Archiv für die Kategorie ‘Am LagerFeuer’

„Die schönste Zeit im Jahr …“, geschrieben von Damh, the Bard, übersetzt von Anufa

Samstag, 04. November 2017

Das singt die Stimme im Weihnachtsspot, den ich garantiert in den nächsten Wochen zu sehen bekomme. Für viele meiner Freunde ist jetzt aber wirklich ihre Lieblingszeit. Meine ist es nicht aber ich verstehe völlig, warum sie es für meine heidnischen Freunde ist.

Ich mag daran fast alles außer dem plötzlichen Frösteln, das in der Luft hängt. Gestern war es schon da, als wir , unter dem Long Man of Wilmington, den Kreis des offenen Anderida Gorsedd Samhain Rituals geöffnet haben. Zur Herbst-Tag-und-Nachtgleiche ist das letzte Mal, bis zur Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche des nächsten Jahres, dass er die Sonne sieht. Ab Samhain berührt ihn die Sonne kaum mehr. Sein kleiner Teil des Hügels taucht in die Schatten ein, genauso wie es der ganze Hügel tut, auf dem wir für unsere Ritualkreise stehen. In diesem Schatten fühle ich auch die Kälte des Atems der Cailleach. Tritt in den Sonnenschein hinaus und es gibt noch ein bisschen Wärme und das ist, für mich, der Grund, warum ich Samhain nicht so sehr mag.


Sobald der Kreis intakt war, bekamen wir Begleitung von einigen über uns kreisenden Krähenvögeln. An Samhain forme ich den Kreis als Rand des Cauldron of Annwn, auf dem wir alle stehen. Ich lade die Nebel der Anderswelt ein, den Kessel vor uns zu füllen und in diesen Nebel sprechen wir die Namen unserer Lieben, unserer Freunde, Familie und der Ahnen unserer Tradition, die schon vor uns gegangen sind. Während wir in den Nebel eintreten, sprechen wir ihre Namen laut aus, damit sie uns auch hören und wissen, dass wir uns an sie erinnern. Dann teilen wir ein mit ihnen ein symbolisches Mahl, die Leute singen, rezitieren Gedichte und erzählen Geschichten die in die Jahreszeit passen, bevor wir den Geistern danken und den Kreis wieder schließen. Das ist ein sicherer Raum, ein Platz den dem die Tränen vergossen werden können, wenn sie kommen. Ein Platz um den Verlust zu empfinden aber auch die Verbundenheit. Mir wurde einmal erklärt, dass unsere Augen überlaufen, wenn sich unsere Herzen auffüllen. Das ist niemals so wahr, wie im Samhain-Kreis. Wir machen genau dieses Ritual nun seit 17 Jahren. Es fühlt sich schlichtweg nicht richtig an, daran etwas zu verändern. Es tut, was es tun soll. Wir Briten sind eigentlich nicht sehr offen, wenn es um unsere Gefühle geht, aber es ist wichtig tatsächlich zu fühlen. Samhain gibt uns dazu die Gelegenheit.
Ich habe neulich in einigen Blogs und Facebookposts gelesen, dass es historische Beweise gäbe, dass Samhain niemals ein „Totenfest“ gewesen wäre. Das ist mir ziemlich wurscht.Wenn es das nicht gewesen ist, dann hätte es eines sein sollen. Es macht einfach Sinn. Was wir haben sind Wagenladungen voll von Brauchtum, dass uns sagt, dass Feen um diese Zeit des Jahres unterwegs wären – dass der Schleier dünn ist. In der Anderswelt, in Annwn, steht der Kessel der Wiedergeburt. Die Geschichten erzählen, dass diejenigen, die in den Kessel geworfen werden, wiedergeboren würden, aber ohne die Fähigkeit zu sprechen. Das macht auch Sinn. Der Geist der Verstorbenen sollte niemals den Lebenden über das erzählen, was sie gesehen haben. Wenn sie also wiedergeboren werden, dann können sie nicht sprechen, genauso wie Neugeborene nicht sprechen können. Vielleicht sind diese ersten Schreie der Kinder, „Oh Götter! Ich glaubt nieee wo ich gerade gewesen bin!! Es war erstaunlich! Verflucht nochmal! Warum versteht mich denn keiner!!!“ Alles was wir hören, sind die Schreie von neugborenen Babies … aber das Brauchtum legt nahe, dass der Geist derer, die vor uns gegangen sind, zum Kessel zurück kehren, um wiedergeboren zu werden. Deshalb funktioniert das erstellen eines Kreises und die Nebel zu Samhain zu rufen, wenn die Tore offen sind, für mich hervorragend.

Sobald neue Forschungsergebnisse ans Licht kommen, wird oft angenommen, dass das was wir uns unter einem Fest vorgestellt haben, nicht das ist, was es mal gewesen ist. Ich habe auch oft festgestellt, dass es nicht darauf hindeutet was es tatsächlich war, dass halt unsere moderne Art es zu feiern nicht 100%ig mit der Vergangenheit zusammen passt. Mein Leben unterscheidet sich von meinen eisenzeitlichen Druidenvorfahren. Ich denke, dass sogar wenn es eine ununterbrochene Linie von Samhain-Ritualen bis dahin zurück gegeben hätte, dann hätten wir diese Veränderungen über die Jahrhunderte beobachten können. Ich bin mir 100%ig sicher dass Weihnachten, Ostern, Ramadan, jede dieser Feiern in jeder anderen Religion unserer modernen Gesellschaft, nicht mehr in genau derselben Art gefeiert werden, wie vor 100 Jahren. Aber sie funktionieren für diejenigen, die heute diesen Wegen folgen und das ist, was mir wichtig ist.

Wenn Samhain nicht das heidnische Fest der Toten gewesen sein mag, dann schlage ich vor, dass es das jetzt ist und für die letzten 50 Jahre gewesen ist. Ich habe einen Haufen meines Wachstums als Heide und Druide für den Blick über die Schulter in die Vergangenheit verbraucht. Natürlich ist es wichtig zu wissen, wo man herkommt – die alten Geschichten und Gedichte des Mabinogion und von Taliesin erfüllen mich und es sind großartige Lehrstücke darin enthalten. Aber ich bin weniger von wissenschaftlichen Erkenntnissen beunruhigt, wenn es darum geht, wie wir Dinge wie das Jahresrad feiern. Natürlich ist das immer noch interessant aber ich bin in meiner eigenen, modernen heidnischen Haut sehr glücklich.

Gedanken zu Allerheiligen und Allerseelen, geschrieben von Beate Helene

Samstag, 28. Oktober 2017

Die Tage sind merklich kürzer geworden, der Oktobersonnenschein schenkt uns das goldene Licht, das typisch ist für das müde gewordene Jahr. Ich bin sehr dankbar um diese Sonnenstunden, die nun nicht mehr so selbstverständlich sind.
Vieles bewegt mich im Moment. Vielleicht merkt man das an meinem Rückzug im Außen, meine Schneckenhauszeit hat wieder Einzug gehalten. Wie kann man sich auch mit vielen anderen Menschen beschäftigen, wenn es manchmal schon schwer fällt, sich auf ein beiläufiges Gespräch einzulassen. Mit meinen Hortkindern genieße ich diese Zeit, denn mit ihnen gibt es keinen Smalltalk, das haben erst die Erwachsenen erfunden. Das ist Kommunikation von Herz zu Herz und mein Erziehungsauftrag, der mir in Fleisch und Blut liegt. Ich empfinde dieses Tun nicht mehr als meine Arbeit, sondern als einen wichtigen, freudvollen Teil meines Lebensinhaltes, den zu erfüllen ich hier auf der Welt bin.

Was ist es nun, das mich in die Nebel zieht? 

Melancholie umspielt mein Herz. Ihre Wellen treffen mich, manchmal hart, manchmal ganz sanft. Die Erinnerungen an letztes Jahr um diese Zeit steigen auf, manchmal brechen sie auch komplett unvermittelt über mich herein. Es sind Bilder von Krankenhaus und dem Bangen um Leben und Tod, es ist die Erinnerung an eine unzerstörbare Liebe, die vom Tod nicht tangiert wurde.
Ich habe das große Bedürfnis, meine braun gewordenen Blätter dieses Jahres einem Mantel gleich über meine Wurzeln fallen zu lassen. Meine Kräfte ziehen sich zurück aus den kleinen Ästchen und sammeln sich in Stamm und Wurzeln. Ich brauche den Geruch der nassen Herbsterde und ihrer noch bunten, raschelnden Blätterdecke, durch die ich erst letztes Wochenende an wunderbaren Orten spazieren durfte. Dieser Oktoberduft beschreibt mein Gefühl am besten.

Beates Samhain copyright Beate Helene

Ich bemerke, dass ich große Sehnsucht nach meinen lieben Verstorbenen habe. Ich erinnere mich an meinen Opa mit seiner Ruhe und Herzlichkeit. In seinen Armen war die Welt immer in Ordnung, egal was mir vorher passiert war. Er konnte alles wieder gut machen. Meine Schwester fehlt mir so unendlich. Ihr Lachen, ihre unverhohlene Liebe zum Leben und zu uns, ihre kleinen Phrasen, die sie so gerne verwendete… am meisten ihr gesprochenes „Liiiiiebe“, das sie uns so oft sagte, zu allen möglichen Gelegenheiten… Die anderen Mitglieder meiner Familie, die früher sehr groß war und es gewohnt war, alles zu feiern was ging… dies alles fehlt mir.
Sehnsucht breitet sich aus… nach etwas, das dem Menschen Beate nicht mehr wiederbringlich ist.

Die Konfrontation mit dem Tod, mit immer mehr Toden und Abschieden im Laufe eines Lebens, lässt mich jedes Mal ein Stück mitsterben. Ich werde nachdenklich. Eigentlich beginnt das Sterben schon bei der Geburt. Nichts sonst im Leben ist wirklich determiniert, bis auf den Tod. Dies meine ich keinesfalls negativ oder aus einer pessimistischen Einstellung heraus. Was ich bei mir beobachten kann, ist, dass mich jeder Tod eines geliebten Menschen ein bisschen in die andere Welt hinüber bringt. Ich meine damit die Welt hinter den Schleiern der Materie.
Ich habe dadurch, dass ich bereits zwei Menschen (meinen Großvater und meine kleine Schwester) vom Leben ins Sterben begleitet habe und dabei war, als sie ihren letzten Atemzug taten, einen ganz speziellen Bezug zum Tod bekommen.

Der Tod ist kein Feind

Er ist auch nicht unbarmherzig, wie es das Sterben sein kann – nein, der Tod ist friedlich, er ist das Ende, die Krone eines Lebenszyklus‘, ästhetisch und furchtbar zugleich. Er mag Sinngeber sein – was täte ich, hätte ich die Ewigkeit zur Verfügung und wäre immer in diesem Wesen eingesperrt… Dieser Gedanke kommt für mich der mittelalterlichen Hölle am nächsten. Der Tod begrenzt das Leben und gleichzeitig ist er der größte Motivator zur Vollendung eines Projektes, genannt „Leben“.
Denn hätte ich die Ewigkeit zur Verfügung, die Unsterblichkeit, so verdiente dieser Zustand im Körper eines Menschen wohl eher die Bezeichnung „untot“ oder „existierend“.

Der Tod bringt mich dem Leben näher. Ich spüre intensiver. Meine Wahrnehmung wird tiefer. Oft verbinden sich Geschmacks-, Geruchs-, Tast- und Sehsinn, sodass Geschmäcker Formen bekommen, oder ich etwas sehe und den Geschmack dieses Ereignisses auf der Zunge schmecke, genauso wie ich die Ausstrahlung eines Menschen riechen kann (was nicht immer angenehm ist, wenn man jemanden nicht sympathisch findet z. B.).

Der Tod hat mich grundlegend verändert

Nie mehr werde ich die sein, die ich war, bevor er mich sicher durch meine größte Angst auf der Welt geführt hat. Und er war ein guter Begleiter, voll des Trostes, denn er leerte meinen vollen Kopf von allen kreischenden Gedanken und er leerte mein überschwappendes Herz durch die Wasser meiner Augen. Vor allem im vergangenen Trauerjahr, das in etwa zwei Monaten zu Ende geht, begann ich Zuneigung zu ihm zu empfinden.
Er hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse meines Körpers und meines Geistes wieder sehen zu lernen und sie zu stillen. Ich erkannte den Unterschied zwischen „mich für andere verbiegen“ und etwas für mich selbst zu tun – oder wie gerade in dieser Zeit NICHT zu tun, in die Stille zu gehen. Meinem Geist ist das schon unheimlich, er will mich immer wieder dazu überreden, wieder voll loszulegen, doch ich weiß, dass meine Energie für ein sprühendes Gesellschaftsleben noch nicht stabil genug ist. Ich weiß noch nicht einmal, ob mir dies noch gefällt… aber das werde ich herausfinden an der sicheren Hand des Todes, der mich festen Schrittes wieder zurück in mein Leben führt, während er meiner Seele immer größere Räume eröffnet und ihr zeigt, wie sie ihre Schwingen nutzen kann, um diese Räume Zentimeter um Zentimeter zu erforschen.
Ich bin überzeugt davon, am Ende meines Lebens jenes wirklich ausgekostet zu haben, von bitter bis honigsüß. Ich werde ohne Angst gehen können, denn ich weiß, dass ich meinen persönlichen Tod bis dahin sehr gut kennen gelernt haben werde. Möge viel Zeit in Glück und Gesundheit bis dahin vergehen!
Doch wenn es auch einmal soweit ist und ich meinen Körper zurück zu Mama Erde legen darf, so werde ich meinen Tod umarmen und wissen, dass ich den letzten Schritt über die Schwelle niemals werde alleine bewältigen müssen, wenn ich seiner Hand vertraue.

Holle – Herzenskunst made by Beate

Wie geht es euch in dieser Zeit?
Schwarz und Weiß
Leben und Tod
Wo ist der Schatten, wo ist das Licht?
Fehlt eins der beiden, definiert das and’re sich nicht.
So ist’s auch die Not mit Leben und Tod:
Was ist des Lebens wahrer Sinn,
wenn ich der Endlichkeit ungewahr bin!

Von bösen Wölfen, Rosinen und Weltuntergängen

Samstag, 27. Mai 2017

Es erinnert mich die momentane Situation (nach den Anschlägen der letzten Monate/Jahre und noch einigen anderen Katastrophen) an meinen Großvater. Jedes Mal, wenn er zum Frühstück die Regionalzeitung las und darin unter den Todesanzeigen einen bekannten Namen fand, sagte er: „Jaja, die Einschläge kommen näher!“ und grinste dann breit.
Jeder hat so seine eigene Art mit dem Leben und den Schlägen, die es zeitweilig auch austeilt, umzugehen und fertig zu werden. Deshalb halte ich Binsenweisheiten durchaus für Leuchtfeuer (an denen mensch sich orientieren kann) aber sicher nicht für Allheilmittel oder gar Lösungsanleitungen.

Vor etlicher Zeit habe ich schon einen Vierteiler zum Thema „Die dunkle Nacht der Seele“ geschrieben, in dem ich mich besonders mit dem Thema „Warum hast Du mich verlassen?“ beschäftigt habe. Da habe ich meinen Schluss dargestellt, dass ich meinen Hauptpunkt dabei in der Eigenverantwortung verorte. Das möchte ich gerne voraussetzen und als gedankliche Basis etablieren.

Heute geht es mir mehr darum, wie es möglich ist – für einen selber – sinnvoll mit Dingen umzugehen, die von außen auf einen einwirken.


Der böse Wolf

Wir haben heute viele böse Wölfe … vor denen wir uns zu Recht oder Unrecht fürchten. Für mich ist der erste Zugang ein eher rationaler (für den ersten Anlauf). Im Anlassfall stelle ich mir Fragen – wie z. B. : Was ist das Schlimmste was mir passieren kann?
Diese Frage führt schon in einige Denkschleifen, da ich sie nur wirklich sinnvoll beantworten kann, wenn ich dazu einige Informationen schon parat habe. Was ist mir lebenswichtig? Was oder wen brauche ich unbedingt für mein Leben? Je umfassender und ehrlicher ich diese Fragen beantworten kann, desto leichter fällt mir eine Antwort auf die Eingangsfrage. Mir ist dabei besonders wichtig zwischen „wirklich brauchen“ und „haben wollen“ zu unterscheiden.
Sich gesund zu ernähren, ist beispielsweise für mich ein wichtiger Faktor (weil meine Lebensqualität dadurch steigt) das will ich haben. Den Göttern sei Dank leide ich nicht unter Allergien, wenn ich es aber täte, dann wäre es für mich unbedingt nötig, mich allergenfrei zu ernähren. Meine Bücher will ich haben (weil ich dem Netz allein nicht traue), aber wirklich brauchen tue ich sie nicht. Was ist Luxus, was Sicherheitsbedürfnis, was Wohlfühlminimum? Diese Maßstäbe können imho nicht allgemein gültig etabliert werden, sondern sind sehr individuell. Womit der eine zurecht kommt, das bringt den anderen auf die Dauer schon um.

Bei den bösen Wölfen ist es ähnlich. Mich erschreckt es wesentlich mehr langsam vor mich hinsiechen zu müssen (und nichts dagegen tun zu können) als einen plötzlichen Tod zu sterben. Dass mich der plötzliche Tod weniger schreckt ist dem Faktum geschuldet, dass ich dafür möglichst gute Vorkehrungen getroffen habe, dass „nach mir“ alles geregelt ist (oder es auf niemandes Kosten geht, dass etwas nicht geregelt wurde). Das beruhigt …

Jeder kann an seinen eigenen Antworten ablesen, was es eigentlich ist, das ihm wichtig ist (und vor dessen Entzug er sich fürchtet). In meinem Beispiel wäre das qualitatives Leben, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung.


Da such ich mir doch die Rosinen raus!

Auch dabei will ich wieder bei meinem Beispiel bleiben. Ein qualitatives Leben heißt für mich nicht, dass ich in den Tag hinein lebe und es mir gutgehen lasse, im Sinne von „keine Notwendigkeiten zu erfüllen habe“. Für mich ist klar, dass Katzen Katzenklos haben und die jemand saubermachen muss – und das bin nun mal ich, weil ich Daumen habe und das Schauferl halten kann. Also muss ich eben auf Katzengesellschaft verzichten, sofern ich es nicht gebacken kriege, die Klos sauber zu machen.
Selbstbestimmung heißt für mich nicht, dass ich alles machen kann/darf, wonach ich grad lustig bin (egal was andere davon halten). Wenn ich im Grünen wohnen will, ohne Nachbarn aber nur mit maximal Anreise von ein paar Minuten in die nächste Stadt – kann ich bestimmen, was ich will, das wird nicht möglich sein. Für einen Millionär wäre es vielleicht machbar, für mich aber nicht!
Eigenverantwortung ist nicht die platte Ansage, dass ich für mein Tun schon verantwortlich bin und fertig. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, dann kann ich zwar sagen „Ok, für den Unfall bin ich verantwortlich!“ aber die Sache ist damit nicht erledigt. Je nach angerichtetem Schaden wird sich das massiv auf mein Leben auswirken – also ist es meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass für den Fall der Fälle Vorsorge getroffen ist.

In unserer Zeit jetzt, sind viele Menschen in unseren Breitengraden, so etwas wie einen Sozialstaat gewohnt. Vater Staat sorgt schon dafür, dass jeder das Nötigste bekommt und Notfälle versorgt werden. Durchaus eine erstrebenswerte Sache, das soziale Denken. Es hat leider auch den Nachteil, dass sich immer weniger darüber Gedanken gemacht wird, was selber beigetragen werden könnte zum eigenen Leben – darum das für einen selber „wertvoller“ zu gestalten. Allerdings müsste das auch erlernt werden – dieses „wertvoll“ überhaupt zu (er)kennen und auch die Fähigkeiten müssten erworben werden um das selber etwas tun zu können! All das geht bei einer Vollversorgung nur schwerlich von allein … Wie soll ich auf die Idee kommen, dass ich etwas erfragen sollte, von dem ich gar nicht weiß, dass es existiert?

Was vorgelebt wird in der Gesellschaft ist vielfach mehr das Haben als das Sein. Daraus entsteht natürlich zu allererst der Gedanke, dass mensch glücklich wäre, sofern mensch nur „genug hätte“. So einfach ist das aber leider nicht. Jedes Haben hat auch Konsequenzen – und sei es nur die des wieder Verlierens. Da wären wir bei der Binsenweisheit, dass jede Medaille zwei Seiten hat.


Das ist für mich jetzt ein Weltuntergang

Und jetzt komme ich zu den Katastrophen – die ich tatsächlich für notwendig halte. Mir persönlich hat jede Katastrophe in meinem Leben aufgezeigt, dass meine Skala an Wichtigkeiten verschoben werden musste. Jeder schwere Krankheitsfall (von einem selber oder im nahen Umfeld), jeder Todesfall (von Mensch oder Haustier), jeder heftigere Unfall oder Verlust an Geld und Gut – das alles rückt die Skala zurecht. Natürlich nur, wenn ich es zugelassen habe.
Ich habe kein Problem wenn Menschen beschließen ihrem Leben ein Ende zu bereiten, sofern sie keinen Weg sehen, es für sich selber sinnvoll zu gestalten (und ja, ich hatte Freitod in der Familie). Die Dokumentation von Terry Pratchett war für mich da sehr erhellen, weil bis dahin seltenst offen über dieses Thema diskutiert werden konnte. Nur am Rand: natürlich bin ich mir im Klaren, dass auch hier Missbrauch immanent sein kann!
Bei jedem Haustier, das je bei mir lebte, war das jeweilige Ableben für mich eine kleinere oder größere Katastrophe und jede davon hat in meiner Welt etwas zurecht gerückt. Vorstellung zu Realität ist in meinen Augen immer etwas das anzustreben ist. Vorstellen kann ich mir so gut wie alles, ob ich das aber in der Realität dann so gebacken kriege, ist eine völlig andere Sache. In der Vorstellung brauche ich keine Grundvoraussetzungen, in der Realität sin die unabdingbar. In der Vorstellung gibt es keine Konsequenzen (weder meines Tuns noch meines Lassens) in der Realität geht es nicht ohne ab.

Materielle Realität kann hart sein – aber sie ist in meiner Welt nie bösartig. Dinge passieren mir, weil ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und in bestimmte Vorgänge involviert bin. Sie passieren mir nicht, weil das Leben böse ist (oder jemand anderes oder ich selber oder oder oder). Sie passieren!
Je besser meine Vorstellung in der Realität verwurzelt ist, desto besser kann ich in diesem Realitätsfluss meinen Vorstellungen entsprechend steuern. Damit werden mich böse Wölfe nicht in Panik versetzen, die Handvoll Rosinen im Kuchen für mich völlig ausreichend und Katastrophen durchaus schon mal schlimm aber nicht der Weltuntergang sein.

 

Beltane Afterglow und Nachdenklichkeiten, geschrieben von Dreamdancer

Samstag, 13. Mai 2017

Sonntag vor einer Woche zelebrierten wir unser schönes und stimmiges Beltane Ritual und wir waren erstaunlich Wenige dafür, dass es an einem freien Tag stattfand. Wir wurden diesmal dabei gefilmt, aber dazu mag ich noch nicht gross etwas schreiben, denn da ist alles noch sehr vage. Speziell war es dennoch, zu wissen das alles was man sagt oder flüstert dann aufgenommen ist. Mein Mann machte schöne Bilder, auch eine Premiere, und diese wiederum schenken uns wunderbare Erinnerungen. Letztlich war das Ritual so, als wäre gar niemand ausser uns und den Göttern und Geistern dabei gewesen. Es ist klasse, wie schnell man so eine Kamera ignorieren kann. 

Rituale sind kräftigend, aufbauend und Beltane stand im Zeichen von Kreativität und Liebe. Vor allem letzteres braucht es mehr in der Welt und eine der Teilnehmerinnen im Kreis verstand es wundervoll auf die globalen Entwicklungen und den erhöhten Bedarf lichtvoller und herzensfroher Energien im Kollektiv hinzuweisen, von denen die Welt derzeit so viel braucht.

Als jemand der Licht und Schatten kennt und um beide Seiten der Medaille weiss, bin ich ja eigentlich keiner der das Augenmerk nur auf “Licht und Liebe” legt. Aber diesmal schien es mir ein Muss, denn Negativität im Aussen ist für viele ein Stichwort derzeit.

Auch das Aberglaube wieder zu- und das Gefühl für gelebte Selbstverantwortung wieder abnimmt ist eine Tendenz die ich zur Zeit etwas sorgenvoll betrachte. Dies hat, vorsichtig ausgedrückt, mit Sicherheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Aber auch die Medien sowie die Entertainmentindustrie tragen ihren Teil dazu bei, dass die Aufmerksamkeit – und somit die Energie – vieler in eine nicht so schöne Version von “Reality Creation” fliesst.

Ich überlege sogar ernsthaft, meine Berufung an sich begrifflich wieder vom Begriff “Hexentum” zu distanzieren, und das obwohl ich zwei jahrzehntelang für ein Reinwaschen des Begriffes und eine zeitgemässe Interpretation eintrat. Und den Pfad der Hexen mit Herz und Seele wandere.

Doch die letzten Monate wird es für mich immer ersichtlicher, dass Menschen wieder dazu neigen den Begriff “Hexe” mit überholten Vorstellungen, einer Neigung zum Klischee und somit vermehrt auch wieder mit negativen Kräften zu assoziieren. Negativen Kräften nicht unbedingt durch die Hexe selbst, aber im gleichen Realitätsrahmen in dem “magische Angriffe” und Attacken durch “böse Kräfte” im Aussen zum Alltag werden und somit zu einem guten Mittel um Verantwortung abzugeben.

Die spirituelle Komponente sowie der Heileraspekt scheinen, in diesem Zusammenhang, viele nicht mehr wirklich zu interessieren, und dies ist jene Komponente die ich mit meiner Arbeit und Philosophie vertrete und auch weiterhin vertreten werde. Diese Komponenten sucht Mensch derzeit wohl eher im dem Wicca verwandten Druidentum oder dem westlich angepassten Schamanismus.

Als Wicca kann ich natürlich diese Begrifflichkeit anstatt jenem der “Hexe” verwenden. Hier ist die einzige Frage die gleich entgegen kommt am ehesten “Ist das eine Sekte”? Was natürlich nicht weiter von der Realität entfernt sein könnte. Aber “Hexe”? Das ruft mehr und mehr Menschen auf den Plan die vom Davonlaufen des Partners bis zur Kündigung im Beruf die Ereignisse auf “schwarze Magie” oder Flüche abwälzen, welche natürlich von anderen gewirkt werden. Schwiegermütter oder neidische Familienangehörige scheinen da übrigens besonders gerne die Übeltäter zu sein.

Nicht das es das nicht gibt.

Ich durfte die Konfrontation mit gezielten destruktiven Energien auch schon erfahren, aber viele Menschen überschätzen diese Thematik etwas und suchen einfach einen Schuldigen. Das sie diesem damit direkt oder indirekt eine grosse Macht zusprechen sei nur nebenbei erwähnt. Aber der Trend nimmt zu. Und das stimmt nachdenklich.

Also wieder zurück zu Beltane, dem Hexenfest an dem wir die lichten Kräfte ehrten, die Polarität und die Vereinigung männlicher und weiblicher Energien im Individuum. Aber auch ein Fest in der die Sexualität und die Freude daran geehrt werden. Lust und Leidenschaft, Lebensfreude und Selbstbestimmung. Farbenpracht und der Zauber der Natur.

Mit Dankbarkeit und dem Wissen, dass wir dies nicht als selbstverständlich hinnehmen dürfen und das es auf der Welt viele Orte gibt, die nicht die Freiheit und den Luxus haben all dies zelebrieren zu können und zu dürfen.

Hier beginnt der Sommer, anderswo der Winter. Aber egal welche Jahreszeit: der Mensch braucht mehr denn je einen Zuwachs an Liebe, Mitgefühl und Empathie. Aber auch den klaren Blick um Dinge so zu sehen wie sie sind und nicht wie sie einem passen oder um die eigene Realität bestätigt zu bekommen und nix verändern zu müssen.

Denn Verdrängung führt zu noch mehr Leid, Schmerz, Angst, Neid, Misstrauen, zu noch schnellerer Klimaerwärmung, noch unfruchtbareren Böden, zu mehr Tierleid und dem Zugrunderichten eines Organismus der uns das Leben ermöglicht, der aber als Dank mit Füssen getreten wird. Und letztlich kann keine Magie der Welt hier etwas verändern, wenn man diese Magie nicht zu allererst dazu einsetzt um sich selbst zu verändern. Dies wiederum erfordert Selbsterkenntnis und die Begegnung mit den eigenen Schatten.

Der Hexenbesen sollte zuerst vor der eigenen Türe kehren.

Womit wir wieder bei der spirituellen Seite des Hexentums wären, die diese Themen anpackt. Mit Hoffnung, Realismus, in Licht und Schatten sowie einer Magie die auf Heilung abzieht, einem Bündnis mit der Natur sowie einem Verbund mit den Anderswelten und ihren Wesen der von Freundschaft sowie Respekt geprägt ist.

Und nicht davon sich Feindbilder zu erschaffen, oder sich auf diese so sehr einlassen, das man nur mehr mit “K(r)ampf” beschäftigt ist. Wie heisst es doch so treffend in einem Lied von Rosenstolz?

“Dein bester Feind bist Du…”

Bright Blessings

Betrachtungen zu den Erntedankfesten von Roadman und Anufa

Samstag, 29. Oktober 2016

Den Anfang macht diesmal Roadman, der sich so seine Gedanken auf „facebook“ gemacht hat.

Als ich heute morgen wie üblich meinen Kontroletti im Fratzenbuch gemacht habe, wurde ich erst mal von lauter „Happy Mabon“, „Geiles Herbstblot“ oder „schnuckeligen Herbstanfang“-Beiträgen erschlagen. Das hat schon fast etwas von den „Merry Christmas“-Grüßen, nur auf neuheidnisch/schamagisch/Wicca oder sonstwie schpürütüüll wabernd. Man merkt vielleicht: ich bin von so Floskeln eher abgenervt. Indes hat dieser Overkill dann doch mal was in mir in Bewegung gebracht – und zwar, wie ich das so sehe. Und weil eh jeder in Fratzenbuch jeden Flatus lauthals dokumentiert, denk ich´s mir: mei, auch wenn ich mich aus der Schmagieszene zurückgezogen habe, sag ich halt doch mal, wie ich das Ganze so sehe.

Für mich ist der 22. der Beginn der dunklen Jahreszeit. Einige werden sagen, dass es der 1. November ist, aber ich zähle hier ab dem Zeitpunkt, ab dem die Nächte länger werden. Vor einer Woche war noch hochsommerliche Hitze, und jetzt herbstelt es deutlich – fast auf den Termin genau. Am Morgen sind Nebelschwaden zu sehen, die Luft ist kälter und „klarer“, und die Sonne hat am Abend ein goldenes Licht. Als naturgeisteraffiner Welcher sage ich: ab jetzt beginnt die Zeit der abbauenden Kräfte, der Kräfte des Wassers, des Zerfalls und der Verwesung. Drastischer gesagt: so langsam zieht der Unseelie Court ein. Dieser Begriff stammt vom Feenglauben der britischen Inseln und bezeichnet die „bad Fairies“, also jene Naturgeister, die eher düster und weniger menschenfreundlich sind. Aber auch sie gehören gewürdigt und sogar geehrt. Ohne sie gäbe es im Frühling und Sommer kein Wachsen. Sie lassen das, was nicht durch den Winter kommen kann, über die Klinge springen. Der König ist alt geworden, stirbt und geht unter die Erde, um als dunkler, harter und die Klingen wetzender Erlkönig auf den Nebeln zu reiten und dabei mitzuwirken, dass Altes, Überholtes weichen kann. Die Königin dieser Zeit ist die Hel, die Göttin des Totenreiches und der Seelen. Sie fliegt als „Mother Goose“ oder Gänsemutter durch den Himmel.
Die meisten Leute werden zu dieser Zeit eher depri. Ich selber nehme die Zeitqualität eher als ein Komprimieren und klarer Werden wahr, und man kann sich ganz gut überlegen, was man als „Ernte“ so eingefahren hat – nicht nur ackerbautechnisch. In diversen Ritualen (die aufzuzählen wäre jetzt zu viel, da bietet der esoterische Markt Angebote zur Genüge an) ist es möglich, zu schauen, was in das nächste Jahr hinüber genommen werden kann und wo man getrost die Sense ansetzen darf. Der Samen kann dann etwas später, auf den ersten November hin, gesät werden.
Bei näherem Betrachten kommt da durchaus Freude auf, die ähnlich der Freude von Schwammerlsuchern ist, wenn sie fette Beute finden. In alten Zeiten oder auch heute noch in bäuerlichen Gemeinschaften war und ist das die Zeit des Erntedanks. Dieses Fest wird von der katholischen Kirche noch aufrecht gehalten, und es macht durchaus Sinn, mit einer gewissen Dankbarkeit Rückschau zu halten. Wir haben ein Dach überm Kopf, sauberes Wasser und täglich viel – zu viel – zu futtern. Damit gehören wir schon mal zu einer Minderheit – und es ist in diesem Zusammenhang irgendwie grotesk, über das Ehe-Aus von Brangelina zu diskutieren. Das sollte man sich in so Zeiten vielleicht mal ins Gedächtnis rufen. Die Volksfeste und Besäufnisse á la Oktoberfest sind vielleicht noch ein recht verzerrter Widerhall der Feierlichkeiten der alten Zeit, als es das Reinheitsgebot noch nicht gab und die Biere mit ordentlichem Lauchzauber gewürzt wurden. Einer Zeit, als Menschen und Naturkräfte vielleicht einander noch näher waren.
In diesem Sinne: genießt diese Zeit!

Roadman hat mir seine Gedanken zum Thema „Mabon“ zum Frühstück serviert. Weil ich da auch so meine Aufstoßer habe, hat mich das natürlich zu einem Artikel angestiftet …

Für mich als Hexe gibt’s ja massenhaft Gelegenheit zu feiern – ganze acht Jahreskreisfeste!. Da ich diese „Feiern“ aber vornehmlich als Marker durch das Jahr ansehe, die mich mit dem Lauf der Zeit durchs Jahr begleiten und nicht so sehr als „sozialisiertes Weihnachten“ kann ich mit den weitläufigen Glückwünscherein auch nicht besonders viel anfangen. Gerade deshalb find ich Roadmans Hinweis auf die Sinnhaftigkeit dieser Feste so notwendig.

Worum geht’s denn bei diesen ganzen Festeln überhaupt?

Wenn mich einer fragt, bei diesem hier (egal wie mensch es nennen mag, ob Herbstanfang, Mabon, Modron, Herbst-Tag-und-Nachtgleiche, Herbstäquinox, …) meiner Ansicht nach um Dankbarkeit.
Genauso wie gerade im Netz bunte Bilder über reale Inhaltslosigkeit hinweg täuschen („können“, nicht „müssen“, weil es nicht immer der Fall ist!) so tut genau das nur ansozialisiertes Verhalten auch. Höflichkeit ist eine sinnvolle Sache, weil sie durchaus das Leben erleichtern kann. Deshalb macht es auch Sinn die „Bitte“ und „Danke“, die ich als Kind noch gelernt habe, auch als Erwachsene beizubehalten. Allerdings nicht als Floskel sondern ehrlich gemeint.
Wenn ich etwas möchte, dann ist es für mich normal darum zu bitten (auch wenn jemand dafür bezahlt wird, dass ich einen gewissen Service erhalte) und wenn ich ausreichend versorgt bin, mich dafür zu bedanken.
Natürlich gab es immer wieder Phasen in denen ich das nicht tat … als Kind z. B. weil ich einfach nicht tun wollte, was von mir verlangt wurde. Oder in der Pubertät, weil ich ja keinen Grund sah, irgendwem für irgendwas dankbar zu sein, weil das ja logisch ist, dass mir der Kellner meinen Kaffee bringt. Der kriegt ja bezahlt dafür, also warum sollte ich mich da noch extra bedanken. Die Verkäuferin kriegt ja auch bezahlt dafür, dass sie mir war verkauft, also warum soll ich drum bitten, dass sie einen Job hat? An diesen Beispielen ist schon deutlich, woran es meiner Ansicht nach, bei, ich nenne es mal „mangelndem Benehmen“, hapert. Die Selbstverständlichkeit hat sich eingenistet.

Wenn ich so zurückdenke an meine Jugend, wir hatten zu Hause einen gastwirtschaftlichen Betrieb in dem ich von klein auf mitarbeiten musste, dann war ich so erzogen, dass es selbstverständlich war, den Kunden gegenüber „dankbar“ zu sein hatte, weil ich ja (genauso wie meine Eltern) davon lebte, dass die bei uns essen und trinken wollten. Sie hätten ja auch woanders hingehen können … Damit war mir eine „wenn-dann“ Sicht immer schon vertraut. Natürlich kriege ich meinen Kaffee auch wenn ich mich ned bedanke … aber die Atmosphäre in der ich den dann bekomme ist vielleicht ein bisschen anders.

Wie war das mit dem Wald?

Wie mensch in den Wald hinein ruft, so kommt es auch zurück! Ein Spruch meiner Oma, der nicht immer stimmt, aber eine gewisse Berechtigung will ich ihm nicht absprechen. Wenn ich grantig und grußlos in ein Geschäft reinrausche und „Das Vollkornbrot dort!“ auf die Theke knalle, dann wird es dem Verkaufspersonal eher auch nicht so leicht fallen, mich freundlich zu bedienen. Ein Teufelskreis … der sich aber durchbrechen lässt. Es kostet nichts freundlich zu sein, genauso kostet es nichts dankbar zu sein!

Dankbarkeit ist ein Gefühl, dass meiner Ansicht nach, mehr von einem selber und der jeweiligen Weltsicht abhängt als von den äußeren Umständen. Ich für meinen Teil betrachte so gut wie nichts als selbstverständlich – es entspricht einfach nicht meiner Erfahrung, dass jederzeit alles mühelos zu meiner Verfügung steht.
Das wird aber einigen wohl nur schwer verständlich sein, warum sie dafür dankbar sein sollen, dass andere für sie samstags bis 18 Uhr im Geschäft stehen um noch den Einkauf zu ermöglichen. Ein Grund dafür mag sein, dass sie es gar nicht anders kennen! Womit wir wieder bei bereits erwähnter „Selbstverständlichkeit“ wären.

Bewusstsein macht´s!

Die Idee wäre sich einmal – gerade um diese Zeit und bei einem der drei Erntedankfeste – ein paar Stunden zu reservieren um einmal darüber nachdzudenken, was alles wir in unserem Leben als selbstverständlich ansehen. Für viele Verunfallte war es auch undenkbar, dass sich das Leben mit einem Schlag ändern könnte. Ein Dach über dem Kopf ist ebenso nicht selbstverständlich, wie gerade jetzt in Italien wieder deutlich wird – und da kann niemand was „dagegen“ tun. Geld ist als gerechter Lohn auch so eine Sache – wie oft hat Recht mit Gerechtigkeit nur wenig zu tun? Selbstverständlich ist – wenn mensch es genau betrachtet – nicht einmal, dass wir saubere Luft zu atmen haben (wenn wir uns manch Metropole so ansehen). Von Kriegsgebieten will ich hier gar nicht zu schreiben anfangen.

Was ich noch erwähnen möchte ist, dass es mir hier – wie meistens – um Gleichgewicht geht. Wenn mir das Leben die Extreme von Mangel und Überfluss nicht sowieso schon serviert hat (was in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unsrigen durchaus der Fall sein kann), dann wäre es sinnvoll sich diese selber bewusst zu machen. Die Folge davon könnte ein wenig mehr Zufriedenheit und Dankbarkeit sein und deshalb könnte es dann sein, dass wir der Welt ein wenig freundlicher begegnen.