Archiv für die Kategorie ‘Orte der Kraft’

The Pit, geschrieben von Merlin

Samstag, 29. August 2015

Unser erstes geomantisches Gutachten

Lang, lang ist es her, als wir unser erstes, offizielles geomantisches Gutachten durchführen durften. Es muss so um 1990 herum gewesen sein, als wir von einer Dame einen Anruf erhielten, indem sie uns bat, ein geomantisches Gutachten für das Grundstück ihres Sohnes zu erstellen. Es sollte eine Geburtstagsüberraschung werden. Es handelte sich um ein Grundstück in Breitenbrunn, in der Nähe des Neusiedlersees im Burgenland in Österreich. Bei dem „Geburtstagskind“ handelte sich um Peter Noever, dem Direktor des Museums für angewandte Kunst in Wien, der von seinem „Glück“ keine Ahnung hatte.

Wir willigten, nach einem ausführlichen Gespräch über Sinn und Zweck eines solchen Gutachtens, ein und begaben uns bereits ein paar Tage später, gemeinsam mit der Dame, zu einer ersten Besichtigung.

Es stellte sich heraus, dass es sich hier um ein ehemaliges Presshaus handelte, mit einem ca. 4 ha großem Grundstück, in dem sich ein aufgelassener Steinbruch befand. Diese Gegend ist auch als Weingegend sehr bekannt.

Bei dieser ersten Begehung, es war eher eine Führung, konnten wir nur spärliche Eindrücke erlangen. Die Dame hatte nicht so viel Zeit und dachte wohl, in ein, zwei Stunden wäre alles erledigt. Auffallend war aber, dass die, damals vorhandenen, Gebäude eine sehr geradlinige Struktur aufwiesen, und es stellte sich im Gespräch heraus, dass der Besitzer, alles „Runde“ verabscheute.

So beschlossen wir, noch einmal alleine herzukommen, um uns intensiver auf diesen Ort einlassen zu können.

Das alte Presshaus, im Hintergrund die beiden Flügel (Zugang zum Steinbruch)

Meine damalige „Methode“ mit der ich an Gutachten heranging, beinhaltete noch einige „Hilfsmittel“, die ich im Laufe der Jahre aber als solche erkannte und heute nicht mehr benötige. Diese Hilfsmittel waren, wie ich bald erkannte, eher für die Klienten wichtig als für mich. Es waren die Wünschelrute – Pendel und besonders ein Bio Feedback Gerät, das durch seine Lämpchen und Geräusche, die es von sich gab, beeindruckend Ergebnisse untermauerte. Es ist immer wieder überraschend, wie wenig Menschen ihren Wahrnehmungen, Empfindungen und Gefühlen vertrauen. Sobald aber wo ein Lämpchen aufleuchtet, sich ein Zeiger bewegt, wird das unterschwellig wahrgenommen zur „Wahrheit“.

Dieses Gerät hatte aber auch den Vorteil einer hohen Empfindlichkeit, und man konnte den Ton abschalten, um eine direkte Beeinflussung zu verhindern. Im Prinzip misst es nur den Hautwiderstand und zeigt dadurch, ob es während einer Begehung zu Entspannung oder zu Stress kommt. Da es recht klein ist, kann man es auch, während man sich im Gelände bewegt, gut verwenden.

Weiters verwendeten meine Frau und ich auch eine selbst entwickelte „Pendelscheibe“, die im Prinzip wie eine Bovis Skala aufgebaut ist, aber noch zusätzlich Symbolik aufweist, auf die wir konditioniert waren. Mit konditioniert meine ich, dass wir zu dieser Symbolik eine Affinität hatten und so nach dem Resonanzprinzip Kontakt zu gleichwertigen Qualitäten aufnehmen konnten.


Die Zahlen auf der Scheibe entsprechen den damals geläufigen Bovis Einheiten, Yin Yang brauche ich wohl nicht näher erklären. Auf der Rückseite befinden sich Planetensymbole und die 4 Elemente. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man sich vorher intensiv mit dieser Symbolik beschäftigt hat. Sie ist aber austauschbar und jeder kann seine „Lieblingssymbole“ verwenden.

Als wir nun einige Tage später, so ausgerüstet, unsere Untersuchungen begannen, erlebten wir einige ordentliche Überraschungen.

Wenn man durch das alte Presshaus, das keine besonderen geomantischen Auffälligkeiten aufweist, in das Gelände tritt, befindet man sich in einem kleinen, wie ein Amphitheater angeordnetem, Rondeau.

Dieses Rondeau wirkt geschlossen und harmonisch. Von ihm gehen 6 Stufen zu einem ca. 40m langen Gang, der links und rechts von ca. 3m hohen! Mauern abgegrenzt ist. Schon dieser Gang erfüllt keinen logischen Zweck und wirkt eher einengend. Doch wie wir bald erfahren mussten, war dies bewusst so gebaut. Auch die beiden „Flügel“ am Ende des Ganges die die freie Sicht auf das Gelände „behinderten“, waren bewusst so angelegt.

Hier durchzugehen, kostete fast ein wenig Überwindung, ein warum, wozu, zu welchem Zweck, schoss mir durch den Kopf. Betonmauern in der Natur, so hoch, so lang. Zögernd näherten wir uns dem Ende des Ganges, was würde uns erwarten? Geradlinigkeit, das wussten wir, war des Bauherrn Faible, aber so extrem?

UND DANN….

Wie angewurzelt blieben wir stehen, ja prallten fast zurück, vor diesem Anblick. Die Tiefe und Weite dieses aufgelassenen, von der Natur zurückeroberten Steinbruches, raubte uns die Sprache. Ergriffen setzten wir uns die Stufen und ließen diesen Ausblick auf uns wirken.


War dies ein gewollter Effekt? Was bezweckte der Bauherr damit? Oder ist es vielleicht so, dass Künstler ihre eigene Natur nur eben künstlerisch ausdrücken können? Der „geradlinige“, pragmatische Herr Direktor durchbricht die Grenzen zwischen Struktur und Chaos? Er dringt mit seinem phallischen Gang in die ungeordnete Mutter Natur ein? Ein Schöpfungsakt? Ein, sich über die Natur erheben?

Oder sind das nur eigene Interpretationen?

Wie auch immer, für mich war und ist es DAS „Stonehenge“ von Österreich.

Nach geraumer „Erholungszeit“ stiegen wir die Stufen hinab um unsere Untersuchungen fortzusetzen.

Es dauerte nicht lange, bis wir auf die nächste Überraschung erlebten. Inmitten des Steinbruches befindet sich ein Hügel, der mit acht quadratischen, betonierten Gruben ausgestattet ist.


Wir rätselten eine Weile herum, welchen Zweck sie wohl hätten, aber kamen nicht darauf. Wie wir später erfuhren wurde er „Hügel der sprechenden Köpfe“ genannt und es wurden hier Picknicks veranstaltet. Wenn man nämlich hier drinnen saß, konnte man aus der Ferne nur die Köpfe sehen!

Blick von der Nordseite Richtung Stiegenabgang.

Als Nächstes ließ ich meinen „Geist“, nein nicht über den Wassern, sondern über dem Grundstück „schweben“, und so entstand dieses Bild.

Bei unseren weiteren Untersuchungen fanden wir das Gegenstück des südlichen Rondeaus und zwar am Nordende des Grundstückes. Dort befand sich eine kleine Höhle. Dort empfanden wir große Geborgenheit, aber auch einen recht niedrigen „weiblichen Energiepegel“.


Des weiteren ließen wir uns auf die weiblich/männlichen Strömungsrichtungen ein, die wir so empfanden.


Der YANG Wirbel auf der rechten Seite des Bildes ist interessanterweise eine „römische“ Toilette, auf der 2 Personen nebeneinander ihr „Geschäft“ verrichten können.

Zu guter Letzt ordneten wir die verschiedenen Plätze noch den Planeten und Elementen zu.


Als wir das Gutachten überbrachten, war die Dame äußerst überrascht, welch genaues „Psychogramm“ wir über ihren Sohn erstellen konnten, welches ich hier natürlich nicht erörtern werde. Möge sich jeder selbst sein Bild machen.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil II, geschrieben von Mara

Samstag, 07. März 2015

Das folgende Kapitel beschreibt den Landschaftstempel Dreisamtal im Schwarzwald bei Freiburg im Breisgau. Es ist neu für dieses Buch geschrieben worden.

Die letzten drei Kapitel des Buches beschäftigen sich mit den Landschaften Niederbayerns, also den Siedlungen an der Donau zwischen Regensburg und Passau, dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald, auch Hinterer Bayerischer Wald genannt. Mit 152 von 352 Seiten bilden sie den inhaltlichen Schwerpunkt des Bandes. Das ist auch kein Wunder, den Heide Göttner-Abendroth lebt im kleinen Ort Winzer an der Donau im Landkreis Deggendorf. Dort betreibt sie ihre Akademie HAGIA in einem Bauernhof außerhalb des Ortskerns. Teile der Kapitel sind bereits in Mythologische Landschaft Deutschlands erschienen, aber sie sind stark erweitert worden. Diese Abschnitte sind meiner Meinung nach die besten des Buches und bringen viele neue und verblüffende Erkenntnisse, von denen nur einige genannt werden können.

So stellt die Autorin eine hochentwickelte Megalithkultur im Osten Bayerns in der Überschwemmungsebene zwischen Landshut und Passau vor. Dort befinden sich sechs jungsteinzeitliche Kreisgrabenanlagen, die als Sonnenuhren und Kalenderbauten dienten. Damit waren sie auch Kultbauten. Sie entstanden alle in den Jahren zwischen 4800 und 4600 v.u.Z. und gelten als die frühesten Monumentalanlagen der Menschheit. In der Nähe dieser Anlagen gab es Siedlungen, die mit 10 ha eine beträchtliche Größe erreichten und als die ersten Städte auf deutschem Territorium gelten können. Die Siedlungen bestanden aus Langhäusern. Allein das legt nahe, dass ihre BewohnerInnen in matriarchalen Clans lebten.

Die Entdeckung der Kalenderbauten gilt als archäologische Sensation. Dennoch werden sie kaum herausgestellt, sondern von der Archäologie weitgehend totgeschwiegen. Wenn man das mit unglaublichen wissenschaftlichen und Propaganda-Aufwand vergleicht, der um das Massaker von Thalheim betrieben wurde, erkennt man, wie rigoros Geschichtspolitik auch mit unserer Vorgeschichte gemacht wird. Jedes Land möchte die eigene Geschichte durch archäologische Funde möglichst weit zurück datieren. Warum wird diese Megalith-Kultur dennoch verschwiegen? Vielleicht deshalb, weil sie zu friedlich ist, weil zu viel auf eine egalitäre Gesellschaft und das Matriarchat hindeuten. Das würde ja bedeuten, es gab eine Gesellschaft, in der die Menschen glücklicher als in der heutigen waren! Das darf nicht sein und wird mit dem Verdikt rückwärtsgewandte Utopie abgeschmettert.

Weitere Abschnitte beschreiben die zahlreichen Marienkirchen an der Donau, z.B. Maria Hilf in Passau. Hier kann Heide Göttner-Abendroth zeigen, dass sich auch in den verschiedenen Mariendarstellungen noch die alte Ikonographie der Dreifaltigen Göttin wiederspiegelt. Dem steht auch nicht entgegen, dass die meisten dieser Kirchen in Bayern aus dem Zeitalter des Barocks stammen. Vermutlich hat die einfache Bevölkerung die Große Göttin z.B. in der Gestalt von Perchta auf diesen Bergen auch noch im christlichen Mittelalter verehrt und dorthin „Wallfahrten“ unternommen, höchstens notdürftig christianisiert. Damals wurde das von der Kirche als Aberglauben abgetan und weitgehend ignoriert. Schließlich war es damals kaum von Bedeutung, wenn die einfache Bevölkerung die Feinheiten der Mariologie nicht verstand und sie de facto doch als Göttin verehrte. Im Zeitalter der Gegenreformation war diese Toleranz vorbei und jetzt ging es darum, diesen „Aberglauben“ auszurotten. Am einfachsten wäre es, wenn alle diese verdächtigen Berge mit Marienkapellen besetzt würden. Dafür hat die Kirche beträchtliche Mittel bereitgestellt, aber sie konnte auch hohe Einnahmen durch Spenden der Wallfahrer erwarten, zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem Bau der jeweiligen Kapelle oder Kirche.

Und schließlich werden auch die Berge des Böhmerwaldes als Göttinnen beschrieben. Die Lusen stellt die weiße, die Rachel die rote und die Arber die schwarze Göttin dar. Besonders interessant ist eine alte Steintreppe im Gipfelbereich der Lusen, von der angeblich niemand weiß, wie alt sie ist. Dass sie aus der Jungsteinzeit stammt, dafür sprechen die zahlreichen Näpfchenbohrungen auf den Treppenstufen. In einer späteren Epoche wären sie wahrscheinlich nicht mehr angelegt worden. Sie könnte im Zusammenhang mit alten Handelswegen nach Böhmen stehen, die bereits in der Jungsteinzeit begangen wurden. Überhaupt war das Gebiet des Bayerischen Waldes in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit zwar nur sehr dünn besiedelt, aber längst nicht völlig menschenleer, wie die Kirche und später die Geschichtsschreibung behaupteten.

Heide Göttner-Abendroth verwendet für den hinteren Bayerischen Wald durchgehend dem Begriff Böhmerwald. Das ist treffender, denn das Gebirge ist ja erst nach dem zweiten Weltkrieg von der bayerischen Landesregierung umbenannt worden, da Böhmen eine Landschaft in der Tschechoslowakei war und damit zum Ostblock gehörte. Deshalb galt die Bezeichnung Böhmerwald nicht mehr als opportun.

Kritik

Es gibt allerding auch einige Aussagen, die kritisch hinterfragt werden müssen. So schreibt Heide Göttner-Abendroth, dass die Kelten die ersten kriegerischen Stämme waren, die eine noch weitgehend matriarchale Bevölkerung in Europa überrannten (S. 18). Das trifft wohl auf Westeuropa zu, wo die Kelten noch auf eine matriarchale Urbevölkerung trafen, aber nicht auf Mitteleuropa. Hier waren Indoeuropäer bereits ab 3100 v.u.Z. ansässig. Das heißt nun nicht, dass sie gleich das gesamte Gebiet erobert hätten. Das war ein langsamer Prozess, der durchaus Jahrhunderte oder auch ein Jahrtausend gedauert haben kann. Aber die Kelten haben sich wohl aus einem Indoeuropäischen Kontinuum erst ab 900 v.u.Z. ausgegliedert. Nach Marija Gimbutas stellt sich die Reihenfolge der Kulturen in Mitteleuropa wie folgt dar:

Jahr Name Bemerkungen
Ab 5500 v.u.Z. Bandkeramik Alteuropäisch, matriarchal
Ab 4500 v.u.Z. Rössener Kultur Alteuropäisch, möglicherweise in Teilen bereits indoeuropäisch beeinflusst
Ab 4200 v.u.Z. Trichterbecherkultur Wahrscheinlich alteuropäisch, möglicherweise aber auch indoeuropäisch beeinflusst
Ab 3100 v.u.Z. Kugelamphorenkultur undifferenziert Indoeuropäisch
Ab 2800 v.u.Z. Schnurkeramik (Streitaxtleute)
Ab 1300 v.u.Z. Urnenfelderkultur
Ab 900 v.u.Z. Kelten Ausgliederung aus der Urnenfelderkultur
Ab 600 v.u.Z. Germanen Ausgliederung aus indoeuropäischem Kontinuum bereits ab 2500 v.u.Z., ab 600 v.u.Z. Wanderung nach Süden

Vgl. Marija Gimbutas: Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen, Innsbruck 1992

Des Weiteren finde ich einige Etymologien nicht nachvollziehbar. Nach einer alten Sage heißt die Nordsee, in die der Rhein mündet, Mutter Rahen (S. 135). Heide Göttner-Abendroth bringt dieses Wort mit der Urmutter Rahab zusammen, die in Altpalästina vorkam.

Den Bergnamen Rachel leitet die Autorin von der gleichnamigen jüdischen Urmutter ab (S. 317), ohne zumindest auch andere Etymologien zu diskutieren.

Wo mir die Etymologien bekannt sind, waren sie allerdings alle korrekt.

Fazit

Heide Göttner-Abendroth stellt eine Fülle von landschaftsmythologischen Beobachtungen vor. Es ist gut zu erkennen, dass sie daran eine lange Zeit gearbeitet haben muss. Das Buch lädt geradezu zu Wanderungen in den beschriebenen Gebieten ein.

Auch die Darstellung der Methode ist sehr wertvoll und ermöglicht eigenständige Forschungen in der Landschaftsmythologie, wie ich sie in der Serie Mythologische Landschaften Mitteleuropas auf Wurzelwerk versucht habe, freilich ohne das Buch zu kennen.

Selbst für diejenigen, die Mythologische Landschaft Deutschland von 1999 bereits kennen, bietet das Buch immer noch viele neue Erkenntnisse.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil I, geschrieben von Mara

Samstag, 28. Februar 2015

Matriarchale Landschaftsmythologie heißt das neueste Buch der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Es geht auf die zahlreichen Studien- und Wanderreisen von Besucherinnen der Akademie HAGIA zurück, die die Autorin leitete. Sie besuchten ab 1987 vor allem die Megalithanlagen aus der Jungsteinzeit, der klassisch matriarchalen Epoche, aber auch Museen mit Artefakten aus dieser Zeit.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale LandschaftsmythologieStuttgart 2014, Kohlhammer
ISBN 978-3-17-022336-3

352 Seiten

Preis 29,90 E

Dabei kamen folgende Fragen auf:

  • Warum liegen solche Anlagen in einem bestimmten Platz in der Landschaft?
  • Was haben sich die Menschen aus jenen Kulturepochen dabei gedacht, wenn sie ein Bauwerk an diesen bestimmten Platz setzten?

Um diese Fragen zu beantworten, muss auch die Mythologie und Symbolik der Menschen jener Epoche berücksichtigt werden. Auf diese Weise können sich neue Erkenntnisse ergeben.

Die Menschen der Jungsteinzeit waren die ersten, die dauerhafte Siedlungen errichteten. Sie orientierten sich dabei nicht ausschließlich an Aspekten des Nutzens. Sondern sie betrachteten die Erde selbst als göttlich, als Mutter allen Lebens. Stellen, die einen bestimmten weiblichen Zug der Erdgöttin betonten, galten als besonders heilig und hier finden wir zahlreiche Kultbauten, z.B. Megalithen. Auch Sichtlinien, also die Anordnung dieser Kultbauten in geraden Linien, waren sehr wichtig. Sie dienten nicht zuletzt astronomischen Zwecken.

Bei der Landschaftsmythologie geht es also darum, zu verstehen, wie Menschen der früheren Epochen die Landschaft sahen. Sie hatte immer auch eine symbolische und mythologische Bedeutung. Der Begriff selbst wurde vom Schweizer Kurt Gerungs geprägt, aber Heide Göttner-Abendroth und andere Frauen praktizierten entsprechende Forschungen schon lange, bevor es diesen Begriff gab. Die Autorin nennt ihre Forschungen ausdrücklich matriarchale Landschaftsmythologie, da das matriarchale Weltbild Basis und Zentrum ihrer Forschungen ist.

Die Jungsteinzeit war die klassische Zeit des Matriarchats. Heide Göttner-Abendroth gibt im weiteren Verlauf des Buches eine ausführliche Definition dessen, was sie unter einem Matriarchat versteht. Dabei wird die ökonomische, soziale, politische und kultische Ebene berücksichtigt.

Methode

Im zweiten Kapitel stellt Heide Göttner-Abendroth die Methoden der matriarchalen Landschaftsmythologie vor. Damit regt sie auch zu eigenständigen Forschungen an. Sie geht in zehn Schritten vor:

  1. Begehen einer Landschaft
  2. Entdecken heiliger Hügel mit abgesenktem Horizont. Das sind Hügel, auf denen früher Megalithanlagen und heute vor allem Kirchen, Kapellen und Burgen zu finden sind. Diese Hügel ermöglichen einen weiten Blick in die Landschaft, vor allem nach Osten, Süden und Westen.
  3. Prüfen von Sichtlinien, die von diesem Hügel ausgehen. Besonders wichtig sind Linien, die zum Auf- und Untergang der Sonne zu Beginn der verschiedenen Jahreszeiten zeigen.
  4. Prüfen von Kultlinien: Gibt es auf den Sichtlinien vielleicht noch weitere Hügel mit Megalithanlagen, Kirchen, Burgen etc.?
  5. Archäologische Analyse: War die Landschaft bereits in der Jungsteinzeit besiedelt?
  6. Linguistische Analyse: Namenskunde dieser Hügel. Gibt es alte vorindoeuropäische Namen wie z.B. den Bergnamen Similaun? Konzentrieren sich hier Namen mit dem Bestandteil Frau, wie z.B. Frauenau, Frauenberg etc.?
  7. Kirchenforschung: Wichtig sind hier vor allem die Patrozinien, also die Benennung der Kirche. St. Michaels und St. Georgs-Kirchen können darauf hindeuten, dass diese christlichen Drachentöter Namenspaten wurden, um eine starke heidnisch-matriarchale Tradition zu bekämpfen. Mit Marienkirchen sollten vor allem alte Kultplätze der Göttin vereinnahmt werden.
  8. Sagen- und Mythenforschung: Welche Mythen gibt es zu dem Ort?
  9. Folklore-Forschung: Welche Gebräuche existieren an diesen Orten?
  10. Erforschung von Rückzugsgebieten und kulturellen Nischen.

Landschaften

Im Hauptteil des Buches stellt die Autorin mehrere Landschaften vor, die sie mit den oben genannten Methoden interpretiert hat. Allerdings sind im Buch längst nicht alle deutschen Landschaften vertreten, aber das könnte ein Mensch alleine nicht leisten.

Einige Kapitel sind allerdings schon in dem inzwischen vergriffenen Buch Mythologische Landschaft Deutschlands von Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs aus dem Jahr 1999 erschienen, ohne dass darauf hingewiesen würde.

Im ersten Kapitel beschreibt sie die Megalithkultur auf Rügen. Dieses Kapitel ist weitgehend unverändert aus dem oben genannten Buch übernommen worden.

Im zweiten Kapitel geht es um die Heiligen Berge in Mitteldeutschland. Hier werden der Hohe Meißner, die thüringischen Holleberge und die beiden Gleichberge bei Römhild beschrieben. Alle diese Berge sind der Frau Holle heilig. Dieses Kapitel ist zwar auch schon in Mythologische Landschaft Deutschland erschienen, aber stark erweitert worden.

Das nächste, völlig neue Kapitel ist überschrieben mit: Der Strom der Frau Ley und meint den Rhein. Der Vater Rhein gilt als ein typisch männlicher Fluss. Aber es gibt alte Sagen, die eine Frau Ley erwähnen, sie soll die Gattin des Rheinkönigs sein. In diesen Sagen sind sie und ihre Töchter, die Witten-Ley (Lahn) und die Uhte-Ley (Mosel), die aktiv Handelnden, während sich der Vater Rhein nur in Sorgen ergeht. Das könnte darauf hindeuten, dass auch der Rhein in früheren Zeiten als weiblich gedacht wurde, wie fast alle anderen Flüsse Mitteleuropas.

Dass dies keineswegs unwichtig ist und selbst heute noch mit dem Geschlecht des Rheines Propaganda betrieben wird, zeigt der Kinofilm Rheingold (2014), der als Dokumentation den Fluss von der Quelle bis zur Mündung aus der Vogelperspektive begleitet. Hier tritt Vater Rhein persönlich auf und kommentiert seinen Lauf mit heiserer Stimme. Vom Alpenrhein berichtet er, dass frühere Völker ihre Neugeborenen in den Fluss geworfen haben, um mit einer Wasserprobe zu bestimmen, ob das Kind tatsächlich vom Ehemann stammt oder ob die Frau ihm „untreu“ geworden ist. „Legitime“ Kinder werden an das Ufer getragen, während „Kuckuckskinder“ vom Strom verschlungen werden. Fast hört man ein Bedauern in seiner Stimme, dass dieser schreckliche Brauch heute nicht mehr möglich ist. Unnötig zu erwähnen, dass keine der matriarchalen Sagen und Stätten am Rhein, die Heide Göttner-Abendroth beschreibt, in dieser Kino-Dokumentation auch nur erwähnt werden. So wurden z.B. viele und prächtige Matronensteine im Bonner Münster gefunden, das nahe am Rhein liegt.

(Anmerkung der Rezensentin: Im Buch wird der Film Rheingold nicht erwähnt. Im wollte mit diesem Absatz nur verdeutlichen, dass es auch heute keinesfalls unwichtig ist, ob der Rhein als männlich oder weiblich gedacht wird.)


Ende Teil I

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil XI, geschrieben von Mara

Samstag, 31. Januar 2015

Was hat das aber mit „unseren“ Matronen zu tun? Auch nach der Eroberung der Länder durch die Indoeuropäer blieb das alteuropäische Element im religiösen Bereich überraschend stark. Zur Zeit der Germanenkriege verehrten noch viele germanische Stämme eine Göttin als Stammesmutter. Später kam es dann immer häufiger zu einem Übergang hin zu männlichen Göttern. So ist die Ursprungslegende der Langobarden im Kern eine Erzählung des Übergangs des Stammes von Frija zu Wotan (vgl. Timm 2006, S. 196).

Die Göttinverehrung hielt sich aber besonders hartnäckig bei der durch eine kriegerische Stammesaristokratie unterdrückten einfachen Bevölkerung (zu den starken sozialen Gegensätzen zwischen Aristokratie und einfachem Volk im keltischen Gallien siehe Birkhan 1997, S. 1002f). Diese Stammesaristokratie wurde aber in der Römerzeit sowohl bei den Ubiern als auch bei den keltischen Galliern durch militärische Niederlagen geschwächt. Die Römer verboten der unterworfenen Bevölkerung das Tragen von Waffen, was insbesondere die kriegerische Stammesaristokratie traf. Sie hatte zudem durch die Niederlagen erheblich an Ansehen eingebüßt. Auch unterdrückten die Römer die Druiden, die vermutlich die Erinnerung an das alte indoeuropäische Erbe in ihren Lehren besonders intensiv pflegten (vgl. Birkhan 1997, S. 912).

Unter diesen Umständen trat vielleicht das im Untergrund noch existierende alteuropäische Element, also die Göttinreligion, wieder stärker hervor. Die Römer haben das vermutlich in den ersten Jahrhunderten u.Z. sogar unterstützt, da sie – wohl zurecht – glaubten, dass ihnen diese Form der Religion nicht gefährlich werden könnte. Darauf deuten zumindest die sehr wertvollen Weihealtäre und Kultbauten zugunsten der Aufanischen Matronen hin.

Die figürliche Darstellung der ubischen Matronen kann nach dieser Theorie unterschiedlich interpretiert werden:

Möglichkeit 1: Die Matronen sind freundliche Gottheiten, die um Hilfe in allen Lebenslagen angerufen werden und insbesondere für die Fruchtbarkeit von Pflanzen und Tieren zuständig sind. Die dargestellten Figuren sind willkürlich und haben keine tiefere Bedeutung, nur die Zahl Drei zählt. Der früher vorhandene Aspekt der Großen Göttin als Schicksalsmacht, als Bringerin des Todes und der Wiedergeburt hätte sich zugunsten des „positiven“ Pols zurückgebildet (vgl. I. Horn 1987, S. 156). Dagegen spricht aber, dass die Matronen auch als mystische Stammmütter einer Sippe oder eines Teilstammes angesehen wurden. Eine wichtige Funktion dieser Ahnmütter war es vermutlich, den Fortbestand der Sippe zu garantieren. Das aber wäre in der Vorstellung der Alten nur möglich, wenn sie für den großen Kreiselauf der Natur von Geburt, Tod und Wiedergeburt insgesamt zuständig sind.

Möglichkeit 2: Es wurde die spätmatriarchale Göttintriade abgebildet. Die Mutter und die Weise Alte wären dann die beiden äußeren Göttinnen, das Mädchen die innere. Altersunterschiede zwischen den außen sitzenden Göttinnen sind allerdings nicht zu erkennen, sie unterscheiden sich höchstens in ihren Attributen, und die sind nicht einheitlich. Allerdings: “There are many religions in which almost identical images are used to depict completely different powers, only insiders being capable of seeing the difference.” (Lendering o.J.)

Möglichkeit 3: Es hat sich hier noch die alteuropäische Göttintriade gehalten. Abgebildet wären also die Allesgebende, die Todbringende und die Herrin der Wiedergeburt. Die Allesgebende wäre dann das Mädchen, die Todbringende und die Herrin der Wiedergeburt die älteren Frauen. Demnach würde in dieser Triade das Mädchen mit Geburt und Wachstum assoziiert. Dies scheint auf den ersten Blick paradox, wir dürfen allerdings nicht den Fehler begehen, die Darstellungen allzu naturalistisch zu interpretieren. In Griechenland wurde z.B. die jugendliche Göttin Artemis als Helferin bei der Geburt angerufen. Das Mädchen wäre dann besonders wichtig für die Menschen. Das erklärt ihre zentrale Position in der Triade und die Beobachtung von Sophie Lange, dass bei vielen Matronenbildern insbesondere der Kopf des Mädchens abgegriffen wirkt, als ob ihn viele Menschen berührt hätten (vgl. Lange 1995). Den beiden älteren Frauen (Todbringerin und Herrin der Wiedergeburt) würden die Menschen dann eher mit Respekt und distanzierter begegnen.

Für diese Interpretation sprechen auch bestimmte Aspekte des Weiterlebens der Matronen im Christentum. In ganz Westeuropa war die Verehrung von drei Heiligen Jungfrauen verbreitet. Sie hatten unterschiedliche Namen und regionale Schwenkpunkte. Die wichtigsten dieser Dreiergruppen sind:

Nr. Namen Schwerpunkt der
Verehrung
1. Fides, Spes, Caritas (lat. Glaube, Hoffnung, Liebe, angebliche Töchter der Heiligen Sophie) Eifel
2. Bertilia, Eutropia, Genovefa Belgien
3.

Die drei Beten Einbeth, Wilbeth, Worbeth

Süd- und Mitteldeutschland
4. Die Drei Marien (Maria Magdalena, Maria Salome und Maria Jacobi) Frankreich
5. Die Drei Heiligen Madel Katharina, Margaretha und Barbara Alpenraum, Bayern
6.

Drei Jungfrauen ohne Namen

(unspezifisch)

Dreiergruppen weiblicher Heiliger im Mittelalter (vgl. Zender 1987, S. 215f)

Zentrum der Verehrung von Fides, Spes, Caritas ist der Eifelraum, also das ehemalige Ubiergebiet. Ihre Verehrung ist schriftlich seit dem 8. Jahrhundert bezeugt. Seitdem existieren zahlreiche Belege für die Verehrung dieser drei Jungfrauen durch das ganze Mittelalter hindurch und aus späteren Zeiten. Die Kirche zog zwar die Verehrung von Fides, Spes, Caritas mehrfach anderen, ihr noch suspekter erscheinenden Gruppen vor, versuchte aber verstärkt im 19. Jahrhundert, auch diesen Kult zu unterdrücken (vgl. Zender 1987, S. 218).

Die drei heiligen Schwestern gelten als Schützerinnen der Frauen. Sie verleihen Eheglück und Fruchtbarkeit und helfen Gebärenden. Ebenfalls werden sie bei Krankheiten angerufen. Am 1. August wurde das Dreijungfernfest gefeiert; das Datum entspricht dem alten keltischen Jahreszeitfest Lugnasad, dem Schnitterfest (vgl. Lange 1995).

Neben diesen Heiligen gibt in der Eifel und am Niederrhein noch zahlreiche Juffernsagen. Juffern (im ripuarischen Dialekt: Jungfrauen) sind weiß gekleidete Geister, die meistens ebenfalls in Dreiergruppen auftreten. Sie erscheinen um 12 Uhr Mittags oder um Mitternacht. Juffern gelten einerseits als helfende Geister und beschützen das Getreide und Obstbäume, sind aber auch Künderinnen des Todes. Wer sie sieht und anspricht, muss bald sterben (vgl. Lange 1995). Offensichtlich erinnern die Juffern an die die starre und schlanke Weiße Frau, deren Figurinen sich in alteuropäischen Gräbern finden, die aber auch noch aus dem Volksglauben Irlands und Litauens bekannt ist. Hier ist Weiß immer noch die Farbe des Todes. Das belegt, dass sich alteuropäische Vorstellungen noch bis in christliche Zeiten hinein gehalten haben müssen.

Sowohl die Heiligen, als auch die gespensterhaften Juffern werden als Jungfrauen bezeichnet. Das kann auf die Dominanz der mittleren, jüngeren Göttin hindeuten, aber auch eine Folge der christlichen Hervorhebung der Jungfräulichkeit sein (vgl. Lange 1995). Bereits der Kirchenvater Ambrosius von Mailand (339-397) erklärte, für Gott sei die Jungfräulichkeit wohlgefälliger als die Ehe (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 91).

Wir haben hier also möglicherweise eine Aufspaltung der antiken Triade in zwei weitere Triaden; einerseits in drei „gute“ Heilige, andererseits in unheimliche, gespensterhafte Juffern als Todesbotinnen. Wahrscheinlich wurde der dritte Aspekt der alten Triade, die Herrin der Wiedergeburt, vergessen, da er völlig mit dem Christentum inkompatibel ist. Der Tod wurde damit endgültig und war damit noch stärker angstbesetzt als früher, da nun alle Menschen fürchten mussten, nach ihrem Tod unendlich lange in der Hölle zu schmoren. Die Kirche hat diese Furcht ständig geschürt.

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil X geschrieben von Mara

Samstag, 01. November 2014

8. Matronen und die Große Göttin

Angesichts der zahlreichen Göttinnen-Triaden drängt sich die Frage geradezu auf, inwieweit diese Dreiheiten auf die Große Göttin des Neolithikums und des Altertums, die in drei Gestalten auftrat, zurückgeführt werden können. Dies wird von der Wissenschaft im Allgemeinen allein deshalb abgelehnt, weil behauptet wird, diese Große Göttin sei eine Erfindung der Moderne, genauer des Dichters Robert Graves. Er hat aber nur Forschungen der britischen Altertumswissenschaftlerin und Feministin Jane Ellen Harrison (1850-1928) weitergeführt. Harrison gehörte zusammen mit dem Religionswissenschaftler J.G. Frazer zur Gruppe der so genannten Cambridge Ritualists. Die von ihnen vertreten Theorien waren im 20. Jahrhundert umstritten, aber als valide Wissenschaft anerkannt. Beginnend mit den 40er Jahren setzte eine immer stärkere Opposition in den Altertumswissenschaften, der Archäologie und der Geschichtswissenschaft gegen sie ein und heute gelten sie als völlig überholt. Allerdings nicht, weil sie durch neue Fakten wiederlegt worden wären, sondern weil neue Theorien aufkamen (vgl. Ackermann 2002, S. 188). Noch 1959 stellte der britische Archäologe E.O. James das damalige Wissen über die Göttinverehrung der Vorzeit und des Altertum in seinem Buch „Der Kult der Großen Göttin“ zusammen.

In ihrem Buch „The Language of the Goddess“ von 1989 untersuchte die Archäologin Marija Gimbutas das Symbolsystem Alteuropas. Sie kam u.a. zu dem Ergebnis, dass bereits im oberen Paläolithikum die Zahl Drei für die Menschen eine große Bedeutung hatte um im Zusammenhang mit Darstellungen der Großen Göttin verwendet wurde. Diese wurde damals als Mutter der Tiere oder als Verkörperung der Natur selbst verstanden. Aus dieser Zeit gibt es weibliche Figurinen, die mit der Dreifachlinie gekennzeichnet sind, ebenso wie direkte Darstellungen einer dreifachen Göttin; auch Bilder mit drei Schlangen oder drei Spiralen. Solche Motive kommen auch im Neolithikum vor, z.B. im Donauraum, in Thessalien und in Anatolien. In zahlreichen Megalithgräbern wie in New Grange (Irland) taucht das Symbol der Drei immer wieder auf, hier in Form von drei ineinander verschlungenen Spiralen. Der Archäologe James Mellart berichtete, dass in den Schreinen von Catal Hüyük zahlreiche Figurinen auffällig oft in Dreiergruppen gefunden wurden. Viele maltesische Tempel haben eine Kleeblattform, bestehen also aus drei Kammern (vgl. Gimbutas 2006, S. 88ff).

Damit ist belegt, dass die große Bedeutung der Zahl Drei erheblich älter ist, als die indoeuropäische Sprache und demnach nicht auf die dumézilschen Funktionen zurückgeführt werden kann.

Als Ergebnis ihrer Forschungen zum alteuropäischen bzw. allgemein matriarchalen Symbolsystem haben Marija Gimbutas und Heide Göttner-Abendroth ein Strukturschema der Großen Göttin aufgestellt, die in drei Gestalten auftritt:

Die bedeutendste, aber nicht die einzige Göttin Alteuropas ist nach Gimbutas die Große Göttin als Herrin über Leben, Tod und Wiedergeburt. Sie steht in Zusammenhang mit den Mondphasen:

1. Allesgebende

2. Todbringende

3. Regeneratrix

1. Gebärerin

a. anthropomorphe Gebärende

b. Urmutter in Gestalt einer Bärin, Hirschkuh oder Elchkuh

1. Todesbotin und Todbringerin (Geier, Eule, Schlange)

1. Lebenserneuernde Vulva, Uterus, Dreieck, Axt

2. Spenderin von Lebenswasser und Gesundheit

a. aufrecht stehender Steinblock (Menhir) als Epiphanie der Göttin, Hüterin des Lebenswassers

b. Gefäß: anthropomorph oder ornitomorph mit aquatischen Zeichen (z.B. Parallellinien)

2. Todesgöttin: Weißer Knochen, Starre Nackte, Weiße Frau, Furchterregende Maske, Vorläuferin des Gorgonenhauptes

2. Symbole: Fisch, Frosch, Kröte, Igel, Schildkröte, Eidechse, Hase, Biene, Schmetterling, Motte, Lebenssäule

3. Künderin des Frühlings und der Zukunft

a. jugendliche Göttin vom Typ Artemis

b. Frühlingsvögel: Kuckuck, Schwalbe, Lerche, Taube

4. Heilerin und Beschützerin als Schlangenfrau;

Beschützerin des jungen Lebens: Nährmutter, Weibliche Figur mit Kind auf dem Arm

Göttinstruktur nach Marija Gimbutas (vgl. Gimbutas 2006, S. 328)

Aus diesem Schema ergibt sich unter anderem, dass die symbolische Bedeutung der Farben Weiß und Schwarz in Alteuropa genau umgekehrt war, als im späteren indoeuropäischen Symbolsystem. Weiß war die Farbe des Todes, von Knochen. Bei den Indoeuropäern dagegen sind Weiß und Gelb die Farben des glänzenden Himmels und der Sonne. Schwarz bedeutete ursprünglich nicht den Tod oder die Unterwelt; es war vielmehr die Farbe der Fruchtbarkeit, von feuchten Höhlen und reicher Erde, des Schoßes der Göttin, wo das Leben beginnt (vgl. Gimbutas 2006, S. XIX und 198).

Wenn wir dieses Strukturschema der Großen Göttin mit dem von Göttner-Abendroth für die spätmatriarchale Zeit vergleichen, erkennen wir, dass die Bedeutung der Zahl Drei geblieben ist, aber sich die Inhalte, also die Funktionen der Göttinnen verschoben haben. Es hat teilweise bereits die Bedeutungsänderung der Farben Schwarz und Weiß mitgemacht. Ein weiterer Beleg für das vergleichsweise junge Alter dieses Schemas ist auch Amazonensymbolik der ersten Gestalt (Mädchen, Junge Frau). Amazonenreiche entstanden, als sich matriarchale Gesellschaften schon mit dem eindringenden Patriarchat konfrontiert sahen (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 34).

Gestalten

Mädchen

Junge Frau

Frau und Mutter

Alte Frau

Regionen

Herrin des Himmels

Herrin von Land und Meer

Herrin der Unterwelt / Anderswelt

Funktionen

Lichtbringerin, Jägerin, Amazone

Schenkerin der Liebe und des Lebens

Schenkerin von Tod und Wiedergeburt, Magie, Wissen und Weisheit

Symbolik

Jahreszeiten

Frühling

Sommer

Herbst und Winter

Symbolik ihrer Region

Universum mit Mond und Sternen, manchmal auch mit der Sonne

Verkörperung ihres Landes

Verkörperung der Höhlen der Unterwelt oder der Anderswelt auf dem Meeresgrund

Gestirnssymbol

Sichelmond

Vollmond

Leermond bzw. Neumond

Symbolische Farbe

Weiß

Rot

Schwarz

Symbolische Tiere

Tiere des Himmels, bes. weiße Vögel. Tiere des Waldes, bes. weiße Hirsche. Kämpferische Tiere: Löwen, Panther, Katzen

Nahrung schenkende Tiere: Kuh, Ziege, Schaf, Schwein, Tiere, die Liebe und Fruchtbarkeit symbolisieren, bes. Tauben, Bienen

Unterirdische Tiere: Schlangen, Drachen. Schwarze Tiere und Nachttiere: Eule, Rabe, Krähe. Schwarz-Weiße Hunde und Pferde.

Symbolische Gegenstände

Pfeil und Bogen, Wagen mit Löwen oder Hirschen davor.

Der Liebeskelch, Liebesapfel, das Obstgarten-Paradies. Gegenstände der Liebesmagie: Zaubergürtel und Ringe

Der Schicksalsfaden und die Spindel, die Schicksalswage. Der Todesapfel und das Obstgarten-Paradies als Anderswelt

Göttinstruktur (Triade) nach Heide Göttner-Abendroth (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 32)

Alle drei Gestalten bilden nur eine Gottheit, sie sind nie völlig voneinander zu trennen, sondern nur Aspekte der Einen (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 44). Deshalb ist die unterschiedslose Anrufung einer Triade oder einer einzelnen Göttin kein Beleg dafür, dass Matronen oder Matres keine echte Dreiheit bildeten. Vermutlich wussten die Menschen, dass immer die Große Göttin gemeint ist, egal ob als Triade oder als Einzelne dargestellt.
Ende Teil X