gratification-Ära, in der man Alles bekommt was man will, und zwar jetzt sofort und ohne Anstrengung. Die Schnäppchenjägerinhat bereits erfolgreich vierunzwanzig Ausbildungen im spirituell-therapeutischen Bereich absolviert. Sie ist Kristalltherapeutin, Reiki-Meisterin und von südamerikanischen Buschleuten ausgebildete Schamanin, und hat nun beschlossen, dass ihr zur Komplettierung ihres Seins nur noch Wicca fehlt. Frei nach dem Motto Wo ich schon dabei bin, kann ich das auch noch mitnehmen. Nun, was soll ich sagen. Auch das ist ein guter Weg gleich ausgesiebt zu werden. Diese Kandidatin hat offenbar nicht begriffen, dass Wicca mehr ist als ein Wochenend-Workshop in Kerzenmagie. Möglicherweise ist dieser Typ aber irgendwann tatsächlich brauchbar – wenn er begriffen hat, dass eine Wicca-Ausbildung ein Weg ist, der viel Zeit, Einsatz und ein persönliches Vertrauensverhältnis zum Lehrer erfordert und nicht gegen Geld aufzuwiegen ist.

„Die Bequeme“ (oder der Hexen in deiner Nähe Typ)
Viele Interessenten realisieren nicht, dass eine beträchtliche Menge von uns Initiierten viele Stunden des Reisens in Kauf genommen hat, um ausgebildet zu werden. Ich kenne einige, mich selbst eingeschlossen***, die dafür alle paar Wochen in ein anderes Land gefahren sind, und sich nicht nur die Mühe der Reise sondern auch des Sprechens in einer Fremdsprache gemacht haben – immer noch glücklich und dankbar, weil sie als Schüler angenommen wurden. Die Bequeme jedoch verlangt von ihrem Coven, dass er sich möglichst in ihrem Wohnort, am besten irgendwo in einem Zweihundert-Seelen-Dorf in Schleswig-Holstein, zumindest aber im Radius von zehn Kilometern, trifft. Natürlich ist sie ernsthaft interessiert, aber für weite Reisen hat sie gern wahlweise kleine Kinder, Allergien oder die teuren Tickets der Deutschen Bahn als Hinderungsgrund in petto. Sorry, ich kenne genug Hexen, die es trotz dieser Dinge geschafft haben, an der Ausbildung in einer weiter entfernten Gruppe teilzunehmen.

Zuletzt (aber jetzt absolut in echt, versprochen!)

Die Ironie dieses Artikels ist wie so oft, dass die, die wirklich für eine Wicca-Ausbildung in Frage kommen, ihn nicht benötigen, weil sie ohnehin ein gutes Gespür dafür haben, was sinnvoll ist. Die, die die Tipps gebrauchen könnten, werden sie oft nicht beherzigen, weil sie sich lieber beleidigt und unverstanden fühlen möchten, statt die Hilfestellung zu erkennen. Ich wünsche beiden Gruppen alles Gute auf ihrem Weg, wo immer er sie hinführen mag.
Wie immer Blessed Be

*Als Wicca kommt man nicht darum herum Dinge zu recherchieren. Also fang am Besten gleich hier an, falls du im Lateinunterricht nicht aufgepasst hast.
** Ich habe der Einfachheit halber die weibliche Form gewählt, aber natürlich gibt es diese Typen bei allen Geschlechtern.
*** Zugegeben, die Niederlande sind vom Ruhrgebiet aus nicht sehr weit.

Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil I, geschrieben von Uwe

Samstag, 14. April 2018

Äußere Ebene

„Gut, ihr Mönche, also sagt ihr folgendes, und auch ich sage folgendes: „Wenn dies existiert, ist jenes; mit der Entstehung von diesem entsteht jenes.“ (Majjhima Nikaya)

Dies beschreibt in einem Satz das Entstehen, die Existenz in Abhängigkeit, wie es vom Buddha gelehrt wurde. Was dieser im Sutra „Von der Vernichtung des Begehren“ auf das Erscheinen der leidvollen Erfahrungen und deren Überwindung bezieht, gilt natürlich für alles Erfahrbare. Doch was hat dieser zentrale Lehrsatz, auf den sich die gesamte, relative buddhistische Sicht reduzieren lässt, nun mit dem Bild meines Frühstückstisches zu tun?

Sehr viel. Nein, einfach alles. Dieses Bild kann dabei von einer äußeren, einer inneren, einer „geheimen“ (oder, besser, verborgenen) und einer absoluten Ebene betrachtet und verstanden werden. Beginnen wir auf der einfachsten Ebene, der äußerlichen. Es zeigt einen, meinen Frühstückstisch.
Teller, Tasse, Brot, Butter, Milch, verschiedenes anderes. Nichts Spektakuläres. Nichts Spektakuläres? Wer das denkt, ist von der Sichtweise, wie sie der Buddhismus kennt, sehr weit entfernt. Und hat ein Problem.

Er oder sie ist dem Prozess von Leiden, konkret der Verwirrung und Täuschung vollkommen ausgeliefert. Erfahrungen wie Mitgefühl, Freude, Güte und Gleichmut sind dabei, wenn Weil das, was auf diesem Bild zu sehen ist, den Rahmen des Vorstellbaren bei weitem sprengt.

Eine Scheibe Brot, hat man schon mal überlegt, wie viele Faktoren, Bedingungen und Umstände dazu gehören, bis eine Scheibe Brot auf dem Teller liegt? In früheren Zeiten dankte man dem lieben Gott für das Brot auf dem Tisch. Dieser Dank war der Tatsache geschuldet, dass man einerseits angesichts drohender Hungersnöte, der mühsamen Arbeit für die Lebensmittelgewinnung überhaupt tatsächlich noch eine verständliche Wertschätzung für so etwas einfaches wie Brot hatte.
Zum anderen wollten oder konnten die Menschen gar nicht die dafür notwendige Denkarbeit leisten, tiefer in die Zusammenhänge hineinzusehen. Denn das Bedingt Abhängige Existieren, das allen Phänomenen zugrunde liegt und das der Buddha mit seinem kurzen Satz auf den Punkt bringt, ist nicht ganz so einfach zu erkennen. Von da aus war (und ist) die Verortung einer höheren, lenkenden Kraft wie die eines Gottes für diese, in früheren Zeiten so geheimnisvollen Vorgänge wie Pflanzenwachstum und Wetter nachvollziehbar.
Heute wissen wir um Genetik, Pflanzenschutz, Klima und metereologische Zusammenhänge, wir schauen sogar in quantenmechanische Vorgänge, die normalerweise verborgen ablaufen. Das ist aber immer noch nur eine sehr grobe, äußere Betrachtung des Abhängigen Existieren. Aber weiter mit dem Bild.

Man sieht Butter. Es handelt sich übrigens um eine französische Meersalzbutter. Um den salzigen Geschmack dieser Butter zu genießen, was ist dazu alles notwendig?
Abgesehen vom Salz, das aus den Salzpfannen der französischen Küste mühsam abgebaut wird muss diese Butter schließlich ihren Weg in deutsche Supermärkte finden.
Vom Honig im Glas
Sehen wir uns mal so etwas relativ einfaches wie den Honig im Glas, der im Korb zu sehen ist, genauer an. Dazu braucht es, ja was? Wo beginnen wir eigentlich bei der Betrachtung des Phänomens Abhängiges Entstehen?

„Honig entsteht, indem Bienen Nektariensäfte oder auch andere süße Säfte an lebenden Pflanzen aufnehmen, mit körpereigenen Stoffen anreichern, in ihrem Körper verändern, in Waben speichern und dort reifen lassen“ (Wikipedia).

Tja, das wäre die einfache Seite. Andererseits braucht es Menschen, die diesen Honig sammeln, Imker nennt man diesen Handwerker. Es braucht die technischen Geräte, mit denen er die Honigwaben zentrifugiert. Dann braucht es einen Glaser, der die Gläser herstellt, denn wo könnte man sonst den Honig hineintun. Das Glas auf dem Bild hat einen Plastikdeckel, da braucht es also auch noch den richtigen Fabrikanten, der den entsprechenden Kunststoff verarbeitet.
Ob in das so hergestellte Glas am Ende Honig, Erdnussbutter oder Nutella, wie auf dem Bild zu sehen, hineinkommt, spielt dabei weniger eine Rolle.

Aber ich habe gefragt, wo beginnen wir bei der Betrachtung des Phänomens Abhängiges Erscheinen? Bleiben wir beim Honig.
Die derzeitige Diskussion um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat rückt die Tatsache, dass wir eine Pflanzenvielfalt für eine gesunde Umwelt brauchen, zunehmend in den Blickpunkt. Denn die Monokultur der Landwirtschaft und schließlich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln selbst führte in den letzten Jahren dazu, dass Bienen es zunehmend schwer haben, Pflanzen zu finden deren Blüten sie nutzen können und überhaupt zu überleben.
Ohne eine Vielfalt an Pflanzen keine Insekten. Keine Bienen. Kein Honig.

Bis Honig in seiner bekannten Form auf dem Tisch stehen, zu dem Preis, wie wir ihn kennen, braucht es also tatsächlich eine unglaubliche Vielzahl an Faktoren, die zusammen spielen, die perfekt passen müssen. Angefangen von den Umweltbedingungen bis zu den menschlichen Leistungen.
Von Nutella und Dinosauriern 
Honig ist noch eine der einfachsten Dinge, die auf dem Tisch zu sehen sind. So wie das Brot auf dem Teller.
Obschon auch hierüber eine lange Geschichte zu erzählen wäre. Ganz zu schweigen von dem Schwarztee oder der Nutella. Das Plastik, aus dem die Deckel und die Folien gearbeitet sind, ist dann eine noch kompliziertere Geschichte. Kunststoff ist das Produkt eines komplexen Zusammenwirkens von Erdgeschichte, Umwelt, technischer Hochindustrie und menschlichem Einfallsreichtum.
Wo beginnt man hier mit dem Abhängigen in Erscheinung treten? Vielleicht bei den Dinosaurieren. Was haben die mit unserem Plastikdeckel zu tun?

Zwischen 400 Millionen und 100 Millionen Jahren vor unserer Zeit wucherte das Leben auf unserem Erdball in einer Art, wie wir uns das nicht vorstellen können. Riesige Urwälder und Tiere, viele Saurier, die über 200 Millionen Jahre lang den Ton angaben, in den Meeren wimmelte es von Kleinstlebewesen und Pflanzen. All diese organische Materie starb natürlich immer und immer wieder, wurde geboren oder entwickelte sich, bedeckte den Boden, wurde untergepflügt und mit Kontinentalverschiebungen in die Tiefe verfrachtet. Bis irgendwann aus dieser gigantischen Masse mehr oder weniger tief unten mittels Druck und Temperatur Erdöl wurde. In den letzten 150 Jahren fand der Mensch Techniken, dieses Öl zu nutzen. Dazu ersann er Methoden, dies zu gewinnen, es umzuwandeln, es als Treibstoff zu nutzen, in Granulat zu pressen, er erfand Maschinen, die Formen gossen und so weiter und so fort. Ein jeder Kunststoffdeckel auf einem Honigglas ist also nichts weiter als jahrmillionenalte einstmals organische Substanz, ein Zusammenspiel aus Umwelteinflüssen und Produkt einer menschlichen geistigen und körperlichen großartigen Leistung. Wie man sieht, es braucht nicht den Rückzug auf ein göttliches Prinzip, um Dinge, wie sie sind wertzuschätzen. Einfach nur, weil sie sind wie sie sind. Und das ist schon mal weit mehr, als man es auf diese einfache Art, wie ich es jetzt getan habe, durchdringen kann. Wie nochmal hat es der Buddha einst so trefflich formulierte: „Wenn dies existiert, ist jenes“. Wie wahr.

So viel kann man, wenn man will, auf einem Frühstückstisch entdecken. Allerdings ist dies nur eine sehr grobe Betrachtung. Die aber etwas verstärkt in den Blickpunkt setzen kann: Die Fähigkeit zur Wertschätzung für das, was uns umgibt.

Ende Teil I

Yin und Yang – Teil III, geschrieben von Sacriba

Samstag, 14. April 2018

Da Sex nicht mehr ausschließlich auf Fortpflanzung abzielte, sondern auf den sozialen Zusammenhalt der Gruppe, entwickelten sich zahlreiche sexuelle Spielarten, die aus Sicht der Fortpflanzung keinen Sinn ergeben, und aus deren Blickwinkel als überflüssig erscheinen. Das berühmteste Beispiel ist Homo- und Bisexualität.
Für die Fortpflanzung ist sie irrelevant, die biologisch ja nur über Hetero-Sex möglich ist. Aus Sicht des sozialen Zusammenhalts ist sie eine großartige Entwicklung: Denn Menschen, die bisexuell sind, können grundsätzlich mit den meisten der anderen Gruppenmitglieder lustvollen Sex haben und so die meisten positiven sozialen Vernetzungen aufbauen. Menschen, die rein homosexuell sind, können Druck aus der Gruppe nehmen, indem sie lustvollen Sex haben können, der garantiert keine Nachkommen produziert.
So bekommt die Gruppe in Notzeiten nicht noch mehr Mitglieder, während der soziale Zusammenhalt, der ja gerade dann wichtig ist, weiterhin gestärkt wird.
Die Prinzipien Yin und Yang entwickelten sich mit der neuen Situation mit:
Geht es um Fortpflanzung, ist Yang als das gebende und anstoßende Prinzip die Seite, die Spermien produziert, und Hindernisse überwindet, um diese zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen.
Yin ist als das aufnehmende und wandelnde Prinzip die Seite, die die Spermien aufnimmt, schwanger wird, und neues Leben gebärt. Wenn die Fortpflanzung aber nicht mehr Ziel des Sex ist, oder im Fall von Homosexualität gar nicht passieren kann, macht es keinen Sinn mehr, Yin und Yang so zu beschreiben.

Allerdings änderte das nichts am Ablauf von Sex: Die Körper, die Geschlechtsorgane, und die biologischen Prozesse hinter der sexuellen Lust sind schließlich immer noch dieselben, auch wenn am Ende keine Schwangerschaft herauskommt. Yin und Yang entwickelten sich daher in Richtung der einen Eigenschaft, die sich geändert hatte, also worum es bei Sex zum Spaß vorrangig geht – der Entstehung von lustvollen Gefühlen für alle Beteiligten: Eine Seite gibt und stößt an, die andere Seite nimmt diese Stöße auf und wandelt sie in sexuelle Lust um, die sich auch für die gebende Seite lustvoll anfühlt. Das macht die aktive Seite, die gibt, zum Yang. Und die passive Seite, die aufnimmt, zum Yin.

Da aber alle sexuellen Orientierungen vertreten sind, und somit auch zwei gleiche Geschlechtsorgane aufeinander treffen können, entscheidet sich diese Verteilung nicht mehr daran, wer welches Geschlechtsmerkmal hat, sondern wer eine Handlung als aktiver Mensch durchführt, und wer diese als der passive Mensch in sich aufnimmt.

Beispiele:
Hetero-Sex:
Mann stößt Frau mit seinem Penis: Mann = Yang, Frau = Yin
Frau reitet Mann, Mann liegt still: Frau = Yang, Mann = Yin
Homo-Sex:
Frau fingert weitere Frau: Aktive Frau = Yang, Frau, die gefingert wird = Yin
Mann hat Analverkehr mit weiterem Mann: Mann, der fickt = Yang, Mann, der sich ficken lässt = Yin

Nun gibt es aber noch einen Unterschied zwischen den erwähnten besonders intelligenten Tierarten und der Tierart Mensch:
Während Tiere mit einem Gegenüber mittels Körpersprache und einigen Lauten kommunizieren, hat beim Menschen die verbale Sprache einen wesentlich größeren Teil der Kommunikation übernommen. Obwohl auch beim Menschen die nonverbale Kommunikation nach wie vor die meisten Informationen transportiert, hat die verbale Kommunikation einen so großen Stellenwert, dass sie Yin und Yang beim Sex beeinflusst hat. Über verbale Sprache können Menschen beim Sex nämlich “spielen”, also wie bei einem Spiel Regeln im Konsens ausverhandeln, nach denen der Sex dann abläuft. So können die obigen Handlungen in einen ganz anderen Kontext gesetzt werden.

Zur Wiederholung:
Yin ist das aufnehmende und wandelnde Prinzip
Yang ist das gebende und anstoßende Prinzip

Durch verbale Sprache kann aus der gebenden Seite eine werden, die nicht nur die körperlichen Handlungen, sondern auch einen Teil oder sogar die gesamte lustvolle Situation “gibt”, diese also herstellt und dann Regie führt. Die aufnehmende Seite wiederum nimmt nicht nur die körperlichen Handlungen auf, sondern folgt den Regieanweisungen, soweit für sie lustvoll, und wandelt so die Fantasie des “Regisseurs” in realen, für alle Beteiligten lustvollen Sex um.

Die Zusammenfassung aller sexuellen Spielarten, die auf diese Weise funktionieren, hat im eurozentrischen Kulturkreis die Bezeichnung BDSM bekommen. Der Einsatz von Regeln und Kontrolle durch verbale Sprache kann die Position von Yin und Yang im Vergleich zu den körperlichen Handlungen sogar umkehren:

Ende Teil III

Ich habe Interesse… – Teil I, geschrieben von Chris

Samstag, 07. April 2018

Du hast die Gruppe oder Person gefunden, bei der du gern um Aufnahme für ein Wicca-Training bitten möchtest. Was nun?

Im Netz gibt es eine Menge Artikel darüber, wie man die für sich richtige Tradition oder Gruppe findet und dabei die „faule Eier“ von vornherein aussortiert. Ein Neuling erfährt jedoch nur sehr wenig darüber, wie man sich seinem potentiellen Lehrer am Besten vorstellt und was man dabei besser vermeiden sollte, um ernst genommen zu werden. Seit ich einen Wicca-Fernkurs als Tutor betreue, habe ich eine Menge Gesuche von Menschen bekommen, die in der Kunst ausgebildet werden möchten, und möchte daher meine Erfahrungen mit euch teilen – vor Allem, um zukünftigen Interessenten wichtige Hilfestellungen zu geben.

Lass uns beginnen…

Gut. Du hast die Gruppe oder Person gefunden, bei der du gern um Aufnahme für ein Training bitten möchtest. Was nun? Zunächst einmal möchte ich dir eine wichtige Sache zu bedenken geben: Wicca ist eine Tradition, die nicht aktiv nach Mitgliedern sucht. Ganz im Gegenteil – nur bestimmte Menschen, die gewisse Voraussetzungen erfüllen, kommen für uns in Frage. Es heißt nicht umsonst, dass Wicca nicht für jeden gemacht ist. Das heißt jedoch nicht, dass wir uns als Elite empfinden und auf andere hinabsehen. Ein potentieller Kandidat kann falsch für diese bestimmte Hexentradition sein, aber eine echte Bereicherung für eine andere – oder eine hervorragende Solohexe! Wir würden ihm also keinen Gefallen damit tun, ihn in eine Richtung zu zwingen, die sich nicht mit seiner Grundpersönlichkeit verträgt. Ich bin stets bemüht, einem Anwärter genau das mitzuteilen, wenn ich diesen Eindruck habe.

 

Wo finde ich einen Lehrer?

Der Komplettheit halber möchte ich kurz darauf eingehen, wie man mit verschiedenen Gruppen in Kontakt kommt.

Wiccas mögen nicht aktiv nach Mitgliedern suchen, aber viele Gruppen und Lehrer haben sich bereit erklärt für Suchende offen zu sein. Zu diesem Zweck haben sie Webseiten erstellt oder ihre Kontaktdaten sind auf offen zugänglichen Listen oder in Foren zu finden. Im Fall von Silver Circle Deutschland ist es einfach. Man kann uns über unsere Webseite anschreiben. Auch andere Netzwerke, wie Wicca Berlin sind einfach zu kontaktieren. Ein weiterer Weg, in Deutschland traditionelle Wicca zu finden, bietet das Forum Hexenzirkel.info. Außerdem gibt es auf Facebook Gruppen wie Gardnerian Wicca Seekers and Initiates, wo man eine Liste von Covens und Lehrern findet, die gern Neulinge annehmen.

 

Wie verfasse ich mein Gesuch?

Zunächst einmal: all diese Gruppen erwarten, dass Leute auf sie zukommen – also keine falsche Zurückhaltung! Es ist okay, etwas von ihnen zu wollen, aber gib dir ein wenig Mühe beim Verfassen deiner ersten Nachricht. Das sollte eigentlich selbstredend sein, ist es aber im Zeitalter von WhatsApp und Snapchat wohl nicht mehr. Ich habe in der Vergangenheit E-Mails bekommen, in denen wortwörtlich „Ich habe Interesse…“ stand. Kein Hallo, kein Betreff, kein Gruß.

Also hier meine Tipps, was du tun kannst, um nicht gleich an den kleinen Dingen zu scheitern:

Sei formell. Ein wenig Form hat noch niemandem geschadet. Anrede, Betreff und ein Gruß am Ende sollten selbstverständlich sein. Ebenso sollte eine E-Mail in ganzen Sätzen und möglichst fehlerfrei formuliert sein. Ein Korrekturprogramm über einen Text laufen zu lassen, ist heute eine Sache von Sekunden. Du findest das überzogen? Vielleicht. Aber es macht definitiv einen besseren Eindruck und kostet kaum Zeit.

Sei höflich. Du möchtest etwas von der Person, die du anschreibst, nicht umgekehrt, also sei nett. Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen sich selbst jegliche Chance auf eine Annahme verderben, indem sie auf gut Deutsch gesagt kackendreist daher kommen, und eine Ausbildung regelrecht verlangen. Vielleicht denkst du, ich habe nur auf dich gewartet? Glaub mir, das habe ich nicht, denn ich kenne dich höchstwahrscheinlich nicht einmal. Und abgesehen vom potentiellen Lehrer selbst hat auch die Tradition einen gewissen Respekt verdient, findest du nicht auch? Es stimmt, dass Höflichkeit eine schwindende Kunst ist, aber das ist die Hexerei auch.

Sei eindeutig. Sag was du willst, wofür du dich interessierst, was du erwartest. Das hilft dem Lehrer zu erkennen, wie er dir helfen kann.

Sei informiert. Mach deine Hausaufgaben. Es kommt immer gut, über die Tradition des Lehrers informiert zu sein und am besten darüber hinaus auch schon eine Menge über Wicca im Allgemeinen zu wissen. Ein Anwärter, der Gardnerian Wicca nicht von Reclaiming oder O.T.O. unterscheiden kann, wird von mir erst einmal wieder auf die Wiese gesetzt (so bezeichne ich den Ort, wo er erst einmal das nötige Vorwissen in sich aufnehmen und in aller Ruhe wiederkäuen kann, bis ein gewisses Verständnis vorhanden ist).

Sei authentisch. Schreibe etwas über dich selbst, um dem Lehrer ein Gefühl für deine Persönlichkeit zu geben. Es ist übrigens ein Trugschluss, dass man dafür gut schreiben können muss. Ich achte weitaus mehr darauf, ob ein Gesuch authentisch, sympathisch und persönlich wirkt, als darauf, dass jede Formulierung ausgefeilt ist.

Und zuallerletzt, nachdem du dein Gesuch abgeschickt hast: Sei geduldig! Die Person, der du schreibst, hat vermutlich noch ein Leben außerhalb von Wicca, und da kann es schon mal dauern, bis du eine Antwort erhältst. Ganz wichtig: in der Zwischenzeit mit den Hufen zu scharren ist nicht schlimm. Aber lass den Lehrer deine Ungeduld nicht spüren. Wicca ist ein Weg, auf dem man sich ohnehin viel in Geduld üben muss, und wenn du es nicht schon zu Anfang aushältst, vierzehn Tage auf eine Antwort zu warten, ist dieser Weg vielleicht grundsätzlich nichts für dich.

Ende Teil I

Wenn man auf ganz alten Pfaden wandelt – Teil II geschrieben von Christian

Samstag, 31. März 2018

 

Erster Eindruck als wir auf dem Wall ankamen: eine eher sanfte Anhäufung von Erdmaterial. Links befand sich die Siedlung, rechts fällt das Gelände steil zur Schwechat im Helenental ab. Lediglich die Geradlinigkeit gibt Preis, dass es sich hier um eine von Menschenhand errichtete Konstruktion handelt.

Aber bevor wir darüber sprechen, wollen wir uns dem vorchristlichen Wall zuwenden. Als mein Bruder und ich in der Gegend ankamen, die uns vom Museumsdirektor Rudolf beschrieben wurde, mussten wir bald den ausgetretenen Wanderweg verlassen und uns durch dichtes Gestrüpp arbeiten, bis wir schließlich zuerst einem sanften Anstieg folgten, der dann relativ abrupt ins Schwechattal abfiel. Zuerst war nichts Außergewöhnliches zu vermerken, nichts was eine von Menschenhand errichtete Konstruktion andeuten würde. Bis wir uns um 90 Grad wandten. In diesem Moment wurde offensichtlich, dass wir uns auf dem Wall befanden. Als wir nämlich die leichte Anhöhe der Länge nach betrachteten, bemerkten wir, dass diese über hunderte Meter einer schnurgeraden Linie folgte. Die eindeutig geometrische Rundung und die Geradlinigkeit schloss ein natürliches Entstehen dieser Landschaftsform aus, war eindeutig von Menschenhand errichtet.

First impression when arriving at the rampart wall. Rather mellow (left is where the dwelling was, to the right the landscape falls down to the valley „Helenental“ with the „Schwechat“ river}. Only the straightness for about 100 meters indicates that it’s not a natural structure.

Ein Bereich wo die Aufschüttung besser erkennbar ist.

Und in diesem Moment wurde uns auch klar, dass wir auf einem Stück Erde standen, dass unsere Ahnen zwischen zwei und dreitausend Jahren vor uns aufgehäuft hatten. Damals patrouillierten Krieger entlang der Bastion, die Schilder über ihre Schultern gehängt, sich angeberisch über ihre heldenhaften Taten im Krieg und im Bett unterhaltend; andere wiederum standen Wache, an ihre Speere gelehnt und das Tal zu ihren Füßen beobachtend; Kinder spielten dereinst am Fuß des Walls, und stachelten sich gegenseitig an, das Verbotene zu tun, nämlich auf die Barrikade hinauf zu laufen um auch für einen Moment Krieger zu sein; Liebespaare könnten sich im Schatten des Walls in mondlosen Nächten geküsst haben. Und mein Bruder und ich standen einfach da und sorgten Geschichte über die Fußsohlen in uns auf.

 

Ein Eckpunkt der Wallanlage. Hier könnten durchaus Wachen gestanden haben. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Abhang bis ins Tal geschlägert und von Buschwerk befreit war, damit man jede Bewegung unten beim Fluss erkennen kann.

Als es Zeit war zu gehen, entschlossen wir uns nicht wieder direkt zum Wanderweg zurückzugehen, sondern dem Wall entlang zu marschieren. Wir wussten zwar nicht, wo genau wir hinkommen würden, aber das Gebiet ist so überschaubar, dass man sich nicht verirren kann. Was wir nicht erwartet hatten war, dass, nachdem der zuerst kerzengerade Wall sich später in einer sanften Kurve nach links wandte, er tatsächlich den Wanderweg kreuzte. Letzterer schnitt einfach durch die Aufschüttung. Wir hatten, als wir zuvor in das Gebiet gekommen waren, gar nicht bemerkt, dass dies der Fall war. Wir sahen einander an und fragten uns, wie viele tausende Menschen da schon durchgewandert waren ohne zu realisieren, dass sie gerade durch einen von unseren Vorfahren vor zig-tausend Jahren errichteten Wall hindurchgingen.

Obwohl, es musste in früheren Zeiten einmal ein Wissen um die Wehranlage gegeben haben, da der Flurname des Ortes „Burgstall“ ist. Obwohl es dort keine Burgruine gibt, oder irgendwelche Hinweise, dass dort einmal eine stand. Hatten die Leute im Mittelalter noch um den Verteidigungswall gewusst?

 

Das gelbe Oval zeigt die Stelle vom Burgstall an. Rechts die westlichen Ausläufer der Stadt Baden.

Nicht nur der Wall selbst, und die steile, vom Tal zu ihm hinaufführende Böschung trugen zum Schutz der Bewohner der Ansiedlung bei.

 

Gelber Punkt: Chateau de Thuriès nahe Pampelonne, Frankreich, den Galliern als Uxellodunum bekannt (uxellos: hoch und dunum: Hügelbefestigung). Dort kämpfte der Rest der von Vercingetorix aufgestellten gallischen Streitmacht ihre letzte Schlacht gegen Caesar, nach dem Debakel von Alesia

Auch der Verlauf des Flusses selbst bot den Menschen dort Sicherheit. Wie in der Karte zu sehen ist, windet sich die Schwechat dort in einer Schleife um den Burgstall. Und wenn Sie jetzt erraten haben, dass wir bei heiligen Landkarten angelangt sind, liegen Sie richtig. Zwar dient die Schleife durchaus auch militärischen Zwecken, so ist doch auffallend, dass solche Orte bei den Kelten ganz besonders beliebt waren. Graham Robb, ein britischer Radfahrer und Historiker hat sich die Mühe gemacht, das Gallische Frankreich zu „vermessen“, und das alles in einem Buch „The Ancient Paths“ detailliert beschrieben. Das untenstehende Bild zeigt eine befestigte Stadt der Gallier an einer ähnlichen Stelle.

Für mich persönlich ist das hervorragendes Material um im Lehnstuhl vor dem Feuer im offenen Kamin zu sitzen und Betrachtungen über unsere Vorfahren anzustellen. Wenn Robb recht hat mit seinen Theorien der Druidenmathematik und –geografie, kann es sein, dass deren Vorfahren bereits um solche Stellen wussten. Wir werden es wahrscheinlich nie wissen, aber es ist immer spannend darüber zu sinnieren.