Archiv für die Kategorie ‘Landgodhtru’

Aus dem Vergessen, geschrieben von Eibensang

Samstag, 18. Februar 2017

Fiktive Erinnerungen eines ebensolchen chattischen Kriegers aus (etwa) dem sechsten Jahrhundert. Schauplatz: zwischen Tüdelburger Wald und Orkenweiler Senke am Oberlauf der Wahn. (Auszug aus „Das Lied der Eibe – Eine Runen-Reise durch das Ältere Futhark“ von Duke Meyer, erschienen bei Edition Roter Drache.)

Es dunkelt. Aber das Mondlicht sollte reichen: Fast voll steht Manis Nachtgesicht am Himmel, knapp über den Buchen, die jetzt nur noch Schattenrisse sind, schwarz und stumm. Ich bin nicht weit vom Lager, aber entweder sind sie alle still geworden dort – oder etwas in mir blendet die Geräusche aus, ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Stattdessen höre ich Unken aus Südwest, da ist wohl ein Bach, und das Aufflattern einer Ralle, aber jetzt ist auch das vorbei. Nur der Wind pfeift und klatscht mir die nassen Haare ins Gesicht. Der Regen hat aufgehört. Ich atme durch. Es wird Zeit. Lang will ich nicht wegbleiben. Mein kleines Messer und der Speer. Das kleine Messer meines Bruders und der Speer. Das kleine Messer, das mein Bruder mir geschenkt hat, nachdem er mir – Monde her – versucht hat, damit in den Arm zu schneiden. Echt lustig. Wir dachten, es sei stumpf – aber wir waren einfach nur zu betrunken. Jetzt wird unsere Blutsbrüderschaft, obwohl überfällig, noch ein wenig warten müssen. Wenn wir überleben, wir beide. Wofür – zumindest für meinen Teil – etwas getan werden muss: was ich vorhabe. Die Klinge muss in Holz schneiden – erstmal. Ich betrachte meine Hand, die den Speer umfasst und wiegt. Die Hand, aus der ich ihn einst empfing, ist Rabenfraß geworden. Mein anderer Bruder ist das gewesen, mein leiblicher. Er war jünger als ich. Aber dann haben die Valkyries ihn geholt, vor der Zeit, wie ich meine. Er ist tot und ich lebe. Die Welt kann ungerecht sein. Es gilt, Ausgleich zu schaffen. Verdammt. Hätte er nicht überleben können? Es ist, wie es ist. Es rafft immer die Falschen dahin. Morgen werden viele dran sein, niemand weiß, wen es treffen wird. Deshalb bin ich hier. Mit dem kleinen Messer meines Lieblingsbruders, der nicht mein leiblicher ist – aber mir so nah wie die eigene Mutter. Welche Zeichen sind die richtigen – was ist der beste Zauber? Ich spucke aus. Kenne eh zuwenige. Wie war das – was hat die Erilar gesagt?

„Nimm Ansuz. Das ist der Atem der Götter. Mächtiger Schutz. Besseren kriegst du nicht für die Schlacht.“ Und das hat sie gesagt: „Es ist Speerschüttlers Mantel. Siehst du den Stab? Den senkrechten Strich? Zwei schräge Äste gehen von ihm ab, weisen nach unten. Das sind die Falten von Siegvaters Mantel.“ Sie nennt den Schrecklichen nie beim Namen, erfindet immer neue. Aber es ist klar, wen sie meint: den Einäugigen! Ich nenn ihn ja auch nie beim Namen. Den Herrn der Valkyries. Die meinen Bruder fraßen. Meinen leiblichen. Kalt braust der Wind. Ich setze die Messerschneide auf den Speerschaft an. Zögere noch. Wie ging sie noch gleich, diese Rune, Ansuz?

Die Erilar. Was willst du von der, hat es geheißen. Diese alte Wanderkrähe will dich doch bloß vernaschen, weil sie nie einen abkriegt. Jetzt versucht sie es bei dir, pass ja auf, haben sie gespottet. Aber sie haben – wie immer – keine Ahnung. Die Erilar braucht keinen Mann, hab ich die Freunde erinnert. Die hat es mit Frauen – und Tieren, wenn überhaupt. Und den Geistern. Ganz sicher mit den Geistern. Sonst wäre sie ja keine Erilar, oder? Aber mit Besoffenen kannst du nicht reden. Die lallen nur herum und dünken sich doll. Trottel, geliebte. Ich grinse. Aber Ahnung haben sie wirklich keine, die Freunde. Ich ging zur Erilar. Weiß gar nicht, was die so hässlich finden an ihr – angeschmust hat sie mich sowieso nicht. Eher fasziniert. Na ja, vielleicht nicht das richtige Wort. Ich mag sie. Sie macht mich ruhig. Ohne dass sie was sagen muss. Eine weise Frau. Ganz dunkel. Wie die Nacht heute. Fast schwarz ihre Haut, tiefschwarz ihr Haar und so kräuselig wie zerzauste Wolle… Sie sei von weit her gekommen, heißt es. Egal: eine der unseren. Vom Stamm der Katzen. Wir sind alle Katzen. Die Sonne ist unsere Mutter. Die Erilar erzählte mir mal, da, wo sie herkam, ganz fern und urweit im Süden, da, wo angeblich kein Wald mehr wüchse und die Luft viel heißer sei, auch winters, da würden andere Große verehrt. Aber dann kam sie zu uns und wurde eine Katze so wie wir. Eine von uns. Mit uns. Sonnentochter. Und dass ihre Haut so schwarz sei, das läge daran, dass die Mutter sie zu lange gewiegt habe. Denn wo sie, die Erilar, herkam, bevor sie eine Erilar wurde, eine Runenkundige, sei die Sonne näher und heißer gewesen und – äh ja, „männlich“. Das war mir dann ein bisschen zu hoch. Ob Gottheit oder sterblich: Ein Mann ist doch keine Mutter! Zumal die Haut der Erilar nicht wirklich verbrannt ist, sondern einfach nur dunkel. So dunkel wie die Augen meines toten Bruders, des geliebten. Obwohl meine Augen die Farben des Wassers haben und mein Haar hell ist wie das von Sif selbst: wie das reife Korn im Wind! Egal. Hauptsache ist, dass wir alle Katzen sind. Kinder der leuchtenden Großen Herrin, der Sonne am Himmel.

Ich weiß jetzt wieder, wie die Ansuz geht. Ritze ins Holz. Runter, kräftig: ein langer Strich. Ganz gerade, steil und stolz. Kerb ihn rein in den Speerschaft, in seine Rundung. Atme durch, konzentriere mich und setze nochmal an: am oberen Ende des Strichs, direkt an dem Ende, seiner Kante. Ritze von da aus schräg runter: den Ast, den einen. Muss plötzlich lachen. Das ist doch auch ein Zeichen? Ja, ich erinnere mich der weisen Frau, der Erilar Worte. Wie heißt das Ding? Laguz! Das fließende Wasser, der Lauch! Das ist nicht die Rune, die ich ritzen will. Ein einziger Schräg-Ast macht den Unterschied. Es ist schon kompliziert mit der Zauberei. Es kommt aufs Detail an, aufs verdammte. Zum Donner! Fast scheint es mir einfacher, einen wehrhaften Mann zu erschlagen, was ja auch geübt sein will, als diesen ritzigen Fitzelkram herzukerben. Alles so klein hier! Hochkonzentriert: Der zweite Ast kerbt sich parallel zum ersten in die Schaftrundung. Dies ist Ansuz. Jau, jahu, gelungen! Die erste! Wie vieleRunen sollen es werden? Sechs, sagte die Erilar, sechs mindestens. Warum sechs, fragte ich. Denn ich bin ja kein Erilar. „Weil sechs das Zeichen des Könnens ist, der Fackel, der Kunst. Und acht schaffst du ja sowieso nicht.“ Sagte die Erilar. Und hat gelacht. Dieses kehlige Lachen, das ich an ihr so liebe. Natürlich schaffe ich acht – hab ich mir vorgenommen. Eine ganze Ætt: eine Familie, eine Sippe! Aber ich sehe schon: Das wird schwierig. Die zweite Ansuz-Rune, die ich ritze, gerät weniger ideal als ihr Vorbild. Ihr zweiter Ast ragt links ein Stück über den Rückgratsstab hinaus. Mist! Hoffentlich gilt das noch… Außerdem ist sie kleiner als die erste. Gleich die nächste ritzen! Mit Schweiß und Not gelingen mir vier – aber irgendwie sehen sie alle aus wie die Kinder, die ich noch nicht zeugte: eins missratener als das andere. Ansuz, Ansuz, Ansuz…

Verzeiht mir, ihr Großen – meine Pfoten sind zu grob, diesen Zauber vollendet zu weben, aber ich hoffe und bitt‘ euch, ihr versteht, wie mein ungelenkes Ritzen gemeint ist. Ihr versteht doch? Um Schutz ruf ich euch an, dich, Speerschüttler, dich, Hammerwerfer, dich, fauchende Sonnenkatze, Herrin des Krieges, den es zu gewinnen gilt: für mich, für den toten Bruder und den lebendigen, der noch keiner ist, für alle Katzen vom Stamm der Katzen – macht meine Hand sicher, lasst diesen Schaft, den sie wirft, über oder in das Heer der Feinde fliegen! Macht mich, bittebittebitte, unverwundbar, groß und mächtig wie den Schreckensbringer selbst! Leiht mir seinen Mantel! Macht mich unversehrbar für Pfeil, Speer und Axt! Denn ihr Großen wisst ja, worum es geht! Wir sind die Katzen! Die, denen wir morgen gegenüberstehen, nennen sich auch so – doch sie sind keine! Die paktieren mit den Legionen des eisernen Lindwurms… von denen sie auch ihre Schwerter haben. Ein römischer Pfeil war es, der meinen Bruder fällte! So weit zu uns hinauf wären die Schildkrötenpanzer des großen Lindwurms aber nie geklappert gekommen, hätten die vom Stamm der falschen Katzen ihnen nicht den Weg gewiesen und bereitet. Wir werden sehen, wer morgen den Speer übers Heer schleudert – es Gungnirs Schüttler weiht, dem Leichenschwelger und seinen schwarzgefiederten Töchtern.

Leiber will ich fällen, Krieger töten, Schwerter von Armen trennen mit der Schneide meiner Klinge, Schädel zertrümmern und in Augen sehen, die brechen, während ein roter Fluss den Schmerz lindern soll, den das bleiche Antlitz meines jüngsten Bruders hinterließ. Ansuz, Ansuz, Ansuz… Atmet mit mir, ihr Großen: Leiht mir euren Atem, den langen. Wenn ich falle, sollen tausend Katzen meinen Tod rächen – wie ich den Fall meines Bruders räche an so vielen von diesen Lindwurmkriegern, wie mein Speer, mein Sax, meine Axt, meine Keule – oder mein bloßer Arm erreicht. Feuer schleudern sie durch die Luft, heißt es – doch es bricht sich an den Bäumen. Morgen noch nicht: erst stellen – und fällen – wir die falschen Katzen, Lindwurms Vorhut. Die haben kein Feuer. Doch wir das der Sonne. Wir sind die Katzen. Krieger Freyjas, der Herrin der Lust, der Vánadis. Ich ritze die Ansuz. Ein-, zwei-, drei-, sechsmal. In den Schaft meines Speers. Der übers Heer fliegen wird. Das Heer der Feinde. Sie dem Einäugigen opfernd. Hoch steht Mani am Himmel. Was höre ich? Die Geräusche des Lagers, wieder. Gesprächsfetzen, Feuerknacken, Scheitgeprassel, Lachen. Rundmond: fast voll. So neigt sich die Nacht! Einem roten Morgen entgegen. Dem Tag der Entscheidung. Zurück, rasch zurück: für ein, zwei Hörner am Feuer – und eine Mütze Schlaf!

Nachtrag. Ich überlebte die Schlacht, und mein Blutsbruder in spe auch. Wir siegten! Gewannen die Schlacht – verloren den Krieg. Andere Geschichte. Ich starb Jahre später. Im Kampf gegen Hennen. Die ich versuchte, aus dem obersten Speicher der Scheune zu verscheuchen – wobei ich vom Balken fiel. Als ich erwachte, war ich tot. Ich sah ins Antlitz der Sonne. Komm ich zu dir, bin ich daheim? Fragte ich. Die Große lächelte. Ich schämte mich, den Strohtod gestorben zu sein: als Krieger! Nicht nach Walhall gekommen. Nicht zu Odin – so sein Name – und den Einherjern. Doch die große Katze lächelte. Willkommen in Folkwang, flüsterte sie. Hier ist es viel schöner. Du bist meine erste Wahl. Und – so ich zu euch – nichts sonst geht euch Sterbliche an. Weshalb es keine Überlieferung gibt von diesem Ort. Lebt euer Leben. Macht’s gut!

„Nazi-Druide“ „Burgos“ alias „Hasspredix“ und die „Heidenszene“, geschrieben von MartinM

Samstag, 28. Januar 2017

Der „Druide“ und „Reichsbürger“ Burghard B., der sich selbst „Burgos von Buchonia I.“ nennt, wirkt in seinem offensichtlich von „Asterix“ und Fantasy-Filmen inspirierten „authentisch keltischen“ Druiden-Ornat auf den ersten Blick eher komisch als gefährlich. Selbst dass er sich wie ein Saruman-Imitator aufführt und die zu dieser Rolle passenden Machtphantasien zeigt, lässt noch nicht die inneren Alarmglocken läuten: Ein größenwahnsinniger „Heidenfürst“ in der an skurrilen Charakteren nicht gerade armen „Heidenszene“ mehr, was soll’s?

„Burgos“ führte als „keltischer Druide“ gewandet Wandergruppen durch die Rhön und galt bei den regionalen Medien hier und an seinem Wohnort Schwetzingen (bei Heidelberg) als interessanter Spinner. Sogar der Bayerische Rundfunk hielt den „Druiden“ vor einigen Jahren anscheinend für einen harmlosen Exzentriker und filmte ihn beim Kräutersammeln im Wald und beim Bogenschießen. Dabei erzählte er mit ernster Mine, er sei vor 2.500 Jahren in einer Winternacht als Neffe des Zauberers Merlin geboren worden.
Es ist nicht auszuschließen, dass „Burgos“ das wirklich glaubt. Er glaubt ja so Einiges, was halbwegs politisch gebildete Menschen für blühenden Unsinn halten – zum Beispiel, dass das „Deutsche Reich“ nach wie vor bestünde, die BRD eine GmbH und Deutschland nach wie vor besetzt sei. Er ist überzeugt, dass es „ohne Juden keine Kriege, ohne Kriege keine Asylanten“ gäbe, ist der Ansicht, Deutschland werde seit 130 Jahren „bekriegt“, Winston Churchill wäre Zionist gewesen und habe Befehl gegeben, „Millionen Menschen unseres Volkes“ zu vernichten und behauptet, zwei Weltkriege seien geführt worden, „um die dominante Rolle Deutschlands zu verhindern“. (Am Rande bemerkt: Der zweimalige britische Premierminister Winston Churchill (1874–1965) trat 1908 in die „Albion Loge“ des „Ancient Order of Druids“ (AOD) ein – er war also (Neu-)Druide!)
Selbst die meisten überzeugten Nazis würden das nicht so sehen wie „Burgos“. Wenn er jedoch fürchtet: „Wir sollen umgevolkt werden. Wir sollen unserer Identität beraubt werden“, dann sind das Ängste, die weit über die Nazi-Kreise hinaus von Rechtsextremisten (auch solchen, die sich lieber „besorgte Bürger“ nennen) geteilt werden. Auch seine zum Teil unflätige antisemitische und anti-muslimische Hetze und seine rassistischen Sprüche fanden beifällig nickende Zuhörer und Leser.

Spätestens seit Mittwoch, dem 25. Januar 2017 wird, von Gesinnungsgenossen vielleicht abgesehen, niemand mehr Burghard B. für einen „harmlosen Spinner“ halten.
Der Druide, der Juden vernichten will (tagesschau)
Der deutsche Generalbundesanwalt schickte am 24. Januar Polizisten zwecks Razzia zur Schwetzinger Wohnung B.’s und zu denen einiger seiner Gleichgesinnten. Die Beamten fanden in den Wohnungen der Beschuldigten neben zahllosen Waffen und Munition auch Pläne für Anschläge auf Juden, Muslime und Polizisten.
Die Bundesanwaltschaft wirft dem 62-Jährigen (bzw. nach eigenen Angaben mittlerweile 2506-Jährigen) „Druiden“ und seinen fünf mutmaßlichen Komplizen vor, gemeinsam eine rechtsterroristische Vereinigung gegründet zu haben. Allem Anschein nach zurecht.

Für uns ist das aus gleich mehreren Gründen äußerst ärgerlich!

„Burgos von Buchonia“ ist im deutschen Neuheidentum wirklich kein Unbekannter. Der selbsternannte Druide war gut vernetzt, sowohl persönlich, auf rechten wie auf heidnischen Treffen, wie auch auf facebook, YouTube und dem bei Verschwörungsideologen beliebten russischen sozialen Netzwerk VK.

Ärgerlich ist einerseits, dass solche kriminellen Gruselgestalten dem Ruf des Heidentums schaden. Dass wir als „germanisch“ bzw. „keltisch“ orientierte Heiden schnell und meistens zu Unrecht in die „rechte Ecke“ gestellt werden, liegt vor allem daran, dass völkisch-rassistische Spinner wie B. nicht nur in der „Bild“ (oder der „Krone“) das Bild des Heidentums bestimmen.

Vielleicht noch ärgerlicher ist andererseits, dass längst nicht alle auf „unserer“ Seite (also Heiden, die keine Nazis sind) klare Position gegen Rechtsextremisten wie „Burgos“ beziehen, und damit Nazis und Rassisten leichtfertig die Deutungshoheit über das, was die Öffentlichkeit über Heiden zu sehen bekommt, überlassen.

Sehr ärgerlich ist, dass nicht-rassistische Heiden mit dem mutmaßlichen Terroristen und schon damals als solchem erkennbaren völkischen Hetzer kuschelten.
Zum Beispiel war der „Druide“ bei der jährlichen Demonstration gegen das Bonifatius-Denkmal in Fritzlar dabei. Zur Erinnerung: Es liegt – unter Anderem – an der „Rechtsoffenheit“ dieser Veranstaltung, dass sich die Nornirs Ætt nicht daran beteiligt.

Für die ärgerliche Tatsache, dass offen erkennbare Hetzer einfach so in heidnischen Gruppen und auf Veranstaltungen mitmischen können, fehlt mir jedes Verständnis!

Die aus „Ættlingen“ bestehende Band „Singvøgel“ sang schon vor Jahren über die falsche Toleranz gegenüber falschen Freunden und zeigte, was von der „unpolitischen“ „Wir-sind-doch-alle-Heiden“-Gesinnung zu halten ist: Absolut nichts! „Freundchen“.

Zwar haben sich Druiden-Vereinigungen wie der OBOD und verschiedene keltische Gruppen und Vereine vom rechtsextremen „Druiden“ distanziert. Um der rechtsextremen Konnotation des Heidentums entgegen zu wirken, reicht es aber nicht aus, sich nur nach außen abzugrenzen – man muss in den eigenen Reihen anfangen!

Es geht auch anders: Der Steinkreisverein im badischen Brühl schloss 2012 seinen damaligen Vorstand aus, weil „Burgos von Buchonia“ auf Facebook Muslime beleidigt hatte. Dort hatte der „Druide“ damals das Bild einer brennenden Moschee gezeigt und die Hoffnung geäußert, bald möge auch das islamische Heiligtum in Mekka brennen. (Diese Äußerungen verhalfen B. zum „Druidennamen“ „Hasspredix“.)
Auch „Celtoi e. V.“ belässt es schon lange nicht mehr bei verbalen Abgrenzung – rassistische „Kelten“ haben hier keine Chance. So, wie rassistische „Germanen“ beim „Eldaring“ und erfreulicherweise inzwischen auch beim „Verein für Germanisches Heidentum e. V.“ keinen Zutritt haben. Und an der harten Haltung der Nornirs Ætt gegenüber rechtsdrehendem Heidentum und völkischer Ideologie dürfte ohnehin kein Zweifel bestehen.

„Irminsul“ auf den Externsteinen – kein harmloser Streich! geschrieben von MartinM

Samstag, 07. Januar 2017

Am Neujahrstag 2017 thronte eine Holzsäule, die offenkundig eine Nachbildung der Irminsul sein sollte, auf dem höchsten Felsen der Externsteine. Die Feuerwehr Horn-Bad Meinberg baute sie am Sonntagabend mit großem Aufwand wieder ab. Die Denkmalstiftung des Landesverbandes Lippe hat Anzeige erstattet.

Unbekannte installieren in Silvesternacht „Irminsul“-Symbol auf den Externsteinen

Staatsschutz ermittelt wegen „Irminsul“-Symbol auf den Externsteinen

Eine Überreaktion auf einen gelungenen Streich? Keineswegs!
Es ist auch kein Anlass zur klammheimlichen Freude.

Die Säule, die die unbekannten Täter auf Fels II der Externsteine installierten, war wahrscheinlich nicht zufällig in den „Reichsfarben“ schwarz, weiß und rot bemalt. Wenn der Landesverband Lippe einen „eindeutig rechtsradikalen Hintergrund“ sieht, dann dürfte er recht haben. Die Irminsul in der dargestellten Form ist in der Tat ein charakteristisches Symbol völkischer Heiden und ein beliebtes „legales Ersatzsymbol“ für Nazis. Sie war zudem ein Emblem der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ der SS.
Frederic Clasmeier von der „Mobilen Beratung gegen Rechts“ kamen nicht von ungefähr unsere „besonderen Freunde“, die „Nazitrus“ der ultra-rassistischen und antisemitischen „Artgemeinschaft – germanistische Glaubensgemeinschaft“, in den Sinn, deren Symbol die Irminsul in der von den „Scherzbolden“ verwendeten Form ist.
(Dass die „Irminsul“ auch von nicht-rechten Heiden und unter Esoterikern verwendet wird, dürfte der Unkenntnis oder bewusster Ignoranz „schulwissenschaftlichen Wissens“ geschuldet sein – mehr dazu weiter unten.)

Selbst wenn es keinen „rechten Hintergrund“ geben sollte, ist der „Streich“ als Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz strafrechtlich relevant. Und, wenn man an die erheblichen Kosten des aufwendigen Feuerwehreinsatzes denkt, ein teurer „Streich“. (Hoffentlich für die Täter!)

Für demokratisch gesonnenen Heiden – und auch für „harmlose Esoteriker“ – ist der „Streich“ ein echtes Ärgernis.
Der Landesverband Lippe zeigt schon seit Jahren eine klare Haltung den Misssbrauch der Externsteine für rechte, reaktionäre Positionen, und zwar erfreulicherweise über eindeutig erkennbare Nazi-Ideologie hinaus. Zum anderen wendet er sich auch gegen wissenschaftlich nicht belegbare Deutungen der Externsteine, etwa als heidnische bzw. germanische Kultstätte. Und genau hier droht unter Umständen Ärger: Jene, die schon seit eh und je fordern, heidnische Kulthandlungen und Sonnenwendfeiern an den „Steinen“ müssten endlich verboten werden, dürften mit dieser strunzdämlichen Aktion Auftrieb erhalten.

Die Irminsul

Einigermaßen sicher ist nur bekannt, dass die Irminsul ein Stammesheiligtum der Sachsen war. Unbekannt ist, ob es nur diese eine Säule gab oder doch mehrere „Irminsulen“.

Die in den fränkischen Reichsanalen als „Ermensul“ bezeichnete Säule wurde auf Veranlassung Karls „des Großen“ 772 zerstört.
Es gibt nur wage Hinweise darauf, wo diese Säule stand. Nach den „Reichsannalen“ stand sie in einiger Entfernung von der Eresburg beim heutigen Obermarsberg. Das liegt bekanntlich im Hochsauerland, und damit wäre es ausgeschlossen, dass die von den Soldaten Karls zerstörte Säule auf den Externsteinen stand.
Die Befürworter der „Externsteinhypothese“ berufen sich deshalb auf (unsichere) Überlieferungen, nach denen das Heer Karls am Bullerborn, einer intermittierenden Quelle bei Altenbeken, lagerte, bevor es an den darauffolgenden Tagen das Irminsul-Heiligtum eroberte und zerstörte. Das wäre immerhin von der Marschleistung her möglich gewesen, ist aber mit den als einigermaßen zuverlässige Quelle bekannten Reichsannalen nur dann vereinbar, wenn es, entgegen dem Wortlaut der Annalen, mehrere Irminsul-Heiligtümer gegeben hätte.

Über die kultische Funktion und das Aussehen der Irminsul ist sehr wenig bekannt. Die „ausführlichsten“ Angaben hierzu finden sich in Rudolf von Fuldas „De miraculis sancti Alexandri“ aus dem Jahre 863, also einer nicht mehr zeitgenössen Quelle. Demnach war sie ein unter freiem Himmel senkrecht aufgerichteter großer Baumstamm. „Irminsul“ bedeutet nach Rudolf columna universalis, also „Säule des Universums“ und trägt gewissermaßen das All. „All-Säule“ ist daher eine mögliche Deutung von „Irminsul“; von der Entymologie wahrscheinlicher ist „Große Säule“. Ein Bezug zum aus der altnordischen Mythologie bekannten „Weltenbaum“ Yggdrasil liegt nahe, ist aber mangels weiterer Quellen nicht beweisbar.

Alles, was über diese mageren Fakten wesendlich hinaus geht, ist pure Spekulation!
Und damit sind wir bei den „völkischen Esoterikern“ des 19. und 20. Jahrhunderts. Das u. A. bei der neonazistische „Artgemeinschaft“ und dem ariosophischen „Armanenorden“ verwendete „Design“ der am Neujahrstag auf den Externsteinen“ aufgestellten Säule geht auf den völkischer Laienforscher Wilhelm Teudt zurück. In seinem 1929 erschienenen Buch „Germanische Heiligtümer“ behauptete er, das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen zeige mit dem gebogenen Gegenstand am Fuß des Kreuzes die Kultsäule der Sachsen. Als Symbol für den Sieg des Christentums über das Heidentum sei sie dort allerdings gebeugt dargestellt worden. Einen Beleg für diese kühne Vermutung hatte Teudt nicht, trotzdem wurde die „wiederaufgerichtete Irminsul“ schnell populär, vielleicht auch wegen ihrer „gefälligen“ Formgebung.
Die Form dieser vermeindlichen „Irminsul“ findet sich auch bei Säulenkapitellen in einigen romanischen Kirchen, ist also keineswegs einmalig. Diese Kapitellform geht wahrscheinlich auf silisierte Dattelpalmen zurück, die die Kunsthandwerker der deutschen Romanik wohl nur von vereinfachten Abbildungen her gekannt haben dürften. Wieso es eine geknickte Dattelpalme als Leiterersatz in ein Kreuzabnahmerelief schaffte, ist mangels weiterer Indizien das Geheimnis des unbekannten mittelalterlichen Bildhauers.

Wenn man so will, haben die mutmaßlich völkischen und sicherlich germanentümelnden „Scherzbolde“ am Neujahrsmorgen eine Dattelpalme auf den Felsen II der Externsteine gepflanzt!

Ja, und noch etwas: Dafür, dass die Externsteine in „germanischer Zeit“ *), also zwischen dem Beginn der Eisenzeit und den „Sachsenkriegen“ als Kultstätte genutzt wurden, gibt es in der Tat keine tragfähigen Hinweise.
Wenn man bedenkt, wie umfangreich die Fundlage bei den bekannten eisenzeitlichen Kultstätten ist, und dass das „Ahnenerbe“ trotz gezielter Suche keine germanischen Artefakte fand, dürfte das mit aller gebotener Vorsicht bedeuten, dass die „Steine“ keine bedeutende Kultstätte der alten Sachsen gewesen sein können.

Und ohne viel benutzten Kultplatz würde eine Irminsul auf den Externsteinen irgendwie keinen Sinn ergeben.

*) Ergänzung: „Germanische Zeit“ in „völkischer“ Lesart. Tatächlich gab es im „Teuteburger Wald“ Höhenfestungen, die der Latènekultur zugeordnet werden können, mithin also „keltisch“ waren.

Wo gehörst du hin? – Teil II, geschrieben von Eibensang

Samstag, 09. Juli 2016

Wo gehörst du hin?

Ich gehöre zu denjenigen, die in Sonne und Mond mehr sehen als lediglich astronomisch Messbares und die Göttinnen und Götter nicht nur aus mythologischen Erzählungen kennen, sondern aus eigener Erfahrung – und solchen (selbstverständlich nur subjektiv gefühlten) Erfahrungen Bedeutung beimessen. Das allein mag zunächst Privatsache sein und bleiben: als Recht jeglichen Glaubens, den – ebenso zu Recht – jede und jeder andere als Spleen und Spinnerei belächeln, verspotten oder schlichtweg als irrelevant geringschätzen darf. Was die Anschauung im Grunde transzendenter oder zunächst nicht (zumindest nicht allgemein) alltagsrelevanter Welterklärungsfragen aber dann doch – und das womöglich sehr schnell und weitreichend – in gesellschaftlich sehr wohl relevante Bereiche rückt, sind die Folgen einer solchen Haltung: denn die bestimmt das Tun und Lassen, ob du willst oder nicht. Behaupten lässt sich ja viel. Ein Denken, das sich nicht in konkreten Entscheidungen niederschlägt, ist tatsächlich ziemlich wurscht. Solange ich in der trockenen Stube hocken bleibe, ist es egal, ob oder wie ich von Wind und Wetter schwärme. Ich kann auch oberschlau vom Schwimmen, Tauchen, Segeln oder Paddeln daherschwadronieren, ohne je mit mehr Wasser in Berührung zu kommen, als der Wasserhahn oder die Augen meiner möglichen Fangemeinde hergeben… Aber sobald ich mich all dem aussetze, wovon ich rede, werde ich zugeben müssen, damit zu tun zu haben – und mich auch daran messen lassen, wie ich mich dabei anstelle. Ich kann natürlich auch beteuern, mich weder für Wasser, Wind noch Wetter irgend zu interessieren – vielleicht hocke ich ja nur im Boot, weil mir seine Farbe oder die Planken so gut gefallen, oder weil ich auf authentisches Ölzeug oder Froschanzüge stehe… oder weil es irgendwie super ist, Seemannsgarn zu spinnen… Am Ende mach ich den Törn ja eh nur mit, weil mich der nächste Landausflug so reizt, die Geselligkeit und das Miteinander dabei und danach? Hand aufs Tauchgerät: Tatsächlich kommen mir Teile der Heidenszene ziemlich genau so vor. Was ist wohl das verbreitetste „Krafttier“ im so genannten Neuheidentum? Wolf oder Krähe? Weder noch. Dem Verhalten nach zu urteilen, ist es der Vogel Strauß. Das Problem ist nur: Es gibt zuwenig Sand hier für die vielen Köpfe – die sich stattdessen in der Wüstenei gleichförmiger Ausreden verstecken. Aber immer schön lästern über die angebliche „Wüstenreligion“, wa? Deren sattsame Sündenbock-Rezeptur wenden hex und heid weiter an (oder sitzen ihr auf), auch wenn ihnen das Wasser der Wirklichkeit bald bis zum Hals steht. Oder gerade deswegen?

Der Rechtsruck in weiten Teilen Europas mag wütend, verzweifelt oder ratlos (oder all das zugleich) machen – wer es fertigbringt, darüber die Schultern zu zucken und gänzlich unbeeindruckt zu bleiben davon, ist entweder Teil dieses Phänomens, begrüßt also (mehr oder minder zustimmend) diese Entwicklung, oder will sie nicht wahrhaben: in der womöglichen Hoffnung, es möge nicht schlimmer werden oder wenigstens nicht weiter spürbar für eine/n persönlich (zumal es ja einstweilen andere, weniger privilegierte Bevölkerungsteile treffen mag, die unter zunehmender Ausgrenzung, Ethno-Infiltrationsverdacht und Schikanierung leiden: oft bereits wegen „passenden“ äußerlichen Anscheins). Vielleicht – oder muss ich sagen: wahrscheinlich sogar? – gehen manche Heiden mit dem bequem propagierbaren Feindbild Islam d’accord und halten das Kopftuch der Nachbarin für eine Bedrohung für Pentagramm oder Thorshammer auf der eigenen Brust. Mehr denn je sind altgermanische Zeichen, Symbole und Begriffe jedoch von ganz anderer Überfremdung und Okkupation bedroht und geplagt: dem Zugriff und der Aneignung durch Nationalisten, deren Germanengetümel nicht weiter reicht als die Nächstenliebe des christlichen Massenmörders Breivik. In Finnland marodiert eine durchgeknallte Bürgerwehr als „Soldiers of Odin“. Wo bleibt der neuheidnische Aufschrei über dreiste Anmaßungen wie diese? Aber die muslimische Familie nebenan soll sich gefällist von den Pariser Killern distanzieren, die „Allahu Akbar“ schrien beim Niedermähen von Theaterpublikum? Die Mörder kamen aus Frankreich und Belgien. Bombardiert wurden daraufhin Ziele (also Menschen) in Syrien. Auf Facebook verwandelten sich zahlreiche Icons in bunte Peace-Eiffelturm-Symbole, die Anteilnahme war bewegend und unübersehbar. Ich muss zugeben, dass auch ich nicht die leiseste Ahnung habe, welche Farben die syrische Flagge überhaupt trägt. Aber ich erspähte auch kein einziges solidarisches Icon, das mich genötigt hätte, diese Bildungslücke zu schließen.

Über tausend Asylbewerberheime wurden 2015 in Deutschland angezündet, aber gefürchtet wird sich in deutschen Fernsehzimmern vorwiegend vor muslimischen Milizen, die in Nordafrika und Nahost viele Christen und noch mehr Muslime umbringen mit deutscher Munition aus deutschen Waffen. Wo waren die Dresdener Montagsmarschierer – diese Verteidiger eines Abendlandes, dessen Werte sie (von Religions- bis Pressefreiheit) abschaffen wollen, als ihre Steuergelder rausgeschmissen wurden zur Rettung hemmungsloser Räuberbanken (was übrigens zifgach mehr kostete als alle bisherigen Flüchtlinge zusammen)?

Klar, das alles ist weder lustig noch einfach zu lösen, Aufmunterung tut not (mein‘ ich echt ernst). Sprechen wir von was Schönerem. Erzählt mir, wer die authentischste Gewandung trug am Mittelaltermarkt. Aber hört auf, zu beteuern, dass alles mit allem zusammenhinge, außer natürlich ihr selber mit dem Rest der Welt. Und dass euch die Verehrung eurer Ur-Ahnen wichtig sei, während ihr von den Symbolen und Konflikten eurer unmittelbaren Ahnen keine Ahnung haben wollt – oder zeigt. Sonst müsste ich fragen: Seid ihr blöd? Das will, nein: kann ich nicht glauben. Oder sollte ich so blöd sein, zu tun als ob?

Wo gehörst du hin?

Vor 20 Jahren, zu meinen (heidnischen) Anfangszeiten, waren es nur ein paar randständige heidnische Grüppchen, die im Trüben rechtslastiger Quellen fischten und einander auf Linie hielten – und es waren nur ein paar fast ähnlich Aussehende, aber ganz anders Gesinnte, die sich solchen altgedienten Vor- und Nachplapperern autoritärer Denkweisen in den Weg stellten – und ihn freikämpften für ein aufgeklärtes Heidentum, das sich seither in vielen bunten und respektablen Spielarten und Gruppierungen ausgebreitet hat.
Heute hat der einstige Nischenkonflikt (wie hex und heid – nein: leut – zu den Menschenrechten stehen) ganz Europa am Wickel, die Zusammenhänge reichen rund um Mama Globus und sie betreffen keineswegs nur spirituelle Kleingrüppchen wie unsereiner, sondern ganze Bevölkerungen überall: Wer steht – nicht nur hex und heid, sondern alle Welt, jede und jeder Einzelne – zu den Menschenrechten? Zeigen wir Haltung, unabhängig von Herkunft, kultureller Prägung, sexueller Neigung, Aussehen, Form und Geschlecht – und halten diese Werte auch anderen und allem anderen gegenüber hoch, als Angebot, Garantie und Forderung gleichermaßen – oder erwidern wir Hass mit Wut, Verachtung mit Verächtlichmachung und lassen uns aus lauter Angst zu Ebenbildern unserer Feinde machen? Nicht Bomben, Mauern und Stacheldraht verändern die Welt zum Besseren, sondern Ideen und diejenigen Menschen, die sie leben. Das lehrt die Geschichte. Es gibt keine Randgruppen. Wir sind alle mittendrin.

Ich stelle die Eingangsfrage, weil es nicht mehr möglich ist, ihr ehrenhaft auszuweichen. Sie unbeantwortet zu lassen, beantwortet sie auch.

Wo gehörst du hin? – Teil I, geschrieben von Eibensang

Samstag, 28. Mai 2016

Wer Heidentum für „unpolitisch“ hält, braucht sich mit (zum Beispiel) Astrologie, Orakeln gleich welcher Art und erst recht so Sachen wie sympathetischer Magie oder ähnlichem gar nicht erst abzugeben.

Denn wenn die Sterne Einfluss auf unser Geschick nehmen, Gottheiten verschiedenster Herkunft und Ausformung uns persönliche Zeichen geben und sich sogar zu Handlungen durch menschengemachte Rituale bewegen lassen – wieso sollte dann ausgerechnet das, was wir im Alltag tun oder lassen, überhaupt keine Wirkung haben auf unsere Umgebung und (in letztlicher Folge und deren Nachfolgeereignisanstößen auf) den Rest der Welt? Wieso hat ein „rückläufiger Merkur“, eine aufrechte oder gestürzte Rune oder welche Göttin auch immer irgendeine (zumindest gefühlte) Relevanz in unserem Gemüt – aber all das, was wir sonst so meinen, denken und tun, angeblich keine? Ein Essay für das Einnehmen von Haltung: dafür einzustehen, was wir bewirken, was wir auslösen, was wir ermöglichen oder verhindern – das eine durch unsere Taten, das andere durch deren Ausbleiben.

Wo gehörst du hin?

Neulich in den Social Media: In einem Thread zum Tagesgeschehen kam die Kornblume Norbert Hofers zur Sprache. Hofer (FPÖ) war gerade aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat Österreichs (der erst eine Stichwahl später knapp unterliegen sollte) – und sein Ansteckerchen am Revers war bereits unter den Nazis des 20. Jh. (vor dem „Anschluss“ Österreichs ans „Großdeutsche Reich“) heimliches bis unheimliches Erkennungszeichen einer entsprechenden Gesinnung gewesen. Entsprechend besorgt und bewegt kommentierte das auch die Mehrzahl der online diskutierenden Gemüter (viele aus Deutschland). Ein Beitrag jedoch stach in merkwürdiger Weise hervor, er erklärte den Gedankenaustausch zu diesem Thema nämlich indirekt für überflüssig. Eine (mir flüchtig bekannte) bekennende Heidin lehnte jegliche inhaltliche Interpretation solch fragwürdiger Symbolik ab: Für sie sei eine Kornblume einfach nur ein „schönes Gewächs“ und mehr brauche, so ihr Begehr, dahinter nicht gesehen zu werden. Das sei, so holte sie weiträumig aus, das Gleiche „wie mit dem Hakenkreuz“, das als Swastika bis heute in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Indien, ein uraltes religiöses Symbol und dort auch ganz friedlich „nach wie vor verbreitet“ sei, ohne „gleich“ mit Nazis und Völkermord (dessen Erwähnung hier von mir) in Verbindung gebracht werden zu müssen.

Ich war in Versuchung, zu fragen, ob sie dann auch bei Rot über die Straße gehe (oder dies anderen, zum Beispiel Kindern, empfehle), weil Rot doch eine schöne Farbe sei und nicht immer und überall „gleich“ die Bedeutung von „Stopp, Gefahr, Autoverkehr“ haben müsse… ließ das aber bleiben, als ich sah, dass die anderen Diskutierenden den einsamen Aufruf zur Ignoranz nicht weiter beachteten, sondern unbeirrt beim Thema blieben – so weit, so hoffnungsvoll. Aber der Einwurf machte mich schon nachdenklich: hinsichtlich seiner möglichen Absicht – die mir allerdings ein Rätsel blieb. Wieso stört sich ausgerechnet eine bekennende Heidin daran, dass über Bedeutung von Symbolik diskutiert wird und in diesem Zusammenhang ein Symbol, das Erkennungszeichen erklärter Menschenverächter, Tyrannenfans und späterer Völkermörder war, auch heute noch – und gerade wieder – Besorgnis erregt? Zumal, wenn dem erwähnten prominenten Träger auch anderweitig ein eher zwiespältiges Verhältnis zum demokratischen Wertegefüge nachgesagt werden darf, nein: muss!

Wo gehörst du hin?

Ich fragte nicht extra nach, vor allem, um das Niveau besagten Threads nicht in die Niederung zu drücken, warum und weshalb fragwürdige Symbolik überhaupt diskutiert werden sollte. Aber ich nehme den kleinen Vorfall hier zum Anlass, allgemein die Frage zu stellen: Was soll das? Denn gerade unter Heiden begegnet mir die nämliche Haltung (die genau genommen einen Mangel an Haltung erkennen lässt) zu oft. Die allermeisten Heiden bekennen sich zu einer persönlichen Ahnentradition, legen Wert auf profunde Detailkenntnis meist weit zurückliegender historischer Epochen und sind zudem magiegläubig, das heißt, sie glauben an Verbundenheiten und Zusammenhänge über rational erklärbare Kausalketten hinaus – das häufige Zitat, dass „alles mit allem“ zusammenhänge, darf Bände sprechen für Mehrheiten der Szene. Doch dieselben AhnenverehrerInnen, die so genau Bescheid wissen über Einzelheiten mittelalterlicher Tracht und Bräuche, ignorieren allzugern maßgebliche Geschehnisse der letzten zwei Jahrhunderte. Die behandeln sie am liebsten gar nicht oder als würde damit etwas (offenbar doch Störendes) aufgebauscht und ärgerlicherweise immer wieder erwähnt – das sie dann oft mit geradezu angeekeltem Widerwillen abzuschütteln bestrebt sind: wohlgemerkt nicht das historische Geschehen oder den Ungeist, der da wütete, sondern die Auseinandersetzung mit beider Folgen.

Als Heiden ignorieren sie meist noch viel mehr, nämlich die Tatsache, dass geschätzte 99,9 Prozent ihrer Vorfahren die letzten anderthalb Jahrtausende lang mehr oder minder fromme Christen gewesen sein dürften… (Religionsfreiheit, die Wahl des persönlichen Glaubens, ist nämlich eine Errungenschaft erst der Aufklärung und ihrer Folgeereignisse – und bis heute ausschließlich in demokratischen Systemen zu finden und nur dort gefahrlos praktizierbar. Zu Beltane nicht bürofrei zu kriegen, mag ärgerlich sein, das Verehren x-beliebiger Gottheiten ruft aber hierzulande weder Inquisition noch Polizei auf den Plan – und bis jetzt bürgerseidank keine Bürgerwehr. Wer es nicht erträgt, belächelt zu werden, hat vielleicht ein Problem mit dem Selbstbewusstsein, kriegt aber keines mit der Freiheit, weiterzumachen wie’s beliebt.) Wobei ich mich frage, ob diese vielen christlichen Ahnen nicht irgendwann ein bissi sauer reagieren könnten auf eine angebliche Ahnenverehrung, die so viele Generationen nonchalant übergeht und stattdessen (fast immer nur) eine Altvorderenzeit favorisiert, über deren vorchristliche Kultbräuche so gut wie nichts bekannt ist, während sich die letzten Wurzelfasern selbst ältester und gepflegtester Stammbäume und Verwandtschafts-Ahnungen doch bereits spätestens einige Jahrhunderte rücklings im streng christlichen Irgendwo verloren haben dürften… Andererseits ist das nicht mein Problem und wäre ein Extra-Thema.

Was aber ein Problem ist, das über unsere heidenszenische(n) Blubberblase(n) weit hinausreicht, sind die Autoritätsgläubigen in ganz Europa: Geschürte Angst treibt sie auf die Straße – und in den Wahlkabinen dazu, populistische Pappnasen mit Einweg-Ideen in Parlamente zu hieven, die dort nichts verloren haben dürften, weil sie den Parlamentarismus, die Konsens- oder Kompromissfindung über Streitgespräche bürgerlich Gleichberechtigter, schlicht abschaffen wollen – die einen mehr, die anderen schon sehr viel weniger verhohlen. Noch sind sie (in Österreich und Deutschland wenigstens) Minderheiten – aber, obwohl demokratisch gewählt, keine demokratischen.

In Talk Shows und auf anderen öffentlichen Plattformen geben ihre AushängekrakeelerInnen längst den Ton an, die Tonart vor: Blitzlichtbeknattert, gefilmt und zigfach zitiert, verbreitet und in höchster Breitenwirkung beachtet, beklagen die als „Tabubrecher“ („…das wird man doch wohl noch sagen dürfen…“) Gefeierten, dass „man“ bestimmte Sachen „nicht mehr sagen“ dürfe. Unentwegt zählen sie alles das auf, was angeblich „nicht mehr“ gesagt werden darf. Sie und wir können all das überall nachlesen und angucken, wie sie es aussprechen. Sie sind als Lieblingsböcke geladen, wo und wann immer über Gärtnerei „diskutiert“ wird – oft sogar ziemlich ausschließlich: ohne relevante oder kompetente Gegenstimmen. Es ist ja soviel interessanter geworden, was solche Böcke übers Gärtnern zu sagen haben, als irgendwelche „Linksgrünversifften“, die sich fürs Blühen und Gedeihen von Gewächsen interessieren und das womöglich sogar studiert haben. Und so erklären die Böcke munter, was alles Unkraut und endlich auszureißen sei. Und die emsig Jätenden in den Gärten spüren ihre schmerzenden Rücken und – stimmen zu (vor allem die Unterbezahlten): Ja, warum nicht einfach weg mit der blöden Herumpflanzerei, Heger- und Blumengießerei? Wird Zeit, dass da eine starke Hand durchgreift!

Was sie aber als „Zensur“ empfinden, ist jeglicher Widerspruch. Sie kämpfen dafür, sich keine Widerworte mehr anhören zu müssen. Mit Meinungsfreiheit meinen sie ausschließlich ihre eigene. Das entspricht, genau genommen und nur ein klein wenig weitergedacht, einer Demokratie, in der nur noch eine einzige Stimme zählt: die verordnete. Ein solches System müsste sich dann in der Tat eine Diktatur heißen lassen. Die Denkweise ist nicht nur AntidemokratInnen zu eigen. „Alternativlos“ ist das Ende jeglicher Wahlmöglichkeiten. Die deutsche Kanzlerin mag dieses Unwort zu widerwärtiger Hoffährtigkeit popularisiert haben – eine „Diktatur“ mag ihr daraus aber nur ebenso nachsagbar sein wie mir die Weltherrschaft. Denn wir beide, Merkel und ich, ernten immer noch eines gemeinsam: Widerspruch. Wer akademisiert sich so lächerlich, den Nachweis zu bemühen, wer von beiden – eine Bundeskanzlerin und ein freischaffender Künstler – mehr Gegenwind erführe? Dies ist keine Gehaltsfrage. Auch keine des persönlichen Bekanntheitsgrades oder messbarer Einzelwirkung. Im Weltgeschehen geht es, ungeachtet heroisierender Geschichtsschreibungen, nicht um Personen. Es geht um Bewegungen. Und da gewinnt – langfristig, wie ich meine – meine: deren geringster Teil ich sein mag – aber ich befördere sie mit allem, was ich bin und habe und tue. Ja, Freunde: Es zählt Haltung. Meine verschafft mir Ahnen-Verbündete, von denen der ganze kleingeistige – und geistfeindliche – Kapitalismus keine Ahnung hat. Ich bin ein Schürer des Feuers von Itchatchilatlan, ein Diener des Grauen Wanderers, ein Liebling der Großen Sau… und noch viel lustigerer Gestalten. Ich nenne mich Ásatrú, auch wenn – oder weil! – die Dynamik, die sich daraus ergibt, für meinen Teil schon lange nicht mehr ausschließlich zwischen die Buchdeckel einer Edda passt. Ich hatte es noch nie mit Buchreligionen – und lasse mir auch aus den besten Büchern keine machen. Dafür ist meine Fantasie zu stürmisch – und mein Lebenswille zu gestaltungswütig. Mit mir kommen die wirkmächtigsten Großen, die je zwischen Feuer und Eis ihre Hämmer warfen – Thor küsst Crazy Horse… mit solidarischem Gruß… und die göttliche Stute Loki gebiert ein neues Fohlen. Vielleicht ist es sechzehnbeinig, diesmal? Warum die Globalisierung denen überlassen, die sich nur persönlich bereichern wollen? Wir sind viele, wir sind viel mehr, wir haben die stärkeren – und weitaus älteren – Wurzeln. Die unseres Geistes, unserer Herzen, unserer Leidenschaft!

Wer Deutschland von einer „Merkel-Diktatur“ unterjocht wähnt, (hat nicht nur vergessen, dass Regierungen selbst in angegriffenen, ausgehöhlten und erodierenden sprich gefährdeten Demokratien immer noch abwählbar sind oder wären, sondern…) fühlt sich wahrscheinlich auch von mir Linksgrünversifftem, obwohl ich weder links noch grün bin, sondern nur blond und zornig, meinungszensiert. Denn ich widerspreche, tanze, singe, tobe – und argumentiere. Und weder gedruckte noch ungeschriebene Gesetze halten mich auf dabei. Ihr werdet, so meine Götter genehmigen, weiter mit mir leben müssen… und selbst, wenn ich gleich stürbe, mit meinen Folgen, Kurzatmige! Dies ist eine Drohung – und ein Versprechen. In aller Göttinnen und Götter Namen. Zurück zur Eingangsfrage. Sie ist nur sinnvoll auf Augenhöhe. Daher zielt sie auf Kopf und Rückgrat – und damit aufs Herz. Nicht auf den Fußboden …und schon gar nicht auf das Blut, das ihn besudelt. Meins ist rot – und deins? Wie blutest du? Was lässt dein Herz bluten, was hoffen?

Ende Teil I