Archiv für die Kategorie ‘Kreuz und Quer’

Über die Kraft echten Schamanentums, geschrieben von Frank

Samstag, 24. Juni 2017

Eine Kritik an neuzeitlichen Erklärungsprojektionen des Schamanismus

Schamanismus ist in aller Munde! So zumindest könnte man meinen, wenn man einen Blick in die »Esoterikszene« unserer Tage wirft. Diese führt schon lange kein Nischendasein mehr. Sie hat sich im Gegenteil zu einem regelrechten Boom gemausert, der inzwischen auch wirtschaftlich erhebliche Umsätze generiert. Umsatz aber wächst durch möglichst zahlende Kunden. Und die müssen durch geeignete Marketingstrategien motiviert werden. Hinzu kommt – dank einem entseelten und entzauberten Weltverständnis, welches sich im Westen durchgesetzt hat – ein spürbar wachsender und natürlich verständlicher Bedarf nach spirituellem Lebenssinn. Beides subsumiert sich und zieht durch größer werdende Massenverbreitung bedauerlicherweise eine gewisse Verflachung des alten esoterischen Denkens nach sich. Was früher eine »Wissenschaft und Kunst«, wenn nicht die Königsdisziplin praktischer Philosophie schlechthin war, ist heute problemlos für jeden zugänglich und kann, vermeintlich ohne großen Aufwand, praktiziert werden.

Auffällig ist das inzwischen nahezu beliebige und unkritische Vermengen verschiedenster esoterischer Ideen und Ansätze. Auch den Schamanismus hat diese Branche schon längst für sich entdeckt und in ihr Geflecht eingebunden. Der Markt ist in den letzten Jahren mit Publikationen zum Thema regelrecht geflutet worden. Eine aktuelle Googlesuche ergibt unter dem Stichwort »Schamanismus« weit über eine Millionen Ergebnisse. Zahlreiche Anbieter preisen bunte »Ausbildungssysteme« an. Die Zahl der dem Anschein nach praktizierenden – also Klienten beratenden und behandelnden – »Schamaninnen und Schamanen« geht alleine im deutschsprachigen Raum in die Tausende. Tendenz steigend.

Bezeichnend ist die Menge verschiedenster Meinungen und Ansichten, die mit dem Ausdruck »Schamanismus« verknüpft zu sein scheinen. Neben der auch hier vorherrschenden Durchmischung mit beliebigem esoterischen Gedankengut stechen manche Ideen besonders ins Auge. Rein psychologische Interpretationen des Schamanismus etwa. Oder die Reduktion auf reine »Energieparadigmen«. Von Geistern, Trancen oder Geisterwelten ist da teilweise gar keine Rede mehr. Oder diese im eigentlichen Sinne wahrhaftig schamanischen Konzepte werden esoterisch-psychologisch uminterpretiert.

»Jeder ist ein Schamane« – und das sei keine Frage der Begabung, der jahrelangen Ausbildung und persönlichen Entwicklung: Auch diese Ansicht scheint inzwischen weit verbreitet. Kein Wunder, mit derartigen Aussagen werben einige Ausbildungs-Anbieter ja auch seit Jahren ihre Kunden. Auch wenn es aus Respekt vor dem echten Schamanentum angebracht wäre: Wenn es ums Wirtschaftliche geht, scheint es wohl weniger erfolgversprechend, auf Faktoren wie »Begabung« oder gar »Berufung«, harte Arbeit oder eine mögliche lange Leidenszeit im Zuge echter Schamanenausbildung hinzuweisen. Oder auf die nicht unrealistische Möglichkeit des Scheiterns auf einem solchen Weg.

Dass hinter solchen Entwicklungen einmal mehr vor allem das Geldverdienen, weniger eine tatsächliche Realität steckt, das geht im Zuge esoterischen Konsumverhaltens leicht unter. Hauptsache, das Verlangen nach esoterischer Sinngebung, Märchenträumerei, Einhörnern, Drachen, Engeln und dem romantischen, hochweisen Schamanen, am besten erleuchtet und sowieso amerikanischer Ureinwohner, oder wenigstens als solcher verkleidet, vegan soll er oder sie bitte auch sein, wird irgendwie befriedigt.

Schamanenkonferenz copyright Frank

Wer als Klient zum Schamanen geht, der erwartet insgeheim gar nicht selten ein Bedienen der eigenen Erwartungshaltungen. Etwa, was Schamanismus gemäß der eigenen Vorstellungen, seien sie auch noch so oberflächlich oder verzerrt, denn nun zu sein habe. Solange das der Fall ist, ist alles gut. Schamanische Beratung soll möglichst das Klischee des erleuchteten Schamanen bedienen und die erhaltenen Auskünfte sollen bitte die sein, die man selbst ohnehin schon wusste. Und die dann auffällig oft das eigene Ego bestätigen und stärken. Heilung kann sowieso nie unbequem oder gar schmerzhaft werden. Tut sie es doch, ist der Schamane wohl noch nicht weit genug entwickelt, nicht erleuchtet genug, irgendwas derer Art. Dasselbe gilt, wenn die Ansichten des seit Jahren trainierten und erfahrenen Schamanen so gar nicht mit der Erwartungshaltung des esoterisch vorgebildeten Klienten übereinstimmen wollen.

Faszinierend bei all diesen Entwicklungen finde ich die hohe Wertung »persönlicher Ansichten«, und stehen diese auch auf noch so papierenen Füßen: Jeder hat aus seiner Sicht Recht, irren kann sich in der esoterischen Spiritualität genau genommen niemand, also kann auch niemand »falsche« Ansichten haben, falsche Aussagen machen oder falsche Werbeversprechen äußern. Die urtümlichen Gesetzmäßigkeiten des Schamanentums, die werden im Rahmen esoterischer Umerziehung durch »moderne« Vorstellungen ersetzt. Schamanentum ist nicht mehr das, was es ist – sondern was der Einzelne damit zu identifizieren glaubt. Mit der Forderung »nicht zu werten, das ist doch gänzlich unschamanisch!« hat sich esoterisches Denken eine geniale Rückschlagsicherung eingebaut. In der Esoterik und damit auch im hier versponnenen Schamanismus kann jetzt wirklich jeder wirklich jeden Quatsch öffentlich und im Brustton der Überzeugung verkünden. Wenn es unbequem wird in der Diskussion, wenn man sich auf Grund stärkerer Argumente eingestehen müsste, dass man wohl auf dem Holzweg gewesen ist: Nun was solls, auch das ist ja schließlich nur eine Meinung, und die gehört schließlich zu einem anderen Narren. Da interessiert es auch nicht, wenn dieser andere Narr tatsächlich mal ein mit allen Wassern gewaschener Schamane wäre, der auf zehn, fünfzehn, zwanzig oder gar dreißig Jahre Erfahrung zurückblicken kann. Wenn er oder sie mir als erfahrenen Esoteriker verkündet, meine Vorstellungen wären »falsch« oder hätten mit echtem Schamanismus nichts zu tun – nun, DAS kann doch gewiss kein Schamane sein. Er oder sie wertet ja!

Echtes Schamanentum

Die Realität schaut meiner Ansicht nach anders aus: Schamanismus, und also auch schamanisches Heilen, sind eben kein seichter Erlebnisraum für sonst nicht erfüllbare Märchenträumereien. Keine »sanfte Alternativ-Methode«, keine exotische Spielart westlicher Psychologie, kein leicht zu erschließender »spiritueller Lebensweg«, denn jeder ist ja an sich schon ein Schamane, man wusste es eben vorher nur nicht.

Es ist ganz im Gegenteil eine ausgesprochen wilde, kraftvolle Methode, die sich keiner persönlichen Wunschinterpretation, keiner westlichen Bildungsdoktrin und keiner »eigenen Meinung« beugt.

Schamanische Heilmethoden gehen tief ins System, bewegen Energie und Kraft, Psyche und Bewusstsein! Manchmal ist dafür viel Arbeit nötig. Manchmal genügen drei Sätze. Aber immer gilt: Echtes Schamanentum ist Effizienz, seine ersten und wesentlichsten Gebote sind maximale Wirksamkeit und deren Feststellbarkeit, mithin Empirie.

Schamanisches Heilen bekämpft vor allem Leid, Krankheit, Unglück. Damit das funktionieren kann, müssen Schamanen eine Mittlerposition zwischen mindestens zwei Welten einnehmen. Die eine ist die der Menschen. Die andere die der Geister. Diese uralte Wahrheit schert sich nicht um »moderne Esoterik«, um Erwartungshaltungen, was Schamanismus denn nun sein sollte, um psychologische, energetische buddhistische oder yogische Interpretationen. Das ist die schlichte und für viele so unbegreifliche Wahrheit.

Ende Teil I

Ein Treffen mit Dayonis – Teil II , geschrieben von Morgana, übersetzt von Anufa, bearbeitet von Chris

Samstag, 17. Juni 2017

Eingeweiht von Gerald Gardner, Mitte der Fünziger, war Jack Bracelin mein Hohepriester. Wir waren zu selben Zeit eingeweiht worden, wir leiteten zusammen den Bricket Wood Coven bis ich ihn 1959 verließ um zu heiraten, denselben Kerl mit dem ich immer noch verheiratet bin, die Göttin möge ihn segnen. Mein Buch der Schatten ist schon lang durch Feuchtigkeit und Insekten vernichtet worden, als wir in der Karibik lebten. Es war nur zwanzig Seiten dick und ganz schön skizzenhaft aber es hat verflixt gut funktioniert. Zumindest taten wir das als Coven. Lois war meine Maiden und ein beachtliches Medium. Wir ihr vielleicht alle wisst, habe ich mich zumindest auf diesen Foren vor ein paar Jahren geoutet und habe Californien dank Anna besucht. Ich schätze, wenn man all das Obige mit einbezieht, dann könntet ihr mich Urgroßmutter (durch die Macht von zwei nur zwei?) nennen und das ist der Titel, den ich am meisten mögen würde, jetzt, da ich die wirkliche Großmutter einer wunderhübschen Enkelin bin.

Habe Lois Bournes Buch “Dancing with Witches” gelesen und sie trifft im ersten Teil des Buches mit ihren Kommentaren zu Gerald ins Schwarze. Ich wusste von Idries Shah, traf ihn einmal als Jack mich mitnahm um ihn zu sehen. Er sah gut aus und war auch eine faszinierende Persönlichkeit! Zu ihren Kommentaren zur Volkskunde – ich habe sie nie wirklich sorgfältig gelesen – damit werde ich sie auch nicht kommentieren.
Liebe und seid gesegnet … Dayonis”
(Mit Erlaubnis wiedergegeben)

Für mich war das interessanteste Faktum an Dayonis Vorstellung, dass mir ihre Herangehensweise so bekannt und mit meinen eigenen Erfahrungen des Arbeitens in einem Coven vergleichbar war. Wir standen nicht auf Zeremonien und machten einfach weiter.

Es folgten mehrere andere E-Mails von langgedienten amerikanischen und europäischen Gardnerischen, die etliche Themen abdeckten. Viele waren damit befasst, was “richtig” im Sinne der Gardnerische Praxis war. Tatsächlich wurde die Liste so geschäftig, dass ich sie schon aufgrund der reinen Menge verließ.

Nach den anfänglichen Vorstellungen und üblichen Diskussionen über das Buch der Schatten, wurde es weniger interessant, einfach deshalb, weil so vieles von dem sich nicht auf das anwenden ließ, was in den Niederlanden geschah.

Auch gab es Listen und Foren die bei uns neu auftauchten. Mit einer Vollzeitarbeit und Craft-Aktivitäten beschäftigt, hatte ich einfach nicht die Zeit an diesen “transatlantischen” Diskussionen teilzunehmen.

Also vorspulen ins Jahr 2014. Ich war beschäftigt damit Pläne zu machen die URI (United Religions Initiative) und die PFI beim nächsten “Parlament der Weltreligionen” 2015 in Salt Lake City zu vertreten. URI würde einen Gästebereich einrichten und ich hatte angeboten zu helfen. Es gab die üblichen Facebook-Gruppen in denen Leute aus den unterschiedlichsten Organisationen interagierten. Zu meinem Erstaunen und meiner Freude stellte ich fest, dass Dayonis ebenfalls teilnehmen würde. Ich beschloss ihr eine persönliche Nachricht zu schicken und sie wissen zu lassen, dass ich ebenfalls teilnehmen würde … aber sie antwortete nicht. Wie auch immer, ich hatte keine Ahnung, dass Anna und Don auch teilnehmen würden (Don in seiner Funktion als URI Repräsentant) und Dayonis bereits gefragt hatten, ob sie mich und Vivianne Crowley, die auch am Parlament teilnahm, treffen wolle.

(Dayonis und Morgana beim Parlament der Weltreligionen, Salt Lake City 2015)

Wir sprachen über Abstammungslinien und die regelrechte Besessenheit, die Amerikaner diesbezüglich haben. Natürlich verstehen wir, warum das so geschehen ist und warum das nötig ist, aber wie Dayonis später anmerkte, “wussten wir nicht immer, was Gerald vor hatte.” Und wir wissen tatsächlich, dass Gerald viele Verbindungen hatte und viele Leute traf.
Ich hatte diese Erfahrung auch gemacht, wenn ich mich an meine eigene Initiation erinnerte und an den Coven, in dem ich ausgebildet wurde. Es erinnerte mich daran, wie Vivianne und ich uns das erste Mal trafen. Obwohl wir beide von Eleanor Bone “abstammten” und damit schlussendlich von Dayonis, wussten wir nur wenig über den Hohepriester und die Hohepriesterinnen der anderen. Wir wussten, dass sie alle geringfügig unterschiedliche Versionen des Buches der Schatten zu haben schienen. War das das Resultat schlampigen Kopierens? Oder waren die Dinge geändert worden? (Wir wissen, dass Dinge manchmal von GBG geändert wurden, manchmal von dem betreffenden Hohepriester/der Hohepriesterin). Dayonis erzählte mir später, dass sie sich öfters Jacks Buch ausborgte …

Das Gespräch war gefüllt mit wunderbaren Anekdoten. An einem Punkt sprachen wir auch über die Kerzen in den vier Richtungen – wir fragten Dayonis ob sie damals eine bestimmte Reihenfolge oder bestimmte Farben verwendeten. “Oh nein”, antwortete sie. “Wir haben nur weiße Kerzen verwendet …” Ich fügte hinzu, dass wir in unserem Englischen Coven blaue Kerzen verwendeten und Anna erinnerte sich an Doreens Kommentar “Wir verwendeten rote Kerzen für die Himmelsrichtungen – weil es da im Supermarkt ein billiges Angebot gegeben hat”. Alle platzten vor Lachen!

Ende Teil II

Runenstellen, geschrieben von Eibensang

Samstag, 10. Juni 2017

Auch schon mal dabeigewesen, wenn sich Leute eine Hand auf den Kopf legen, wodurch der Arm einen Winkel bildet und die damit eingenommene Körperhaltung in etwa die Form der Rune Wunjo nachstellt, die „Wonne“ bedeutet – die daraufhin Leib und Seele der dies Ausübenden durchfluten soll?

Ich probierte das auch, lange und immer wieder – mit dieser und anderen Runen… Spätestens bei etwas komplexeren, nicht so ganz der menschlichen Ergonomie entgegenkommenden Zeichen wie den Runen Sowilo, Mannaz, Dagaz oder auch nur Raidho (wackel-wackel…) empfand ich das Ganze eher als ungemütlich oder zumindest albern. Irgendeine „Wonne“ wollte sich jedenfalls nicht einstellen – weder bei dieser noch einer anderen Rune: nicht, wenn ich in mich hineinhorchte, was die Verrenkung mit mir machte und auch nicht, was ihre möglichen weiteren Folgen betraf.




Das „Grundlagenwerk“ der „Runengymnastik“: Marbys „Rassische Gymnastik als Aufrassungsweg“ (1935)

Woran liegt’s? Die Antwort ist eigentlich einfach: Es handelt sich keineswegs um geheimnisvolle altgermanische Magie, sondern halbwegs neumodischen Blödsinn mit okkultem Anstrich. Der Hintergrund allerdings ist ernster, als sich der Quatsch selbst anfühlt. Im Folgenden ein Appell an die magische Vernunft. Gibt es so etwas? Nur, wenn wir es zulassen. Was lassen wir zu und warum? Was erkennen wir an und was nicht? Wem oder was führen wir Energie zu – und was wollen wir erreichen? Lassen wir uns selbst etwas einfallen, oder turnen wir einfach alles nach, was uns jemand vormacht, im frommen Glauben, es bringe uns weiter? Ist solcherlei blinde Gefolgschaft einer ernstnehmbaren magischen und verantwortungsbereiten Lebenshaltung würdig?

Als „Runenstellen“ oder „Runen-Yoga“ wird das Nachstellen von Runenformen mit dem menschlichen Körper bezeichnet. Ursprünglich nur mit dem so genannten „18er System“ oder „Armanen-Futhork“ verbunden (einem ideologischen Runenkonstrukt, das Ariosophie-Begründer Guido List Anfang des 20. Jh. in die Welt setzte), wurde das Runenstellen im späten 20. Jh. auch auf die Runen des (damals von der Esoszene allmählich wiederentdeckten) Älteren Futhark übertragen. Inzwischen empfiehlt fast jedes esoterische Runenbuch solche Übungen und enthält detaillierte Anleitungen dazu. Spätestens seit den Runenbüchern Edred Thorssons (bürgerlich Stephen Flowers), der dasselbe mit „Stadha“ bzw. „Stödhur“ (altnordisch für Stehen oder Stellen, jeweils Singular/Plural) überschrieb, wird die Runenstellerei allgemein als „alte germanische Tradition“ betrachtet, die zu Runen gleich welcher Art offenbar dazugehört wie die Hörner zum Wikingerhelm (auch falsch) oder der Arsch zum Eimer. Tatsächlich ist „Runenstellen“ ungefähr so germanisch wie zwei Öltanks im Garten oder Glutamat im Essen (nur noch um einiges ungesünder, jedenfalls für Geist, Gemüt und Seele und damit auch für jegliche magische Praxis).

Das Phänomen hat eine einzige historische Quelle – und die entstammt nicht etwa irgendwelchen Bräuchen alter germanischer Kulturen zu Zeiten der Antike oder des Mittelalters (selbst die im Hochmittelalter verfasste „Edda“ enthält keinerlei Hinweise auf diesbezügliche Praktiken einstiger heidnischer Germanenkulturen), sondern geht auf den Okkultisten Friedrich Bernhard Marby zurück, der 1934 eine diesbezügliche Broschüre veröffentlichte. Ihr Titel sagt im Grunde bereits alles Wesentliche aus über Herkunft, Idee und Zielrichtung der Sache: „Rassische Runengymnastik als Aufraffungsweg“. Das ist so unappetitlich und menschenfeindlich, wie es klingt – und wird von all den esoterischen Autor*innen, die diese Körperverrenkungen als magische Übung und meditatives Studium und sinnliches Erfahren von Runenkräften empfehlen und vorstellen, verschwiegen. Wohlweislich? Oder warum? Viele, die darauf schwören und beharren, wissen es nicht: Sie haben keine Ahnung, woher das stammt – einmal oder auch wiederholt darauf aufmerksam gemacht, verweigern sie sich jedoch jeder Konsequenz der Erkenntnis. Sie „meinen“ es ja „ganz anders“ und seien oder sähen es jedenfalls „unpolitisch“. Ja, klar: Du kannst auch ständig bei McFett futtern und es irgendwie „vegan meinen“ und/oder dir ein paar warme ökologische Gedanken machen.

Aber von Leuten mit solcher Geistes- und Lebenshaltung lasse zumindest ich mir nichts mehr erzählen über „magisches Bewusstsein“, das angeblich auf „verborgene Zusammenhänge“ achtet (über physikalisch beweisbare Kausalketten hinaus) und irgendeine Konsequenz daraus zöge, dass „alles mit allem“ zusammenhängt. Offenbar aber doch nur das, was gerade in den persönlichen Kram passt und nicht unangenehm oder unbequem werden könnte, und sei es nur dadurch, dass sich eine vermeintliche Bewusstseinsvertiefung oder -erweiterung als blödsinnige Verrenkung erweist, die ihre magische Energie aus giftigen Quellen bezieht und magisch wieder dorthin zurückführt. Übertrieben? Nun – der beharrliche Verzehr von Glutamat und anderen Neurotransmittern bringt auch so schnell niemand um. Nicht jeder Schaden ist offensichtlich und eindeutig auf bestimmte Quellen zurückführbar – was nicht heißt, dass es keinen gäbe. Fürs Runenstellen gilt Entsprechendes. Was zwingt eigentlich dazu, an so etwas festzuhalten?

Von bösen Wölfen, Rosinen und Weltuntergängen

Samstag, 27. Mai 2017

Es erinnert mich die momentane Situation (nach den Anschlägen der letzten Monate/Jahre und noch einigen anderen Katastrophen) an meinen Großvater. Jedes Mal, wenn er zum Frühstück die Regionalzeitung las und darin unter den Todesanzeigen einen bekannten Namen fand, sagte er: „Jaja, die Einschläge kommen näher!“ und grinste dann breit.
Jeder hat so seine eigene Art mit dem Leben und den Schlägen, die es zeitweilig auch austeilt, umzugehen und fertig zu werden. Deshalb halte ich Binsenweisheiten durchaus für Leuchtfeuer (an denen mensch sich orientieren kann) aber sicher nicht für Allheilmittel oder gar Lösungsanleitungen.

Vor etlicher Zeit habe ich schon einen Vierteiler zum Thema „Die dunkle Nacht der Seele“ geschrieben, in dem ich mich besonders mit dem Thema „Warum hast Du mich verlassen?“ beschäftigt habe. Da habe ich meinen Schluss dargestellt, dass ich meinen Hauptpunkt dabei in der Eigenverantwortung verorte. Das möchte ich gerne voraussetzen und als gedankliche Basis etablieren.

Heute geht es mir mehr darum, wie es möglich ist – für einen selber – sinnvoll mit Dingen umzugehen, die von außen auf einen einwirken.


Der böse Wolf

Wir haben heute viele böse Wölfe … vor denen wir uns zu Recht oder Unrecht fürchten. Für mich ist der erste Zugang ein eher rationaler (für den ersten Anlauf). Im Anlassfall stelle ich mir Fragen – wie z. B. : Was ist das Schlimmste was mir passieren kann?
Diese Frage führt schon in einige Denkschleifen, da ich sie nur wirklich sinnvoll beantworten kann, wenn ich dazu einige Informationen schon parat habe. Was ist mir lebenswichtig? Was oder wen brauche ich unbedingt für mein Leben? Je umfassender und ehrlicher ich diese Fragen beantworten kann, desto leichter fällt mir eine Antwort auf die Eingangsfrage. Mir ist dabei besonders wichtig zwischen „wirklich brauchen“ und „haben wollen“ zu unterscheiden.
Sich gesund zu ernähren, ist beispielsweise für mich ein wichtiger Faktor (weil meine Lebensqualität dadurch steigt) das will ich haben. Den Göttern sei Dank leide ich nicht unter Allergien, wenn ich es aber täte, dann wäre es für mich unbedingt nötig, mich allergenfrei zu ernähren. Meine Bücher will ich haben (weil ich dem Netz allein nicht traue), aber wirklich brauchen tue ich sie nicht. Was ist Luxus, was Sicherheitsbedürfnis, was Wohlfühlminimum? Diese Maßstäbe können imho nicht allgemein gültig etabliert werden, sondern sind sehr individuell. Womit der eine zurecht kommt, das bringt den anderen auf die Dauer schon um.

Bei den bösen Wölfen ist es ähnlich. Mich erschreckt es wesentlich mehr langsam vor mich hinsiechen zu müssen (und nichts dagegen tun zu können) als einen plötzlichen Tod zu sterben. Dass mich der plötzliche Tod weniger schreckt ist dem Faktum geschuldet, dass ich dafür möglichst gute Vorkehrungen getroffen habe, dass „nach mir“ alles geregelt ist (oder es auf niemandes Kosten geht, dass etwas nicht geregelt wurde). Das beruhigt …

Jeder kann an seinen eigenen Antworten ablesen, was es eigentlich ist, das ihm wichtig ist (und vor dessen Entzug er sich fürchtet). In meinem Beispiel wäre das qualitatives Leben, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung.


Da such ich mir doch die Rosinen raus!

Auch dabei will ich wieder bei meinem Beispiel bleiben. Ein qualitatives Leben heißt für mich nicht, dass ich in den Tag hinein lebe und es mir gutgehen lasse, im Sinne von „keine Notwendigkeiten zu erfüllen habe“. Für mich ist klar, dass Katzen Katzenklos haben und die jemand saubermachen muss – und das bin nun mal ich, weil ich Daumen habe und das Schauferl halten kann. Also muss ich eben auf Katzengesellschaft verzichten, sofern ich es nicht gebacken kriege, die Klos sauber zu machen.
Selbstbestimmung heißt für mich nicht, dass ich alles machen kann/darf, wonach ich grad lustig bin (egal was andere davon halten). Wenn ich im Grünen wohnen will, ohne Nachbarn aber nur mit maximal Anreise von ein paar Minuten in die nächste Stadt – kann ich bestimmen, was ich will, das wird nicht möglich sein. Für einen Millionär wäre es vielleicht machbar, für mich aber nicht!
Eigenverantwortung ist nicht die platte Ansage, dass ich für mein Tun schon verantwortlich bin und fertig. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, dann kann ich zwar sagen „Ok, für den Unfall bin ich verantwortlich!“ aber die Sache ist damit nicht erledigt. Je nach angerichtetem Schaden wird sich das massiv auf mein Leben auswirken – also ist es meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass für den Fall der Fälle Vorsorge getroffen ist.

In unserer Zeit jetzt, sind viele Menschen in unseren Breitengraden, so etwas wie einen Sozialstaat gewohnt. Vater Staat sorgt schon dafür, dass jeder das Nötigste bekommt und Notfälle versorgt werden. Durchaus eine erstrebenswerte Sache, das soziale Denken. Es hat leider auch den Nachteil, dass sich immer weniger darüber Gedanken gemacht wird, was selber beigetragen werden könnte zum eigenen Leben – darum das für einen selber „wertvoller“ zu gestalten. Allerdings müsste das auch erlernt werden – dieses „wertvoll“ überhaupt zu (er)kennen und auch die Fähigkeiten müssten erworben werden um das selber etwas tun zu können! All das geht bei einer Vollversorgung nur schwerlich von allein … Wie soll ich auf die Idee kommen, dass ich etwas erfragen sollte, von dem ich gar nicht weiß, dass es existiert?

Was vorgelebt wird in der Gesellschaft ist vielfach mehr das Haben als das Sein. Daraus entsteht natürlich zu allererst der Gedanke, dass mensch glücklich wäre, sofern mensch nur „genug hätte“. So einfach ist das aber leider nicht. Jedes Haben hat auch Konsequenzen – und sei es nur die des wieder Verlierens. Da wären wir bei der Binsenweisheit, dass jede Medaille zwei Seiten hat.


Das ist für mich jetzt ein Weltuntergang

Und jetzt komme ich zu den Katastrophen – die ich tatsächlich für notwendig halte. Mir persönlich hat jede Katastrophe in meinem Leben aufgezeigt, dass meine Skala an Wichtigkeiten verschoben werden musste. Jeder schwere Krankheitsfall (von einem selber oder im nahen Umfeld), jeder Todesfall (von Mensch oder Haustier), jeder heftigere Unfall oder Verlust an Geld und Gut – das alles rückt die Skala zurecht. Natürlich nur, wenn ich es zugelassen habe.
Ich habe kein Problem wenn Menschen beschließen ihrem Leben ein Ende zu bereiten, sofern sie keinen Weg sehen, es für sich selber sinnvoll zu gestalten (und ja, ich hatte Freitod in der Familie). Die Dokumentation von Terry Pratchett war für mich da sehr erhellen, weil bis dahin seltenst offen über dieses Thema diskutiert werden konnte. Nur am Rand: natürlich bin ich mir im Klaren, dass auch hier Missbrauch immanent sein kann!
Bei jedem Haustier, das je bei mir lebte, war das jeweilige Ableben für mich eine kleinere oder größere Katastrophe und jede davon hat in meiner Welt etwas zurecht gerückt. Vorstellung zu Realität ist in meinen Augen immer etwas das anzustreben ist. Vorstellen kann ich mir so gut wie alles, ob ich das aber in der Realität dann so gebacken kriege, ist eine völlig andere Sache. In der Vorstellung brauche ich keine Grundvoraussetzungen, in der Realität sin die unabdingbar. In der Vorstellung gibt es keine Konsequenzen (weder meines Tuns noch meines Lassens) in der Realität geht es nicht ohne ab.

Materielle Realität kann hart sein – aber sie ist in meiner Welt nie bösartig. Dinge passieren mir, weil ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und in bestimmte Vorgänge involviert bin. Sie passieren mir nicht, weil das Leben böse ist (oder jemand anderes oder ich selber oder oder oder). Sie passieren!
Je besser meine Vorstellung in der Realität verwurzelt ist, desto besser kann ich in diesem Realitätsfluss meinen Vorstellungen entsprechend steuern. Damit werden mich böse Wölfe nicht in Panik versetzen, die Handvoll Rosinen im Kuchen für mich völlig ausreichend und Katastrophen durchaus schon mal schlimm aber nicht der Weltuntergang sein.

 

Hausgeister, geschrieben von Ulrike

Samstag, 20. Mai 2017

Ich hatte in letzter Zeit Anlass, über Hausgeister nachzudenken, und erinnerte mich an ein Buch, das ich im letzten Jahr gelesen hatte, einer Doktorarbeit, die sich mit der im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlichten Hausgeist-Überlieferung befasst.[1]  Hier geht es also um sehr junge Vorstellungen, aber die Arbeit dokumentiert sehr genau, was über Jahrhunderte lebendig geblieben ist: der wenn auch verebbende Glaube an nicht-menschliche oder nicht-mehr-menschliche Hausgenossen, die Individualität und Eigenart besitzen und mit denen man sich auseinandersetzen oder mit ihnen auskommen muss.

Wikimedia commons

Hausgeist ist der wissenschaftliche Begriff für diese Wesen, der volkstümliche Name scheint hauptsächlich ‚Kobold‘ gewesen zu sein, ein Begriff, der im 13. Jahrhundert zuerst dokumentiert wurde und der möglicherweise ‚Hauswalter‘ oder ‚Walter des Platzes‘ bedeutet. [2] Er wurde mit lateinisch penates übersetzt, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Kobold einen Bezug zum Ahnenglauben hat. Andere Bezeichnungen aus dem Althochdeutschen sind ingesid und ingoumo, was „etwas, das man im Haus wahrnehmen kann“ bedeutet. Hausgeister haben aber auch persönliche Namen, die sich auf ihr Aussehen oder ihre Eigenschaften beziehen können, oder Menschennamen sind wie Langhut, Wertla, Peter oder Klopfer. Belegt sind aber auch Namen, die auf Fetischpuppen hinweisen, Kose- und damit Tabunamen sind.

Insgesamt können wir die Hausgeister zu den Wichten und Alben stellen, wobei eine genaue Abgrenzung innerhalb dieser Kategorien nicht möglich ist. Fest steht, ein Hausgeist lebt ihm Haus, auf dem Hof, normalerweise in einer ländlichen Umgebung. Er ist ein Einzelgänger und kommt – anders als die Heinzelmännchen – nicht in einer Gruppe vor. Er hat Menschengestalt, ist männlich, von kleiner Gestalt und uralten Aussehen. Manchmal sieht er einem toten Familienmitglied ähnlich, was uns wieder auf den Ahnenglauben hinweist. Da sich die Menschen aber sicher waren, dass die Toten nach dem Tod genauso aussehen wie zum Zeitpunkt des Todes, belegt die Kleinwüchsigkeit des Hausgeistes, dass diese Vorstellung jung ist, es ist tatsächlich eine Verkleinerung der Glaubensvorstellung.

A witch and her familiars, illustration from a discourse on witchcraft, 1621; in the British …
Courtesy of the trustees of the British Library

Manche Hausgeister können auch Puppenform oder Tierformen annehmen und tragen dann entsprechende Namen, bei letzterem denken wir an die Familiaren der Hexen.

Üblicherweise sind Hausgeister an das Haus und den Hof gebunden, obwohl es auch Fälle gegeben hat, dass Hausgeister mit der Familie umgezogen sind, oder gar vertrieben wurden. Die sehr junge Vorstellung, dass Hausgeister auf dem Markt gekauft werden können, zeigt einen erheblichen Machtverlust des Hausgeistes. Hausgeister arbeiten und helfen im Haushalt, in der Werkstatt, im Stall, selten auf dem Feld. Es sind ein paar Sagen belegt, in denen Hausgeister auf Schlössern und in Adelshäusern wirken, interessanterweise waren diese Hausgeister nicht von kleiner Gestalt, sondern normal groß und auch weiblich.

Hausgeister haben die gleichen Rechte wie alle anderen Familienmitglieder, auch das Recht des Aufenthalts im Haus. Manchmal sind sie still und freundlich, manchmal launisch. Sie sind meist einzelgängerisch und für sich, aber manchmal auch gesellig und zu Späßen aufgelegt. Allerdings ist ihr Wesen immer ambivalent, daher ist es immer wichtig, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen das zu geben, was ihnen zusteht. Sie sind weise und bereit, ihr Wissen zu teilen, wenn man sie wertschätzt, sie geben Rat, finden verlorene Dinge, warnen vor Gefahren, verjagen verdächtige Personen. Ihre Hilfe auf dem Hof lässt die Arbeit glatter gehen und verhilft oft zum Erfolg. Generell bringen sie Glück und Gedeihen, Hausgeister agieren als Katalysatoren für das Erlangen von Wohlstand, sie werden allgemein als Schutzgeister wahrgenommen.

Andererseits spiegeln Hausgeister in der Regel den Fleiß der anderen Hofbewohner, dadurch sind auch Kontrollinstanz für soziale und moralische Normen. Wenn sie sich falsch behandelt fühlen oder mit dem Verhalten der Hausbewohner nicht einverstanden sind, dann reagieren sie empfindlich: das Spektrum der Bestrafung reicht vom Streiche spielen oder dem Verstecken von Gegenständen bis hin zu körperlichen Strafen oder dem Verenden von Haustieren, auch dem Verlassen des Haushalts unter Mitnahme des Hausglücks, was in der Regel den Ruin der Familie bedeutet.

Dass Hausgeister ambivalente Wesen sind – einerseits wichtig für das Glück der Familie, andererseits bedrohlich und nicht berechenbar – deutet auf eine vorchristliche Tradition hin. Geschichten, in denen Hausgeister vollends verteufelt sind sind in der Regel sekundär und christlich überformt.

Hausgeister handeln aus ihrer eigenen Kraft und Macht, durch schiere Präsenz und Mithilfe. Sie sind „mächtige, übernatürliche Hauswalter mit unbenommener numinoser Autorität.“[3]

Sie verlangen das Beachten einiger Regeln im Zusammenleben: in der Regel mögen sie es ruhig und ordentlich, sie möchten respektvoll behandelt werden, schätzen Höflichkeit und gutes Essen. Ihre bevorzugte Speise ist Milch, Getreidebrei mit Butter, Brot, und was immer die Familie isst. Die Speisung steht ihnen zu, sie hat einen gewissen Opfercharakter, aber in der späten Überlieferung kann sie nicht als Opfer kategorisiert werden, da die Speisung nicht in einem rituellen Kontext und mit einem magischen, quasireligiösen Bewusstsein erfolgt. Allerdings belegen zwei Sagen, dass die Koboldspeisung einen kultischen Charakter hatte, daran zu erkennen, dass dem Hausgeist entweder der erste oder der letzte Bissen zugestanden wird (Primitialopfer bzw. Restopfer). Die Speise wird oft vor den Herd gestellt, da dort der Hausgeist seine bevorzugte Schlafstätte hat.

Milch und Getreideprodukte sind außerdem bevorzugte Opferspeisen im Ahnenglauben, ihre Verwendung verstärkt den Verdacht, dass die Hausgeisttradition mit dem Ahnenglauben verwandt ist.

Weitere Verhaltensregeln betreffen den Wunsch der Hausgeister nach Unsichtbarkeit – weder wollen sie gerne gesehen werden, noch lassen sie sich bei der Arbeit beobachten. Sie pochen auf ihr Recht, am gleichen Schlafplatz zu bleiben, und höflich und korrekt angesprochen zu werden. Tabuüberschreitungen werden hart bestraft.

Hausgeister sind Kollektivschutzgeister, sie beschützen und leben bei intakten (Groß-)Familien, manchmal über Generationen. Sie bringen Glück, das ist der zentrale Punkt der Überlieferung. Je fleißiger und verantwortlicher die Familie als Gemeinschaft agiert, desto mehr Glück bringt der Hausgeist. Auf diese Weise wirkt der Hausgeist als Beschützer sozialer Normen, die als stabilisierend und kontinuitätswahrend angesehen werden.

Das Gros der Überlieferung zeigt, dass Hausgeister in der Vergangenheit als real geglaubt wurden, aber der Ton der Erzählungen suggeriert, dass dieser Glaube der Vergangenheit angehört, das heißt, man war sich bewusst, dass die Älteren an Hausgeister geglaubt haben, tat dies aber als zur Vergangenheit gehörend ab. In der jüngeren Überlieferung werden Hausgeister oft als machtlos oder mit verminderter Macht dargestellt, und rituelle Begegnungen und die Beschreibung von Speisegaben sind kaum noch vorhanden, was in der Regel auch mit einem geringen Respekt einhergeht.

http://visardistofelphame.tumblr.com/post/157288640110/hagothehills-hagothehills-doreen-on-one-of

Die Wurzel des Hausgeistglaubens ist nicht klar und umstritten. Zum einen scheint es Beweise für eine Zuordnung der Hausgeister zu den genii loci zu geben, zum anderen gibt es Parallelen zum Ahnenglauben, und es lässt sich nicht sagen, welche Traditionswurzel älter oder authentischer ist.

Es wird davon ausgegangen, dass sowohl die genius loci – Vorstellung als auch die Ahnenverbindung bereits zu vorchristlicher Zeit schon nicht mehr voneinander zu trennen war, und dass sich die Totenseelenvorstellung über den genius loci gelegt hat.

Allgemein lässt sich sagen, dass der Glaube an Hausgeister in deutschsprachigen Gebieten durch die Jahrhunderte starke Veränderungen und Entwicklungen durchgemacht hat. Hausgeister verloren an Funktion, sie wurden verteufelt oder entmachtet, bis sie schließlich nicht mehr geglaubt wurden. Dies lag nicht notwendigerweise an der Christianisierung, sondern sowohl an der ‚Entzauberung‘ durch Reformation und später Aufklärung, als auch an veränderten Lebensumständen durch Industrialisierung und Urbanisierung.

[1] Lindig, Erika (1987): Hausgeister. D. Vorstellungen übernatürl. Schützer u. Helfer in d. dt. Sagenüberlieferung. Zugl.: Freiburg i. Br., Univ., Diss., 1986 (Artes polulares 14).

[2] Baechtold-Stäubli, Hanns (2005): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Knoblauch-Matthias. s.v. Kobold. Unveränd. photomechanischer Nachdr. der Ausg. Berlin [u.a.] 1937. Augsburg: Weltbild (5).

[3] Lindig aaO. S. 110