Archiv für die Kategorie ‘Leerheit und Form’

Relativ einfach und absolut schwierig – Karma verstehen oder missverstehen – Teil III, geschrieben von Uwe

Samstag, 31. Dezember 2016

Karma – ein Koan des absolut Schwierigen

 

Der Buddha bringt in den Sutren selbst immer wieder folgende wiedersprüchliche Aussage ins Spiel:
Dass es nicht derselbe aber auch nicht ein anderer ist, der die Auswirkung von heilsamen oder unheilsamen Handlungen erfährt.

Wie kann es sein, dass nicht derselbe aber auch nicht ein anderer die Auswirkungen von Handlungen zu spüren bekommen? Ganz einfach.
Da es kein wahrhaft vorhandenes, dauerhaftes und eigenständiges Selbst gibt (dritte Edle Wahrheit), gibt es auch niemanden, der die Auswirkung von Handlungen erfährt. Da es aber ein irrtümlich wahrgenommenes Selbst gibt, das irrtümlich wahrgenommene Handlungen ausführt, gibt es auch weiterhin jemanden, der irrtümlich wahrgenommen erfährt (zweite Edle Wahrheit).
Das wäre die einfachste Darlegung dieses Buddha-Koans „nicht derselbe und kein anderer“.

Solange ein Wesen in der dualistischen Wahrnehmung eines „Selbst“ und „Anderen“ herumirrt, wird es Geburt, Alter, Krankheit und Sterben geben. Und das ohne Unterbrechung, immerzu.
Solange ein Wesen dieses als „Selbst“ wahrgenommene für wichtiger hält als „Andere“, werden Handlungen gesetzt, die Auswirkungen haben. Auswirkungen, die wohlgemerkt nur von diesem irrtümlich missverstandenen Selbst erfahren werden. Ebenfalls wieder irrtümlich.
Dieses nennt man „Relative Ebene der Erscheinungen in gegenseitig abhängigem Entstehen“. Der Buddha sagte dazu treffend und knappmöglichst „Weil dies ist, ist jenes“ (Erste Edle Wahrheit). Geburt führt zu Krankheit, Alter und Tod.

Aus diesem Grund lehrte der Buddha auch in seiner ersten Lehrrede genau den Weg, der einen individuell aus dem leidhaften Erleben führen kann. Und dieser Weg ist achtfach (Vierte Edle Wahrheit). Der Pfad der „Individuellen Befreiung“, wie er auch genannt wird, ist konsequent. Und vor allem individuell. Karma ist nämlich etwas, dass immer von Individuen erlebt wird. Nicht von Gruppen oder gar Völkern.


Karma – heute Opfer, morgen Täter

Der Pfad der „Individuellen Befreiung“ ist, wie ich hoffentlich ausdrücklich in den letzten Beiträgen zu dem Thema „Karma“ zur Sprache gebracht habe, nicht etwas „völkisches“ sondern wird immer nur von Individuen erlebt. Selbst wenn diese Individuen natürlich aus der buddhistischen Sicht absolut betrachtet nur irrtümliche, nicht wahrhaft existente Entitäten sind, relativ erfahren Individuen relative karmische Wirkungen. Nicht jedoch Gruppen, Rassen oder gar Völker.
Diesen einfachen Fakt ignorieren „Karmakritiker“ jedoch allzu gern. Sie unterstellen dem „Karmagläubigen“ eine zynische Sicht auf Völkermord, Unrecht und Leiden.

Nun mal ganz abgesehen davon, ob „Die Afrikaner“, „Die Armenier“, „Die Juden“, „Die Kambodschaner“ oder „Die Tutsi“ (in historischer Reihenfoge und nur als willkürliche Aufzählung der Geschehnisse) in einem Genozid vernichtet, in Konzentrationslager gesteckt, unterdrückt und versklavt wurden. Auffallend ist, dass von den Kritikern immerzu einseitig die „Opfer“ solitär und als einzige Leidtragende betrachtet werden. Das mag in einem gewissen Zusammenhang ja in Ordnung sein.
Jedoch nicht in Betracht auf die Wirkungsweise von Karma. Denn die hat immer eine riesige Bandbreite von wechselseitigen Beziehungen im Blick.

Heute Opfer, morgen Täter und umgekehrt, so könnte man es ein wenig grob ausgedrückt sagen. Die Dinge sind, je näher man drangeht, vielschichtig und komplex. Und genau dieses Verständnis hat ja auch in der deutschen Rechtssprechung und Psychologie ihren nachhaltigen Niederschlag gefunden.

Auf das Thema „Schuld“ möchte ich noch etwas genauer eingehen.
Betrachten wir den Genozid an den Juden Europas während des Dritten Reiches. Natürlich ist es bescheuert, wenn jemand darüber schwadroniert, es sei die „Schuld“ der Juden, dass ihnen dies widerfahren ist. Ich persönlich würde jedem empfindlich auf die Zehen treten, der so etwas als „buddhistische“ Sichtweise verkauft.
Denn es waren tatsächlich die Nazis „Schuld“ daran, dass die Juden verfolgt, in KZs gesteckt und ermordet wurden. Niemand anderes.
Das muss man wahrlich nicht diskutieren!
Genauso wie die Armenier von den Türken, die Hereros von den Deutschen, die Tibeter von den Chinesen, die Kambodschaner von den Kambodschanern und die Tutsi von den Hutu unterdrückt oder vernichtet wurden.

Wie gesagt, dies ist nur eine unvollzählige Aufzählung von Massenmorden mit jeweils mehr als einer Millionen Opfern in den letzten 100 Jahren.

Und betrachten wir „außermenschliche“ Opfer, dann könnte man heute ganz getrost über 700 Millionen Hühner, Schweine und Rinder jährlich allein in Deutschland, die für unsere Fleischeslust über den Jordan geschickt werden, ebenfalls in die große Abschlachterei einordnen, die zukünftig in die „Genozidalen“ eingehen dürften.

Doch man sieht dabei immer nur die „Opfer“. Verengt den Blick oder schließt gar die Augen vor möglichen Ursachen, die tiefer liegen als es „Täter“ und ihre Taten nahelegen mögen.
Denn die, buddhistische, Sichtweise auf abhängiges Entstehen besagt, dass von Nichts auch nur Nichts kommen kann. Und dass im Umkehrschluss alles aus bedingt abhängigen Entstehen kommt, konkret auf das Erfahren von fühlenden Wesen bezogen, heilsames Erleben von heilsamen Tun und umgekehrt kommt.

Das ist eine relativ einfache Geschichte.

Auf der relativen Ebene sind diese Dinge tatsächlich relativ einfach.
Doch wie es häufig so ist, solche relativ einfachen Aussagen tun relativ oft relativ weh. So weh, dass manche Leute diese relativ einfache Sache nicht akzeptieren wollen und „Schuld“ immer irgendwo suchen. Nur nicht im individuellen Denken, Fühlen und Handeln vermuten wollen.
Wer tatsächlich glaubt, „Buddhismus“ würde „Guttun“, irrt.
Im Gegenteil.
Die Lehre des Buddha geht tatsächlich dahin, wo es wehtut.
An das selbstbezogene Denken.
Und die Lehre von „Karma“ kratzt ganz gehörig an dieser Selbstbezogenheit.


Karma – weder völkisch noch national

Karma wirkt. Garantiert und ohne irgendeinen „Irrtum“. Hat man Heilsames „gewirkt“, heilsam motiviert, gibt es eine heilsame Auswirkung.
Hat man unheilsam „gewirkt“, unheilsam motiviert, gibt es eine unheilsame Auswirkung.
Ist dies „selbstbezogen“ geschehen, kommt es auf jeden Fall zu einer Auswirkung.
Die Vielfalt von selbstbezogenen emotionalen Umständen führt schließlich dazu, dass es eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten „karmischen“ Erlebens gibt.

So einfach ist „Karma“ zu erklären. So schwierig ist Karma jedoch auch zu verstehen.
Deshalb ist es angeraten, „Karma“ nur auf sich selbst zu beziehen. Nie auf andere. Was allerdings noch viel schwieriger ist für die meisten Menschen. Statt bei sich zu bleiben, schwadronieren sie gerne über andere, über gesellschaftliche Missstände oder politische Umstände.
Solche Menschen wollen und können nicht akzeptieren, dass individuelles Denken, Fühlen und Handeln so vielschichtig und facettenreich ist, dass auch die Auswirkungen auf das Individuum vielschichtig und facettenreich sind.

Komischerweise beschwert sich allerdings nie jemand darüber, wenn es einem Individuum oder gar einem ganzen „Volk“ gut geht. Dann scheint dies etwas zu sein, dass diesem Individuum, diesem ganzen Volk zusteht. Selbst erarbeitet, vielleicht gottgewollt und gottgegeben.
Wo Böses ist gibt es kein Akzeptieren, dann gibt es Diskussionen um Gerechtigkeit, Politik und sonstiges Geschwurbel. Gutes hingegen wird ohne Hinterfragen geschluckt oder als beste Möglichkeit akzeptiert.

Der „Buddhist“ nun akzeptiert, dass diese relativ einfache Sache „Karma“ in ihrem bedingten Entstehen tatsächlich kompliziert wird, wenn man versucht, sie in ihre Bestandteile auseinander zunehmen. Weil dann eben eine unendliche Menge von Bedingungen und Faktoren übrig bleiben, die eine Sache vordergründig und scheinbar in Erscheinung treten lassen.
Für den „Buddhisten“, der die Worte Buddhas einigermaßen ernst nimmt ist es daher nicht so abwegig, dass ein erfahrenes Leiden Ursachen haben muss, die wiederum in leidvollem Handeln begründet liegt, siehe Eingangssätze.  Dieser „Buddhist“ nun wird darauf vertrauen, dass der Buddha selbst wesentlich mehr „wusste“ als jeder selbstbezogene, im leidvollen Dasein (sprich Samsara) verstrickte Mensch. Und dieser Buddhist wird das Prinzip von „Karma“ deshalb nicht weiter hinterfragen sondern akzeptieren und als Mahnung nehmen, sein eigenes, individuelles Verhalten in Frage und jede eigene Handlung und vor allem die Motivation ständig auf dem inneren Prüfstand zu stellen.
Genau aus dem Grund, weil „Karma“ immer von einem als „Selbst“ definiertem Individuum erfahren wird. Egal, ob sich dieses Individuum nun allein gestellt sieht oder in einem Haufen von Individuen, „Volk“ oder „Rasse“ genannt, herumirrt. Denn auch in einem als „kollektiv“ erlebten „Karma“ wird jedes Individuum immer sein eigenes Erleben haben. Und immer auch entscheiden könne, wie man reagieren möchte auf die Umstände. Heilsam oder unheilsam.

Ein „Völkisches“ Karma gibt es aus buddhistischer Sicht so gesehen jedenfalls nicht. Da unterscheiden sich Buddhismus und Hinduismus auch auffällig. Denn mit „Kasten“ hatte es der Buddha tatsächlich nicht.
Und was wäre ein Volk anderes als eine Kaste?

Es mag Karma geben, dass von Wesen einer Art, einer Gruppe, eines „Volkes“ ähnlich erfahren wird. Dennoch ist das Erlebte, die gemachte Erfahrung immer etwas trügerisch Individuelles. Etwas, das sich aus etwas trügerisch-individuell gewirkten ergibt.
Karma eben.

Möge dies von Nutzen sein
Mögen alle Wesen glücklich sein

Relativ einfach und absolut schwierig Karma verstehen oder missverstehen – Teil II, geschrieben von Uwe

Samstag, 10. Dezember 2016

Karma, weder derselbe noch ein anderer – Ein Buddha-Koan

 Betrachten wir „Karma“ buddhistisch, dann gestaltet sich das alles doch etwas schwieriger und vielschichtiger, als es Lieschen Müller, Colin Goldner, Adolf Eichmann oder auch manche von Stephen Batchelors Genossen sich das in ihrem mehr oder minder schlichten Gemütern so ausdenken.

Karma, das zum Ersten, ist nichts abwegiges oder gar esoterisches. Schon gar nicht ist Karma etwas, das nur demjenigen wiederfährt, der daran „glaubt“.

Karma bedeutet nichts anderes als „Handlung“.

Sei dies nun körperlich oder sprachlich. Aus einem altmodischen Deutsch heraus können wir dies auch sehr treffend mit „Wirken“ übersetzen.

Steckt doch in dem Wort „Wirken“ nicht nur die direkte Tat sondern auch schon die Erwartung auf eine zukünftige Aus-Wirkung, die damit erzielt wird.

Die deutsche Sprache ist, so gesehen, viel „buddhistischer“ als mancher glaubt, siehe die im zweiten Teil dieses „Karmaartikels“ genannten Sprichwörter.

Aber zurück zum Thema.

Auch geistig kann sich Handlung oder Wirken, also Karma zeigen und Aus-Wirkung haben. Was allerdings noch vielschichtiger als die physische Komponente von Körper und Sprache ist.

Eine vollzogenen Handlung, die Aus-Wirkung hat, setzt eine gewisse Ursache, die zusammen mit anderen Bedingungen und vorangegangenen Handlungen neue Auswirkungen haben. Wobei die Handlung selbst (auf grober Ebene) in heilsames, unheilsames oder neutrales Wirken unterteilt werden.

Ob nun eine Handlung heilsam, unheilsam oder neutral ist hängt wiederrum von der Motivation oder den gefühlsmäßigen Umständen ab. Denken wir nur an Gier, Hass und Unwissenheit.

Darüber hinaus ist Karma ganz maßgeblich abhängig von der Stärke der Selbstbezogenheit, die im Moment des Wirkens zum Zuge kommt.

Um es kurz zu machen:

Jede von einer selbstbezogenen Motivation begleiteten Handlung hat garantiert eine Auswirkung, die von einem selbstbezogenen Bewusstsein erfahren wird.

So einfach ist das.

Und nicht mehr und nicht weniger sagt die buddhistische Sichtweise von Karma aus.

Das hat nichts mit einem „kosmischen Gesetz“, „kosmischen Bestimmung“ oder gar „energetischen Zielsetzung“ zu tun.

Solange ein Wesen selbstbezogen handelt wird es karmische Impulse setzen, die wieder in einem selbstbezogenen Erleben in Erfahrung münden.

Solange „Karma“ geschieht wird ein Wesen Erfahrungen machen. Angenehme, unangenehme und neutrale.

Ganz grob sind dies die Erfahrungen von Geburt, Alter, Krankheit und Tod.

Das ist nichts anderes als die Erste Edle Wahrheit, die der Buddha darlegte in seiner ersten Lehrrede.

Und genau hier findet sich auch der Grund, warum der Buddha von „Befreiung“ sprach.

Er sprach nicht von Glück oder angenehmen Wellnessgefühlen.

Er sprach davon, nicht nur Leiden vollständig zu beenden. Sondern jedes Erleben einer selbstbezogenen Erfahrung.

Und er sprach davon, dass dieser Weg nicht einfach ist, schon gar nicht einfach zu verstehen. Was sich ja eindrücklich bestätigt in den verwirrten Thesen, die Möchtegernbuddhisten, Batcheloristen und Esoteriker so von sich geben.

Daher sagte der Buddha auch eindeutig, dass über Karma nachzudenken kein erstrebenswertes Unterfangen darstellt. Zu komplex und unübersichtlich das Ganze, als dass ein unerleuchtetes Wesen dieses durchschauen könne.

Von da aus trifft es vollständig und richtig zu, wenn im buddhistischen Kontext kein großer Wert darauf gelegt wird darüber zu diskutieren, ob jemand wiedergeboren wird oder was man in früheren oder späteren Leben sein mag. So bringen es zum Beispiel die Zennis gerne auf den Punkt.

Das heißt aber nicht, dass der Gedanke der Wiedergeburt vom Buddha oder von Buddhisten per se abgelehnt wird. Der unerleuchtete Probant weiß es schlichtweg nicht. Ein darüber nachdenken wäre reine Spekulation, führt nicht zur Befreiung.

Dennoch sprach der Buddha natürlich über „Karma“. Er musste es ja, um zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, unheilsame Handlungen, insbesondere eine selbstbezogene Haltung zu vermindern und zu vermeiden.

Der Buddha sprach jedoch nicht nur einmal sondern immer wieder darüber, die Möglichkeit einer anderen Geburt zumindest in Betracht zu ziehen.

 

Heilsame Alternative“ nannte er diesen Vertrauensvorschuss in das Wissen eines Buddha.

Denn der Gedanke einer „Befreiung“ oder an „heilsame Handlungen“ verliert ohne zumindest einmal theoretischen Bezug auf mögliche weitere Leben jede Bedeutung.

Tatsächlich kann man einmal provozierend die Frage stellen, warum sich ein Mensch, der ein vollständiges Beenden jedes Bewusstseinsimpulses nach dem materiellen Sterben des Körpers postuliert nicht gleich hinter einen Zug schmeißt oder in Whiskey ersäuft. Denn, mit Verlaub, mit einem solchen Denken ist alles sinnlos. Nihilismus nennt der Buddha selbst eine solche Einstellung. Diese wurde von ihm auch als ein Irrweg bezeichnet.

Aber weiter zum Thema „Karma“.

Vor allem sagte der Buddha über das Erleben von Karma selbst etwas vordergründig sehr verwirrendes:

Dass es nicht derselbe aber auch nicht ein anderer ist, der die Auswirkung von heilsamen oder unheilsamen Handlungen erfährt .

Genau diese Aussage lässt nun einige Leute, die sich nur oberflächlich mit „Buddhismus“ beschäftigen, arg ins Schleudern kommen.

Was es damit auf sich hat, mit diesem immer noch relativen, aber absolut schwierigen Gedanken, einem Koan gleich, dazu kommen wir als nächstes.

Ende Teil II

Relativ einfach und absolut schwierig Karma verstehen oder missverstehen – Teil I, geschrieben von Uwe

Samstag, 19. November 2016

Nicht findet man der Taten ‚Täter‘, kein ‚Wesen‘, das die Wirkung trifft
Nur leere Dinge zieh’n vorüber: Wer so erkennt, hat rechten Blick.
Und während so die Tat und Wirkung im Gange sind, wurzelbedingt,
kann, wie beim Samen und beim Baume, man keinen Anfang je erspäh’n.
(Vissudhi Magga)

Einführung

Manche Leute missverstehen das, wohlgemerkt, buddhistische Prinzip von Karma gründlich. Ob nun gewollt oder unabsichtlich sei mal dahin gestellt. Dass dies zu merkwürdigen Sichtweisen sogar in buddhistisch interessierten Kreisen führen kann zeigt immer wieder die reflexartige Zuckung wenn man (buddhistisch) postuliert, dass jede individuell gemachte positive, negative oder auch neutrale Erfahrung nur aufgrund früherer individueller positiver, negativer oder neutraler Handlungen zustande kommt.
Schnell greifen dann solche Leute (unter anderem auch gern manche der, ich sage mal griffig, „Batcheloristen“) zum Holzhammer und bringen historisch unschlagbar „die Juden“ oder irgendwelche anderen leidende Volksgruppen ins Spiel.
Sollen denn diese Menschen selbst „schuld“ sein an ihrem „Karma“, wird dann die ebenfalls unschlagbare Frage in den Raum gestellt. Die natürlich niemand auch nur annähernd beantworten kann, ohne sich in gefährlich braune Wasser zu begeben.
Auch der Nazischerge Adolf Eichmann, wie vor kurzem von einem buddhistisch angehauchten aber wenig verständigen Menschen hübsch kolportiert, soll schon eine solche hinduistisch-buddhistisch verbrämte Karma-These vertreten haben. Er habe nach dem Krieg in Gefangenschaft behauptet, dass „die Juden“ eben ein „schlechtes Karma“ hätten und die Nazis nur die Erfüllungsgehilfen für die Auflösung desselben gewesen seien.
Mit genau solchen kruden Darstellungen wird dann der „Buddhist“( unter anderen meine Wenigkeit), der das Prinzip des Karma ganz im Sinne des abhängigen Entstehens darlegt, in eben eine solche Nazi- oder sonst eine braune oder zumindest ethisch schmutzige Ecke gedrängt.
(Was übrigens auch etliche sozialistische in Deutschland seit vielen Jahren oder auch Einzelpersonen wie Colin Goldner tun, um ihr Mütchen an allem buddhistischen zu kühlen.)
Da werden dann über „Buddhisten“ alle möglichen Aussagen in die Welt gesetzt, die diese gesagt haben sollen.
Das beginnt bei „Den Juden“, geht über Sklaverei und unethische Zustände, an denen die beteiligten also „selbst schuld“ seien und wird noch abstruser mit Behauptungen, Buddhisten würden eine „kosmische Bestimmung“ sehen oder einen „gerechten Platz im Gefüge“. Also viel Blödsinn und unreflektiertes Gedöns.
Geschenkt. Wenn es demjenigen so wichtig ist, mag er es tun.
Mich persönlich ficht eine solche dümmliche Unterstellung nicht wirklich an.
Worum es mir aber geht ist, dass es eben schwierig ist, über etwas, dass aus einer unendlichen Vielzahl von Faktoren abhängig in Erscheinung tritt, eine intellektuell unausgegorene und zudem auch noch verschiedene Sichtweisen durcheinanderbringende Aussage zu machen.
Mit solchem Zeug oder gar „kosmischer Bestimmung“ hat „Karma“ wie es der Buddha selbst beschrieben hat, rein gar nichts zu tun. Auch nicht mit der ähnlichen, aber dennoch höchst unterschiedlichen hinduistischen Sichtweise auf Karma, die einen eher fatalistischen Zug trägt.
Die buddhistische Sicht auf Karma, überhaupt auf die relative und absolute Ebene der Erscheinungen ist dermaßen differenziert und fein, dass sie nicht einfach in den Schredder dualistisch philosophischer Dünnbrettbohrer gehört.
Daher möchte ich das „Buddhistische“ Prinzip von Karma gerade aus Verständnisgründen hier noch einmal genauer beleuchten, mit meinem geringen Verständnis aufarbeiten, versuchen, es in einigermaßen einfache nachvollziehbare Sätze zu bringen. Die in Übereinstimmung mit Buddhas Lehre stehen.
Aus verschiedenen Winkeln heraus betrachtet. Damit sich der einigermaßen klar Denkende ein Bild machen kann.
Und darüber reflektieren mag, dass nicht jeder, der in dieser Karmakategorie denkt ein zynischer, mitgefühlsloser Mensch, verantwortungsloser Hedonist oder gar Nazi ist.
Vor allem aber, dass sich der buddhistische Karmagedanken ganz erheblich unterscheidet von der hinduistischen, der esoterischen oder gar der Eichmannschen Sicht.

Karma – Relativ einfach

Karma ist weder „Strafe“, „Sühne“ oder gar „Schuld“.
Karma hat nur mit einer konsequenten Betrachtung des Ursache-Wirkungsgefüges, das im relativen Sein alles durchdringt, zu tun.

Genau ein solches Gefüge, das die allermeisten Menschen grundlegend akzeptieren, ohne dass sie sich dessen groß bewusst sind geschweige denn darüber gar nachdenken würden.

Dies wird besonders an deutschen Sprichwörtern schnell klar.
„Jeder ist seines Glückes Schmied“, „Wie man in den Wald hereinruft, so schallt es heraus“, „Wer anderen eine Grube gräbt…“ und so weiter und so fort, wer kennt nicht diese alten Weisheiten, die nichts anderes als ein „westliches“ Verständnis von Karma darstellen.

Dieses bezieht sich aber natürlich auf direkt nachvollziehbare Ursache-Wirkungsverhältnisse, die in einigermaßen überschaubarem zeitlich-räumlichen Zusammenhang stehen.
Schwieriger wird es da bei Vorkommnissen, die von einem „normalen“ Menschenverstand in ihrer ganzen Tragweite nur bedingt, in Hinsicht auf „Ursachen“ allerdings nur ungenügend (wenn überhaupt) nachvollzogen werden können.
Beispiele hierfür gibt es zu Hauf, hier nur mal eine sehr kleine Auswahl von Möglichkeiten:

Ein Kleinkind, das Krebs hat (wobei es dann noch mal darauf ankommt, ob dieses in Deutschland oder in Nigeria lebt), ein Kind, das in ärmlichen (oder reichen) Verhältnissen geboren wird, ein Mensch, der scheinbar ohne jeden Grund überfallen oder ermordet wird, einen Unfall erleidet oder im Lotto 90 Millionen Euro gewinnt.

Diese Beispiele werden dann in die Kategorie „Schicksal“, „Zufall“ oder „Politik“ eingeordnet.

Für den Buddhisten jedoch gibt es so etwas wie Schicksal, Zufall oder kosmische Fügung nicht. Und auch „Politik“ hat nur eine riesige Bandbreite von Ursachen und Wirkungen.

Alles relativ erfahrbare in diesem trügerischen Anschein folgt klaren, bedingt abhängigen Erscheinungen und Abläufen.
Ende Teil I

Keine Psychotherapie, kein Wellness – Teil II, geschrieben von Uhanek

Samstag, 22. Oktober 2016

Weitere Motive können Wünsche nach Exotik, Wellness-Übungen, Selbstoptimierung, Psychotherapie oder lichtvollen esoterischen Erfahrungen sein. Oder ein Mix aus allem. Der Sangha (die Gemeinschaft der Praktizierenden) wird dann zuweilen zur psychologischen Encounter Group umgedeutet, die als Publikum der eigenen psychodramatischen Inszenierungen dient. Der Dharma (die buddhistische Lehre) wird zu einem Instrument für die eigenen „psychischen Prozesse“, das Erzählen über sich selbst und die eigenen Befindlichkeiten zur „eigentlichen Praxis“ erklärt. Werden die eigenen Vorstellungen aber vom Sangha und den Lehrern nicht bestätigt oder werden die Erwartungent entsprechend den eigenen Vorstellungen nicht oder nicht hinreichend erfüllt, dann sind eben als nächstes das „spirituelle Medium“ in der Nachbarschaft oder die „schamanische Energiearbeit mit Edelsteinen“ die besseren Zufluchtsobjekte — bis auch sie langweilig geworden sind bzw. die „psychischen Prozesse“ im Verbund mit dem „emotionalen Bauchgefühl“ aufzeigt, was „für mich gerade irgendwie richtiger anfühlt“. Aber immerhin fühlt man sich mit dem Dalai Lama total verbunden. Und der strahlt ja auch so kraftvolle Schwingungen aus und ist sowieso bedeutsamer als die Lehrer, von denen man die tantrischen Ermächtigungen erhalten hat.

Der Dharma wird hierbei zu einem reinen Konsumobjekt herabgewürdigt. Er steht austauschbar neben allem, was der Esoterikmarkt und die Psychoszene hergeben. Er wird nach Bedarf in Einzelteile zerlegt und Stückchenweise vor den Karren des Egos gespannt. Sämtliche Elemente, die den buddhistischen Pfad ausmachen, fehlen. Sämtliche Versprechen, die man in den Ermächtigungen gegeben hat, sind gebrochen.

Die wichtigsten Grundlagen des Pfades bilden Hingabe und eine reine Motivation. Die reine Motivation ist der tiefe Wunsch, sich zum Nutzen aller empfindenden Wesen auf den Pfad zu begeben. Der zeitliche Rahmen ist hierbei klar formuliert: Bis der Zustand der Buddhaschaft erlangt ist, also ggf. auch über viele Existenzen hinweg. Hingabe wiederum ist Hingabe an die Objekte der Zuflucht, nämlich die drei Juwelen Buddha, Dharma und Sangha und im Vajrayana an die drei Wurzeln, nämlich den spirituellen Lehrer, die Meditationsgottheit und die Dakinis. Die eigentliche Praxis besteht dann in der Beachtung und Umsetzung der Samayas, der tantrischen Gelübde oder Versprechen. Auch dies ohne wenn und aber. Es handelt sich um ein System, das uns hilft, über die durch die vier Dämonen veursachte Beschränktheit hinauszugelangen. Das kann aber nur gelingen, indem wir uns vollständig auf den spirituellen Pfad einlassen, ihm ausnahmslos in allen Belangen höchste Priorität einräumen und ihn niemals aufgeben. Der Pfad ist zudem kein nebensächlich betriebenes Hobby neben einem vermeintlich realeren Alltag, sondern der Alltag wird in den Pfad integriert. Auf diese Weise werden die Samayas zu einer scharfen Klinge, die mit großer Präzision unsere Verwirrungen und geistigen Verdunklungen entfernt, so dass unsere innerste wahre Natur freigelegt werden kann.

Es gibt zwei Arten von spirituellen Pfaden: Solche, die zur Befreiung führen, und solche, die uns versklaven. Befreiung liegt jenseits der vier Dämonen, während die Versklavung durch die vier Dämonen und die weltlichen Götter uns vielleicht kurzfristige weltliche Vorteile verschaffen mag, uns jedoch unermesslich lange in Dunkelheit und Leid bindet. Ein authentischer spiritueller Pfad der Befreiung ist im Grunde eine Form der Selbstregulation, die dazu dient, den Praktizierenden zur Verwirklichung des spirituellen Zieles zu führen. Er ist so beschaffen, dass er Selbstsucht und Selbstbezogenheit beendet und die edlen Qualitäten freilegt. Und letztlich führt er sogar über sich selbst hinaus in das Unsagbare, jenseits aller Konzepte. Um ihn aber wirklich beschreiten zu können braucht es Hingabe und reine Motivation. Ohne Hingabe werden wir wankelmütig und tun heute dies, morgen etwas Anderes und übermorgen wieder etwas Neues. Dementsprechend ist die Annahme, eine spirituelle Praxis müsse vorrangig glücklich und zufrieden machen im Grunde falsch, denn die Dämonen in uns, unsere zügellose Selbstbezogenheit, all unsere Gier, unser Hass unsere Unwissenheit und all die anderen wollen nicht gezügelt, gezähmt und reguliert werden. Sie wollen nur zerstören. Tatsächlich ist es so, dass spirituelle Pfade, die auf die Befreiung gerichtet sind, ersteinmal ziemlich unbequeme Tumulte aller Art verursachen. Indem wir eine authentische spirituelle Praxis ausführen, treten wir auf eine Bühne, die uns für spirituelle Kräfte und Entitäten aller Art sichtbar werden lässt. Auch hierbei sind Hingabe und reine Motivation von größter Bedeutung. Die reine Motivation läßt uns das Ziel im Auge behalten, die Hingabe öffnet uns dem Segen der drei Juwelen und der drei Wurzeln und lässt uns durchhalten. Je stärker Motivation und Hingabe sind, desto kraftvoller können wir die Hindernisse, die uns begegnen, überwinden. Motivation, Hingabe und die strikte Beachtung und Verwirklichung der Samayas verleiht uns Stabilität und Sicherheit. Jegliches Wenn und Aber ist nichts, als ein Versuch der Dämonen, ihre Macht über uns zu erhalten und unsere Praxis auszuhöhlen.

An dieser Stelle mag vielleicht die Frage gestellt werden, wieso denn überhaupt im Plural von Pfaden der Befreiung gesprochen wird? Schließlich sei doch der Vajrayana der höchste und beste aller Pfade und der einzige, der wirklich zur Befreiung führe. Ich erachte eine solche Annahme als sektiererisch. Sie ist arrogant und Vajrayana-Praktizierenden unwürdig. Zu den Samayas gehört auch, alle anderen Dharmas nicht herabzusetzen. Und das gilt nicht nur für die beiden anderen Yanas. Es gibt viele verschiedene Pfade, weil es viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Problemen gibt. Für Praktizierende des Vajrayana mag dies möglicherweise für sie der beste Pfad ist. Möglicherweise, denn manch einesr mag sich auch nur in seine Fantasien von Macht und Erhabenheit verstrickt haben. Aber es gilt: Jeder soll auf seine eigene Praxis schauen und die eigenen Samayas beachten. Solange wir keine Verwirklichung erlangt haben, sind wir nicht fähig überhaupt zu erkennen, wo sich die überweltlichen Gottheiten manifestieren, um die Wesen zur Befreiung zu führen. Somit ist unser Urteil nicht mehr, als ein Ausdruck unserer eigenen Verwirrung. Wenn unser Denken, Reden und Tun den Hass und das Leid schürt, dann haben wir uns von unserem Pfad entfernt und wir stehen im Widerspruch zur Lehre. Es sind dann nur wieder die vier Dämonen, die aus uns sprechen. Wir sollten ihnen mit unserer scharfen Waffe aus Hingabe, reiner Motivation, Mitgefühl und reinen Samayas begegnen.

Keine Psychotherapie, kein Wellness – Teil I, geschrieben von Uhanek

Samstag, 15. Oktober 2016

Wir leben in einem dunklen Zeitalter, das nach buddhistischer Auffassung regiert wird von Dämonen. Es ist ein Zeitalter, in dem die Dämonen immer größere Macht erlangen und die Welt verführen und vergiften. Zu den höchsten Dämonen gehören der Dämon der Aggregate, der Dämon der zerstörerischen Emotionen, der Herr des Todes und der Sohn der Götter.

Der Dämon der Aggregate lässt uns glauben, wir seien getrennt von der uns umgebenden Welt; ein in sich geschlossenes Ich, das der Welt gegenüber steht, sich gegen sie verteidigen muss und von ihr nach Gutdünken Gebrauch machen kann. Er blendet uns mit den Erscheinungen, den Oberflächen der Dinge. Wir nehmen die Welt als Ansammlung von Oberflächen wahr, die wir für wirklich halten – sie sind ja schließlich das, was wir sehen und berühren oder auch fühlen können. Er lässt uns an die eigenständige Existenz der weltlichen Phänomene glauben und erfüllt uns mit Gier und dem Wunsch nach Dauer. Unter seinem Einfluss halten wir unsere mentalen und emotionalen Zustände für eigenständige Kräfte. Er lässt uns uns an Formen, Wahrnehmungen und geistige Zuständen als etwas vermeintlich Realem haften. Dem Dämon der Aggregate gesellt sich ein weitere teuflischer Fürst bei: Der Dämon der zerstörerischen Emotionen. Er erfüllt uns mit der Furcht, Gier, Neid, Zorn und Unwissenheit. Er ist unser süchtiges Haften an Gewohnheiten und zerstörerischen Emotionen. Als weiterer Dämon ist der Herr des Todes jene Kraft, die unsere kostbare Existens abschneidet und uns mit tiefer Furcht vor Veränderung, Vergänglichkeit und Tod erfüllt. Der Sohn der Götter schließlich erfüllt uns mit Sehnsucht nach Lust und Freude, nach Bequemlichkeit und dem, was wir jeweils für „Frieden“ und „Freiheit“ halten.

Tagtäglich sind wir so von der Vorstellung erfüllt, ein einzigartiges Selbst zu sein, das getrennt vor einer Welt steht, derer es sich bedienen kann. In dieser Welt will das Selbst glücklich sein. Glück aber bedeutet ihm im Wesentlichen, etwas zu besitzen. Wenn ich nur dieses Auto hätte, dann wäre ich glücklicher. Wenn ich diese teuren Schuhe hätte, dann ginge es mir besser. Sex oder eine Beziehung mit dieser oder jener Person, damit wäre ich glücklich… So hangelt sich dieses Selbst von einem Wunsch zum nächsten, richtet sein Dasein danach aus und wähnt sich in einem riesigen Supermarkt, der dazu dient, die jeweiligen Wünsche und Gelüste zu befriedigen. Es ist eine Art Drogensucht: Erst kommt der kurzzeitige Kick, dann wird es schal und dann kommt der treibende Wunsch nach dem nächsten Kick. Ad infinitum.

Doch es bleibt nicht allein bei dieser äußeren Gier. Spirituelle Lehren und Religionen werden in gleicher Weise korrumpiert, verdreht und in den Dienst eines Selbst gestellt. Sie erfüllen dann die Aufgabe, ein solches Selbst zu schmücken, ihm vielleicht eine Besonderheit zu verleihen, als politisches Machtinstrument zu dienen oder vielleicht auch als ein Mittel, um zu Reichtum zu gelangen.

Diese Entwicklung lässt sich in allen Religionen und spirituellen Systemen beobachten. Dabei bildet auch der Buddhismus keine Ausnahme. Seine Lehren werden nur allzu oft aus ihrem Zusammenhang gerissen. Versatzstücke werden benutzt, um individuellen, meist ganz weltlichen angepasst und eingefügt zu werden. Speziell der Vajrayana ist oft attraktiv für Menschen, die fasziniert sind von esoterischen und okkultistischen Lehren. Seine Praktiken, so scheint es, sind magisch und gewähren die Entfaltung von Zauberkräften. Zauberkräfte bedeuten Macht. Und das Versprechen der Macht ist, was manche Menschen an diesen Lehren fasziniert.

Vor ungefähr siebzehn Jahren nahm ich an den Belehrungen eines großen Meisters des Vajrayana teil. Dabei erlebte ich eine interessante Szene. Eine ältere Frau aus Hamburg war mit einer anderen Frau aneinander geraten. Wütend erzählte sie ihrer Tochter, was geschehen war. Dabei rief sie aus, die andere wisse wohl nicht, was sie bereits für Ermächtigungen erhalten habe; die andere solle sich nur vorsehen, sonst ginge es ihr schlecht.

In einer in Berlin ansässigen okkultistischen Gruppierung wiederum wird erklärt, welche buddhistischen Meditationsgottheiten man benutzen solle, um Liebeszauber zu praktizieren, ungewollte Personen fortzustoßen oder Flüche zu verüben. Und ein anderer Okkultist, der, nachdem er über viele Jahre hinweg mit der Selbstdarstellung als Schamane und Magier seinen Lebensunterhalt bestritten hatte, entdeckte schließlich den Vajrayana für sich, erklärte sich zum (natürlich mit Wunderkräften ausgestatteten) Lama und erläuterte seinen Gefolgsleuten interessante Neuinterpretationen von Vajrayana-Lehren. Die waren zwar dabei komplett entstellt oder verloren ihren tatsächlichen Sinn, entsprachen dafür aber den okkultistischen Ansichten dieses „Meisters“ und seiner Schüler. Der Vajrayana wird hierbei als höchster Pfad der magischen Macht gesehen. Mahayana und mehr noch Hinayana werden als Minderwertig erachtet.

Wir erinnern uns, der Buddhismus umfasst drei Yanas oder Fahrzeuge: Den Hinayana, der die eigene Leidbefreiung und die Entsagung betont; den Mahayana, der die Entwicklung von Intelligenz und Mitgefühl, sowie das Wohl aller empfindenden Wesen betont; den Vajrayana schließlich, der die Selbstransformation und Nicht-Dualität ins Zentrum seiner Praxis rückt. Es sei an dieser Stelle klar gestellt, dass der Vajrayana den Hinayana und den Mahayana beinhaltet. Er baut darauf auf und ist untrennber damit verbunden. Den Vajrayana von den beiden anderen Yanas abzuspalten ist ein schwerwiegender Bruch der Samayas. Und er ist vollkommen absurd, denn der Vajrayana verliert mit den beiden anderen Yanas das Fundament, auf dem er steht und durch das er überhaupt Sinn und Bedeutung erhält.

Teil I