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Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil XI, geschrieben von Mara

Samstag, 31. Januar 2015

Was hat das aber mit „unseren“ Matronen zu tun? Auch nach der Eroberung der Länder durch die Indoeuropäer blieb das alteuropäische Element im religiösen Bereich überraschend stark. Zur Zeit der Germanenkriege verehrten noch viele germanische Stämme eine Göttin als Stammesmutter. Später kam es dann immer häufiger zu einem Übergang hin zu männlichen Göttern. So ist die Ursprungslegende der Langobarden im Kern eine Erzählung des Übergangs des Stammes von Frija zu Wotan (vgl. Timm 2006, S. 196).

Die Göttinverehrung hielt sich aber besonders hartnäckig bei der durch eine kriegerische Stammesaristokratie unterdrückten einfachen Bevölkerung (zu den starken sozialen Gegensätzen zwischen Aristokratie und einfachem Volk im keltischen Gallien siehe Birkhan 1997, S. 1002f). Diese Stammesaristokratie wurde aber in der Römerzeit sowohl bei den Ubiern als auch bei den keltischen Galliern durch militärische Niederlagen geschwächt. Die Römer verboten der unterworfenen Bevölkerung das Tragen von Waffen, was insbesondere die kriegerische Stammesaristokratie traf. Sie hatte zudem durch die Niederlagen erheblich an Ansehen eingebüßt. Auch unterdrückten die Römer die Druiden, die vermutlich die Erinnerung an das alte indoeuropäische Erbe in ihren Lehren besonders intensiv pflegten (vgl. Birkhan 1997, S. 912).

Unter diesen Umständen trat vielleicht das im Untergrund noch existierende alteuropäische Element, also die Göttinreligion, wieder stärker hervor. Die Römer haben das vermutlich in den ersten Jahrhunderten u.Z. sogar unterstützt, da sie – wohl zurecht – glaubten, dass ihnen diese Form der Religion nicht gefährlich werden könnte. Darauf deuten zumindest die sehr wertvollen Weihealtäre und Kultbauten zugunsten der Aufanischen Matronen hin.

Die figürliche Darstellung der ubischen Matronen kann nach dieser Theorie unterschiedlich interpretiert werden:

Möglichkeit 1: Die Matronen sind freundliche Gottheiten, die um Hilfe in allen Lebenslagen angerufen werden und insbesondere für die Fruchtbarkeit von Pflanzen und Tieren zuständig sind. Die dargestellten Figuren sind willkürlich und haben keine tiefere Bedeutung, nur die Zahl Drei zählt. Der früher vorhandene Aspekt der Großen Göttin als Schicksalsmacht, als Bringerin des Todes und der Wiedergeburt hätte sich zugunsten des „positiven“ Pols zurückgebildet (vgl. I. Horn 1987, S. 156). Dagegen spricht aber, dass die Matronen auch als mystische Stammmütter einer Sippe oder eines Teilstammes angesehen wurden. Eine wichtige Funktion dieser Ahnmütter war es vermutlich, den Fortbestand der Sippe zu garantieren. Das aber wäre in der Vorstellung der Alten nur möglich, wenn sie für den großen Kreiselauf der Natur von Geburt, Tod und Wiedergeburt insgesamt zuständig sind.

Möglichkeit 2: Es wurde die spätmatriarchale Göttintriade abgebildet. Die Mutter und die Weise Alte wären dann die beiden äußeren Göttinnen, das Mädchen die innere. Altersunterschiede zwischen den außen sitzenden Göttinnen sind allerdings nicht zu erkennen, sie unterscheiden sich höchstens in ihren Attributen, und die sind nicht einheitlich. Allerdings: “There are many religions in which almost identical images are used to depict completely different powers, only insiders being capable of seeing the difference.” (Lendering o.J.)

Möglichkeit 3: Es hat sich hier noch die alteuropäische Göttintriade gehalten. Abgebildet wären also die Allesgebende, die Todbringende und die Herrin der Wiedergeburt. Die Allesgebende wäre dann das Mädchen, die Todbringende und die Herrin der Wiedergeburt die älteren Frauen. Demnach würde in dieser Triade das Mädchen mit Geburt und Wachstum assoziiert. Dies scheint auf den ersten Blick paradox, wir dürfen allerdings nicht den Fehler begehen, die Darstellungen allzu naturalistisch zu interpretieren. In Griechenland wurde z.B. die jugendliche Göttin Artemis als Helferin bei der Geburt angerufen. Das Mädchen wäre dann besonders wichtig für die Menschen. Das erklärt ihre zentrale Position in der Triade und die Beobachtung von Sophie Lange, dass bei vielen Matronenbildern insbesondere der Kopf des Mädchens abgegriffen wirkt, als ob ihn viele Menschen berührt hätten (vgl. Lange 1995). Den beiden älteren Frauen (Todbringerin und Herrin der Wiedergeburt) würden die Menschen dann eher mit Respekt und distanzierter begegnen.

Für diese Interpretation sprechen auch bestimmte Aspekte des Weiterlebens der Matronen im Christentum. In ganz Westeuropa war die Verehrung von drei Heiligen Jungfrauen verbreitet. Sie hatten unterschiedliche Namen und regionale Schwenkpunkte. Die wichtigsten dieser Dreiergruppen sind:

Nr. Namen Schwerpunkt der
Verehrung
1. Fides, Spes, Caritas (lat. Glaube, Hoffnung, Liebe, angebliche Töchter der Heiligen Sophie) Eifel
2. Bertilia, Eutropia, Genovefa Belgien
3.

Die drei Beten Einbeth, Wilbeth, Worbeth

Süd- und Mitteldeutschland
4. Die Drei Marien (Maria Magdalena, Maria Salome und Maria Jacobi) Frankreich
5. Die Drei Heiligen Madel Katharina, Margaretha und Barbara Alpenraum, Bayern
6.

Drei Jungfrauen ohne Namen

(unspezifisch)

Dreiergruppen weiblicher Heiliger im Mittelalter (vgl. Zender 1987, S. 215f)

Zentrum der Verehrung von Fides, Spes, Caritas ist der Eifelraum, also das ehemalige Ubiergebiet. Ihre Verehrung ist schriftlich seit dem 8. Jahrhundert bezeugt. Seitdem existieren zahlreiche Belege für die Verehrung dieser drei Jungfrauen durch das ganze Mittelalter hindurch und aus späteren Zeiten. Die Kirche zog zwar die Verehrung von Fides, Spes, Caritas mehrfach anderen, ihr noch suspekter erscheinenden Gruppen vor, versuchte aber verstärkt im 19. Jahrhundert, auch diesen Kult zu unterdrücken (vgl. Zender 1987, S. 218).

Die drei heiligen Schwestern gelten als Schützerinnen der Frauen. Sie verleihen Eheglück und Fruchtbarkeit und helfen Gebärenden. Ebenfalls werden sie bei Krankheiten angerufen. Am 1. August wurde das Dreijungfernfest gefeiert; das Datum entspricht dem alten keltischen Jahreszeitfest Lugnasad, dem Schnitterfest (vgl. Lange 1995).

Neben diesen Heiligen gibt in der Eifel und am Niederrhein noch zahlreiche Juffernsagen. Juffern (im ripuarischen Dialekt: Jungfrauen) sind weiß gekleidete Geister, die meistens ebenfalls in Dreiergruppen auftreten. Sie erscheinen um 12 Uhr Mittags oder um Mitternacht. Juffern gelten einerseits als helfende Geister und beschützen das Getreide und Obstbäume, sind aber auch Künderinnen des Todes. Wer sie sieht und anspricht, muss bald sterben (vgl. Lange 1995). Offensichtlich erinnern die Juffern an die die starre und schlanke Weiße Frau, deren Figurinen sich in alteuropäischen Gräbern finden, die aber auch noch aus dem Volksglauben Irlands und Litauens bekannt ist. Hier ist Weiß immer noch die Farbe des Todes. Das belegt, dass sich alteuropäische Vorstellungen noch bis in christliche Zeiten hinein gehalten haben müssen.

Sowohl die Heiligen, als auch die gespensterhaften Juffern werden als Jungfrauen bezeichnet. Das kann auf die Dominanz der mittleren, jüngeren Göttin hindeuten, aber auch eine Folge der christlichen Hervorhebung der Jungfräulichkeit sein (vgl. Lange 1995). Bereits der Kirchenvater Ambrosius von Mailand (339-397) erklärte, für Gott sei die Jungfräulichkeit wohlgefälliger als die Ehe (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 91).

Wir haben hier also möglicherweise eine Aufspaltung der antiken Triade in zwei weitere Triaden; einerseits in drei „gute“ Heilige, andererseits in unheimliche, gespensterhafte Juffern als Todesbotinnen. Wahrscheinlich wurde der dritte Aspekt der alten Triade, die Herrin der Wiedergeburt, vergessen, da er völlig mit dem Christentum inkompatibel ist. Der Tod wurde damit endgültig und war damit noch stärker angstbesetzt als früher, da nun alle Menschen fürchten mussten, nach ihrem Tod unendlich lange in der Hölle zu schmoren. Die Kirche hat diese Furcht ständig geschürt.

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil X geschrieben von Mara

Samstag, 01. November 2014

8. Matronen und die Große Göttin

Angesichts der zahlreichen Göttinnen-Triaden drängt sich die Frage geradezu auf, inwieweit diese Dreiheiten auf die Große Göttin des Neolithikums und des Altertums, die in drei Gestalten auftrat, zurückgeführt werden können. Dies wird von der Wissenschaft im Allgemeinen allein deshalb abgelehnt, weil behauptet wird, diese Große Göttin sei eine Erfindung der Moderne, genauer des Dichters Robert Graves. Er hat aber nur Forschungen der britischen Altertumswissenschaftlerin und Feministin Jane Ellen Harrison (1850-1928) weitergeführt. Harrison gehörte zusammen mit dem Religionswissenschaftler J.G. Frazer zur Gruppe der so genannten Cambridge Ritualists. Die von ihnen vertreten Theorien waren im 20. Jahrhundert umstritten, aber als valide Wissenschaft anerkannt. Beginnend mit den 40er Jahren setzte eine immer stärkere Opposition in den Altertumswissenschaften, der Archäologie und der Geschichtswissenschaft gegen sie ein und heute gelten sie als völlig überholt. Allerdings nicht, weil sie durch neue Fakten wiederlegt worden wären, sondern weil neue Theorien aufkamen (vgl. Ackermann 2002, S. 188). Noch 1959 stellte der britische Archäologe E.O. James das damalige Wissen über die Göttinverehrung der Vorzeit und des Altertum in seinem Buch „Der Kult der Großen Göttin“ zusammen.

In ihrem Buch „The Language of the Goddess“ von 1989 untersuchte die Archäologin Marija Gimbutas das Symbolsystem Alteuropas. Sie kam u.a. zu dem Ergebnis, dass bereits im oberen Paläolithikum die Zahl Drei für die Menschen eine große Bedeutung hatte um im Zusammenhang mit Darstellungen der Großen Göttin verwendet wurde. Diese wurde damals als Mutter der Tiere oder als Verkörperung der Natur selbst verstanden. Aus dieser Zeit gibt es weibliche Figurinen, die mit der Dreifachlinie gekennzeichnet sind, ebenso wie direkte Darstellungen einer dreifachen Göttin; auch Bilder mit drei Schlangen oder drei Spiralen. Solche Motive kommen auch im Neolithikum vor, z.B. im Donauraum, in Thessalien und in Anatolien. In zahlreichen Megalithgräbern wie in New Grange (Irland) taucht das Symbol der Drei immer wieder auf, hier in Form von drei ineinander verschlungenen Spiralen. Der Archäologe James Mellart berichtete, dass in den Schreinen von Catal Hüyük zahlreiche Figurinen auffällig oft in Dreiergruppen gefunden wurden. Viele maltesische Tempel haben eine Kleeblattform, bestehen also aus drei Kammern (vgl. Gimbutas 2006, S. 88ff).

Damit ist belegt, dass die große Bedeutung der Zahl Drei erheblich älter ist, als die indoeuropäische Sprache und demnach nicht auf die dumézilschen Funktionen zurückgeführt werden kann.

Als Ergebnis ihrer Forschungen zum alteuropäischen bzw. allgemein matriarchalen Symbolsystem haben Marija Gimbutas und Heide Göttner-Abendroth ein Strukturschema der Großen Göttin aufgestellt, die in drei Gestalten auftritt:

Die bedeutendste, aber nicht die einzige Göttin Alteuropas ist nach Gimbutas die Große Göttin als Herrin über Leben, Tod und Wiedergeburt. Sie steht in Zusammenhang mit den Mondphasen:

1. Allesgebende

2. Todbringende

3. Regeneratrix

1. Gebärerin

a. anthropomorphe Gebärende

b. Urmutter in Gestalt einer Bärin, Hirschkuh oder Elchkuh

1. Todesbotin und Todbringerin (Geier, Eule, Schlange)

1. Lebenserneuernde Vulva, Uterus, Dreieck, Axt

2. Spenderin von Lebenswasser und Gesundheit

a. aufrecht stehender Steinblock (Menhir) als Epiphanie der Göttin, Hüterin des Lebenswassers

b. Gefäß: anthropomorph oder ornitomorph mit aquatischen Zeichen (z.B. Parallellinien)

2. Todesgöttin: Weißer Knochen, Starre Nackte, Weiße Frau, Furchterregende Maske, Vorläuferin des Gorgonenhauptes

2. Symbole: Fisch, Frosch, Kröte, Igel, Schildkröte, Eidechse, Hase, Biene, Schmetterling, Motte, Lebenssäule

3. Künderin des Frühlings und der Zukunft

a. jugendliche Göttin vom Typ Artemis

b. Frühlingsvögel: Kuckuck, Schwalbe, Lerche, Taube

4. Heilerin und Beschützerin als Schlangenfrau;

Beschützerin des jungen Lebens: Nährmutter, Weibliche Figur mit Kind auf dem Arm

Göttinstruktur nach Marija Gimbutas (vgl. Gimbutas 2006, S. 328)

Aus diesem Schema ergibt sich unter anderem, dass die symbolische Bedeutung der Farben Weiß und Schwarz in Alteuropa genau umgekehrt war, als im späteren indoeuropäischen Symbolsystem. Weiß war die Farbe des Todes, von Knochen. Bei den Indoeuropäern dagegen sind Weiß und Gelb die Farben des glänzenden Himmels und der Sonne. Schwarz bedeutete ursprünglich nicht den Tod oder die Unterwelt; es war vielmehr die Farbe der Fruchtbarkeit, von feuchten Höhlen und reicher Erde, des Schoßes der Göttin, wo das Leben beginnt (vgl. Gimbutas 2006, S. XIX und 198).

Wenn wir dieses Strukturschema der Großen Göttin mit dem von Göttner-Abendroth für die spätmatriarchale Zeit vergleichen, erkennen wir, dass die Bedeutung der Zahl Drei geblieben ist, aber sich die Inhalte, also die Funktionen der Göttinnen verschoben haben. Es hat teilweise bereits die Bedeutungsänderung der Farben Schwarz und Weiß mitgemacht. Ein weiterer Beleg für das vergleichsweise junge Alter dieses Schemas ist auch Amazonensymbolik der ersten Gestalt (Mädchen, Junge Frau). Amazonenreiche entstanden, als sich matriarchale Gesellschaften schon mit dem eindringenden Patriarchat konfrontiert sahen (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 34).

Gestalten

Mädchen

Junge Frau

Frau und Mutter

Alte Frau

Regionen

Herrin des Himmels

Herrin von Land und Meer

Herrin der Unterwelt / Anderswelt

Funktionen

Lichtbringerin, Jägerin, Amazone

Schenkerin der Liebe und des Lebens

Schenkerin von Tod und Wiedergeburt, Magie, Wissen und Weisheit

Symbolik

Jahreszeiten

Frühling

Sommer

Herbst und Winter

Symbolik ihrer Region

Universum mit Mond und Sternen, manchmal auch mit der Sonne

Verkörperung ihres Landes

Verkörperung der Höhlen der Unterwelt oder der Anderswelt auf dem Meeresgrund

Gestirnssymbol

Sichelmond

Vollmond

Leermond bzw. Neumond

Symbolische Farbe

Weiß

Rot

Schwarz

Symbolische Tiere

Tiere des Himmels, bes. weiße Vögel. Tiere des Waldes, bes. weiße Hirsche. Kämpferische Tiere: Löwen, Panther, Katzen

Nahrung schenkende Tiere: Kuh, Ziege, Schaf, Schwein, Tiere, die Liebe und Fruchtbarkeit symbolisieren, bes. Tauben, Bienen

Unterirdische Tiere: Schlangen, Drachen. Schwarze Tiere und Nachttiere: Eule, Rabe, Krähe. Schwarz-Weiße Hunde und Pferde.

Symbolische Gegenstände

Pfeil und Bogen, Wagen mit Löwen oder Hirschen davor.

Der Liebeskelch, Liebesapfel, das Obstgarten-Paradies. Gegenstände der Liebesmagie: Zaubergürtel und Ringe

Der Schicksalsfaden und die Spindel, die Schicksalswage. Der Todesapfel und das Obstgarten-Paradies als Anderswelt

Göttinstruktur (Triade) nach Heide Göttner-Abendroth (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 32)

Alle drei Gestalten bilden nur eine Gottheit, sie sind nie völlig voneinander zu trennen, sondern nur Aspekte der Einen (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 44). Deshalb ist die unterschiedslose Anrufung einer Triade oder einer einzelnen Göttin kein Beleg dafür, dass Matronen oder Matres keine echte Dreiheit bildeten. Vermutlich wussten die Menschen, dass immer die Große Göttin gemeint ist, egal ob als Triade oder als Einzelne dargestellt.
Ende Teil X

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil IX geschrieben von Mara

Samstag, 28. Juni 2014

5. TrägerInnen der Matronenverehrung

Von den 30 bis 40 im Matronenheiligtum von Nettersheim gefundenen Weihealtären konnten 10 soweit rekonstruiert werden, dass der Name des Stifters erkennbar ist. Auf acht der Weihesteine wird der Stifter als Beneficiarier bezeichnet und auf den restlichen zwei stand nur ein Name. Die in den Grundmauern des Bonner Münsters gefundenen Weihealtären an die Aufanien wurden teilweise von den höchsten Offizieren der in Bonn stationierten Legio I Minervia, ihren Frauen und von den obersten provinziellen Verwaltungsbeamten gestiftet.

In den übrigen Heiligtümern sind Angehörige der provinziellen römischen Oberschicht und Beneficiarier kaum vertreten. Die auf den Weihesteinen angegebenen Namen lassen darauf schließen, dass z.B. das Heiligtum von Nöthen/Pesch rein zivil geprägt war. In Morken-Harff überwiegt bei den Namen sogar das keltische Element. Offensichtlich waren die Träger des Kultes hier ausschließlich einheimischer Abstammung, von denen viele noch nicht einmal das römische Bürgerrecht besaßen. Die Namen sind höchstens notdürftig latinisiert. Irgendwelche Hinweise darauf, dass Dedikanten aus einem anderen Teil des römischen Reiches kamen, fanden sich bei keinem der Heiligtümer außer bei den Aufanien (vgl. Biller 2010, S. 282ff).

Aber auch der Aufanienkult war wohl ursprünglich einheimisch. Er ging nicht von Bonn, sondern vermutlich von Nettersheim aus, wo ihn die hier stationierten Beneficiarier adoptierten und wohl auch in Bonn bekannt machten. Hier stifteten hohe Militär- und Zivilbeamte dann besonders prächtige Weihealtäre und Statuen. Allerdings kann damit noch nicht die Ausbreitung des Aufanienkultes nach Jülich, Zülpich und Xanthen erklärt werden. Möglicherweisen galten die Aufanischen Matronen bereits vorher als besonders wirkmächtig.

Insgesamt wurden etwa 10% der den Matronen geweihten Altäre von Frauen gestiftet, also ungefähr 40 (vgl. Petrikovits 1987, S. 253).

Die TrägerInnen der Matronenverehrung wohnten in der unmittelbaren Umgebung der Tempelbezirke. Organisiert waren sie in Kurien. Das waren keine Männerbünde, wie Christoph B. Rüger irrtümlich annahm, sondern Kultgemeinschaften, also religiöse Vereinigungen, die ursprünglich auf eine an dieser Stelle siedelnde Großfamilie oder Sippe zurückgingen aber sich später wohl auch für nicht verwandte Neusiedler öffneten. Diese Kurien unterhielten die Matronenheiligtümer und feierten dort ihre Jahresfeste. Im Heiligtum von Nöthen/Pesch gab es neben dem Umgangstempel sogar eine Basilika als Versammlungsraum der lokalen Kurie (vgl. Biller 2010, S. 290).

Ausgrabungen und Lesefunde aus Nettersheim lassen darauf schließen, dass eine römerzeitliche Siedlung, vermutlich das antike Marcomagus, in der Nähe des Matronenheiligtums lag.

Matronenheiligtum copyright Mara

6. Kultformen

Die Formen der Verehrung waren, soweit bekannt, an römische Gottesdienste angelehnt und beinhalteten wohl gemeinschaftliche Opfer, ein Kultmahl und eine feierliche Kultprozession. Es wurden wohl hauptsächlich Obst, Getreide und andere Früchte geopfert, seltener Tiere wie Schweine. Auf einem Bonner Kultbild sind interessanterweise sechs Frauen abgebildet, die in einer feierlichen Prozession langsam voran schreiten. Ihre Köpfe wurden später wohl von den Christen ausgemeißelt, allerdings können sie keine so großen Hauben getragen haben, wie die Matronen auf den Standbildern. Häufig kamen auch individuelle Opfer vor. Auf den Weihesteinen sind sowohl Männer als auch Frauen dargestellt, die die Opfer vollziehen (vgl. Biller 2010, S. 301ff).

In unmittelbarer Nähe des Matronenheiligtums von Nettersheim fand sich ein Gebäude, dass bereits der Erstausgräber Lehner profanen Zwecken zuordnete. Es könnte die Wohnung eines Priesters oder einer Priesterin gewesen sein. Sichere Hinweise darauf gibt es allerdings nicht. Es wurden allerdings in Zülpich und Köln in Gräbern Stabaufsätze mit einer Minerva und einer Matronentriade gefunden. Das könnte ein archäologischer Hinweis auf eine Priesterschaft innerhalb der Matronenkulte sein. Frank Biller geht offenbar davon aus, dass diese Priester, wenn sie denn existierten, immer männlich waren (vgl. Biller 2010, S. 305). Die Möglichkeit von Priesterinnen diskutiert er erst gar nicht, obwohl auf den Matronenweihesteinen auch Frauen dargestellt sind, die Opfer darbringen oder in einer Prozession voranschreiten. Allerdings könnte er sich auf Tacitus berufen, der auch nur von Priestern der Nerthus berichtet.

7. Matronenverehrung bei den Kelten und Germanen

In der Provinz Germania inferior, insbesondere im Ubierland, lebte zur Römerzeit eine keltisch-germanische Mischbevölkerung. Deshalb fällt es schwer, die Matronen eindeutig einer dieser Volksgruppen zuzuordnen. Tatsächlich kamen sie in beiden Völkern vor, bei den Kelten v.a. als Weihealtäre und Terrakotten, bei den Germanen in Sagen und Überlieferungen von Kulthandlungen. Die Belegsituation ist also bei beiden Volksgruppen sozusagen komplementär.

Das Ubierland war zwar ein Zentrum der Matronenverehrung im römischen Reich, aber Matronendarstellungen in Form von Weihealtären und Terrakotten kamen auch in anderen keltisch geprägten Provinzen vor, insbesondere in der Gallia Narbonensis (dem heutigen Südfrankreich), der Gallia Lugdunensis (Zentralfrankreich), der Gallia Cisalpina (Norditalien und westlicher Alpenraum) und – weniger intensiv – der Germania superior (Süddeutschland, vgl. de Vries 2006, S. 120). Möglicherweise gab es die Matronenverehrung schon längere Zeit, sie wurde aber erst für uns sichtbar, als die Kelten den Brauch annahmen, ihre Gottheiten nach dem Vorbild der Römer in Ton und Stein darzustellen. Sagen über die gallischen Matronen sind nicht überliefert.

Die hier vorkommenden mütterlichen Göttinnen werden in antiken Inschriften als Matronae (523), Matres/Matrae (184), Parcae (72), Iunones (59), Deae (53), Cereces (46), Suleviae (39), Campestres (38), Proxumae (36), Fatae (35), Silvanae (28), Nutrices (18) oder Fontes (11) genannt. Bereits diese Namen deuten die Vielfalt der Nebenfunktionen an, die diese Mütter ursprünglich hatten. Die Matres gelten häufig als die Schutzgöttinnen von ganzen Stämmen und Völkern, wie etwa die Treverischen Mütter aus dem Raum Tier (vgl. Birkhan 1997, S. 513).

Weiheinschriften für Matres und Matrae einerseits und für Matronae andererseits sind komplementär verteilt. Die Matres/Matrae erscheinen bevorzugt in der Gallia Narbonesis, der Gallia Lugdunensis und der Germania Superior. In der Gallia Cisalpina und der Germania Inferior werden unsere Göttinnen meistens Matronae genannt (vgl. Birkhan 1997, S. 516).

Die Matronen hatten offenbar auch eine Beziehung zu Gewässern. Die Matronae Vacallinehae aus Nöthen/Pesch steht offenbar in einem Zusammenhang mit dem Flussnamen Waal. Der Name des Flusses Marne geht ebenfalls auf die Matronen zurück; er hieß in der Römerzeit Matrona.

Die Göttinnen treten entweder allein oder als Triaden auf und erscheinen fast immer thronend. Sie sind in Gallien meistens nach klassisch griechisch-römischer Mode mit Tunika und Palla bekleidet und tragen als Attribute Früchte in Körben und Schalen, teilweise auch Ähren oder ein Füllhorn. Gelegentlich werden die Göttinnen mit Kleinkindern auf dem Schoß bzw. spielenden Kindern in ihrer Nähe abgebildet. Solche Darstellungen kommen bei Terrakotten viel häufiger vor als bei Steindenkmälern.

Andere Göttinnen werden als junge Frauen vom Typ der Venus Pudica dargestellt, die nur durch eine Fruchtschale als Matres zu erkennen sind.

Häufig werden die Matronen zusammen mit Tieren wie Hund, Schlange, Stier und Widder dargestellt. Oder auch mit Spinnrocken und Spindel sowie Gefäßen, aus denen Wasser quillt (vgl. Schauerte 1987, S. 62).

Wenn die Matronen als Triade dargestellt werden, sind in Gallien auch andere Kombinationen möglich, als im Ubierland. So werden manchmal drei identische Frauen mit offenen Haaren abgebildet oder aber zwei junge Frauen rechts und links und eine ältere Frau mit einer Haube in der Mitte.

Auf den gallischen Weihesteinen werden die Matronen – wie im Ubierland – meistens als Triade dargestellt, sehr selten auch als einzelne, als zwei, vier oder mehr Frauen. Diese Weihesteine wurden in Tempeln aufgestellt. Wie aus der Weiheformel VSLM ersichtlich ist, hauptsächlich in Erfüllung eines Gelübdes.

Es existieren aber sehr viel mehr Terracottenstatuetten als Weihesteine. In den ersten drei Jahrhunderten u.Z. wurden nach überschlägigen Berechnungen in den gallischen und rheinischen Töpferateliers 500.000 bis 1.000.000 Statuetten angefertigt, davon haben mütterliche Gottheiten einen Anteil von deutlich über 50%. Es handelt sich also schon fast um eine Massenproduktion. Hier ist der Anteil der einzelnen Gottheit deutlich höher. Wenn mehrere Frauen dargestellt werden, dann allerdings bevorzugt ebenfalls als Triaden.

Schauerte erklärt den hohen Anteil von Einzelgottheiten bei den Terrakotten damit, dass diese eher von den niedrigeren Volksschichten gekauft wurden und deshalb die Hersteller bestrebt sein mussten, sie für die geringen finanziellen Möglichkeiten dieser Schichten erschwinglich zu halten (vgl. Schauerte 1987, S. 60).

Terrakotten mütterlicher Gottheiten wurden hauptsächlich in Heiligtümern, in der Nähe von Quellen, bei Megalithen und allgemein bei Plätzen von besonders Ehrfurcht gebietendem Charakter gefunden. Weniger häufig auch in Gräbern und Privathäusern, wo sie dann nicht selten auf einem Hausaltar aufgestellt wurden. Diese Terrakotten wurden also häufig als Opfer dargebracht oder den Toten mitgegeben (vgl. Schauerte 1987, S. 89).

Der größte Teil Germaniens blieb außerhalb des römischen Reiches. Deshalb gibt es dort keine erhaltenen Matronendarstellungen. Dafür aber zahlreiche Sagen über eine Dreizahl von mystischen Frauen.

Als Disen werden im altnordischen verehrungswürdige, mystische Frauen bezeichnet. Matrona ist fast die exakte Übersetzung dieses Begriffs in das Lateinische. Nach der nordischen Mythologie sind die Disen geheimnisvolle Frauen, die den Menschen helfen, ihr Schicksal bestimmen und in einer nicht mehr klar erkennbaren Weise auch etwas mit ihrem Tod zu tun haben. In den Gesta Danorum wird berichtet, wie der Held Fridlefus das Schicksal seines Sohnes von drei in einem Tempel thronenden weisen Frauen erfahren möchte. Solche das Schicksal bestimmenden Gruppen von Frauen werden im Reginsmal (einem Teil der Liederedda) als Disen bezeichnet (vgl. Simek 2003, S. 126).

Den Disen entsprechen vielleicht die kontinentalgermanischen Idisen, die aus dem ersten Merseburger Zauberspruch und dem Namen Idistaviso, eigentlich Idisiaviso, also Frauenwiese, bekannt sind (vgl. Simek 2003, S. 127). Auf der Idisiaviso fand im Jahr 16 u.Z. eine Schlacht zwischen Germanen und Römern statt.

Eine ähnliche Funktion als Schicksalsfrauen hatten auch die Nornen, die der Edda zufolge als Dreiheit auftraten. Die Nornen sind Frauen, die in der Geburtsstunde das Schicksal für das Leben des Kindes bestimmen. In der Völuspa (ebenfalls ein Teil der Lieder-Edda) sitzen die drei Frauen Urd, Verdandi und Skuld (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) unter dem Weltenbaum Yggdrasil und bestimmen das Schicksal der Menschen.

Die Disen wurden auch kultisch verehrt, worauf die Bezeichnung Disablot („Disenopfer“) hinweist. In Skandinavien existieren zahlreiche Ortsnamen, die auf die Disen zurückgehen. Der Ortsname Dystingbo aus Norwegen bedeutet „Siedlung am Disen-Thing“ (vgl. Simek 2003, S. 126).

Beda Venerabilis berichtet davon, dass die Angelsachsen (zwischen 500 und 700 u.Z.) am 6. Januar das neue Jahr mit der Feier der „Modranicht“, also der Mütternacht begangen (vgl. Simek 2003, S. 127).

Allerdings gibt es in der germanischen Mythologie auch männliche Göttertriaden. Hier sind insbesondere die in den Erzählungen über die Erschaffung der Welt wichtigen Triaden Odin, Vili, Ve und Odin, Hönur, Loki zu erwähnen (vgl. Simek 2003, S. 108).

Hieraus und aus der Ikonographie der Matronen, in der zwei oder manchmal drei scheinbar identische Frauen dargestellt werden, schließen die meisten Wissenschaftler, dass die Matronendreiheit keine echte Dreiheit von Göttinnen mit unterschiedlichen Merkmalen, sondern eine Sekundärbildung einer ursprünglich männlichen Trinität ist. Einen weiteren Beleg hierfür sehen sie in der Tatsache, dass die Matronen bei offenbar identischer Bedeutung entweder als Einzelgottheit oder als Triade dargestellt werden.

Sie verweisen hier auf die Forschungen von Georges Dumézil, der bei seiner Analyse der indoeuropäischen Mythologie herausfand, dass sich deren Götter auf drei Funktionen zurückführen lassen, die den drei Ständen einer idealen indoeuropäischen Gesellschaft entsprechen, also Priester, Krieger und Bauern/Hirten. Daher komme die große Bedeutung der Zahl drei bei den indoeuropäischen Völkern (vgl. de Vries 2006, S. 157). Allerdings musste Dumézil zugestehen, dass die meisten Göttinnen, die ja zum größten Teil aus der alteuropäischen Kultur übernommen wurden, nicht in sein Schema passen (vgl. Gimbutas 2006, S. XVIII). Jan de Vries ist denn auch der Auffassung, dass die Matronenverehrung bei den Kelten zwar indoeuropäischen Ursprungs ist, aber zum Teil auch auf eine alteuropäische Kulturschicht zurückgeht (vgl. de Vries 2006, S. 123).

Ende Teil IX

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil VIII geschrieben von Mara

Samstag, 15. März 2014

Insgesamt wurden bisher in der Germania inferior 10 Tempelkomplexe ausgegraben, in denen die Matronen verehrt wurden. Es werden noch weitaus mehr Tempel vermutet, denn bis jetzt sind mehr als 100 Matronennamen bekannt. Die Bedeutung der Namen ist schwer zu entziffern, manche sind sicher germanischen, andere wohl keltischen oder vorindoeuropäischen Ursprungs.

Ort Matronenname Mögliche Bedeutung (meistens unsicher) Nennungen oder Weihesteine
Köln (CCAA) Matronae Vallameneihe Sippenname, also die Vallamenischen Ahnmütter

Hürth-Hermühlheim

Matronae Audrianehae Die göttlichen Beschützerinnen, die göttlichen Schicksalsfrauen
Bonn Matronae Aufaniae Die freigebigen Ahnmütter 100
Nettersheim
Nöthen-Pesch Matronae Vacallinehae Sippenname, also die Vacallischen Ahnmütter über 290
Zingsheim Matronae Fachneihiae Die fröhlichen Ahnütter
Embken Matronae Veteranehae (Vom Fluss Waal abgeleitet) 10
Niedereggen-Abenden
Morken-Harff Matronae Austriahenae Die östlichen Ahnmütter 150
Rödingen Matronae Gavadiae Die über Eide wachenden Ahnmütter 6
Eschweiler-Fronhoven Matronae Amfratninae Die glücksbringenden Ahnmütter 8
Krefeld-Lank/Gripswald Matronae Octocannae (Vom keltischen Wort utka = Fichte abgeleitet) 7

Ausgegrabene Matronentempel in der Germania inferior (vgl. H.-G. Horn 1987, S. 34)

Weihealtäre der Aufanischen Matronen fanden sich nicht nur in Nettersheim, sondern auch in den Grundmauern des Bonner Münsters. Vermutlich stand an der Stelle des heutigen Münsters in großes Matronenheiligtum. Der Legende nach soll Helena, die Mutter des ersten christlichen römischen Kaisers Konstantin, seine Zerstörung befohlen haben, als sie Bonn besuchte (vgl. Lange 1995). Des Weiteren wurden die Aufanien auch in einem Tempel in Xanthen, in Zülpich (Tolbiacum) und Jülich verehrt. Während die meisten Matronen nur ein sehr beschränktes „Einzugsgebiet“ hatten, erstreckte sich die Verehrung der Aufanischen Matronen über die gesamte Provinz Germania inferior und darüber hinaus (vgl. Biller 2010, S. 315).

Die Funktion der Matronen ist nicht ganz klar und wird von verschiedenen AutorInnen unterschiedlich gedeutet. Auffällig ist immerhin, dass viele – aber nicht alle – Matronennamen bestimmten Sippennamen entsprechen. Die Matronen wurden vermutlich als mystische Ahnmütter einer Sippe oder eines Teilstammes begriffen. Andererseits deutet die Symbolik (Früchte, seltener Tierabbildungen) auf den Matronensteinen darauf hin, dass sie auch als Garanten der Fruchtbarkeit, insbesondere von Feldern und Tieren angerufen wurden. Im Ubiergebiet finden sich keine Abbildungen, die sie auch mit der menschlichen Fruchtbarkeit zusammenbringen. Ob sie auch mit Tod und Wiedergeburt in Verbindung gebracht wurden, ist unklar. Darauf könnte ihre Funktion als Ahnmütter hindeuten, außerdem gelegentliche Abbildungen von Schlange und Hund, also typischen Totentieren auf den Seitenflächen. Diese könnten allerdings auch auf ihre Verbindung zu Krankenpflege oder zu Wahrsagungen hinweisen.

Rudolf Simek glaubt, die Matronen sollten eher als Habgottheiten oder im christlichem Sinne als Heilige verstanden werden. Also als „ansprechbare, gut bekannte und verehrungswürdige Bewohnerinnen des Jenseits, an die man sich mit den täglichen Sorgen und Anliegen mit guter Aussicht auf Erfolg wenden könnte.“ (vgl. Simek 2003, S. 123f) Erika Timm hält dagegen die germanischen Göttinnen der frühen Kaiserzeit allgemein für zwar kleinräumige, aber funktional durchaus Große Göttinnen vom Isis-Typ (vgl. Timm 2003, S. 291). Auch andere Autoren bezeichnen sie als Göttinnen.

Der älteste Weihestein ist nach neuesten Forschungen des Archäologen Frank Biller derjenige des L. Vitelius Consors an die Rumanehischen Matronen aus Iuliacum (Jülich). Er wurde mit Sicherheit vor 122 u.Z. errichtet, vermutlich sogar vor 89 u.Z. (vgl. Biller 2010, S. 269). Die Matronenverehrung ist wahrscheinlich aber viel älter. Bei vielen Matronentempeln weisen Spuren auf ein Bestehen des Kultplatzes weit vor dem Bau der steinernen Tempel hin. Vermutlich wurde ursprünglich ein besonders auffälliger Baum oder eine Quelle durch einen Zaum als heiliger Bezirk gekennzeichnet, in dem die Menschen den Göttinnen geopfert haben. Nachdem dieser Baum abgestorben war, wurde dann an seiner Stelle ein Gallo-Römischer Umgangstempel wie in Nettersheim erbaut oder eine steinerne Baumskulptur wie in Nöthen/Pesch aufgestellt. Diese Veränderung im Kultgeschehen steht in Verbindung mit einer allgemeinen Romanisierung des öffentlichen Lebens im 2. Jahrhundert u.Z. in der Provinz Germania inferior (vgl. Biller 2010, S. 267).

Früher haben sich die hier wohnenden Menschen, also die germanischen Ubier und Reste der keltischen Eburonen wohl vorgestellt, ihre Göttinnen würden in auffälligen Bäumen wohnen. Diese Art der Verehrung von Gottheiten in Bäumen ist sowohl von den Kelten als auch den Germanen bekannt. Denn Bäume haben nach ihrer Auffassung eine mythische Kraft. Ich kann allerdings Biller nicht in seiner Aussage folgen, die Menschen hätten sich die Matronen ursprünglich auch als Bäume vorgestellt. Dafür gibt es weder bei Germanen oder Kelten irgendwelche Parallelen. Selbst Gestalten der niederen Mythologie wie Baum- oder Quellnymphen stellten sie sich anthropomorph vor, erst recht ihre Göttinnen und Götter. So wird z.B. niemand aus der Existenz der Donareiche bei Fritzlar schließen wollen, die Germanen glaubten, Thor sei in Wirklichkeit ein Baum (vgl. Biller 2010, S. 275ff)!

Weihealtar des Pettronius Patroclus copyright Mara

Der Höhepunkt der Setzung von Weihesteinen an die Matronen liegt zwischen den Jahren 160 bis 230 u.Z. Nach 250 u.Z. wurden keine neuen Weihesteine mehr aufgestellt. Allerdings darf der Schluss der Inschriftensetzung nicht als Abebben der Matronenverehrung verstanden werden. Dieser Rückgang ist vielmehr Teil eines allgemeinen Trends, denn mit dem Fall des Limes in den Jahren 230/260 u.Z. endete die Blütezeit der germanischen Provinzen. Die allgemein schlechte wirtschaftliche Lage ermöglichte es immer weniger Menschen, teure Steininschriften zu setzen. Zumal die ständigen Germaneneinfälle es sehr unsicher machten, ob solche Weihungen überhaupt lange Bestand hätten. Auch Weiheinschriften an andere Gottheiten finden sich nach 260 u.Z. in der Germania inferior kaum noch. Deshalb kann das Abebben Inschriftensetzung nicht als religiöser Paradigmenwechsel verstanden werden. Münzfunde haben vielmehr ergeben, dass die Matronenheiligtümer noch bis zum Ende des 4. Jahrhunderts als Verehrungsstätten genutzt wurden. In der darauf folgenden chaotischen Völkerwanderungszeit wurden viele dieser Tempel wohl zusammen mit den zu ihnen gehörenden Siedlungen aufgegeben. Das Christentum ist bis dahin im ländlichen Eifelraum nicht fassbar, sondern wurde hier erst im 7. Jahrhundert durchgesetzt. Christen können allerdings an der Zerstörung des großen Bonner Aufanienheiligtum beteiligt gewesen sein. Darauf deuten sowohl entsprechende Legenden als auch der Standort des Bonner Münsters hin, das vermutlich auf dem Standort dieses Tempels erbaut wurden; möglicherweise um den in Teilen der Bevölkerung noch populären Aufanienkult für sich zu vereinnahmen (vgl. Biller 2010, S. 308).

Ende Teil VIII

Mythologische Landschaften in Mitteleuropa – Das Matronenheiligtum von Nettersheim – Teil VII geschrieben von Mara

Samstag, 04. Januar 2014

Matronenstein von Nettersheim copyright Mara

3. Der Weihestein des Pettronius Patroclus

Sehen wir uns mal einen dieser Steine näher an: Der links stehende Matronenstein ist noch am besten erhalten.

Er enthält folgende Inschrift:

MATRONIS AUFANIABUS
M(ARCUS) PETTRONIUS PATROCLUS
B(ENE)F(ICIARIUS)
CO(N)S(ULARIS)
ITERATA STATIONE
V(OTUM) S(OLVIT) L(IBENS) M(ERITO)

Übersetzung: Den Aufanischen Matronen hat Marcus Pettronius Patroclus, Beneficarier im Stab des Statthalters und zum zweitenmal auf Posten, sein Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst (vgl. Lange 1995).

Beneficarier waren altgediente römische Legionäre, die von ihren Vorgesetzten vom normalen Lagerdienst befreit und für besondere Aufgaben eingesetzt wurden. In Nettersheim dienten sie als Straßenpolizisten und -aufsichtsbeamten. Sie lebten in einer Beneficarierstation, die mehrere 100 m vom Tempelbezirk entfernt lag. Normalerweise wurden sie zur Vermeidung von Korruption nach sechs Monaten auf einen anderen Posten versetzt. „Itera Statione“ bedeutet hier aber, dass Pettronius Patroclus zum zweiten Mal, also in einer zweiten Sechs-Monats-Periode in Marcomagus Dienst tat. Dies ist ihm so wichtig, dass er es auf dem Weihestein eigens erwähnt. Offenbar war der Posten in Nettersheim bei den Beneficariern sehr beliebt; vielleicht gerade wegen der Matronen. Die „sakralrechtliche Vertragsformel“ VSLM kommt auf sehr vielen römischen Weihesteinen vor, auch an andere Gottheiten. Votum Solvit Libens Merito bedeutet „das Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst“. Der Stifter hat also etwas erbeten und den Göttinnen einen Weihestein versprochen, wenn sie ihm diesen Wunsch erfüllen.

Die Matronen werden in fast allen Weihesteinen als Triade dargestellt, so auch hier. Sie tragen lange, faltenreiche Gewänder, die der Festtagstracht der Ubierinnen entspricht. Diese besteht aus einem hier nur ansatzweise sichtbaren Unterrock, einem gegürteten Gewand und einem langen, tuchartigen Mantel, der durch eine große Schließe vor der Brust zusammen gehalten wird. Alle drei Göttinnen sind mit Halsreifen (Torques) geschmückt. Der Torques war ein weltliches und religiöses Symbol der Macht, der Verehrung und des Schutzes.

Die beiden außen sitzenden Frauen tragen sehr auffällige voluminöse Hauben. Hauben sind bei den Germanen das Merkmal einer älteren, verheirateten Frau. Ihre Größe ist allerdings sehr ungewöhnlich. Vielleicht sind sie auch als religiöse Tracht anzusehen; sie erinnern an eine Mondsichel. Die mittlere Göttin trägt ihr Haar offen. Sie ist etwas kleiner und schmaler dargestellt als die zwei anderen Göttinnen. Das kennzeichnet sie als Mädchen oder als junge, unverheiratete Frau.

Die links sitzende Matrone hält auf ihrem Schoß eine Schale mit Früchten, die mittlere, jüngere ein Brot (nach dem Erstausgräber Lehner ein Kästchen) und die rechts sitzende Matrone zwei Wollballen (nach Lehner Kürbisse). Sie repräsentieren also die pflanzliche, tierische und vom Menschen überformte Fruchtbarkeit.

Die von Lehner vorgeschlagene Lesart der Früchte der rechten Matrone, also Kürbisse, ist allein deshalb unmöglich, weil die Pflanzen der Gattung Cucurbita aus Amerika stammen und demnach zur Römerzeit in Mitteleuropa noch gar nicht bekannt waren.

Auf der linken Schmalseite des Weihesteins ist ein Füllhorn mit Birne, Granatäpfeln und Pinienzapfen abgebildet, darunter ein Kranich, auf der rechten ein dreifüßiges Tischchen mit Kannen und Schweinskopf, darüber eine Girlande mit Vogel. Das Füllhorn symbolisiert Fruchtbarkeit und Überfluss sowie das sorgenfreie Leben im goldenen Zeitalter. Die Birne ist ein Symbol für Fruchtbarkeit, aber auch für Tod und Wiedergeburt. Der Apfel und insbesondere der Granatapfel stehen für Lebensfülle und Lebensfreude. Der Apfel steht auch für Frau Welt, also die Einheit von Diesseitswelt und Anderswelt, von Werden und Vergehen. Die Pinie galt im Mittelmeerraum wegen ihrer unablässigen Samenproduktion ebenfalls als Symbol für Fruchtbarkeit und Wiedergeburt. Sie galt als Lebensbaum und wurde der Göttin Kybele zugeordnet. Der auffällige Zug der Kraniche verkündet den nahenden Winter oder den anbrechenden Frühling. Im Alten Europa war die Vogelgöttin, die häufig als Hybridwesen Frau-Wasservogel dargestellt wurde, für den Schutz der Sippe und die Mehrung des materiellen Wohlstandes der Menschen zuständig (vgl. Lange 1995).

Matronensteine copyright Mara

4. Matronenverehrung im Ubierland

Im Eifelgebiet lebte bis zum 51 v.u.Z. der keltische Stamm der Eburonen. Dieser wurde von Caeser in den Gallischen Kriegen vernichtend geschlagen und die meisten seiner Angehörigen niedergemetzelt. Ab dem 39 v.u.Z. erlaubten es die Römer dem am rechten Rheinufer lebenden germanischen Stamm der Ubier, den Rhein zu überqueren und im ehemaligen Eburonengebiet zu siedeln. Diese Übersiedlung zog sich jedoch lange hin, da die Römer nur wenigen Familien bzw. Sippen des Stammes pro Jahr die Rheinüberquerung gestatteten. Der sehr römerfreundliche Stamm der Ubier führte vorher in ihrem Auftrag Krieg gegen andere Germanenstämme und wurde von diesen schließlich geschlagen. Er drohte, zwischen den Römern und den anderen Germanen militärisch aufgerieben zu werden.

Im Jahr 85 u.Z. richteten die Römer schließlich die Provinz Germania inferior (Niedergermanien) ein. Hauptstadt war die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln). Die Germania Inferior umfasste in etwa die linksrheinischen Gebiete der heutigen Staaten Deutschland nördlich von Koblenz, Belgien und der Niederlande.

Im Ubiergebiet allein wurden bisher 825 Weihealtäre gefunden, davon richteten sich 450 an die Matronen. Die meisten der bildlich verzierten Weihesteine zeigen die oben beschriebene Matronendreiheit mit zwei älteren Frauen außen und einer jüngeren innen. In den Inschriften werden die Frauen 409 mal Matronae genannt, 35 mal Matres (lat. Mütter) und 6 mal Deae (lat. Göttinnen). Die Benennungen wurden offensichtlich als Synonym verstanden; die bildlichen Darstellungen unterscheiden sich nicht (vgl H.-G. Horn 1987, S. 31). Dem entspricht in etwa die Verteilung der Anredeformen auf den Weihesteinen im Matronenheiligtum von Nettersheim, soweit noch rekonstruierbar:

Name

Anzahl der Weihealtäre

Deabus Aufanis

2

Matribus Aufanis

1

Matronis Aufaniabus

8

Aufanis

2

Anredeform der Aufanischen Matronen in Nettersheim (vgl. Biller 2010, S. 43)

Dies belegt, dass die Matronen eher als Göttinnen verstanden wurden und nicht etwa als Wesen der niederen Mythologie.

Ende Teil VII