Archiv für die Kategorie ‘Kreuz und Quer’

„Ein Treffen mit Dayonis – Teil III , geschrieben von Morgana, übersetzt von Anufa, bearbeitet von Chris“

Samstag, 12. August 2017

Wie so oft ist britisches praktisches Denken und Pragmatismus am Werk. Das ist für mich einer der Aspekte des Gardnerischen Wicca, den viele Leute schwer zu begreifen finden. Wir sorgen dafür dass „es funktioniert“ und erfinden Dinge aus dem Stehgreif. Wir veräppeln gern Leute aber wir haben auch eine gewisse Überheblichkeit, die sich oft in unserem Sprachgebrauch zeigt. Jeder, der schon einmal die Online-Listen „Was Briten sagen … und was sie meinen“ gesehen hat, wird genau wissen, wovon ich hier spreche. 

Also, nein, wir haben keine standardisierte „spezielle rote Kerze“ – wir können aber eine rote Kerze haben, die speziell ist …

Aber ich schweife ab, noch eine typisch britische Gewohnheit.

Dayonis und ich verstanden uns so gut, dass sie mich einlud, sie länger zu besuchen – was ich im Oktober 2016 tat. Was für eine wunderbare Woche wir hatten! Vierzig Jahre Neuigkeiten aufzuholen war eine Herausforderung, aber wir konnten eine ganze Menge teilen. Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich vorher noch kein so außerordentliches Paar getroffen habe! Seit 60 Jahren verheiratet und sich immer noch so zugetan. Sie interessieren sich immer noch beide für die Welt und lesen jeden Tag die Zeitungen. Ich war während der Endphase der Präsidentenwahl im November dort und wie sprachen über die unterschiedlichen Kandidaten, die Skandale und die Schlammschlachten, aber auch über den Effekt des Brexit und den erstarkenden Rechtspopulismus in Europa.

Obwohl Dayonis jetzt Amerikanerin ist, ist sie in ihren Anschauungen immer noch sehr britisch. Wir ähneln uns in dieser Hinsicht sehr – wir haben beide das Vereinigte Königreich in unseren Zwanzigern verlassen – und haben beide in unserer Wahlheimat eine neue Nationalität angenommen. Wir sprachen auch eine Menge über unsere englische Erziehung, obwohl wir beide in Wales geboren waren. Und auch über unsere ununterbrochene Liebe für BBC Dramas, beispielsweise.

Dayonis wurde am 20. März 1931 in Cardiff geboren. Nach Fred Lamond, den Dyonis zu Imbolc 1957 einweihte, hat Gerald Gardner Reportern einmal erzählt, dass Dayonis „aus einer Hexenfamilie stammte. Sie sah mit ihrem Elfengesicht auch so aus, als ob sie geradewegs aus einem Arthur Rackham Bild käme.“
Zufällig war es auch Fred, der Dayonis ihrem späterem Ehemann vorstellte. Sie trafen sich alle bei „Mensa“ (in England 1946 gegründet), als Dayonis dort bei der Gesellschaft einen Vortrage hielt. Er und Fred waren zwei Gründungsmitglieder der Mensa Gesellschaft. Dieses Treffen war 1959. Sie heirateten im September 1959, eine Woche, bevor sie nach Kanada auswanderten.

Als Dayonis in die Craft kam, war sie jedenfalls die Freundin von Jack Bracelin und er wurde später ihr Hohepriester. Sie wurden beide 1955 eingeweiht. Jack wurde von Barbara Wickers initiiert und Dayonis von Gerald Gardner. Sie war 24 Jahre alt. Sie wurden Teil von dem was später der „Bricket Wood Coven“ genannt werden würde.

Sie erinnert sich:

Wir waren nur eine Gruppe an Leuten, die etwas gefunden hatte, das zu ihnen passte und wir folgten „ihm“ dorthin, wohin „es“ uns führen sollte. Das war so eine Menge an Zufällen, die alle auf einmal passierten. Wir schienen alle nach etwas zu suchen und die Craft wurde genau das, was wir gesucht hatten. Das war das Gefühl der Gemeinschaft und des sich sehr, sehr Mögens, im Großen und Ganzen eine gute Zeit zusammen zu haben. Die Craft war damals sehr intim, weil wir nur sehr wenige waren, die sie ausübten.

Bricket Wood fing wirklich mit Jack an. Er war derjenige, der Geralds Buch „Witchcraft Today“ (herausgegeben 1954) gefunden hat. 
Jack sprach mit Gerald und das war der Anfang des Bricket Wood Coven. Er und ich waren zu dieser Zeit zusammen und wir hatten beide Geralds Buch gelesen. Wir fühlten, dass die Craft zu finden, ein „nach Hause Kommen“ war. Als Jack mich Gerald vorstellte, fiel alles an seinen Platz. Wir gingen nach Bricket Wood hinauf, sahen das Hexenhaus und Gerald sagte uns, wie wir uns organisieren könnten um die Leitung des Five Acres Club zu bewerkstelligen.
Tatsächlich war es Jack, der die Basisarbeit leistete. Er war der Arbeiter und er arbeitete unglaublich hart. Im Hexenhaus legte er den Fussboden; er malte die Begrenzung des Kreises, den wir benutzten, auf den Boden und markierte die Himmelsrichtungen. Er war eigentlich der Leiter.“

Über Jack sagte sie: „Er war nett, ein bisschen anders als die meisten Leute. Er trank sehr viel Tee und war wirklich sehr angenehm. Jack war freundlich und freigiebig, wirklich eine nette Person. Er suchte, er suchte wirklich, nach etwas Spirituellem. Er war sehr unterstützend. Wenn man etwas brauchte, etwas erledigt werden sollte oder man etwas wissen wollte, dann fragte man Jack.“

Wenn sie von Jack redete, dann erinnerte sich Dayonis auch wie er dabei half, das berühmte Hexenhaus, „Witch´s Cottage“ herzurichten. – „ Es war sehr schlicht. Es war ein einziger Raum. Jack legte einen neuen Fußboden, strich diesen dann schwarz und malte dann in weiß einen Kreis mit 9 Fuß Durchmesser auf, mit Markierungen, wo die Himmelsrichtungen waren. Die Außenbegrenzung war zwei Inches breit und gab mir die Begrenzung an, wenn ich herumging um den Kreis zu erschaffen. Es gab eine Truhe, die wir als Altar nutzten, und in der wir die Dinge aufhoben, die für den Altar benutzt wurden. Das war´s. Wir hielten es einfach.“

 

Ende Teil III

Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie – Teil II, geschrieben von Sue

Samstag, 05. August 2017

Wahrscheinlich werden sich die meisten jetzt fragen:

Aber WO bitte bleibt jetzt die VERWANDLUNG?

Nun, die meisten Sagas kennen verschiedene Arten der Verwandlung. Von der körperlichen, bis hin zur geistigen oder astralen Verwandlung ist alles möglich. Wenn man die Verkleidung und die körperlichen Symptome zusammennimmt, kann es den damaligen Menschen auch gut wie eine „richtige“ Verwandlung vorgekommen sein.

Vendel-period bronze plate discoverd on Öland (Torslunda socken), Sweden. Image credit: Benganshistoriasidor/wadbring.com/historia/index.htm

Interessant ist die Geschichte von Bödvar Bjarki (Bjarki = Bär), dessen menschliche Hülle bei einer wichtigen Schlacht wie schlafend im Zelt liegt, während er auf dem Schlachtfeld als gewaltiger Bär erscheint. Als man Bödvar weckt und bei seinem Namen ruft, verschwindet der Bär und Bödvar eilt aufs Schlachtfeld, wo er mit seinem König untergeht.

Eine weitere wichtige Frage ist wohl, wie diese Besessenheit zustande kam. Viele werden die wahnwitzigsten Theorien von Erbkrankheit über Drogen wie Pilze, Alkohol oder ähnliche Geschichten kennen.
Um es kurz zu halten: Man weiß es nicht. Für die Fliegenpilztheorie, die ich selbst für äußerst unwahrscheinlich halte, spricht lediglich, dass der Fliegenpilz auf Island bis heute Berserkssveppur heißt.
Ansonsten ist in den Breitengraden, in denen dieses Phänomen auftauchte, der Fliegenpilz nicht heimisch und auch seine Anwendung birgt so seine Tücken. So kann man seine Wirkung nie genau abschätzen. Und niemand braucht Krieger, die in der Schlacht anfangen, rumzukotzen oder Panikattacken bekommen. Versuche haben gezeigt, dass sowohl Alkohol als auch der Fliegenpilz den kämpferischen Fähigkeiten eher ab- als zuträglich sind. Auch ist nirgendwo in den Sagas die Rede von Drogen“genuss“. Auch die Berichte über das mehr oder weniger „zufällige“ Auftreten des Berserkerganges sprechen dagegen.

Meine Persönliche Theorie dafür ist, dass es eine vererbliche Bereitschaft dazu gab und es außerdem erlernt werden konnte. Es ist eine Art Trance IMO. Im Prinzip kann das jeder erlernen und mancher wird es aus Bedrohungssituationen her kennen, wenn man beispielsweise in der Schule verprügelt wird und sich in der höchsten Anspannung plötzlich vom Gejagten zum Jäger verwandelt. Es hat viel mit Adrenalin zu tun und ist eigentlich ein natürlicher Vorgang. Auch diverse Krankheitsbilder schließen sich nicht aus.
Für die Vererbungstheorie spricht, dass das Berserker-Phänomen meist in mehreren Fällen in der Familie auftrat, wie zum Beispiel in der Egil Saga. Schon über Egils Großvater Kveldulf (Abendwolf) hieß es: „Aber jeden Tag, wenn es Abend wurde, wurde er so unwirsch, dass niemand mehr mit ihm sprechen konnte. Das war nicht lang, bevor er zu Bett ging. Es hieß, er sei ein Gestaltwandler und die Leute nannten ihn kveldulf“. Bei Skalla-Grim, Egils Vater, spricht die oben genannte Geschichte mit dem Ballspiel Bände. Auch Egil steht beiden in nichts nach. Er wird als „so hässlich und schwarzhaarig wie sein Vater beschrieben“ und erschlägt schon als Kind einen seiner Spielkameraden. Als er auf Vikingfahrt fährt, besteht er viele Abenteuer wie durch ein Wunder nahezu unverletzt. In der Edda-Geschichte „Der Kampf auf Samsey“ muss sich der Held mit gleich 12 Berserkerbrüdern herumschlagen. Überhaupt treten Berserker gern zu 12t auf. Oft waren sie auch magisch oder kreativ begabt, was auch als Geschenk Odins angesehen wurde.

The Ugly Duchess – portrait by Quentin Matsys. Michael Baum, emeritus professor of surgery at University College London, suggested that the sitter had Paget’s disease of bone

Für meine Krankheitstheorie sprechen diverse Hinweise auf das Paget-Syndrom in Egils Geschichte. Das Paget-Syndrom hemmt den Knochenabbau, sodass die Knochen – vor Allem der Schädel – dick und wellig werden, was Schmerzen und auch Schäden am Gehirn verursachen kann. Dies kann unter anderem auch besagte Anfälle verursachen. In der Egils Saga heißt es, dass man Jahrhunderte später seinen Schädel gefunden habe und versucht hätte, ihn mit der Axt zu spalten, was aufgrund der Knochenbeschaffenheit aber nicht möglich gewesen wäre.

Aber auch psychische Störungen halte ich für durchaus möglich. Zum Beispiel die Intermittant Explosive Disorder, die zerstörerische Wutanfälle zur Folge hat. Oder diverse andere Störungen der Impulskontrolle.
Auch ihre gesellschaftliche Stellung ist sehr umstritten. Viele Könige umgaben sich mit diesen – doch manchmal sehr schwierigen – Zeitgenossen, und oft gehörten sie sogar zu seiner persönlichen Leibgarde. Andere wiederum waren von der Gesellschaft ausgeschlossen und verdienten sich ihren Unterhalt mit Überfällen oder Holmgängen (Duellen), wobei sie den Besitz des Verlierers einkassierten. Allgemein wurden Berserker von ihrer Gesellschaft wegen ihrer Unkontrollierbarkeit oft eher argwöhnisch beäugt.

Mit der Christianisierung gerieten sie noch mehr in Verruf. Es entstanden Legenden, in denen sie die Gegenspieler von Heiligen oder Bischöfen wurden und durch ein „Wunder“ von diesen vernichtet. Nach und nach wurden diese Brauchtümer verboten und auf Island 1123 sogar folgendes Gesetz erlassen: “ Wer sich in Berserkerwut versetzt, wird mit drei Jahren Verbannung bestraft“. Von da an waren diese Männer wie ausgestorben. Aber nicht die Grundidee des Gestaltwandels.
Aus den Wolfsfellen der Ulfhednar wurde der magische Gürtel, mit denen die Werwölfe des Mittelalters sich angeblich verwandeln konnten. Aus Odin, dem wütenden, aufhetzenden Sturm- und Kriegsgott, wurde der listige Satan, der immer auf der Suche nach neuen, schwachen Seelen ist um sie für seine Dienste einzuspannen. Auch die Geschichte des „Bärenhäuters“, der vom Teufel gezwungen wird, 7 Jahre ungepflegt außerhalb der Gesellschaft zu leben, mag vielleicht auf die Initiationsriten alter Kriegerbünde zurückführen. Es gab überhaupt einen sehr umfangreichen Fundus an Werwolfgeschichten und –mythen. Im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit gab es regelrechte Werwolfprozesse, die aber mehr als umstritten sind. Mit Beginn der ersten Forschungen in der Psychologie wurde aus der „lykantropie“ schnell ein Krankheitsbild gemacht. Heutzutage ist man mit solchen Diagnosen nicht so schnell bei der Hand, sondern lässt Menschen, die sich als solche sehen meistens in Ruhe, solange sie sich oder anderen nicht schaden. Dass das Thema bis heute die meisten Menschen sehr beschäftigt, sieht man allein schon an all den Filmen und Büchern, die es zu dem Thema gibt.

Wenn man mich abschließend fragen würde, ob es sie gibt?

Ja, es gibt sie meiner Meinung und vor Allem meiner Erfahrung nach. Menschen, die Tiere in sich tragen und sich auch in sie verwandeln können. Eng damit verwoben ist das Phänomen der Otherkin und der verschiedenen Spielarten dessen. Es gibt sogar vereinzelt Communities, in denen noch Berserker und Ulfhednar vertreten sind und sich austauschen (wobei meiner Meinung nach auch oft Kritik hinsichtlich Motivation und „Authenzität“ geboten ist). Unterschied zwischen Shapeshiftern und Otherkins wird übrigens überall anders beschrieben. Bis jetzt bin ich noch nicht richtig auf eine Erklärung gestoßen, die mir zusagt. Bin für jeden Input dankbar.

Wo ist der nächste Baum??

Samstag, 05. August 2017

Nicht umsonst werden die „Treehuger“ schon fast als eigene Spezies angesehen im esoterischen Pantheon …

 

Treehuger copyright Roadman

Lehrer – Meister – Gurus – Teil II, geschrieben von Stefan

Samstag, 22. Juli 2017

Die Macht des Meisters über den Schüler

So ein Meister oder Guru hat also eine immense ‚Macht‘ über den Schüler. Da der Schüler sich ihm (notwendigerweise) in diesen Dingen anvertraut, macht sich der Schüler sehr verletzlich, was auf Seiten des Meisters / Gurus zu einer großen Verantwortung führt. Dies ist (in diesem speziellen Kontext der Ego-Dekonstruktion) kein ‚Augenhöhe-Verhältnis‘ mit einem in der Postmoderne so beliebten ‚jeder ist zu 100% für sich selber verantwortlich‘!

Da, wo sich ein ‚Ich‘ gerade in Auflösung befindet (oder das zumindest von diesem Ich gerade so erlebt wird) wäre es absolut kontraproduktiv, von diesem Ich 100% Verantwortung für sich selber zu erwarten. Gerade in dem Abgeben der Verantwortung, in der Hingabe liegt hier ja die große Kraft!

Dass in Meister / Guru – Schülerbeziehungen was schiefgehen und es z.B. zu Fällen von Machtmissbrauch mit üblen Folgen für die Schüler kommen kann, ist leider keine rein theoretische Diskussion. Es gibt viel zu viele Fälle, in denen viel vermeidbares Leid entstanden ist.

Wie also können sich beide Seiten vor solchen (offensichtlich ja nicht seltenen und übrigens psychlogisch meist gut zu erklärenden) unheilsamen Dynamiken schützen, wie sie verhindern?

Im Integral Zen lösen wir das dadurch, dass der Meister (Roshi) nicht mehr (wie sonst im traditionellen Zen auch üblich) die absolute Hoheit und Entscheidungsgewalt in allen Bereichen hat. In ‚Erleuchtungsfragen‘ ist er ohne Zweifel die Autorität, was aber überhaupt nicht bedeutet, dass er irgendwas Sinnvolles zu irgendeiner anderen Entscheidung eines Schülers sagen kann. Deswegen hält er sich da auch schlicht raus.

Umgekehrt ist es sogar so, dass ja auch der Roshi seine Schattenarbeit machen muss und dazu seine ‚Spiegel‘ braucht, die ihn mit den Themen konfrontieren, die er (per Definition, wie erleuchtet er auch sein mag) selber nicht sehen kann. Damit das nicht in ein wildes ‚jeder macht hier mal jeden auf das aufmerksam, was er grad (beim Anderen) für einen Schatten hält‘ ausartet (ein in grünen oder Möchtegern-integralen Kreisen manchmal zu beobachtender Auswuchs), dafür haben wir unsere eigenen Methoden entwickelt, auf die ich hier aber aus Platzgründen nicht eingehen möchte.

 

Unterschied Roshi – Guru

Ein (aus meiner Sicht) wesentlicher Unterschied Roshi – Guru ist folgender:

Der Roshi ist das spirituelle Oberhaupt der Interal Zen Sangha und somit in spirituellen Dingen in der Wachstumshierarchie höhergestellt. Das bedeutet dann aber auch, dass es Mitglieder dr Sangha gibt, die ihm in anderen Fragen überlegen und in diesen Bereichen ‚machtvoller‘ als er sind. Geteilte Verantwortung mit klaren Rollen und Verantwortungsbereichen.

Meiner Erfahrung (mit Integral Zen) nach ist das eine sehr hilfreiche Konstruktion, mit der schon innerhalb der Sangha selber eine Art ‚Intervision‘ und gemeinsame kritische Reflektion der verschiedenen Rollen (auch der des Meisters!) möglich wird, wodurch Probleme oder Dynamiken, die zu den oben erwähnten Missbrauchsfällen führen können, (hoffentlich) im Ansatz erkannt und vermieden werden können.

Zudem gibt es noch die Bereitschaft zum Austausch und kritischen Reflektieren mit anderen Lehrern und Sanghas (‚Meta-Sangha spiritueller Lehrer‘), einfach aus der Erkenntnis heraus, dass auch Gruppen (Sanghas) ihre spezifischen Schatten bilden können, die sie dann selber nicht erkennen können und wozu sie einen ‚Spiegel‘ von außen brauchen.

Nach meinem Verständnis (und das mag falsch sein, es ist das, was ich als Außenstehender bisher wahrgenommen habe) ist das beim Guru-Schüler-Verhältnis anders: hier ist die Basis der Beziehung, dass der Schüler sich dem Guru zu 100% hingibt und ganz anvertraut, was dann jegliche Kritik am Guru eigentlich ausschließt.

So sehr mir auch klar ist, welche ungeheuer transformative Kraft diese 100%-Hingabe haben kann, so groß sind auch die damit verbundenen ‚Risiken und Nebenwirkungen‘.

Es braucht hier m.E. unbedingt auch einen Mechanismus, der es ermöglicht, mit Kritik am Guru (z.B. von Schülern erkannten Schattenanteilen, die der Guru selber übersehen haben könnte) konstruktiv und offen umzugehen. Nach meinem bisherigen Verständnis schließt sich das im Schüler-Guru-Verhältnis aber aus.

 

Nicht ‚absolut‘, sondern ‚relativ pro-Guru‘

Das ist dann auch genau der Grund, warum ich keine ‚absolut pro-Guru‘ sondern eine ‚relativ pro-Guru‘ Haltung habe.

Ich wünsche mir (und vor allem allen, die sich entscheiden, diesen Weg gehen), dass sie die ungeheuer positive Kraft, in in dieser speziellen Beziehung liegt, zu ihrer Transformation und zum Wohle aller Wesen nutzen können. Da bin ich eindeutig ‚pro-Guru‘.

Ich wünsche allen Beteiligten aber auch, dass die leider auch vorhandenen großen Risiken offen und (selbst-)kritisch angeschaut und diskutiert werden können. Dass alle Beteiligten sich immer wieder auf einen konstruktiven, offenen, lernenden Dialog miteinander einlassen.

Dazu müssen wir Beziehungen (Relationen) miteinander eingehen und uns aufeinander (und auf die Themen) beziehen (daher relativ). Das können wir m.E. am besten im Dialog. Den Dialog abzubrechen oder ihm aus dem Wege zu gehen ist in meinen Augen in den seltendsten Fällen eine gute Lösung.

 

Grow Up – Wake Up – Clean Up: gemeinsam im Dialog

Und ich wünsche mir, dass wir alle miteinander lernen, in diesen Dialogen zu unterscheiden, wann sich (mal wieder) unsere eigenen Ego-Präferenzen oder -Muster in den Vordergrund drängen und wann wir wirklich offen, nach der umfassenderen Wahrheit suchend aus dem ’nicht wissen‘ heraus sprechen.

Dass wir lernen, diese Dialoge zum Bestandteil unserer spirituellen (Wake Up) und Wachstums- (Grow Up) Praxis zu machen.

Dass wir liebevoll und annehmend damit umgehen können, wenn sich in diesen Dialogen Schattenanteile bemerkbar machen (was ja zuweilen vorkommen soll ;-)) und dass wir auch das als eine Einladung willkommen heißen, unsere Schattenarbeit (Clean Up) zu praktizieren.

 

Deswegen werde ich (hoffentlich) nicht müde werden, mich immer wieder für diese offenen Dialoge zu engagieren und ich wünsche mir einfach offene Bereitschaft dazu auf allen Seiten.

Lehrer – Meister – Gurus – Teil I, geschrieben von Stefan

Samstag, 15. Juli 2017

In einem Posting auf Facebook zu der zurzeit gerade sehr kontroversen Diskussion um das Thema ‚Guru‘ hatte Thomas Steininger mich als ‚absolut pro-Guru‘ („Stefan Schoch […] ist absolut pro-Guru und sehr respektvoll.“) bezeichnet.
Nein, ‚absolut pro-Guru‘ ist meine Haltung sicherlich nicht, ich würde sie eher ‚relativ pro-Guru‘ bezeichnen.
Was daran relativ ist und was ich mit meiner Haltung bezwecke, möchte ich in diesem Beitrag verdeutlichen.

Unterschiedliche Rollen: Lehrer – Meister / Guru

Als Erstes erscheint mir eine klare Differenzierung der Unterschiede Lehrer <> Meister / Guru wichtig.
Nach meinem Verständnis (oder der hier verwendeten Definition) ist ein Lehrer etwas ganz anderes als ein Meister oder Guru.
Von einem Lehrer möchte ich etwas lernen, er weiß oder kann etwas, was ich noch nicht weiß oder kann und das möchte ich gerne lernen. Dies ist eine sehr gewöhnliche (und von den meisten Menschen ohne weitere Schwierigkeiten akzeptierte) ‚Wachstumshierarchie‘: mein Mathe-Lehrer weiß mehr über Mathe als ich, ist mir in diesem Feld somit hiearchisch überlegen und ich kann mich seiner Fachkompetenz anvertrauen und von ihm lernen. Es gibt normalerweise keinen Grund, warum ich seinem Urteil oder seinen Entscheidungen (die Mathematik betreffend) nicht vertrauen sollte, im Gegenteil. ‚Partielle Hingabe‘ (die Mathematik betreffend) könnte man sagen.
In der Regel habe ich mich durch einen erfolgreichen Lernprozess aber auch nicht wesentlich verändert: ich kann oder weiß etwas besser, mein ‚Wesen‘ hat sich dadurch aber nicht wirklich verändert. Ich bin immer noch der oder dieselbe wie vorher, nur halt ein bisschen schlauer, wissender oder mit anderen Fertigkeiten ausgestattet.
Selbst wenn der Lehrer ein ziemlicher Idiot ist und der Lernprozess dadurch nicht erfolgreich, der potentielle Schaden hält sich in Grenzen: vielleicht habe ich Mathe nicht richtig gelernt und die Lust daran ist mir auch noch verdorben. Dass es mir in meiner Persönlichkeit schadet, damit ist eher nicht zu rechnen.
Ganz anders bei einem Meister oder Guru. Auch wenn es sicherlich ebenso der Fall ist, dass ich auch von einem Meister oder Guru etwas lernen kann (so würde ich z.B. davon ausgehen, dass mein buddhistischer Zen-Meister mehr über buddhistische Philosophie weiß als ich und auch in der spirituellen Entwicklungslinie weiter entwickelt ist als ich) so geht es hier im Wesentlichen doch um etwas ganz Anderes:
Die Aufgabe eines Meisters / Gurus ist die, mich in DIE unmittelbare Erfahrung / Erkenntnis des Seins, zum Erwachen, zur Erleuchtung zu (ver)führen.

Erwachen: dem Ego geht es ‚an den Kragen‘

Wie auch immer wie diesen Zustand (Erwachen, Erleuchtung) jetzt konkret definieren (ich finde hier ‚die Auflösung der ausschließlichen Identifikation mit dem Ego‘ hilfreich), klar ist, dass das was mit meinem Ego zu tun hat. Aus Sicht des Egos könnte man auch sagen, dass es dem Ego ‚gehörig an den Kragen geht‘. Weswegen so ein braves Ego normalerweise eine Menge gegen diese Erleuchtungs-Nummer einzuwenden hat. Meist fährt es dann meist eine von zwei Strategien (oder eine Kombination aus beiden): entweder sich dieses Projekt ‚unter den Nagel zu reißen‘ und sich zu einem spirituellen Ego aufzublähen (‚Ich bin ja schon sooo erwacht!‘), oder das Projekt auf eine andere, meist sehr geschickte und subtile Weise zu unterminieren und sich so ‚den Arsch zu retten‘. Unsere weit entwickelten Egos sind in der Regel so wahnsinnig geschickt, dass sie sich eine Menge einfallen lassen (was wir selber dann leider nicht so leicht bemerken), um sich weiterhin mit sich selbst oder zumindest irgendwas identifizieren zu können.
Ein ‚Ich‘, welches nichts mehr hat, wozu es ‚Ich‘ oder ‚mein‘ sagen kann (keine Identifikation mehr) hat ein Problem. Aus der Perspektive des Ich fühlt sich das so an, als würde es nicht mehr existieren. Keine angnehme Perspektive für so ein kleines ‚Ich‘.
Der Meister / Guru weiß um diese Zusammenhänge. Er hat seine ausschließliche Identifikation mit seinem eigenen Ego transzendiert und kann seine (immer noch vorhandenen!) Ego-Funktionen und -Fertigkeiten aus dieser Freiheit heraus nutzen.
Um dem Schüler jetzt bei seinem Erwachen zu helfen, braucht es zweierlei:
Einerseits die ‚Übertragung‘ (transmission, nicht transference!) des erwachten Zustandes auf den Schüler. Dazu braucht der Schüler einfach nur in der Nähe des Meisters / Gurus zu sein und sich der Unmittelbarkeit dieser Begegnung zu öffnen um zu erkennen, dass er / sie schon längst das ist, was er in dem Meister / Guru sieht. Das eine Bewusstsein, welches sich durch zwei Augenpaare anschaut und sich darin als sich selbst erkennt.
Andererseits wird ein ‚guter‘ Meister oder Guru auch mal mehr oder weniger harsche Interventionen anwenden, um dem Schüler zu helfen, die eigene Kontraktion oder Identifikation / Verstrickung mit dem Ego zu erkennen und zu lösen. Im Rinzai Zen nutzt der Meister dazu (im übertragenen Sinne) sein ‚Samurai-Schwert‘ und schlägt manchmal mit einem gut gezielten Hieb und mit laserscharfer Klinge genau das weg, was gerade dem Erwachen im Wege steht. Und das ist meist eine Identifikation mit dem Ego oder einem Ego-Anteil. Wird dieser Schlag nicht wirklich aus der absoluten Freiheit und Liebe heraus ausgeführt, kann er erheblichen Schaden beim Schüler anrichten.
Bei einem Guru-Schüler-Verhältnis gibt es nicht minder machtvolle Interventionen. Zu denen ich aber nicht viel sagen kann, da mir die persönliche Erfahrung fehlt.