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Wikingerkult und Rechtsextremismus – Teil II, geschrieben von MartinM

Samstag, 09. Dezember 2017

WAS ALSO TUN GEGEN DEN „BRAUNEN GERMANEN-KULT?“

Eine Antwort gab aus dem Plenum heraus Professor Rudolf Simek. Er forderte seine Fachkollegen auf, sich mehr für populärwissenschaftliche Arbeiten zu öffnen und eventuell sogar Beiträge für Illustrierte zu verfassen, denn „(…) wenn wir es nicht tun, tun es andere (…)!

Simek zeigt durch eigene an ein breites Publikum gerichtete Veröffentlichungen und durch seine Zusammenarbeit mit Tommy Krappweis schon seit Jahren, wie so etwas aussehen kann.
Auch die Broschüre „Nazis im Wolfspelz“ von Karl Banghard, Leiter des Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen, ist ein guter und wichtiger Ansatz. (Download.) Leider scheint Banghard der einzige seiner Zunft zu sein, der sich bisher überhaupt öffentlichkeitswirksam mit dieser Problematik auseinander gesetzt hat.

Die Broschüre hat aus meiner Sicht einige Mängel, etwa den, dass er seine Darstellung an einer Veranstaltung im polnischen Wollin festmacht – die Rechtslage ist in Polen eine andere, was deutsche „Braunwikinger“ ebenso ausnutzen wie russische „Faschos im Slawenkittel“, von einheimischen Rechtsextremisten ganz zu schweigen. Auch wird die von Banghard zurecht angegriffene Gruppe „Ulfhednar“ heute nicht mehr von einigermaßen seriösen deutschen Veranstaltern gebucht, da sich ihr Umgang mit Hakenkreuzen und völkischen Geschichtsklischees herumgesprochen hat. Die aktuellen Verhältnisse sind also weniger schlimm, als es bei der Lektüre dieser Broschüre den Anschein haben könnte.
Dass sich einige Wikinger-Darsteller und Veranstalter von Wikinger-Märkten ect. von Banghards Darstellung auf den Schlips getreten fühlen, kann ich teilweise nachvollziehen. Die Be- und Zuschreibungen der in der Broschüre dargestellten Symbole sind meines Wissens korrekt, aber, da gebe ich Ralf recht, zu oberflächlich gehalten – sie gehen über die bekannten Auflistungen suspekter und verbotener Symbole kaum hinaus.
Allerdings wäre eine tiefer gehende Darstellung in einem knapp 60 Seiten langen umfangreich illustrierten Heftchen kaum zu machen. Die Broschüre kann allenfalls ein Einstieg sein. Der allerdings andere allgemeinverständliche vertiefte Medieninhalte zum Thema voraussetzen würde, die es kaum gibt.

Sogar die auch von mir an anderen Stelle kritisierte Ausstellung „Graben für Germanien“ war ein notwendiger Beitrag zur Aufarbeitung der „völkischen Achäologie“, vor allem in der Nazieit, des von ihr propagierten Germanenbildes und ihrer Raubgrabungen und Beutezüge in den nazideutsch besetzten Gebieten. Allzu gerne wird nämlich „vergessen“, wie tief die deutsche Archäologie mit dem „Ahnenerbe“ der SS oder dem „Amt Rosenberg“ verstrickt war, und wie wichtig populäre archäologische Darstellungen für die Nazi-Propaganda waren. (Meine Kritik bezog sich vor allem auf den Teil der Ausstellung, der das Fortwirken der völkischen Germanen-Ideologie nach dem Ende Nazi-Deutschlands 1945 zu Thema hat.)

Was Veranstalter unbedingt brauchen

– Es sind klare Regeln, die szenetypische Kleidung bei Besuchern und vor allem der Verkauf und die Präsentation entsprechender Symbole durch Mitwirkende (Reenactors und Händler) verbieten, und der Wille, diese Verbote gegebenenfalls konsequent und hart durchzusetzen. Meistens wurden solche Regeln leider erst nach Auffälligkeiten entwickelt – und allzu oft braucht es einen handfesten Skandal, um den laxen Umgang mit „Armanen-Runen“, historisch unbelegten Hakenkreuzen und ähnlichem zu ahnden.
Sogar in den Hausordnungen der meisten Museen fehlen solche Verbote.

Vorbildlich ist in dieser Hinsicht das Kreismuseum Wewelsburg. Es hat sich eine äußerst rigorose Hausordnunggegeben, welche wahrscheinlich keinen Raum mehr für rechtsextremistische Inszenierungen lässt. Vor allem der Punkt „insbesondere das offene Tragen jeglicher rechtsextremer Kennzeichen ist nicht erlaubt“ wird konsequent durchgesetzt – „jegliche rechtsextreme Kennzeichen“ umfasst im Zweifel alles, was extrem rechts sein könnte – der Verdacht reicht nach Hausrecht völlig aus, um den Zutritt zu verwehren. Also muss nicht nur der Thor-Steinar-Pullover ausgezogen werden, sondern auch das Basketball-Trikot mit der Rückennummer 88, und Thorshämmer sind bitte, wenn überhaupt, verdeckt zu tragen. Und zum Rauswurf reicht auf der Wewelsburg ein schlechter Witz oder eine zynische Bemerkung – mit Recht angesichts der Bedeutung als Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus!

Eine ähnlich straffe Hausordnung hat das Freilichtmuseeum Oerlinghausen, die allerdings dem Vernehmen nach nicht ganz so rigoros durchgesetzt wird. (Also z. B. Ermahnung statt gleich Hausverbot. Das ist angemessen, denn es ist ja auch keine Gedenkstätte und auch kein „rechter Wallfahrtsort“.)

Ob harte Regeln auch für andere, weniger im Brennpunkt rechter Ideologen stehende, Museen ein akzeptabler und gangbarer Weg ist, ist eine Frage der konkreten Situation. Ich denke, Regeln nach Wewelsburg-Vorbild gehören in alle Hausordnungen, wie hart sie dann durchgesetzt werden, hängt vom einzelnen Museum an – z. B. wäre es schlicht nicht möglich, Thorshammerträger_innen aus dem Museum Heithabu zu verweisen, oder in einem viel besuchten Freilichtmuseum alle Kleidungsstücke auf mögliche Nazi-Codes zu checken.

Sehr nachahmenswert ist die Aktion Flagge zeigen gegen Geschichtsmissbrauch, für die Ralf folgenden Aufkleber für Läden und Verkaufsstände entworfen hat:

Das alles kann aber nur ein Beitrag sein – entscheidend ist es, den völkischen Geschichtslegenden die (mindestens ebenso spannenden) historischen Tatsachen entgegen zu setzten.

Knapper Hintergrundartikel von „blick nach rechts“ (brn): Brauner Germanenkult
Ein Artikel im „ND“, der das zentrale Problem herausarbeitet-:
Verleumdung und Verharmlosung
Bericht des „Flensburger Tageblatts“:
Bedenklicher Wikingerkult

Wikingerkult und Rechtsextremismus – Teil I, geschrieben von MartinM

Samstag, 02. Dezember 2017

Die Fachtagung mit dem Titel „Odin mit uns! – Wikingerkult und Rechtsextremismus“ fand am 9. und 10. Oktober 2017 in der Akademie Sankelmark statt. Anlass war ein Vorfall auf den Wikingertagen in Schleswig 2016, als ein Darsteller mit einem achtspeichigen Hakenkreuzmotiv auf seinem Schild kämpfte, und das zunächst sowohl beim Veranstalter wie bei der Lokalpresse „durchrutschte“.
Der Vorfall belebte eine schon lange andauernde Diskussion: Wird die suspekte Symbolik aus Naivität, der Provokation halber oder als politisches Statement verwendet?
Dahinter steckt ein Kernproblem, dass Gideon Botsch (Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus der Universität Potsdam) auf der Tagung als eine „historisch-fiktionale Gegengeschichte“ beschrieb, die durch das rechtsextreme Spektrum geschaffen wurde. Auf der Website der Tagung wird das Problem „völkische Geschichtsklitterung“ so umrissen:

Fakt ist, dass sich in Bereichen, in denen angeblich authentische Darstellungen von Wikingern eine Rolle spielen, Rechtsextreme mit ihren Wertvorstellungen viele Anknüpfungspunkte finden. Hier können sie ihre ideologischen Botschaften hinter historisierenden Ausstattungen und Symboliken verbergen. Dies geschieht im Umfeld von Reenactment und diversen Wikinger -, Mittelalter oder Musikfestivals, im Vikingrock und Paganmetal oder in neopagenen religiösen Gruppen – die Grenzen zwischen wissenschaftlich nachweisbarer Realität, folkloristischer Aufbereitung und politischer Pose verschwimmen immer wieder.
Ob Rituale, Runen, Musik oder Kleidung – Wikingermotive und Mythen dienen der extremen und neuen Rechten als Fundamente für eine Identitätsproduktion, die immer noch in der „Blut und Boden“ Ideologie verankert ist.
Die Fachtagung will aus multidisziplinärer Perspektive mit Expert_innen aus Theorie und Praxis den Verbindungslinien von Wikingerkult und Rechtsextremismus nachgehen.

Damit ist ein harter Vorwurf sowohl an Menschen aus den Bereichen „Reenactment“ und „Living History“, also der möglichst realitätsnahen Dastellung historischer Ereignisse und Kulturen, hier des Frühmittelalters, wie an Heiden verbunden: Sowohl Geschichtsdarsteller wie „neopagane religiöse Gruppen“ würden das wissenschaftliche Bild der Wikingerkultur verfälscht darstellen.
Offizielle Dokumentation der Veranstaltung: Dokumentation – „Odin mit uns!“ Wikingerkult und Rechtsextremismus.
Einen Bericht mit lesenswerten Gedanken schrieb Ralf Matthies (Eldaring), in dem er einige Schwächen der Veranstaltung darlegte: Nachgedanken zur Fachtagung „Wikingerkult und Rechtsextremismus“.
Ralf bemängelt unter anderem, ausgerechnet die „oberflächliche mediale Sommerloch-Berichterstattung über die Schildbemalung mit einem Hakenkreuz“ als Aufhänger zu wählen – das musste, Ralf zufolge, in Anbetracht der vorausgegangenen Diskussionen innerhalb der Reenactment-Szene „nach hinten losgehen“. Die Unsachlichkeiten riefen Trotzreaktionen und Verweigerung hervor.
Ähnlich sähe es bei den Heiden aus. Wenn auf einem Workshop allen Ernstes auch darüber diskutiert wird, ob „ein Anknüpfen an germanische Religionen immer rechts konnotiert sein muss“, dann trüge diese Unwissenheit mit Sicherheit nicht zum Brückenschlag bei.
Ralf stellt sarkastisch fest, dass man im Einladungstext genauso gut eine andere Frage hätte formulieren können: „Muss die heutige Archäologie zwingend am rechtsextremen Ahnenerbe anknüpfen?“ Wieviele Archäologen wären dem Ruf zur Tagung dann wohl gefolgt und hätten daran teilgenommen?
Ralf bemängelt auch, dass während der Tagung Begriffe wie „erfundene Religion“ und andere unschöne Formulierungen gefallen wären.
Problematisch wäre auch, dass der Workshop „Neopagane Religiösität und ihre wikingerzeitlichen Vorbilder“ durch einen evangelischen Theologen geleitet wurde, welcher die Stellung eines „Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen“ einnimmt. Herr Dr. Pöhlmann mag fachlich kompetent sein, er ist aber zwangsläufig parteiisch, und damit als Leiter und Moderator ungeeignet.
Letzten Endes waren die, die es in ersten Linie angeht – die Wikinger-Darsteller und die germanisch orientierten Heiden – nur spärlich vertreten, und die meistens davon in „Doppelfunktion“, etwa Museumsleute, die Erfahrung mit Living History haben.

Mit anderem Schwerpunkt berichtet eine junge Archäologin auf ihrem Blog „Miss Jones“:

Tagungsbericht „Odin mit uns“ – Fachtagung zu Wikingerkult und Rechtsextremismus
Bemerkenswert erscheint mir „Miss Jones“ Feststellung, dass die meisten Anwesenden einen fachwissenschaftlichen Hintergrund hätten, welcher ihnen einen Bezug zu einem der beiden Themenfelder bot: entweder Menschen die sich aus vielen Perspektiven mit Archäologie auseinandersetzen, oder Menschen, die sich mit Rechtsextremismus auseinandersetzten. „Das hatte zur Folge, dass der gegenseitige Bildungsgrad für das jeweils andere Thema oftmals relativ gering war. Auch die Verständnisse der Art und Weise, wie die jeweiligen Herangehensweisen grundlegend funktionieren, waren wenig bis gar nicht ausgeprägt.“

„Jones“ hätte sich beispielsweise ein weniger plakatives Thema für eine Podiumsdiskussion gewünscht, als ausgerechnet „Wikinger mit Hakenkreuz? Wie authentisch muss eine lebendige Vermittlung von Geschichte sein?“

Die Hauptproblematik bestand dabei darin, dass es der wissenschaftlichen Seite von vornherein gelang, rechten Radikalismus als Problem der Reenactmentszene zu definieren, sodass Vertreter dieser Gruppierungen von vornherein einem Rechtfertigungszwang unterlagen. Die teilweise sehr reflektierten Aussagen teilnehmender Vertreter dieser Gruppierungen minderten diesen Diskurs jedoch nicht. Dabei ist für den Zeitraum der gesamten Tagung zu verzeichnen gewesen, dass nationalistisches Gedankengut einer am Rand stehenden Minderheit zugerechnet wurde. Eine Eigenreflektion auf mögliche rechte Gedanken in eigenen inneren Diskursen und Gedanken welche sich bereits in der Mitte der Gesellschaft befinden, und damit in Rückkopplung einen Einfluss aus gesellschaftswissenschaftliche Analysen wie in der Archäologie haben, fand dabei nicht statt. An Stelle dessen wurde dieses Phänomen von vornherein ausgeschlossen

Nehme ich Ralfs und „Jones’“ Beobachtung zusammen, mussten die meisten „Workshops“ und Vorträge mangels eigentlich notwendigen gemeinsamen Vorwissens zwangsläufig oberflächlich bleiben. Womit dann auch die gesamte Tagung ergebnissarm bleiben musste.

Zurück zum zentralen Problem, nämlich dem, dass „die Wikinger“ für Neonazis und „neue Rechte“ eine Art „trojanisches Pferd“ sind, mit dem sie ihre rassistische Weltsicht in das Geschichtsbild der „Normaldeutschen“ schleusen. Schon die „alten Nazis“ waren erschreckend erfolgreich damit gewesen, Geschichte in ihrem Sinne zu erzählen, um unterschwellig ihre Weltanschauung in die Köpfe der Deutschen zu pflanzen. Daraus ergibt sich die drängende Frag: Was kann man dem entgegen setzen?
Erschreckend ist auch, wie vielen Mitwirkenden der heutigen Wikingerszene gar nicht bewusst ist, welche Faszination sie mit ihrer Darstellung für die Anhänger nordischer Rassenlehren ausüben. Besonders deutlich wurde dieses, als 2016 plötzlich Bilder von Wikingerdarstellern auf Facebookseiten auftauchten, die sich „Save our White Children!“ und „Proud European Heritage“ nannten. Dort wurden sogar Fotos von Kindern aus der Reenactmentszene ungefragt politisch verwendet, und Fotos von Wikingerdarstellern ohne deren Kenntnis, geschweige denn Zustimmung, mit Texten wie „I am proud to be a white heterosexual!“ versehen.

Nicht minder erschreckend ist meines Erachtens das geringe Problembewusstsein vieler Archäologen und Museumsleute, und der generell veraltete und unzureichende Kenntnisstand vieler der beteiligten Teilnehmer. Ralf schreibt:

Was sich themenbezüglich alleine in den letzten zehn Jahren in sozialen Netzwerken oder auch in Diskussionsforen entwickelte, war den meisten Wissenschaftlern auf dieser Tagung leider nahezu unbekannt. Diese Unkenntnis wurde auch kurz thematisiert und es wurde festgehalten, dass hier Nachholbedarf besteht. Wie das allerdings gehen soll, wenn sich die Forscher auch zukünftig verweigern, an profanen Diskussionen teilzunehmen, bleibt zunächst noch ein Rätsel. Was hilft es, die geschichtliche Parallelentwicklung von Archäologie als Wissenschaft und die Begriffsbildung von Nation als eine Ursache der Problematik klar herauszuarbeiten, wie es Dr. Ulf Ickerodt in seinem Vortragsteil tat, wenn es „nicht Aufgabe der Forschung ist, ihre Ergebnisse einem breiten Publikum vorzustellen“? Sollte sich Forschung nicht mit aktueller Recherche nach Wikingerrezeption verbinden, wie sie beispielsweise Jan Raabe durch den aktuellen Besuch der Wikingertage und detaillierte Kenntnisse im Bereich Neopaganismus erbringt? Er gilt als Experte für Rechtsrock, konnte jedoch mit seinem Vortragsteil genau diese Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und „Umsetzung“ des Wikingerbildes verdeutlichen.

Angesichts dessen wundert es mich nicht, dass zwar gern auf „Freizeit-Wikinger“ und „Germanengläubige“ gezeigt wird, aber der eigene Anteil daran, dass völkische Geschichtsklittierungen auf dem Vormarsch sind, von Fachwissenschaftlern und Museen fast durchweg übersehen wird.

Ende Teil I

Stellenwert und Ansehen der Götter – geschrieben von René Dieken

Samstag, 25. November 2017

In der Hrafnkels saga freysgoða finden wir Hinweise welchen Stellenwert die Götter früher hatten.

>>> Als aber Hrafnkell das Land zu Adalbol in Besitz genommen hatte, da veranstaltete er ein grosses Opfer; er Hess einen grossen Tempel erbauen.
Hrafnkell liebte keinen Gott mehr als Freyr und ihm gab er von allen seinen besten Kostbarkeiten die Hälfte.<<<<

Zudem erzählt die Saga uns noch, was passieren kann, wenn man ein Versprechen den Göttern gegenüber nicht halten konnte.

Kurzversion :
Hrafnkell weihte seinen Hengst Freyfaxi Frey und schenkte ihm die Hälfte und versprach jeden zu töten der es wagen würde diesen zu reiten. Einarr wurde von Hrafnkell eingestellt und sollte die Tiere hüten und bekam die Warnung, dass er alle Pferde nutzen dürfe außer Freyfaxi. An einem Morgen war die Herde weg und er dachte sich er nutzt das schnellste Pferd und ritt mit Freyfaxi aus um die Herde zu suchen und fand sie auch, doch beim Zurücktreiben warf Freyfaxi Einnar ab und ritt zum Hause Hrafnkell zurück, der gerade beim Essen war. Er nahm daraufhin seine Axt und tötete Einarr um sein Versprechen gegenüber Freyr einzuhalten.

Foto von René Dieken

Wenn man bedenkt, dass auf die Tötung die Verbannung stand, kann man nicht davon sprechen, dass Menschen Götter gleichgestellt waren. Denn Hrafnkell riskierte die Verbannung und den Verlust von all seinem Hab und Gut um Freyr zu besänftigen. Zudem ist die Schenkung der Hälfte seines Besitzes (in dem Falle auch das Vergraben seines Gold Silber und Co.) ein Beleg für die Ehrerbietung die
er für seinen Lieblingsgott Freyr hatte.

Kommen wir nun zu Ibrahim ibn Ahmed at-Tartuschi (ein Chronist aus Tortosa der in Haithabu zu Gast war im 10ten Jahrhundert ). Ihre Bewohner sind Sirusanbeter (Anmerkung dazu , Arabische Reisende/Chronisten dachten damals das Heidentum wäre eine zentrale Allgemeinreligion mit den selben Göttern und nannten daher alle Heiden Siriusanbeter) außer einer kleinen Anzahl, welche Christen sind und die dort eine Kirche besitzen.

Sie feiern ein Fest, an dem die alle zusammenkommen um den Gott zu ehren und um zu essen und zu trinken. Wer den Göttern ein Opfertier schlachtet errichtet an der Tür Pfähle und bringt das Opfertier darauf. Sei es ein Rind oder ein Widder oder ein Ziegenbock oder ein Schwein, damit die Leute
wissen, dass er es seinem Gotte zu Ehren opfert.

Die Stadt Haithabu selber ist arm an Gütern und Segen (aus arabischer Sicht ) und ihre Hauptnahrung besteht aus Fischen, denn die sind dort zahlreich. Bezogen auf die Praktik größere Tiere den Göttern zu opfern und Tartuschis Hinweis, dass an sich die Nahrung großteils auf Fisch besteht, beweist auch welche Opfer den Göttern gebracht wurden. Statt für sich die Tiere zu verwenden wurden sie den Göttern geopfert. Was einen großen Verzicht innerhalb der Familie brachte und man dann sich lieber dem Fisch zuwendete. Was auch ein Hinweis darauf ist, dass der damalige Mensch sich nicht
gleich mit den Göttern sah.

Dann hätten wir da den Stentoftenstein. Der 1,2 m hohe Stein wurde 1864 in die Kirche von Sölvesborg verbracht und im dortigen Portal aufgestellt. Die neuere Übersetzung des Textes zeigt auf, dass der Erbauer/Aufsteller des Steines auf sein Opfer aufmerksam machte wollte, das er
den Göttern gab um so für ein gutes Jahr zu sorgen.

„Durch das Opfer von neun Böcken, neun Hengsten gab Haþuwolafʀ ein gutes Jahr. Hariwolafʀ ist dem Jungen jetzt Schutz. Der Glanzrunen Reihe berge ich hier, Zauberrunen. Rastlos durch Argheit, eines tückischen Todes ist, wer dies Denkmal zerstört.

Und wenn man den Wert von 9 Hengsten zu der Zeit betrachtet, war das nicht gerade ein kleines Opfer. Zudem erhofft er durch die Anbringung von Runen, dass denjenigen der Tod ereilt, der diesen Stein zerstört.

Und dann zitieren wir mal Ibn Fadlan aus seinem Reisebericht aus dem 10ten Jahrhundert. So bald ihre Schiffe an diesen Ankerplatz gelangt sind, geht jeder von ihnen an Land, hat Brot, Fleisch, Zwiebeln, Milch und berauschend Getränk bei sich und begibt sich zu einem aufgerichteten hohen Holze, das wie ein menschlich Gesicht hat und von kleinen Statuen umgeben ist,
hinter welchen sich noch andere hohe Hölzer aufgerichtet befinden.
Er tritt zu der großen hölzernen Figur, wirft sich vor ihr zur Erde nieder und spricht:
„o mein Herr! ich bin aus fernem Lande gekommen, führe so und so viel Mädchen mit mir, und von Zobeln so und so viel Felle;“ und während er alle seine mitgebrachte Handelsware aufgezählt, fährt er fort: „Dir hab‘ ich dies Geschenk gebracht,“ legt dann, was er gebracht vor die hölzerne
Statue und sagt: „ich wünsche, Du bescherest mir einen Käufer, der brav Gold- und Silberstücke hat, der mir abkauft alles, was ich möchte, und der mir in keiner meiner Forderungen zuwider ist.“ Dies gesagt, geht er weg.

Besonders Fadlans Bericht zeigt auf, dass der damalige Mensch seine Götter geehrt hat und auch vor ihnen gekniet hat. Und sich nicht auf eine Ebene mit ihnen gestellt hat, wie es heute oft zu lesen gibt und von vielen Neuheiden propagiert wird. Denn ein Mensch ist nur ein Mensch und nicht auf derselben Stufe wie ein Gott.

Solange das deutsche Heidentum sich nicht von diversen Klischees wie z.B. der stolz stehende Heide, der nie kniet und Seite an Seite mit den Göttern in die Schlacht zieht und anderen Wagner´esken Fieberphantasien verabschiedet, wird es niemals eine Chance haben ernst genommen zu werden.

Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie – Teil II, geschrieben von Sue

Samstag, 05. August 2017

Wahrscheinlich werden sich die meisten jetzt fragen:

Aber WO bitte bleibt jetzt die VERWANDLUNG?

Nun, die meisten Sagas kennen verschiedene Arten der Verwandlung. Von der körperlichen, bis hin zur geistigen oder astralen Verwandlung ist alles möglich. Wenn man die Verkleidung und die körperlichen Symptome zusammennimmt, kann es den damaligen Menschen auch gut wie eine „richtige“ Verwandlung vorgekommen sein.

Vendel-period bronze plate discoverd on Öland (Torslunda socken), Sweden. Image credit: Benganshistoriasidor/wadbring.com/historia/index.htm

Interessant ist die Geschichte von Bödvar Bjarki (Bjarki = Bär), dessen menschliche Hülle bei einer wichtigen Schlacht wie schlafend im Zelt liegt, während er auf dem Schlachtfeld als gewaltiger Bär erscheint. Als man Bödvar weckt und bei seinem Namen ruft, verschwindet der Bär und Bödvar eilt aufs Schlachtfeld, wo er mit seinem König untergeht.

Eine weitere wichtige Frage ist wohl, wie diese Besessenheit zustande kam. Viele werden die wahnwitzigsten Theorien von Erbkrankheit über Drogen wie Pilze, Alkohol oder ähnliche Geschichten kennen.
Um es kurz zu halten: Man weiß es nicht. Für die Fliegenpilztheorie, die ich selbst für äußerst unwahrscheinlich halte, spricht lediglich, dass der Fliegenpilz auf Island bis heute Berserkssveppur heißt.
Ansonsten ist in den Breitengraden, in denen dieses Phänomen auftauchte, der Fliegenpilz nicht heimisch und auch seine Anwendung birgt so seine Tücken. So kann man seine Wirkung nie genau abschätzen. Und niemand braucht Krieger, die in der Schlacht anfangen, rumzukotzen oder Panikattacken bekommen. Versuche haben gezeigt, dass sowohl Alkohol als auch der Fliegenpilz den kämpferischen Fähigkeiten eher ab- als zuträglich sind. Auch ist nirgendwo in den Sagas die Rede von Drogen“genuss“. Auch die Berichte über das mehr oder weniger „zufällige“ Auftreten des Berserkerganges sprechen dagegen.

Meine Persönliche Theorie dafür ist, dass es eine vererbliche Bereitschaft dazu gab und es außerdem erlernt werden konnte. Es ist eine Art Trance IMO. Im Prinzip kann das jeder erlernen und mancher wird es aus Bedrohungssituationen her kennen, wenn man beispielsweise in der Schule verprügelt wird und sich in der höchsten Anspannung plötzlich vom Gejagten zum Jäger verwandelt. Es hat viel mit Adrenalin zu tun und ist eigentlich ein natürlicher Vorgang. Auch diverse Krankheitsbilder schließen sich nicht aus.
Für die Vererbungstheorie spricht, dass das Berserker-Phänomen meist in mehreren Fällen in der Familie auftrat, wie zum Beispiel in der Egil Saga. Schon über Egils Großvater Kveldulf (Abendwolf) hieß es: „Aber jeden Tag, wenn es Abend wurde, wurde er so unwirsch, dass niemand mehr mit ihm sprechen konnte. Das war nicht lang, bevor er zu Bett ging. Es hieß, er sei ein Gestaltwandler und die Leute nannten ihn kveldulf“. Bei Skalla-Grim, Egils Vater, spricht die oben genannte Geschichte mit dem Ballspiel Bände. Auch Egil steht beiden in nichts nach. Er wird als „so hässlich und schwarzhaarig wie sein Vater beschrieben“ und erschlägt schon als Kind einen seiner Spielkameraden. Als er auf Vikingfahrt fährt, besteht er viele Abenteuer wie durch ein Wunder nahezu unverletzt. In der Edda-Geschichte „Der Kampf auf Samsey“ muss sich der Held mit gleich 12 Berserkerbrüdern herumschlagen. Überhaupt treten Berserker gern zu 12t auf. Oft waren sie auch magisch oder kreativ begabt, was auch als Geschenk Odins angesehen wurde.

The Ugly Duchess – portrait by Quentin Matsys. Michael Baum, emeritus professor of surgery at University College London, suggested that the sitter had Paget’s disease of bone

Für meine Krankheitstheorie sprechen diverse Hinweise auf das Paget-Syndrom in Egils Geschichte. Das Paget-Syndrom hemmt den Knochenabbau, sodass die Knochen – vor Allem der Schädel – dick und wellig werden, was Schmerzen und auch Schäden am Gehirn verursachen kann. Dies kann unter anderem auch besagte Anfälle verursachen. In der Egils Saga heißt es, dass man Jahrhunderte später seinen Schädel gefunden habe und versucht hätte, ihn mit der Axt zu spalten, was aufgrund der Knochenbeschaffenheit aber nicht möglich gewesen wäre.

Aber auch psychische Störungen halte ich für durchaus möglich. Zum Beispiel die Intermittant Explosive Disorder, die zerstörerische Wutanfälle zur Folge hat. Oder diverse andere Störungen der Impulskontrolle.
Auch ihre gesellschaftliche Stellung ist sehr umstritten. Viele Könige umgaben sich mit diesen – doch manchmal sehr schwierigen – Zeitgenossen, und oft gehörten sie sogar zu seiner persönlichen Leibgarde. Andere wiederum waren von der Gesellschaft ausgeschlossen und verdienten sich ihren Unterhalt mit Überfällen oder Holmgängen (Duellen), wobei sie den Besitz des Verlierers einkassierten. Allgemein wurden Berserker von ihrer Gesellschaft wegen ihrer Unkontrollierbarkeit oft eher argwöhnisch beäugt.

Mit der Christianisierung gerieten sie noch mehr in Verruf. Es entstanden Legenden, in denen sie die Gegenspieler von Heiligen oder Bischöfen wurden und durch ein „Wunder“ von diesen vernichtet. Nach und nach wurden diese Brauchtümer verboten und auf Island 1123 sogar folgendes Gesetz erlassen: “ Wer sich in Berserkerwut versetzt, wird mit drei Jahren Verbannung bestraft“. Von da an waren diese Männer wie ausgestorben. Aber nicht die Grundidee des Gestaltwandels.
Aus den Wolfsfellen der Ulfhednar wurde der magische Gürtel, mit denen die Werwölfe des Mittelalters sich angeblich verwandeln konnten. Aus Odin, dem wütenden, aufhetzenden Sturm- und Kriegsgott, wurde der listige Satan, der immer auf der Suche nach neuen, schwachen Seelen ist um sie für seine Dienste einzuspannen. Auch die Geschichte des „Bärenhäuters“, der vom Teufel gezwungen wird, 7 Jahre ungepflegt außerhalb der Gesellschaft zu leben, mag vielleicht auf die Initiationsriten alter Kriegerbünde zurückführen. Es gab überhaupt einen sehr umfangreichen Fundus an Werwolfgeschichten und –mythen. Im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit gab es regelrechte Werwolfprozesse, die aber mehr als umstritten sind. Mit Beginn der ersten Forschungen in der Psychologie wurde aus der „lykantropie“ schnell ein Krankheitsbild gemacht. Heutzutage ist man mit solchen Diagnosen nicht so schnell bei der Hand, sondern lässt Menschen, die sich als solche sehen meistens in Ruhe, solange sie sich oder anderen nicht schaden. Dass das Thema bis heute die meisten Menschen sehr beschäftigt, sieht man allein schon an all den Filmen und Büchern, die es zu dem Thema gibt.

Wenn man mich abschließend fragen würde, ob es sie gibt?

Ja, es gibt sie meiner Meinung und vor Allem meiner Erfahrung nach. Menschen, die Tiere in sich tragen und sich auch in sie verwandeln können. Eng damit verwoben ist das Phänomen der Otherkin und der verschiedenen Spielarten dessen. Es gibt sogar vereinzelt Communities, in denen noch Berserker und Ulfhednar vertreten sind und sich austauschen (wobei meiner Meinung nach auch oft Kritik hinsichtlich Motivation und „Authenzität“ geboten ist). Unterschied zwischen Shapeshiftern und Otherkins wird übrigens überall anders beschrieben. Bis jetzt bin ich noch nicht richtig auf eine Erklärung gestoßen, die mir zusagt. Bin für jeden Input dankbar.

Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie – Teil I, geschrieben von Sue

Samstag, 15. Juli 2017

Wenn man von Gestaltwandlern in der nordisch-germanischen Mythologie erzählen will, muss man zuallererst mit den Göttern anfangen:

Odin, der oberste Gott, wird als gestaltmächtig beschrieben. Er verwandelt sich in einen Adler und eine Schlange, um an den Skaldenmet zu kommen, der von einer Riesin bewacht wird. Er streift gern verkleidet durch die Welt und hat über 150 heiti – das sind Beinamen, die allein schon für seine Wandlungsfähigkeit sprechen. Namen wie „Svipall“- der Veränderliche oder „Grimnir“ – der Maskierte, Behelmte, sprechen Bände.

Abbildung von Loki mit einem Fischernetz aus der isländischen Eddahandschrift NKS 1867 4to von Ólafur Brynjúlfsson (1760)

Sein Blutsbruder Loki ist ähnlich gestaltmächtig. Er verwandelte sich in eine Stute, um den Bau von Asgard zu verzögern. Er verführte den Hengst des Bauherrn Svadilfari, der daraufhin die Frist nicht einhalten konnte und von Thor erschlagen wurde. Aber damit nicht genug, er wurde als Stute trächtig und gebar Sleipnir, Odins berühmtes achtbeiniges Pferd. Auch hat sich Loki in einen Lachs verwandelt, um den wütenden Asen zu entfliehen, ebenso in eine Fliege, einen Adler oder eine alte Frau.

Die Göttin Freya hat ein Falkengewand, mit dem sie fliegen oder sich auch in einen solchen verwandeln kann.

Der Gedanke von Menschen, die sich in Tiere verwandeln ist uralt

In Ägypten wurden die Götter oft mit Tierköpfen dargestellt und verwandelten sich auch in solche. In der griechischen Mythologie wurde König Lykaon (von: ho lykos – der Wolf) von Zeus in einen Wolf verwandelt, weil er ihm Menschenfleisch vorsetzte. Sein Name lebt bis heute im Begriff „Lykanthropie“ (von lykos – Wolf und athropos – Mensch) fort.
Im außereuropäischen Bereich gibt es beispielsweise auch Werlöwen oder –leoparden. Man nimmt an, dass gewisse Tierkulte von den Skythen in unseren Kulturkreis kamen. Der Geschichtsschreiber Hesiod sagt: „… die Skythen und die im Skythenland wohnenden Hellenen behaupten, jährlich einmal verwandle sich jeder der Neuren für wenige Tage in einen Wolf und trete dann wieder in den menschlichen Zustand zurück.“
Der Tierkult wurde aufgegriffen und weiterentwickelt. Constantin der VII., der König von Byzanz hatte beispielsweise die sogenannte „Warägergarde“, die rituelle Tänze in Wolfsverkleidungen vollführte.

Das Wort „Werwolf“ ist germanisch und leitet sich von „wer“- Mann und „Wolf“- Wolf ab. Indem man sich ein Tierfell überwarf und es nachahmte, wurde man eins mit dem Tier – verwandelte sich in eins. Ebenso gab es Erzählungen, dass wenn man sich das Blut oder gewisse andere Körperteile (wie das Herz z. B.) eines Tieres einverleibte, sich seine Kraft zu Eigen machte.
Wölfe haben in der germanischen Mythologie eine große Bedeutung. Zwei Wölfe, Geri und Freki, begleiten Odin auf Schritt und Tritt. Ebenso sind es zwei Wölfe, die Sonne und Mond über den Himmel jagen. Der Fenriswolf wird von den Göttern gefesselt und wartet auf Ragnarök um den Göttervater zu fressen. Wie man sieht, hat der Wolf nicht unbedingt ein positives Bild. Er ist eng mit dem Tod assoziiert, da er nach Schlachten über die Schlachtfelder streift, um die Toten zu fressen. Ebenso ist Odin auch als Totengott bekannt. Ein „vargr“, Wolf, war auch ein Gesetzloser, Vogelfreier, der heimatlos umherstreifte und überall getötet werden durfte.

Auch der Bär hat eine große Bedeutung. Er war das größte Landraubtier im mittel- und nordeuropäischen Raum und galt als der König der Tiere, bevor ihm der Löwe den Rang abtrat. In vielen Kulturen, galt die direkte Benennung des Bären als Tabu und man erfand Alternativbegriffe. Man nimmt an, dass das Wort Bär sich auf das Wort brun – braun bezieht, welches einen dieser Alternativbegriffe darstellt („der Braune). In fast allen anderen Sprachen stammt der Name aus dem Griechischen – arctos.
Er wird oft mit dem Menschen in Verbindung gebracht, weil er viele augenscheinlich menschliche Verhaltensweisen hat. Er ist Allesfresser und kann sich auf die Hinterbeine stellen. Weibliche Bären sind sehr um ihre Jungen besorgt, die selbst wiederum verspielt und neugierig sind. Durch ihre Winterruhe haben auch Bären gewisse Todesnähe, aber durchaus gekoppelt mit Wiedergeburt. In der Winterruhe bringen die Bärinnen ihre Jungen zur Welt, und wenn sie die Höhle verlassen, sind sie schon relativ groß und mobil. Dies muss auf die damaligen Menschen beeindruckend gewirkt haben.

In der damaligen Zeit war der Glaube an Gestaltwandel weit verbreitet

 Das bezeugen die vielen Namen, die Tierelemente in sich tragen („Bär“: Bruno, Björn-, Bjarn- „Wolf“: Ulf-, Wolf- , ect.). Ebenso reich sind die Begriffe, die es dafür gab: der Begriff „hamhleypa“ bezeichnet meist eine gestaltmächtige Hexe. „hamrammr“ bezeichnet eher Männer. Auch das Wort „hamask“ bezieht sich darauf.
Alle diese Begriffe beziehen sich auf das Wort „hamr“ – „Hülle“ oder auch „Haut“. Das Wort „hamask“ möchte ich hier besonders betonen. „hamask at“ heißt nicht allein die Gestalt wandeln, sondern auch eine Art Bessenheit, Wüten. „hamrammr“ und „hamask“ ist meistens Kriegern vorbehalten, die sich in Tierfelle kleiden um sich in solche zu verwandeln: Berserkir und Ulfhednar.
Die sprichwörtliche Berserkerwut, hat sich bis heute in unserem Wortschatz gehalten (ebenso im englischen „go berserk“ und skandinavischen Sprachen „go berserksgang“).

Die Berserker und Ulfhednar werden ausdrücklich als „Odins Männer“ bezeichnet, was auch zur Eigenschaft Odins als Gott des Krieges, der Wut und der Ekstase passt. Sein südgermanischer Name „Wodan“ bedeutet „der Wütende“. Adam von Bremen drückt es so aus: „Wodan id est furor“ – Wodan ist Wut. Fundstücke aus verschieden Zeiten und Orten zeigen Krieger mit Waffen und Tiermasken, die entweder mit einer Figur tanzen, die möglicherweise Odin darstellt) oder laufen.

Zur Etymologie der Wörter

Berserker (Plural: Berserkir): das Wort stammt aus dem Nordischen und ist von umstrittener Bedeutung. Man nimmt an, dass es entweder von „ber“ – Bär oder „berr“ – bloß, nackt stammt. „Serk“ bedeutet Hemd oder auch Rüstung. Darauf lässt sich schließen, dass diese Männer entweder ohne Rüstung kämpften, oder in Tierverkleidungen.
Ulfhedin (Plural: Ulfhednar): dieses Wort stammt auch aus dem Nordischen und stammt von „Ulf“ – Wolf und „hedin“ ist ein Mantel (meist mit Kapuze). Man könnte es also als „Wolfsmantel“ übersetzen. Man geht davon aus, dass sie eine ähnliche Funktion wie die Berserker hatten, mit dem Unterschied in der Kleidung und dem Verhalten.

Die Sagas drücken diesen Verhaltensunterschied wie folgt aus:
„grenjuðu berserkir, guðr vas á sinnum, emjuðu Ulfheðnar ok ísörn dúðu.“
„Es brüllten die Berserker, der Kampf kam in Gang, es heulten die Wolfspelze und schüttelten die Eisen.“[4]

Mal abgesehen von dieser Beschreibung gilt in dem nachfolgenden Text alles genauso für die Ulfhednar, auch wenn nur von Berserkern die Rede ist. Beide werden in den Sagas sehr oft erwähnt, wenn es um Schlachten ging. Sie standen meist in der vordersten Reihe, da sie auch wegen ihres psychologischen Effekts auf die Gegner äußerst beliebte Kampfeinheiten waren. Ihnen wurden diverse magische Eigenschaften nachgesagt:
„Aber seine [Odins] eigenen Mannen gingen ohne Brünnen, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Menschenvolk, und weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Man nannte dies ‚Berserkergang‘.“
Auch hieß es, dass sie mit ihrem Blick Klingen stumpf machen könnten. Sie kämpften oft noch mit Verletzungen weiter, die für andere tödlich gewesen wären.

Über den Berserkergang selbst heißt es, dass er mit Unruhe, Zittern, veränderter Gesichtsfarbe anfing, später dann in Brüllen und Beißen in den eigenen Schild überging. Das Schildbeißen muss wohl sehr charakteristisch gewesen sein, da sogar Schachfiguren gefunden wurden, die das Motiv eines schildbeißenden Kriegers zeigten. Dann fielen die Männer in ein rauschhaftes Verhalten, dass aber ihre (kämpferischen) Fähigkeiten nicht etwa verminderte, sondern im Gegenteil – stärker werden ließ.

In der Egils Saga heißt es: „What people say about shape-changers or those who go into berserk fits is this: that as long as they’re in the frenzy they’re so strong that nothing is too much for them, but as soon as they’re out of it they become much weaker than normal.“
“Was die Leute über Gestaltwandler, und diese Leute, die Berserkeranfälle haben sagen, ist dies: So lange sie in Wut sind, sind sie so stark, dass ihnen nichts zu viel ist, doch sobald sie draußen sind, werden sie viel schwächer als normal.“

Nach dem Anfall folgte tatsächlich eine Phase der Schwäche und des Schlafes. Viele Sagahelden nutzen diese Phase, um dem Berserker den Garaus zu machen.
Diese Anfälle konnten entweder willentlich herbeigeführt werden oder kamen zu unerwarteten Zeiten, meist während harter körperlicher Arbeit.
Es heißt: “This fury, which was called berserkergang, occurred not only in the heat of battle, but also during laborious work.” (Fabing)
Hrolfs Saga beschreibt es so: “On these giants fell sometimes such a fury that they could not control themselves, but killed men or cattle, whatever came in their way and did not take care of itself. (Ibid.)“

Über diese Riesen kam manchmal eine solche Wut, dass sie sich nicht kontrollieren konnten, sondern Mensch und Vieh töteten, was auch immer ihren Weg kreuzte und nahmen auf sich selbst keine Rücksicht.
Allgemein scheint es in aufregenden Situationen passiert zu sein. In der Egils Saga wird erzählt, wie Egil mit seinem Vater Skalla-Grim und einem Freund ein Ballspiel spielte und am Verlieren war, weshalb er in Rage geriet und den Spielgefährten seines Sohnes hochnahm und ihn zu Boden schmiss, wo er tot liegen blieb. Danach ging er auf seinen eigenen Sohn los und hätte auch ihn umgebracht, wenn nicht eine mutige Magd dazwischen gegangen wäre, die im Anschluss übrigens im hohen Bogen über die Klippe flog.

Ende Teil I