Archiv für die Kategorie ‘Leerheit und Form’

Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil I, geschrieben von Uwe

Samstag, 14. April 2018

Äußere Ebene

„Gut, ihr Mönche, also sagt ihr folgendes, und auch ich sage folgendes: „Wenn dies existiert, ist jenes; mit der Entstehung von diesem entsteht jenes.“ (Majjhima Nikaya)

Dies beschreibt in einem Satz das Entstehen, die Existenz in Abhängigkeit, wie es vom Buddha gelehrt wurde. Was dieser im Sutra „Von der Vernichtung des Begehren“ auf das Erscheinen der leidvollen Erfahrungen und deren Überwindung bezieht, gilt natürlich für alles Erfahrbare. Doch was hat dieser zentrale Lehrsatz, auf den sich die gesamte, relative buddhistische Sicht reduzieren lässt, nun mit dem Bild meines Frühstückstisches zu tun?

Sehr viel. Nein, einfach alles. Dieses Bild kann dabei von einer äußeren, einer inneren, einer „geheimen“ (oder, besser, verborgenen) und einer absoluten Ebene betrachtet und verstanden werden. Beginnen wir auf der einfachsten Ebene, der äußerlichen. Es zeigt einen, meinen Frühstückstisch.
Teller, Tasse, Brot, Butter, Milch, verschiedenes anderes. Nichts Spektakuläres. Nichts Spektakuläres? Wer das denkt, ist von der Sichtweise, wie sie der Buddhismus kennt, sehr weit entfernt. Und hat ein Problem.

Er oder sie ist dem Prozess von Leiden, konkret der Verwirrung und Täuschung vollkommen ausgeliefert. Erfahrungen wie Mitgefühl, Freude, Güte und Gleichmut sind dabei, wenn Weil das, was auf diesem Bild zu sehen ist, den Rahmen des Vorstellbaren bei weitem sprengt.

Eine Scheibe Brot, hat man schon mal überlegt, wie viele Faktoren, Bedingungen und Umstände dazu gehören, bis eine Scheibe Brot auf dem Teller liegt? In früheren Zeiten dankte man dem lieben Gott für das Brot auf dem Tisch. Dieser Dank war der Tatsache geschuldet, dass man einerseits angesichts drohender Hungersnöte, der mühsamen Arbeit für die Lebensmittelgewinnung überhaupt tatsächlich noch eine verständliche Wertschätzung für so etwas einfaches wie Brot hatte.
Zum anderen wollten oder konnten die Menschen gar nicht die dafür notwendige Denkarbeit leisten, tiefer in die Zusammenhänge hineinzusehen. Denn das Bedingt Abhängige Existieren, das allen Phänomenen zugrunde liegt und das der Buddha mit seinem kurzen Satz auf den Punkt bringt, ist nicht ganz so einfach zu erkennen. Von da aus war (und ist) die Verortung einer höheren, lenkenden Kraft wie die eines Gottes für diese, in früheren Zeiten so geheimnisvollen Vorgänge wie Pflanzenwachstum und Wetter nachvollziehbar.
Heute wissen wir um Genetik, Pflanzenschutz, Klima und metereologische Zusammenhänge, wir schauen sogar in quantenmechanische Vorgänge, die normalerweise verborgen ablaufen. Das ist aber immer noch nur eine sehr grobe, äußere Betrachtung des Abhängigen Existieren. Aber weiter mit dem Bild.

Man sieht Butter. Es handelt sich übrigens um eine französische Meersalzbutter. Um den salzigen Geschmack dieser Butter zu genießen, was ist dazu alles notwendig?
Abgesehen vom Salz, das aus den Salzpfannen der französischen Küste mühsam abgebaut wird muss diese Butter schließlich ihren Weg in deutsche Supermärkte finden.
Vom Honig im Glas
Sehen wir uns mal so etwas relativ einfaches wie den Honig im Glas, der im Korb zu sehen ist, genauer an. Dazu braucht es, ja was? Wo beginnen wir eigentlich bei der Betrachtung des Phänomens Abhängiges Entstehen?

„Honig entsteht, indem Bienen Nektariensäfte oder auch andere süße Säfte an lebenden Pflanzen aufnehmen, mit körpereigenen Stoffen anreichern, in ihrem Körper verändern, in Waben speichern und dort reifen lassen“ (Wikipedia).

Tja, das wäre die einfache Seite. Andererseits braucht es Menschen, die diesen Honig sammeln, Imker nennt man diesen Handwerker. Es braucht die technischen Geräte, mit denen er die Honigwaben zentrifugiert. Dann braucht es einen Glaser, der die Gläser herstellt, denn wo könnte man sonst den Honig hineintun. Das Glas auf dem Bild hat einen Plastikdeckel, da braucht es also auch noch den richtigen Fabrikanten, der den entsprechenden Kunststoff verarbeitet.
Ob in das so hergestellte Glas am Ende Honig, Erdnussbutter oder Nutella, wie auf dem Bild zu sehen, hineinkommt, spielt dabei weniger eine Rolle.

Aber ich habe gefragt, wo beginnen wir bei der Betrachtung des Phänomens Abhängiges Erscheinen? Bleiben wir beim Honig.
Die derzeitige Diskussion um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat rückt die Tatsache, dass wir eine Pflanzenvielfalt für eine gesunde Umwelt brauchen, zunehmend in den Blickpunkt. Denn die Monokultur der Landwirtschaft und schließlich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln selbst führte in den letzten Jahren dazu, dass Bienen es zunehmend schwer haben, Pflanzen zu finden deren Blüten sie nutzen können und überhaupt zu überleben.
Ohne eine Vielfalt an Pflanzen keine Insekten. Keine Bienen. Kein Honig.

Bis Honig in seiner bekannten Form auf dem Tisch stehen, zu dem Preis, wie wir ihn kennen, braucht es also tatsächlich eine unglaubliche Vielzahl an Faktoren, die zusammen spielen, die perfekt passen müssen. Angefangen von den Umweltbedingungen bis zu den menschlichen Leistungen.
Von Nutella und Dinosauriern 
Honig ist noch eine der einfachsten Dinge, die auf dem Tisch zu sehen sind. So wie das Brot auf dem Teller.
Obschon auch hierüber eine lange Geschichte zu erzählen wäre. Ganz zu schweigen von dem Schwarztee oder der Nutella. Das Plastik, aus dem die Deckel und die Folien gearbeitet sind, ist dann eine noch kompliziertere Geschichte. Kunststoff ist das Produkt eines komplexen Zusammenwirkens von Erdgeschichte, Umwelt, technischer Hochindustrie und menschlichem Einfallsreichtum.
Wo beginnt man hier mit dem Abhängigen in Erscheinung treten? Vielleicht bei den Dinosaurieren. Was haben die mit unserem Plastikdeckel zu tun?

Zwischen 400 Millionen und 100 Millionen Jahren vor unserer Zeit wucherte das Leben auf unserem Erdball in einer Art, wie wir uns das nicht vorstellen können. Riesige Urwälder und Tiere, viele Saurier, die über 200 Millionen Jahre lang den Ton angaben, in den Meeren wimmelte es von Kleinstlebewesen und Pflanzen. All diese organische Materie starb natürlich immer und immer wieder, wurde geboren oder entwickelte sich, bedeckte den Boden, wurde untergepflügt und mit Kontinentalverschiebungen in die Tiefe verfrachtet. Bis irgendwann aus dieser gigantischen Masse mehr oder weniger tief unten mittels Druck und Temperatur Erdöl wurde. In den letzten 150 Jahren fand der Mensch Techniken, dieses Öl zu nutzen. Dazu ersann er Methoden, dies zu gewinnen, es umzuwandeln, es als Treibstoff zu nutzen, in Granulat zu pressen, er erfand Maschinen, die Formen gossen und so weiter und so fort. Ein jeder Kunststoffdeckel auf einem Honigglas ist also nichts weiter als jahrmillionenalte einstmals organische Substanz, ein Zusammenspiel aus Umwelteinflüssen und Produkt einer menschlichen geistigen und körperlichen großartigen Leistung. Wie man sieht, es braucht nicht den Rückzug auf ein göttliches Prinzip, um Dinge, wie sie sind wertzuschätzen. Einfach nur, weil sie sind wie sie sind. Und das ist schon mal weit mehr, als man es auf diese einfache Art, wie ich es jetzt getan habe, durchdringen kann. Wie nochmal hat es der Buddha einst so trefflich formulierte: „Wenn dies existiert, ist jenes“. Wie wahr.

So viel kann man, wenn man will, auf einem Frühstückstisch entdecken. Allerdings ist dies nur eine sehr grobe Betrachtung. Die aber etwas verstärkt in den Blickpunkt setzen kann: Die Fähigkeit zur Wertschätzung für das, was uns umgibt.

Ende Teil I

Vergänglichkeit – Ein Neujahrsgruß, geschrieben von Uwe

Samstag, 27. Januar 2018

„Werde dir bewusst, was geschieht, wenn du stirbst“. Oha, jetzt kommen wir mal dahin, wo es brenzlig wird. Das kann man doch mal ausführlicher beleuchten, eindringlicher, persönlicher.

Tja, was geschieht, wenn es denn so weit ist?

Man verliert die Kontrolle erst über den Körper, dann über den Geist. Das ist alles andere als schön. Und man fühlt sich nicht wirklich gut dabei. Ich meine, wenn man nicht grade zackbumm tot umfällt. Oder zwischen zwei Lastern in einem Kleinwagen zerquetscht wird.
Wenn du heute 20, 30, 40, oder auch 50 Jahre alt bist, ist die Wahrscheinlichkeit, statisch betrachtet, natürlich ziemlich hoch, dass du auch nächstes Jahr noch lebst.
Wir leben ja nicht mehr vor 100 Jahren, als die spanische Grippe mal soeben ratzfatz ein Zehntel der Weltbevölkerung dahinraffte oder der erste Weltkrieg ne Menge Tote forderte. Oder gar im Mittelalter, als das Sterben noch eine Alltäglichkeit war.
Heute ist Sterben verbannt in Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheime.
Und tatsächlich sterben rund 80 Prozent der Menschen in einem Alter über 70 Jahren.
Also könnte man, wenn man denn unter 70 ist, ziemlich beruhigt sein und sich zurücklehnen. Aber leider, leider geht doch alles ziemlich schnell im Leben.

Da war gerade noch das Jahr 2000, die einstmals viel beschworene SPD Agenda 2010 ist Geschichte und heute ist schon 2018 und der Berliner Flughafen ist immer noch nicht eröffnet. Also, was soll´s, ob man nun 20, 30, 40 oder doch 80 Jahre alt wird, der Tod kommt gewisslich. Und meist mit Ansage.
Und die allermeisten Menschen gehen in ihr Sterben, als hätten sie eine Reise gewonnen bei irgendeinem Preisausschreiben ohne dass ihnen jemand gesagt hätte, wohin es gehen wird. Zumindest kann man es bei Menschen, seien sie nun alt oder jung, die ans Ende des Lebens gekommen sind und die das einigermaßen bewusst erleben, ziemlich gut beobachten.
Sicher, es gibt ein paar wenige, die im Sterben Größe haben. Doch sie sind selten. Und ich werde garantiert nicht zu ihnen gehören.

Ich dachte einstmals, es sei einfach. Aber ich wurde eines besseren belehrt.
Erst kürzlich starb ein Freund von mir.

Jeder der ihn kannte, auch ich, glaubte, er könnte die Sache mit dem Sterben gut hinbekommen. Weil er sich seit über 35 Jahren damit intensiv befasst hatte. Als Buddhist. Aber der Krebs hatte ihn nach einem Jahr schließlich in die Knie gezwungen.
Am Ende war einfach nur noch Angst. Und Reue um eine verpasste Gelegenheit. Das wurde ihm schmerzlich bewusst in der Zeit, als er nicht mehr arbeiten, sich nicht mehr ablenken konnte von seinen immerzu drängenden Gedanken, von seinem eigentlichen Wissen um die Kostbarkeit der menschlichen Existenz.
Es war nicht leicht für ihn, dieses Leben zu verlassen. Aber er musste. Keine Chance. Der „Reiseveranstalter“ hatte ihn schließlich einfach so mitgenommen, ohne auf seine Einwände zu achten.

Anderen geht es noch schlimmer. Sie werden beim Sterben richtig unzufrieden. Weil sie erkennen, wie viel Mist sie im Leben gemacht haben. Oder weil sie es einfach gewöhnt sind, ein Arschloch zu sein und ihnen diese Tatsache erst beim Abgang auffällt.
Manche, insbesondere alte Menschen blicken gar nichts mehr, weil sie in einen dementen Zustand des großen Vergessens verschwinden. Viele werden einfach medikamentös ruhig gestellt, weil sie ansonsten völlig ausrasten und durchdrehen.
Etliche der Todgeweihten verweigern die Realität des nahenden Abgangs und hoffen auf Gesundung. Klammern sich an Homöophatie und Wunderheilung.
Viele verzweifeln und fallen in einen apathischen Zustand, der allerdings nichts mit echtem Loslassen zu tun hat.
Wieder andere Menschen sterben unter großen Schmerzen. Sie haben verständlicherweise Angst, unerträgliche Angst. Weil sie nichts mehr unter Kontrolle haben. Freiheit? Ach Gott.
Oft sind Sterbende so mit Opiaten vollgepumpt oder vegetieren in einem komatösem Zustand, dass sie nicht viel von ihrem Sterben erleben können oder bekommen im Gegenteil jeden beschissenen Tag ihres Dahinvegetierens noch erst recht mit. Und unsere gottverdammt großartige Medizintechnik hält sie am Leben, schlimmer als es ein geschickter Folterknecht in einem Keller der Inquisition tun könnte.

Vor allem jedoch …
… alle Menschen sterben allein.

Egal wie viele Leute um ihr Sterbebett herumstehen mögen. Und gerade die machen es einem häufig dann mit ihrem Gejammere und Geheule noch schwerer zu gehen.
Wie ist das für mich? Wenn ich mal so drüber nachdenke.
Was wird auf mich zukommen?

Werde ich zufrieden sein mit meinem gelebten Leben, wenn es soweit ist?
Oder werde ich etwas bereuen, mir wünschen, etwas anders gemacht zu haben?
Vielleicht hätte ich noch mal jemanden um Verzeihung bitten, etwas freundlicher sein sollen?
Vielleicht hätte ich doch etwas verschenken, etwas vergeben, verzeihen müssen?
Vielleicht hätte ich doch die beschissene Arbeit kündigen, die lang ersehnte Reise machen, das wunderbare Buch lesen sollen.
Vielleicht hätte ich ja doch mehr das Sitzen üben sollen, das Ruhen in diesem Denken, Fühlen und Erfahren. So wie es der Buddha seinen Schülern, also mir, dringlichst ans Herz gelegt hat.

Damit ich dann nicht so eine Scheissangst haben müsste vor dem, was da an Ungewissheit lauert in diesen letzten Stunden des Lebens. Diese Scheissangst, die kommen wird, die ich beobachten kann bei so vielen Menschen, seien sie alt oder jung.
Die Angst, die ich kenne, die da lauert, schon zu normalen Lebzeiten, dort um die Ecke, hinter den dicken Pfeilern meiner Ignoranz, die sich Langeweile nennen oder Warten, Ungeduld, Trägheit, Dumpfheit.
Die Angst, der ich jedesmal, wenn es mal still ist im äußeren und nichts geschieht mit einem innerlichen Pfeifen begegne, wie damals als Kind, allein im Keller.
Die Angst, die nichts anderes als die Angst vor dem Sterben ist, vor dem Unausweichlichen.
Vor dem großen unbekannten Ding, was wir gemeinhin „Geist“ nennen.
In einem hübschen Merkspruch für buddhistische Meditierer heißt es:
Derjenige Meditierende mit den geringsten Fähigkeiteiten bereut nichts, wenn es ans Sterben geht.
Derjenige mit mittleren Fähigkeiten hat keine Angst vor dem Sterben.
Derjenige mit den höchsten Fähigkeiten geht mit großer Neugier, gar mit Freude ans Sterben.

Die buddhistische Meditation hat tatsächlich nichts anderes im Sinne, als uns auf unser eigenes Sterben vorzubereiten. Wer glaubt, Meditation dient dazu, ein ruhigeres, beschaulicheres Leben zu führen irrt.
Denn tatsächlich sterben wir an jedem Tag, jeden Augenblick. Und Wiedergeburt geschieht ebenfalls in jedem Moment, jeden Tag.
Doch ich habe weder geringe noch mittlere, geschweige denn höchste Fähigkeiten. Aber manchmal packt es mich, dann nehme ich mir doch vor, diesen Geist etwas besser kennen lernen zu wollen. Dieses merkwürdige Ereignis Geist, diesen scheinbar vorbeigleitenden Strom von Erfahrungen, Phänomenen und Erscheinungen in dieser vergänglichen Geschichte.
Denn dieser Körper ist nicht mehr als eine ziemlich kaputtgehbare Hülle.
Ganz nett. Aber wirklich nicht mehr.

Und jetzt denk´ selbst nach

Wie sieht es bei dir aus?
Kennst du deinen Geist?
Deine Gedanken, Gefühle, Gewohnheiten?
Also, mach´ was

Geistestraining – Dharma – Teil II, geschrieben von Enrico

Samstag, 11. November 2017

In den Pfad bringen

Alle quälenden Geisteszustände, alle Ängste und Probleme entstehen aus unseren falschen Auffassungen, fehlerhaften Konzepten, sowie den falschen Wahrnehmungen und deshalb liegt es bei uns, unseren Geist durch die Anwendung der befreienden Information des Dharmas zu zähmen.
Die Wurzelursache für die Lebensqualen ist das Greifen nach einer Identität, da man der falschen Auffassung unterliegt, das Dasein hätte eine inhärente Existenz. Man erkennt nicht die wechselseitige Bedingtheit und somit die Untrennbarkeit von zwischen dem eigenen Geist und den Wahrnehmungs- und Handlungsobjekten, sowie dem eigenen Tun. Diese sind untrennbar. Aber durch ein falsches Selbstverständnis versteht man diese als getrennt. Wenn man jedoch diese Untrennbarkeit erkennt, dann erlangt man eine Freiheit von der Qual, da man in die Handlungskompetenz kommt und versteht, dass man selbst Schöpfer bzw. Schöpferin ist, die niemals verschieden vom Geschaffenen ist.
Nebenbei bemerkt, das ist kein Zurückfallen in einen präspirituellen Zustand, kein Eintauchen in einen Ozean des Daseins (oder des Geistes), was ja manche postulieren. Wäre dem nämlich so, dann hätte die Befreiung und Erleuchtung eines einzigen Wesens genügt, weil diese Erleuchtung dann auf alle anderen automatisch übergesprungen wäre. Untrennbarkeit – Non-Dualität – meint eben genau diese Nichtverschiedenheit von Subjekt, Objekt und Aktion. Dies nennt man im Dharma auch „frei von den drei Kreisen“. Um eben diese falschen Ansichten, die die Wurzel für das Greifen nach inhärenter Existenz sind, zu beseitigen, muss man die wahre Natur der Phänomene und des Geistes verstehen lernen. Andernfalls wird es nicht möglich sein, Freiheit vom beständigen Auf- und Abwogen des Lebens zu erlangen.
Aufgeben – Annehmen
Um zunächst einmal überhaupt günstige Bedingungen zu schaffen, versucht man die Zusammenhänge zwischen Handlungen und ihren Auswirkungen zu verstehen, da jede Erfahrung aufgrund von Ursachen und Bedingungen zustande kommt. Qualvolle, leidbringende Umstände resultieren aus negativen Motivationen und Handlungen und erfreuliche Erfahrungen ergeben sich durch positive Motivationen und Taten. Es ist ratsam, negative Motivationen und Handlungen aufzugeben, da negative Erfahrungen bloß noch ein weiteres Greifen nach inhärenter Existenz nach sich ziehen. Auf diese Weise gelingt kein Entkommen aus diesem Teufelskreis. Doch auch durch das bloße Erleben von erfreulichen Zuständen ergibt sich auch keine Befreiung.

Bedingt und abhängig

Wenn man allerdings auf diese Weise das wechselseitig bedingte Erscheinen versteht, dann fasst man gewiss mehr Vertrauen in die Lehren Buddhas. Der Buddha hat den Dharma gemäß der Verständnisfähigkeiten der fühlenden Wesen gelehrt. Dadurch sieht man, dass die Lehren selbst auf einer wechselseitigen Bedingtheit basieren.
Die Entwicklung des kostbaren Erleuchtungsgeistes ist unabdinglich. Ohne dass man diesen großen, alle Wesen umfassenden Erleuchtungsgeist entwickelt und kultiviert, verbleibt man gerade im einem ruhigen Geisteszustand, der aber noch immer durch ein subtiles Selbstkonzept die Natur des Geistes verhüllt. Man ist bestenfalls frei von störenden Emotionen, habt aber noch immer kognitive Schleier – eben Konzepte.
Zunächst erkennt man, dass alle fühlenden Wesen in den zahllosen Existenzen unsere Mütter und Väter gewesen sind. Dadurch beginnt man das Festhalten an einer inhärenten Identitätsauffassung und das Greifen danach abzulösen. Wir zähmen auf diese Weise den selbstbezogenen Geist.
Solange wir weiterhin selbstbezogen körperlicher Bequemlichkeit nachjagen, schaffen wir nur noch mehr Unsicherheiten und Verlustängste. Entsagen wir dieser Selbstbezogenheit, lassen von ihr los, schaffen wir auf einmal mehr Raum und wir werden zufriedener. Genau da setzt das Geistestraining an.
Wenn man wirklich den Dharma praktizieren will, bleibt einem nichts anderes übrig, als den Stufenpfad und das Geistestraining zu erlernen.
Stufenpfad
Die Trainingsaspekte des Stufenpfades umfassen äußere und innere Bereiche. Auf äußerlicher Ebene reflektiert man zunächst einmal, welche Freiheiten und Bedingungen einem gegenwärtig zur Verfügung stehen. Weiters setzt man sich mit der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit aller Erfahrungen und Erscheinungen auseinander. Man versucht die Unzulänglichkeit aller weltlichen Erfahrungen zu verstehen und schließlich lernt man auch die Zusammenhänge zwischen Motivation, Handlung, Bedingungen und Erfahrungen zu verstehen. Ohne diese Aspekte zu verstehen, bringt der Dharma überhaupt keinen Nutzen, da die Täuschungen, Begehrlichkeiten und Abneigungen weiterhin bestehen bleiben.
Wenn man diese erwähnten Aspekte durchdrungen und verstanden hat, versucht man eine sichere Ausrichtung zu finden. Diese findet man in Buddha, Dharma und Sangha – der höchsten Gemeinschaft. In ihrer Essenz sind diese Drei Juwelen nichts anderes als drei Aspekte unserer Buddha-Natur. Aber das wird erst am Ende des Pfades realisiert. Vorerst kann man es bloß als Theorie aufnehmen.
Das eigentliche Training und die Zähmung des Geistes beginnt jedoch erst beim Entwickeln des wünschenden und tätigen Erleuchtungsgeistes und dem Verstehen des relativen und absoluten Bodhicitta. Dies bietet ein Gegenmittel, die eigenen Täuschungen zu unterwerfen und den Geistesstrom zu wandeln.
Für Details zum Geistestraining mag ich Euch hier nun einfach auf Lojong – Schulung von Herz und Geist verweisen und Euch bitten, lest das zunächst einmal durch und versucht dann, beispielsweise die 37 Bodhisattva-Übungen in den Alltag umzusetzen. Als kleine Hilfestellung findet Ihr bei den 37 Bodhisattva-Übungen am Ende des Posts diese auch zum Ausdrucken und eine kleine Praxisanleitung.
Ende Teil II

Geistestraining – Dharma – Teil I, geschrieben von Enrico

Samstag, 14. Oktober 2017

Immer wieder geben buddhistisch Praktizierende den Dharma auf, wenn sie sich großen Schwierigkeiten und Herausforderungen gegenüber sehen. Das ist einfach aufgrund der Person selbst, da sie eine falsche Vorstellung vom Dharma hat. Der Dharma wird nicht praktiziert, um Macht, Ruhm, Ansehen, Reichtum, angenehme Lebensumstände o.ä. zu erlangen. Allein das Wort „Dharma“ – befreiende Information – verweist schon auf den Zweck der Übung. Es geht darum, Befreiung von den wiederkehrenden quälenden Geisteszuständen – dem Leiden – zu erlangen und die Natur des Geistes, diesen beständigen Strom präsenten Erkennens, zu erlangen.

Wenn man beispielsweise den Ansatz des Vajrayana verfolgt, dann ist es zunächst wichtig, einen passenden Lehrer und eine ungebrochene Übertragungslinie zu finden. Dann erbittet man von dieser Person die entsprechenden Ermächtigungen, Einweihungen, Übertragungen und aufzeigenden Lehren. Natürlich soll man dabei wie ein hungriger Yak sein, der sich, noch während er den einen gegenwärtigen Grashalm verschlingt, schon nach einem nächsten umsieht. Aber das ist eine bildhafte Beschreibung für die Motivation, dass man im Bestreben nicht nachlassen soll und möglichst viele Verbindungen zu Lehrern und Praktiken herstellen soll. Jedoch soll und kann es nicht dabei bleiben.

Geist – die Wurzel von allem

Empfangene Übertragungen wollen auch praktiziert werden. Es genügt nicht, Einweihungen und hochrangigen Lamas nachzujagen. Wenn man das auf diese Weise verfolgt, landet man irgendwann in der Sackgasse der eigenen oberflächlichen Gedanken und Ansichten. Und das sind dann die Ursachen dafür, dass man das unmittelbare Training im Dharma, die Praxis auf dem Kissen und ggf. das Ausführen von Pujas, Wunschgebeten etc. aufgibt, wenn große Schwierigkeiten auftauchen. Stattdessen ist es erforderlich, den Dharma auch zu studieren, sich mit den Lehren eingehender und tiefer zu befassen.

Daher soll man sich auch mit den grundlegenden Lehren wie den Belehrungen zum Stufenpfad und dem Geistestraining vertraut machen. Selbst wenn man hunderte Ermächtigungen empfangen hat und man unzählige Praxisutensilien für die Rituale besitzt, wird man keinen Nutzen daraus ziehen, solange man nicht sich mit der Wurzel von allem – dem Geist – vertraut gemacht hat. Vielmehr werden diese Ermächtigungen und Praxisutensilien sich in Ursachen für aufgeblasenes Verhalten, Stolz, kleingeistiges Anhaften und dogmatische Fixierungen verwandeln. Die Praxis des Geistestrainings ist daher fundamental wichtig.

Geistestraining

Die Notwendigkeit für ein Geistestraining ergibt sich aufgrund des Zähmens des gewöhnlichen Geistes. Und dies geschieht am Besten über die Anwendung im Alltag. Am Meditationskissen, bei Pujas etc. kann man die besten Zuständen kultivieren und sich sogar darin verlieren. Der Erfolg einer Übung zeigt sich aber erst, wenn man außerhalb der Trainingssituation in den Zwischensitzungszeiten auf ganz gewöhnliche Herausforderungen des Alltags stößt. Dann erst zeigt sich, wie gut Sichtweise und Geisteszustände kultiviert wurden. Ist man sich des momentanen Geisteszustandes gewahr? Verlangt man nach besseren Gefühlszuständen? Lehnt man schwierige Lebensmomente ab, will sich diesen sogar verweigern? Oder hat man es tatsächlich geschafft, sich mit der überweltlichen Sicht vertraut zu machen und ist der Geistesstrom von dieser Sicht durchdrungen worden?

Erste Erfolge zeigen sich beispielsweise darin, dass man sich des üblichen reflexartigen Reagierens auf Situationen überhaupt einmal bewusst wird. Es kann sich auch dadurch zeigen, dass man Ursache-Wirkungszusammenhänge erkennt und nicht immer andere oder eine diffuse Schicksalsmacht – manchmal als „Leben“ oder in einer falschen Auffassung als „Karma“ bezeichnet – dafür verantwortlich macht. Denn mal Hand auf’s Herz. Wer oder was ist den das „Leben“? Wer oder was ist das „Karma“? Sind Leben und Tun (Karma) verschieden von der Person, die lebt und tut?

Das gewöhnliche Leben mit allen seinen Anforderungen muss in den Pfad gebracht werden. Für Praktizierende des Sutrayana-Ansatzes wie auch für jene des Vajrayanas gilt dies gleichermaßen. Bloß die Sichtweisen, wie eben Phänomene gesehen werden, ist verschieden. Ob man den fühlenden Wesen durch geschickte Mittel wie den Bodhisattva-Handlungen auf der Basis der unterscheidenden Weisheit in die Leerheit nützt oder ob man die „reine Sicht“, den „Yidam-Stolz“ etc. des Vajrayana dabei pflegt, ist einerlei. Denn auch in der „reinen Sicht“ des Vajrayana sieht man nicht nur sich rein, sondern auch andere. Somit besteht auch hier keine schiefe Ebene zwischen einem selbst und den Wesen, bloß die gesamte Sichtweise ist einfach noch etwas weiter verfeinert worden.

Reichtum, Nahrung und Sicherheit bringen auf körperlicher Ebene eine gewisse Sicherheit und einen Komfort. Jedoch gelingt dies nicht auf geistiger Ebene, da eben Reichtum, Nahrung und Sicherheit materielle Dinge sind bzw. darauf basieren. Der Geist jedoch ist nicht materiell und wird nicht durch Materie erzeugt. Deshalb ist Leiden und Qual eben geistiger Natur und der Zweck des Dharmas ist es, durch ein Verständnis der Natur des Geistes und der Phänomene Befreiung davon zu erlangen.

Ende Teil I

Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht – Teil II geschrieben von Uwe

Samstag, 09. September 2017

Im ersten Beitrag zu der Behauptung eines Wanderasketen, es reiche „ethisch richtiges“ Verhalten, um als Mensch verwirklicht zu sein, ging es darum, dass der Buddha selbst diese Behauptung mit dem Kleinkind Vergleich wiederlegte.
Sicher, es mag ja in Ordnung sein, in seinem alltäglichen Verhalten so zu agieren. Doch von der „Verwirklichung des Heilsamen“, wie es der Wanderasket beschreibt, ist man dennoch so weit entfernt wie die Sonne vom Pluto.
Und der Buddha beschreibt natürlich, was dazu gehört, um diese Verwirklichung tatsächlich zu erreichen. Doch geschickt wie er ist geht er nicht sogleich auf diese Beschreibung ein.
Er stellt klar, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, dass jemand überhaupt soweit kommt, sich der „üblen“ Handlungen zu enthalten. Und diese Voraussetzungen liegen in einem klaren Nachdenken und Reflektieren.
Hier mal im Wortlaut des vom Buddha dargelegten:

„Aber zunächst einmal sage ich, muß es so verstanden werden:
„Dies sind unheilsame Angewohnheiten“, und so: „Unheilsame Angewohnheiten entspringen in diesem“, und so: „Hier hören unheilsame Angewohnheiten ohne Überbleibsel auf“, und so: „Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von unheilsamen Angewohnheiten“. Und ich sage, es muß so verstanden werden: „Dies sind heilsame Angewohnheiten“, und so: „Heilsame Angewohnheiten entspringen in diesem“, und so: ‚Hier hören heilsame Angewohnheiten ohne Überbleibsel auf‘, und so: ‚Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von heilsamen Angewohnheiten‘. Und ich sage, es muß so verstanden werden: ‚Dies sind unheilsame Absichten‘, und so: ‚Unheilsame Absichten entspringen in diesem‘, und so: ‚Hier hören unheilsame Absichten ohne Überbleibsel auf‘, und so: ‚Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von unheilsamen Absichten‘. Und ich sage, es muß so verstanden werden: ‚Dies sind heilsame Absichten‘, und so: ‚Heilsame Absichten entspringen in diesem‘, und so: ‚Hier hören heilsame Absichten ohne Überbleibsel auf‘, und so: ‚Jemand, der auf diese Weise praktiziert, übt sich im Weg zum Aufhören von heilsamen Absichten“.

Unheilsame Angewohnheiten, so erläutert der Buddha sind Handlungen und Lebensweisen, die im allgemeinen Sprachgebrauch und im ethischen Empfinden eindeutig unheilsam zu definieren sind.
Im Umkehrschluss ist es mit den heilsamen Angewohnheiten genauso. Sie sind eindeutig als heilsam zu definieren.
Interessant ist, woher sie nach des Buddhas Worten kommen:

„Und wo entspringen diese unheilsamen Angewohnheiten? Sie entspringen im Geist. In welchem Geist? Obwohl der Geist vielfältig ist, verschiedenartig und mit unterschiedlichen Aspekten, gibt es Geist, der von Begierde beeinflußt ist, von Haß und von Verblendung. Unheilsame Angewohnheiten entspringen in diesem.“

Womit wir die drei grundlegenden „Geistesgifte“ haben. Dieselbe Erläuterung gilt für die heilsamen Angewohnheiten, die ihren Ursprung in einem Geist haben, der nicht von Begierde, Haß und Verblendung beeinflusst ist.
Dass man die unheilsamen Teile ablegen sollte ist selbstverständlich. Dies geschieht durch Vermeidung solcher möglichen und der Verminderung entstandener.
Nun empfiehlt der Buddha allerdings auch noch ein vollständiges Aufhören der heilsamen Angewohnheiten.

„Ihr Aufhören ist dargelegt: da ist einer sittsam, aber er identifiziert sich nicht mit seiner Sittlichkeit, und er versteht jene Herzensbefreiung, die Befreiung durch Weisheit, in der jene heilsamen Angewohnheiten ohne Überbleibsel aufhören, der Wirklichkeit entsprechend.“

Interessant, nicht? Das besagt nicht mehr und nicht weniger, dass heilsames Tun als Selbstzweck keinen Nutzen hat. Denn es führt nicht zur Befreiung aus dem Kreislauf der Existenzen im trügerischen Anschein.
Genauso gilt dies für „Absichten“, die der Buddha ebenfalls klar definiert.

„Was sind unheilsame Absichten? Es sind die Absicht der Sinnesgier, die Absicht des Übelwollens und die Absicht der Grausamkeit. Diese werden unheilsame Absichten genannt.“

Sie entspringen, so beschreibt es der Buddha, der Wahrnehmung. Ebenso die heilsamen Absichten, die geprägt sind durch die Abwesenheit von Sinnesgier, Übelwollen und Grausamkeit.
Und auch diese, müssen überwunden werden. Sowohl die unheilsamen Absichten als auch die heilsamen. Die unheilsamen werden wie folgt überwunden:

„Da tritt einer ganz abgeschieden von Sinnesvergnügen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen, in die erste Vertiefung ein, die von anfänglicher und anhaltender Hinwendung des Geistes begleitet ist, und verweilt darin, mit Verzückung und Glückseligkeit, die aus der Abgeschiedenheit entstanden sind.“

Interessanterweise gibt es ja auch noch die heilsamen Absichten.
Die allerdings ebenfalls überwunden werden müssen.
Und dies geschieht durch die so genannte zweite Vertiefungsstufe.
Wird fortgesetzt mit dem Weg, der zum Aufhören von Angewohnheiten und Absichten führt.


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