Archiv für die Kategorie ‘Am LagerFeuer’

Betrachtungen zu den Erntedankfesten von Roadman und Anufa

Samstag, 29. Oktober 2016

Den Anfang macht diesmal Roadman, der sich so seine Gedanken auf „facebook“ gemacht hat.

Als ich heute morgen wie üblich meinen Kontroletti im Fratzenbuch gemacht habe, wurde ich erst mal von lauter „Happy Mabon“, „Geiles Herbstblot“ oder „schnuckeligen Herbstanfang“-Beiträgen erschlagen. Das hat schon fast etwas von den „Merry Christmas“-Grüßen, nur auf neuheidnisch/schamagisch/Wicca oder sonstwie schpürütüüll wabernd. Man merkt vielleicht: ich bin von so Floskeln eher abgenervt. Indes hat dieser Overkill dann doch mal was in mir in Bewegung gebracht – und zwar, wie ich das so sehe. Und weil eh jeder in Fratzenbuch jeden Flatus lauthals dokumentiert, denk ich´s mir: mei, auch wenn ich mich aus der Schmagieszene zurückgezogen habe, sag ich halt doch mal, wie ich das Ganze so sehe.

Für mich ist der 22. der Beginn der dunklen Jahreszeit. Einige werden sagen, dass es der 1. November ist, aber ich zähle hier ab dem Zeitpunkt, ab dem die Nächte länger werden. Vor einer Woche war noch hochsommerliche Hitze, und jetzt herbstelt es deutlich – fast auf den Termin genau. Am Morgen sind Nebelschwaden zu sehen, die Luft ist kälter und „klarer“, und die Sonne hat am Abend ein goldenes Licht. Als naturgeisteraffiner Welcher sage ich: ab jetzt beginnt die Zeit der abbauenden Kräfte, der Kräfte des Wassers, des Zerfalls und der Verwesung. Drastischer gesagt: so langsam zieht der Unseelie Court ein. Dieser Begriff stammt vom Feenglauben der britischen Inseln und bezeichnet die „bad Fairies“, also jene Naturgeister, die eher düster und weniger menschenfreundlich sind. Aber auch sie gehören gewürdigt und sogar geehrt. Ohne sie gäbe es im Frühling und Sommer kein Wachsen. Sie lassen das, was nicht durch den Winter kommen kann, über die Klinge springen. Der König ist alt geworden, stirbt und geht unter die Erde, um als dunkler, harter und die Klingen wetzender Erlkönig auf den Nebeln zu reiten und dabei mitzuwirken, dass Altes, Überholtes weichen kann. Die Königin dieser Zeit ist die Hel, die Göttin des Totenreiches und der Seelen. Sie fliegt als „Mother Goose“ oder Gänsemutter durch den Himmel.
Die meisten Leute werden zu dieser Zeit eher depri. Ich selber nehme die Zeitqualität eher als ein Komprimieren und klarer Werden wahr, und man kann sich ganz gut überlegen, was man als „Ernte“ so eingefahren hat – nicht nur ackerbautechnisch. In diversen Ritualen (die aufzuzählen wäre jetzt zu viel, da bietet der esoterische Markt Angebote zur Genüge an) ist es möglich, zu schauen, was in das nächste Jahr hinüber genommen werden kann und wo man getrost die Sense ansetzen darf. Der Samen kann dann etwas später, auf den ersten November hin, gesät werden.
Bei näherem Betrachten kommt da durchaus Freude auf, die ähnlich der Freude von Schwammerlsuchern ist, wenn sie fette Beute finden. In alten Zeiten oder auch heute noch in bäuerlichen Gemeinschaften war und ist das die Zeit des Erntedanks. Dieses Fest wird von der katholischen Kirche noch aufrecht gehalten, und es macht durchaus Sinn, mit einer gewissen Dankbarkeit Rückschau zu halten. Wir haben ein Dach überm Kopf, sauberes Wasser und täglich viel – zu viel – zu futtern. Damit gehören wir schon mal zu einer Minderheit – und es ist in diesem Zusammenhang irgendwie grotesk, über das Ehe-Aus von Brangelina zu diskutieren. Das sollte man sich in so Zeiten vielleicht mal ins Gedächtnis rufen. Die Volksfeste und Besäufnisse á la Oktoberfest sind vielleicht noch ein recht verzerrter Widerhall der Feierlichkeiten der alten Zeit, als es das Reinheitsgebot noch nicht gab und die Biere mit ordentlichem Lauchzauber gewürzt wurden. Einer Zeit, als Menschen und Naturkräfte vielleicht einander noch näher waren.
In diesem Sinne: genießt diese Zeit!

Roadman hat mir seine Gedanken zum Thema „Mabon“ zum Frühstück serviert. Weil ich da auch so meine Aufstoßer habe, hat mich das natürlich zu einem Artikel angestiftet …

Für mich als Hexe gibt’s ja massenhaft Gelegenheit zu feiern – ganze acht Jahreskreisfeste!. Da ich diese „Feiern“ aber vornehmlich als Marker durch das Jahr ansehe, die mich mit dem Lauf der Zeit durchs Jahr begleiten und nicht so sehr als „sozialisiertes Weihnachten“ kann ich mit den weitläufigen Glückwünscherein auch nicht besonders viel anfangen. Gerade deshalb find ich Roadmans Hinweis auf die Sinnhaftigkeit dieser Feste so notwendig.

Worum geht’s denn bei diesen ganzen Festeln überhaupt?

Wenn mich einer fragt, bei diesem hier (egal wie mensch es nennen mag, ob Herbstanfang, Mabon, Modron, Herbst-Tag-und-Nachtgleiche, Herbstäquinox, …) meiner Ansicht nach um Dankbarkeit.
Genauso wie gerade im Netz bunte Bilder über reale Inhaltslosigkeit hinweg täuschen („können“, nicht „müssen“, weil es nicht immer der Fall ist!) so tut genau das nur ansozialisiertes Verhalten auch. Höflichkeit ist eine sinnvolle Sache, weil sie durchaus das Leben erleichtern kann. Deshalb macht es auch Sinn die „Bitte“ und „Danke“, die ich als Kind noch gelernt habe, auch als Erwachsene beizubehalten. Allerdings nicht als Floskel sondern ehrlich gemeint.
Wenn ich etwas möchte, dann ist es für mich normal darum zu bitten (auch wenn jemand dafür bezahlt wird, dass ich einen gewissen Service erhalte) und wenn ich ausreichend versorgt bin, mich dafür zu bedanken.
Natürlich gab es immer wieder Phasen in denen ich das nicht tat … als Kind z. B. weil ich einfach nicht tun wollte, was von mir verlangt wurde. Oder in der Pubertät, weil ich ja keinen Grund sah, irgendwem für irgendwas dankbar zu sein, weil das ja logisch ist, dass mir der Kellner meinen Kaffee bringt. Der kriegt ja bezahlt dafür, also warum sollte ich mich da noch extra bedanken. Die Verkäuferin kriegt ja auch bezahlt dafür, dass sie mir war verkauft, also warum soll ich drum bitten, dass sie einen Job hat? An diesen Beispielen ist schon deutlich, woran es meiner Ansicht nach, bei, ich nenne es mal „mangelndem Benehmen“, hapert. Die Selbstverständlichkeit hat sich eingenistet.

Wenn ich so zurückdenke an meine Jugend, wir hatten zu Hause einen gastwirtschaftlichen Betrieb in dem ich von klein auf mitarbeiten musste, dann war ich so erzogen, dass es selbstverständlich war, den Kunden gegenüber „dankbar“ zu sein hatte, weil ich ja (genauso wie meine Eltern) davon lebte, dass die bei uns essen und trinken wollten. Sie hätten ja auch woanders hingehen können … Damit war mir eine „wenn-dann“ Sicht immer schon vertraut. Natürlich kriege ich meinen Kaffee auch wenn ich mich ned bedanke … aber die Atmosphäre in der ich den dann bekomme ist vielleicht ein bisschen anders.

Wie war das mit dem Wald?

Wie mensch in den Wald hinein ruft, so kommt es auch zurück! Ein Spruch meiner Oma, der nicht immer stimmt, aber eine gewisse Berechtigung will ich ihm nicht absprechen. Wenn ich grantig und grußlos in ein Geschäft reinrausche und „Das Vollkornbrot dort!“ auf die Theke knalle, dann wird es dem Verkaufspersonal eher auch nicht so leicht fallen, mich freundlich zu bedienen. Ein Teufelskreis … der sich aber durchbrechen lässt. Es kostet nichts freundlich zu sein, genauso kostet es nichts dankbar zu sein!

Dankbarkeit ist ein Gefühl, dass meiner Ansicht nach, mehr von einem selber und der jeweiligen Weltsicht abhängt als von den äußeren Umständen. Ich für meinen Teil betrachte so gut wie nichts als selbstverständlich – es entspricht einfach nicht meiner Erfahrung, dass jederzeit alles mühelos zu meiner Verfügung steht.
Das wird aber einigen wohl nur schwer verständlich sein, warum sie dafür dankbar sein sollen, dass andere für sie samstags bis 18 Uhr im Geschäft stehen um noch den Einkauf zu ermöglichen. Ein Grund dafür mag sein, dass sie es gar nicht anders kennen! Womit wir wieder bei bereits erwähnter „Selbstverständlichkeit“ wären.

Bewusstsein macht´s!

Die Idee wäre sich einmal – gerade um diese Zeit und bei einem der drei Erntedankfeste – ein paar Stunden zu reservieren um einmal darüber nachdzudenken, was alles wir in unserem Leben als selbstverständlich ansehen. Für viele Verunfallte war es auch undenkbar, dass sich das Leben mit einem Schlag ändern könnte. Ein Dach über dem Kopf ist ebenso nicht selbstverständlich, wie gerade jetzt in Italien wieder deutlich wird – und da kann niemand was „dagegen“ tun. Geld ist als gerechter Lohn auch so eine Sache – wie oft hat Recht mit Gerechtigkeit nur wenig zu tun? Selbstverständlich ist – wenn mensch es genau betrachtet – nicht einmal, dass wir saubere Luft zu atmen haben (wenn wir uns manch Metropole so ansehen). Von Kriegsgebieten will ich hier gar nicht zu schreiben anfangen.

Was ich noch erwähnen möchte ist, dass es mir hier – wie meistens – um Gleichgewicht geht. Wenn mir das Leben die Extreme von Mangel und Überfluss nicht sowieso schon serviert hat (was in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unsrigen durchaus der Fall sein kann), dann wäre es sinnvoll sich diese selber bewusst zu machen. Die Folge davon könnte ein wenig mehr Zufriedenheit und Dankbarkeit sein und deshalb könnte es dann sein, dass wir der Welt ein wenig freundlicher begegnen.

Fluch, Segen und der Gesang der „Social Sirens“, geschrieben von Dreamdancer

Samstag, 13. August 2016

Das englische Wort „Procrastination“ auf deutsch zu übersetzen ist nicht einmal so leicht. Die Wörterbücher und Übersetzungsprogramme sagen „Verzögerung“ oder „Aufschub“ aber ein einziges Wort in deutscher Sprache das den Sinn dieses Wortes so richtig umfassend wie auf englisch ausdrückt, habe ich – zumindest bis jetzt – noch nicht gefunden.

socialsirens

Im englischen nämlich beschreibt es etwas, das viele von uns kennen. Wir wissen, wir wollen, wir sollen, aber wir tun nicht. Und in diesem Fall stimmt die deutsche Übersetzung, denn wir schieben es vor uns her. Und dennoch kann man wunderbar sagen „I procrastinate“ und hat damit alles ausgedrückt.

Manchmal ist das in dieser hektischen und stressigen Zeit (eigentlich wäre sie das nicht wirklich, aber es ist herausfordernd gegen den kollektiven Zeitgeist zu schwimmen) nicht mal das Schlechteste, wenn wir die Zeit die wir damit temporär herausschlagen dann auch konstruktiv nutzen oder uns der notwendigen Entspannung hingeben.

Viel öfters jedoch rufen uns die Verlockungen dieser vernetzten Welt mit einer Macht die dem Gesang der Sirenen kaum nachsteht und wir verlieren uns in den Welten des World Wide Web und hier wiederum oft in den wilden Gewässern der Sozialen Netzwerke.

Natürlich meine ich, wenn ich „wir“ schreibe durchaus vor allem mich selbst, aber das habt Ihr Euch ja sicher schon gedacht ;). Und Gespräche mit Freunden, Kollegen aus, aber nicht nur, der Heidenszene beweisen mir, das ich da durchaus nicht der Einzige bin.

Ich ging letzthin in einer gezielten Meditation so einiges durch und musste feststellen, das mich die Aktivitäen in den SN etwas unkreativ gemacht haben. Zwar bin ich viel am lesen, schreiben, teilen und kommunizieren aber gleichzeitig hat sich mein sinnvollerer und kreativerer Output doch etwas reduziert.*

Ich blogge nur mehr selten, wende keine Zeit mehr für Videos auf (obwohl es mir Spass macht und auch die Reaktionen der Leute durchaus positiv sind) und wo ich früher einen grossen Output an persönlichen Gedichten, Texten, Gedanken und Gebeten hatte die ihren Weg in mein Buch der Schatten fanden, ist es nun eher vom grossen Strom zum kleinen Bach geschrumpft.

Zwar schreibe ich immer noch wunderbare Meditationen die ich in meinen Kursen teile, Rituale die ich und andere durchführen und so finden einige Gaben ihren Weg unter die Leute, aber mit öffentlichen Gedanken und Ambitionen bin ich doch etwas stiller geworden.

Nun gut: im Vergleich zu früher bin ich inzwischen wesentlich ausgeglichener und nehme vieles nicht mehr so wichtig was dazu führt, dass der therapeutische Zweck des Schreibens etwas in den Hintergrund getreten ist (der Lebenserfahrung, der Meditation, dem Ritual, dem Vertrauen an die Götter und dem innerem Wachstum sei dank), aber gleichwohl gibt es so viele Inspirationsfunken die nicht mehr umgehend umgesetzt werden, wenn sie von Brigid (keltische Göttin des Feuers, der Heilung aber auch der Inspiration)zugespielt werden.

Manchmal, wenn die Gedanken und Ideen kritische Hintergründe haben, kommt auch die Frage: ist es Wert dahingehend Zeit zu investieren? Denn in der Fülle an Output das sich im Netz massenhaft findet bekommt man oft das Gefühl, das man nichts mehr beitragen kann, das nicht sowieso schon jemand anderer thematisiert hat.

Und das dann ebenso oft in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde wie das Meiste das sich nicht um Kim Kardashians Hintern, die sexuelle Orientierung eines Sternchens oder die rasche Empörung gegen irgendwas oder irgendwen dreht.

Dann aber denke ich das mich ebenso Texte anderer SchreiberInnen berühren und ich mir Zeit nehme sie zu lesen, wenn sie mich interessieren. Sie mich auch in Themen die ich schon erforscht zu haben glaube inspirieren oder mich gleichwohl auf neue Ideen bringen die sich auch in meiner persönlichen Praxis wiederfinden.

Und dann wird mir eben bewusst: I procrastinate 🙂

Und verplempere derzeit viel Zeit mit Zeug das nicht wirklich wichtig ist und auf sozialen Medien in deren Existenz Fluch und Segen beide grosse Auftritte haben.

Das stellt einen vor die Frage: wie geht man weiterhin damit um? Und hier kommt dann eine magische Kernlehre zur Anwendung, die so essentiell wichtig ist: Erkenne Dich selbst und die Wicca Ethik der Selbstverantwortung legt gleich wunderbar nach.

Ich netzwerke gerne auf Facebook, Google+ und Co. und daran wird sich auch nichts ändern. Es macht mir Spass und die soziale Komponente ist – bis zu einem gewissen Grad – bereichernd. Aber ich gehe über die Bücher und werde mal schauen wie viel sinnlose Zeit ich dort verplempere die ich – wie früher – gehaltvoller nutzen könnte.

Am Donnerstag den 18. ist ja Vollmond und der lässt sich dann gut und kreativ nutzen um – mit der darauf folgenden, abnehmenden Phase – dann auch einiges zu reduzieren das einem nicht gut tut und dort zuzulegen wo es nährt und konstruktiv ist. Öfters bloggen und am Buch weiter arbeiten wäre in jedem Fall wieder kreativer als „facebooken“.

Man muss dem Gesang der „Social Sirens“ einfach besser widerstehen und loslegen wenn der Funke da ist. Es gibt da so die „3 Sekunden Regel“ die auch psychologisch bewiesen ist. Man hat 3 Sekunden um etwas umzusetzen. Wenn man die verstreichen lässt dann rutscht man mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder in das Gewohnte zurück.

Bei mir heisst das dann wohl: dem Drang nach dem Öffnen einer sozialen App oder eines Newsfeeds 3 Sekunden lang zu widerstehen *lach*. Vielleicht gilt das ja auch für Dich? 😀

Blessed Be

*Das behandle ich hier nicht zum ersten mal was aber beweist, das sich da langfristig auch nicht gross etwas verändert hat

Ein Blick auf die Heidenszene im Duett – Teil IV, geschrieben von Sati und Anufa

Samstag, 09. Juli 2016

Ist Gemeinschaft für Euch etwas Sinnvolles oder Hinderliches?

Anufa: Weder noch oder sowohl als auch – es kommt auf den Blickwinkel an, aus dem ich Gemeinschaft betrachte und definiere.
Wenn ich unter Gemeinschaft ein Konstrukt verstehe, wie Sati es erklären wird, dann ist sie sicher sinnvoll. Leider entsprechen die wenigsten Gemeinschaften dieser Definition und sind (aus meiner Warte) eher hinderlich – beides auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick ist die Gemeinschaft für mich auch der Spiegel des einzelnen Menschen. Natürlich ist gerade Gemeinschaft durch Sozialisation, Lebensverhältnisse, etc. mitgeformt, aber das ist der Alleingänger auch. Gerade in der Gruppe kann ich gut erkennen was in mir selber auch rumort oder noch schlummert, weil es mir die anderen um die Ohren hauen. So mag es mehr als unangenehm sein, wenn die eigene Blauäugigkeit auf die Gruppenrealität stößt. Es ist auch sehr hilfreich zu sehen, dass es auch andere gibt, die … Es ist beruhigend einen Abgleich zu haben, beobachten zu können, wie dieses oder jenes Verhalten, Denken und Leben, von außen betrachtet, aussieht, sich anfühlt und welche Auswirkungen es hat. Kurz gesagt, Selbst- und Fremdbild können sich oftmals sehr unterscheiden und für mich ist es entwicklungsnotwendig diese Bilder abzugleichen.
Damit wäre ich wieder beim „Sinn“: Durch und in Gemeinschaft habe ich die Möglichkeit mich selber besser kennen zu lernen. Das ginge allein durchaus auch, aber eben anders und ich selber fände es wesentlich mühsamer das ausschließlich allein zu erarbeiten und von einigen Ecken bin ich mir sicher, dass ich die allein nie kennengelernt hätte.
Sofern sich aber Gemeinschaft vornehmlich dadurch auszeichnet, dass mensch „anders“ ist als „die anderen“ oder „besser“ als „die anderen“ oder „die anderen die Bösen“ sind – solange sehe ich da keinen Sinn darin. Das kann ein Anfang sein, aber imho sollte sich eine Gemeinschaft schnellst möglich in eine Richtung bewegen, in der es darum geht heraus zu finden, wo mensch mit sich (und der Gemeinschaft) hin will und darauf auch hinzuarbeiten. Oder eben die Fähigkeit zu entwickeln, diese Fragen überhaupt stellen zu können.

Im Schneckenhaus copyright Sandra

Im Schneckenhaus copyright Sandra

Sati: Eine Gemeinschaft im eigentlichen Sinne, die funktioniert, weil alle ungefähr die gleichen Visionen und Ziele haben und bereits sind sich selbst ein bisschen dafür zurückzunehmen, sind was großartiges. Dann kann vieles gemeinsam geschafft werden, was allein unmöglich ist. Dann können Prozesse sinnvoll aufgeteilt werden, der Einzelne dennoch aufgefangen werden und Erfahrungen kollektiv vielschichtiger und tiefer gemacht werden. Gerade gemeinsame Rituale sind z.B. eine sehr effektive und nützliche Art das jenseits des Erklärbaren als Gemeinschaft zu teilen und damit auch für den Einzelnen (er)tragbarer zu machen. Spiritualität und Religion beinhaltet ja nun mal auch den Umgang mit dem Unfassbaren und Unerklärlichen und das teilen zu können – und ich meine wirklich innerhalb einer wohlwollenden und konstanten Gemeinschaft und nicht in einem zusammengewürfelten Haufen von Selbstdarstellern, sozial Gestrandeten und lethargischen Mitläufern – kann definitiv eine sehr lohnende und tiefe Erfahrung sein.


Was denkt Ihr, wo driftet die Szene in Zukunft hin?

Sati: Es gibt immer Generationswechsel innerhalb von sozialen Kategorien. Wenn ich die deutsche Heidenszene mit der riesigen US Heidenszene vergleiche, dann könnte ich mir eine ähnliche Entwicklung vorstellen. Sie wird vielleicht größer werden, zersplitterte, extreme Hardcore-Heiden, werden neben Wochenende-Paganen koexistieren, die Rekonstruktionisten werden sich hinter ihren Büchern verkrümeln und vielleicht im Internet fachsimpeln.

Anufa: Im Unterschied zu Sati, sehe ich die Szene in Österreich und auch in Deutschland, als viel zu klein an. Die Frage ist für mich so sehr schwierig zu beantworten, weil das sehr davon abhängt, wie die Gesamtgesellschaft sich weiterentwickeln wird.

Manchmal tendiere ich eher dahin, dass die Spiritualität, wie sie in diesem Bereich praktiziert wird, eine „Luxuserscheinung“ ist. Sobald es also wieder um die „existentiellen Bedürfnisse“ (wie auch immer mensch die definieren mag, vom Smartphone bis tatsächlich zum blanken Überleben …) flüchten viele wieder in die Denkmuster der Kindheit. Damit schätze ich, wird nicht sozial verankerte Spiritualität unwichtiger, weil sie sich einfach nicht genügend lohnt, nicht die Befriedigung/Zufriedenheit bringt, die gesucht wird.

Manchmal sehe ich doch eine gewisse Verwurzelung in den Systemen, die gewählt wurden – stelle trotzdem aber deren Haltbarkeit in Frage. Vielleicht verstehe ich nur einfach nicht, was Gatherings, Festivals oder „Healing Art Events“ dauerhaft bewirken können? Für mich waren sie immer Vehikel um einen Einstieg zu ermöglichen oder neuen Input zu bekommen, wären mir als Selbstzweck jedoch viel zu wenig gewesen. Mich erinnert das immer an Drogenkonsum. Eine Woche voll drauf und dann auf Entzug bis zum nächsten Event.
Damit wird eine Szene noch weniger tragfähig, was zum Beispiel die letzten paar Jahre an wenig besuchten Stammtischen oder offenen Ritualen beobachtbar ist.

Eine Beobachtung finde ich noch interessant. So sehr es für mich auch erfreulich ist, dass die Demarkationslinien zwischen unterschiedlichen Religionen, Traditionen und Richtungen langsam aufweichen, so nachdenklich macht mich das, was ich ich als Metrospiritualität bezeichne (dabei denke ich sowohl an den Gastrogroßmarkt als auch an die „Metrosexualität“). Ich kann mit dem Ansatz nichts anfangen, dass es super ist, einen evangelischen Pfarrer, den mensch zufällig kennt, um ein Ritual zur Taufe zu bitten und wenn der keine Zeit hat, dann halt einen Bekannten, der sich als Schamane sieht und wenn der nicht kann, dann den Lebens- und Sozialberater (den einer kennt, den mensch kennt, weil der hat das für einen anderen Bekannten so schön keltisch gemacht vor ein paar Monaten). Das ist für mich der Kreisschluss zum Phasenheiden vom Anfang und die Verdeutlichung dessen, was ich unter „nicht verwurzelt“ schon angesprochen habe.


Was wünscht Ihr Euch, für die Zukunft der Heidenszene?

Den Frosch küssen copyright Sandra

Den Frosch küssen copyright Sandra

Anufa: Ich wünsche mir für die Menschen, die sich dieser Szene als zugehörig betrachten, vieles aber etwas ist in meinen Augen besonders wichtig – nämlich dass dieses „Wir“ einen anderen Stellenwert und eine andere Definition bekommt. Gerade eben habe ich ein Gespräch gelesen …
A: … aber jedes quentchen an „wir-gefühl“ ist diesbezüglich und momentan fast schon unbezahlbar!
B: …das „wir-Gefühl“, etwas gegen das Establishment durchgesetzt zu haben, egal was?

Vielleicht wäre es an der Zeit dieses „Wir“ nicht mehr über „Wir sind wir, weil wir gegen XY sind“ zu definieren sondern über … ja – was sonst???
Also wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen sich diese Frage selber aus ihrer tiefen Überzeugung beantworten können. Damit wäre die Chance gegeben, dass sich tatsächlich Einzelwesen zu einem Gruppenwesen zusammen finden. Menschen, die zumindest ihre Überzeugungen teilen und wenn die dann noch ein gemeinsames Ziel finden, dann wäre das eine gute Basis für eine stabilere Szene und vielfältig wäre sie auch noch. Also mein ewig stehender Satz seit 2001 – „das hatten wir mit dem WurzelWerk eigentlich vorgehabt“. Vielleicht erlebe ich es ja noch, dass das auch von mehr als 5 Heiden und länger als 3 Jahre tatsächlich gelebt funktioniert. Allerdings sehe ich das (bei allem Optimismus) als eher unwahrscheinlich an.

Sati: Um ehrlich zu sein nichts mehr. Ich hab mich damit arrangiert wie sie ist, habe meine Ideale und Wunschvorstellungen vollständig verloren oder freiwillig abgelegt. Und viel Hoffnung verloren, wobei das nicht einmal was schlechtes ist. Für mich ist mein soziales Leben dadurch leichter geworden, vielleicht funktioniere ich im Alleingang wirklich besser. Dennoch denke ich, dass es in meinem Leben andere Gruppen gibt, die mit meinem sozialen Engagement mehr und besseres anfangen können.

Das Mariendilemma, geschrieben von Mo

Samstag, 25. Juni 2016

Für jene welche mich vielleicht noch nicht kennen und verstehen möchten, warum es für mich ein Mariendilemma ist (Danke an Anufa für diesen Titel), eine kurze Erklärung wer ich bin:
Bürgerlich bin ich ein Sascha, aber die meisten kennen mich als Mo (von Mondfeuer) aus diversen Foren und vielleicht sogar aus so mancher Facebook Gruppe. Seit mehr als 15 Jahren bin ich im Hexentum und dem Schamanismus „zu Hause“ und gehe meinen Weg. Das ganze besteht aus regelmäßiger Schamanerei, Rituale und Feste im Jahreskreis aber auch den Phasen menschlichen Lebens sowie meiner innigen Verbindung zu Hekate.

Gestern schrieb ich einen Text in welchem ich meine Gedanken fest hielt, welche ich im Bezug auf die Gestalt/Wesenheit Maria habe, wie die christliche Kirche sie kennt. Also, folgender Text (von mir) enthält Spuren von „Eso-Heiden-Phrasen“, diese bitte nicht zu ernst nehmen.

Maria copyright Mo

Maria copyright Mo

Maria – Von klein auf habe ich eine gewisse Affinität zu Mariendarstellungen. Als ich dann irgendwann mit dem Hexentum in Kontakt kam, erklärte ich es mir damit, dass das schlicht meine Sehnsucht nach dem weiblichen Teil der Göttlichkeit war, welchen ich in der Göttin gefunden hatte. Doch es ließ mich nie los. Bis heute nicht.

Ich mag Mariendarstellungen (ohne Kind) sehr, finde sie ansprechend, auch wenn ich das was dahinter liege nicht mag. Weiblichkeit, ihrer Weiblichkeit entrissen, verhüllt, das wohlgefällige Weib zu sein, ohne Sexualität, Eigenmacht, Wille und Stärke. Das ist es was mich immer wieder abstößt.

In der letzten Woche stand ich zwei mal in einem Geschäft in welchem derzeit ca. 30 cm große Marienfiguren für ´ne kleine Mark verkauft werden. Einmal ´ne Herzmaria und einmal die „übliche“ in marienblauem Gewand. Ja, ich habe schon einige Marienfiguren gekauft, doch nie als solche belassen, sondern immer die Göttin wieder aus ihr heraus geholt. Mit Farben, Attributen, die ich ihr gegeben habe, sie zur Hekate oder Santa Muerte gemacht, wo sich diese Form sehr für eignet.

Und dennoch lässt es mich nicht los wieder eine Marienfigur zu kaufen. Irgendwas ist da, das mich anzieht, in den Bann zieht und nicht loslässt.

In meiner Praxis mit Santa Muerte habe ich es adaptiert auch Maria von Guadeloupe und dem Erzengel Michael mit einzubeziehen, weil die beiden eng mit dem Kult um La Flakita verbunden sind. Mit Michael verbindet mich eine lange Geschichte, welche ich hier nicht näher erörtern möchte, bei Maria sieht das anders aus. Es ist oftmals schon fast widerwillig dass ich die Kerze für sie entzünde und Worte an sie richte.

Ein Teil in mir fühlt sich schlecht deswegen. Schlecht sie überhaupt in meiner Praxis zu haben, wo sie doch so viel von dem widerspiegelt was einer Göttin zuwider ist und schlecht deswegen, weil da dennoch etwas ist, das mich anzieht wie die Motten das Licht. In der Santeria werden diverse Mariendarstellungen als Maske für Orishas verwendet, da wird aber eben auch nicht zur Maria gebetet oder mit ihr gearbeitet, da ist es nur die Maske die genutzt wird, in der Vergangenheit genutzt werden musste und heute von manchen Häusern so weitergeführt wird.

In meiner Praxis brauche ich das aber nicht, da ist es nicht nötig das zu tun, da spreche ich die Göttinnen direkt an, ihre unbändige Kraft, Macht und heilige Weiblichkeit, die eben nicht von männlich-patriarchalen Bildern zurechtgeschnitten wurde. Meine Geister meinten beim letzten Mal als ich vor einer Figur stand, dass ich doch einfach eine mitnehmen solle, überpinseln und ´ne Göttin aus ihr machen könnte ich immer noch. Hab ich aber nicht gemacht, wollte ich nicht, weil es mir wie eine Beleidigung meinen Göttinnen, allen voran Hekate gleich kommt vom Gefühl, auch wenn sie da vermutlich die entspannteste von allen wäre.

Wenn mir andere Hexen erzählen (meist aus dem US Raum) dass sie auch mit Maria arbeiten wie mit anderen Göttinnen, eben für Themen wie Frieden, Hausschutz und Segen u.ä. dann habe ich diese Gefühle überhaupt nicht, da finde ich das irgendwo sogar schön.

Normalerweise bereise ich Themen wenn sie mich derart wurmen und im Bann halten, doch dieses mal will ich das schlicht nicht. In meinem letzten Zirkel hatten wir eine dabei, für die es normal war sonntags in die Kirche zu gehen, zu Heiligen zu beten und dennoch zu praktizieren, mit Gottheiten zu arbeiten und einen Draht zu ihnen zu pflegen. Das war für mich ebenso in Ordnung, doch sobald es um mich und meine Praxis geht will ich das nicht mehr.

Vor Jahren erzählte mir eine Bekannte von einer Marienfigur, die sie von ihrer Großmutter hat, mit zwei Opferschalen, die sie mir geben wollte. Ein Teil freute sich darauf, ein anderer war abgeschreckt. Bekommen habe ich sie nicht. Habe auch nicht nochmal nachgefragt.
Aber es ist nach wie vor in meinem Kopf. Ich weiß nicht ob es nicht sogar eine Art Angst/ Furcht ist, vor dieser doch sehr sanften, ruhigen und weichen mütterlichen Kraft die sie ausstrahlt und für viele ihrer Devotees ist. Vielleicht ist da auch noch ein verkappter Teeniehexenanteil in mir, welcher sich gegen alles „nicht heidnische“ wert, besonders wenn es aus institutionalisierter Religion kommt. Keine Ahnung. Aber es beschäftigt mich, so sehr dass ich jetzt, kurz vor halb zwei noch ein paar Zeilen dazu schreiben wollte, weil ich nach wie vor in die Stadt will um solch eine Figur zu kaufen und mich gleichzeitig dafür ohrfeigen könnte.

Ein Blick auf die Heidenszene im Duett – Teil III, geschrieben von Sati und Anufa

Samstag, 07. Mai 2016
copyright Ferdinand

@Ferdinand

Was war das peinlichste Erlebnis?

Sati: Das wohl peinlichste Erlebnis war für mich als ich in einem großen deutschen Paganforum aktiv war und ein User (der recht gern provozierte und Leute aufzumischen pflegte) aus Wut und Verachtung für mich sämtliche Inhalte von zuvor geführten recht persönlichen Telefonaten und Mailwechseln, die plötzlich öffentlich in das Forum stellte. Wir waren uns zunächst recht nah gekommen und es war auch beiderseits eine sehr emotionale Angelegenheit und ich war dummerweise zu schnell zu offen. Mich hat dann seine zunehmend manipulative und verletzende Art mit diesen sensiblen Informationen umzugehen sehr irritiert, so dass ich mich erschrocken zurückzog. Das muss er wiederum als massive Ablehnung erlebt haben und war dementsprechend sauer. Ich weiß nicht einmal was mich dann mehr geschockt hat: sein Verhalten oder die Lethargie der anderen Forenuser die das natürlich ALLE gelesen hatten und sich heimlich an diesem sehr intimen Einblick in mein Seelenleben ergötzt haben (wie ich später noch oft zu spüren bekam). Ich glaube, IHM konnte ich das Ganze noch als Wutausbruch verzeihen. Ich meine, man flippt schon mal aus und tut dann irgendwas Dummes. Aber für diese lähmende und doch irgendwie sensationslüsterne Passivität finde ich dann so leicht doch keine angemessene Entschuldigung.

Ich kam mir wirklich vor wie eine Hexe, die zum Scheiterhaufen geführt wird und mir wurde damals einiges über die sog. „heidnische Community“ klar, nämlich vor allem, dass es sie nicht wirklich gibt und jeder sich selbst der nächste ist. Es herrscht eher eine „Wolfsmentalität“ und Hackordnung, Mitmenschlichkeit und Zivilcourage sucht man vergeblich. Ich stand im ersten Moment vollkommen unter Schock. Einer meiner nächsten Gedanken war dann „Jetzt hast Du nichts mehr zu verlieren, schlimmer als das kann’s nicht werden.“ Ich glaube, das war das so ziemlich das letzte Mal, dass ich versucht hatte zu irgendjemand außerordentlich freundlich zu sein, mich zu erklären oder es jemandem recht zu machen. In gewisser Weise hat mich das rückblickend ziemlich stark und unberührbar gemacht. Ich habe immer noch eine Menge Feinde, aber es ist mir mittlerweile egal.

Anufa: Mein peinlichstes Erlebnis war, dass ich dachte mit einem traditionellen Coven zugange zu sein und mir dann jemand steckte, dass dort mit ziemlicher Sicherheit niemand traditionell eingeweiht worden war (und wenn unwahrscheinlicher Weise doch irgendwie, der dann ganz sicher keine sinnvolle Ausbildung erhalten hatte). Damit stellte sich meine neophytische Loyalität retrospektiv als eher lächerlich heraus. Peinlich war für mich besonders, dass ich meinen eigenen Gefühlen nicht vertraut habe (weil ich dachte, dass das „böse Vorurteile“ wären, warum ich manchmal Dinge heftiger hinterfragt hätte wollen) und doch über drei Jahre verzweifelt damit bemüht war mir (und darauf folgend natürlich auch anderen) Fakten schön zu reden.

Was war das traurigste Erlebnis?

Anufa: Wenn Gruppen oder Projekte scheiterten oder einfach versumpften, das war und ist für mich immer sehr traurig. Genauso wie ich es extrem schmerzvoll finde, Menschen zu beobachten, die Illusionen nachjagen, sie dann nach immensem Aufwand als solche enttarnen und an Körper, Geist und Seele krank zurück bleiben. Am traurigsten macht mich bewusst oder unbewusst angerichteter Schaden und ich habe mit den Jahren einige Menschen ziemlich leiden sehen.

Sati: Das für mich traurigste Erlebnis war als die kleine deutsche kemetische Gemeinschaft zerfiel, der ich mich ungefähr ein Jahr lang zugehörig fühlte. Ich musste feststellen, dass mich mein damaliger Freund, den ich auch als meinen Priester ansah, einfach von vorn bis hinten angelogen hat. Natürlich bin ich von vielen Seiten vor ihm gewarnt worden, doch ich entschied mich dafür ihm zu vertrauen. Selbst seine Lügen waren noch nicht einmal das Schlimmste, das Traurigste war eigentlich, dass er – als alles aufflog – nicht die Größe besaß das zuzugeben und das zu retten, was uns zwischenmenschlich verband, sondern mich lieber kurzerhand aus seinem Lügengebilde ausstieß um sein Gesicht zu wahren.

Regenbogen copyright Brighid

Regenbogen copyright Brighid


Was war das schönste Erlebnis?

Sati: Ich glaube meine schönsten Erlebnisse hatte ich immer allein. Das waren besondere spirituelle Momente in der Natur oder wenn mir die Götter nah waren. Ganz früher hatte ich eine Freundin mit der ich oft die Jahreskreisfeste irgendwo im Wald feierte. Wir haben zusammen gesungen, geopfert und geräuchert. Das waren wirklich sehr schöne Erlebnisse.

Anufa: Die innige Verbindung mit dem was ich als „Götter“ betrachte ist eines der schönsten Erlebnisse, das ich je hatte. Natürlich gab es immer wieder schöne Erlebnisse mit oder durch Menschen, aber ich hoffe, dass die jeder hat, unabhängig von spiritueller Ausprägung, einfach durch den Umgang mit anderen Menschen.
Was mir am lebendigsten in Erinnerung geblieben ist, war eine kurze spontane Trance in der ich in das Sein eines Fuchses, dessen Schädel ich kurz vorher gefunden hatte, erleben durfte. Daran denke ich sehr, sehr gerne zurück.


Denkt Ihr, dass Ihr die Erfahrungen auch allein hättet machen können?

Anufa: Ganz pragmatisch betrachtet, sicher nicht! Vielen Situationen hätte mich nie und nimmer freiwillig und sehenden Auges ausgesetzt. Da hat es schon ganz vieler Karotten bedurft, denen der Esel hinten nachjagen konnte …

Sati: In puncto Heidenszene und pagane Traditionen, ehrlich gesagt ja, und sogar viel besser. Alles was mich geprägt und geformt hat, wodurch ich mich entwickelt habe und vorangekommen bin, geschah immer dann, wenn ich mich für den Alleingang entschied. Trotzdem hatte ich immer diesen Drang dazu zu gehören und habe mich auch immer sehr darum bemüht und dabei viel Zeit und Energie auf Dinge verschwendet, die mich eher blockiert als weitergebracht haben.


Warum glaubt Ihr an Eure Tradition/Eure Philosophie?

Sati: Wenn man einen Kemetic fragt, was für ihn das wichtigste an seiner Tradition ist, dann werden die meisten mit dem „Erhalt der Ma’at“ antworten. Und so sehe ich das auch. Ma’at ist unsere heilige Weltneordnung, die eine individuelle, eine soziale und eine kosmische Dimension hat, viel mit Balance, common sense, Gerechtigkeit und Funktionalität zu tun hat und daran glaube ich. Ich glaube daran, dass das Leben in allen Ebenen nach einer zyklischen Ordnung funktioniert deren lebendiger und mitschöpfender Bestandteil wir Menschen zusammen mit den Göttern und allen anderen Wesen sind. Ich glaube nicht an ein Prinzip der statischen Vollkommenheit, die es anzustreben gilt, sondern für mich hat Leben weitaus mehr mit Funktionieren zu tun und das ist ein höchst dynamischer Prozess in dem Perfektion und Idealismus wenig Relevanz hat dafür aber Kontinuität, Beharrlichkeit und Nachhaltigkeit. Das macht für mich sehr viel Sinn.

Anufa: Daran glauben ist für mich nicht das passende Wort … das wäre ungefähr so, als ob ich an das Leben glauben würde oder an den Postler. Ich lebe es täglich und damit stellt sich mir dieses Frage nicht so wirklich. Mein Ansatz ist da wahrscheinlich ein eher pragmatischer.
Ich gehe schlichtweg davon aus, dass „all das hier“ – also das Leben als solches – einen Sinn macht, ergo liegt es an mir, diesen für mich zu entdecken. Damit reihe ich mich von außen betrachtet zwar in die Reihe der Sinnsucher ein, sehe mich selber aber als Finder nicht als Sucher, weil ich ja diesen Sinn täglich immer wieder finde und nicht „mir wünsche, dass ich einen finden täte“.

In meiner Tradition fühle ich mich zu Hause, weil ich jeden Tag aufs Neue feststelle, dass sie meine Welt grundlegend erklären und Dinge die mir begegnen, für mich ausreichend strukturieren kann. Sie lässt mir genügend Freiraum Neues zu entdecken (sowohl in mir als auch in der Welt), ermöglicht mir Verwurzelung und verleiht trotzdem Flügel – die ich brauche um mir meine Welt und mich darin auch mal von oben und außen anschauen zu können.
Ende Teil III