Archiv für die Kategorie ‘Kreuz und Quer’

Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie – Teil I, geschrieben von Sue

Samstag, 15. Juli 2017

Wenn man von Gestaltwandlern in der nordisch-germanischen Mythologie erzählen will, muss man zuallererst mit den Göttern anfangen:

Odin, der oberste Gott, wird als gestaltmächtig beschrieben. Er verwandelt sich in einen Adler und eine Schlange, um an den Skaldenmet zu kommen, der von einer Riesin bewacht wird. Er streift gern verkleidet durch die Welt und hat über 150 heiti – das sind Beinamen, die allein schon für seine Wandlungsfähigkeit sprechen. Namen wie „Svipall“- der Veränderliche oder „Grimnir“ – der Maskierte, Behelmte, sprechen Bände.

Abbildung von Loki mit einem Fischernetz aus der isländischen Eddahandschrift NKS 1867 4to von Ólafur Brynjúlfsson (1760)

Sein Blutsbruder Loki ist ähnlich gestaltmächtig. Er verwandelte sich in eine Stute, um den Bau von Asgard zu verzögern. Er verführte den Hengst des Bauherrn Svadilfari, der daraufhin die Frist nicht einhalten konnte und von Thor erschlagen wurde. Aber damit nicht genug, er wurde als Stute trächtig und gebar Sleipnir, Odins berühmtes achtbeiniges Pferd. Auch hat sich Loki in einen Lachs verwandelt, um den wütenden Asen zu entfliehen, ebenso in eine Fliege, einen Adler oder eine alte Frau.

Die Göttin Freya hat ein Falkengewand, mit dem sie fliegen oder sich auch in einen solchen verwandeln kann.

Der Gedanke von Menschen, die sich in Tiere verwandeln ist uralt

In Ägypten wurden die Götter oft mit Tierköpfen dargestellt und verwandelten sich auch in solche. In der griechischen Mythologie wurde König Lykaon (von: ho lykos – der Wolf) von Zeus in einen Wolf verwandelt, weil er ihm Menschenfleisch vorsetzte. Sein Name lebt bis heute im Begriff „Lykanthropie“ (von lykos – Wolf und athropos – Mensch) fort.
Im außereuropäischen Bereich gibt es beispielsweise auch Werlöwen oder –leoparden. Man nimmt an, dass gewisse Tierkulte von den Skythen in unseren Kulturkreis kamen. Der Geschichtsschreiber Hesiod sagt: „… die Skythen und die im Skythenland wohnenden Hellenen behaupten, jährlich einmal verwandle sich jeder der Neuren für wenige Tage in einen Wolf und trete dann wieder in den menschlichen Zustand zurück.“
Der Tierkult wurde aufgegriffen und weiterentwickelt. Constantin der VII., der König von Byzanz hatte beispielsweise die sogenannte „Warägergarde“, die rituelle Tänze in Wolfsverkleidungen vollführte.

Das Wort „Werwolf“ ist germanisch und leitet sich von „wer“- Mann und „Wolf“- Wolf ab. Indem man sich ein Tierfell überwarf und es nachahmte, wurde man eins mit dem Tier – verwandelte sich in eins. Ebenso gab es Erzählungen, dass wenn man sich das Blut oder gewisse andere Körperteile (wie das Herz z. B.) eines Tieres einverleibte, sich seine Kraft zu Eigen machte.
Wölfe haben in der germanischen Mythologie eine große Bedeutung. Zwei Wölfe, Geri und Freki, begleiten Odin auf Schritt und Tritt. Ebenso sind es zwei Wölfe, die Sonne und Mond über den Himmel jagen. Der Fenriswolf wird von den Göttern gefesselt und wartet auf Ragnarök um den Göttervater zu fressen. Wie man sieht, hat der Wolf nicht unbedingt ein positives Bild. Er ist eng mit dem Tod assoziiert, da er nach Schlachten über die Schlachtfelder streift, um die Toten zu fressen. Ebenso ist Odin auch als Totengott bekannt. Ein „vargr“, Wolf, war auch ein Gesetzloser, Vogelfreier, der heimatlos umherstreifte und überall getötet werden durfte.

Auch der Bär hat eine große Bedeutung. Er war das größte Landraubtier im mittel- und nordeuropäischen Raum und galt als der König der Tiere, bevor ihm der Löwe den Rang abtrat. In vielen Kulturen, galt die direkte Benennung des Bären als Tabu und man erfand Alternativbegriffe. Man nimmt an, dass das Wort Bär sich auf das Wort brun – braun bezieht, welches einen dieser Alternativbegriffe darstellt („der Braune). In fast allen anderen Sprachen stammt der Name aus dem Griechischen – arctos.
Er wird oft mit dem Menschen in Verbindung gebracht, weil er viele augenscheinlich menschliche Verhaltensweisen hat. Er ist Allesfresser und kann sich auf die Hinterbeine stellen. Weibliche Bären sind sehr um ihre Jungen besorgt, die selbst wiederum verspielt und neugierig sind. Durch ihre Winterruhe haben auch Bären gewisse Todesnähe, aber durchaus gekoppelt mit Wiedergeburt. In der Winterruhe bringen die Bärinnen ihre Jungen zur Welt, und wenn sie die Höhle verlassen, sind sie schon relativ groß und mobil. Dies muss auf die damaligen Menschen beeindruckend gewirkt haben.

In der damaligen Zeit war der Glaube an Gestaltwandel weit verbreitet

 Das bezeugen die vielen Namen, die Tierelemente in sich tragen („Bär“: Bruno, Björn-, Bjarn- „Wolf“: Ulf-, Wolf- , ect.). Ebenso reich sind die Begriffe, die es dafür gab: der Begriff „hamhleypa“ bezeichnet meist eine gestaltmächtige Hexe. „hamrammr“ bezeichnet eher Männer. Auch das Wort „hamask“ bezieht sich darauf.
Alle diese Begriffe beziehen sich auf das Wort „hamr“ – „Hülle“ oder auch „Haut“. Das Wort „hamask“ möchte ich hier besonders betonen. „hamask at“ heißt nicht allein die Gestalt wandeln, sondern auch eine Art Bessenheit, Wüten. „hamrammr“ und „hamask“ ist meistens Kriegern vorbehalten, die sich in Tierfelle kleiden um sich in solche zu verwandeln: Berserkir und Ulfhednar.
Die sprichwörtliche Berserkerwut, hat sich bis heute in unserem Wortschatz gehalten (ebenso im englischen „go berserk“ und skandinavischen Sprachen „go berserksgang“).

Die Berserker und Ulfhednar werden ausdrücklich als „Odins Männer“ bezeichnet, was auch zur Eigenschaft Odins als Gott des Krieges, der Wut und der Ekstase passt. Sein südgermanischer Name „Wodan“ bedeutet „der Wütende“. Adam von Bremen drückt es so aus: „Wodan id est furor“ – Wodan ist Wut. Fundstücke aus verschieden Zeiten und Orten zeigen Krieger mit Waffen und Tiermasken, die entweder mit einer Figur tanzen, die möglicherweise Odin darstellt) oder laufen.

Zur Etymologie der Wörter

Berserker (Plural: Berserkir): das Wort stammt aus dem Nordischen und ist von umstrittener Bedeutung. Man nimmt an, dass es entweder von „ber“ – Bär oder „berr“ – bloß, nackt stammt. „Serk“ bedeutet Hemd oder auch Rüstung. Darauf lässt sich schließen, dass diese Männer entweder ohne Rüstung kämpften, oder in Tierverkleidungen.
Ulfhedin (Plural: Ulfhednar): dieses Wort stammt auch aus dem Nordischen und stammt von „Ulf“ – Wolf und „hedin“ ist ein Mantel (meist mit Kapuze). Man könnte es also als „Wolfsmantel“ übersetzen. Man geht davon aus, dass sie eine ähnliche Funktion wie die Berserker hatten, mit dem Unterschied in der Kleidung und dem Verhalten.

Die Sagas drücken diesen Verhaltensunterschied wie folgt aus:
„grenjuðu berserkir, guðr vas á sinnum, emjuðu Ulfheðnar ok ísörn dúðu.“
„Es brüllten die Berserker, der Kampf kam in Gang, es heulten die Wolfspelze und schüttelten die Eisen.“[4]

Mal abgesehen von dieser Beschreibung gilt in dem nachfolgenden Text alles genauso für die Ulfhednar, auch wenn nur von Berserkern die Rede ist. Beide werden in den Sagas sehr oft erwähnt, wenn es um Schlachten ging. Sie standen meist in der vordersten Reihe, da sie auch wegen ihres psychologischen Effekts auf die Gegner äußerst beliebte Kampfeinheiten waren. Ihnen wurden diverse magische Eigenschaften nachgesagt:
„Aber seine [Odins] eigenen Mannen gingen ohne Brünnen, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Menschenvolk, und weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Man nannte dies ‚Berserkergang‘.“
Auch hieß es, dass sie mit ihrem Blick Klingen stumpf machen könnten. Sie kämpften oft noch mit Verletzungen weiter, die für andere tödlich gewesen wären.

Über den Berserkergang selbst heißt es, dass er mit Unruhe, Zittern, veränderter Gesichtsfarbe anfing, später dann in Brüllen und Beißen in den eigenen Schild überging. Das Schildbeißen muss wohl sehr charakteristisch gewesen sein, da sogar Schachfiguren gefunden wurden, die das Motiv eines schildbeißenden Kriegers zeigten. Dann fielen die Männer in ein rauschhaftes Verhalten, dass aber ihre (kämpferischen) Fähigkeiten nicht etwa verminderte, sondern im Gegenteil – stärker werden ließ.

In der Egils Saga heißt es: „What people say about shape-changers or those who go into berserk fits is this: that as long as they’re in the frenzy they’re so strong that nothing is too much for them, but as soon as they’re out of it they become much weaker than normal.“
“Was die Leute über Gestaltwandler, und diese Leute, die Berserkeranfälle haben sagen, ist dies: So lange sie in Wut sind, sind sie so stark, dass ihnen nichts zu viel ist, doch sobald sie draußen sind, werden sie viel schwächer als normal.“

Nach dem Anfall folgte tatsächlich eine Phase der Schwäche und des Schlafes. Viele Sagahelden nutzen diese Phase, um dem Berserker den Garaus zu machen.
Diese Anfälle konnten entweder willentlich herbeigeführt werden oder kamen zu unerwarteten Zeiten, meist während harter körperlicher Arbeit.
Es heißt: “This fury, which was called berserkergang, occurred not only in the heat of battle, but also during laborious work.” (Fabing)
Hrolfs Saga beschreibt es so: “On these giants fell sometimes such a fury that they could not control themselves, but killed men or cattle, whatever came in their way and did not take care of itself. (Ibid.)“

Über diese Riesen kam manchmal eine solche Wut, dass sie sich nicht kontrollieren konnten, sondern Mensch und Vieh töteten, was auch immer ihren Weg kreuzte und nahmen auf sich selbst keine Rücksicht.
Allgemein scheint es in aufregenden Situationen passiert zu sein. In der Egils Saga wird erzählt, wie Egil mit seinem Vater Skalla-Grim und einem Freund ein Ballspiel spielte und am Verlieren war, weshalb er in Rage geriet und den Spielgefährten seines Sohnes hochnahm und ihn zu Boden schmiss, wo er tot liegen blieb. Danach ging er auf seinen eigenen Sohn los und hätte auch ihn umgebracht, wenn nicht eine mutige Magd dazwischen gegangen wäre, die im Anschluss übrigens im hohen Bogen über die Klippe flog.

Ende Teil I

Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus

Samstag, 08. Juli 2017

Also ich hörte, dass es tatsächlich so etwas wie aztekischen bzw. „Mexica“ Rekonstruktionismus gibt, war ich freudig überrascht. Ich nahm sofort Kontakt auf und bat um ein Interview. Angel Rivera Rubio folgt der wiederbelebten Religion der Azteken und war so nett meine Fragen über seine religiöse Praxis zu beantworten.

Wenn man an die Azteken denkt, sind die ersten Dinge die einem in den Sinn kommen beeindruckende pyramidenartige Bauten, ein Haufen wilder Verschwörungstheorien und natürlich Menschenopfer. Aber natürlich gibt es weit mehr über die mesoamerikanische Nahua Kultur zu berichten.

Aztekische Ruinen, Wikimedia Commons, Foto: Rationalobserver

Was mich am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass die Menschen im aztekischen Polytheismus sich in der Schuld der Götter sehen. Während die meisten mitteleuropäischen Heiden nie müde werden zu betonen, dass sie sich weigern Götter „anzubeten“ oder ihr Haupt ehrfürchtig vor ihnen zu senken, wie es nur die Christen täten, haben die aztekischen Heiden ganz und gar ihre mythische Schuld gegenüber den Göttern akzeptiert. Diese Schuld sehen sie darin begründet, dass sich die Götter einst selbst geopfert haben um alles Leben und die Welt vor dem Untergang zu retten. Offensichtlich gehört also ein großes Maß an Hingabe zum Mexica Polytheismus.

Eines der Schöpfungsmythen, die sogenannte Legende der Sonnen, berichtet von der Erschaffung der fünf Sonnen. Jede von diesen repräsentiert ein Zeitalter, welches von einer bestimmten Gottheit regiert wird und von jeweils unterschiedlichen Wesen besiedelt ist. Die ersten vier dieser Zeitalter endeten in einer riesigen Katastrophe, das fünfte jedoch ist das aktuelle Zeitalter, das von Menschen und den uns bekannten Wesen besiedelt ist.

Der Grund warum dieses Zeitalter noch besteht ist die Selbstopferung einer kleineren Gottheit, der sich in einem Feuer verbrennt um der Sonne seine Lebenskraft zu schenken. Um den Fortbestand der Sonne auch weiterhin zu garantieren, müssen sich weitere Götter stets aufs Neue opfern. Man geht davon aus, dass dieser Mythos auch den Antrieb für die bei den Azteken üblichen Menschenopfer bildete. Natürlich werden Menschenopfer heute nicht mehr praktiziert, doch die Menschen, die der aztekischen Religion heute folgen, erkennen die Schuld der Menschen gegenüber den Göttern nach wie vor an und ehren diese Selbstopferung der Götter in ihren Riten.

Mexica Tänze in Ixcateopan nahe des Grabes des letzten aztekischen Herrschers Cuauhtemoc, Wikimedia Commons, Foto: Claudio Giovenzana www.longwalk.it

Die spanische Conquista hat die Erinnerung an die Aztken sowie an andere mesoamerikanische Völker weitestegehend ausgelöscht. Die spanischen Eroberer erachteten es als ihre heilige Pflicht die „aztekische Götteslästerung“ auszulöschen und das Christentum in Mittelamerika zu etablieren. Es ist nach wie vor nicht ganz sicher, was von den Horrorgeschichten spanische Übertreibung und was authentische Überlieferung darstellt.

Eines jedoch ist unbestritten, die Azteken waren eine faszinierende, vielschichtige und hochentwickelte Zivilisation, die es definitiv wert ist studiert zu werden. Neben all den finsteren Eigenarten gibt es doch viele interessante und inspirierende Fakten über die aztekische Kultur zu erfahren, die es allemal wert ist auch heute als lebendige Praxis weitergeführt zu werden.

INTERVIEW

1. Wie würdest Du den Mexica Rekonstruktionismus jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Die Wiederbelebung der prehispanischen polytheistischen Religion der Nahuas (deren Teil die Mexicas/Azteken waren) auf der Basis einer rekonstruktionistische Herangehensweise.

2. Was ist Deiner Ansicht nach der Kern der Mexica Praxis?
Nun, zunächst ist dies die Schuld zu akzeptieren, die wir den Teteoh (den Göttern) gegenüber haben für das Leben, dass sie uns gaben und zum zweiten, zu verhindern, dass Tlazolli (die Dinge die nicht in Ordnung/an ihrem Platz sind) außer Kontrolle gerät.

3. Gibt es heute immer noch eine lebendige Mexica Polytheismus Kultur und wie viele gehören dieser ungefähr an?
Leider ist der Polytheismus mit der spanischen Eroberung ausgestorben, es gibt jedoch einige synkretistische Formen und Volksbräuche, die uns helfen können die Tradition zu rekonstruieren. Was die Zahl der Rekonstruktionisten angeht, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber nach dem was ich im Internet wahrnehme würde ich vermuten, dass es sich um einige Duzend oder vielleicht einige hundert handelt.

4. Welches sind die wichtigsten Götter die im Mexica Rekonstruktionismus verehrt werden. Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Ich würde sagen die vier Tezcatlipocas könnte man als die wichtigsten Gottheiten bezeichnen, denn sie sind die Schöpfer der Welt. Diese sind Tezcatlipoca, Xipe Totec, Quetzalcaatl und Huitzilopochtli.

5. Welches sind die wichtigsten Feste oder Rituale die ihr feiert und wie begeht ihr diese?
Üblicherweise opfere ich den Teteoh Copal und Blut (ich steche mir dazu in den Finger). Leider gibt es nicht sehr viele Informationen über den privaten Kult, so dass wir uns auf moderne Vermutungen und UPG [unbewiesene persönliche Erkenntnisse – Anm. der Autorin] verlassen müssen.

Aztekischer Kalenderm Wikimedia Commons, Foto: Rengarajang

Was die Feste angeht, so hatten die Mexicas zwei verschiedene Kalender, den Tonalpohualli, ein 260 Tage Ritualkalender der dazu diente die Zukunft der Menschen vorherzusagen je nachdem in welchem Zeichen sie geboren wurden, und der Xiuhpohualli, ein 365 Tage Kalender des täglichen Gebrauchs der in 18 Monate zu je 20 Tagen eingeteilt war. Letzterer ist ausschlaggebend für die Berechnung der Festtage, denn jeder Monat ist einer bestimmten Gottheit gewidmet.

6. Wie ist die Mexica Vorstellung vom Leben nach dem Tod?
Das Leben nach dem Tod hängt davon ab, wie man gestorben ist, das heißt die Menschen die im Krieg zu Tode kommen gehen zu Tonatiuh, dem Sonnengott, und folgen ihm auf seiner Reise durch den Tag und Menschen die Aufgrund von Umständen sterben, die mit Wasser zu tun haben gehen nach Tlalocan wo Tlaloc, der Regengott, herrscht.

7. Sehr viele Leute denken an Menschenopfer wenn sie von den Aztken hören. Wie gehst Du damit als moderner Rekonstruktionist um?
Menschenopfer waren ein bedeutender Bestandteil der Mexica Religion. In Nahuatl, der Sprache der Azteken, heißt Opfer Nextlaoalli, das bedeutet „die Schuld bezahlen“, da sich die Götter selbst für uns geopfert haben. Nanahuatzin sprang in ein Feuer um Tonatiuh, die Sonne zu werden und Quetzalcoatl gab sein Blut um die menschliche Spezies wieder herzustellen. Obwohl die Selbstopferung natürlich auch wichtig war, ist es letztere Praxis, die von modernen Rekonstruktionisten genutzt wird um ihren Dank an die Teteoh auszudrücken.

Aztektisches Menschenopferritual, auf Seite 141 des Codex Magliabechiano 16. Jahrhundert, Wikimedia Commons

8. Viele europäischen Heiden sehen die Christianisierung als Hauptgrund für das Verschwinden der prächristlichen Kulturen. Gibt es eine ähnliche Begebenheit für die prächristliche Kultur Mittelamerikas?
Nun, ja, das Eintreffen der spanischen Eroberer stellt einen „point of no return“ für die traditionellen Religionen dar.

9. Wie wird man zu einem Praktizierenden des Mexica Polytheismus? Kann jeder sich entscheiden Teil dieser Bewegung zu werden? Wie bist Du Teil davon geworden?
Nun, ich denke, jeder der den Ruf der Teteoh vernimmt kann dieser Religion folgen. Was mich betrifft, so habe ich mich zuerst mit den europäischen polytheistischen Traditionen beschäftigt, spürte aber schon lange eine starke Verbindung zu den Mexikas. Indem ich Polytheist wurde, erkannte ich, dass ich mich den Teteoh gleichermaßen nähern konnte, wie andere Leute sich anderen Gottheiten nähern und von da ab folgte ein Schritt dem anderen.

Aztekische Krieger aus dem Codex Mendoza, Wikimedia Commons

10. Kannst Du Bücher zu diesem Thema empfehlen, falls sich jemand eingehender mit diesem Pfad auseinandersetzen möchte?
Leider gibt es nicht sehr viele Bücher über den Mexika Rekonstruktionismus, aber ist gibt einige akademische Bücher, die hilfreich sein könnten, wenn jemand das Weltbild der Mexica näher verstehen möchte:
• The Aztecs: People of the Sun (Civilization of the American Indian) by Alfonso Caso
• Daily Life of the Aztecs by Jacques Soustelle
• The Gods and Symbols of Ancient Mexico and the Maya by Mary Millerand Karl Taub
• The Slippery Earth: Nahua-Christian Moral Dialogue in Sixteenth-Century Mexico Louise M. Burkhart
• The Myths of the Opossum: Pathways of Mesoamerican Mythology and Human Body and Ideology Concepts of the Ancient Nahuas by Alfredo L. Austin

Lieber Angel, ich danke Dir sehr für Deine Zeit und Deine Geduld uns einen so spannenden Einblick in den aztekischen Polytheismus und wie er heute praktiziert wird zu gewähren!

Zur Facebook-Seite von Angel
Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism – Prehispanic Reconstructionism

Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism - Prehispanic Reconstructionism

 

Über die Kraft echten Schamanentums – Teil II, geschrieben von Frank

Samstag, 01. Juli 2017

Schamane werden durch Absolvierung einiger Wochenendkurse? Oder im Zuge einer einjährigen Ausbildung? Und das kann dann also »jeder«? Da ist schon etwas mehr nötig! Die Verbündeten – reale Geister! – müssen ihrem Schamanenmeister zur Seite stehen. Denn er braucht ihre Kraft und Unterstützung, um sich mit all den widrigen Kräften auseinanderzusetzen, die aus schamanischer Sicht Krankheit und Leid verursachen. Die Grundlage dafür ist die Fähigkeit, Bewusstseinszustände willentlich wechseln zu können. Und mit dem umgehen zu können, was in diesen Zuständen gesehen und erfahren werden kann. Schamanische Trancen, die zugehörigen Methoden sowie der Erwerb von hilfreichen und zuverlässigen Schutzgeistern: Sowas fällt niemandem einfach in den Schoß! Das Schamanenhandwerk muss im Gegenteil durch langwieriges Training erlernt werden. »Langwierig« meint viele, viele Jahre praktischer Erfahrung.
Neben all dem kommen im Einzelfall viele weitere Wissensgebiete dazu, die, je nach Typ, ebenfalls erarbeitet werden müssen. Ritualistik, Kräuterkunde, Astrologie oder umfangreiches Medizinwissen als Beispiele.

Ich kenne eine Reihe »echter«, also tatsächlicher Schamanen persönlich. Mit einigen pflege ich langjährige Freundschaften. Viele dieser wahrhaftigen Schamanen im ursprünglichen Sinn des Ausdrucks sind es inzwischen gründlichst leid, sich immer und immer wieder diverseste Interpretationen überstülpen lassen zu müssen. Diese esoterisch, psychologisch oder »wissenschaftlich« verzerrten Projektionen kommen von Menschen, die oft genug keinerlei eigene Erfahrung mit echtem Schamanismus haben. Nun, echte Schamanen werden es wohl von Haus aus besser wissen müssen, was sie da eigentlich tun? Aufgrund intensiver, über mindestens ein bis zwei Jahrzehnte gewachsener Erfahrungen, verfügen sie über ein empirisches Wissen und eine daraus resultierende Gewissheit und Befähigung, die weit über Glauben, Wunschvorstellungen oder angelesenes Wissen hinausgeht.

Ich kann natürlich nicht für andere Schamanen sprechen. Jedoch was mich betrifft: Wer von mir schamanischen Rat erbittet, wer bei mir behandelt werden will, der möge bitte meine Arbeit als das akzeptieren, was sie ist. Nämlich eine für ihn oder sie wenigstens mögliche REALITÄT. Im Rahmen dessen: Ich kann und werde nur das sagen und bearbeiten, was ich sehe. Das gilt in meiner naturheilkundlichen Arbeit als Heilpraktiker ebenso, wie der als »Schamane«. Was ich nicht sehe, werde ich nicht behaupten – auch wenn Klienten da vielleicht noch so gerne etwas hören wollen. Wer zu mir kommt, den treibt der Wunsch nach wirksamer schamanischer Beratung und Behandlung. Dass Dinge in Bewegung gebracht werden, die manchmal auch unangenehme Informationen und Handlungen mit sich bringen, gehört dazu. Es ist eben keine seichtesoterische Wunschveranstaltung, aus der man sich das raussuchen kann, was einem zusagt und das Lügen straft, was vielleicht auch mal unangenehm ist, weh tut oder aus irgendwelchen Gründen nicht mit der eigenen Erwartungshaltung übereinstimmt. Wer mich beauftragt, schamanisch zu arbeiten, kann schlecht erwarten, dass beschädigte Selbstbilder und leidmotivierende Störungen von mir bedient werden. Nein – im Zweifel wird das aufgedeckt, angesprochen, bearbeitet. Dafür werde ich beauftragt und bezahlt. Und ich erwarte von Klienten, dass sie das nicht nur akzeptieren, sondern obendrein, dass sie kräftig daran mitarbeiten.
Was tausende Internetdiskutanten mit dem Schwerpunkt »Esoterik« über das Schamanentum denken, was sie glauben, was Schamanismus denn nun tatsächlich sei, und dergleichen: Nun, ich finde das zwar interessant. Man kann auch gern mal auf dieser Ebene Gespräche führen. Ein X für ein U vormachen lasse ich mir aber nicht. Wer als Anfänger, etwa als esoterisch vorgebildete Person, die seit zwei Jahren den Schamanismus für sich entdeckt zu haben glaubt, mir oder anderen »alten Hasen« auf dem Gebiet erzählen will, was denn nun wirklich Sache sei mit dem Schamanismus – ist bei mir an der falschen Adresse. Sowas kann ich nicht ernst nehmen. Ich selbst kann zum Beispiel recht gut Auto fahren. Ich weiß auch, wie man ein Auto betankt, und kann einige wenige Reparaturhandgriffe sogar selbst erledigen. Ich würde mir trotzdem nicht im Traum erlauben, einem ausgebufften Autoschrauber, der seit Jahren nichts anderes tut, mit meinem »Wissen« entgegen zu treten! Oder ihn gar für unwissend erklären und seine Methoden und seine Kenntnisse im Umgang mit Autos als »falsch« bezeichnen. Zu Recht würde ich bestenfalls ausgelacht, sollte ich mich auf diese Art in einem KFZ-Forum im Internet darstellen wollen!

Schamanismus ist lebendige Erde und Wildnis, ist Arbeit mit Geistern und deren eigenem Wollen, deren Über- und Einblick und deren Wohlgesonnenheit. Schamanentum ist das absichtsgelenkte Spiel mit Bewusstseinszuständen, ist Kraft, jahrelang geschliffene Technik und Wissen im Umgang mit diesen Kräften. Das Schamanische sprengt im Zweifel alle Fesseln, die uns die Erziehung und Sozialisierung unserer sogenannten Bildungsgesellschaft in Hirn und Energiesystem gepflanzt hat. Ein Grundmaß an Respekt und Akzeptanz gegenüber einem Jahrtausende alten Phänomen scheint also dringend angeraten. Und ebenso gegenüber denen, die sich schon lange Zeit mit einem solchen Mysterium auseinandersetzen und es, aller Widerstände und Widrigkeiten zum Trotz, erfolgreich leben. Es ist wahr: Esoterik kann vom Schamanentum eine Menge lernen. Synonym ersetzen allerdings kann sie es nicht. Das Gleiche gilt für reduktionistische Naturwissenschaften oder westliches Psychologieverständnis.

Der Steinkreis von Callanish/Calanais, geschrieben von Anette

Samstag, 01. Juli 2017

In diesem Frühling durfte ich wiedereinmal für einige Wochen nach Schottland reisen. Um dort zu arbeiten, zu wirken, zu erleben, zu schreiben und zu forschen.
Eine unserer Stationen war dabei die Isle of Lewis und damit auch der beeindruckende Steinkreis von Callanish/Calanais oder eigentlich sogar die Steinkreise (Plural) von Callanish/Calanais.


Es gibt den großen, beeindruckenden Steinkreis Calanais I, der schon allein aufgrund seiner Form, die an ein keltisches Kreuz erinnert, wirklich eine Besonderheit darstellt und noch mindestens 12 von vermutlich insgesamt über 20 weiteren Steinsetzungen in der näheren Umgebung, teils in Sichtweite zueinander und zum „Haupt“Steinkreis Calanais.

Ein bisschen was über Calanais ganz allgemein

Der eigentliche Hauptsteinkreis ist kein wirklich typischer Steinkreis. Es ist ein wilder, komplexer und sehr kraftvoller Ort und bisher die größte bekannte Steinformation der Megalithkultur auf den britischen Inseln. Es waren wohl einmal etwa 54 Steine aus Gneis die hier gesetzt waren. Gneis gilt als eine der ältesten Steinformationen der Erde.
Die Steine sind nicht behauen und es ist nicht bei jedem der Steine ganz sicher wo er ursprünglich genau gestanden haben mag und ob die heutige Ausrichtung zu 100% korrekt ist.
Die Anlage erinnert von Oben betrachtet an ein keltisches Kreuz, wobei im Norden eine lange Doppelreihe aus Steinen, eine regelrechte „Allee“ auf den inneren Kreis zuläuft. Die Gegenüberliegende Linie aus dem Süden ist kürzer und einfach. Ebenso wie die Ost-West-Linie aus Steinen.
In der Mitte, auf die alle 4 Linien eben wie ein keltisches Kreuz zulaufen, ist ein Ring aus Steinen in dessen Zentrum ein ein großer Monolith, von etwa viereinhalb Meter Höhe, steht.
Der Kreis und der zentrale Monolith scheinen die ältesten Teile der Anlage zu sein.
Ebenfalls in der Mitte des Kreises befand sich ein kleines Kammergrab das jedoch erst einige Zeit nach der Errichtung der Anlage gebaut wurde.
Man vermutet das die Anlage vor etwa 5000 Jahren errichtet wurde und dann irgendwann, aus unbekannten Gründen etwa vor 3000 Jahren verlassen wurde.
Wir wissen heute nicht warum Calanais errichtet wurde oder welche Zeremonien man dort begangen und gefeiert hat. Wir wissen auch so gut wie nichts über die Menschen die diesen Ort erschaffen habe.
Natürlich gibt es die Vermutung das es sich hier um eine Art Tempel, ein Observatorium zur Beobachtung der Sterne oder ähnliches gehandelt haben mag. Auch eine Verbindung zu Bestattungen oder Totenkult kann nicht ausgeschlossen werden. Aber das sind nur Vermutungen.

Was wir wissen ist, das die Inseln, damals ein guter Ort zum Leben waren. Sie waren milder, fruchtbarer und weit weniger rau als heute.


Calanais heute

Tagsüber ist der Kreis natürlich eine vielbeachtete Attraktion auf Lewis und man ist eigentlich fast nie alleine. Wenn aber das naheliegende Visitor-Center ab etwa 17:00 Uhr schließt wird es stetig leerer.
Wir waren meist in den späten Abendstunden dort, wenn der Sonnenuntergang nicht mehr fern war, also so zwischen 20:00 und 23:00 Uhr. Jetzt konnten wir die Steine ganz für uns genießen und es war einfach in die Kraft und Wildheit dieses Ortes einzutauchen.

Mein kleines Wunder von Calanais

Die Isle of Lewis ist atemberaubend in ihrer schroffen und rauen Wildheit. Das Wetter wechselt jeden Augenblick und wo es eben noch in Strömen regnete scheint plötzlich die Sonne und scharfer Wind trocknet die Kleidung in Minuten und andersrum.
Es gibt kaum Bäume auf der Insel und aus dem Moor und dem Grün der Weiden ragen überall Felsen heraus, als ob Riesen hier gespielt hätten.
Es gibt Strände mit weißem Sand und türkisfarbenem Wasser wie in der Karibik, aber nahezu niemanden der in dem eiskalten Wasser baden will.
Der Geruch nach Torf, Schaf und Heide ist allgegenwärtig genau wie der Wind und das Meer.
Entweder liebt man diese Inseln oder man kann sie kaum ertragen. Ich muss sicher nicht erwähnen zu welcher Sorte ich gehöre.
Es war einer unserer letzten Abende auf Lewis und ich wollte gerne an den Steinen trommeln, mit meiner relativ neuen HarmonyDrum. Das Wetter ließ jedoch nichts Gutes hoffen, riesige dunkle Wolkenberge wurden in schockierender Geschwindigkeit vom Wind unerbittlich über den Himmel getrieben. Nur kurz unterbrochen von einzelnen Sonnenstrahlen, schön anzusehen, aber alles eher ungemütlich.

Trotzdem wir wollten nochmals an die Steine.
Am Kreis angekommen wartete ich noch ab bis sich die letzten Besucher verzogen und dann sammelte ich mich und spielte direkt im inneren Zentrum des Kreises…. und spielte … und spielte… Ich verlor den Sinn für die Zeit, stand zwischendurch auch auf, sang, vollführte ein kleines Ritual und dann spielte ich wieder.
Das Drama am Himmel nahm ich kaum noch wahr.
Als ich den Eindruck hatte jetzt wäre es genug, bedankte ich mich, verabschiedete mich und verließ den Kreis….
Ich wanderte langsam zurück zum Auto, verstaute meine 7 Sachen und setzte mich hinein. In dem Augenblick als ich die Tür hinter mir schloss, pladderte der Regen mit heftigen Tropfen los, als hätte er schon darauf gewartet.
Mein Mann Sven war zu diesem Zeitpunkt immer noch an den Steinen am Fotos machen, und war patschnass geworden.
Soweit so alltäglich …
Als Sven dann am Auto ankam verkündete er mir höchst erbost ;-) das ich beim nächsten Mal zu bleiben hätte bis er fertig wäre mit seinen Fotos.
Ich verstand nicht ganz was er meinte. Er erzählte mir daraufhin das er, während ich so schön versunken im Kreis hantierte, mehrfach dicke Regenwolken sehen konnte die direkt auf uns zu hielten und dann, ganz plötzlich einfach die Richtung wechselten. Er behauptet das er einen direkten Zusammenhang beobachten konnte zwischen meinem Spiel und dem Zug der Wolken am Himmel.

Ich konnte das erst gar nicht glauben aber mein Mann gehört eigentlich eher zur bodenständigen und vernünftigen Sorte, so als „gelernter“ Ingenieur. Und so erschien mir sein Bericht durchaus ernstzunehmen.
Da er nun mit eigenen Augen gesehen hatte was er eben gesehen hat, wurde ich den Rest unserer Zeit in Schottland immer wieder von ihm gebeten für ihn und seine abendlichen Fotoausflüge zu trommeln… damit er auch ja das richtige Licht für seine Leidenschaft, die Landschaftsfotografie, bekam.
Da ich mit der Zeit immer wieder Bilder von ihm aus unserer Zeit in Schottland hier einstelle, werdet Ihr Euch selber ein Bild machen können ob es ewas gebracht hat oder nicht ;-).

Über die Kraft echten Schamanentums – Teil I, geschrieben von Frank

Samstag, 24. Juni 2017

Eine Kritik an neuzeitlichen Erklärungsprojektionen des Schamanismus

Schamanismus ist in aller Munde! So zumindest könnte man meinen, wenn man einen Blick in die »Esoterikszene« unserer Tage wirft. Diese führt schon lange kein Nischendasein mehr. Sie hat sich im Gegenteil zu einem regelrechten Boom gemausert, der inzwischen auch wirtschaftlich erhebliche Umsätze generiert. Umsatz aber wächst durch möglichst zahlende Kunden. Und die müssen durch geeignete Marketingstrategien motiviert werden. Hinzu kommt – dank einem entseelten und entzauberten Weltverständnis, welches sich im Westen durchgesetzt hat – ein spürbar wachsender und natürlich verständlicher Bedarf nach spirituellem Lebenssinn. Beides subsumiert sich und zieht durch größer werdende Massenverbreitung bedauerlicherweise eine gewisse Verflachung des alten esoterischen Denkens nach sich. Was früher eine »Wissenschaft und Kunst«, wenn nicht die Königsdisziplin praktischer Philosophie schlechthin war, ist heute problemlos für jeden zugänglich und kann, vermeintlich ohne großen Aufwand, praktiziert werden.

Auffällig ist das inzwischen nahezu beliebige und unkritische Vermengen verschiedenster esoterischer Ideen und Ansätze. Auch den Schamanismus hat diese Branche schon längst für sich entdeckt und in ihr Geflecht eingebunden. Der Markt ist in den letzten Jahren mit Publikationen zum Thema regelrecht geflutet worden. Eine aktuelle Googlesuche ergibt unter dem Stichwort »Schamanismus« weit über eine Millionen Ergebnisse. Zahlreiche Anbieter preisen bunte »Ausbildungssysteme« an. Die Zahl der dem Anschein nach praktizierenden – also Klienten beratenden und behandelnden – »Schamaninnen und Schamanen« geht alleine im deutschsprachigen Raum in die Tausende. Tendenz steigend.

Bezeichnend ist die Menge verschiedenster Meinungen und Ansichten, die mit dem Ausdruck »Schamanismus« verknüpft zu sein scheinen. Neben der auch hier vorherrschenden Durchmischung mit beliebigem esoterischen Gedankengut stechen manche Ideen besonders ins Auge. Rein psychologische Interpretationen des Schamanismus etwa. Oder die Reduktion auf reine »Energieparadigmen«. Von Geistern, Trancen oder Geisterwelten ist da teilweise gar keine Rede mehr. Oder diese im eigentlichen Sinne wahrhaftig schamanischen Konzepte werden esoterisch-psychologisch uminterpretiert.

»Jeder ist ein Schamane« – und das sei keine Frage der Begabung, der jahrelangen Ausbildung und persönlichen Entwicklung: Auch diese Ansicht scheint inzwischen weit verbreitet. Kein Wunder, mit derartigen Aussagen werben einige Ausbildungs-Anbieter ja auch seit Jahren ihre Kunden. Auch wenn es aus Respekt vor dem echten Schamanentum angebracht wäre: Wenn es ums Wirtschaftliche geht, scheint es wohl weniger erfolgversprechend, auf Faktoren wie »Begabung« oder gar »Berufung«, harte Arbeit oder eine mögliche lange Leidenszeit im Zuge echter Schamanenausbildung hinzuweisen. Oder auf die nicht unrealistische Möglichkeit des Scheiterns auf einem solchen Weg.

Dass hinter solchen Entwicklungen einmal mehr vor allem das Geldverdienen, weniger eine tatsächliche Realität steckt, das geht im Zuge esoterischen Konsumverhaltens leicht unter. Hauptsache, das Verlangen nach esoterischer Sinngebung, Märchenträumerei, Einhörnern, Drachen, Engeln und dem romantischen, hochweisen Schamanen, am besten erleuchtet und sowieso amerikanischer Ureinwohner, oder wenigstens als solcher verkleidet, vegan soll er oder sie bitte auch sein, wird irgendwie befriedigt.

 

 

Schamanenkonferenz copyright Frank

Wer als Klient zum Schamanen geht, der erwartet insgeheim gar nicht selten ein Bedienen der eigenen Erwartungshaltungen. Etwa, was Schamanismus gemäß der eigenen Vorstellungen, seien sie auch noch so oberflächlich oder verzerrt, denn nun zu sein habe. Solange das der Fall ist, ist alles gut. Schamanische Beratung soll möglichst das Klischee des erleuchteten Schamanen bedienen und die erhaltenen Auskünfte sollen bitte die sein, die man selbst ohnehin schon wusste. Und die dann auffällig oft das eigene Ego bestätigen und stärken. Heilung kann sowieso nie unbequem oder gar schmerzhaft werden. Tut sie es doch, ist der Schamane wohl noch nicht weit genug entwickelt, nicht erleuchtet genug, irgendwas derer Art. Dasselbe gilt, wenn die Ansichten des seit Jahren trainierten und erfahrenen Schamanen so gar nicht mit der Erwartungshaltung des esoterisch vorgebildeten Klienten übereinstimmen wollen.

Faszinierend bei all diesen Entwicklungen finde ich die hohe Wertung »persönlicher Ansichten«, und stehen diese auch auf noch so papierenen Füßen: Jeder hat aus seiner Sicht Recht, irren kann sich in der esoterischen Spiritualität genau genommen niemand, also kann auch niemand »falsche« Ansichten haben, falsche Aussagen machen oder falsche Werbeversprechen äußern. Die urtümlichen Gesetzmäßigkeiten des Schamanentums, die werden im Rahmen esoterischer Umerziehung durch »moderne« Vorstellungen ersetzt. Schamanentum ist nicht mehr das, was es ist – sondern was der Einzelne damit zu identifizieren glaubt. Mit der Forderung »nicht zu werten, das ist doch gänzlich unschamanisch!« hat sich esoterisches Denken eine geniale Rückschlagsicherung eingebaut. In der Esoterik und damit auch im hier versponnenen Schamanismus kann jetzt wirklich jeder wirklich jeden Quatsch öffentlich und im Brustton der Überzeugung verkünden. Wenn es unbequem wird in der Diskussion, wenn man sich auf Grund stärkerer Argumente eingestehen müsste, dass man wohl auf dem Holzweg gewesen ist: Nun was solls, auch das ist ja schließlich nur eine Meinung, und die gehört schließlich zu einem anderen Narren. Da interessiert es auch nicht, wenn dieser andere Narr tatsächlich mal ein mit allen Wassern gewaschener Schamane wäre, der auf zehn, fünfzehn, zwanzig oder gar dreißig Jahre Erfahrung zurückblicken kann. Wenn er oder sie mir als erfahrenen Esoteriker verkündet, meine Vorstellungen wären »falsch« oder hätten mit echtem Schamanismus nichts zu tun – nun, DAS kann doch gewiss kein Schamane sein. Er oder sie wertet ja!

Echtes Schamanentum

Die Realität schaut meiner Ansicht nach anders aus: Schamanismus, und also auch schamanisches Heilen, sind eben kein seichter Erlebnisraum für sonst nicht erfüllbare Märchenträumereien. Keine »sanfte Alternativ-Methode«, keine exotische Spielart westlicher Psychologie, kein leicht zu erschließender »spiritueller Lebensweg«, denn jeder ist ja an sich schon ein Schamane, man wusste es eben vorher nur nicht.

Es ist ganz im Gegenteil eine ausgesprochen wilde, kraftvolle Methode, die sich keiner persönlichen Wunschinterpretation, keiner westlichen Bildungsdoktrin und keiner »eigenen Meinung« beugt.

Schamanische Heilmethoden gehen tief ins System, bewegen Energie und Kraft, Psyche und Bewusstsein! Manchmal ist dafür viel Arbeit nötig. Manchmal genügen drei Sätze. Aber immer gilt: Echtes Schamanentum ist Effizienz, seine ersten und wesentlichsten Gebote sind maximale Wirksamkeit und deren Feststellbarkeit, mithin Empirie.

Schamanisches Heilen bekämpft vor allem Leid, Krankheit, Unglück. Damit das funktionieren kann, müssen Schamanen eine Mittlerposition zwischen mindestens zwei Welten einnehmen. Die eine ist die der Menschen. Die andere die der Geister. Diese uralte Wahrheit schert sich nicht um »moderne Esoterik«, um Erwartungshaltungen, was Schamanismus denn nun sein sollte, um psychologische, energetische buddhistische oder yogische Interpretationen. Das ist die schlichte und für viele so unbegreifliche Wahrheit.

Ende Teil I