Archiv für die Kategorie ‘Landgodhtru’

Runenstellen, geschrieben von Eibensang

Samstag, 10. Juni 2017

Auch schon mal dabeigewesen, wenn sich Leute eine Hand auf den Kopf legen, wodurch der Arm einen Winkel bildet und die damit eingenommene Körperhaltung in etwa die Form der Rune Wunjo nachstellt, die „Wonne“ bedeutet – die daraufhin Leib und Seele der dies Ausübenden durchfluten soll?

Ich probierte das auch, lange und immer wieder – mit dieser und anderen Runen… Spätestens bei etwas komplexeren, nicht so ganz der menschlichen Ergonomie entgegenkommenden Zeichen wie den Runen Sowilo, Mannaz, Dagaz oder auch nur Raidho (wackel-wackel…) empfand ich das Ganze eher als ungemütlich oder zumindest albern. Irgendeine „Wonne“ wollte sich jedenfalls nicht einstellen – weder bei dieser noch einer anderen Rune: nicht, wenn ich in mich hineinhorchte, was die Verrenkung mit mir machte und auch nicht, was ihre möglichen weiteren Folgen betraf.




Das „Grundlagenwerk“ der „Runengymnastik“: Marbys „Rassische Gymnastik als Aufrassungsweg“ (1935)

Woran liegt’s? Die Antwort ist eigentlich einfach: Es handelt sich keineswegs um geheimnisvolle altgermanische Magie, sondern halbwegs neumodischen Blödsinn mit okkultem Anstrich. Der Hintergrund allerdings ist ernster, als sich der Quatsch selbst anfühlt. Im Folgenden ein Appell an die magische Vernunft. Gibt es so etwas? Nur, wenn wir es zulassen. Was lassen wir zu und warum? Was erkennen wir an und was nicht? Wem oder was führen wir Energie zu – und was wollen wir erreichen? Lassen wir uns selbst etwas einfallen, oder turnen wir einfach alles nach, was uns jemand vormacht, im frommen Glauben, es bringe uns weiter? Ist solcherlei blinde Gefolgschaft einer ernstnehmbaren magischen und verantwortungsbereiten Lebenshaltung würdig?

Als „Runenstellen“ oder „Runen-Yoga“ wird das Nachstellen von Runenformen mit dem menschlichen Körper bezeichnet. Ursprünglich nur mit dem so genannten „18er System“ oder „Armanen-Futhork“ verbunden (einem ideologischen Runenkonstrukt, das Ariosophie-Begründer Guido List Anfang des 20. Jh. in die Welt setzte), wurde das Runenstellen im späten 20. Jh. auch auf die Runen des (damals von der Esoszene allmählich wiederentdeckten) Älteren Futhark übertragen. Inzwischen empfiehlt fast jedes esoterische Runenbuch solche Übungen und enthält detaillierte Anleitungen dazu. Spätestens seit den Runenbüchern Edred Thorssons (bürgerlich Stephen Flowers), der dasselbe mit „Stadha“ bzw. „Stödhur“ (altnordisch für Stehen oder Stellen, jeweils Singular/Plural) überschrieb, wird die Runenstellerei allgemein als „alte germanische Tradition“ betrachtet, die zu Runen gleich welcher Art offenbar dazugehört wie die Hörner zum Wikingerhelm (auch falsch) oder der Arsch zum Eimer. Tatsächlich ist „Runenstellen“ ungefähr so germanisch wie zwei Öltanks im Garten oder Glutamat im Essen (nur noch um einiges ungesünder, jedenfalls für Geist, Gemüt und Seele und damit auch für jegliche magische Praxis).

Das Phänomen hat eine einzige historische Quelle – und die entstammt nicht etwa irgendwelchen Bräuchen alter germanischer Kulturen zu Zeiten der Antike oder des Mittelalters (selbst die im Hochmittelalter verfasste „Edda“ enthält keinerlei Hinweise auf diesbezügliche Praktiken einstiger heidnischer Germanenkulturen), sondern geht auf den Okkultisten Friedrich Bernhard Marby zurück, der 1934 eine diesbezügliche Broschüre veröffentlichte. Ihr Titel sagt im Grunde bereits alles Wesentliche aus über Herkunft, Idee und Zielrichtung der Sache: „Rassische Runengymnastik als Aufraffungsweg“. Das ist so unappetitlich und menschenfeindlich, wie es klingt – und wird von all den esoterischen Autor*innen, die diese Körperverrenkungen als magische Übung und meditatives Studium und sinnliches Erfahren von Runenkräften empfehlen und vorstellen, verschwiegen. Wohlweislich? Oder warum? Viele, die darauf schwören und beharren, wissen es nicht: Sie haben keine Ahnung, woher das stammt – einmal oder auch wiederholt darauf aufmerksam gemacht, verweigern sie sich jedoch jeder Konsequenz der Erkenntnis. Sie „meinen“ es ja „ganz anders“ und seien oder sähen es jedenfalls „unpolitisch“. Ja, klar: Du kannst auch ständig bei McFett futtern und es irgendwie „vegan meinen“ und/oder dir ein paar warme ökologische Gedanken machen.

Aber von Leuten mit solcher Geistes- und Lebenshaltung lasse zumindest ich mir nichts mehr erzählen über „magisches Bewusstsein“, das angeblich auf „verborgene Zusammenhänge“ achtet (über physikalisch beweisbare Kausalketten hinaus) und irgendeine Konsequenz daraus zöge, dass „alles mit allem“ zusammenhängt. Offenbar aber doch nur das, was gerade in den persönlichen Kram passt und nicht unangenehm oder unbequem werden könnte, und sei es nur dadurch, dass sich eine vermeintliche Bewusstseinsvertiefung oder -erweiterung als blödsinnige Verrenkung erweist, die ihre magische Energie aus giftigen Quellen bezieht und magisch wieder dorthin zurückführt. Übertrieben? Nun – der beharrliche Verzehr von Glutamat und anderen Neurotransmittern bringt auch so schnell niemand um. Nicht jeder Schaden ist offensichtlich und eindeutig auf bestimmte Quellen zurückführbar – was nicht heißt, dass es keinen gäbe. Fürs Runenstellen gilt Entsprechendes. Was zwingt eigentlich dazu, an so etwas festzuhalten?

Naturreligion = Germanische Religion oder Heidentum?, geschrieben von Manfred

Samstag, 29. April 2017

Vielfach ist ja in diversen Büchern und Foren zu lesen, dass die germanischen Völker „naturreligiös“ gewesen seien, dass ihr Glaube eine „Naturreligion“ bzw. ein „Naturglaube“ gewesen wäre. Auch das heutige Germanische Neuheidentum sei eine „Naturreligion“ oder auch ein „Naturglaube“.

Wenn man dann eine Begründung für diese Auffassung erfragt, kommt meistens die Aussage, dass die Germanen die Natur verehrt und angebetet hätten. Als Beispiel dafür werden häufig die Donar-Eiche, oder auch die „heiligen Haine“ genannt, oft werden auch ganz pauschal die Gottheiten als „Naturgötter“ bezeichnet.

Aber stimmt das so? Haben die Germanen die ganze Natur als Gottheit angebetet, waren die Götter Odin/Woden oder Thor/Donar und all die andere Gottheiten unserer Mythologie wirklich „Naturgötter“?

Nein, das ist ein fataler Mythos, ein Irrtum, der sowohl den Glauben als auch die Mythologie der Germanen romantisiert und verklärt und verzerrt.

Ein wenig Geschichte zu dem Begriff „Naturreligion“ und seiner Entstehung

Bekannt ist der seit der Antike die Bezeichnung „religio naturalis“. Darunter verstand man bis zur Zeit der Aufklärung die sogenannten „angeborenen Vernunftwahrheiten“, also die Dinge, die der Mensch ohne Zutun der Götter von Natur aus erkennen konnte. Dazu gehören auch der Ablauf des Jahreskreis, die Naturkräfte usw., also alles, was so um uns Menschen herum in der Natur geschieht. Um zu sehen und damit zu wissen, wann Sommer oder Winter ist, ob es regnet oder schneit, ob das Getreide wächst oder nicht, braucht man keinen Gott sondern nur die eigene, sorgfältige Beobachtung der Natur. Und genau das ist die ursprüngliche Bedeutung von „Religio“ – nämlich die „sorgfältige Beobachtung und Berücksichtigung“ – mehr nicht. Unter dem Aspekt kann man nun ganz sicher nicht von „Naturreligion“ sprechen.

Der abstrakte Begriff „Religion“ wie wir ihn heute verwenden, nämlich als Weltanschauung bzw. als Bezeichnung für die verschiedenen Glaubensrichtungen, ist erst sehr spät in der frühen Neuzeit entstanden und manifestierte sich während der Aufklärung. Erst zu der Zeit wurde der Begriff „Religo“ mit dem Glauben an Gottheiten (sowohl monotheistisch als auch polytheistisch), übernatürliche, unkörperliche Kräfte verbunden – aber auch hier ist keineswegs die Natur gemeint, sondern die höheren Wesenheiten, die über das normale menschliche Bewusstsein hinausgehen. Also wieder keine „Naturreligion“.

Aber woher kommt nun dieser Begriff „Naturreligion“, der so vehement auch im Heidentum verwendet und verteidigt wird. Der Begriff ist viel jünger als vielfach gedacht – er stammt aus der Zeit der Romantik, also Ende des 18. Jhdts. – Ende des 19. Jhdts.

Erstmalig taucht der Begriff „Naturreligion“ 1820 bei dem deutschen Philosphen Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf. Er prägte den Begriff „Naturreligion“ als die „Religion der unentwickelten Naturvölker“, um sie damit von den „höher entwickelten Kulturreligionen“ abzugrenzen. Vereinfacht gesagt: Naturreligion = primitive Religion.

Noch drastischer formuliert es der deutsche Philosoph Ernst Haeckel. Er bezeichnet 1909 die Naturreligion als die Religion „entarteter und verwilderter Völker, die noch keine wirkliche Geschichte haben“. Eine ganz schön harte Bezeichnung, die auf die Germanen meiner Meinung nach nicht anwendbar ist.

Danach war es still um die Naturreligion, denn erst um 1970 taucht der Begriff wieder auf – aber auch nicht unbedingt positiv.

Die in den 1970-iger Jahren einsetzende Ökologiebewegung kritisierte die westliche Zivilisation, propagierte alternative Lebensformen und stilisierte die „Naturreligion“ als Gegenbild zur damaligen Zivilisation hoch. Auch nicht gerade passend für eine Religion, denn die Gottheiten spielten bei der Ökologiebewegung nicht wirklich eine Rolle – da hätte der Begriff „religio naturalis“, der ja bereits genannt wurde, wohl besser gepasst.

Es zeigt sich, dass der Begriff „Naturreligion“ schlicht und ergreifend „verbrannt“ ist und als Bezeichnung für den Glauben der germanischen und auch der keltischen Völker/Stämme völlig unbrauchbar ist – und damit auch für das Germanische Neuheidentum.

Naturreligion mal ganz pragmatisch gesehen

Wenn man von der heute gebräuchlichen Definition der Bezeichnung „Religion“ ausgeht, dann bedeutet „Naturreligion“ nichts anderes, als dass der naturreligiöse Mensch die Natur verehrt und auch anbetet. Die Natur wird also zur Gottheit und damit unantastbar. Das aber trifft auf die germanischen Völker überhaupt nicht zu.

Mal ein einfaches Beispiel dazu:

Bei der genannten Definition wären Bäume heilig und würden angebetet. Wie aber ist es dann zu erklären, dass unsere Vorfahren ganze Wälder abholzten, um Holz als Brennmaterial für ihre Rennöfen zur Eisenschmelze zu haben – und damit dann Waffen und andere Dinge zu fertigen, die ihnen Macht und auch Wohlstand brachten, wie es sowohl die Germanen als auch die Kelten nachweislich getan haben. Oder die Wikinger, die ganz Island entwaldeten, um so mehr Platz für Weideflächen für ihre Viehherden zu schaffen. Holzt man einfach „Gottheiten“ ab um des schnöden Mammons wegen? – wohl eher nicht.

Es findet sich nirgends in der Mythologie oder sonstigen Quellen ein Hinweis, dass die Natur eine Gottheit war, die man verehrte.
Sicher, es gab die sogenannten „heiligen Haine“, die aber nicht als Gottheit verehrt wurden, sondern als ein Heiligtum, als Tempel unter freiem Himmel zu verstehen sind, in dem zu den Göttern gebetet wurde. Auch die berühmte Donar-Eiche war kein Gott, sondern ein dem Donar geweihter Baum, um den man sich versammelte und Donar opferte.

Auch ist unstreitig, dass die Gottheiten gerade in Bezug auf die Natur ihre „Zuständigkeiten“ hatten – denken wir nur an die Fruchtbarkeitsgötter, an die Meeresgötter usw. Aber sie personifizierten nicht die Natur, sondern wurden als die höheren, die übergeordneten Wesen angesehen, die die Natur beeinflussen konnten und damit Macht selbst über die Naturgewalten hatten, denen der Mensch recht ohnmächtig gegenüber stand und immer noch steht.

Man bat die die Götter um ihren Segen und Beistand, damit sie die Naturgewalten wohlwollend zu Gunsten der Menschen beeinflussten – denn ein Hagelschlag, zuviel oder zuwenig Regen konnte die ganze Ernte vernichten und so eine Katastrophe für ein Dorf auslösen.

Und das ist der ganz entscheidende Punkt: Unsere Urahnen glaubten an die Gottheiten und nicht an die Natur als Gottheit, denn wie der Kreislauf der Natur funktionierte, das wussten die damaligen Menschen auch unabhängig von den Göttern sehr genau.

Auch das heutige Neuheidentum ist keine „Naturreligion“, sondern das klare Bekenntnis zu unseren Gottheiten – sie zu ehren im stillen Gebet oder auch bei einem gemeinschaftlichen Blót, an sie zu glauben und einfach ihnen zu vertrauen, das ist gelebtes Heidentum in Sinne von Religion.

Danke fürs viele Lesen und hoffentlich verbreiten.
Manfried, Jarl der Trelleborg

Aus dem Vergessen, geschrieben von Eibensang

Samstag, 18. Februar 2017

Fiktive Erinnerungen eines ebensolchen chattischen Kriegers aus (etwa) dem sechsten Jahrhundert. Schauplatz: zwischen Tüdelburger Wald und Orkenweiler Senke am Oberlauf der Wahn. (Auszug aus „Das Lied der Eibe – Eine Runen-Reise durch das Ältere Futhark“ von Duke Meyer, erschienen bei Edition Roter Drache.)

Es dunkelt. Aber das Mondlicht sollte reichen: Fast voll steht Manis Nachtgesicht am Himmel, knapp über den Buchen, die jetzt nur noch Schattenrisse sind, schwarz und stumm. Ich bin nicht weit vom Lager, aber entweder sind sie alle still geworden dort – oder etwas in mir blendet die Geräusche aus, ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Stattdessen höre ich Unken aus Südwest, da ist wohl ein Bach, und das Aufflattern einer Ralle, aber jetzt ist auch das vorbei. Nur der Wind pfeift und klatscht mir die nassen Haare ins Gesicht. Der Regen hat aufgehört. Ich atme durch. Es wird Zeit. Lang will ich nicht wegbleiben. Mein kleines Messer und der Speer. Das kleine Messer meines Bruders und der Speer. Das kleine Messer, das mein Bruder mir geschenkt hat, nachdem er mir – Monde her – versucht hat, damit in den Arm zu schneiden. Echt lustig. Wir dachten, es sei stumpf – aber wir waren einfach nur zu betrunken. Jetzt wird unsere Blutsbrüderschaft, obwohl überfällig, noch ein wenig warten müssen. Wenn wir überleben, wir beide. Wofür – zumindest für meinen Teil – etwas getan werden muss: was ich vorhabe. Die Klinge muss in Holz schneiden – erstmal. Ich betrachte meine Hand, die den Speer umfasst und wiegt. Die Hand, aus der ich ihn einst empfing, ist Rabenfraß geworden. Mein anderer Bruder ist das gewesen, mein leiblicher. Er war jünger als ich. Aber dann haben die Valkyries ihn geholt, vor der Zeit, wie ich meine. Er ist tot und ich lebe. Die Welt kann ungerecht sein. Es gilt, Ausgleich zu schaffen. Verdammt. Hätte er nicht überleben können? Es ist, wie es ist. Es rafft immer die Falschen dahin. Morgen werden viele dran sein, niemand weiß, wen es treffen wird. Deshalb bin ich hier. Mit dem kleinen Messer meines Lieblingsbruders, der nicht mein leiblicher ist – aber mir so nah wie die eigene Mutter. Welche Zeichen sind die richtigen – was ist der beste Zauber? Ich spucke aus. Kenne eh zuwenige. Wie war das – was hat die Erilar gesagt?

„Nimm Ansuz. Das ist der Atem der Götter. Mächtiger Schutz. Besseren kriegst du nicht für die Schlacht.“ Und das hat sie gesagt: „Es ist Speerschüttlers Mantel. Siehst du den Stab? Den senkrechten Strich? Zwei schräge Äste gehen von ihm ab, weisen nach unten. Das sind die Falten von Siegvaters Mantel.“ Sie nennt den Schrecklichen nie beim Namen, erfindet immer neue. Aber es ist klar, wen sie meint: den Einäugigen! Ich nenn ihn ja auch nie beim Namen. Den Herrn der Valkyries. Die meinen Bruder fraßen. Meinen leiblichen. Kalt braust der Wind. Ich setze die Messerschneide auf den Speerschaft an. Zögere noch. Wie ging sie noch gleich, diese Rune, Ansuz?

Die Erilar. Was willst du von der, hat es geheißen. Diese alte Wanderkrähe will dich doch bloß vernaschen, weil sie nie einen abkriegt. Jetzt versucht sie es bei dir, pass ja auf, haben sie gespottet. Aber sie haben – wie immer – keine Ahnung. Die Erilar braucht keinen Mann, hab ich die Freunde erinnert. Die hat es mit Frauen – und Tieren, wenn überhaupt. Und den Geistern. Ganz sicher mit den Geistern. Sonst wäre sie ja keine Erilar, oder? Aber mit Besoffenen kannst du nicht reden. Die lallen nur herum und dünken sich doll. Trottel, geliebte. Ich grinse. Aber Ahnung haben sie wirklich keine, die Freunde. Ich ging zur Erilar. Weiß gar nicht, was die so hässlich finden an ihr – angeschmust hat sie mich sowieso nicht. Eher fasziniert. Na ja, vielleicht nicht das richtige Wort. Ich mag sie. Sie macht mich ruhig. Ohne dass sie was sagen muss. Eine weise Frau. Ganz dunkel. Wie die Nacht heute. Fast schwarz ihre Haut, tiefschwarz ihr Haar und so kräuselig wie zerzauste Wolle… Sie sei von weit her gekommen, heißt es. Egal: eine der unseren. Vom Stamm der Katzen. Wir sind alle Katzen. Die Sonne ist unsere Mutter. Die Erilar erzählte mir mal, da, wo sie herkam, ganz fern und urweit im Süden, da, wo angeblich kein Wald mehr wüchse und die Luft viel heißer sei, auch winters, da würden andere Große verehrt. Aber dann kam sie zu uns und wurde eine Katze so wie wir. Eine von uns. Mit uns. Sonnentochter. Und dass ihre Haut so schwarz sei, das läge daran, dass die Mutter sie zu lange gewiegt habe. Denn wo sie, die Erilar, herkam, bevor sie eine Erilar wurde, eine Runenkundige, sei die Sonne näher und heißer gewesen und – äh ja, „männlich“. Das war mir dann ein bisschen zu hoch. Ob Gottheit oder sterblich: Ein Mann ist doch keine Mutter! Zumal die Haut der Erilar nicht wirklich verbrannt ist, sondern einfach nur dunkel. So dunkel wie die Augen meines toten Bruders, des geliebten. Obwohl meine Augen die Farben des Wassers haben und mein Haar hell ist wie das von Sif selbst: wie das reife Korn im Wind! Egal. Hauptsache ist, dass wir alle Katzen sind. Kinder der leuchtenden Großen Herrin, der Sonne am Himmel.

Ich weiß jetzt wieder, wie die Ansuz geht. Ritze ins Holz. Runter, kräftig: ein langer Strich. Ganz gerade, steil und stolz. Kerb ihn rein in den Speerschaft, in seine Rundung. Atme durch, konzentriere mich und setze nochmal an: am oberen Ende des Strichs, direkt an dem Ende, seiner Kante. Ritze von da aus schräg runter: den Ast, den einen. Muss plötzlich lachen. Das ist doch auch ein Zeichen? Ja, ich erinnere mich der weisen Frau, der Erilar Worte. Wie heißt das Ding? Laguz! Das fließende Wasser, der Lauch! Das ist nicht die Rune, die ich ritzen will. Ein einziger Schräg-Ast macht den Unterschied. Es ist schon kompliziert mit der Zauberei. Es kommt aufs Detail an, aufs verdammte. Zum Donner! Fast scheint es mir einfacher, einen wehrhaften Mann zu erschlagen, was ja auch geübt sein will, als diesen ritzigen Fitzelkram herzukerben. Alles so klein hier! Hochkonzentriert: Der zweite Ast kerbt sich parallel zum ersten in die Schaftrundung. Dies ist Ansuz. Jau, jahu, gelungen! Die erste! Wie vieleRunen sollen es werden? Sechs, sagte die Erilar, sechs mindestens. Warum sechs, fragte ich. Denn ich bin ja kein Erilar. „Weil sechs das Zeichen des Könnens ist, der Fackel, der Kunst. Und acht schaffst du ja sowieso nicht.“ Sagte die Erilar. Und hat gelacht. Dieses kehlige Lachen, das ich an ihr so liebe. Natürlich schaffe ich acht – hab ich mir vorgenommen. Eine ganze Ætt: eine Familie, eine Sippe! Aber ich sehe schon: Das wird schwierig. Die zweite Ansuz-Rune, die ich ritze, gerät weniger ideal als ihr Vorbild. Ihr zweiter Ast ragt links ein Stück über den Rückgratsstab hinaus. Mist! Hoffentlich gilt das noch… Außerdem ist sie kleiner als die erste. Gleich die nächste ritzen! Mit Schweiß und Not gelingen mir vier – aber irgendwie sehen sie alle aus wie die Kinder, die ich noch nicht zeugte: eins missratener als das andere. Ansuz, Ansuz, Ansuz…

Verzeiht mir, ihr Großen – meine Pfoten sind zu grob, diesen Zauber vollendet zu weben, aber ich hoffe und bitt‘ euch, ihr versteht, wie mein ungelenkes Ritzen gemeint ist. Ihr versteht doch? Um Schutz ruf ich euch an, dich, Speerschüttler, dich, Hammerwerfer, dich, fauchende Sonnenkatze, Herrin des Krieges, den es zu gewinnen gilt: für mich, für den toten Bruder und den lebendigen, der noch keiner ist, für alle Katzen vom Stamm der Katzen – macht meine Hand sicher, lasst diesen Schaft, den sie wirft, über oder in das Heer der Feinde fliegen! Macht mich, bittebittebitte, unverwundbar, groß und mächtig wie den Schreckensbringer selbst! Leiht mir seinen Mantel! Macht mich unversehrbar für Pfeil, Speer und Axt! Denn ihr Großen wisst ja, worum es geht! Wir sind die Katzen! Die, denen wir morgen gegenüberstehen, nennen sich auch so – doch sie sind keine! Die paktieren mit den Legionen des eisernen Lindwurms… von denen sie auch ihre Schwerter haben. Ein römischer Pfeil war es, der meinen Bruder fällte! So weit zu uns hinauf wären die Schildkrötenpanzer des großen Lindwurms aber nie geklappert gekommen, hätten die vom Stamm der falschen Katzen ihnen nicht den Weg gewiesen und bereitet. Wir werden sehen, wer morgen den Speer übers Heer schleudert – es Gungnirs Schüttler weiht, dem Leichenschwelger und seinen schwarzgefiederten Töchtern.

Leiber will ich fällen, Krieger töten, Schwerter von Armen trennen mit der Schneide meiner Klinge, Schädel zertrümmern und in Augen sehen, die brechen, während ein roter Fluss den Schmerz lindern soll, den das bleiche Antlitz meines jüngsten Bruders hinterließ. Ansuz, Ansuz, Ansuz… Atmet mit mir, ihr Großen: Leiht mir euren Atem, den langen. Wenn ich falle, sollen tausend Katzen meinen Tod rächen – wie ich den Fall meines Bruders räche an so vielen von diesen Lindwurmkriegern, wie mein Speer, mein Sax, meine Axt, meine Keule – oder mein bloßer Arm erreicht. Feuer schleudern sie durch die Luft, heißt es – doch es bricht sich an den Bäumen. Morgen noch nicht: erst stellen – und fällen – wir die falschen Katzen, Lindwurms Vorhut. Die haben kein Feuer. Doch wir das der Sonne. Wir sind die Katzen. Krieger Freyjas, der Herrin der Lust, der Vánadis. Ich ritze die Ansuz. Ein-, zwei-, drei-, sechsmal. In den Schaft meines Speers. Der übers Heer fliegen wird. Das Heer der Feinde. Sie dem Einäugigen opfernd. Hoch steht Mani am Himmel. Was höre ich? Die Geräusche des Lagers, wieder. Gesprächsfetzen, Feuerknacken, Scheitgeprassel, Lachen. Rundmond: fast voll. So neigt sich die Nacht! Einem roten Morgen entgegen. Dem Tag der Entscheidung. Zurück, rasch zurück: für ein, zwei Hörner am Feuer – und eine Mütze Schlaf!

Nachtrag. Ich überlebte die Schlacht, und mein Blutsbruder in spe auch. Wir siegten! Gewannen die Schlacht – verloren den Krieg. Andere Geschichte. Ich starb Jahre später. Im Kampf gegen Hennen. Die ich versuchte, aus dem obersten Speicher der Scheune zu verscheuchen – wobei ich vom Balken fiel. Als ich erwachte, war ich tot. Ich sah ins Antlitz der Sonne. Komm ich zu dir, bin ich daheim? Fragte ich. Die Große lächelte. Ich schämte mich, den Strohtod gestorben zu sein: als Krieger! Nicht nach Walhall gekommen. Nicht zu Odin – so sein Name – und den Einherjern. Doch die große Katze lächelte. Willkommen in Folkwang, flüsterte sie. Hier ist es viel schöner. Du bist meine erste Wahl. Und – so ich zu euch – nichts sonst geht euch Sterbliche an. Weshalb es keine Überlieferung gibt von diesem Ort. Lebt euer Leben. Macht’s gut!

„Nazi-Druide“ „Burgos“ alias „Hasspredix“ und die „Heidenszene“, geschrieben von MartinM

Samstag, 28. Januar 2017

Der „Druide“ und „Reichsbürger“ Burghard B., der sich selbst „Burgos von Buchonia I.“ nennt, wirkt in seinem offensichtlich von „Asterix“ und Fantasy-Filmen inspirierten „authentisch keltischen“ Druiden-Ornat auf den ersten Blick eher komisch als gefährlich. Selbst dass er sich wie ein Saruman-Imitator aufführt und die zu dieser Rolle passenden Machtphantasien zeigt, lässt noch nicht die inneren Alarmglocken läuten: Ein größenwahnsinniger „Heidenfürst“ in der an skurrilen Charakteren nicht gerade armen „Heidenszene“ mehr, was soll’s?

„Burgos“ führte als „keltischer Druide“ gewandet Wandergruppen durch die Rhön und galt bei den regionalen Medien hier und an seinem Wohnort Schwetzingen (bei Heidelberg) als interessanter Spinner. Sogar der Bayerische Rundfunk hielt den „Druiden“ vor einigen Jahren anscheinend für einen harmlosen Exzentriker und filmte ihn beim Kräutersammeln im Wald und beim Bogenschießen. Dabei erzählte er mit ernster Mine, er sei vor 2.500 Jahren in einer Winternacht als Neffe des Zauberers Merlin geboren worden.
Es ist nicht auszuschließen, dass „Burgos“ das wirklich glaubt. Er glaubt ja so Einiges, was halbwegs politisch gebildete Menschen für blühenden Unsinn halten – zum Beispiel, dass das „Deutsche Reich“ nach wie vor bestünde, die BRD eine GmbH und Deutschland nach wie vor besetzt sei. Er ist überzeugt, dass es „ohne Juden keine Kriege, ohne Kriege keine Asylanten“ gäbe, ist der Ansicht, Deutschland werde seit 130 Jahren „bekriegt“, Winston Churchill wäre Zionist gewesen und habe Befehl gegeben, „Millionen Menschen unseres Volkes“ zu vernichten und behauptet, zwei Weltkriege seien geführt worden, „um die dominante Rolle Deutschlands zu verhindern“. (Am Rande bemerkt: Der zweimalige britische Premierminister Winston Churchill (1874–1965) trat 1908 in die „Albion Loge“ des „Ancient Order of Druids“ (AOD) ein – er war also (Neu-)Druide!)
Selbst die meisten überzeugten Nazis würden das nicht so sehen wie „Burgos“. Wenn er jedoch fürchtet: „Wir sollen umgevolkt werden. Wir sollen unserer Identität beraubt werden“, dann sind das Ängste, die weit über die Nazi-Kreise hinaus von Rechtsextremisten (auch solchen, die sich lieber „besorgte Bürger“ nennen) geteilt werden. Auch seine zum Teil unflätige antisemitische und anti-muslimische Hetze und seine rassistischen Sprüche fanden beifällig nickende Zuhörer und Leser.

Spätestens seit Mittwoch, dem 25. Januar 2017 wird, von Gesinnungsgenossen vielleicht abgesehen, niemand mehr Burghard B. für einen „harmlosen Spinner“ halten.
Der Druide, der Juden vernichten will (tagesschau)
Der deutsche Generalbundesanwalt schickte am 24. Januar Polizisten zwecks Razzia zur Schwetzinger Wohnung B.’s und zu denen einiger seiner Gleichgesinnten. Die Beamten fanden in den Wohnungen der Beschuldigten neben zahllosen Waffen und Munition auch Pläne für Anschläge auf Juden, Muslime und Polizisten.
Die Bundesanwaltschaft wirft dem 62-Jährigen (bzw. nach eigenen Angaben mittlerweile 2506-Jährigen) „Druiden“ und seinen fünf mutmaßlichen Komplizen vor, gemeinsam eine rechtsterroristische Vereinigung gegründet zu haben. Allem Anschein nach zurecht.

Für uns ist das aus gleich mehreren Gründen äußerst ärgerlich!

„Burgos von Buchonia“ ist im deutschen Neuheidentum wirklich kein Unbekannter. Der selbsternannte Druide war gut vernetzt, sowohl persönlich, auf rechten wie auf heidnischen Treffen, wie auch auf facebook, YouTube und dem bei Verschwörungsideologen beliebten russischen sozialen Netzwerk VK.

Ärgerlich ist einerseits, dass solche kriminellen Gruselgestalten dem Ruf des Heidentums schaden. Dass wir als „germanisch“ bzw. „keltisch“ orientierte Heiden schnell und meistens zu Unrecht in die „rechte Ecke“ gestellt werden, liegt vor allem daran, dass völkisch-rassistische Spinner wie B. nicht nur in der „Bild“ (oder der „Krone“) das Bild des Heidentums bestimmen.

Vielleicht noch ärgerlicher ist andererseits, dass längst nicht alle auf „unserer“ Seite (also Heiden, die keine Nazis sind) klare Position gegen Rechtsextremisten wie „Burgos“ beziehen, und damit Nazis und Rassisten leichtfertig die Deutungshoheit über das, was die Öffentlichkeit über Heiden zu sehen bekommt, überlassen.

Sehr ärgerlich ist, dass nicht-rassistische Heiden mit dem mutmaßlichen Terroristen und schon damals als solchem erkennbaren völkischen Hetzer kuschelten.
Zum Beispiel war der „Druide“ bei der jährlichen Demonstration gegen das Bonifatius-Denkmal in Fritzlar dabei. Zur Erinnerung: Es liegt – unter Anderem – an der „Rechtsoffenheit“ dieser Veranstaltung, dass sich die Nornirs Ætt nicht daran beteiligt.

Für die ärgerliche Tatsache, dass offen erkennbare Hetzer einfach so in heidnischen Gruppen und auf Veranstaltungen mitmischen können, fehlt mir jedes Verständnis!

Die aus „Ættlingen“ bestehende Band „Singvøgel“ sang schon vor Jahren über die falsche Toleranz gegenüber falschen Freunden und zeigte, was von der „unpolitischen“ „Wir-sind-doch-alle-Heiden“-Gesinnung zu halten ist: Absolut nichts! „Freundchen“.

Zwar haben sich Druiden-Vereinigungen wie der OBOD und verschiedene keltische Gruppen und Vereine vom rechtsextremen „Druiden“ distanziert. Um der rechtsextremen Konnotation des Heidentums entgegen zu wirken, reicht es aber nicht aus, sich nur nach außen abzugrenzen – man muss in den eigenen Reihen anfangen!

Es geht auch anders: Der Steinkreisverein im badischen Brühl schloss 2012 seinen damaligen Vorstand aus, weil „Burgos von Buchonia“ auf Facebook Muslime beleidigt hatte. Dort hatte der „Druide“ damals das Bild einer brennenden Moschee gezeigt und die Hoffnung geäußert, bald möge auch das islamische Heiligtum in Mekka brennen. (Diese Äußerungen verhalfen B. zum „Druidennamen“ „Hasspredix“.)
Auch „Celtoi e. V.“ belässt es schon lange nicht mehr bei verbalen Abgrenzung – rassistische „Kelten“ haben hier keine Chance. So, wie rassistische „Germanen“ beim „Eldaring“ und erfreulicherweise inzwischen auch beim „Verein für Germanisches Heidentum e. V.“ keinen Zutritt haben. Und an der harten Haltung der Nornirs Ætt gegenüber rechtsdrehendem Heidentum und völkischer Ideologie dürfte ohnehin kein Zweifel bestehen.

„Irminsul“ auf den Externsteinen – kein harmloser Streich! geschrieben von MartinM

Samstag, 07. Januar 2017

Am Neujahrstag 2017 thronte eine Holzsäule, die offenkundig eine Nachbildung der Irminsul sein sollte, auf dem höchsten Felsen der Externsteine. Die Feuerwehr Horn-Bad Meinberg baute sie am Sonntagabend mit großem Aufwand wieder ab. Die Denkmalstiftung des Landesverbandes Lippe hat Anzeige erstattet.

Unbekannte installieren in Silvesternacht „Irminsul“-Symbol auf den Externsteinen

Staatsschutz ermittelt wegen „Irminsul“-Symbol auf den Externsteinen

Eine Überreaktion auf einen gelungenen Streich? Keineswegs!
Es ist auch kein Anlass zur klammheimlichen Freude.

Die Säule, die die unbekannten Täter auf Fels II der Externsteine installierten, war wahrscheinlich nicht zufällig in den „Reichsfarben“ schwarz, weiß und rot bemalt. Wenn der Landesverband Lippe einen „eindeutig rechtsradikalen Hintergrund“ sieht, dann dürfte er recht haben. Die Irminsul in der dargestellten Form ist in der Tat ein charakteristisches Symbol völkischer Heiden und ein beliebtes „legales Ersatzsymbol“ für Nazis. Sie war zudem ein Emblem der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ der SS.
Frederic Clasmeier von der „Mobilen Beratung gegen Rechts“ kamen nicht von ungefähr unsere „besonderen Freunde“, die „Nazitrus“ der ultra-rassistischen und antisemitischen „Artgemeinschaft – germanistische Glaubensgemeinschaft“, in den Sinn, deren Symbol die Irminsul in der von den „Scherzbolden“ verwendeten Form ist.
(Dass die „Irminsul“ auch von nicht-rechten Heiden und unter Esoterikern verwendet wird, dürfte der Unkenntnis oder bewusster Ignoranz „schulwissenschaftlichen Wissens“ geschuldet sein – mehr dazu weiter unten.)

Selbst wenn es keinen „rechten Hintergrund“ geben sollte, ist der „Streich“ als Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz strafrechtlich relevant. Und, wenn man an die erheblichen Kosten des aufwendigen Feuerwehreinsatzes denkt, ein teurer „Streich“. (Hoffentlich für die Täter!)

Für demokratisch gesonnenen Heiden – und auch für „harmlose Esoteriker“ – ist der „Streich“ ein echtes Ärgernis.
Der Landesverband Lippe zeigt schon seit Jahren eine klare Haltung den Misssbrauch der Externsteine für rechte, reaktionäre Positionen, und zwar erfreulicherweise über eindeutig erkennbare Nazi-Ideologie hinaus. Zum anderen wendet er sich auch gegen wissenschaftlich nicht belegbare Deutungen der Externsteine, etwa als heidnische bzw. germanische Kultstätte. Und genau hier droht unter Umständen Ärger: Jene, die schon seit eh und je fordern, heidnische Kulthandlungen und Sonnenwendfeiern an den „Steinen“ müssten endlich verboten werden, dürften mit dieser strunzdämlichen Aktion Auftrieb erhalten.

Die Irminsul

Einigermaßen sicher ist nur bekannt, dass die Irminsul ein Stammesheiligtum der Sachsen war. Unbekannt ist, ob es nur diese eine Säule gab oder doch mehrere „Irminsulen“.

Die in den fränkischen Reichsanalen als „Ermensul“ bezeichnete Säule wurde auf Veranlassung Karls „des Großen“ 772 zerstört.
Es gibt nur wage Hinweise darauf, wo diese Säule stand. Nach den „Reichsannalen“ stand sie in einiger Entfernung von der Eresburg beim heutigen Obermarsberg. Das liegt bekanntlich im Hochsauerland, und damit wäre es ausgeschlossen, dass die von den Soldaten Karls zerstörte Säule auf den Externsteinen stand.
Die Befürworter der „Externsteinhypothese“ berufen sich deshalb auf (unsichere) Überlieferungen, nach denen das Heer Karls am Bullerborn, einer intermittierenden Quelle bei Altenbeken, lagerte, bevor es an den darauffolgenden Tagen das Irminsul-Heiligtum eroberte und zerstörte. Das wäre immerhin von der Marschleistung her möglich gewesen, ist aber mit den als einigermaßen zuverlässige Quelle bekannten Reichsannalen nur dann vereinbar, wenn es, entgegen dem Wortlaut der Annalen, mehrere Irminsul-Heiligtümer gegeben hätte.

Über die kultische Funktion und das Aussehen der Irminsul ist sehr wenig bekannt. Die „ausführlichsten“ Angaben hierzu finden sich in Rudolf von Fuldas „De miraculis sancti Alexandri“ aus dem Jahre 863, also einer nicht mehr zeitgenössen Quelle. Demnach war sie ein unter freiem Himmel senkrecht aufgerichteter großer Baumstamm. „Irminsul“ bedeutet nach Rudolf columna universalis, also „Säule des Universums“ und trägt gewissermaßen das All. „All-Säule“ ist daher eine mögliche Deutung von „Irminsul“; von der Entymologie wahrscheinlicher ist „Große Säule“. Ein Bezug zum aus der altnordischen Mythologie bekannten „Weltenbaum“ Yggdrasil liegt nahe, ist aber mangels weiterer Quellen nicht beweisbar.

Alles, was über diese mageren Fakten wesendlich hinaus geht, ist pure Spekulation!
Und damit sind wir bei den „völkischen Esoterikern“ des 19. und 20. Jahrhunderts. Das u. A. bei der neonazistische „Artgemeinschaft“ und dem ariosophischen „Armanenorden“ verwendete „Design“ der am Neujahrstag auf den Externsteinen“ aufgestellten Säule geht auf den völkischer Laienforscher Wilhelm Teudt zurück. In seinem 1929 erschienenen Buch „Germanische Heiligtümer“ behauptete er, das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen zeige mit dem gebogenen Gegenstand am Fuß des Kreuzes die Kultsäule der Sachsen. Als Symbol für den Sieg des Christentums über das Heidentum sei sie dort allerdings gebeugt dargestellt worden. Einen Beleg für diese kühne Vermutung hatte Teudt nicht, trotzdem wurde die „wiederaufgerichtete Irminsul“ schnell populär, vielleicht auch wegen ihrer „gefälligen“ Formgebung.
Die Form dieser vermeindlichen „Irminsul“ findet sich auch bei Säulenkapitellen in einigen romanischen Kirchen, ist also keineswegs einmalig. Diese Kapitellform geht wahrscheinlich auf silisierte Dattelpalmen zurück, die die Kunsthandwerker der deutschen Romanik wohl nur von vereinfachten Abbildungen her gekannt haben dürften. Wieso es eine geknickte Dattelpalme als Leiterersatz in ein Kreuzabnahmerelief schaffte, ist mangels weiterer Indizien das Geheimnis des unbekannten mittelalterlichen Bildhauers.

Wenn man so will, haben die mutmaßlich völkischen und sicherlich germanentümelnden „Scherzbolde“ am Neujahrsmorgen eine Dattelpalme auf den Felsen II der Externsteine gepflanzt!

Ja, und noch etwas: Dafür, dass die Externsteine in „germanischer Zeit“ *), also zwischen dem Beginn der Eisenzeit und den „Sachsenkriegen“ als Kultstätte genutzt wurden, gibt es in der Tat keine tragfähigen Hinweise.
Wenn man bedenkt, wie umfangreich die Fundlage bei den bekannten eisenzeitlichen Kultstätten ist, und dass das „Ahnenerbe“ trotz gezielter Suche keine germanischen Artefakte fand, dürfte das mit aller gebotener Vorsicht bedeuten, dass die „Steine“ keine bedeutende Kultstätte der alten Sachsen gewesen sein können.

Und ohne viel benutzten Kultplatz würde eine Irminsul auf den Externsteinen irgendwie keinen Sinn ergeben.

*) Ergänzung: „Germanische Zeit“ in „völkischer“ Lesart. Tatächlich gab es im „Teuteburger Wald“ Höhenfestungen, die der Latènekultur zugeordnet werden können, mithin also „keltisch“ waren.