Archiv für die Kategorie ‘Kreuz und Quer’

Burn on statt Burn out – Teil II, geschrieben von Mike

Samstag, 16. Juni 2018

Wenn wir wirklich für etwas brennen, dann fühlen wir uns selten überfordert, sicher manchmal erschöpft, ja, angenehm erschöpft vielleicht, weil wir auch bei diesem Tun Energie einsetzen, sehr viel sogar, aber durch die Begeisterung bekommen wir auch etwas zurück, wie Kinder beim Spielen. Kinder. Überhaupt ein gutes Beispiel. Kleine Kinder tun keine Sekunde lang etwas, das ihnen nicht richtig Spaß macht. Ist etwas uninteressant, wird es sofort fallen gelassen. Deswegen verfügen sie auch über soviel Energie, die sie den ganzen Tag vibrieren lässt. Aber irgendwann geraten auch diese lebendigen Aktivitätsmaschinen ins Stocken. Meist mit dem Eintritt in das Schulsystem. Weil es plötzlich nicht mehr möglich ist, den Alltag frei nach Lust und Laune zu gestalten. Und dann? Macht sich immer öfters Müdigkeit breit. Langeweile. Lustlosigkeit. Weil wir auch lernen müssen, Dinge zu tun, die wir nicht unbedingt wollen. Das bremst den Flow. Aber müssen wir das wirklich? Ja, bis zu einem gewissen Grad. Vielmehr geht es um die Balance. Wer acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, Dinge tut, die keinen Spaß machen, wenig mit der Persönlichkeitsstruktur, mit den Begabungen und dem individuellen Potential zu tun haben, der darf sich nicht wundern, wenn er müde ist, selbst wenn die eigentlichen Anforderungen dieses Tuns nicht unbedingt schwer belastend sind. Deswegen wird in Bezug auf Burnout oft auch von Bored out gesprochen. Der Geist ist über-, die Seele unterfordert. Der Geist verglüht, ohne dass die Seele jemals gebrannt hat.

An der International Academy for Hara Shiatsu arbeiten wir in einem Fachpraktikum mit Burnout-KlientInnen. Shiatsu sucht in der Behandlung den Weg über den Körper und das System der Meridiane ist die Brücke zur Psyche. Als ich als Leiter und Initiator mit diesem Projekt anfing, war ich über die Resultate unserer Diagnose überrascht. Bei 90% der KlientInnen war der Kopf müde. Aber der Körper immer noch voller Energie, Energie, die sich nie wirklich entladen konnte, Energie, die wie Wasser hinter dem Staudamm der ungenutzten Möglichkeiten zurückgehalten und durch die lange Nichtbewegung brackig wurde. Bei den meisten Behandlungen ging es daher nicht darum Energie aufzubauen, sondern freizusetzen, gezielt freizusetzen, denn Energie braucht eine klare Richtung, ansonsten zerstreut sie sich oder wartet in den Startlöchern auf das richtige Signal. Das macht auf die Dauer müde, das macht auf die Dauer mürbe. Um dieser Energie jedoch eine konstruktive Richtung zu geben, muss man zuerst wissen, was man will. Um zu wissen, was man will, muss man wissen, wer man ist. Und hier, genau hier, beginnt die Burnout-Prävention. Und die Burnout-Heilung.

Wer bin ich? Was will ich? Wie erreiche ich meine Ziel?

Wer bin ich? Das ist eine gute Frage, die man psychologisch, philosophisch oder praktisch angehen kann. Psychologisch und philosophisch ist die Frage nicht wirklich geklärt. Und die Antworten nicht eins zu eins alltagstauglich. Daher lieber praktisch. Praktisch heißt: Was zeichnet mich aus? Welche Talente und Stärken habe ich? Was macht mir Spaß? Wo sitzt meine Leidenschaft? Was sind meine Träume? Unsicherheit oder Unklarheiten in Bezug auf diese Frage unterhöhlen das Selbstwertgefühl. Und ein schwaches Selbstwertgefühl ist immer noch eine der besten Eintrittskarten in das Burnout-Theater. Weil wir in diesem Fall für Anerkennung vieles, wenn nicht sogar alles tun würden. Wir wollen uns im Leben nicht beweisen. Wir müssen uns beweisen, um Bestätigung zu bekommen. Der deutsch-amerikanische Psychologe Herbert Freundenberger, der 1974 den Begriff Burnout salonfähig gemacht hat, stellte ein zwölfstufiges Burnout-Modell in den Raum, dass die progressive Entwicklung des Symptoms in Phasen deutlich macht. Erste Phase: Der Zwang sich zu beweisen. Was folgt: Vermehrter Einsatz, Vernachlässigung von Bedürfnissen, Umdeutung von eigenen Werten, in weiterer Folge Rückzug bis hin zum völligen Zusammenbruch. Entscheidend ist wie oft der erste Schritt, weil dieser die Weiche stellt. Wenn jemand seine Kompetenzen und Stärken nicht kennt, können Selbst- und Fremdbild auseinanderklaffen und verhindern, dass jemand seine Fähigkeiten, Stärken und Talente wirksam einsetzt. Es entsteht Reibung. Oder Druck. Weil das innere Potential mit dem äußeren Tun in ein Spannungsfeld gerät. Das ist weit verbreitet. Wir spüren das. Nicht ohne Grund explodiert die Anzahl an Personen, die sich eine Auszeit nimmt, ein Sabbatical-Jahr oder unbezahlten Urlaub. Um wieder mehr in Kontakt zu kommen, mit sich selber. Wer in Kontakt mit sich selbst ist, kann sich besser steuern. Wer sich besser steuert, muss sich nicht zwanghaft beweisen. Und weiß, wann die Balance zwischen Einsatz und Ressourcen nicht mehr schlüssig ist. Der Forscher June Tangney hat herausgefunden, dass die Fähigkeit der Selbstregulierung stark negativ mit den meisten Merkmalen des Burnout-Syndroms korreliert. Und: Das Konzept der Selbststeuerung scheint zahlreiche, empirisch belegte positive Auswirkungen auf die Überwindung des Burnout-Syndroms zu haben.

Wer weiß, wer er ist, weiß auch, was er will. Ziele sind der schnellste Weg aus der emotionalen Müdigkeit heraus, sofern sie mit den inneren Werten übereinstimmen. Je klarer das Ziel, desto direkter der Weg dorthin. Ein gutes Ziel erkennt man daran, dass es zugleich begeistert und herausfordert. Ein gutes Ziel lässt uns brennen ohne zu verbrennen. Ein gutes Ziel lässt uns Sorgen und Schwierigkeiten vergessen. Ein gutes Ziel macht uns wach. Haben Sie ein gutes Ziel?


Was kann ich tun?

Tipps gegen Burnout finden Sie im Web zuhauf: Auszeiten nehmen, Nein-Sagen, sich selbst belohnen, FreundInnen treffen etc… Das ist alles gut, das ist alles richtig. Und je nach Stadium des Burnouts, sollte auf jeden Fall auf externe Hilfe zurückgegriffen werden. Aber: Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, packen Sie das Übel direkt bei den Wurzeln. Denn sonst sind auch die besten Tipps nicht mehr als ein Tropfen auf den erhitzten Stein. Nehmen Sie sich ernst. Es ist ihr Leben. Was wollen Sie? Wirklich? Was wollen Sie arbeiten? Wie wollen Sie leben? Was wollen Sie erreichen? Diese Fragen erfordern etwas, dass in der heutigen Gesellschaft selten geworden ist: Mut. Zeit. Und Entschlusskraft. Nehmen Sie sich Zeit, lassen Sie sich Zeit. Und lassen Sie sich nicht mitreißen von dem kollektiven Wahnsinn, der im stetigen Mehr den einzigen Schlüssel zur Erfüllung sieht. Vielmehr: Seien Sie kompromißlos. Und warten Sie nicht auf den Ruhestand, um ihren Träumen nachzujagen. Das einzige Heilmittel gegen die sich immer breiter machende kollektive Müdigkeit ist Aktivität. Aktivität in dem Sinne, aus einer nicht fruchtbaren passiven Rollen auszusteigen und das Ruder am eigenen Schiff zu übernehmen. Was zeichnet ihr Schiff aus? Wohin soll die Reise gehen? Dazu müssen Sie nicht immer gleich das ganze Leben umbauen. Ein großes Feuer beginnt auch mit einem kleinen Funken. Dieser aber will geschürt werden. Finden werden Sie den Funken dort, wo sich ihre Leidenschaft verborgen hält. Für was auch immer. Fangen Sie genau dort an. Jetzt.

Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil V, geschrieben von Uwe

Samstag, 16. Juni 2018

Die Freiheit in der Wirklichkeit
„Wenn dies existiert, ist jenes. Mit der Entstehung von diesem entsteht jenes“ Alles was geschieht und erfahren wird ist ein Geschehen, dass nur geschieht, weil ich hieran beteiligt bin. Ich als „Selbst“ in einem relativen Geschehen. Und dass dies alles, das Geschehen als auch dieses Selbst, nur ein zusammengekommenes ist, vorübergehende Erscheinungen ohne jede wirkliche Substanz.
So wie ein Kind, das plötzlich verstirbt, zustande gekommen ist aufgrund verschiedener Bedingungen. Und aufgrund verschiedener Bedingungen wieder gegangen ist.

Genau so ist es mit allem, jedem, immer und überall. Was macht man nun mit dieser Brutalität des Zusammengesetzten, Vorübergehenden, unabwendbar Auseinanderfallenden, das erlebt wird?
Die Wertschätzung für das, was einen umgibt und was einen ausmacht ist der erste Schritt, um mit sich, mit dem Erleben von vorübergehendem Leiden und Glück ins „Reine“ zu kommen.
Vor allem ist es die Einsicht, dass man für alles, was einem widerfährt selbst Verantwortung trägt. Denn ohne definitive Beziehung zu dem, was einem widerfährt gäbe es keine Erfahrung. Und wer in Beziehung mit etwas steht, sei es nun angenehm oder unangenehm, der steht in der Verantwortung. Vor allem für das eigene Erleben und das agieren auf das, was erlebt wird. Ob einem das, was da geschieht, nun passt oder nicht. Sei es nun etwas Beglückendes. Oder etwas Leidvolles.
Dabei geht es um die grundlegende Fähigkeit, für alles, was geschieht, Achtsamkeit zu entwickeln. Besser ausgedrückt, ein Gewahrsein walten lassen zu können. Wer die Fähigkeit entwickelt, Gewahrsein zu entfalten für das Geschehen im eigenen Geist übernimmt automatisch Verantwortung.

Für das eigene Leben. Und wird tatsächlich fähig, Freiheit zu erlangen. Freiheit von der krankhaften Vorstellung, die Dinge müssten genau so laufen, wie es einem gerade in den Kram passt. Freiheit von Wünschen und Hoffnungen. Freiheit von Ängsten und Sorgen. Freiheit von mentalen Upps und Downs. Freiheit von der psychischen Abhängigkeit von anderen Menschen, von Bedingungen und Umständen.
Wie sagt es Dzongsar Khyentse Rinpoche so schön dazu, wenn dieser Zustand erreicht ist? Wenn man im Gleichmut durch die Wellen des Lebens surfen kann, ohne in diesen zu ersaufen, ohne von irgendetwas mental abhängig sein zu müssen? „Was will man mehr an Erleuchtung“.

Die verborgene Ebene

Ich habe mich nun über viele Worte hinweg über das ausgelassen, was unsere Wirklichkeit ausmacht. Das was wir erleben, erfühlen, genießen und erleiden. Doch was steckt hinter all diesem Erleben? Es ist eine Ebene, die uns verborgen ist. Die wir intellektuell durchaus durchdringen können. Besser tatsächlich, als das weit schwierigere Phänomen Unbeständigkeit.
Aber was heißt schon intellektuell. Was nützt aller Hirnschmalz, wenn es nicht ins Herz dringt? Apropos Herz.
Es gibt eine buddhistische Lehrrede, die sich Herz-Sutra nennt. Dieses sehr kurze Sutra bringt die verborgene Ebene brillant auf den Punkt. Das Herz-Sutra ist in den Lehren des Prajnaparamita enthalten, einem umfangreichen Werk, das Leerheit beschreibt. In einem Gespräch zwischen dem Bodhisattva Avalokitesvara und einem Schüler des Buddha, Sariputra, kommt es in diesem kurzen Herz-Sutra zu folgender Aussage:

„Form ist Leerheit. Leerheit ist Form. Leerheit ist nichts anderes als Form. Form ist nichts anderes als Leerheit. So Sariputra, sind alle Erscheinungen ganz und gar leer, sind ohne Eigenschaft, sind nicht entstanden, enden nicht, sind ohne Makel, ohne Freisein von Makel, ohne Schwinden und ohne Wachsen.“

Aus diesem Grund habe ich in meiner letzten Abhandlung schon davon gesprochen, dass es keine wirkliche Ursache für etwas gibt. Sei es nun Form, Geräusch, Geruch, Geschmack, Tastbares oder rein geistig Erfahrbares wie Gedanken, Gefühle oder aber Träume. Alles erscheint klar und wohlgeordnet, ist jedoch leer von einer unabhängigen, dauerhaften Existenz.
Aus diesem Grund kann es all die Dinge wie Teller, Tasse, Honig, Multiversen, Bananen, Wiedergeburt, Multivitamintabletten, Schwarzarbeit, Kapitalismus, Liebe, Karma, Berge, Kleinste Teilchen, Ausbeutung, Stringtangas, Quarks, Panama und Paradies Papers geben. All das ist letztlich so wahrhaft vorhanden wie ein Traum, eine Illusion, eine Fata Morgana.
Das Problem ist, dass wir normal gestrickte Menschen diesen Traum nicht durchschauen. Wer schon mal geträumt hat weiß, wie real sich ein Traum anfühlen kann. Wir sind meist in unserem Traum vollkommen überzeugt davon, dass alles wahr ist.

Dann sprechen wir mit diesen Traummenschen, besteigen das fliegende Traumpferd und reiten auf dem rosaroten Traumwolkenteppich hinauf zur Traumburg des Traumriesen um dort die Traumhenne zu finden, die goldene Traumeier legt. Und wenn der Riese uns erwischt und das riesige Maul, das uns gleich verschlucken wird immer näher kommt…
…dann wachen wir schweißgebadet und mit laut klopfendem Herzen auf. Hurra, nur ein Traum. Und merken dabei nicht, dass wir uns in einem weiteren Traum befinden.
Oder wir sitzen in einem Kino und heulen Rotz und Wasser, nur weil jemand schlaflos in Seattle rumhängt und um seine filmtote Frau trauert. Freuen uns, wenn tatsächlich Liebe den britischen Premierminister befällt und der schusselige Schriftsteller seine portugiesische Haushaltshilfe heiratet. Und schreiben bescheuerte Wut-Emails an die Macher von Games of Thrones, weil sie ein Detail aus dem Roman falsch ausgelegt haben.

Insbesondere halten wir jedoch unsere Gedanken, Konzepte, Ideen und Gefühle für so real und wichtig, dass wir dafür Kriege anfangen, Menschen umbringen, Banken ausrauben oder uns in anderen kleinen und großen Dummheiten verirren. Wir gehen fremd, erwürgen unsere Frauen und Kinder, kaufen hässliche Hunde, klauen kleinen Kindern Kekse, gehen zum Billigfriseur, besitzen Smartfones und Kleider, die von Sklaven gefertigt wurden, essen Tiere von dem Supermarkt, dem das Tierwohl scheißegal ist, lieben vögelkillende Katzen, hassen Kinderficker, wählen AfD, CDU, SPD, BND oder ARD und orientieren uns an Rumpelstielzchen, Angela Merkel, Jesus, Günter Jauch, Buddha, Mohamed oder Bon Jovi. Nur, weil wir nicht erkennen, dass alles, was da ist, nur klar erscheint. Und dabei leere Erscheinung in jeder denkbaren Form ist.
Und so nehmen wir fühlenden Wesen immer und immer wieder Form an. Eine Form, die nur leere Erscheinung ist, eine leere Erscheinung, die Form ist. Wir werden geboren, sterben, werden wieder geboren und sterben. Mal als langlebige, mal als kurzlebige, gesunde und kranke, arme und reiche Wesen, den Trieben unterworfen, dumm wie Brot oder mit Intelligenz geschlagen. Wir tun dies und jenes, setzen Handlungen, die Bedingungen schaffen die wiederum zu Formen führen und Lebenswelten kreieren, ob sie einem nun passen oder nicht. All das geschieht ganz einfach. Sehr simpel eigentlich. Alles geschieht in einem klaren absehbarem Zusammenhang. Wenn man denn die Bedingungen kennt.
Ein professioneller Magier, der weiß, wie ein Trick funktioniert, wird sein Publikum im wahrsten Sinne des Wortes verzaubern. Ein ebenfalls professioneller Zauberkünstler, der genau weiß, was da vor sich geht wird dabei nicht mit solch offenem Mund dasitzen wie ein kleines Kind oder ein erwachsener Hillibilli, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.
Und wir gleichen in gewisser Weise einem Kind, einem Einfaltspinsel. Wir sitzen im Fieberwahn Samsaras und wundern uns, was abgeht. Und beschweren uns dann auch noch, wenn mal was nicht so läuft, wie wir das gerne hätten.
Der Buddha ist der Magier, der alles durchschaut. Das unterscheidet uns vom Buddha. Nicht mehr. Nicht weniger.

Wir haben die Bedingungen selbst gelegt unter denen wir nun leben und leiden. Die einzige Möglichkeit hier rauszukommen, ist dieses Spiel zu durchschauen. Und auszusteigen.
Wenn nicht, dann hat man ein gewaltiges Problem. Dann ist man dem Schicksal unterworfen, dem Zufall, dem lieben Gott, hängt in einem scheinbar ewigen Kreislauf, „Samsara“ genannt. Oder man glaubt allen Ernstes, dass nur der jetzige Moment wahr ist. Dass es keine früheren Handlungen gibt, keine früheren Existenzen und dass später eh alles egal ist.
Doch das ist alles nicht mehr als ein Irrtum. Selbst der jetzige Moment ist leer von einer wahrhaften eigenständigen Existenz. Ist nicht mehr als leer, weit, klar, licht. Gefüllt mit einer ganzen Menge Erscheinung. Ohne Anfang, ohne Ende.

Und wie passt das dann zur Aussage des Buddha „Weil dieses existiert, ist jenes“? Form ist Leerheit. Leerheit ist Form. Leerheit ist nichts anderes als Form. Form ist nichts anderes als Leerheit. Nichts anderes sagt der Buddha. Weil Form und alles andere Leerheit ist, kann sie überhaupt Form und alles sein. Und weil Form und alles ist, ist alles Leerheit. Und was ist dann die absolute Ebene des abhängigen Entstehens, von der ich zu Beginn meiner langen Abhandlung gesprochen habe? Tja, das ist noch was anderes. Wovon ich keine Ahnung habe

Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil IV, geschrieben von Uwe

Samstag, 09. Juni 2018

Zwei Wirklichkeiten

„Wenn dies existiert, ist jenes. Mit der Entstehung von diesem entsteht jenes“ Die buddhistische Sichtweise schließt keine Theorie grundsätzlich aus, nur Und haben dennoch, wie wir aus der tagtäglichen Erfahrung mit Computern, Smartfones und anderen technischen Errungenschaften Auswirkungen auf die relative Ebene, das eigene Leben.

So könnte man natürlich sagen, auch ein Schöpfergott hat diese Auswirkungen. Allerdings haben wir bei einem solchen Gott das „Problem“ der Herkunft und der Unmöglichkeit des Einwirkens auf relative Erscheinungen. Wie ich das im letzten Artikel dargelegt habe. Insbesondere ist es fahrlässig, mit den Erklärungen des verborgenen im Bereich der relativ erfahrbaren Wirklichkeit mutwillig herumzupfuschen.
Es nützt vor allem nichts wenn es um den großen Bereich der eigenen Gefühle, des eigenen Selbst, des Lebens an sich geht. Zumindest solange man nicht selbst die absolute Wirklichkeit durchdrungen hat.
Es nützt nichts, wenn es um relativ erlebbares Karma und ja, auch Wiedergeburt geht. Nützt nichts bei der Frage, wie man aus diesem Schlamassel der Verstrickungen in die eigenen Gefühle und Verflechtungen, den „karmischen Gestaltungen“, in denen man brutal feststeckt, eigentlich rauskommt.

Weil sich ja dennoch, trotz aller Beteuerungen und Theorien alles immer und immer weiterdreht, ohne Unterlass. Ohne Anfang, ohne Ende. In einer Art Dauerschleife der Wiederholungen. Und was ist nun der Ausweg aus dem Dilemma? Der Versuch einer Beschreibung folgt.

Die schreckliche Wirklichkeit

„Wenn dies existiert, ist jenes. Mit der Entstehung von diesem entsteht jenes“ Auf der Ebene der relativen Wirklichkeit haben Bedingungen keinen Anfang, wenn wir sorgfältig darüber nachdenken.
Wo sollte es denn bitteschön auch irgendwo einen Anfang für Bedingungen geben? Wann hat „Evolution“ tatsächlich begonnen? Oder, was die Astrophysik ja auch nicht beantworten kann, was war vor dem Urknall? Und was war die Ursache für den großen Knall? Wo kein Anfang da kein Ende. Das sagt zumindest die buddhistische Lehre. Sie spricht definitiv von unendlichen Zeitaltern, in denen Welten entstehen und vergehen. So verlockend es nun auch sein mag, es ist grundsätzlich nicht empfehlenswert, im alltäglichen Erleben, in diesem relativen Zusammenhang mit relativen überschaubaren Zusammenhängen unserer Erfahrungen mit der Traumebene zu argumentieren.

Zuerst gilt es, die relative Wirklichkeit anzuerkennen, wie sie ist. Und da gibt es nun mal Anfang und Ende. Man akzeptiert, dass Geburt geschieht, Krankheit, Alter. Und auch Sterben. Das da erfahrbares Glück ist wenn was Hübsches geschieht und Leiden, wenn Mist passiert. Dass all dies aufgrund von Bedingungen geschieht. Und nicht aus dem Nichts, zufällig, schicksalhaft.
Geht man hierbei aus dem Kontext der Relativität hinaus und argumentiert mit Quantensprüngen, schwarzen Löchern und Leerheit mag das für die esoterische Stammtischdiskussion ganz nett sein. Bringt aber ansonsten rein gar nichts. Nicht für das relative eigene Leben. Im Gegenteil. Das wäre, als würde man einem Menschen, der soeben sein Kind durch einen Verkehrsunfall verloren hat auf die Schultern klopfte und sagte, dass dies doch alles nur ein Traum sei.
Letztlich stimmt das. Alles ist wie ein Traum. Wer schon die 60 Jahre überschritten hat wird dies ohne Umschweife bestätigen. Denn woran erinnert man sich mit 60 noch konkret aus seiner Kindheit. Oder erscheint nicht doch alles wie ein langer Traum? Dennoch wird dies in einer traumatischen Situation wie dem Verlust eines Kindes keinen Nutzen haben.

In einer solchen Situation hilft zuerst nur die Anerkennung dieser relativen, scheinbar wahrhaft existenten Ursachen und Wirkungsprinzipien folgende Wirklichkeit, wie wir sie als Menschen erfahren.
Hier ist ein Kind gewesen. Das man aufgezogen hat. Mit dem man Zeit verbracht, das man geliebt hat. Und nun ist es tot, gestorben. Plötzlich und unvermutet, zufällig, durch einen Unfall. Durch eine plötzliche, heftige Krankheit. Durch Selbstmord.
Statt über Träume zu faseln nimmt man einen solch verwaisten Menschen in den Arm und versucht, sein Leid zu lindern durch Anwesenheit. Wobei dieser Mensch mit seinem Leiden immer allein sein wird. Und kaum zu trösten.

Ein abgehobenes, intellektuelles Geplappere über eine „Absolute Wirklichkeit“ hilft wirklich nicht. Nicht in einem solchen Moment. Bewirkt eher das Gegenteil. Wichtig ist zuerst der Blick auf die relative, scheinbare Wirklichkeit, wie sie ist.
Dann gilt es, Hilfe zu geben. Und Formalitäten zu regeln. Die Beerdigung. Die Benachrichtigung der Verwandten. Die Wochen und Monate danach zu überstehen helfen.
Und wenn man mal so weit ist und der Schmerz nicht gar so groß ist und man irgendwann ansprechbar für solche Themen, dann ist man vielleicht auch fähig für eine kleine Einsicht.

Dann ist es vor allem wichtig zu begreifen, dass alles was uns umgibt und was uns ausmacht, alles, was wir erfahren, genießen und erleiden auf einem unendlich vielfältigen Zusammenspiel von Bedingungen beruht. Die nur mit einem selbst zu tun haben. Mit nichts anderem.

Ende Teil IV

Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil III, geschrieben von Uwe

Samstag, 26. Mai 2018

Wie zum Beispiel Honig. Oder Liebeskummer. Oder Depression. Hass. Mitgefühl. Tupperschüsseln. Klimawandel. Dass dabei etwas aus etwas anderem entsteht ist eine von vielen Menschen gestellte Behauptung. Die allerdings nichts anderes als dem „einfachen“ Denken geschuldet ist.
Zwar sind Blüte, Nektar und Biene definitiv was „anderes“ als Honig. Dass aus ihnen Honig entstehen würde, diese Sichtweise beruht jedoch auf einer Art Faulheit. Auf einer grundlegenden Unachtsamkeit, besser ausgedrückt, einem NichtGewahrsein. Dieses Nicht-Gewahrsein wird insbesondere von theistisch orientierten Menschen gepflegt. Und auch von Atheisten.

Vom Schöpfergott zum Gehirn

Theisten haben sich dabei etwas ganz besonders „anderes“ ausgedacht. Alles Erfahrbare und auch nicht Erfahrbare, so stellen sie ihre Sicht dar, gehe auf die Schöpfung einer überlegenden Wesenheit, eines Gottes zurück. Der ewig, unveränderlich und unabhängig agiere. Der in der Lage ist, aus dem Nichts etwas zu erschaffen.
Nun, wie etwas aus dem Nichts erschaffen wird, mag man erst mal erklären. Aber dazu später mehr.

Der Glaube an einen ewigen, unveränderlichen und allmächtigen Schöpfergott ist dabei in doppelter Hinsicht denkwürdig. Wohlgemerkt, die buddhistische Sicht lehnt den Glauben an Götter nicht pauschal ab. Allerdings befinden sich diese Götter, so machtvoll, schöpferisch oder langlebig sie auch sein mögen jedoch logisch betrachtet ebenfalls innerhalb dieses relativen Geschehens. Und nicht irgendwo außerhalb.
Denn wären sie außerhalb dieses Geschehens, dann könnten sie keinen Einfluss auf die wechselseitigen, abhängigen Vorgänge bewirken.
Sobald sie jedoch etwas bewirken, sind sie innerhalb dieses Geschehens. Und dann unterliegen sie denselben Bedingungen wie alle Erscheinungen dieser relativen, erfahrbaren Existenz.

Und wenn ein Schöpfergott etwas erschafft, woraus erschafft er etwas? Wie gesagt, aus dem Nichts geht ja schon mal gar nicht. Und wenn der Schöpfergott ebenfalls Bedingungen nutzen würde, woher kommen diese Bedingungen? Oder hat dieser Gott diese Bedingungen ebenfalls aus dem Nichts erschaffen? Ja ja, so einfach ist das nicht.

Zum Zweiten stellt sich bei einem Schöpfergott noch die folgende Frage: Wer oder was hat diesen geschaffen?
Wenn nun jemand behauptet, dieser Gott sei „ewig“, ungeschaffen, dann sind wir schon bei der zweiten Behauptung angelangt. Das etwas aus sich selbst entstanden ist. Das eine solch komplexe Sache wie ein Schöpfergott, der etwas bewirkt und daher ja zielgerichtet vorgeht, mit einem Plan und auch Ausrichtung, aus sich selbst entstehen könnte geht aber auf dieser relativen, erfahrbaren Ebene schon mal gar nicht.

Atheisten haben ebenfalls eine sehr nette Erklärung parat wenn es um das Thema Geist geht. Diese, von keinem Neurologen, Biologen oder Wissenschaftler auch immer erklärbare Sache Geist wird flugs als ein Produkt des Gehirns bezeichnet. Nun denn, hierfür gilt selbiges wie für einen Schöpfergott.
Die Wissenschaft hat ein an und für sich lebloses Objekt wie Gehirn zu einem Schöpfer einer ihm völlig fremden Sache erklärt. Da wundert es, dass man Pinocchio, den hölzernen liebenswerten Bengel in den Bereich der Mythen verschiebt. Denn auch Holz etwas, dass wie Gehirn aus vielen Bedingungen in Erscheinung tritt. Und dann könnte Geist auch in Pinocchio „entstehen“.

Von gehörnten Hasen und Spaghettimonstern

Nun sagen einige findige Bürger, dass Gott, der Geist und die Dinge aus dem Nichts entstünden. Nun denn, das passiert ebenfalls nicht.
Auch Honig, wir erinnern uns, entsteht nicht aus dem Nichts. Und wenn dem so wäre, dann könnte auch im Himmel ein gehörnter Hase erscheinen. Einfach so.
Oder aber, wenn es denn einen Schöpfergott geben sollte, es die Gottheit der fliegenden Spaghettimonster ebenfalls geben müsste. Gibt es übrigens tatsächlich. Sogar eine Kirche, die diese anbetet. Dinge und Götter, auch nicht fliegende Spaghettimonster entstehen aber nicht aus dem Nichts.
Manche sagen auch, da gibt es halt eine Mischung aus diesen Möglichkeiten und die Dinge entstünden halt zufällig. Zwar betonen manche Leute, die Quantenphysik würde genau auf solches verweisen. Dass Dinge zufällig erscheinen. Dass es Multiversen gibt und darin Vorgänge, die jenseits der relativen physikalischen Gesetzmäßigkeiten liegen. Wo die Schwerkraft nicht gilt und Dunkle Materie die Dinge umkehrt. Wo Wurmlöcher Verbindungen zwischen den Galaxien und Dimensionen bilden und Warpantriebe Raumschiffe voranbewegen. Mit Mutter Theresa als Kapitän und Adolf Hitler als Schiffskaplan.

Nun, das ist jetzt ein wenig überspitzt. Tatsächlich verdanken wir unsere heutigen hochentwickelten technischen Geräte auch den teils verrückten Thesen der Quantenphysik. Das heißt aber nicht, dass diese Thesen nicht doch Regelmäßigkeiten folgen würden. Es kommt dabei nur darauf an, wie sie interpretiert oder überhaupt verstanden werden.
Denn, wer stellt diese Theorien auf? Sind es nur Physiker, die das mit ihrem Denken durchdrungen haben wollen und mit besonderen Geräten beobachten? Wer programmiert die Computer, die etwas außerhalb der relativen Realität beobachten wollen? Und wie interpretiert man eine solche Messung, die man macht? Und ist das Chaos, das manche Physiker dann erkennen wollen vielleicht auf einer verborgenen Ebene nicht doch wieder wohlgeordnet? Nicht, dass Quantenphysik nicht eine Geltung haben würde. Nicht, dass sie nicht gute, phantastische Theorien liefert für unser Sein. Das ist aber eine andere Sache.

Ende Teil III

„Hexenmystik“ 6, setzen!, geschrieben von Johanna

Samstag, 19. Mai 2018

„Hexenmystik“ 6, setzen! oder: ein Leserinnenbrief zu „Esoterik und Feminismus: Hexenmystik als emanzipatorische Praxis?

Eine bekennende Atheistin, die über Esoterik und magische Praktiken schreibt, ist m. E. vergleichbar mit einer Veganerin, die über Schlachtmethoden der örtlichen Großmetzgerei berichtet oder einer Schulmedizinerin, die gegen Homöopathie hetzt – immanente Meinungsmache ist in allen drei Fällen vorprogrammiert. Aber dass es gleich sooooo polemisch wird… („Tut das Not?“ hätte meine heidnische Großmutter gefragt…)
Warum die Autorin praktizierende Esoterikerinnen, Kartenleger und Hexen a) in einen Topf wirft und b) als unterprivilegiert bezeichnet, ist mir als Leserin nicht nur unverständlich – es bürstet mich auch stark gegen den Strich! Offenbar ist die Schreiberin des Artikels auch gegen Bachblüten und homöopathische Medizin eingestellt. Polemische Journaille anstatt neutraler Berichterstattung – nun gut oder eher schlecht, das gibt es ja leider oft, und polarisierende Schwarzweiß-Malerei scheint gerade „in“ zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, was dieser Artikel bezwecken soll, außer die darin „Niedergemachten“ (Hexen, Esoterikerinnen, Kartenleger etc.) zu provozieren und aus der Meditation zu reißen, damit sie mit der Faust auf den Tisch schlagen, was ich hiermit tun will – nein, Frau Kuhnen, so nicht, und schon gar nicht mit mir!

Ich bin Hexe, Priesterin der Göttin, schamanisch Praktizierende, Autorin, Kartenlegerin, durch Homöopathie und Bachblüten Geheilte und passe damit vermutlich in viele der bunten Schubladen, die Sie gern zudrücken würden. Das geht allerdings bei mir gar nicht, irgendein verquerer Zipfel von mir wird immer wieder raushängen… Sie glauben also, einzelne Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm angehören, die sich mit Dingen beschäftigen, die Ottilie Normalbürgerin (an die sich das Magazin „Siegessäule“ allerdings doch wohl eh nicht richtet?) könnten nichts bewirken? Da liegt der Irrglaube auf Ihrer Seite… aber ich vermute, Sie haben Sekundärliteratur bemüht, statt aktive Feldforschung zu betreiben. Das dauert ja auch so lange und ist so unbequem…

Hokuspokus und andere Mythen

Sie erwähnen z. B. „Hokuspokus“ – das entstammt der christlichen Messe aus einer Zeit, als sie noch (um „Unterprivilegierte“ vom Verständnis abzuhalten – na, merken Sie was?) in lateinischer Sprache abgehalten wurde. „Hoc est corpus meus“ sagte der Priestermann, „dies ist mein Leib“ – beim Abendmahl. Der bildungsferne Zuhörer, durch Stellwände ins seitliche Kirchenschiff abgedrängt, sah fast nichts und verstand nur „Hokuspokus“. Viel mehr haben Sie meiner Vermutung nach von dem, was wir Hexen heute praktizieren, wohl auch nicht verstanden…

Wir glauben zum Beispiel nicht an ein „fremdbestimmtes Schicksal“ – um es mit Asterix zu sagen (auch wenn er nicht queer oder LGBT ist): „Bleichgesicht Biberzahn irrt sich im Kontinent“, bzw. in der Religion. Heutige (und auch historische) Hexen bestimmen ihr Leben selbst – dazu gehören durchaus Mittel, die den Herrschenden und den „Normalbürgern“, so es die denn gibt, suspekt erscheinen mögen, wie Kartenlegen, Rituale, Beten an und Gespräche mit den jeweiligen persönlichen Göttinnen und Göttern.
Wenn die Mondin im Uranus steht, verschwinden leider weder Patriarchat, Sexismus oder schlechter Journalismus, sonst müsste ich diesen Leserinnenbrief gar nicht schreiben…

Sie greifen zwar munter in die Geschichtskiste, haben aber offenbar keinen Überblick über aktuelles religiöses Geschehen der Kirche – der Papst höchstselbst hat sich für die Morde an den Frauen, die als Hexen verunglimpft worden waren, entschuldigt. Das Rauschen im virtuellen Blätterwald, das hierdurch verursacht wurde, hat Sie, Frau Kuhnen, offensichtlich nicht erreicht. Mitnichten gibt es übrigens eine Verbindung vom spitzen Judenhut zum Hexenhut – letzterer entstammt der Zunft der Bierbrauer im Mittelalter. Dazu brauchte man Kräuter, und Hexen kennen und nutzen solche… aber das wissen Sie ja sicherlich bereits, das kennt man doch vom Hörensagen, gell!?

Zur Hexenverfolgung sei ferner angemerkt: Bei weitem nicht nur Frauen fielen den Hexenjägern und -richtern zum Opfer. Ihr Anteil lag in Deutschland im Zeitraum von 1530 bis 1730 bei 76 Prozent, in manchen Regionen, zum Beispiel im Bereich des Pariser Appellationsgerichts, sogar bei „nur“ 50 bis 60 Prozent. Während in katholischen Regionen bis zu dreißig Prozent der Hingerichteten Männer waren, verringert sich ihr Anteil in protestantischen oder reformierten Gebieten (England, Schottland, Schweden oder Niederlande) auf zehn bis 15 Prozent. Einer der Gründe für den weiblichen Überhang: Die im katholischen Bereich maßgebliche Bibelübersetzung Vulgata übersetzt die Stelle 2. Mose 22,18 mit „Die Zauberer sollst du nicht leben lassen“, die Lutherübersetzung (in Anlehnung an den hebräischen Text) hingegen: „Die Hexen sollst du nicht leben lassen“.
Ob sie Kinder aßen oder nicht – das allein genügte schon, Ihr Vergleich ist also ziemlich an den Hexenhaaren herbeigezogen.

Ebensolches gilt für den Vergleich der Verfolgung der Hexen mit dem Antisemitismus: Der Vorwurf des Schadenszaubers wurde in vielen Fällen vorgeschoben, wenn man die Menschen wegen anderer Taten nicht belangen konnte. Diebstahl, Sodomie, Alkohol-und/oder Drogenmissbrauch – auch in solchen Fällen kam es zu Anklagen wegen Hexerei. So, wie Richter ihre Anklage teilweise frei konstruierten, so folgten auch die „Besager“, also die Denunzianten oder „Zeugen“, nicht selten eigenwilligen, oft eigennützlichen Zielen: der Wunsch nach Scheidung, die frühere Verfügung über einen Erbteil, der Besitzerwerb von Nachbarn, Befriedigung persönlicher Rachegefühle, Ausschaltung von Konkurrenten um Wirtschaftsmonopolrechte, Sühne nicht verfolgter anderer Verbrechen. Und so manche Kirchengemeinde ist ihren Pfarrer, der in einem skandalösen Konkubinat lebte, mithilfe eines Hexenprozesses losgeworden.
Fazit: Juden und Hexen waren unbeliebt bei vielen „Normalbürgern“ der damaligen Zeit, aber die einen haben nicht zwingend mit den anderen zu tun außer Mitglieder einer Randgruppe der Gesellschaft zu sein. Und: nicht überall, wo Hexe draufstand, war auch Hexe drin…

Warum Sie Hexen und Esoteriker unter einen Hut stecken, erschließt sich mir ebenso wenig wie 99 % Ihres Artikels. Die eine hat mit dem anderen so viel zu tun wie eine Kuh mit Radfahren. Wikipedia schreibt dazu: „Heute wird „Esoterik“ weithin als Bezeichnung für „Geheimlehren“ verstanden, wobei es sich laut Antoine Faivre de facto allerdings zumeist um allgemein zugängliche „offene Geheimnisse“ handelt, die sich einer entsprechenden Erkenntnisbemühung erschließen. Nach einer anderen, ebenfalls sehr geläufigen Bedeutung bezieht sich das Wort auf eine höhere Stufe der Erkenntnis, auf „wesentliches“, „eigentliches“ oder „absolutes“ Wissen und auf die sehr vielfältigen Wege, welche zu diesem führen sollen.“ Hexen folgen keiner Geheimlehre – das Wissen ist überall zugänglich, sowohl durch Bücher als auch tatsächliche Personen, und Hexenkreise nehmen neue Mitglieder auf, ich empfehle hier doch etwas mehr Praxis!

Über die „Matriarchatsmythen“ ziehen Sie natürlich auch her, ich habe, als ich mich durch Ihren Artikel gequält habe, schon darauf gewartet – und jaaa, da kam die Erwähnung dann ja auch. Wenn Sie sich mit der Vorstellung anfreunden können, dass Frauen durchaus als ernstgenommene Wissenschaftlerinnen ernst genommen werden, empfehle ich Ihnen die Lektüre der Werke von Marie P. König, Marija Gimbutas, Heide Göttner-Abendroth u.v.m. Oder, hier kommt wieder die Feldforschung und Praxis herein: Hexentipp! Verbringen Sie doch den nächsten Urlaub mal nicht auf Malle, sondern bei den Mosuo in China, dort wird man Ihnen gern gelebtes Matriarchat zeigen! Vielleicht bekommen Sie sogar einen Zuschuss zum Bildungsurlaub!? Und wir danach ein besseres Essay?

Matriarchat is nicht?!

Dass Sie sich die Muttergöttin nicht als Identifikationsfigur vorstellen können, siedelt auf demselben Ast, auf dem neben Ihnen als Atheistin auch die Schulmedizinerin sitzt, die in Globuli unwirksame Geldverschwendung sieht. Ich sehe mich übrigens – wie 99,99% meiner Mithexen – nicht als „in eine jahrtausendealte Opfertradition eingebettet“.
Nö. Nichts könnte mir ferner sein! Hexen handeln selbstbestimmt, holen sich Unterstützung unter ihresgleichen (ja, die wilden Walpurgisfeiern gibt es immer noch!) und bei den Göttern, Geistern, Pflanzen, Tieren, Steinen, ganz normalen unhexischen Menschen übrigens ebenfalls, egal welcher Couleur und welchen Glaubens… aber auch bei Rechtsanwälten, Heilpraktikern und den Medizinern, die den Körper als mehr ansehen als die Summe seiner Teile.

Das Hexenbild, das Sie im Kopf haben, ist schon sehr „quer“ und leider sehr platt.
Wir „glauben“ auch nicht an Zauberkräfte – wir haben sie. Ich „glaube“ auch nicht an den öffentlichen Personennahverkehr, ich nutze ihn. Letzteres hilft dem bestehenden System, klar, ersteres aber nicht. Magische Veränderungen geschehen seltenst mit Donnerschlag und publikumswirksamem Tamtam – die Welt wird LEISE aus den Angeln gehoben, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Beteiligten. Fragen Sie doch mal eine Hexe, ich kann Ihnen in Berlin einige empfehlen…

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet Atheismus eine „widerständige Option“ sein soll?

Zwar kamen, historisch betrachtet, Atheisten oftmals in Konflikt mit bestehenden Systemen, und Atheismus war ferner Bestandteil der marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin, aber der wahre Revoluzzergeist will mir hier nicht wirklich erscheinen, egal wo die Mondin gerade steht… Wenn Glaube Berge versetzen kann, warum sollte ich dann Atheismus befürworten? Natürlich sind Hexen mit Selbstheilung beschäftigt (unter anderem, und mit vielen Dingen mehr!). Das heißt aber nicht, dass wir weltvergessen Bauchnabelschau betreiben und uns um diese kranke Gesellschaft einen Dreck scheren!
Das gesunde Prinzip, zunächst vor der eigenen Tür zu kehren, bleibt nicht am Hexenbesen hängen. Wer sich selbst heilen kann, braucht dafür niemand anderen zu instrumentalisieren, ist unabhängig und schwer regierbar. Hexen haben Macht durch (die Götter, die Magie), nicht über…

Hexen und ihre Selbstbestimmung sind unbequem und für das bestehende gesellschaftliche System durchaus gefährlich – seit vielen tausend Jahren, ganz ohne Romantik, Geschichtsklitterung und „Emanzipation durch Esoterik“.

Schlussendlich muss ich sagen, ich habe selten außerhalb der Zeitung mit den Großbuchstaben so einen schlechten Artikel gelesen (und die Länge macht ihn nicht besser). In diesem Falle tue ich es meinen Hunden gleich und pinkele – virtuell natürlich – an die „Siegessäule“ für diese Veröffentlichung.
Johanna Klapper