Archiv für die Kategorie ‘Leerheit und Form’

Geistestraining – Dharma – Teil I, geschrieben von Enrico

Samstag, 14. Oktober 2017

Immer wieder geben buddhistisch Praktizierende den Dharma auf, wenn sie sich großen Schwierigkeiten und Herausforderungen gegenüber sehen. Das ist einfach aufgrund der Person selbst, da sie eine falsche Vorstellung vom Dharma hat. Der Dharma wird nicht praktiziert, um Macht, Ruhm, Ansehen, Reichtum, angenehme Lebensumstände o.ä. zu erlangen. Allein das Wort „Dharma“ – befreiende Information – verweist schon auf den Zweck der Übung. Es geht darum, Befreiung von den wiederkehrenden quälenden Geisteszuständen – dem Leiden – zu erlangen und die Natur des Geistes, diesen beständigen Strom präsenten Erkennens, zu erlangen.

Wenn man beispielsweise den Ansatz des Vajrayana verfolgt, dann ist es zunächst wichtig, einen passenden Lehrer und eine ungebrochene Übertragungslinie zu finden. Dann erbittet man von dieser Person die entsprechenden Ermächtigungen, Einweihungen, Übertragungen und aufzeigenden Lehren. Natürlich soll man dabei wie ein hungriger Yak sein, der sich, noch während er den einen gegenwärtigen Grashalm verschlingt, schon nach einem nächsten umsieht. Aber das ist eine bildhafte Beschreibung für die Motivation, dass man im Bestreben nicht nachlassen soll und möglichst viele Verbindungen zu Lehrern und Praktiken herstellen soll. Jedoch soll und kann es nicht dabei bleiben.

Geist – die Wurzel von allem

Empfangene Übertragungen wollen auch praktiziert werden. Es genügt nicht, Einweihungen und hochrangigen Lamas nachzujagen. Wenn man das auf diese Weise verfolgt, landet man irgendwann in der Sackgasse der eigenen oberflächlichen Gedanken und Ansichten. Und das sind dann die Ursachen dafür, dass man das unmittelbare Training im Dharma, die Praxis auf dem Kissen und ggf. das Ausführen von Pujas, Wunschgebeten etc. aufgibt, wenn große Schwierigkeiten auftauchen. Stattdessen ist es erforderlich, den Dharma auch zu studieren, sich mit den Lehren eingehender und tiefer zu befassen.

Daher soll man sich auch mit den grundlegenden Lehren wie den Belehrungen zum Stufenpfad und dem Geistestraining vertraut machen. Selbst wenn man hunderte Ermächtigungen empfangen hat und man unzählige Praxisutensilien für die Rituale besitzt, wird man keinen Nutzen daraus ziehen, solange man nicht sich mit der Wurzel von allem – dem Geist – vertraut gemacht hat. Vielmehr werden diese Ermächtigungen und Praxisutensilien sich in Ursachen für aufgeblasenes Verhalten, Stolz, kleingeistiges Anhaften und dogmatische Fixierungen verwandeln. Die Praxis des Geistestrainings ist daher fundamental wichtig.

Geistestraining

Die Notwendigkeit für ein Geistestraining ergibt sich aufgrund des Zähmens des gewöhnlichen Geistes. Und dies geschieht am Besten über die Anwendung im Alltag. Am Meditationskissen, bei Pujas etc. kann man die besten Zuständen kultivieren und sich sogar darin verlieren. Der Erfolg einer Übung zeigt sich aber erst, wenn man außerhalb der Trainingssituation in den Zwischensitzungszeiten auf ganz gewöhnliche Herausforderungen des Alltags stößt. Dann erst zeigt sich, wie gut Sichtweise und Geisteszustände kultiviert wurden. Ist man sich des momentanen Geisteszustandes gewahr? Verlangt man nach besseren Gefühlszuständen? Lehnt man schwierige Lebensmomente ab, will sich diesen sogar verweigern? Oder hat man es tatsächlich geschafft, sich mit der überweltlichen Sicht vertraut zu machen und ist der Geistesstrom von dieser Sicht durchdrungen worden?

Erste Erfolge zeigen sich beispielsweise darin, dass man sich des üblichen reflexartigen Reagierens auf Situationen überhaupt einmal bewusst wird. Es kann sich auch dadurch zeigen, dass man Ursache-Wirkungszusammenhänge erkennt und nicht immer andere oder eine diffuse Schicksalsmacht – manchmal als „Leben“ oder in einer falschen Auffassung als „Karma“ bezeichnet – dafür verantwortlich macht. Denn mal Hand auf’s Herz. Wer oder was ist den das „Leben“? Wer oder was ist das „Karma“? Sind Leben und Tun (Karma) verschieden von der Person, die lebt und tut?

Das gewöhnliche Leben mit allen seinen Anforderungen muss in den Pfad gebracht werden. Für Praktizierende des Sutrayana-Ansatzes wie auch für jene des Vajrayanas gilt dies gleichermaßen. Bloß die Sichtweisen, wie eben Phänomene gesehen werden, ist verschieden. Ob man den fühlenden Wesen durch geschickte Mittel wie den Bodhisattva-Handlungen auf der Basis der unterscheidenden Weisheit in die Leerheit nützt oder ob man die „reine Sicht“, den „Yidam-Stolz“ etc. des Vajrayana dabei pflegt, ist einerlei. Denn auch in der „reinen Sicht“ des Vajrayana sieht man nicht nur sich rein, sondern auch andere. Somit besteht auch hier keine schiefe Ebene zwischen einem selbst und den Wesen, bloß die gesamte Sichtweise ist einfach noch etwas weiter verfeinert worden.

Reichtum, Nahrung und Sicherheit bringen auf körperlicher Ebene eine gewisse Sicherheit und einen Komfort. Jedoch gelingt dies nicht auf geistiger Ebene, da eben Reichtum, Nahrung und Sicherheit materielle Dinge sind bzw. darauf basieren. Der Geist jedoch ist nicht materiell und wird nicht durch Materie erzeugt. Deshalb ist Leiden und Qual eben geistiger Natur und der Zweck des Dharmas ist es, durch ein Verständnis der Natur des Geistes und der Phänomene Befreiung davon zu erlangen.

Ende Teil I

Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht – Teil II geschrieben von Uwe

Samstag, 09. September 2017

Im ersten Beitrag zu der Behauptung eines Wanderasketen, es reiche „ethisch richtiges“ Verhalten, um als Mensch verwirklicht zu sein, ging es darum, dass der Buddha selbst diese Behauptung mit dem Kleinkind Vergleich wiederlegte.
Sicher, es mag ja in Ordnung sein, in seinem alltäglichen Verhalten so zu agieren. Doch von der „Verwirklichung des Heilsamen“, wie es der Wanderasket beschreibt, ist man dennoch so weit entfernt wie die Sonne vom Pluto.
Und der Buddha beschreibt natürlich, was dazu gehört, um diese Verwirklichung tatsächlich zu erreichen. Doch geschickt wie er ist geht er nicht sogleich auf diese Beschreibung ein.
Er stellt klar, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, dass jemand überhaupt soweit kommt, sich der „üblen“ Handlungen zu enthalten. Und diese Voraussetzungen liegen in einem klaren Nachdenken und Reflektieren.
Hier mal im Wortlaut des vom Buddha dargelegten:

„Aber zunächst einmal sage ich, muß es so verstanden werden:
„Dies sind unheilsame Angewohnheiten“, und so: „Unheilsame Angewohnheiten entspringen in diesem“, und so: „Hier hören unheilsame Angewohnheiten ohne Überbleibsel auf“, und so: „Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von unheilsamen Angewohnheiten“. Und ich sage, es muß so verstanden werden: „Dies sind heilsame Angewohnheiten“, und so: „Heilsame Angewohnheiten entspringen in diesem“, und so: ‚Hier hören heilsame Angewohnheiten ohne Überbleibsel auf‘, und so: ‚Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von heilsamen Angewohnheiten‘. Und ich sage, es muß so verstanden werden: ‚Dies sind unheilsame Absichten‘, und so: ‚Unheilsame Absichten entspringen in diesem‘, und so: ‚Hier hören unheilsame Absichten ohne Überbleibsel auf‘, und so: ‚Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von unheilsamen Absichten‘. Und ich sage, es muß so verstanden werden: ‚Dies sind heilsame Absichten‘, und so: ‚Heilsame Absichten entspringen in diesem‘, und so: ‚Hier hören heilsame Absichten ohne Überbleibsel auf‘, und so: ‚Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von heilsamen Absichten“.

Unheilsame Angewohnheiten, so erläutert der Buddha sind Handlungen und Lebensweisen, die im allgemeinen Sprachgebrauch und im ethischen Empfinden eindeutig unheilsam zu definieren sind.
Im Umkehrschluss ist es mit den heilsamen Angewohnheiten genauso. Sie sind eindeutig als heilsam zu definieren.
Interessant ist, woher sie nach des Buddhas Worten kommen:

„Und wo entspringen diese unheilsamen Angewohnheiten? Sie entspringen im Geist. In welchem Geist? Obwohl der Geist vielfältig ist, verschiedenartig und mit unterschiedlichen Aspekten, gibt es Geist, der von Begierde beeinflußt ist, von Haß und von Verblendung. Unheilsame Angewohnheiten entspringen in diesem.“

Womit wir die drei grundlegenden „Geistesgifte“ haben. Dieselbe Erläuterung gilt für die heilsamen Angewohnheiten, die ihren Ursprung in einem Geist haben, der nicht von Begierde, Haß und Verblendung beeinflusst ist.
Dass man die unheilsamen Teile ablegen sollte ist selbstverständlich. Dies geschieht durch Vermeidung solcher möglichen und der Verminderung entstandener.
Nun empfiehlt der Buddha allerdings auch noch ein vollständiges Aufhören der heilsamen Angewohnheiten.

„Ihr Aufhören ist dargelegt: da ist einer sittsam, aber er identifiziert sich nicht mit seiner Sittlichkeit, und er versteht jene Herzensbefreiung, die Befreiung durch Weisheit, in der jene heilsamen Angewohnheiten ohne Überbleibsel aufhören, der Wirklichkeit entsprechend.“

Interessant, nicht? Das besagt nicht mehr und nicht weniger, dass heilsames Tun als Selbstzweck keinen Nutzen hat. Denn es führt nicht zur Befreiung aus dem Kreislauf der Existenzen im trügerischen Anschein.
Genauso gilt dies für „Absichten“, die der Buddha ebenfalls klar definiert.

„Was sind unheilsame Absichten? Es sind die Absicht der Sinnesgier, die Absicht des Übelwollens und die Absicht der Grausamkeit. Diese werden unheilsame Absichten genannt.“

Sie entspringen, so beschreibt es der Buddha, der Wahrnehmung. Ebenso die heilsamen Absichten, die geprägt sind durch die Abwesenheit von Sinnesgier, Übelwollen und Grausamkeit.
Und auch diese, müssen überwunden werden. Sowohl die unheilsamen Absichten als auch die heilsamen. Die unheilsamen werden wie folgt überwunden:

„Da tritt einer ganz abgeschieden von Sinnesvergnügen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen, in die erste Vertiefung ein, die von anfänglicher und anhaltender Hinwendung des Geistes begleitet ist, und verweilt darin, mit Verzückung und Glückseligkeit, die aus der Abgeschiedenheit entstanden sind.“

Interessanterweise gibt es ja auch noch die heilsamen Absichten.
Die allerdings ebenfalls überwunden werden müssen.
Und dies geschieht durch die so genannte zweite Vertiefungsstufe.
Wird fortgesetzt mit dem Weg, der zum Aufhören von Angewohnheiten und Absichten führt.


Vielleicht nützlich

Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht – Teil I geschrieben von Uwe

Samstag, 26. August 2017

Im Majjhima Nikaya 78 gibt es folgende hübsche Geschichte:

Der Zimmermann Pancakanga ging einst zum Wanderasketen Uggahamana. Er wollte wissen, wie er einen „Verwirklichten“ definiert. Der Wanderasket gab ihm folgende Antwort:

„Zimmermann, wenn ein Mann vier Eigenschaften besitzt, beschreibe ich ihn als verwirklicht in dem , was heilsam ist, (…) als einen, der das Höchste erlangt hat, als einen unbesiegbaren Mönch. Was sind die vier?

Er begeht keine üblen körperlichen Handlungen,
er führt keine üble Rede,
er hat keine üblen Absichten, und
er verdient sich seinen Lebensunterhalt nicht durch irgendeine üble Lebensweise.
Wenn ein Mann diese vier Eigenschaften besitzt, beschreibe ich ihn als verwirklicht (…), als einen unbesiegbaren

Klar, sagen wir im ersten Überschwang. So ist es, genau so ist es.
Zumindest so genannte säkulare Buddhisten würden dem zustimmen und sagen, oh ja, genau so reicht es aus, um ein „buddhistisches“ Leben zu führen. Niemandem schaden und ethisch ordentlich handeln.

Nun, der Zimmermann Pancakanga ist offensichtlich, genau wie der etwas informierte „Buddhist“ nicht überzeugt und begibt sich zum Buddha und schildert diesem das vom Wanderasketen Uggahamana dargelegte.

Der Buddha antwortet direkt:

„Wenn dem so wäre, Zimmermann, dann wäre ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, nach der Behauptung des Wanderasketen Uggāhamāna verwirklicht (…), ein unbesiegbarer Mönch.“

Logisch nicht? Der Buddha hat genau die Schwachstelle aufgedeckt, und argumentiert im Folgenden auch mit scharfer glasklarer Logik, die des Wanderasketen Behauptung zerschießt wie ein Artilleriegeschoss einen VW Golf.

„Denn ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Körper“, also wie könnte es da eine üble Handlung über bloßes Strampeln hinaus begehen?
Ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Sprache“, also wie könnte es da üble Rede über bloßes Jammern hinaus führen?
Ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Absicht“, also wie könnte es da üble Absichten über bloßes Schmollen hinaus haben? Ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Lebensunterhalt“, also wie könnte es sich da seinen Lebensunterhalt durch üble Lebensweise über bloßes Gestillt werden an der Mutterbrust hinaus verdienen?
Wenn dem so wäre, Zimmermann, dann wäre ein junges, zartes Kleinkind, (…) ein unbesiegbarer Mönch.“

Der Buddha wird noch deutlicher.
Er führt die Behauptung des Wanderasketen nicht nur ad absurdum.
Sondern stellt diese auch noch ausdrücklich als falsch dar. Das ist beeindruckend, denn manche Leute denken ja, der Buddha wäre „tolerant“ gewesen.
Was er jedoch ganz und gar nicht war, wenn es darum ging, klare Kante zu zeigen und nicht nur irgendwelche wohlgefällige Worthülsen wie die des Wanderasketen unter sich zu lassen. Sondern das Gesagte auch mit Leben zu füllen.

„Wenn ein Mann vier Eigenschaften besitzt, Zimmermann, dann beschreibe ich ihn NICHT als verwirklicht in dem , was heilsam ist, (…), der das Höchste erlangt hat, oder als einen unbesiegbaren Mönch, sondern als einen, der zur gleichen Kategorie gehört, wie das junge, zarte Kleinkind, das unbeholfen daliegt. Was sind die vier?
Er begeht keine üblen körperlichen Handlungen,
er führt keine üble Rede,
er hat keine üblen Absichten, und
er verdient sich seinen Lebensunterhalt nicht durch irgendeine üble Lebensweise.
Wenn ein Mann diese vier Eigenschaften besitzt, dann beschreibe ich ihn NICHT als verwirklicht (…), sondern als einen (…) wie das junge, zarte Kleinkind, das unbeholfen daliegt.“

Dass der Buddha natürlich eine „richtige“ Darlegung hat, was einen Mann (eine Frau) zu einem verwirklichten Menschen macht, kann man sich denken.
Dass er eben seine Behauptung auch mit „Leben“ füllen kann, wie ein solches verwirklichtes Sein auch erlangt werden kann.
Das werde ich ausführlich im nächsten Beitrag erörtern.
Denn das ist ja, wie man sich denken kann, nicht in ein paar Sätzen zu erläutern.

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Ende Teil I

Lehrer – Meister – Gurus – Teil II, geschrieben von Stefan

Samstag, 22. Juli 2017

Die Macht des Meisters über den Schüler

So ein Meister oder Guru hat also eine immense ‚Macht‘ über den Schüler. Da der Schüler sich ihm (notwendigerweise) in diesen Dingen anvertraut, macht sich der Schüler sehr verletzlich, was auf Seiten des Meisters / Gurus zu einer großen Verantwortung führt. Dies ist (in diesem speziellen Kontext der Ego-Dekonstruktion) kein ‚Augenhöhe-Verhältnis‘ mit einem in der Postmoderne so beliebten ‚jeder ist zu 100% für sich selber verantwortlich‘!

Da, wo sich ein ‚Ich‘ gerade in Auflösung befindet (oder das zumindest von diesem Ich gerade so erlebt wird) wäre es absolut kontraproduktiv, von diesem Ich 100% Verantwortung für sich selber zu erwarten. Gerade in dem Abgeben der Verantwortung, in der Hingabe liegt hier ja die große Kraft!

Dass in Meister / Guru – Schülerbeziehungen was schiefgehen und es z.B. zu Fällen von Machtmissbrauch mit üblen Folgen für die Schüler kommen kann, ist leider keine rein theoretische Diskussion. Es gibt viel zu viele Fälle, in denen viel vermeidbares Leid entstanden ist.

Wie also können sich beide Seiten vor solchen (offensichtlich ja nicht seltenen und übrigens psychlogisch meist gut zu erklärenden) unheilsamen Dynamiken schützen, wie sie verhindern?

Im Integral Zen lösen wir das dadurch, dass der Meister (Roshi) nicht mehr (wie sonst im traditionellen Zen auch üblich) die absolute Hoheit und Entscheidungsgewalt in allen Bereichen hat. In ‚Erleuchtungsfragen‘ ist er ohne Zweifel die Autorität, was aber überhaupt nicht bedeutet, dass er irgendwas Sinnvolles zu irgendeiner anderen Entscheidung eines Schülers sagen kann. Deswegen hält er sich da auch schlicht raus.

Umgekehrt ist es sogar so, dass ja auch der Roshi seine Schattenarbeit machen muss und dazu seine ‚Spiegel‘ braucht, die ihn mit den Themen konfrontieren, die er (per Definition, wie erleuchtet er auch sein mag) selber nicht sehen kann. Damit das nicht in ein wildes ‚jeder macht hier mal jeden auf das aufmerksam, was er grad (beim Anderen) für einen Schatten hält‘ ausartet (ein in grünen oder Möchtegern-integralen Kreisen manchmal zu beobachtender Auswuchs), dafür haben wir unsere eigenen Methoden entwickelt, auf die ich hier aber aus Platzgründen nicht eingehen möchte.

 

Unterschied Roshi – Guru

Ein (aus meiner Sicht) wesentlicher Unterschied Roshi – Guru ist folgender:

Der Roshi ist das spirituelle Oberhaupt der Interal Zen Sangha und somit in spirituellen Dingen in der Wachstumshierarchie höhergestellt. Das bedeutet dann aber auch, dass es Mitglieder dr Sangha gibt, die ihm in anderen Fragen überlegen und in diesen Bereichen ‚machtvoller‘ als er sind. Geteilte Verantwortung mit klaren Rollen und Verantwortungsbereichen.

Meiner Erfahrung (mit Integral Zen) nach ist das eine sehr hilfreiche Konstruktion, mit der schon innerhalb der Sangha selber eine Art ‚Intervision‘ und gemeinsame kritische Reflektion der verschiedenen Rollen (auch der des Meisters!) möglich wird, wodurch Probleme oder Dynamiken, die zu den oben erwähnten Missbrauchsfällen führen können, (hoffentlich) im Ansatz erkannt und vermieden werden können.

Zudem gibt es noch die Bereitschaft zum Austausch und kritischen Reflektieren mit anderen Lehrern und Sanghas (‚Meta-Sangha spiritueller Lehrer‘), einfach aus der Erkenntnis heraus, dass auch Gruppen (Sanghas) ihre spezifischen Schatten bilden können, die sie dann selber nicht erkennen können und wozu sie einen ‚Spiegel‘ von außen brauchen.

Nach meinem Verständnis (und das mag falsch sein, es ist das, was ich als Außenstehender bisher wahrgenommen habe) ist das beim Guru-Schüler-Verhältnis anders: hier ist die Basis der Beziehung, dass der Schüler sich dem Guru zu 100% hingibt und ganz anvertraut, was dann jegliche Kritik am Guru eigentlich ausschließt.

So sehr mir auch klar ist, welche ungeheuer transformative Kraft diese 100%-Hingabe haben kann, so groß sind auch die damit verbundenen ‚Risiken und Nebenwirkungen‘.

Es braucht hier m.E. unbedingt auch einen Mechanismus, der es ermöglicht, mit Kritik am Guru (z.B. von Schülern erkannten Schattenanteilen, die der Guru selber übersehen haben könnte) konstruktiv und offen umzugehen. Nach meinem bisherigen Verständnis schließt sich das im Schüler-Guru-Verhältnis aber aus.

 

Nicht ‚absolut‘, sondern ‚relativ pro-Guru‘

Das ist dann auch genau der Grund, warum ich keine ‚absolut pro-Guru‘ sondern eine ‚relativ pro-Guru‘ Haltung habe.

Ich wünsche mir (und vor allem allen, die sich entscheiden, diesen Weg gehen), dass sie die ungeheuer positive Kraft, in in dieser speziellen Beziehung liegt, zu ihrer Transformation und zum Wohle aller Wesen nutzen können. Da bin ich eindeutig ‚pro-Guru‘.

Ich wünsche allen Beteiligten aber auch, dass die leider auch vorhandenen großen Risiken offen und (selbst-)kritisch angeschaut und diskutiert werden können. Dass alle Beteiligten sich immer wieder auf einen konstruktiven, offenen, lernenden Dialog miteinander einlassen.

Dazu müssen wir Beziehungen (Relationen) miteinander eingehen und uns aufeinander (und auf die Themen) beziehen (daher relativ). Das können wir m.E. am besten im Dialog. Den Dialog abzubrechen oder ihm aus dem Wege zu gehen ist in meinen Augen in den seltendsten Fällen eine gute Lösung.

 

Grow Up – Wake Up – Clean Up: gemeinsam im Dialog

Und ich wünsche mir, dass wir alle miteinander lernen, in diesen Dialogen zu unterscheiden, wann sich (mal wieder) unsere eigenen Ego-Präferenzen oder -Muster in den Vordergrund drängen und wann wir wirklich offen, nach der umfassenderen Wahrheit suchend aus dem ’nicht wissen‘ heraus sprechen.

Dass wir lernen, diese Dialoge zum Bestandteil unserer spirituellen (Wake Up) und Wachstums- (Grow Up) Praxis zu machen.

Dass wir liebevoll und annehmend damit umgehen können, wenn sich in diesen Dialogen Schattenanteile bemerkbar machen (was ja zuweilen vorkommen soll ;-)) und dass wir auch das als eine Einladung willkommen heißen, unsere Schattenarbeit (Clean Up) zu praktizieren.

 

Deswegen werde ich (hoffentlich) nicht müde werden, mich immer wieder für diese offenen Dialoge zu engagieren und ich wünsche mir einfach offene Bereitschaft dazu auf allen Seiten.

Lehrer – Meister – Gurus – Teil I, geschrieben von Stefan

Samstag, 15. Juli 2017

In einem Posting auf Facebook zu der zurzeit gerade sehr kontroversen Diskussion um das Thema ‚Guru‘ hatte Thomas Steininger mich als ‚absolut pro-Guru‘ („Stefan Schoch […] ist absolut pro-Guru und sehr respektvoll.“) bezeichnet.
Nein, ‚absolut pro-Guru‘ ist meine Haltung sicherlich nicht, ich würde sie eher ‚relativ pro-Guru‘ bezeichnen.
Was daran relativ ist und was ich mit meiner Haltung bezwecke, möchte ich in diesem Beitrag verdeutlichen.

Unterschiedliche Rollen: Lehrer – Meister / Guru

Als Erstes erscheint mir eine klare Differenzierung der Unterschiede Lehrer <> Meister / Guru wichtig.
Nach meinem Verständnis (oder der hier verwendeten Definition) ist ein Lehrer etwas ganz anderes als ein Meister oder Guru.
Von einem Lehrer möchte ich etwas lernen, er weiß oder kann etwas, was ich noch nicht weiß oder kann und das möchte ich gerne lernen. Dies ist eine sehr gewöhnliche (und von den meisten Menschen ohne weitere Schwierigkeiten akzeptierte) ‚Wachstumshierarchie‘: mein Mathe-Lehrer weiß mehr über Mathe als ich, ist mir in diesem Feld somit hiearchisch überlegen und ich kann mich seiner Fachkompetenz anvertrauen und von ihm lernen. Es gibt normalerweise keinen Grund, warum ich seinem Urteil oder seinen Entscheidungen (die Mathematik betreffend) nicht vertrauen sollte, im Gegenteil. ‚Partielle Hingabe‘ (die Mathematik betreffend) könnte man sagen.
In der Regel habe ich mich durch einen erfolgreichen Lernprozess aber auch nicht wesentlich verändert: ich kann oder weiß etwas besser, mein ‚Wesen‘ hat sich dadurch aber nicht wirklich verändert. Ich bin immer noch der oder dieselbe wie vorher, nur halt ein bisschen schlauer, wissender oder mit anderen Fertigkeiten ausgestattet.
Selbst wenn der Lehrer ein ziemlicher Idiot ist und der Lernprozess dadurch nicht erfolgreich, der potentielle Schaden hält sich in Grenzen: vielleicht habe ich Mathe nicht richtig gelernt und die Lust daran ist mir auch noch verdorben. Dass es mir in meiner Persönlichkeit schadet, damit ist eher nicht zu rechnen.
Ganz anders bei einem Meister oder Guru. Auch wenn es sicherlich ebenso der Fall ist, dass ich auch von einem Meister oder Guru etwas lernen kann (so würde ich z.B. davon ausgehen, dass mein buddhistischer Zen-Meister mehr über buddhistische Philosophie weiß als ich und auch in der spirituellen Entwicklungslinie weiter entwickelt ist als ich) so geht es hier im Wesentlichen doch um etwas ganz Anderes:
Die Aufgabe eines Meisters / Gurus ist die, mich in DIE unmittelbare Erfahrung / Erkenntnis des Seins, zum Erwachen, zur Erleuchtung zu (ver)führen.

Erwachen: dem Ego geht es ‚an den Kragen‘

Wie auch immer wie diesen Zustand (Erwachen, Erleuchtung) jetzt konkret definieren (ich finde hier ‚die Auflösung der ausschließlichen Identifikation mit dem Ego‘ hilfreich), klar ist, dass das was mit meinem Ego zu tun hat. Aus Sicht des Egos könnte man auch sagen, dass es dem Ego ‚gehörig an den Kragen geht‘. Weswegen so ein braves Ego normalerweise eine Menge gegen diese Erleuchtungs-Nummer einzuwenden hat. Meist fährt es dann meist eine von zwei Strategien (oder eine Kombination aus beiden): entweder sich dieses Projekt ‚unter den Nagel zu reißen‘ und sich zu einem spirituellen Ego aufzublähen (‚Ich bin ja schon sooo erwacht!‘), oder das Projekt auf eine andere, meist sehr geschickte und subtile Weise zu unterminieren und sich so ‚den Arsch zu retten‘. Unsere weit entwickelten Egos sind in der Regel so wahnsinnig geschickt, dass sie sich eine Menge einfallen lassen (was wir selber dann leider nicht so leicht bemerken), um sich weiterhin mit sich selbst oder zumindest irgendwas identifizieren zu können.
Ein ‚Ich‘, welches nichts mehr hat, wozu es ‚Ich‘ oder ‚mein‘ sagen kann (keine Identifikation mehr) hat ein Problem. Aus der Perspektive des Ich fühlt sich das so an, als würde es nicht mehr existieren. Keine angnehme Perspektive für so ein kleines ‚Ich‘.
Der Meister / Guru weiß um diese Zusammenhänge. Er hat seine ausschließliche Identifikation mit seinem eigenen Ego transzendiert und kann seine (immer noch vorhandenen!) Ego-Funktionen und -Fertigkeiten aus dieser Freiheit heraus nutzen.
Um dem Schüler jetzt bei seinem Erwachen zu helfen, braucht es zweierlei:
Einerseits die ‚Übertragung‘ (transmission, nicht transference!) des erwachten Zustandes auf den Schüler. Dazu braucht der Schüler einfach nur in der Nähe des Meisters / Gurus zu sein und sich der Unmittelbarkeit dieser Begegnung zu öffnen um zu erkennen, dass er / sie schon längst das ist, was er in dem Meister / Guru sieht. Das eine Bewusstsein, welches sich durch zwei Augenpaare anschaut und sich darin als sich selbst erkennt.
Andererseits wird ein ‚guter‘ Meister oder Guru auch mal mehr oder weniger harsche Interventionen anwenden, um dem Schüler zu helfen, die eigene Kontraktion oder Identifikation / Verstrickung mit dem Ego zu erkennen und zu lösen. Im Rinzai Zen nutzt der Meister dazu (im übertragenen Sinne) sein ‚Samurai-Schwert‘ und schlägt manchmal mit einem gut gezielten Hieb und mit laserscharfer Klinge genau das weg, was gerade dem Erwachen im Wege steht. Und das ist meist eine Identifikation mit dem Ego oder einem Ego-Anteil. Wird dieser Schlag nicht wirklich aus der absoluten Freiheit und Liebe heraus ausgeführt, kann er erheblichen Schaden beim Schüler anrichten.
Bei einem Guru-Schüler-Verhältnis gibt es nicht minder machtvolle Interventionen. Zu denen ich aber nicht viel sagen kann, da mir die persönliche Erfahrung fehlt.