Archiv für die Kategorie ‘Nil Oase’

Altägyptische Symbole und ihre Bedeutungen

Samstag, 04. März 2017

Die altägyptische Kunst ist voller Symbole mit tiefer magischer und mythischer Bedeutungen. Allein die Gardiner Liste, das Hieroglyphenverzeichnis des Alan Gardiner, umfasst 26 Gruppen mit 763 Zeichen. Viele altägyptische Symbole sind auch in der modernen New-Age- und Esoterikwelt adaptiert worden, teilweise mit abenteuerlichen Interpretationen. Hier sollen die wichtigsten Symbole die im altägyptischen Kult und Alltag Anwendung fanden vorgestellt und erklärt und ihr Bedeutungsspektrum beleuchtet werden. Natürlich ist diese Auflistung beliebig fortzusetzen.

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Auge

In der altägyptischen Symbolik werden zwei Augen unterschieden:

  • das Horusauge auch Mondauge oder Udjatauge genannt
  • das Auge des Re oder auch Sonnenauge genannt

Das Udjatauge ist das von Thoth geheilte Auge des Horus nach seinem Kampf um den Thron mit seinem Onkel Seth. Daher werden diesem Symbol auch heilerische Aspekte zugesprochen. Es wird in Form eines linken Auges dargestellt. Im Zyklus des Mondes sahen die alten Ägypter diesen Mythos ebenfalls verwirklicht, der zunehmende Mond stellte für sie den Heilungsprozess des Auges dar. Da gelegentlich Sonne und Mond gleichzeitig am Himmel zu sehen waren, wurden sowohl Sonne und Mond als Himmelsaugen interpretiert. Der Mond stellt also keinen Gegenpol zur Sonne dar, sondern ist vielmehr eine kleine Sonne. Die einzelnen Bestandteile des Mondauges stellen außerdem altägyptische Volumenmaßeinheiten dar.

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Das Sonnenauge ist ein rechtes Auge. In den Pyramidentexten wird es als “Auge des Re, das in der Nacht empfangen und täglich neu geboren wird”. Dieser Satz nimmt Bezug auf den Sonnenzyklus, die nächtliche Verjüngungsfahrt des Re, der im Westen seine Reise durch die Unterwelt antritt um am nächsten Morgen verjüngt im Osten wieder hervorzukommen. Ein sehr wichtiger Zyklus, dessen Wiederkehr gleichbedeutend mit dem Erhalt der Schöpfung ist. In einem weiteren Mythos erzählt von dem Sonnenauge, dass vor Zorn gegen den Sonnengott von diesem fern bleibt, so dass Thoth zu Hilfe eilt um den Zorn des Sonnenauges zu besänftigen. Das Sonnenauge wird hier mit der löwengestaltigen Tefnut assoziiert. Dieser Mythos hat große Ähnlichkeit mit dem Rachefeldzug der Sachmet, einer weiteren Löwengöttin, die auszieht um die Menschheit vor Zorn zu vernichten, die sich vom Sonnengott abwendet. Tatsächlich werden viele weibliche Gottheiten, die als Töchter des Re bezeichnet werden auch “Auge des Re” Gottheiten genannt und stellen Vollstreckergottheiten des Sonnengottes dar.

Ankh

Um das Ankh ranken sich viele Mythen, nicht alle davon entsprechen wirklich der authentischen Bedeutung dieses vielverwendeten Symbols. In vielen Götterdarstellungen sieht man das Ankh in der Hand der Götter, als Hieroglyphen steht das Ankh schlichtweg für “Leben”.

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Über die Herkunft dieses Symbols gibt es ebenfalls verschiedene Theorien, Alan Gardinder vermutete, dass es sich um Sandalenriemen handelt, da das anlegen der Sandalen und Aufrichten der Mumien nach vollzogenem Totenkult einen zentralen Akt der Wiederauferstehung der Toten darstellt.

Die aktuell wahrscheinlichste Theorien besagt, dass es sich um einen Rückenwirbel eines Stiers handelt. Stiere wurden anlässlich von Totenriten geopfert und man hoffte deren Lebenskraft unmittelbar auf den Verstorbenen übertragen zu können, indem man einen Rinderschenkel abtrennte und die Mumie damit berührte. Später wurden symbolische Ritualwerkzeug dafür verwendet. Die Wirbelsäule galt ebenfalls als tragender Körperteil der Lebendigkeit. Betrachtet man einen Stierwirbel von oben, so erhält man tatsächlich die Form eines Anks. Die Theorie, dass es sich um die symbolhafte Vereinigung von Mann und Frau handeln könnte, ist inzwischen überholt. Eine weitere Vermutung besagt, dass es sich um eine Gürtelschnalle der Isis handeln könnte. Das Ankh ist ein starkes Schutzsymbol aber auch Heilamulett.

Ka

Beim Ka-Symbol handelt es sich um zwei erhobene oder ausgebreitete Arme. Es stellt sowohl eine Umarmung, als auch die sog. Henu-Geste, eine rituelle Geste der Ehrung, dar. Eine Umarmung ist ein Akt des Schützens und ein Ausdruck von Zuneigung, doch für die alten Ägypter war sie noch viel mehr. Eine Umarmung stellte eine Übertragung von Lebenskraft dar. In einigen Mythen wird das Ka von den Göttern durch eine Umarmung verliehen. Dahinter steht ein Bewusstsein, dass die Verbundenheit der Menschen untereinander eine wichtige Lebensgrundlage für den einzelnen ist. Durch eine Umarmung wird also göttliche Kraft verliehen. Eines der schlimmsten Flüche war jemandem zu wünschen, dass sich sein Ka von ihm entferne. Üble Nachrede, übertriebender Liebeskummer, Lüge oder Egoismus galten als überaus schädlich für das Ka.

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Isisknoten

Das Tit-Amulett wird auch Isisknoten oder Isisblut genannt. Aus den Totenbüchern ist folgender Spruch überliefert:

Dein Blut gehört dir, Isis,
deine Zaubermacht gehört dir, Isis,
deine Zauberkraft gehört dir, Isis.

Das Amulett ist der Schutz des Großen und behütet (ihn vor) dem,
der Verbrechen an ihm begeht.

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Es sieht aus wie ein Ankh mit nach unten hängenden Seitenschlaufen. Es handelt sich dabei um ein Knotenamulett, wurde aber auch häufig aus Karneol, roter Fayence oder Glas gefertigt um besonders Frauen, Schwangere und Gebärende zu schützen. Doch auch als Grabbeigabe fand man es. Da Isis mit der Heilkunde assoziiert wurde, gilt es auch ein starkes Heilsymbol. Es steht jedoch auch in engem Zusammenhang mit der Göttin Hathor, die ausgeprägte mütterliche Aspekte besitzt. Manchmal wurde das Amulett auch mit einem Porträt der beiden Göttinnen versehen.

Djet

Der Djet-Pfeiler wird auch als Wirbelsäule des Osiris bezeichnet. Osiris ist das göttliche Idol, der für die Wiederauferstehung in das ewige Leben nach dem Tod steht und jeder Mensch strebte danach es ihm gleichzutun. Die alten Ägypter glaubten daran in der Kraft der Seele des Osiris die gleiche Wiederbelebung wie er erlangen zu können. Das Errichten von Djetpfeilern, also tatsächlichen physischen Pfeilern in Form eines Djets, war ein rituelles Symbol der Wiederauferstehung, ähnlich dem Aufrichten der Mumien nach vollzogenem Totenkult. So ist der Djet ein Symbol der Ewigkeit und des ewigen Lebens. Da der Zustand des Osiris auch als Vollendung betrachtet wurde, besitzt der Djet-Pfeiler im Gegensatz zum Ankh, das ebenfalls für das Leben steht, noch den Aspekt der Vollkommenheit.

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Sa-Schleife

Ähnlich wie das Ankh findet man auch die Sa-Schleife häufig in der Hand von Göttern, besonders Tawaret und Bes. Als Hieroglyphe bedeutet das Sa “Schutz” und dies ist auch die Bedeutung dieses Symbols. Man vermuetet, dass es sich bei der Darstellung um eine zusammengerollte und gefaltete Schilfmatte handelt, die den Menschen in der Wüste nachst Schutz bot. Da Tawaret und Bes vor allem Schützer vor Dämonen waren, ist auch das Sa-Symbol ein besonderes Schutzsymbol vor den Geschöpfen der Dunkelheit, die bevorzugt nachts ihr Unwesen trieben.

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Straußenfeder

Die Straßenfeder ist ein typisches Symbol für die Göttin Ma’at. Ma’at ist die Göttin der gleichnamigen kosmischen Ordnung, die Begriffe wie konnektive Gerechtigkeit, Balance, Weltenordnung und soziale Verbundenheit umfasst und ein Garant für den Erhalt der gesamten Schöpfung ist. Denn ohne die Ma’at zerfällt alles in ihr Gegenprinzip Isfet, das zerstörerische Chaos, die Anti-Existenz schlechthin. Beim Totengericht wurde das Herz des Verstorbenen gegen die Feder der Ma’at aufgewogen, da es alle Taten des Menschen zu Lebzeiten speicherte. Verstieß dieser gegen die Ma’at, war sein Herz schwerer als die Feder und seine Seele wurde der Seelenfresserin Ammit zur ewigen Vernichtung vorgeworfen.

Schlange

Aufgrund ihrer Fähigkeit sich zu häuten wird sie als Sinnbild der Verjüngung und Wiedergeburt verehrt. Doch steht sie aufgrund ihrer Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit auch für Tod und Gefahr. Als Stirnschlange steht sie für die Weisheit der Götter und Pharaonen und steht dabei in enger Verbindung mit dem Sonnengott und dessen heimgekehrten Auge, das er aussandte um seine verlorene Tochter zu finden. Jedoch wird auch das antigonistische Prinzip der Ma’at, nämlich Isfet, in Form der dämonischen, allesverschlingenden Schlange A/pophis symbolisiert. Der “Feueratem” ist vermutlich auf die verbrennungsartigen Verletzungen zurückzuführen, die ihr Gift verursachen kann, das macht sie aber gleichsam zu einer starken Schützerin. Feuer erhellt die Nacht, so wurden Bettpfosten mit Schlangen versehen um dunkle Gestalten wie ruhelose Totengeister oder Dämonen fernzuhalten, die Menschen vor allem in ihren Träumen heimsuchten.

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Skarabäus

Aufgrund der Eigenart des Mistkäfers seine Eier in kleinen Dungkugeln abzulegen, aus denen dann neue Mistkäfer schlüpften, wurde dieser zu einem ultimativen Symbol der Wiedergeburt. Aus totem Material (Dung, Mist, etc.) wurde wieder neues Leben. Außerdem stellte man sich vor, dass der Skarabäus die Sonne über den Himmel schob, wie er seine Mistkugeln rollte. Die Sonne stellt die reine Schöpfungskraft dar, was auch den Skarabäus zu einem solaren Wesen machte. Der Gott der mit dem Scarabäus assoziiert wurde heisst Chephre und trägt skurilerweise einen ganzen Mistkäfer als Kopf. Er gilt als eine der drei Gestalten des Re, neben Harachte, der Mittagssonne und Atum der Abendsonne.

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Was

Eines der ältesten Symbole der altägyptischen Mythologie. Das Was-Zepter ist ein Machtsymbol und besteht aus einem Schaft, der manchmal auch spiralförmig ist, einem stilisierten Tierkopf, der vielleicht einmal einen realen Vorläufer gehabt haben mag, sowie einem gegabelten Ende. Letzterer erinnert an einen Hirtenstab und wurde vermutlich benutzt um Schlangen zu fangen und damit die Viehherden zu schützen. Möglich ist auch ein schamanischer Ursprung aus der Prädynastik. Als Hieroglyphe heisst das Was-Zepter “Glück”, das Bezwingen von Schlangen symbolisiert die Macht zu schützen oder negative magische Kräfte zu bezwingen.

Mögliche Verbindungen gibt es auch zum sog. Schlangenhalspanther aus der Frühdynastik. Dabei handelt es sich um ein altägyptisches Fabelwesen, das jedoch auch im alten Mesopotamien Verbreitung fand. Die Bedeutung des Schlangenhalspanthers ist nicht mehr ganz eindeutig, aber man vermutet, dass es sich hier um Verkörperungen von Urgewalten der Natur handelt und um Unterweltswächter bzw. Schützer des Sonnengottes. Das würde auch der Bedeutung des Was-Zepters als “Himmelsstütze” entsprechen, eine sehr wichtiger Aspekt, denn das Herabstürzen des Himmels entsprach einem Weltuntergang.

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Lotos

Ähnlich wie der Skarabäus ist auch der Lotus, bei dem es sich um die himmelblaue Wasserlilie (Nymphaea caerulea) handelt ein Wiederauferstehungs- und Verjüngungssymbol. Dies ist auf die Eigenart der Blüte zurückzuführen sich bei Sonnenaufgang nach der Sonne auszurichten. Manche Darstellungen zeigen auch den Sonnengott als Kind auf einer Lotosblüte sitzend aus deren Inneren er geboren wurde. Dem Gott Nefertem, einem Schutzgott der Salben, Salböle und Düfte ist sie als Attribut zugeordnet, er ist dem Mythos nach aus den Urwassern auf einer Lotosblüte aufgetaucht. Seine zeitweilige Löwengestalt weist auf seine körperliche Kraft hin. Hinzukommt, dass die himmelblaue Wasserlilie berauschende Substanzen enthielt ähnlich dem Schlafmohn oder der Alraune, die vermutlich schon von den Alten Ägyptern genutzt wurden.

dsc_0220Literatur

  • Hans Bonnet, Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte
  • R.T. Rundle-Clark, Myth and Symbol in Ancient Egypt
  • Robert Kriech Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice

Fotos: Sati

Warum „Jahreskreisfeste“ im Alten Ägypten keine Rolle spielten

Samstag, 10. Dezember 2016

Immer wieder wird im Neuheidentum versucht die Jahreskreisfeste auch der altägyptischen Kultur zuzuordnen. Dass dies wenig sinnvoll ist hat einen sehr einfachen Grund: Ägypten liegt viel näher am Äquator und die Unterschiede in den Tageslängen in Abhängigkeit der Jahreszeit sind in Ägypten kaum spürbar.

Eine „Wiedergeburt des Lichts“ gibt es daher ebenso wenig wie „die dunkle Zeit“ o.ä. Naturphänomene der nördlichen Regionen. Daher haben die Sonnenwenden, die für den heidnischen Festtagskalender so wichtig sind kaum Bedeutung für den altägyptischen Festkalender.

Sonnenbewegungen in Äquatornähe

In den folgenden Grafiken ist deutlich zu sehen, dass der Unterschied der Tageszeitlänge über das Jahr z.B. in Berlin bis zu 9 Stunden beträgt. In Kairo dagegen sind es 3,5 Stunden. Das bedeutet, dass die Sonne im Sommer weniger als 2 Stunden früher oder später untergeht als im Winter, während dies in nördlichen Regionen mindestens doppelt so lange dauert. In Skandinavien ist diese Spanne natürlich noch größer.

Tageslänge Kairo

 

Tageslänge Berlin

(Quelle: https://www.laenderdaten.info)

Im Alten Ägypten bestand der Tag aus 12. Tagesstunden welchen jeweils bestimmte Gottheiten zugeordnet waren und die Nacht gleichsam aus 12. Nachtstunden über die ebenfalls Götter regierten. Auch hier lässt sich also keinerlei Unterscheidung zwischen „Sommer“ und „Winter“ nachweisen.

Der nächtliche Sonnenlauf, Abbildung aus der Grabkammer Ramses III., nach Champollion, Wikimedia Commons

Der nächtliche Sonnenlauf, Abbildung aus der Grabkammer Ramses III., nach Champollion, Wikimedia Commons

Die Bedeutung des Nils für die Jahresrechnung

Ein wesentlich prägnanteres Naturereignis war hingegen die alljährlich wiederkehrende Nilflut. Diese wurde von den Monsunregenfällen im äthiopischen Hochland verursacht, die etwa Juni/Juli herrscht und damit eine kalendarische Nähe zur Sommersonnenwende der nördlichen Regionen aufweist. Die Wassermassen gelangten über das äthiopische Ursprungsgebiet des Nils in den ägyptischen Nil, verursachten weitläufige Überschwemmungen, die fruchtbaren Schlamm brachten und damit das Ende der Trockenperiode bestimmten. Demzufolge orientierte sich auch der altägyptische Kalender an den drei natürlichen Jahresphasen der Überschwemmung, der Zeit der Aussat und der Trockenheit und benannte die drei Jahreszeiten danach: Achet, Peret und Schemu. Die meisten Festtage drehten sich auch um den Jahresbeginn, der mit dem Eintreffen der Nilflut zeitlich gleichgesetzt wurde.

AchetPeretSchemu

Die folgende Grafik zeigt die Verteilung der jährlichen Niederschlagsmenge in Äthiopien die nahezu identisch mit den Jahreszeiten des altägyptischen Kalenders ist. Der dunkelblaue Teil entspricht der Flutzeit, der gestrichelte der Zeit der Aussat und der gelbe Teil der Trockenperiode. Je nach Nilgebiet traf die Flutwelle früher oder später ein und damit verschob sich jeweils auch der Kalender.

 

Jahresdiagramm Niederschlagsmenge Äthiopien

Jahresdiagramm Niederschlagsmenge Äthiopien

Etwas später orientierte man sich am Aufgang des Sirius, der ungefähr zeitgleich mit der Nilflut eintrat. Ein weiterer Unterschied zu nördlich gelegenen Ländern, denn dort geht der Sirius gar nicht mehr unter und folglich auch nicht auf. Sternzyklen der sog. Baktiu-Sterne bildeten schließlich auch die Grundlage für die Sternuhren, die noch vor dem Anfang des Mittleren Reiches belegt sind. Die Baktiu-Sterne markierten jeweils die Dekane, also die 10-tägigen Wochen der altägyptischen Zeitrechnung. Das Jahr enthielt daher 36 Dekane – jede davon mit einem eigenen Dekan-Stern – und die 5 verbleibenden Tage zum Sonnenjahr galten als Heriu-renpet Tage, also als Tage „zwischen den Jahren“, die wiederrum im Juni/Juli zum Jahreswechsel datiert waren.

Diagonalsternuhr in Särgen des Mittleren Reiches im Alten Ägypten, Foto: NebMaatRa, Wikimedia Commons

Diagonalsternuhr in Särgen des Mittleren Reiches im Alten Ägypten, Foto: NebMaatRa, Wikimedia Commons

Feste wie die Tages-und Nachtgleiche oder die Sonnenwenden finden also keinerlei thematische Entsprechnung im altägyptischen Kalender. Es gibt jedoch derart viele Festtage im altägyptischen Kalender, dass man mit etwas Kreativität einen persönlichen Kalender für die eigene hiesige Praxis festlegen kann, der mit dem üblichen heidnischen einigermaßen übereinstimmt. So steht auch gemeinsamen Festen mit anderen Heiden nichts mehr im Wege. Jedoch muss einem dabei klar, sein, dass es sich hierbei um eine rein neuzeitliche Adaption handelt und keineswegs um authentische Tradition.

 

Bestechen und Bedrohen von Göttern

Samstag, 14. Mai 2016

Kann man Götter betrügen?

Als ich einem Freund, der selbst Atheist ist, davon erzählte, dass ich diesen Artikel schreiben möchte war seine spontane Reaktion: „So was gibt’s doch gar nicht, Götter sind mächtig und weise und man kann sie nicht mit billigen Tricks reinlegen. Die machen was sie für richtig halten.“

Mir wurde sofort klar, wie schwierig es sein würde, ihm zu erklären, wie sehr sich polytheistische Traditionen von monotheistischen unterscheiden. Normalerweise vermeide ich solche Diskussionen auch, denn selbst wenn Leute sich als Atheisten bezeichnen, tun sie das sehr häufig auf der Basis eines immer noch christlichen Verständnisses vom Begriff „Gott“ (den sie ablehnen). Ein höheres Wesen, dass man anzubeten und dem man zu gehorchen hat, das stets unantastbar und immer perfekt ist

Selbstverständlich sind unsere Götter weise, mächtig und tun was sie für richtig halten, aber sie haben auch negative Seiten, sie haben Fehler, sie können überreagieren, auch sie müssen Grenzen aufgezeigt bekommen und sie sind in keiner Weise perfekt. Sie streiten sich, sie betrügen, sie arbeiten zusammen, sie lügen, sie tricksen, sie lieben, sie sorgen sich und sie hassen. Man könnte sie fast für menschlich halten. Was sie in meinen Augen zu Götter macht ist, dass sie die Dinge in einer größeren Dimension zu sehen vermögen als der Mensch. Und – da wir hier ja im Besonderen von der altägyptischen Religion sprechen – dass sie sich dem Prinzip der Ma’at, der kosmischen Ordnung, unterwerfen, die sie so viel besser verstehen als wir Menschen.

Arbeit mit Göttern

Um mit Göttern polytheistischer Religionen arbeiten zu können, ist ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit, Selbstreflektion und Stabilität erforderlich, wie auch der Wille die Fäden seines Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Man muss sich selbst gut kennen, seine Ziele klar definieren und man muss gleichsam die Götter kennen um mit ihnen fruchbare Synergien bilden zu können. Und nichtzuletzt muss man in der Lage sein, die Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen.

Unabhängig vom kulturellen Kontext bedeutet Bestechung, auf jemandes Verhalten durch Versprechen oder das in Aussicht stellen von Vorteilen Einfluss zu nehmen. Bedrohung hingegen bedeutet, jemandes Verhalten zu beeinflussen, indem man ihm unangenehme oder schadende Konsequenzen ankündigt. Es mag gewagt erscheinen diese Methoden bei Göttern anzuwenden, aber tatsächlich war dies durchaus üblich im Alten Ägypten. Sowohl Drohungen als auch Bestechung fanden unter einem sehr wichtigen Aspekt statt, nämlich dass der ritualisiernde Mensch sich für die Dauer des Rituals mit den Göttern auf eine Stufe stellt. Er holt die Götter nicht zu sich herab vielmehr steigt er zu ihnen auf. Das Ritual ist eine Pforte durch die der Mensch aus der menschlichen Sphäre hinaus in die göttliche – wenn auch zeitlich begrenzt – eintritt.

Dies kann man auch anhand von vielen Sargtexten, Papyri und Pyramidentexten nachvollziehen.

„Anubis, guter Hüter der Ochsen, bringe das Licht zu mir! Du sollst mir Schutz geben hier und heute, denn ich bin Horus, der Sohn der Isis, der gute Sohn des Osiris […] “
– Leyden Papyrus, magischer Text

Beispiel einer Drohung:

„Spruch zu sprechen über einem Hundebiß […] O dieser Hund, welcher unter den zehn Hunden ist die zu Anubis gehören, Sohn seines Leibes, extrahiere Dein Gift, entferne den Speichel von mir. Extrahierst Du nicht Dein Gift, entfernst Du nicht Deinen Speichel, werde ich Dich vor das Gericht im Tempel des Osiris bringen, mein Wächter.“
– Leyden Papyrus, magischer Text

Manchmal setzen sich die Ritualausführenden nicht mit einer Gottheit gleich, jedoch mit einer anderen Person um ihre eigene Identität für den Fall drohender Konsequenzen zu verschleiern.

PGM VII. 319 -34 *Zauber für klare Vision: Nehme eine Kupfergefäß / befülle es mit Regenwasser und opfere männlichen Weihrauch.

Beschwörungsformel: [….] Erscheine mir, Herr Anubis, I befehle Dir, den ich bin IEO BELPHENO, der dies verlangt.

Entlassung: Geh fort, Anubis, zu Deinen eigenen Thronen, zu Gunsten meiner Gesundheit und meines Wohlergehens […]

Das zweite Zitat enthält eine rigorose Instruktion an Anubis, die schwerlich möglich wäre, würde man sie aus einer Position der Unterwerfung vorbringen. Die Ägypter kommunizierten mit ihren Göttern auf Augenhöhe. Im Grunde ist die Praxis des Bestechens, Befehlens und Bedrohens nichts anderes als Beschwörung. Die Ägypter haben aktiv mit den Kräften und Eigenschaften der Gottheiten hantiert, statt sie mit einer bittenden Haltung anzusprechen. Der Prozess der Invokation und der Gebrauch dieser göttlichen Kräfte ist daher sehr viel näher mit magischer Arbeit verwandt, als mit einem Gebet in monotheistischem Kontext.

 

Bestechen und Bedrohen

Es ist nützlich sowohl Bestechung als auch Bedrohung einmal näher zu betrachten und dabei zu berücksichtigen, dass die Altägyptische Religion vor allem ritualbasiert war. Das bedeutet, dass der Kontakt und die Kommunikation mit den Göttern in Form von ritueller Gestik und magischen Handlungen stattfand. Die Sprache, die man zur Verständigung mit der Götterwelt nutze, kann daher als eine Zeichensprache betrachtet werden.

PGM VII. 528-39 – Spruch zu sagen während Du eine Opferung auf Eichenkohle mit heiligem Weihrauch darbringst […]

PGM IV. 2359-72 – zum Zwecke eines erfolgreichen Zaubers muss man eine Opferung mit ägyptischem Wein machen und eine Lampe für ihn entzünden, die nicht rot ist

Stell Dir vor, Du triffst einen Fremden, der Deine Sprache nicht spricht. Wie würdest Du dieser Person zu verstehen geben, dass Deine Absichten friedlicher Natur sind? Du wärst gezwungen eine universelle Sprache zu verwenden, die unabhängig von jedem kulturellen Kontext ist und auf einer sehr einfachen Kommunikationsbasis stattfindet. Du könntest z.B. Deine leeren Hände zeigen um zu demonstrieren, dass Du unbewaffnet bist. Oder Du könntest der fremden Person etwas von Dir als Geschenk anbieten. Beide Gesten zielen auf ein bestimmtes Areal im menschlichen Gehirn ab, das sog. limbische System, das den „fight-or-flight“-Mechanismus in Gang setzt. Dieser Teil des Gehirns ist der älteste und hat daher immer Priorität vor dem Alltagsbewusstsein und dem rationalen Denken, dass sich im präfrontalen Cortex befindet. Dieser hat maximal ein Vetorecht gegenüber dem limbischen System. Eine leere Hand zu zeigen, ist eine Geste der Exposition und sie beruhigt die Ausschüttung von Stresshormonen im limbischen System, das normalerweise sofort reagiert, wenn wir auf etwas Unbekanntes treffen. Dadurch kann ein anderer Mechanismus aktiviert werden, nämlich die menschliche Neugier, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer vorsichtigen Annäherung führen wird. Indem man dem Fremden nun ein Geschenk überreicht, wird das Belohnungssytem des Gehirns aktiviert, Dopamin wird ausgeschüttet und ein Zustand freudiger Erregung stellt sich ein. Der erste Kontakt wird zum positiven Erlebnis.

Rituale – ein Vokabular der Gesten

Die beschriebene Art der Kommunikation ist sehr intuitiv und es ist vorstellbar, dass auf diese Weise auch die rituelle Kommunikation mit den Göttern entstanden ist. Schließlich haben viele Götter ja auch die Gestalt von Tieren bzw. Tiere werden als lebende Abbilder der Götter verstanden. Die mythische Sprache wurde dem rituellen Gestus vermutlich erst später hinzugefügt. Häufig gingen die Bedeutungen ritueller Gesten und Handlungen im Laufe der Generationen verloren, so dass zwar der Ritus als Ablauf von Gesten, nicht aber der Mythos erhalten blieb und der Ritus mit einer neu hinzugefügten Mythe „wiederbelebt“ wurde.

Bestechung unter Menschen

Auch unter Menschen gibt es natürlich Bestechnung. Die negative Konnotation des Wortes täuscht darüber hinweg, dass es sich anfangs lediglich um eine gegenseitige Schenkung handelte, als Form zwischenmenschlicher Kommunikation, die letztlich auch gemeinschaftsbildend sein kann. Bedrohung ist daher auch eine Art Grenzen zu setzen ohne jemanden buchstäblich Schaden zuzufügen, sondern diesen lediglich bei Nichteinhaltung der besagten Grenzen in Aussicht zu stellen. Man kann also beide Methoden auch völlig neutral als Mittel der zwischenmenschlichen Regulation betrachten, die man auch mit Vernunft einsetzen kann. Das Konzept der Ma’at, als Prinzip konnektiver Gerechtigkeit enthält kaum rigide Regeln, aber hält den einzelnen dazu an ein soziales Bewusstsein und emotionale Intelligenz zu entwickeln um in der Lage zu sein in jeder sozialen Situation angemessen und mit Weitblick zu agieren. Nicht der Akt des Bestechens oder des Bedrohens ist per se moralisch verwerflich oder „böse“, sondern die dahinter stehende Intention wie auch die Konsequenzen können dies sein.

Einen tieferen Einblick gewährt der hebräische Begriff שׁחד šochad (Talmud Traktat Ketubbot 105a) Übersetzt heisst dieser „Geschenk“, welches natürlich auch im Zuge einer Bestechung oder Schmeichelei gemacht werden kann. Der Begriff hat sich aus dem hebräischen שׁהוא חד šæhû’ chad entwickelt, der „das was vereint“ bedeutet. Der Austausch von Geschenken ist also moralisch nicht kritisch, solange der daraus resultierende Vorteil für den Geschenkempfänger die ethischen Grenzen der Gesellschaft nicht sprengt. Die Grenze zwischen Schenkung und Bestechung ist daher fließend und erforderd genaues Hinsehen, statt polarisierender Verurteilung. Dies passt wiederum auch sehr gut zum Prinzip der Ma’at, das übersetzt sowohl „Gerechtigkeit“ als auch „Opfer“ bedeutet und damit der Gemeinschaft als Überlebensgarant hohe Priorität verleiht.

Korruption – Ein paar moralische Überlegungen

Natürlich sind auch Bestechung und Bedrohung im altägyptischen Kontext genauso von menschlichen Schwächen beeinflusst wie heute. Besonders Bestechung stellte in der zentralistischen Struktur des altägyptischen Staates ein großes Problem dar, wie man verschiedenen Quellen entnehmen kann. Insbesondere Priester wurden eingehend gewarnt, keine Bestechungsgeschenke anzunehmen, was wiederrum zeigt, dass es ein tatsächliches Problem gewesen sein muss.

„Nimm keine Bestechnung an von dem Reichen und bedrücke nicht in seinem Interesse den Schwachen, Gerechtigkeit ist eine große Gabe Gottes, er gibt sie, wem er will.“
– Lehre des Amenemope

Bestechung und Korruption in einem sozialen, politischen und wirtschaftlichen System ist eine äußerst ambivalente moralische Frage. Im Allgemeinen heisst es, dass Korrpution den Einzelnen begünstigt, die Gemeinschaft aber schädigt. Die meisten Führungspersonen einer Gemeinschaft haben daher ein großes Interesse daran Bestechlichkeit zu vermeiden um die Gemeinschaft als Ganzes zu schützen. Das kann aber wiederrum auch zu ethisch fragwürdigen Handlungen führen, denn der Appell an das moralische Bewusstsein des Einzelnen allein reicht bei Weitem nicht aus um die Gemeinschaft zu sichern. Das heisst Bestechung muss von vorn herein weniger atrtraktiv gemacht werden z.B. indem man den Drahtziehern einer Gemeinschaft entsprechende Vergütung in einer ordentlichen Höhe gewährt – was letztlich auch nichts anderes als eine Form der Bestechung ist.

„Mache deine Großen reich, damit sie deine Gesetze ausführen! Wer reich in seinem haushalt ist, ist nicht parteiisch. Er ist ein besitzender, der keine Not hat. Ein Armer spricht nicht nach seiner Ma’at. Wer ‚hätte ich‘ sagt, ist nicht rechtschaffen. Er ist partaiisch für den, der ihm Bestechung gibt.“
– Lehre für Merikare

In diesen Zitat wird deutlich sichtbar, dass auch das soziale und politische System der alten Ägypter von menschlichen Schwächen durchzogen war und seine sehr dunklen Seiten hatte. Die Tatsache, dass Geschichte vor allem von dem Leben der Wohlhabenden berichtet, verschleiert die Tatsache, dass es selbstverständlich auch Benachteiligte dieses Systems gab, die nicht die Ressourcen hatten, am sozialen Leben teilzunehmen. Sie waren sozial so gut wie nicht existent.

Die Götter in einem Zustand intensiver persönlicher Bedürftigkeit – auch mithilfe von Bestechnung und Bedrohung – anzusprechen ist also etwas vollkommen natürliches, menschliches und vielleicht sogar notwendiges unter den entsprechenden Umständen. Letztendlich sehen die Götter im Gegensatz zum Menscen den größeren Kontext der kosmischen Ordnung Ma’at. Indem wir als Menschen zu ihnen Kontakt aufnehmen, ihre Kräfte beschwören, uns mit ihrem Bewusstsein und ihrer Weisheit verbinden, erhalten wir aber außergewöhnliche Einblicke und Erfahrungen aus denen wir lernen können um schließlich auch in unserem menschlichen Bewusstsein und unserer Weisheit wachsen zu können.

Literatur:
Ägyptische Geheimnisse, Jan Assmann
Tod und Jenseits im Alten Ägypten“, Jan Assmann
Die Wandlungen des Sem Priesters im Mundöffnungsritual, Hartwig Altenmüller
Spektrum der Wissenschaft spezial 1/11:
Wolf Singer, “Ein notwendiges Produkt unserer Evolution”

Frank Schubert, Interview with Hannah Monyer “Rituale haben einen höheren Sinn”
Harvey Whitehouse, “Der Sinn von Ritualen”

Bilder: Wikipedia / Wikimedia Commons (bitte anklicken für Quelle)

 

Ma´at im Alltag, geschrieben von Alice

Samstag, 05. März 2016

Wenn ich mich in der neopaganen Szene umschaue, habe ich oft das Gefühl, dass der Fokus sehr auf einer möglichst bunten und schillernden Ritualpraxis liegt. Die Geisteshaltung, die hinter den Dingen steht wird allerdings oft ein wenig stiefmütterlich behandelt und im schlimmsten Fall nur als adäquate Beschäftigung für religionsfaszinierte Althistoriker , nicht aber als ein wichtiges Diskussionsthema betrachtet.

Eines dieser Themen ist Ma´at

Ich möchte auf ausgiebige Erklärungen zur Herleitung des Begriffes verzichten, weil diese Betrachtung eine sehr persönliche ist und eben mein Verständnis von Ma´at hier im Vordergrund steht. Deshalb nur das Grundlegende:

Das Wort Ma´at leitet sich wohl vom altägyptischen Wort Mu´at und einem ähnlich klingenden Verb her, das soviel wie „lenken, den Dingen eine Richtung geben“ und „opfern, darbringen“ heißt. Im Gegensatz zu Isfet, „Chaos“ , aber auch „Unrecht“ oder „Gewalt“ hat Ma´at also eine ordnende, aber dynamische Funktion. Die Vielzahl der Übersetzungsmöglichkeiten zeigen die verschiedenen Bereiche, in denen Ma´at wirkt – Gerechtigkeit, Weltordnung, aber auch kosmische Ordnung.

Die Aufrechterhaltung von Ma´at ist damit unabdingbar für das gelingen kosmischer Prozesse, nimmt also selbst die Götter nicht aus – am Bug der Barke des Sonnengottes, der bei seiner Fahrt vielfältigen Gefahren ausgesetzt ist, steht die Göttin Ma´at. Durch sie ist das alltägliche Gelingen der kosmischen Reise, von der der Erhalt der Welt abhängt , gewährleistet. Von Ma´at als „Lufthauch“ oder „Atem“ leben die Götter, die Bewohner der Totenreiche und die Menschen im Diesseits.

Das Leben der ganzen Erde, die Nasen der Menschen atmen durch ihre Gabe, (…)

Lebensodem für den, der ihr folgt“

Ma´at ist ebenfalls fest in der altägyptischen Staatstheorie verankert, die den Pharao als Verfechter und Aufrechthalter der Ma´at sieht- und Ma´at ist im alltäglichen Miteinander der Menschen notwendig, um Gerechtigkeit, Ordnung, gar das jenseitige Leben zu gewährleisten.

Der Lohn eines Handelnden liegt darin, dass für ihn gehandelt wird. Das hält Gott für Ma´at.“

Einer der fundamentalen Aspekte von Ma´at ist also auch soziales Füreinander. Der Lohn in einer Gesellschaft ist entsprechend Solidarität und Ordnung. Herrscht Isfet, so sind die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt, zweckentfremdet, pervertiert.

So viel zum Idealbild.

Ab in die Praxis

Was machen wir nun mit diesem etwas sperrigen, altertümlichen Begriff in einer Zeit, in der Ordnung selten die Ordnung der Solidarität bedeutet, in der man Beamte weniger mit dem Aufrechthalten von Ma´at assoziiert als mit Korruption und Freigiebigkeit selten weiter reicht als bis zur eigenen Familie?

Nun, wäre dieses Problem neu, so hätten wir nicht die „Klagen des Oasenmannes“ aus dem Mittleren Reich überliefert, die gesellschaftliche Probleme darstellt, die wohl in jeder Zeit, in jeder Kultur bekannt gewesen sein dürften.

Der Verteiler ist geizig, der das Elend vertreibt, befiehlt dessen Verursachung, der Hafen ist eine Flut, der das Böse abwehrt, begeht Unrecht.“

Ich möchte anhand von ein paar Gedanken und Verhaltensweisen, die mir sehr oft begegnen, deutlich machen wie ich die Problematik sehe.

Letztlich regelt sich alles schon von selber“.

Das begegnet einem vor allem bei scheinbar pragmatischen Hobby-Darwinisten, die der Meinung sind, dass letztlich der Stärkere gewinnt, ein Eingreifen also völlig sinnlos wäre und Menschen so oder so natürlicherweise Krieg führen, sich betrügen und ausliefern. Ma´at tun und sprechen aber bedeutet nicht zuletzt, den Schwachen vor der Willkür des Starken zu beschützen. In dieser Rolle verkörpert Ma´at also die Kultur im Gegensatz zum Recht des Stärkeren.

Die zweite Gruppe Vertreter dieser Haltung ist mir nicht sympathischer, wenn auch weniger zynisch. Es sind Menschen, die der Meinung sind, dass die Menschheit schlussendlich aus ihren Fehlern lernen wird und sich so weit weiterentwickeln wird, dass sie irgendwann Konflikte friedlich und zum Wohle aller löst. Sie haben Angst vor „blindem Aktionismus“ und beschränken sich daher auf eine passive Wohltätigkeit, die es ihnen erlaubt, Leid solange zu ignorieren, wenn es sie anspringt wie ein hungriger Wolf.

Ma ´at ist dynamisch, nicht statisch.

Das bedeutet für mich ganz einfach ausgedrückt: es regelt sich eben nicht von alleine. Ma´at ist nichts, was sich einstellt, wenn man nur lange genug wartet- Ma´at ist ein stetiges sich bemühen gegen Isfet in allen Bereichen, ein Versuch, den Dingen die richtige Richtung zu geben. Denn eine der fundamentalsten Einsichten der ägyptischen Mythen ist eben die, dass alles von dieser Bemühung abhängt, selbst die kosmische Ordnung erhält sich nicht wie ein perpetuum mobile von selbst, sondern bedarf der Ma´at genauso wie der Oasenmann, der mit den Füßen im Staub die Stimme gegen die fehlgeleitete Obrigkeit erhebt.

Aber wie soll ich mich alleine gegen das Leid der Welt stellen? Ich kann es doch nicht ändern!“

Sicher haben wir, je nach unserer gesellschaftlichen Stellung, unserem Vermögen, unserer körperlichen und geistigen Konstitution entsprechend unterschiedliche Einflussbereiche. Kurz zusammengefasst läuft es aber auf folgendes hinaus: Nutze Dein Kapital.

Damit meine ich nicht notwendigerweise materielles Vermögen, auch wenn Geiz als eine der schlimmsten „Todsünden“ im Alten Ägypten galt („der Habgierige hat kein Grab“). Als Kapital bezeichne ich all die Schätze, die man auch mit persönlichen Talenten oder Befähigungen bezeichnen könnte, aber eben auch die Möglichkeiten, die einem Beruf und Status eröffnen, mit einschließt.

Ein wichtiger Prozess beim Aufrechterhalten der Ma´at ist für mich daher auch, sich Gedanken über die eigenen Möglichkeiten zu machen. Damit enthält Ma´at für mich nicht nur eine kosmologische, politische und soziale Komponente, sondern auch eine ganz persönliche. Am Anfang dieses Prozesses steht also die Frage „was kann ich?“ bzw. „Was will ich können?“ .

Aber was heißt das jetzt KONKRET?“

Bist Du redegewandt, nutze Dein rhetorisches Talent, um Menschen auf Missstände aufmerksam zu machen und zu überzeugen. Hast Du Einfluss auf die Verteilung von Geldern, verteile gerecht. Bist Du frustriert, weil Du unterbezahlt bist, tritt nicht nach unten weiter, sondern klage den über Dir an. Hast Du breite Schultern und Kraft in den Armen, zeige Zivilcourage in der U-Bahn anstatt nur im Studio zu pumpen. Wenn Ma´at dynamisch ist, heißt das im sozialen Kontext für mich, aktiv zu fragen, ob es Dir gut geht, und nicht zu warten, bis ich die Augen nicht mehr vor deinem Leid verschließen kann, weil Du mich darauf ansprichst. Geh wählen, auch bürgerliche Rechte sind Teil des persönlichen Kapitals.

Und wenn Dich die Kraft verlässt: Klage an.

Denn klagen heißt nicht einfach jammern im Privaten. Klagen ist zielgerichteter, es benennt die Missstände, macht aufmerksam, schafft Solidarität. Klagen beinhaltet die Verantwortung, den wahren Schuldigen zu erkennen, anstatt in der Opferrolle zu verharren und der Einfachheit halber pauschal zu verurteilen- denn die Klage entblößt nicht nur den Angeklagten, sondern auch den Kläger.

Was hat das jetzt alles mit Spiritualität zu tun?“

Du bist, was Du tust, oder auch schlicht : Orthopraxie, Baby! ;-)

Ein herausstechendes Merkmal antiker polytheistischer Glaubenssysteme , auch der altägyptischen Religion, ist der Fokus auf korrektem Handeln und weniger auf persönlicher Gläubigkeit. Spiritualität misst sich also am Handeln, in diesem Fall auch am „Aufrechterhalten der Ma´at“, nicht nur an Ritualen, Gebeten und dem Feiern von Festen. Das heißt nicht, dass individuelle Frömmigkeit abgelehnt würde, sondern einfach, dass Gedanken auch Worte und Worten auch Taten folgen sollten.

Ich denke, mehr Spiritualität im Alltag ist kaum möglich, wenn man das berücksichtigt.

Weiterführende Literatur:
Jan Assmann: Ma´at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
Günter Burkhard, Heinz J. Thissen: Einführung in die altägyptische Literaturgeschichte 1 und 2

Totenfest auf Ägyptisch

Samstag, 31. Oktober 2015

Als altägyptische „Heidin“ in Deutschland hat man es manchmal nicht leicht mit den üblichen Festen der Heidenszene mitzuhalten. Dankenswerterweise hatten die alten Ägypter aber unglaublich viele Feste, so dass man nahezu jeden Tag etwas zu feiern findet. Die Hauptfeste konzentrieren sich meist rund um den altägyptischen Jahreswechsel im Juni/Juli zur Zeit der alljährlichen Nilflut und zum Aufgang des Sirius, doch einige fanden auch zu anderen Zeiten im Jahr statt. Wenn die dunkle Jahreszeit hier in Mittel- und Nordeuropa langsam Einzug hält, denken viele an die typischen Feste der Toten wie Samhain, Allerheiligen oder Halloween. Als ich mich auf die Suche nach einem äquivalenten ägyptischen Fest machte, das im Oktober/November unseres Kalenders stattfindet war ich unerwarteter Weise gleich erfolgreich. Ich fand das Fest des Totengottes Sokar. Nun muss man korrekterweise dazu sagen, dass das Sokarfest im Alten Reich zusammen mit dem Sed-Fest gefeiert wurde und damit ebenfalls zum Jahreswechsel im Sommer stattfand. Im Neuen Reich jedoch wurde es am 26. Achet IV begangen, was ungefähr Mitte Oktober bis Anfang November ist.

Sokar, der Gott

Sokar ist einer der ältesten ägyptischen Götter und wurde in Memphis verehrt. Er ist falkengestaltig, oft taucht er auch in Gestalt eines falkenköpfigen Menschen auf. Seine Kultstätte ist die Totenstadt. Bereits seit der 1. Dynastie ist Sokar der Namensgeber für die Nekropole Sakkara am westlichen Nilufer. Doch Sakkara ist nicht das einzige Heiligtum mit dem Sokar assoziiert wird.

Sokar wird auch manchmal „Sokar von Rasetjau“ genannt, doch Rasetjau ist kein weltlicher Ort. Es ist ein Ort in der Duat, der altägyptischen Unterwelt. Auf seiner Nachtfahrt muss der Sonnengott Re die Duat durchqueren, die laut des Unterweltsbuches Amduat in 12. Stunden eingeteilt ist. Zur 4. und 5. Nachtstunde erreicht die Reise des Re einen kritischen Punkt, seine Barke läuft auf Sand und er muss sie in der Folge mühsam durch die Wüste ziehen. Diese Wüste ist Rasetjau oder das „Land Sokars, der auf seinem Sand ist“ wie es ebenfalls genannt wird. Dieser wahrlich unwirtliche Abschnitt der Duat ist die Heimat zahlreicher Schlangen und Ort des Feuers und der Hitze. Sokar ist also in der Tat der Gott des Todes schlechtin. Re wird übrigens in der nächste Stunde von Seth gerettet, der die dämonische Schlange Apophis besiegt, die den von den Strapazen geschwächten Sonnengott zu verschlingen droht.

Sokar im Totenbuch als Mumie mit Falkenkopf,
Foto: Wikipedia

Das Sokarfest

So wird Sokar auch zum Paten eines wichtigen Totenfestes der Totenstadt Sakkara, das bereits aus der Frühdynastik belegt ist. Das Sokar-Fest. Tatsächlich war der Zweck dieses Festes nicht nur das feierliche Erinnern an Verstorbene, sie sollten sogar selbst an diesem Fest teilnehmen um sie gleichzeitig aufs Neue in die Obhut des Sokar zu überstellen. Im Alten Reich ist das Sokarfest mit dem sog. Sedfest verknüpft, dass außerdem in engem Zusammenhang mit dem Fest des Fruchtbarkeitsgottes Min steht. Das Sedfest ist ebenfalls aus der Frühdynastik belegt und war ein Fest zur rituellen Verjüngung des Königs. Manche Forscher nehmen sogar an, dass es einen Vorläuferkult gegeben hat, bei dem der alte König tatsächlich rituell getötet wurde damit ein neuer junger König die Nachfolge antreten konnte. Ein Ritus, der aus anderen Teilen des afrikanischen Kontinents durchaus bekannt ist. Diese Vermutung bekommt umso mehr Gestalt, wenn man bedenkt, dass dem Sokarfestes der Brauch des „Aufhackens der Erde“ vorausging, ein Ritus der vermutlich mit dem Anlegen von Grabbauten im Zusammenhang stand, möglicherweise aber auch mit dem Ackerbau und dazugehörigen Fruchtbarkeitsbemühungen. In der griechisch-römischen Zeit jedenfalls wurde das Fest des Aufhackens der Erde von den Choiak-Riten ersetzt, ein Fest zur Wiederauferstehung des Osiris. Mit Osiris wurde Sokar passenderweise später synkretisiert, wobei auch Ptah mit in diesen Synkretismus einfloß und Ptah-Sokar-Osiris die Attribute aller drei Götter verband.

Kornmumien

Für diesen dreifachen Gott ist ein äußerst interessanter Brauch belegt, der umso mehr Tiefe erhält, wenn man die kultische Vorgeschichte, wie oben beschrieben voranstellt. Es ist der Brauch der Kornmumien. Dabei werden aus Lehm, Saatkörnern und Leinenbinden Mumien geformt die anschließend rituell bestattet werden und zwar in Form eines Nachspiels des Osirismythos. Die daraufhin auskeimenden Saatkörner sollten auch das Leben in den Mumien – als Stellvertreter für Ptah-Sokar-Osiris – wieder erblühen lassen. Auch für die normale altägyptische Bevölkerung ist dieser Brauch -wenn auch in einer einfacheren Form – bekannt. Hier handelt es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit um einen Ahnenritus und weniger um einen Götterkult.

Ägyptische Kornmumie, ptolemäische Periode,
Foto: Bombaladan, Wikimedia Commons


Kornmumie aus der Spätzeit,
Rosicrucian Egyptian Museum in San Jose, Kalifornien,
Foto: BrokenSphere, Wikimedia Commons

Persönliche Sokar-Riten

Da auch mein Geburtstag etwa auf diese Zeit des Jahres fällt, ist mir das Sokarfest besonders wichtig geworden, wie auch Sokar als Gott selbst. Zu diesem Zweck habe ich eine Sokarstatue angefertig und zwar passenderweise aus einer sandhaltigen Modelliermasse in der sich auch einige Weizenkörner befinden. Die Sokarstatue ist ganzjährig verhüllt, wird aber zu Beginn meiner privaten Sokar-Riten aus ihrer Hülle befreit. Aus Tonerde, normaler Pflanzerde und Saatkörnern fertige ich dann kleine Mumien und weihe sie bei Bedarf auch mal Freunden; manchmal zusammen mit einem besonderen Anliegen für welches sie sich eine Wiederbelebung und neue Kraft wünschen. Diese Kornmumien werden dann während des Ritualzykluses aufgebahrt und erhalten gemeinsam mit Sokar täglich Speise- und Trankopfer, Gebete und Rauchopfer. Am Ende der Riten bringe ich die Kornmumien hinaus in die freie Natur und vergrabe sie an besonderen Orten, damit ihre Saat im Frühjahr aufsprießen kann und neue Lebenskraft dorthin fließen kann, wo sie erbeten wurde.


Schrein während der Sokar-Riten mit der enthüllten Statue

Kornmumien mit Hieroglyphen
Kornmumie mit Hieroglyphen

Sokar und ich

Meine persönliche Erfahrung mit Sokar ist, dass er ein sehr statischer Gott ist. Seine Präsenz ist unglaublich beeindruckend und beinahe überwältigend, doch er bewegt sich nicht und ist vollkommen passiv. Die Interaktion mit ihm fiel mir zunächst schwer, da ich mit Seth einen überaus aktiven und stürmischen Gott gewöhnt bin. Außerdem kommt man nicht umhin einen sehr gefährlichen und lebensfeindlichen Ort in der Duat aufzusuchen, wenn man ihm begegnen will. Zum Glück gibt es kaum einen besseren Begleiter in der Duat als Seth, so dass ich mir keine Sorgen machen musste. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich überhaupt einen Kontakt mit Sokar herstellen konnte, bis mir plötzlich klar wurde, das bereits das Empfinden seiner Präsenz dieser Kontakt war und auch nicht mehr als das werden würde. Ich konnte jedoch sehr deutlich spüren, wie er mich wahrnahm. Trotz seiner Regungslosigkeit erschien er mir äußerst kraftvoll. Ein wenig wie ein Fels in der Brandung.

möge mein Leib rein sein,
möge ich ein göttliches Gewand empfangen
möge ich (Ptah-)Sokar schauen

(Theben, Grab des Neferhotep)

Dua Sokar!


Literatur:
Ritner, Robert Kriech. „The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice.“

Assmann, Jan „Ägyptische Geheimnisse“, „Ägyptische Hymnen und Gebete“
Bonnet, Hans „Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte