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Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie – Teil II, geschrieben von Sue

Samstag, 05. August 2017

Wahrscheinlich werden sich die meisten jetzt fragen:

Aber WO bitte bleibt jetzt die VERWANDLUNG?

Nun, die meisten Sagas kennen verschiedene Arten der Verwandlung. Von der körperlichen, bis hin zur geistigen oder astralen Verwandlung ist alles möglich. Wenn man die Verkleidung und die körperlichen Symptome zusammennimmt, kann es den damaligen Menschen auch gut wie eine „richtige“ Verwandlung vorgekommen sein.

Vendel-period bronze plate discoverd on Öland (Torslunda socken), Sweden. Image credit: Benganshistoriasidor/wadbring.com/historia/index.htm

Interessant ist die Geschichte von Bödvar Bjarki (Bjarki = Bär), dessen menschliche Hülle bei einer wichtigen Schlacht wie schlafend im Zelt liegt, während er auf dem Schlachtfeld als gewaltiger Bär erscheint. Als man Bödvar weckt und bei seinem Namen ruft, verschwindet der Bär und Bödvar eilt aufs Schlachtfeld, wo er mit seinem König untergeht.

Eine weitere wichtige Frage ist wohl, wie diese Besessenheit zustande kam. Viele werden die wahnwitzigsten Theorien von Erbkrankheit über Drogen wie Pilze, Alkohol oder ähnliche Geschichten kennen.
Um es kurz zu halten: Man weiß es nicht. Für die Fliegenpilztheorie, die ich selbst für äußerst unwahrscheinlich halte, spricht lediglich, dass der Fliegenpilz auf Island bis heute Berserkssveppur heißt.
Ansonsten ist in den Breitengraden, in denen dieses Phänomen auftauchte, der Fliegenpilz nicht heimisch und auch seine Anwendung birgt so seine Tücken. So kann man seine Wirkung nie genau abschätzen. Und niemand braucht Krieger, die in der Schlacht anfangen, rumzukotzen oder Panikattacken bekommen. Versuche haben gezeigt, dass sowohl Alkohol als auch der Fliegenpilz den kämpferischen Fähigkeiten eher ab- als zuträglich sind. Auch ist nirgendwo in den Sagas die Rede von Drogen“genuss“. Auch die Berichte über das mehr oder weniger „zufällige“ Auftreten des Berserkerganges sprechen dagegen.

Meine Persönliche Theorie dafür ist, dass es eine vererbliche Bereitschaft dazu gab und es außerdem erlernt werden konnte. Es ist eine Art Trance IMO. Im Prinzip kann das jeder erlernen und mancher wird es aus Bedrohungssituationen her kennen, wenn man beispielsweise in der Schule verprügelt wird und sich in der höchsten Anspannung plötzlich vom Gejagten zum Jäger verwandelt. Es hat viel mit Adrenalin zu tun und ist eigentlich ein natürlicher Vorgang. Auch diverse Krankheitsbilder schließen sich nicht aus.
Für die Vererbungstheorie spricht, dass das Berserker-Phänomen meist in mehreren Fällen in der Familie auftrat, wie zum Beispiel in der Egil Saga. Schon über Egils Großvater Kveldulf (Abendwolf) hieß es: „Aber jeden Tag, wenn es Abend wurde, wurde er so unwirsch, dass niemand mehr mit ihm sprechen konnte. Das war nicht lang, bevor er zu Bett ging. Es hieß, er sei ein Gestaltwandler und die Leute nannten ihn kveldulf“. Bei Skalla-Grim, Egils Vater, spricht die oben genannte Geschichte mit dem Ballspiel Bände. Auch Egil steht beiden in nichts nach. Er wird als „so hässlich und schwarzhaarig wie sein Vater beschrieben“ und erschlägt schon als Kind einen seiner Spielkameraden. Als er auf Vikingfahrt fährt, besteht er viele Abenteuer wie durch ein Wunder nahezu unverletzt. In der Edda-Geschichte „Der Kampf auf Samsey“ muss sich der Held mit gleich 12 Berserkerbrüdern herumschlagen. Überhaupt treten Berserker gern zu 12t auf. Oft waren sie auch magisch oder kreativ begabt, was auch als Geschenk Odins angesehen wurde.

The Ugly Duchess – portrait by Quentin Matsys. Michael Baum, emeritus professor of surgery at University College London, suggested that the sitter had Paget’s disease of bone

Für meine Krankheitstheorie sprechen diverse Hinweise auf das Paget-Syndrom in Egils Geschichte. Das Paget-Syndrom hemmt den Knochenabbau, sodass die Knochen – vor Allem der Schädel – dick und wellig werden, was Schmerzen und auch Schäden am Gehirn verursachen kann. Dies kann unter anderem auch besagte Anfälle verursachen. In der Egils Saga heißt es, dass man Jahrhunderte später seinen Schädel gefunden habe und versucht hätte, ihn mit der Axt zu spalten, was aufgrund der Knochenbeschaffenheit aber nicht möglich gewesen wäre.

Aber auch psychische Störungen halte ich für durchaus möglich. Zum Beispiel die Intermittant Explosive Disorder, die zerstörerische Wutanfälle zur Folge hat. Oder diverse andere Störungen der Impulskontrolle.
Auch ihre gesellschaftliche Stellung ist sehr umstritten. Viele Könige umgaben sich mit diesen – doch manchmal sehr schwierigen – Zeitgenossen, und oft gehörten sie sogar zu seiner persönlichen Leibgarde. Andere wiederum waren von der Gesellschaft ausgeschlossen und verdienten sich ihren Unterhalt mit Überfällen oder Holmgängen (Duellen), wobei sie den Besitz des Verlierers einkassierten. Allgemein wurden Berserker von ihrer Gesellschaft wegen ihrer Unkontrollierbarkeit oft eher argwöhnisch beäugt.

Mit der Christianisierung gerieten sie noch mehr in Verruf. Es entstanden Legenden, in denen sie die Gegenspieler von Heiligen oder Bischöfen wurden und durch ein „Wunder“ von diesen vernichtet. Nach und nach wurden diese Brauchtümer verboten und auf Island 1123 sogar folgendes Gesetz erlassen: “ Wer sich in Berserkerwut versetzt, wird mit drei Jahren Verbannung bestraft“. Von da an waren diese Männer wie ausgestorben. Aber nicht die Grundidee des Gestaltwandels.
Aus den Wolfsfellen der Ulfhednar wurde der magische Gürtel, mit denen die Werwölfe des Mittelalters sich angeblich verwandeln konnten. Aus Odin, dem wütenden, aufhetzenden Sturm- und Kriegsgott, wurde der listige Satan, der immer auf der Suche nach neuen, schwachen Seelen ist um sie für seine Dienste einzuspannen. Auch die Geschichte des „Bärenhäuters“, der vom Teufel gezwungen wird, 7 Jahre ungepflegt außerhalb der Gesellschaft zu leben, mag vielleicht auf die Initiationsriten alter Kriegerbünde zurückführen. Es gab überhaupt einen sehr umfangreichen Fundus an Werwolfgeschichten und –mythen. Im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit gab es regelrechte Werwolfprozesse, die aber mehr als umstritten sind. Mit Beginn der ersten Forschungen in der Psychologie wurde aus der „lykantropie“ schnell ein Krankheitsbild gemacht. Heutzutage ist man mit solchen Diagnosen nicht so schnell bei der Hand, sondern lässt Menschen, die sich als solche sehen meistens in Ruhe, solange sie sich oder anderen nicht schaden. Dass das Thema bis heute die meisten Menschen sehr beschäftigt, sieht man allein schon an all den Filmen und Büchern, die es zu dem Thema gibt.

Wenn man mich abschließend fragen würde, ob es sie gibt?

Ja, es gibt sie meiner Meinung und vor Allem meiner Erfahrung nach. Menschen, die Tiere in sich tragen und sich auch in sie verwandeln können. Eng damit verwoben ist das Phänomen der Otherkin und der verschiedenen Spielarten dessen. Es gibt sogar vereinzelt Communities, in denen noch Berserker und Ulfhednar vertreten sind und sich austauschen (wobei meiner Meinung nach auch oft Kritik hinsichtlich Motivation und „Authenzität“ geboten ist). Unterschied zwischen Shapeshiftern und Otherkins wird übrigens überall anders beschrieben. Bis jetzt bin ich noch nicht richtig auf eine Erklärung gestoßen, die mir zusagt. Bin für jeden Input dankbar.

Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie – Teil I, geschrieben von Sue

Samstag, 15. Juli 2017

Wenn man von Gestaltwandlern in der nordisch-germanischen Mythologie erzählen will, muss man zuallererst mit den Göttern anfangen:

Odin, der oberste Gott, wird als gestaltmächtig beschrieben. Er verwandelt sich in einen Adler und eine Schlange, um an den Skaldenmet zu kommen, der von einer Riesin bewacht wird. Er streift gern verkleidet durch die Welt und hat über 150 heiti – das sind Beinamen, die allein schon für seine Wandlungsfähigkeit sprechen. Namen wie „Svipall“- der Veränderliche oder „Grimnir“ – der Maskierte, Behelmte, sprechen Bände.

Abbildung von Loki mit einem Fischernetz aus der isländischen Eddahandschrift NKS 1867 4to von Ólafur Brynjúlfsson (1760)

Sein Blutsbruder Loki ist ähnlich gestaltmächtig. Er verwandelte sich in eine Stute, um den Bau von Asgard zu verzögern. Er verführte den Hengst des Bauherrn Svadilfari, der daraufhin die Frist nicht einhalten konnte und von Thor erschlagen wurde. Aber damit nicht genug, er wurde als Stute trächtig und gebar Sleipnir, Odins berühmtes achtbeiniges Pferd. Auch hat sich Loki in einen Lachs verwandelt, um den wütenden Asen zu entfliehen, ebenso in eine Fliege, einen Adler oder eine alte Frau.

Die Göttin Freya hat ein Falkengewand, mit dem sie fliegen oder sich auch in einen solchen verwandeln kann.

Der Gedanke von Menschen, die sich in Tiere verwandeln ist uralt

In Ägypten wurden die Götter oft mit Tierköpfen dargestellt und verwandelten sich auch in solche. In der griechischen Mythologie wurde König Lykaon (von: ho lykos – der Wolf) von Zeus in einen Wolf verwandelt, weil er ihm Menschenfleisch vorsetzte. Sein Name lebt bis heute im Begriff „Lykanthropie“ (von lykos – Wolf und athropos – Mensch) fort.
Im außereuropäischen Bereich gibt es beispielsweise auch Werlöwen oder –leoparden. Man nimmt an, dass gewisse Tierkulte von den Skythen in unseren Kulturkreis kamen. Der Geschichtsschreiber Hesiod sagt: „… die Skythen und die im Skythenland wohnenden Hellenen behaupten, jährlich einmal verwandle sich jeder der Neuren für wenige Tage in einen Wolf und trete dann wieder in den menschlichen Zustand zurück.“
Der Tierkult wurde aufgegriffen und weiterentwickelt. Constantin der VII., der König von Byzanz hatte beispielsweise die sogenannte „Warägergarde“, die rituelle Tänze in Wolfsverkleidungen vollführte.

Das Wort „Werwolf“ ist germanisch und leitet sich von „wer“- Mann und „Wolf“- Wolf ab. Indem man sich ein Tierfell überwarf und es nachahmte, wurde man eins mit dem Tier – verwandelte sich in eins. Ebenso gab es Erzählungen, dass wenn man sich das Blut oder gewisse andere Körperteile (wie das Herz z. B.) eines Tieres einverleibte, sich seine Kraft zu Eigen machte.
Wölfe haben in der germanischen Mythologie eine große Bedeutung. Zwei Wölfe, Geri und Freki, begleiten Odin auf Schritt und Tritt. Ebenso sind es zwei Wölfe, die Sonne und Mond über den Himmel jagen. Der Fenriswolf wird von den Göttern gefesselt und wartet auf Ragnarök um den Göttervater zu fressen. Wie man sieht, hat der Wolf nicht unbedingt ein positives Bild. Er ist eng mit dem Tod assoziiert, da er nach Schlachten über die Schlachtfelder streift, um die Toten zu fressen. Ebenso ist Odin auch als Totengott bekannt. Ein „vargr“, Wolf, war auch ein Gesetzloser, Vogelfreier, der heimatlos umherstreifte und überall getötet werden durfte.

Auch der Bär hat eine große Bedeutung. Er war das größte Landraubtier im mittel- und nordeuropäischen Raum und galt als der König der Tiere, bevor ihm der Löwe den Rang abtrat. In vielen Kulturen, galt die direkte Benennung des Bären als Tabu und man erfand Alternativbegriffe. Man nimmt an, dass das Wort Bär sich auf das Wort brun – braun bezieht, welches einen dieser Alternativbegriffe darstellt („der Braune). In fast allen anderen Sprachen stammt der Name aus dem Griechischen – arctos.
Er wird oft mit dem Menschen in Verbindung gebracht, weil er viele augenscheinlich menschliche Verhaltensweisen hat. Er ist Allesfresser und kann sich auf die Hinterbeine stellen. Weibliche Bären sind sehr um ihre Jungen besorgt, die selbst wiederum verspielt und neugierig sind. Durch ihre Winterruhe haben auch Bären gewisse Todesnähe, aber durchaus gekoppelt mit Wiedergeburt. In der Winterruhe bringen die Bärinnen ihre Jungen zur Welt, und wenn sie die Höhle verlassen, sind sie schon relativ groß und mobil. Dies muss auf die damaligen Menschen beeindruckend gewirkt haben.

In der damaligen Zeit war der Glaube an Gestaltwandel weit verbreitet

 Das bezeugen die vielen Namen, die Tierelemente in sich tragen („Bär“: Bruno, Björn-, Bjarn- „Wolf“: Ulf-, Wolf- , ect.). Ebenso reich sind die Begriffe, die es dafür gab: der Begriff „hamhleypa“ bezeichnet meist eine gestaltmächtige Hexe. „hamrammr“ bezeichnet eher Männer. Auch das Wort „hamask“ bezieht sich darauf.
Alle diese Begriffe beziehen sich auf das Wort „hamr“ – „Hülle“ oder auch „Haut“. Das Wort „hamask“ möchte ich hier besonders betonen. „hamask at“ heißt nicht allein die Gestalt wandeln, sondern auch eine Art Bessenheit, Wüten. „hamrammr“ und „hamask“ ist meistens Kriegern vorbehalten, die sich in Tierfelle kleiden um sich in solche zu verwandeln: Berserkir und Ulfhednar.
Die sprichwörtliche Berserkerwut, hat sich bis heute in unserem Wortschatz gehalten (ebenso im englischen „go berserk“ und skandinavischen Sprachen „go berserksgang“).

Die Berserker und Ulfhednar werden ausdrücklich als „Odins Männer“ bezeichnet, was auch zur Eigenschaft Odins als Gott des Krieges, der Wut und der Ekstase passt. Sein südgermanischer Name „Wodan“ bedeutet „der Wütende“. Adam von Bremen drückt es so aus: „Wodan id est furor“ – Wodan ist Wut. Fundstücke aus verschieden Zeiten und Orten zeigen Krieger mit Waffen und Tiermasken, die entweder mit einer Figur tanzen, die möglicherweise Odin darstellt) oder laufen.

Zur Etymologie der Wörter

Berserker (Plural: Berserkir): das Wort stammt aus dem Nordischen und ist von umstrittener Bedeutung. Man nimmt an, dass es entweder von „ber“ – Bär oder „berr“ – bloß, nackt stammt. „Serk“ bedeutet Hemd oder auch Rüstung. Darauf lässt sich schließen, dass diese Männer entweder ohne Rüstung kämpften, oder in Tierverkleidungen.
Ulfhedin (Plural: Ulfhednar): dieses Wort stammt auch aus dem Nordischen und stammt von „Ulf“ – Wolf und „hedin“ ist ein Mantel (meist mit Kapuze). Man könnte es also als „Wolfsmantel“ übersetzen. Man geht davon aus, dass sie eine ähnliche Funktion wie die Berserker hatten, mit dem Unterschied in der Kleidung und dem Verhalten.

Die Sagas drücken diesen Verhaltensunterschied wie folgt aus:
„grenjuðu berserkir, guðr vas á sinnum, emjuðu Ulfheðnar ok ísörn dúðu.“
„Es brüllten die Berserker, der Kampf kam in Gang, es heulten die Wolfspelze und schüttelten die Eisen.“[4]

Mal abgesehen von dieser Beschreibung gilt in dem nachfolgenden Text alles genauso für die Ulfhednar, auch wenn nur von Berserkern die Rede ist. Beide werden in den Sagas sehr oft erwähnt, wenn es um Schlachten ging. Sie standen meist in der vordersten Reihe, da sie auch wegen ihres psychologischen Effekts auf die Gegner äußerst beliebte Kampfeinheiten waren. Ihnen wurden diverse magische Eigenschaften nachgesagt:
„Aber seine [Odins] eigenen Mannen gingen ohne Brünnen, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Menschenvolk, und weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Man nannte dies ‚Berserkergang‘.“
Auch hieß es, dass sie mit ihrem Blick Klingen stumpf machen könnten. Sie kämpften oft noch mit Verletzungen weiter, die für andere tödlich gewesen wären.

Über den Berserkergang selbst heißt es, dass er mit Unruhe, Zittern, veränderter Gesichtsfarbe anfing, später dann in Brüllen und Beißen in den eigenen Schild überging. Das Schildbeißen muss wohl sehr charakteristisch gewesen sein, da sogar Schachfiguren gefunden wurden, die das Motiv eines schildbeißenden Kriegers zeigten. Dann fielen die Männer in ein rauschhaftes Verhalten, dass aber ihre (kämpferischen) Fähigkeiten nicht etwa verminderte, sondern im Gegenteil – stärker werden ließ.

In der Egils Saga heißt es: „What people say about shape-changers or those who go into berserk fits is this: that as long as they’re in the frenzy they’re so strong that nothing is too much for them, but as soon as they’re out of it they become much weaker than normal.“
“Was die Leute über Gestaltwandler, und diese Leute, die Berserkeranfälle haben sagen, ist dies: So lange sie in Wut sind, sind sie so stark, dass ihnen nichts zu viel ist, doch sobald sie draußen sind, werden sie viel schwächer als normal.“

Nach dem Anfall folgte tatsächlich eine Phase der Schwäche und des Schlafes. Viele Sagahelden nutzen diese Phase, um dem Berserker den Garaus zu machen.
Diese Anfälle konnten entweder willentlich herbeigeführt werden oder kamen zu unerwarteten Zeiten, meist während harter körperlicher Arbeit.
Es heißt: “This fury, which was called berserkergang, occurred not only in the heat of battle, but also during laborious work.” (Fabing)
Hrolfs Saga beschreibt es so: “On these giants fell sometimes such a fury that they could not control themselves, but killed men or cattle, whatever came in their way and did not take care of itself. (Ibid.)“

Über diese Riesen kam manchmal eine solche Wut, dass sie sich nicht kontrollieren konnten, sondern Mensch und Vieh töteten, was auch immer ihren Weg kreuzte und nahmen auf sich selbst keine Rücksicht.
Allgemein scheint es in aufregenden Situationen passiert zu sein. In der Egils Saga wird erzählt, wie Egil mit seinem Vater Skalla-Grim und einem Freund ein Ballspiel spielte und am Verlieren war, weshalb er in Rage geriet und den Spielgefährten seines Sohnes hochnahm und ihn zu Boden schmiss, wo er tot liegen blieb. Danach ging er auf seinen eigenen Sohn los und hätte auch ihn umgebracht, wenn nicht eine mutige Magd dazwischen gegangen wäre, die im Anschluss übrigens im hohen Bogen über die Klippe flog.

Ende Teil I

Runenstellen, geschrieben von Eibensang

Samstag, 10. Juni 2017

Auch schon mal dabeigewesen, wenn sich Leute eine Hand auf den Kopf legen, wodurch der Arm einen Winkel bildet und die damit eingenommene Körperhaltung in etwa die Form der Rune Wunjo nachstellt, die „Wonne“ bedeutet – die daraufhin Leib und Seele der dies Ausübenden durchfluten soll?

Ich probierte das auch, lange und immer wieder – mit dieser und anderen Runen… Spätestens bei etwas komplexeren, nicht so ganz der menschlichen Ergonomie entgegenkommenden Zeichen wie den Runen Sowilo, Mannaz, Dagaz oder auch nur Raidho (wackel-wackel…) empfand ich das Ganze eher als ungemütlich oder zumindest albern. Irgendeine „Wonne“ wollte sich jedenfalls nicht einstellen – weder bei dieser noch einer anderen Rune: nicht, wenn ich in mich hineinhorchte, was die Verrenkung mit mir machte und auch nicht, was ihre möglichen weiteren Folgen betraf.




Das „Grundlagenwerk“ der „Runengymnastik“: Marbys „Rassische Gymnastik als Aufrassungsweg“ (1935)

Woran liegt’s? Die Antwort ist eigentlich einfach: Es handelt sich keineswegs um geheimnisvolle altgermanische Magie, sondern halbwegs neumodischen Blödsinn mit okkultem Anstrich. Der Hintergrund allerdings ist ernster, als sich der Quatsch selbst anfühlt. Im Folgenden ein Appell an die magische Vernunft. Gibt es so etwas? Nur, wenn wir es zulassen. Was lassen wir zu und warum? Was erkennen wir an und was nicht? Wem oder was führen wir Energie zu – und was wollen wir erreichen? Lassen wir uns selbst etwas einfallen, oder turnen wir einfach alles nach, was uns jemand vormacht, im frommen Glauben, es bringe uns weiter? Ist solcherlei blinde Gefolgschaft einer ernstnehmbaren magischen und verantwortungsbereiten Lebenshaltung würdig?

Als „Runenstellen“ oder „Runen-Yoga“ wird das Nachstellen von Runenformen mit dem menschlichen Körper bezeichnet. Ursprünglich nur mit dem so genannten „18er System“ oder „Armanen-Futhork“ verbunden (einem ideologischen Runenkonstrukt, das Ariosophie-Begründer Guido List Anfang des 20. Jh. in die Welt setzte), wurde das Runenstellen im späten 20. Jh. auch auf die Runen des (damals von der Esoszene allmählich wiederentdeckten) Älteren Futhark übertragen. Inzwischen empfiehlt fast jedes esoterische Runenbuch solche Übungen und enthält detaillierte Anleitungen dazu. Spätestens seit den Runenbüchern Edred Thorssons (bürgerlich Stephen Flowers), der dasselbe mit „Stadha“ bzw. „Stödhur“ (altnordisch für Stehen oder Stellen, jeweils Singular/Plural) überschrieb, wird die Runenstellerei allgemein als „alte germanische Tradition“ betrachtet, die zu Runen gleich welcher Art offenbar dazugehört wie die Hörner zum Wikingerhelm (auch falsch) oder der Arsch zum Eimer. Tatsächlich ist „Runenstellen“ ungefähr so germanisch wie zwei Öltanks im Garten oder Glutamat im Essen (nur noch um einiges ungesünder, jedenfalls für Geist, Gemüt und Seele und damit auch für jegliche magische Praxis).

Das Phänomen hat eine einzige historische Quelle – und die entstammt nicht etwa irgendwelchen Bräuchen alter germanischer Kulturen zu Zeiten der Antike oder des Mittelalters (selbst die im Hochmittelalter verfasste „Edda“ enthält keinerlei Hinweise auf diesbezügliche Praktiken einstiger heidnischer Germanenkulturen), sondern geht auf den Okkultisten Friedrich Bernhard Marby zurück, der 1934 eine diesbezügliche Broschüre veröffentlichte. Ihr Titel sagt im Grunde bereits alles Wesentliche aus über Herkunft, Idee und Zielrichtung der Sache: „Rassische Runengymnastik als Aufraffungsweg“. Das ist so unappetitlich und menschenfeindlich, wie es klingt – und wird von all den esoterischen Autor*innen, die diese Körperverrenkungen als magische Übung und meditatives Studium und sinnliches Erfahren von Runenkräften empfehlen und vorstellen, verschwiegen. Wohlweislich? Oder warum? Viele, die darauf schwören und beharren, wissen es nicht: Sie haben keine Ahnung, woher das stammt – einmal oder auch wiederholt darauf aufmerksam gemacht, verweigern sie sich jedoch jeder Konsequenz der Erkenntnis. Sie „meinen“ es ja „ganz anders“ und seien oder sähen es jedenfalls „unpolitisch“. Ja, klar: Du kannst auch ständig bei McFett futtern und es irgendwie „vegan meinen“ und/oder dir ein paar warme ökologische Gedanken machen.

Aber von Leuten mit solcher Geistes- und Lebenshaltung lasse zumindest ich mir nichts mehr erzählen über „magisches Bewusstsein“, das angeblich auf „verborgene Zusammenhänge“ achtet (über physikalisch beweisbare Kausalketten hinaus) und irgendeine Konsequenz daraus zöge, dass „alles mit allem“ zusammenhängt. Offenbar aber doch nur das, was gerade in den persönlichen Kram passt und nicht unangenehm oder unbequem werden könnte, und sei es nur dadurch, dass sich eine vermeintliche Bewusstseinsvertiefung oder -erweiterung als blödsinnige Verrenkung erweist, die ihre magische Energie aus giftigen Quellen bezieht und magisch wieder dorthin zurückführt. Übertrieben? Nun – der beharrliche Verzehr von Glutamat und anderen Neurotransmittern bringt auch so schnell niemand um. Nicht jeder Schaden ist offensichtlich und eindeutig auf bestimmte Quellen zurückführbar – was nicht heißt, dass es keinen gäbe. Fürs Runenstellen gilt Entsprechendes. Was zwingt eigentlich dazu, an so etwas festzuhalten?

Naturreligion = Germanische Religion oder Heidentum?, geschrieben von Manfred

Samstag, 29. April 2017

Vielfach ist ja in diversen Büchern und Foren zu lesen, dass die germanischen Völker „naturreligiös“ gewesen seien, dass ihr Glaube eine „Naturreligion“ bzw. ein „Naturglaube“ gewesen wäre. Auch das heutige Germanische Neuheidentum sei eine „Naturreligion“ oder auch ein „Naturglaube“.

Wenn man dann eine Begründung für diese Auffassung erfragt, kommt meistens die Aussage, dass die Germanen die Natur verehrt und angebetet hätten. Als Beispiel dafür werden häufig die Donar-Eiche, oder auch die „heiligen Haine“ genannt, oft werden auch ganz pauschal die Gottheiten als „Naturgötter“ bezeichnet.

Aber stimmt das so? Haben die Germanen die ganze Natur als Gottheit angebetet, waren die Götter Odin/Woden oder Thor/Donar und all die andere Gottheiten unserer Mythologie wirklich „Naturgötter“?

Nein, das ist ein fataler Mythos, ein Irrtum, der sowohl den Glauben als auch die Mythologie der Germanen romantisiert und verklärt und verzerrt.

Ein wenig Geschichte zu dem Begriff „Naturreligion“ und seiner Entstehung

Bekannt ist der seit der Antike die Bezeichnung „religio naturalis“. Darunter verstand man bis zur Zeit der Aufklärung die sogenannten „angeborenen Vernunftwahrheiten“, also die Dinge, die der Mensch ohne Zutun der Götter von Natur aus erkennen konnte. Dazu gehören auch der Ablauf des Jahreskreis, die Naturkräfte usw., also alles, was so um uns Menschen herum in der Natur geschieht. Um zu sehen und damit zu wissen, wann Sommer oder Winter ist, ob es regnet oder schneit, ob das Getreide wächst oder nicht, braucht man keinen Gott sondern nur die eigene, sorgfältige Beobachtung der Natur. Und genau das ist die ursprüngliche Bedeutung von „Religio“ – nämlich die „sorgfältige Beobachtung und Berücksichtigung“ – mehr nicht. Unter dem Aspekt kann man nun ganz sicher nicht von „Naturreligion“ sprechen.

Der abstrakte Begriff „Religion“ wie wir ihn heute verwenden, nämlich als Weltanschauung bzw. als Bezeichnung für die verschiedenen Glaubensrichtungen, ist erst sehr spät in der frühen Neuzeit entstanden und manifestierte sich während der Aufklärung. Erst zu der Zeit wurde der Begriff „Religo“ mit dem Glauben an Gottheiten (sowohl monotheistisch als auch polytheistisch), übernatürliche, unkörperliche Kräfte verbunden – aber auch hier ist keineswegs die Natur gemeint, sondern die höheren Wesenheiten, die über das normale menschliche Bewusstsein hinausgehen. Also wieder keine „Naturreligion“.

Aber woher kommt nun dieser Begriff „Naturreligion“, der so vehement auch im Heidentum verwendet und verteidigt wird. Der Begriff ist viel jünger als vielfach gedacht – er stammt aus der Zeit der Romantik, also Ende des 18. Jhdts. – Ende des 19. Jhdts.

Erstmalig taucht der Begriff „Naturreligion“ 1820 bei dem deutschen Philosphen Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf. Er prägte den Begriff „Naturreligion“ als die „Religion der unentwickelten Naturvölker“, um sie damit von den „höher entwickelten Kulturreligionen“ abzugrenzen. Vereinfacht gesagt: Naturreligion = primitive Religion.

Noch drastischer formuliert es der deutsche Philosoph Ernst Haeckel. Er bezeichnet 1909 die Naturreligion als die Religion „entarteter und verwilderter Völker, die noch keine wirkliche Geschichte haben“. Eine ganz schön harte Bezeichnung, die auf die Germanen meiner Meinung nach nicht anwendbar ist.

Danach war es still um die Naturreligion, denn erst um 1970 taucht der Begriff wieder auf – aber auch nicht unbedingt positiv.

Die in den 1970-iger Jahren einsetzende Ökologiebewegung kritisierte die westliche Zivilisation, propagierte alternative Lebensformen und stilisierte die „Naturreligion“ als Gegenbild zur damaligen Zivilisation hoch. Auch nicht gerade passend für eine Religion, denn die Gottheiten spielten bei der Ökologiebewegung nicht wirklich eine Rolle – da hätte der Begriff „religio naturalis“, der ja bereits genannt wurde, wohl besser gepasst.

Es zeigt sich, dass der Begriff „Naturreligion“ schlicht und ergreifend „verbrannt“ ist und als Bezeichnung für den Glauben der germanischen und auch der keltischen Völker/Stämme völlig unbrauchbar ist – und damit auch für das Germanische Neuheidentum.

Naturreligion mal ganz pragmatisch gesehen

Wenn man von der heute gebräuchlichen Definition der Bezeichnung „Religion“ ausgeht, dann bedeutet „Naturreligion“ nichts anderes, als dass der naturreligiöse Mensch die Natur verehrt und auch anbetet. Die Natur wird also zur Gottheit und damit unantastbar. Das aber trifft auf die germanischen Völker überhaupt nicht zu.

Mal ein einfaches Beispiel dazu:

Bei der genannten Definition wären Bäume heilig und würden angebetet. Wie aber ist es dann zu erklären, dass unsere Vorfahren ganze Wälder abholzten, um Holz als Brennmaterial für ihre Rennöfen zur Eisenschmelze zu haben – und damit dann Waffen und andere Dinge zu fertigen, die ihnen Macht und auch Wohlstand brachten, wie es sowohl die Germanen als auch die Kelten nachweislich getan haben. Oder die Wikinger, die ganz Island entwaldeten, um so mehr Platz für Weideflächen für ihre Viehherden zu schaffen. Holzt man einfach „Gottheiten“ ab um des schnöden Mammons wegen? – wohl eher nicht.

Es findet sich nirgends in der Mythologie oder sonstigen Quellen ein Hinweis, dass die Natur eine Gottheit war, die man verehrte.
Sicher, es gab die sogenannten „heiligen Haine“, die aber nicht als Gottheit verehrt wurden, sondern als ein Heiligtum, als Tempel unter freiem Himmel zu verstehen sind, in dem zu den Göttern gebetet wurde. Auch die berühmte Donar-Eiche war kein Gott, sondern ein dem Donar geweihter Baum, um den man sich versammelte und Donar opferte.

Auch ist unstreitig, dass die Gottheiten gerade in Bezug auf die Natur ihre „Zuständigkeiten“ hatten – denken wir nur an die Fruchtbarkeitsgötter, an die Meeresgötter usw. Aber sie personifizierten nicht die Natur, sondern wurden als die höheren, die übergeordneten Wesen angesehen, die die Natur beeinflussen konnten und damit Macht selbst über die Naturgewalten hatten, denen der Mensch recht ohnmächtig gegenüber stand und immer noch steht.

Man bat die die Götter um ihren Segen und Beistand, damit sie die Naturgewalten wohlwollend zu Gunsten der Menschen beeinflussten – denn ein Hagelschlag, zuviel oder zuwenig Regen konnte die ganze Ernte vernichten und so eine Katastrophe für ein Dorf auslösen.

Und das ist der ganz entscheidende Punkt: Unsere Urahnen glaubten an die Gottheiten und nicht an die Natur als Gottheit, denn wie der Kreislauf der Natur funktionierte, das wussten die damaligen Menschen auch unabhängig von den Göttern sehr genau.

Auch das heutige Neuheidentum ist keine „Naturreligion“, sondern das klare Bekenntnis zu unseren Gottheiten – sie zu ehren im stillen Gebet oder auch bei einem gemeinschaftlichen Blót, an sie zu glauben und einfach ihnen zu vertrauen, das ist gelebtes Heidentum in Sinne von Religion.

Danke fürs viele Lesen und hoffentlich verbreiten.
Manfried, Jarl der Trelleborg

Aus dem Vergessen, geschrieben von Eibensang

Samstag, 18. Februar 2017

Fiktive Erinnerungen eines ebensolchen chattischen Kriegers aus (etwa) dem sechsten Jahrhundert. Schauplatz: zwischen Tüdelburger Wald und Orkenweiler Senke am Oberlauf der Wahn. (Auszug aus „Das Lied der Eibe – Eine Runen-Reise durch das Ältere Futhark“ von Duke Meyer, erschienen bei Edition Roter Drache.)

Es dunkelt. Aber das Mondlicht sollte reichen: Fast voll steht Manis Nachtgesicht am Himmel, knapp über den Buchen, die jetzt nur noch Schattenrisse sind, schwarz und stumm. Ich bin nicht weit vom Lager, aber entweder sind sie alle still geworden dort – oder etwas in mir blendet die Geräusche aus, ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Stattdessen höre ich Unken aus Südwest, da ist wohl ein Bach, und das Aufflattern einer Ralle, aber jetzt ist auch das vorbei. Nur der Wind pfeift und klatscht mir die nassen Haare ins Gesicht. Der Regen hat aufgehört. Ich atme durch. Es wird Zeit. Lang will ich nicht wegbleiben. Mein kleines Messer und der Speer. Das kleine Messer meines Bruders und der Speer. Das kleine Messer, das mein Bruder mir geschenkt hat, nachdem er mir – Monde her – versucht hat, damit in den Arm zu schneiden. Echt lustig. Wir dachten, es sei stumpf – aber wir waren einfach nur zu betrunken. Jetzt wird unsere Blutsbrüderschaft, obwohl überfällig, noch ein wenig warten müssen. Wenn wir überleben, wir beide. Wofür – zumindest für meinen Teil – etwas getan werden muss: was ich vorhabe. Die Klinge muss in Holz schneiden – erstmal. Ich betrachte meine Hand, die den Speer umfasst und wiegt. Die Hand, aus der ich ihn einst empfing, ist Rabenfraß geworden. Mein anderer Bruder ist das gewesen, mein leiblicher. Er war jünger als ich. Aber dann haben die Valkyries ihn geholt, vor der Zeit, wie ich meine. Er ist tot und ich lebe. Die Welt kann ungerecht sein. Es gilt, Ausgleich zu schaffen. Verdammt. Hätte er nicht überleben können? Es ist, wie es ist. Es rafft immer die Falschen dahin. Morgen werden viele dran sein, niemand weiß, wen es treffen wird. Deshalb bin ich hier. Mit dem kleinen Messer meines Lieblingsbruders, der nicht mein leiblicher ist – aber mir so nah wie die eigene Mutter. Welche Zeichen sind die richtigen – was ist der beste Zauber? Ich spucke aus. Kenne eh zuwenige. Wie war das – was hat die Erilar gesagt?

„Nimm Ansuz. Das ist der Atem der Götter. Mächtiger Schutz. Besseren kriegst du nicht für die Schlacht.“ Und das hat sie gesagt: „Es ist Speerschüttlers Mantel. Siehst du den Stab? Den senkrechten Strich? Zwei schräge Äste gehen von ihm ab, weisen nach unten. Das sind die Falten von Siegvaters Mantel.“ Sie nennt den Schrecklichen nie beim Namen, erfindet immer neue. Aber es ist klar, wen sie meint: den Einäugigen! Ich nenn ihn ja auch nie beim Namen. Den Herrn der Valkyries. Die meinen Bruder fraßen. Meinen leiblichen. Kalt braust der Wind. Ich setze die Messerschneide auf den Speerschaft an. Zögere noch. Wie ging sie noch gleich, diese Rune, Ansuz?

Die Erilar. Was willst du von der, hat es geheißen. Diese alte Wanderkrähe will dich doch bloß vernaschen, weil sie nie einen abkriegt. Jetzt versucht sie es bei dir, pass ja auf, haben sie gespottet. Aber sie haben – wie immer – keine Ahnung. Die Erilar braucht keinen Mann, hab ich die Freunde erinnert. Die hat es mit Frauen – und Tieren, wenn überhaupt. Und den Geistern. Ganz sicher mit den Geistern. Sonst wäre sie ja keine Erilar, oder? Aber mit Besoffenen kannst du nicht reden. Die lallen nur herum und dünken sich doll. Trottel, geliebte. Ich grinse. Aber Ahnung haben sie wirklich keine, die Freunde. Ich ging zur Erilar. Weiß gar nicht, was die so hässlich finden an ihr – angeschmust hat sie mich sowieso nicht. Eher fasziniert. Na ja, vielleicht nicht das richtige Wort. Ich mag sie. Sie macht mich ruhig. Ohne dass sie was sagen muss. Eine weise Frau. Ganz dunkel. Wie die Nacht heute. Fast schwarz ihre Haut, tiefschwarz ihr Haar und so kräuselig wie zerzauste Wolle… Sie sei von weit her gekommen, heißt es. Egal: eine der unseren. Vom Stamm der Katzen. Wir sind alle Katzen. Die Sonne ist unsere Mutter. Die Erilar erzählte mir mal, da, wo sie herkam, ganz fern und urweit im Süden, da, wo angeblich kein Wald mehr wüchse und die Luft viel heißer sei, auch winters, da würden andere Große verehrt. Aber dann kam sie zu uns und wurde eine Katze so wie wir. Eine von uns. Mit uns. Sonnentochter. Und dass ihre Haut so schwarz sei, das läge daran, dass die Mutter sie zu lange gewiegt habe. Denn wo sie, die Erilar, herkam, bevor sie eine Erilar wurde, eine Runenkundige, sei die Sonne näher und heißer gewesen und – äh ja, „männlich“. Das war mir dann ein bisschen zu hoch. Ob Gottheit oder sterblich: Ein Mann ist doch keine Mutter! Zumal die Haut der Erilar nicht wirklich verbrannt ist, sondern einfach nur dunkel. So dunkel wie die Augen meines toten Bruders, des geliebten. Obwohl meine Augen die Farben des Wassers haben und mein Haar hell ist wie das von Sif selbst: wie das reife Korn im Wind! Egal. Hauptsache ist, dass wir alle Katzen sind. Kinder der leuchtenden Großen Herrin, der Sonne am Himmel.

Ich weiß jetzt wieder, wie die Ansuz geht. Ritze ins Holz. Runter, kräftig: ein langer Strich. Ganz gerade, steil und stolz. Kerb ihn rein in den Speerschaft, in seine Rundung. Atme durch, konzentriere mich und setze nochmal an: am oberen Ende des Strichs, direkt an dem Ende, seiner Kante. Ritze von da aus schräg runter: den Ast, den einen. Muss plötzlich lachen. Das ist doch auch ein Zeichen? Ja, ich erinnere mich der weisen Frau, der Erilar Worte. Wie heißt das Ding? Laguz! Das fließende Wasser, der Lauch! Das ist nicht die Rune, die ich ritzen will. Ein einziger Schräg-Ast macht den Unterschied. Es ist schon kompliziert mit der Zauberei. Es kommt aufs Detail an, aufs verdammte. Zum Donner! Fast scheint es mir einfacher, einen wehrhaften Mann zu erschlagen, was ja auch geübt sein will, als diesen ritzigen Fitzelkram herzukerben. Alles so klein hier! Hochkonzentriert: Der zweite Ast kerbt sich parallel zum ersten in die Schaftrundung. Dies ist Ansuz. Jau, jahu, gelungen! Die erste! Wie vieleRunen sollen es werden? Sechs, sagte die Erilar, sechs mindestens. Warum sechs, fragte ich. Denn ich bin ja kein Erilar. „Weil sechs das Zeichen des Könnens ist, der Fackel, der Kunst. Und acht schaffst du ja sowieso nicht.“ Sagte die Erilar. Und hat gelacht. Dieses kehlige Lachen, das ich an ihr so liebe. Natürlich schaffe ich acht – hab ich mir vorgenommen. Eine ganze Ætt: eine Familie, eine Sippe! Aber ich sehe schon: Das wird schwierig. Die zweite Ansuz-Rune, die ich ritze, gerät weniger ideal als ihr Vorbild. Ihr zweiter Ast ragt links ein Stück über den Rückgratsstab hinaus. Mist! Hoffentlich gilt das noch… Außerdem ist sie kleiner als die erste. Gleich die nächste ritzen! Mit Schweiß und Not gelingen mir vier – aber irgendwie sehen sie alle aus wie die Kinder, die ich noch nicht zeugte: eins missratener als das andere. Ansuz, Ansuz, Ansuz…

Verzeiht mir, ihr Großen – meine Pfoten sind zu grob, diesen Zauber vollendet zu weben, aber ich hoffe und bitt‘ euch, ihr versteht, wie mein ungelenkes Ritzen gemeint ist. Ihr versteht doch? Um Schutz ruf ich euch an, dich, Speerschüttler, dich, Hammerwerfer, dich, fauchende Sonnenkatze, Herrin des Krieges, den es zu gewinnen gilt: für mich, für den toten Bruder und den lebendigen, der noch keiner ist, für alle Katzen vom Stamm der Katzen – macht meine Hand sicher, lasst diesen Schaft, den sie wirft, über oder in das Heer der Feinde fliegen! Macht mich, bittebittebitte, unverwundbar, groß und mächtig wie den Schreckensbringer selbst! Leiht mir seinen Mantel! Macht mich unversehrbar für Pfeil, Speer und Axt! Denn ihr Großen wisst ja, worum es geht! Wir sind die Katzen! Die, denen wir morgen gegenüberstehen, nennen sich auch so – doch sie sind keine! Die paktieren mit den Legionen des eisernen Lindwurms… von denen sie auch ihre Schwerter haben. Ein römischer Pfeil war es, der meinen Bruder fällte! So weit zu uns hinauf wären die Schildkrötenpanzer des großen Lindwurms aber nie geklappert gekommen, hätten die vom Stamm der falschen Katzen ihnen nicht den Weg gewiesen und bereitet. Wir werden sehen, wer morgen den Speer übers Heer schleudert – es Gungnirs Schüttler weiht, dem Leichenschwelger und seinen schwarzgefiederten Töchtern.

Leiber will ich fällen, Krieger töten, Schwerter von Armen trennen mit der Schneide meiner Klinge, Schädel zertrümmern und in Augen sehen, die brechen, während ein roter Fluss den Schmerz lindern soll, den das bleiche Antlitz meines jüngsten Bruders hinterließ. Ansuz, Ansuz, Ansuz… Atmet mit mir, ihr Großen: Leiht mir euren Atem, den langen. Wenn ich falle, sollen tausend Katzen meinen Tod rächen – wie ich den Fall meines Bruders räche an so vielen von diesen Lindwurmkriegern, wie mein Speer, mein Sax, meine Axt, meine Keule – oder mein bloßer Arm erreicht. Feuer schleudern sie durch die Luft, heißt es – doch es bricht sich an den Bäumen. Morgen noch nicht: erst stellen – und fällen – wir die falschen Katzen, Lindwurms Vorhut. Die haben kein Feuer. Doch wir das der Sonne. Wir sind die Katzen. Krieger Freyjas, der Herrin der Lust, der Vánadis. Ich ritze die Ansuz. Ein-, zwei-, drei-, sechsmal. In den Schaft meines Speers. Der übers Heer fliegen wird. Das Heer der Feinde. Sie dem Einäugigen opfernd. Hoch steht Mani am Himmel. Was höre ich? Die Geräusche des Lagers, wieder. Gesprächsfetzen, Feuerknacken, Scheitgeprassel, Lachen. Rundmond: fast voll. So neigt sich die Nacht! Einem roten Morgen entgegen. Dem Tag der Entscheidung. Zurück, rasch zurück: für ein, zwei Hörner am Feuer – und eine Mütze Schlaf!

Nachtrag. Ich überlebte die Schlacht, und mein Blutsbruder in spe auch. Wir siegten! Gewannen die Schlacht – verloren den Krieg. Andere Geschichte. Ich starb Jahre später. Im Kampf gegen Hennen. Die ich versuchte, aus dem obersten Speicher der Scheune zu verscheuchen – wobei ich vom Balken fiel. Als ich erwachte, war ich tot. Ich sah ins Antlitz der Sonne. Komm ich zu dir, bin ich daheim? Fragte ich. Die Große lächelte. Ich schämte mich, den Strohtod gestorben zu sein: als Krieger! Nicht nach Walhall gekommen. Nicht zu Odin – so sein Name – und den Einherjern. Doch die große Katze lächelte. Willkommen in Folkwang, flüsterte sie. Hier ist es viel schöner. Du bist meine erste Wahl. Und – so ich zu euch – nichts sonst geht euch Sterbliche an. Weshalb es keine Überlieferung gibt von diesem Ort. Lebt euer Leben. Macht’s gut!