Archiv für die Kategorie ‘Leerheit und Form’

Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht – Teil I geschrieben von Uwe

Samstag, 26. August 2017

Im Majjhima Nikaya 78 gibt es folgende hübsche Geschichte:

Der Zimmermann Pancakanga ging einst zum Wanderasketen Uggahamana. Er wollte wissen, wie er einen „Verwirklichten“ definiert. Der Wanderasket gab ihm folgende Antwort:

„Zimmermann, wenn ein Mann vier Eigenschaften besitzt, beschreibe ich ihn als verwirklicht in dem , was heilsam ist, (…) als einen, der das Höchste erlangt hat, als einen unbesiegbaren Mönch. Was sind die vier?

Er begeht keine üblen körperlichen Handlungen,
er führt keine üble Rede,
er hat keine üblen Absichten, und
er verdient sich seinen Lebensunterhalt nicht durch irgendeine üble Lebensweise.
Wenn ein Mann diese vier Eigenschaften besitzt, beschreibe ich ihn als verwirklicht (…), als einen unbesiegbaren

Klar, sagen wir im ersten Überschwang. So ist es, genau so ist es.
Zumindest so genannte säkulare Buddhisten würden dem zustimmen und sagen, oh ja, genau so reicht es aus, um ein „buddhistisches“ Leben zu führen. Niemandem schaden und ethisch ordentlich handeln.

Nun, der Zimmermann Pancakanga ist offensichtlich, genau wie der etwas informierte „Buddhist“ nicht überzeugt und begibt sich zum Buddha und schildert diesem das vom Wanderasketen Uggahamana dargelegte.

Der Buddha antwortet direkt:

„Wenn dem so wäre, Zimmermann, dann wäre ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, nach der Behauptung des Wanderasketen Uggāhamāna verwirklicht (…), ein unbesiegbarer Mönch.“

Logisch nicht? Der Buddha hat genau die Schwachstelle aufgedeckt, und argumentiert im Folgenden auch mit scharfer glasklarer Logik, die des Wanderasketen Behauptung zerschießt wie ein Artilleriegeschoss einen VW Golf.

„Denn ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Körper“, also wie könnte es da eine üble Handlung über bloßes Strampeln hinaus begehen?
Ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Sprache“, also wie könnte es da üble Rede über bloßes Jammern hinaus führen?
Ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Absicht“, also wie könnte es da üble Absichten über bloßes Schmollen hinaus haben? Ein junges, zartes Kleinkind, das unbeholfen daliegt, hat noch nicht einmal die Vorstellung von „Lebensunterhalt“, also wie könnte es sich da seinen Lebensunterhalt durch üble Lebensweise über bloßes Gestillt werden an der Mutterbrust hinaus verdienen?
Wenn dem so wäre, Zimmermann, dann wäre ein junges, zartes Kleinkind, (…) ein unbesiegbarer Mönch.“

Der Buddha wird noch deutlicher.
Er führt die Behauptung des Wanderasketen nicht nur ad absurdum.
Sondern stellt diese auch noch ausdrücklich als falsch dar. Das ist beeindruckend, denn manche Leute denken ja, der Buddha wäre „tolerant“ gewesen.
Was er jedoch ganz und gar nicht war, wenn es darum ging, klare Kante zu zeigen und nicht nur irgendwelche wohlgefällige Worthülsen wie die des Wanderasketen unter sich zu lassen. Sondern das Gesagte auch mit Leben zu füllen.

„Wenn ein Mann vier Eigenschaften besitzt, Zimmermann, dann beschreibe ich ihn NICHT als verwirklicht in dem , was heilsam ist, (…), der das Höchste erlangt hat, oder als einen unbesiegbaren Mönch, sondern als einen, der zur gleichen Kategorie gehört, wie das junge, zarte Kleinkind, das unbeholfen daliegt. Was sind die vier?
Er begeht keine üblen körperlichen Handlungen,
er führt keine üble Rede,
er hat keine üblen Absichten, und
er verdient sich seinen Lebensunterhalt nicht durch irgendeine üble Lebensweise.
Wenn ein Mann diese vier Eigenschaften besitzt, dann beschreibe ich ihn NICHT als verwirklicht (…), sondern als einen (…) wie das junge, zarte Kleinkind, das unbeholfen daliegt.“

Dass der Buddha natürlich eine „richtige“ Darlegung hat, was einen Mann (eine Frau) zu einem verwirklichten Menschen macht, kann man sich denken.
Dass er eben seine Behauptung auch mit „Leben“ füllen kann, wie ein solches verwirklichtes Sein auch erlangt werden kann.
Das werde ich ausführlich im nächsten Beitrag erörtern.
Denn das ist ja, wie man sich denken kann, nicht in ein paar Sätzen zu erläutern.

Vielleicht nützlich

Ende Teil I

Lehrer – Meister – Gurus – Teil II, geschrieben von Stefan

Samstag, 22. Juli 2017

Die Macht des Meisters über den Schüler

So ein Meister oder Guru hat also eine immense ‚Macht‘ über den Schüler. Da der Schüler sich ihm (notwendigerweise) in diesen Dingen anvertraut, macht sich der Schüler sehr verletzlich, was auf Seiten des Meisters / Gurus zu einer großen Verantwortung führt. Dies ist (in diesem speziellen Kontext der Ego-Dekonstruktion) kein ‚Augenhöhe-Verhältnis‘ mit einem in der Postmoderne so beliebten ‚jeder ist zu 100% für sich selber verantwortlich‘!

Da, wo sich ein ‚Ich‘ gerade in Auflösung befindet (oder das zumindest von diesem Ich gerade so erlebt wird) wäre es absolut kontraproduktiv, von diesem Ich 100% Verantwortung für sich selber zu erwarten. Gerade in dem Abgeben der Verantwortung, in der Hingabe liegt hier ja die große Kraft!

Dass in Meister / Guru – Schülerbeziehungen was schiefgehen und es z.B. zu Fällen von Machtmissbrauch mit üblen Folgen für die Schüler kommen kann, ist leider keine rein theoretische Diskussion. Es gibt viel zu viele Fälle, in denen viel vermeidbares Leid entstanden ist.

Wie also können sich beide Seiten vor solchen (offensichtlich ja nicht seltenen und übrigens psychlogisch meist gut zu erklärenden) unheilsamen Dynamiken schützen, wie sie verhindern?

Im Integral Zen lösen wir das dadurch, dass der Meister (Roshi) nicht mehr (wie sonst im traditionellen Zen auch üblich) die absolute Hoheit und Entscheidungsgewalt in allen Bereichen hat. In ‚Erleuchtungsfragen‘ ist er ohne Zweifel die Autorität, was aber überhaupt nicht bedeutet, dass er irgendwas Sinnvolles zu irgendeiner anderen Entscheidung eines Schülers sagen kann. Deswegen hält er sich da auch schlicht raus.

Umgekehrt ist es sogar so, dass ja auch der Roshi seine Schattenarbeit machen muss und dazu seine ‚Spiegel‘ braucht, die ihn mit den Themen konfrontieren, die er (per Definition, wie erleuchtet er auch sein mag) selber nicht sehen kann. Damit das nicht in ein wildes ‚jeder macht hier mal jeden auf das aufmerksam, was er grad (beim Anderen) für einen Schatten hält‘ ausartet (ein in grünen oder Möchtegern-integralen Kreisen manchmal zu beobachtender Auswuchs), dafür haben wir unsere eigenen Methoden entwickelt, auf die ich hier aber aus Platzgründen nicht eingehen möchte.

 

Unterschied Roshi – Guru

Ein (aus meiner Sicht) wesentlicher Unterschied Roshi – Guru ist folgender:

Der Roshi ist das spirituelle Oberhaupt der Interal Zen Sangha und somit in spirituellen Dingen in der Wachstumshierarchie höhergestellt. Das bedeutet dann aber auch, dass es Mitglieder dr Sangha gibt, die ihm in anderen Fragen überlegen und in diesen Bereichen ‚machtvoller‘ als er sind. Geteilte Verantwortung mit klaren Rollen und Verantwortungsbereichen.

Meiner Erfahrung (mit Integral Zen) nach ist das eine sehr hilfreiche Konstruktion, mit der schon innerhalb der Sangha selber eine Art ‚Intervision‘ und gemeinsame kritische Reflektion der verschiedenen Rollen (auch der des Meisters!) möglich wird, wodurch Probleme oder Dynamiken, die zu den oben erwähnten Missbrauchsfällen führen können, (hoffentlich) im Ansatz erkannt und vermieden werden können.

Zudem gibt es noch die Bereitschaft zum Austausch und kritischen Reflektieren mit anderen Lehrern und Sanghas (‚Meta-Sangha spiritueller Lehrer‘), einfach aus der Erkenntnis heraus, dass auch Gruppen (Sanghas) ihre spezifischen Schatten bilden können, die sie dann selber nicht erkennen können und wozu sie einen ‚Spiegel‘ von außen brauchen.

Nach meinem Verständnis (und das mag falsch sein, es ist das, was ich als Außenstehender bisher wahrgenommen habe) ist das beim Guru-Schüler-Verhältnis anders: hier ist die Basis der Beziehung, dass der Schüler sich dem Guru zu 100% hingibt und ganz anvertraut, was dann jegliche Kritik am Guru eigentlich ausschließt.

So sehr mir auch klar ist, welche ungeheuer transformative Kraft diese 100%-Hingabe haben kann, so groß sind auch die damit verbundenen ‚Risiken und Nebenwirkungen‘.

Es braucht hier m.E. unbedingt auch einen Mechanismus, der es ermöglicht, mit Kritik am Guru (z.B. von Schülern erkannten Schattenanteilen, die der Guru selber übersehen haben könnte) konstruktiv und offen umzugehen. Nach meinem bisherigen Verständnis schließt sich das im Schüler-Guru-Verhältnis aber aus.

 

Nicht ‚absolut‘, sondern ‚relativ pro-Guru‘

Das ist dann auch genau der Grund, warum ich keine ‚absolut pro-Guru‘ sondern eine ‚relativ pro-Guru‘ Haltung habe.

Ich wünsche mir (und vor allem allen, die sich entscheiden, diesen Weg gehen), dass sie die ungeheuer positive Kraft, in in dieser speziellen Beziehung liegt, zu ihrer Transformation und zum Wohle aller Wesen nutzen können. Da bin ich eindeutig ‚pro-Guru‘.

Ich wünsche allen Beteiligten aber auch, dass die leider auch vorhandenen großen Risiken offen und (selbst-)kritisch angeschaut und diskutiert werden können. Dass alle Beteiligten sich immer wieder auf einen konstruktiven, offenen, lernenden Dialog miteinander einlassen.

Dazu müssen wir Beziehungen (Relationen) miteinander eingehen und uns aufeinander (und auf die Themen) beziehen (daher relativ). Das können wir m.E. am besten im Dialog. Den Dialog abzubrechen oder ihm aus dem Wege zu gehen ist in meinen Augen in den seltendsten Fällen eine gute Lösung.

 

Grow Up – Wake Up – Clean Up: gemeinsam im Dialog

Und ich wünsche mir, dass wir alle miteinander lernen, in diesen Dialogen zu unterscheiden, wann sich (mal wieder) unsere eigenen Ego-Präferenzen oder -Muster in den Vordergrund drängen und wann wir wirklich offen, nach der umfassenderen Wahrheit suchend aus dem ’nicht wissen‘ heraus sprechen.

Dass wir lernen, diese Dialoge zum Bestandteil unserer spirituellen (Wake Up) und Wachstums- (Grow Up) Praxis zu machen.

Dass wir liebevoll und annehmend damit umgehen können, wenn sich in diesen Dialogen Schattenanteile bemerkbar machen (was ja zuweilen vorkommen soll ;-)) und dass wir auch das als eine Einladung willkommen heißen, unsere Schattenarbeit (Clean Up) zu praktizieren.

 

Deswegen werde ich (hoffentlich) nicht müde werden, mich immer wieder für diese offenen Dialoge zu engagieren und ich wünsche mir einfach offene Bereitschaft dazu auf allen Seiten.

Lehrer – Meister – Gurus – Teil I, geschrieben von Stefan

Samstag, 15. Juli 2017

In einem Posting auf Facebook zu der zurzeit gerade sehr kontroversen Diskussion um das Thema ‚Guru‘ hatte Thomas Steininger mich als ‚absolut pro-Guru‘ („Stefan Schoch […] ist absolut pro-Guru und sehr respektvoll.“) bezeichnet.
Nein, ‚absolut pro-Guru‘ ist meine Haltung sicherlich nicht, ich würde sie eher ‚relativ pro-Guru‘ bezeichnen.
Was daran relativ ist und was ich mit meiner Haltung bezwecke, möchte ich in diesem Beitrag verdeutlichen.

Unterschiedliche Rollen: Lehrer – Meister / Guru

Als Erstes erscheint mir eine klare Differenzierung der Unterschiede Lehrer <> Meister / Guru wichtig.
Nach meinem Verständnis (oder der hier verwendeten Definition) ist ein Lehrer etwas ganz anderes als ein Meister oder Guru.
Von einem Lehrer möchte ich etwas lernen, er weiß oder kann etwas, was ich noch nicht weiß oder kann und das möchte ich gerne lernen. Dies ist eine sehr gewöhnliche (und von den meisten Menschen ohne weitere Schwierigkeiten akzeptierte) ‚Wachstumshierarchie‘: mein Mathe-Lehrer weiß mehr über Mathe als ich, ist mir in diesem Feld somit hiearchisch überlegen und ich kann mich seiner Fachkompetenz anvertrauen und von ihm lernen. Es gibt normalerweise keinen Grund, warum ich seinem Urteil oder seinen Entscheidungen (die Mathematik betreffend) nicht vertrauen sollte, im Gegenteil. ‚Partielle Hingabe‘ (die Mathematik betreffend) könnte man sagen.
In der Regel habe ich mich durch einen erfolgreichen Lernprozess aber auch nicht wesentlich verändert: ich kann oder weiß etwas besser, mein ‚Wesen‘ hat sich dadurch aber nicht wirklich verändert. Ich bin immer noch der oder dieselbe wie vorher, nur halt ein bisschen schlauer, wissender oder mit anderen Fertigkeiten ausgestattet.
Selbst wenn der Lehrer ein ziemlicher Idiot ist und der Lernprozess dadurch nicht erfolgreich, der potentielle Schaden hält sich in Grenzen: vielleicht habe ich Mathe nicht richtig gelernt und die Lust daran ist mir auch noch verdorben. Dass es mir in meiner Persönlichkeit schadet, damit ist eher nicht zu rechnen.
Ganz anders bei einem Meister oder Guru. Auch wenn es sicherlich ebenso der Fall ist, dass ich auch von einem Meister oder Guru etwas lernen kann (so würde ich z.B. davon ausgehen, dass mein buddhistischer Zen-Meister mehr über buddhistische Philosophie weiß als ich und auch in der spirituellen Entwicklungslinie weiter entwickelt ist als ich) so geht es hier im Wesentlichen doch um etwas ganz Anderes:
Die Aufgabe eines Meisters / Gurus ist die, mich in DIE unmittelbare Erfahrung / Erkenntnis des Seins, zum Erwachen, zur Erleuchtung zu (ver)führen.

Erwachen: dem Ego geht es ‚an den Kragen‘

Wie auch immer wie diesen Zustand (Erwachen, Erleuchtung) jetzt konkret definieren (ich finde hier ‚die Auflösung der ausschließlichen Identifikation mit dem Ego‘ hilfreich), klar ist, dass das was mit meinem Ego zu tun hat. Aus Sicht des Egos könnte man auch sagen, dass es dem Ego ‚gehörig an den Kragen geht‘. Weswegen so ein braves Ego normalerweise eine Menge gegen diese Erleuchtungs-Nummer einzuwenden hat. Meist fährt es dann meist eine von zwei Strategien (oder eine Kombination aus beiden): entweder sich dieses Projekt ‚unter den Nagel zu reißen‘ und sich zu einem spirituellen Ego aufzublähen (‚Ich bin ja schon sooo erwacht!‘), oder das Projekt auf eine andere, meist sehr geschickte und subtile Weise zu unterminieren und sich so ‚den Arsch zu retten‘. Unsere weit entwickelten Egos sind in der Regel so wahnsinnig geschickt, dass sie sich eine Menge einfallen lassen (was wir selber dann leider nicht so leicht bemerken), um sich weiterhin mit sich selbst oder zumindest irgendwas identifizieren zu können.
Ein ‚Ich‘, welches nichts mehr hat, wozu es ‚Ich‘ oder ‚mein‘ sagen kann (keine Identifikation mehr) hat ein Problem. Aus der Perspektive des Ich fühlt sich das so an, als würde es nicht mehr existieren. Keine angnehme Perspektive für so ein kleines ‚Ich‘.
Der Meister / Guru weiß um diese Zusammenhänge. Er hat seine ausschließliche Identifikation mit seinem eigenen Ego transzendiert und kann seine (immer noch vorhandenen!) Ego-Funktionen und -Fertigkeiten aus dieser Freiheit heraus nutzen.
Um dem Schüler jetzt bei seinem Erwachen zu helfen, braucht es zweierlei:
Einerseits die ‚Übertragung‘ (transmission, nicht transference!) des erwachten Zustandes auf den Schüler. Dazu braucht der Schüler einfach nur in der Nähe des Meisters / Gurus zu sein und sich der Unmittelbarkeit dieser Begegnung zu öffnen um zu erkennen, dass er / sie schon längst das ist, was er in dem Meister / Guru sieht. Das eine Bewusstsein, welches sich durch zwei Augenpaare anschaut und sich darin als sich selbst erkennt.
Andererseits wird ein ‚guter‘ Meister oder Guru auch mal mehr oder weniger harsche Interventionen anwenden, um dem Schüler zu helfen, die eigene Kontraktion oder Identifikation / Verstrickung mit dem Ego zu erkennen und zu lösen. Im Rinzai Zen nutzt der Meister dazu (im übertragenen Sinne) sein ‚Samurai-Schwert‘ und schlägt manchmal mit einem gut gezielten Hieb und mit laserscharfer Klinge genau das weg, was gerade dem Erwachen im Wege steht. Und das ist meist eine Identifikation mit dem Ego oder einem Ego-Anteil. Wird dieser Schlag nicht wirklich aus der absoluten Freiheit und Liebe heraus ausgeführt, kann er erheblichen Schaden beim Schüler anrichten.
Bei einem Guru-Schüler-Verhältnis gibt es nicht minder machtvolle Interventionen. Zu denen ich aber nicht viel sagen kann, da mir die persönliche Erfahrung fehlt.

Relativ einfach und absolut schwierig – Karma verstehen oder missverstehen – Teil III, geschrieben von Uwe

Samstag, 31. Dezember 2016

Karma – ein Koan des absolut Schwierigen

 

Der Buddha bringt in den Sutren selbst immer wieder folgende wiedersprüchliche Aussage ins Spiel:
Dass es nicht derselbe aber auch nicht ein anderer ist, der die Auswirkung von heilsamen oder unheilsamen Handlungen erfährt.

Wie kann es sein, dass nicht derselbe aber auch nicht ein anderer die Auswirkungen von Handlungen zu spüren bekommen? Ganz einfach.
Da es kein wahrhaft vorhandenes, dauerhaftes und eigenständiges Selbst gibt (dritte Edle Wahrheit), gibt es auch niemanden, der die Auswirkung von Handlungen erfährt. Da es aber ein irrtümlich wahrgenommenes Selbst gibt, das irrtümlich wahrgenommene Handlungen ausführt, gibt es auch weiterhin jemanden, der irrtümlich wahrgenommen erfährt (zweite Edle Wahrheit).
Das wäre die einfachste Darlegung dieses Buddha-Koans „nicht derselbe und kein anderer“.

Solange ein Wesen in der dualistischen Wahrnehmung eines „Selbst“ und „Anderen“ herumirrt, wird es Geburt, Alter, Krankheit und Sterben geben. Und das ohne Unterbrechung, immerzu.
Solange ein Wesen dieses als „Selbst“ wahrgenommene für wichtiger hält als „Andere“, werden Handlungen gesetzt, die Auswirkungen haben. Auswirkungen, die wohlgemerkt nur von diesem irrtümlich missverstandenen Selbst erfahren werden. Ebenfalls wieder irrtümlich.
Dieses nennt man „Relative Ebene der Erscheinungen in gegenseitig abhängigem Entstehen“. Der Buddha sagte dazu treffend und knappmöglichst „Weil dies ist, ist jenes“ (Erste Edle Wahrheit). Geburt führt zu Krankheit, Alter und Tod.

Aus diesem Grund lehrte der Buddha auch in seiner ersten Lehrrede genau den Weg, der einen individuell aus dem leidhaften Erleben führen kann. Und dieser Weg ist achtfach (Vierte Edle Wahrheit). Der Pfad der „Individuellen Befreiung“, wie er auch genannt wird, ist konsequent. Und vor allem individuell. Karma ist nämlich etwas, dass immer von Individuen erlebt wird. Nicht von Gruppen oder gar Völkern.


Karma – heute Opfer, morgen Täter

Der Pfad der „Individuellen Befreiung“ ist, wie ich hoffentlich ausdrücklich in den letzten Beiträgen zu dem Thema „Karma“ zur Sprache gebracht habe, nicht etwas „völkisches“ sondern wird immer nur von Individuen erlebt. Selbst wenn diese Individuen natürlich aus der buddhistischen Sicht absolut betrachtet nur irrtümliche, nicht wahrhaft existente Entitäten sind, relativ erfahren Individuen relative karmische Wirkungen. Nicht jedoch Gruppen, Rassen oder gar Völker.
Diesen einfachen Fakt ignorieren „Karmakritiker“ jedoch allzu gern. Sie unterstellen dem „Karmagläubigen“ eine zynische Sicht auf Völkermord, Unrecht und Leiden.

Nun mal ganz abgesehen davon, ob „Die Afrikaner“, „Die Armenier“, „Die Juden“, „Die Kambodschaner“ oder „Die Tutsi“ (in historischer Reihenfoge und nur als willkürliche Aufzählung der Geschehnisse) in einem Genozid vernichtet, in Konzentrationslager gesteckt, unterdrückt und versklavt wurden. Auffallend ist, dass von den Kritikern immerzu einseitig die „Opfer“ solitär und als einzige Leidtragende betrachtet werden. Das mag in einem gewissen Zusammenhang ja in Ordnung sein.
Jedoch nicht in Betracht auf die Wirkungsweise von Karma. Denn die hat immer eine riesige Bandbreite von wechselseitigen Beziehungen im Blick.

Heute Opfer, morgen Täter und umgekehrt, so könnte man es ein wenig grob ausgedrückt sagen. Die Dinge sind, je näher man drangeht, vielschichtig und komplex. Und genau dieses Verständnis hat ja auch in der deutschen Rechtssprechung und Psychologie ihren nachhaltigen Niederschlag gefunden.

Auf das Thema „Schuld“ möchte ich noch etwas genauer eingehen.
Betrachten wir den Genozid an den Juden Europas während des Dritten Reiches. Natürlich ist es bescheuert, wenn jemand darüber schwadroniert, es sei die „Schuld“ der Juden, dass ihnen dies widerfahren ist. Ich persönlich würde jedem empfindlich auf die Zehen treten, der so etwas als „buddhistische“ Sichtweise verkauft.
Denn es waren tatsächlich die Nazis „Schuld“ daran, dass die Juden verfolgt, in KZs gesteckt und ermordet wurden. Niemand anderes.
Das muss man wahrlich nicht diskutieren!
Genauso wie die Armenier von den Türken, die Hereros von den Deutschen, die Tibeter von den Chinesen, die Kambodschaner von den Kambodschanern und die Tutsi von den Hutu unterdrückt oder vernichtet wurden.

Wie gesagt, dies ist nur eine unvollzählige Aufzählung von Massenmorden mit jeweils mehr als einer Millionen Opfern in den letzten 100 Jahren.

Und betrachten wir „außermenschliche“ Opfer, dann könnte man heute ganz getrost über 700 Millionen Hühner, Schweine und Rinder jährlich allein in Deutschland, die für unsere Fleischeslust über den Jordan geschickt werden, ebenfalls in die große Abschlachterei einordnen, die zukünftig in die „Genozidalen“ eingehen dürften.

Doch man sieht dabei immer nur die „Opfer“. Verengt den Blick oder schließt gar die Augen vor möglichen Ursachen, die tiefer liegen als es „Täter“ und ihre Taten nahelegen mögen.
Denn die, buddhistische, Sichtweise auf abhängiges Entstehen besagt, dass von Nichts auch nur Nichts kommen kann. Und dass im Umkehrschluss alles aus bedingt abhängigen Entstehen kommt, konkret auf das Erfahren von fühlenden Wesen bezogen, heilsames Erleben von heilsamen Tun und umgekehrt kommt.

Das ist eine relativ einfache Geschichte.

Auf der relativen Ebene sind diese Dinge tatsächlich relativ einfach.
Doch wie es häufig so ist, solche relativ einfachen Aussagen tun relativ oft relativ weh. So weh, dass manche Leute diese relativ einfache Sache nicht akzeptieren wollen und „Schuld“ immer irgendwo suchen. Nur nicht im individuellen Denken, Fühlen und Handeln vermuten wollen.
Wer tatsächlich glaubt, „Buddhismus“ würde „Guttun“, irrt.
Im Gegenteil.
Die Lehre des Buddha geht tatsächlich dahin, wo es wehtut.
An das selbstbezogene Denken.
Und die Lehre von „Karma“ kratzt ganz gehörig an dieser Selbstbezogenheit.


Karma – weder völkisch noch national

Karma wirkt. Garantiert und ohne irgendeinen „Irrtum“. Hat man Heilsames „gewirkt“, heilsam motiviert, gibt es eine heilsame Auswirkung.
Hat man unheilsam „gewirkt“, unheilsam motiviert, gibt es eine unheilsame Auswirkung.
Ist dies „selbstbezogen“ geschehen, kommt es auf jeden Fall zu einer Auswirkung.
Die Vielfalt von selbstbezogenen emotionalen Umständen führt schließlich dazu, dass es eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten „karmischen“ Erlebens gibt.

So einfach ist „Karma“ zu erklären. So schwierig ist Karma jedoch auch zu verstehen.
Deshalb ist es angeraten, „Karma“ nur auf sich selbst zu beziehen. Nie auf andere. Was allerdings noch viel schwieriger ist für die meisten Menschen. Statt bei sich zu bleiben, schwadronieren sie gerne über andere, über gesellschaftliche Missstände oder politische Umstände.
Solche Menschen wollen und können nicht akzeptieren, dass individuelles Denken, Fühlen und Handeln so vielschichtig und facettenreich ist, dass auch die Auswirkungen auf das Individuum vielschichtig und facettenreich sind.

Komischerweise beschwert sich allerdings nie jemand darüber, wenn es einem Individuum oder gar einem ganzen „Volk“ gut geht. Dann scheint dies etwas zu sein, dass diesem Individuum, diesem ganzen Volk zusteht. Selbst erarbeitet, vielleicht gottgewollt und gottgegeben.
Wo Böses ist gibt es kein Akzeptieren, dann gibt es Diskussionen um Gerechtigkeit, Politik und sonstiges Geschwurbel. Gutes hingegen wird ohne Hinterfragen geschluckt oder als beste Möglichkeit akzeptiert.

Der „Buddhist“ nun akzeptiert, dass diese relativ einfache Sache „Karma“ in ihrem bedingten Entstehen tatsächlich kompliziert wird, wenn man versucht, sie in ihre Bestandteile auseinander zunehmen. Weil dann eben eine unendliche Menge von Bedingungen und Faktoren übrig bleiben, die eine Sache vordergründig und scheinbar in Erscheinung treten lassen.
Für den „Buddhisten“, der die Worte Buddhas einigermaßen ernst nimmt ist es daher nicht so abwegig, dass ein erfahrenes Leiden Ursachen haben muss, die wiederum in leidvollem Handeln begründet liegt, siehe Eingangssätze.  Dieser „Buddhist“ nun wird darauf vertrauen, dass der Buddha selbst wesentlich mehr „wusste“ als jeder selbstbezogene, im leidvollen Dasein (sprich Samsara) verstrickte Mensch. Und dieser Buddhist wird das Prinzip von „Karma“ deshalb nicht weiter hinterfragen sondern akzeptieren und als Mahnung nehmen, sein eigenes, individuelles Verhalten in Frage und jede eigene Handlung und vor allem die Motivation ständig auf dem inneren Prüfstand zu stellen.
Genau aus dem Grund, weil „Karma“ immer von einem als „Selbst“ definiertem Individuum erfahren wird. Egal, ob sich dieses Individuum nun allein gestellt sieht oder in einem Haufen von Individuen, „Volk“ oder „Rasse“ genannt, herumirrt. Denn auch in einem als „kollektiv“ erlebten „Karma“ wird jedes Individuum immer sein eigenes Erleben haben. Und immer auch entscheiden könne, wie man reagieren möchte auf die Umstände. Heilsam oder unheilsam.

Ein „Völkisches“ Karma gibt es aus buddhistischer Sicht so gesehen jedenfalls nicht. Da unterscheiden sich Buddhismus und Hinduismus auch auffällig. Denn mit „Kasten“ hatte es der Buddha tatsächlich nicht.
Und was wäre ein Volk anderes als eine Kaste?

Es mag Karma geben, dass von Wesen einer Art, einer Gruppe, eines „Volkes“ ähnlich erfahren wird. Dennoch ist das Erlebte, die gemachte Erfahrung immer etwas trügerisch Individuelles. Etwas, das sich aus etwas trügerisch-individuell gewirkten ergibt.
Karma eben.

Möge dies von Nutzen sein
Mögen alle Wesen glücklich sein

Relativ einfach und absolut schwierig Karma verstehen oder missverstehen – Teil II, geschrieben von Uwe

Samstag, 10. Dezember 2016

Karma, weder derselbe noch ein anderer – Ein Buddha-Koan

 Betrachten wir „Karma“ buddhistisch, dann gestaltet sich das alles doch etwas schwieriger und vielschichtiger, als es Lieschen Müller, Colin Goldner, Adolf Eichmann oder auch manche von Stephen Batchelors Genossen sich das in ihrem mehr oder minder schlichten Gemütern so ausdenken.

Karma, das zum Ersten, ist nichts abwegiges oder gar esoterisches. Schon gar nicht ist Karma etwas, das nur demjenigen wiederfährt, der daran „glaubt“.

Karma bedeutet nichts anderes als „Handlung“.

Sei dies nun körperlich oder sprachlich. Aus einem altmodischen Deutsch heraus können wir dies auch sehr treffend mit „Wirken“ übersetzen.

Steckt doch in dem Wort „Wirken“ nicht nur die direkte Tat sondern auch schon die Erwartung auf eine zukünftige Aus-Wirkung, die damit erzielt wird.

Die deutsche Sprache ist, so gesehen, viel „buddhistischer“ als mancher glaubt, siehe die im zweiten Teil dieses „Karmaartikels“ genannten Sprichwörter.

Aber zurück zum Thema.

Auch geistig kann sich Handlung oder Wirken, also Karma zeigen und Aus-Wirkung haben. Was allerdings noch vielschichtiger als die physische Komponente von Körper und Sprache ist.

Eine vollzogenen Handlung, die Aus-Wirkung hat, setzt eine gewisse Ursache, die zusammen mit anderen Bedingungen und vorangegangenen Handlungen neue Auswirkungen haben. Wobei die Handlung selbst (auf grober Ebene) in heilsames, unheilsames oder neutrales Wirken unterteilt werden.

Ob nun eine Handlung heilsam, unheilsam oder neutral ist hängt wiederrum von der Motivation oder den gefühlsmäßigen Umständen ab. Denken wir nur an Gier, Hass und Unwissenheit.

Darüber hinaus ist Karma ganz maßgeblich abhängig von der Stärke der Selbstbezogenheit, die im Moment des Wirkens zum Zuge kommt.

Um es kurz zu machen:

Jede von einer selbstbezogenen Motivation begleiteten Handlung hat garantiert eine Auswirkung, die von einem selbstbezogenen Bewusstsein erfahren wird.

So einfach ist das.

Und nicht mehr und nicht weniger sagt die buddhistische Sichtweise von Karma aus.

Das hat nichts mit einem „kosmischen Gesetz“, „kosmischen Bestimmung“ oder gar „energetischen Zielsetzung“ zu tun.

Solange ein Wesen selbstbezogen handelt wird es karmische Impulse setzen, die wieder in einem selbstbezogenen Erleben in Erfahrung münden.

Solange „Karma“ geschieht wird ein Wesen Erfahrungen machen. Angenehme, unangenehme und neutrale.

Ganz grob sind dies die Erfahrungen von Geburt, Alter, Krankheit und Tod.

Das ist nichts anderes als die Erste Edle Wahrheit, die der Buddha darlegte in seiner ersten Lehrrede.

Und genau hier findet sich auch der Grund, warum der Buddha von „Befreiung“ sprach.

Er sprach nicht von Glück oder angenehmen Wellnessgefühlen.

Er sprach davon, nicht nur Leiden vollständig zu beenden. Sondern jedes Erleben einer selbstbezogenen Erfahrung.

Und er sprach davon, dass dieser Weg nicht einfach ist, schon gar nicht einfach zu verstehen. Was sich ja eindrücklich bestätigt in den verwirrten Thesen, die Möchtegernbuddhisten, Batcheloristen und Esoteriker so von sich geben.

Daher sagte der Buddha auch eindeutig, dass über Karma nachzudenken kein erstrebenswertes Unterfangen darstellt. Zu komplex und unübersichtlich das Ganze, als dass ein unerleuchtetes Wesen dieses durchschauen könne.

Von da aus trifft es vollständig und richtig zu, wenn im buddhistischen Kontext kein großer Wert darauf gelegt wird darüber zu diskutieren, ob jemand wiedergeboren wird oder was man in früheren oder späteren Leben sein mag. So bringen es zum Beispiel die Zennis gerne auf den Punkt.

Das heißt aber nicht, dass der Gedanke der Wiedergeburt vom Buddha oder von Buddhisten per se abgelehnt wird. Der unerleuchtete Probant weiß es schlichtweg nicht. Ein darüber nachdenken wäre reine Spekulation, führt nicht zur Befreiung.

Dennoch sprach der Buddha natürlich über „Karma“. Er musste es ja, um zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, unheilsame Handlungen, insbesondere eine selbstbezogene Haltung zu vermindern und zu vermeiden.

Der Buddha sprach jedoch nicht nur einmal sondern immer wieder darüber, die Möglichkeit einer anderen Geburt zumindest in Betracht zu ziehen.

 

Heilsame Alternative“ nannte er diesen Vertrauensvorschuss in das Wissen eines Buddha.

Denn der Gedanke einer „Befreiung“ oder an „heilsame Handlungen“ verliert ohne zumindest einmal theoretischen Bezug auf mögliche weitere Leben jede Bedeutung.

Tatsächlich kann man einmal provozierend die Frage stellen, warum sich ein Mensch, der ein vollständiges Beenden jedes Bewusstseinsimpulses nach dem materiellen Sterben des Körpers postuliert nicht gleich hinter einen Zug schmeißt oder in Whiskey ersäuft. Denn, mit Verlaub, mit einem solchen Denken ist alles sinnlos. Nihilismus nennt der Buddha selbst eine solche Einstellung. Diese wurde von ihm auch als ein Irrweg bezeichnet.

Aber weiter zum Thema „Karma“.

Vor allem sagte der Buddha über das Erleben von Karma selbst etwas vordergründig sehr verwirrendes:

Dass es nicht derselbe aber auch nicht ein anderer ist, der die Auswirkung von heilsamen oder unheilsamen Handlungen erfährt .

Genau diese Aussage lässt nun einige Leute, die sich nur oberflächlich mit „Buddhismus“ beschäftigen, arg ins Schleudern kommen.

Was es damit auf sich hat, mit diesem immer noch relativen, aber absolut schwierigen Gedanken, einem Koan gleich, dazu kommen wir als nächstes.

Ende Teil II