Archiv für die Kategorie ‘Nil Oase’

Bestechen und Bedrohen von Göttern

Samstag, 14. Mai 2016

Kann man Götter betrügen?

Als ich einem Freund, der selbst Atheist ist, davon erzählte, dass ich diesen Artikel schreiben möchte war seine spontane Reaktion: „So was gibt’s doch gar nicht, Götter sind mächtig und weise und man kann sie nicht mit billigen Tricks reinlegen. Die machen was sie für richtig halten.“

Mir wurde sofort klar, wie schwierig es sein würde, ihm zu erklären, wie sehr sich polytheistische Traditionen von monotheistischen unterscheiden. Normalerweise vermeide ich solche Diskussionen auch, denn selbst wenn Leute sich als Atheisten bezeichnen, tun sie das sehr häufig auf der Basis eines immer noch christlichen Verständnisses vom Begriff „Gott“ (den sie ablehnen). Ein höheres Wesen, dass man anzubeten und dem man zu gehorchen hat, das stets unantastbar und immer perfekt ist

Selbstverständlich sind unsere Götter weise, mächtig und tun was sie für richtig halten, aber sie haben auch negative Seiten, sie haben Fehler, sie können überreagieren, auch sie müssen Grenzen aufgezeigt bekommen und sie sind in keiner Weise perfekt. Sie streiten sich, sie betrügen, sie arbeiten zusammen, sie lügen, sie tricksen, sie lieben, sie sorgen sich und sie hassen. Man könnte sie fast für menschlich halten. Was sie in meinen Augen zu Götter macht ist, dass sie die Dinge in einer größeren Dimension zu sehen vermögen als der Mensch. Und – da wir hier ja im Besonderen von der altägyptischen Religion sprechen – dass sie sich dem Prinzip der Ma’at, der kosmischen Ordnung, unterwerfen, die sie so viel besser verstehen als wir Menschen.

Arbeit mit Göttern

Um mit Göttern polytheistischer Religionen arbeiten zu können, ist ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit, Selbstreflektion und Stabilität erforderlich, wie auch der Wille die Fäden seines Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Man muss sich selbst gut kennen, seine Ziele klar definieren und man muss gleichsam die Götter kennen um mit ihnen fruchbare Synergien bilden zu können. Und nichtzuletzt muss man in der Lage sein, die Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen.

Unabhängig vom kulturellen Kontext bedeutet Bestechung, auf jemandes Verhalten durch Versprechen oder das in Aussicht stellen von Vorteilen Einfluss zu nehmen. Bedrohung hingegen bedeutet, jemandes Verhalten zu beeinflussen, indem man ihm unangenehme oder schadende Konsequenzen ankündigt. Es mag gewagt erscheinen diese Methoden bei Göttern anzuwenden, aber tatsächlich war dies durchaus üblich im Alten Ägypten. Sowohl Drohungen als auch Bestechung fanden unter einem sehr wichtigen Aspekt statt, nämlich dass der ritualisiernde Mensch sich für die Dauer des Rituals mit den Göttern auf eine Stufe stellt. Er holt die Götter nicht zu sich herab vielmehr steigt er zu ihnen auf. Das Ritual ist eine Pforte durch die der Mensch aus der menschlichen Sphäre hinaus in die göttliche – wenn auch zeitlich begrenzt – eintritt.

Dies kann man auch anhand von vielen Sargtexten, Papyri und Pyramidentexten nachvollziehen.

„Anubis, guter Hüter der Ochsen, bringe das Licht zu mir! Du sollst mir Schutz geben hier und heute, denn ich bin Horus, der Sohn der Isis, der gute Sohn des Osiris […] “
– Leyden Papyrus, magischer Text

Beispiel einer Drohung:

„Spruch zu sprechen über einem Hundebiß […] O dieser Hund, welcher unter den zehn Hunden ist die zu Anubis gehören, Sohn seines Leibes, extrahiere Dein Gift, entferne den Speichel von mir. Extrahierst Du nicht Dein Gift, entfernst Du nicht Deinen Speichel, werde ich Dich vor das Gericht im Tempel des Osiris bringen, mein Wächter.“
– Leyden Papyrus, magischer Text

Manchmal setzen sich die Ritualausführenden nicht mit einer Gottheit gleich, jedoch mit einer anderen Person um ihre eigene Identität für den Fall drohender Konsequenzen zu verschleiern.

PGM VII. 319 -34 *Zauber für klare Vision: Nehme eine Kupfergefäß / befülle es mit Regenwasser und opfere männlichen Weihrauch.

Beschwörungsformel: [….] Erscheine mir, Herr Anubis, I befehle Dir, den ich bin IEO BELPHENO, der dies verlangt.

Entlassung: Geh fort, Anubis, zu Deinen eigenen Thronen, zu Gunsten meiner Gesundheit und meines Wohlergehens […]

Das zweite Zitat enthält eine rigorose Instruktion an Anubis, die schwerlich möglich wäre, würde man sie aus einer Position der Unterwerfung vorbringen. Die Ägypter kommunizierten mit ihren Göttern auf Augenhöhe. Im Grunde ist die Praxis des Bestechens, Befehlens und Bedrohens nichts anderes als Beschwörung. Die Ägypter haben aktiv mit den Kräften und Eigenschaften der Gottheiten hantiert, statt sie mit einer bittenden Haltung anzusprechen. Der Prozess der Invokation und der Gebrauch dieser göttlichen Kräfte ist daher sehr viel näher mit magischer Arbeit verwandt, als mit einem Gebet in monotheistischem Kontext.

 

Bestechen und Bedrohen

Es ist nützlich sowohl Bestechung als auch Bedrohung einmal näher zu betrachten und dabei zu berücksichtigen, dass die Altägyptische Religion vor allem ritualbasiert war. Das bedeutet, dass der Kontakt und die Kommunikation mit den Göttern in Form von ritueller Gestik und magischen Handlungen stattfand. Die Sprache, die man zur Verständigung mit der Götterwelt nutze, kann daher als eine Zeichensprache betrachtet werden.

PGM VII. 528-39 – Spruch zu sagen während Du eine Opferung auf Eichenkohle mit heiligem Weihrauch darbringst […]

PGM IV. 2359-72 – zum Zwecke eines erfolgreichen Zaubers muss man eine Opferung mit ägyptischem Wein machen und eine Lampe für ihn entzünden, die nicht rot ist

Stell Dir vor, Du triffst einen Fremden, der Deine Sprache nicht spricht. Wie würdest Du dieser Person zu verstehen geben, dass Deine Absichten friedlicher Natur sind? Du wärst gezwungen eine universelle Sprache zu verwenden, die unabhängig von jedem kulturellen Kontext ist und auf einer sehr einfachen Kommunikationsbasis stattfindet. Du könntest z.B. Deine leeren Hände zeigen um zu demonstrieren, dass Du unbewaffnet bist. Oder Du könntest der fremden Person etwas von Dir als Geschenk anbieten. Beide Gesten zielen auf ein bestimmtes Areal im menschlichen Gehirn ab, das sog. limbische System, das den „fight-or-flight“-Mechanismus in Gang setzt. Dieser Teil des Gehirns ist der älteste und hat daher immer Priorität vor dem Alltagsbewusstsein und dem rationalen Denken, dass sich im präfrontalen Cortex befindet. Dieser hat maximal ein Vetorecht gegenüber dem limbischen System. Eine leere Hand zu zeigen, ist eine Geste der Exposition und sie beruhigt die Ausschüttung von Stresshormonen im limbischen System, das normalerweise sofort reagiert, wenn wir auf etwas Unbekanntes treffen. Dadurch kann ein anderer Mechanismus aktiviert werden, nämlich die menschliche Neugier, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer vorsichtigen Annäherung führen wird. Indem man dem Fremden nun ein Geschenk überreicht, wird das Belohnungssytem des Gehirns aktiviert, Dopamin wird ausgeschüttet und ein Zustand freudiger Erregung stellt sich ein. Der erste Kontakt wird zum positiven Erlebnis.

Rituale – ein Vokabular der Gesten

Die beschriebene Art der Kommunikation ist sehr intuitiv und es ist vorstellbar, dass auf diese Weise auch die rituelle Kommunikation mit den Göttern entstanden ist. Schließlich haben viele Götter ja auch die Gestalt von Tieren bzw. Tiere werden als lebende Abbilder der Götter verstanden. Die mythische Sprache wurde dem rituellen Gestus vermutlich erst später hinzugefügt. Häufig gingen die Bedeutungen ritueller Gesten und Handlungen im Laufe der Generationen verloren, so dass zwar der Ritus als Ablauf von Gesten, nicht aber der Mythos erhalten blieb und der Ritus mit einer neu hinzugefügten Mythe „wiederbelebt“ wurde.

Bestechung unter Menschen

Auch unter Menschen gibt es natürlich Bestechnung. Die negative Konnotation des Wortes täuscht darüber hinweg, dass es sich anfangs lediglich um eine gegenseitige Schenkung handelte, als Form zwischenmenschlicher Kommunikation, die letztlich auch gemeinschaftsbildend sein kann. Bedrohung ist daher auch eine Art Grenzen zu setzen ohne jemanden buchstäblich Schaden zuzufügen, sondern diesen lediglich bei Nichteinhaltung der besagten Grenzen in Aussicht zu stellen. Man kann also beide Methoden auch völlig neutral als Mittel der zwischenmenschlichen Regulation betrachten, die man auch mit Vernunft einsetzen kann. Das Konzept der Ma’at, als Prinzip konnektiver Gerechtigkeit enthält kaum rigide Regeln, aber hält den einzelnen dazu an ein soziales Bewusstsein und emotionale Intelligenz zu entwickeln um in der Lage zu sein in jeder sozialen Situation angemessen und mit Weitblick zu agieren. Nicht der Akt des Bestechens oder des Bedrohens ist per se moralisch verwerflich oder „böse“, sondern die dahinter stehende Intention wie auch die Konsequenzen können dies sein.

Einen tieferen Einblick gewährt der hebräische Begriff שׁחד šochad (Talmud Traktat Ketubbot 105a) Übersetzt heisst dieser „Geschenk“, welches natürlich auch im Zuge einer Bestechung oder Schmeichelei gemacht werden kann. Der Begriff hat sich aus dem hebräischen שׁהוא חד šæhû’ chad entwickelt, der „das was vereint“ bedeutet. Der Austausch von Geschenken ist also moralisch nicht kritisch, solange der daraus resultierende Vorteil für den Geschenkempfänger die ethischen Grenzen der Gesellschaft nicht sprengt. Die Grenze zwischen Schenkung und Bestechung ist daher fließend und erforderd genaues Hinsehen, statt polarisierender Verurteilung. Dies passt wiederum auch sehr gut zum Prinzip der Ma’at, das übersetzt sowohl „Gerechtigkeit“ als auch „Opfer“ bedeutet und damit der Gemeinschaft als Überlebensgarant hohe Priorität verleiht.

Korruption – Ein paar moralische Überlegungen

Natürlich sind auch Bestechung und Bedrohung im altägyptischen Kontext genauso von menschlichen Schwächen beeinflusst wie heute. Besonders Bestechung stellte in der zentralistischen Struktur des altägyptischen Staates ein großes Problem dar, wie man verschiedenen Quellen entnehmen kann. Insbesondere Priester wurden eingehend gewarnt, keine Bestechungsgeschenke anzunehmen, was wiederrum zeigt, dass es ein tatsächliches Problem gewesen sein muss.

„Nimm keine Bestechnung an von dem Reichen und bedrücke nicht in seinem Interesse den Schwachen, Gerechtigkeit ist eine große Gabe Gottes, er gibt sie, wem er will.“
– Lehre des Amenemope

Bestechung und Korruption in einem sozialen, politischen und wirtschaftlichen System ist eine äußerst ambivalente moralische Frage. Im Allgemeinen heisst es, dass Korrpution den Einzelnen begünstigt, die Gemeinschaft aber schädigt. Die meisten Führungspersonen einer Gemeinschaft haben daher ein großes Interesse daran Bestechlichkeit zu vermeiden um die Gemeinschaft als Ganzes zu schützen. Das kann aber wiederrum auch zu ethisch fragwürdigen Handlungen führen, denn der Appell an das moralische Bewusstsein des Einzelnen allein reicht bei Weitem nicht aus um die Gemeinschaft zu sichern. Das heisst Bestechung muss von vorn herein weniger atrtraktiv gemacht werden z.B. indem man den Drahtziehern einer Gemeinschaft entsprechende Vergütung in einer ordentlichen Höhe gewährt – was letztlich auch nichts anderes als eine Form der Bestechung ist.

„Mache deine Großen reich, damit sie deine Gesetze ausführen! Wer reich in seinem haushalt ist, ist nicht parteiisch. Er ist ein besitzender, der keine Not hat. Ein Armer spricht nicht nach seiner Ma’at. Wer ‚hätte ich‘ sagt, ist nicht rechtschaffen. Er ist partaiisch für den, der ihm Bestechung gibt.“
– Lehre für Merikare

In diesen Zitat wird deutlich sichtbar, dass auch das soziale und politische System der alten Ägypter von menschlichen Schwächen durchzogen war und seine sehr dunklen Seiten hatte. Die Tatsache, dass Geschichte vor allem von dem Leben der Wohlhabenden berichtet, verschleiert die Tatsache, dass es selbstverständlich auch Benachteiligte dieses Systems gab, die nicht die Ressourcen hatten, am sozialen Leben teilzunehmen. Sie waren sozial so gut wie nicht existent.

Die Götter in einem Zustand intensiver persönlicher Bedürftigkeit – auch mithilfe von Bestechnung und Bedrohung – anzusprechen ist also etwas vollkommen natürliches, menschliches und vielleicht sogar notwendiges unter den entsprechenden Umständen. Letztendlich sehen die Götter im Gegensatz zum Menscen den größeren Kontext der kosmischen Ordnung Ma’at. Indem wir als Menschen zu ihnen Kontakt aufnehmen, ihre Kräfte beschwören, uns mit ihrem Bewusstsein und ihrer Weisheit verbinden, erhalten wir aber außergewöhnliche Einblicke und Erfahrungen aus denen wir lernen können um schließlich auch in unserem menschlichen Bewusstsein und unserer Weisheit wachsen zu können.

Literatur:
Ägyptische Geheimnisse, Jan Assmann
Tod und Jenseits im Alten Ägypten“, Jan Assmann
Die Wandlungen des Sem Priesters im Mundöffnungsritual, Hartwig Altenmüller
Spektrum der Wissenschaft spezial 1/11:
Wolf Singer, “Ein notwendiges Produkt unserer Evolution”

Frank Schubert, Interview with Hannah Monyer “Rituale haben einen höheren Sinn”
Harvey Whitehouse, “Der Sinn von Ritualen”

Bilder: Wikipedia / Wikimedia Commons (bitte anklicken für Quelle)

 

Ma´at im Alltag, geschrieben von Alice

Samstag, 05. März 2016

Wenn ich mich in der neopaganen Szene umschaue, habe ich oft das Gefühl, dass der Fokus sehr auf einer möglichst bunten und schillernden Ritualpraxis liegt. Die Geisteshaltung, die hinter den Dingen steht wird allerdings oft ein wenig stiefmütterlich behandelt und im schlimmsten Fall nur als adäquate Beschäftigung für religionsfaszinierte Althistoriker , nicht aber als ein wichtiges Diskussionsthema betrachtet.

Eines dieser Themen ist Ma´at

Ich möchte auf ausgiebige Erklärungen zur Herleitung des Begriffes verzichten, weil diese Betrachtung eine sehr persönliche ist und eben mein Verständnis von Ma´at hier im Vordergrund steht. Deshalb nur das Grundlegende:

Das Wort Ma´at leitet sich wohl vom altägyptischen Wort Mu´at und einem ähnlich klingenden Verb her, das soviel wie „lenken, den Dingen eine Richtung geben“ und „opfern, darbringen“ heißt. Im Gegensatz zu Isfet, „Chaos“ , aber auch „Unrecht“ oder „Gewalt“ hat Ma´at also eine ordnende, aber dynamische Funktion. Die Vielzahl der Übersetzungsmöglichkeiten zeigen die verschiedenen Bereiche, in denen Ma´at wirkt – Gerechtigkeit, Weltordnung, aber auch kosmische Ordnung.

Die Aufrechterhaltung von Ma´at ist damit unabdingbar für das gelingen kosmischer Prozesse, nimmt also selbst die Götter nicht aus – am Bug der Barke des Sonnengottes, der bei seiner Fahrt vielfältigen Gefahren ausgesetzt ist, steht die Göttin Ma´at. Durch sie ist das alltägliche Gelingen der kosmischen Reise, von der der Erhalt der Welt abhängt , gewährleistet. Von Ma´at als „Lufthauch“ oder „Atem“ leben die Götter, die Bewohner der Totenreiche und die Menschen im Diesseits.

Das Leben der ganzen Erde, die Nasen der Menschen atmen durch ihre Gabe, (…)

Lebensodem für den, der ihr folgt“

Ma´at ist ebenfalls fest in der altägyptischen Staatstheorie verankert, die den Pharao als Verfechter und Aufrechthalter der Ma´at sieht- und Ma´at ist im alltäglichen Miteinander der Menschen notwendig, um Gerechtigkeit, Ordnung, gar das jenseitige Leben zu gewährleisten.

Der Lohn eines Handelnden liegt darin, dass für ihn gehandelt wird. Das hält Gott für Ma´at.“

Einer der fundamentalen Aspekte von Ma´at ist also auch soziales Füreinander. Der Lohn in einer Gesellschaft ist entsprechend Solidarität und Ordnung. Herrscht Isfet, so sind die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt, zweckentfremdet, pervertiert.

So viel zum Idealbild.

Ab in die Praxis

Was machen wir nun mit diesem etwas sperrigen, altertümlichen Begriff in einer Zeit, in der Ordnung selten die Ordnung der Solidarität bedeutet, in der man Beamte weniger mit dem Aufrechthalten von Ma´at assoziiert als mit Korruption und Freigiebigkeit selten weiter reicht als bis zur eigenen Familie?

Nun, wäre dieses Problem neu, so hätten wir nicht die „Klagen des Oasenmannes“ aus dem Mittleren Reich überliefert, die gesellschaftliche Probleme darstellt, die wohl in jeder Zeit, in jeder Kultur bekannt gewesen sein dürften.

Der Verteiler ist geizig, der das Elend vertreibt, befiehlt dessen Verursachung, der Hafen ist eine Flut, der das Böse abwehrt, begeht Unrecht.“

Ich möchte anhand von ein paar Gedanken und Verhaltensweisen, die mir sehr oft begegnen, deutlich machen wie ich die Problematik sehe.

Letztlich regelt sich alles schon von selber“.

Das begegnet einem vor allem bei scheinbar pragmatischen Hobby-Darwinisten, die der Meinung sind, dass letztlich der Stärkere gewinnt, ein Eingreifen also völlig sinnlos wäre und Menschen so oder so natürlicherweise Krieg führen, sich betrügen und ausliefern. Ma´at tun und sprechen aber bedeutet nicht zuletzt, den Schwachen vor der Willkür des Starken zu beschützen. In dieser Rolle verkörpert Ma´at also die Kultur im Gegensatz zum Recht des Stärkeren.

Die zweite Gruppe Vertreter dieser Haltung ist mir nicht sympathischer, wenn auch weniger zynisch. Es sind Menschen, die der Meinung sind, dass die Menschheit schlussendlich aus ihren Fehlern lernen wird und sich so weit weiterentwickeln wird, dass sie irgendwann Konflikte friedlich und zum Wohle aller löst. Sie haben Angst vor „blindem Aktionismus“ und beschränken sich daher auf eine passive Wohltätigkeit, die es ihnen erlaubt, Leid solange zu ignorieren, wenn es sie anspringt wie ein hungriger Wolf.

Ma ´at ist dynamisch, nicht statisch.

Das bedeutet für mich ganz einfach ausgedrückt: es regelt sich eben nicht von alleine. Ma´at ist nichts, was sich einstellt, wenn man nur lange genug wartet- Ma´at ist ein stetiges sich bemühen gegen Isfet in allen Bereichen, ein Versuch, den Dingen die richtige Richtung zu geben. Denn eine der fundamentalsten Einsichten der ägyptischen Mythen ist eben die, dass alles von dieser Bemühung abhängt, selbst die kosmische Ordnung erhält sich nicht wie ein perpetuum mobile von selbst, sondern bedarf der Ma´at genauso wie der Oasenmann, der mit den Füßen im Staub die Stimme gegen die fehlgeleitete Obrigkeit erhebt.

Aber wie soll ich mich alleine gegen das Leid der Welt stellen? Ich kann es doch nicht ändern!“

Sicher haben wir, je nach unserer gesellschaftlichen Stellung, unserem Vermögen, unserer körperlichen und geistigen Konstitution entsprechend unterschiedliche Einflussbereiche. Kurz zusammengefasst läuft es aber auf folgendes hinaus: Nutze Dein Kapital.

Damit meine ich nicht notwendigerweise materielles Vermögen, auch wenn Geiz als eine der schlimmsten „Todsünden“ im Alten Ägypten galt („der Habgierige hat kein Grab“). Als Kapital bezeichne ich all die Schätze, die man auch mit persönlichen Talenten oder Befähigungen bezeichnen könnte, aber eben auch die Möglichkeiten, die einem Beruf und Status eröffnen, mit einschließt.

Ein wichtiger Prozess beim Aufrechterhalten der Ma´at ist für mich daher auch, sich Gedanken über die eigenen Möglichkeiten zu machen. Damit enthält Ma´at für mich nicht nur eine kosmologische, politische und soziale Komponente, sondern auch eine ganz persönliche. Am Anfang dieses Prozesses steht also die Frage „was kann ich?“ bzw. „Was will ich können?“ .

Aber was heißt das jetzt KONKRET?“

Bist Du redegewandt, nutze Dein rhetorisches Talent, um Menschen auf Missstände aufmerksam zu machen und zu überzeugen. Hast Du Einfluss auf die Verteilung von Geldern, verteile gerecht. Bist Du frustriert, weil Du unterbezahlt bist, tritt nicht nach unten weiter, sondern klage den über Dir an. Hast Du breite Schultern und Kraft in den Armen, zeige Zivilcourage in der U-Bahn anstatt nur im Studio zu pumpen. Wenn Ma´at dynamisch ist, heißt das im sozialen Kontext für mich, aktiv zu fragen, ob es Dir gut geht, und nicht zu warten, bis ich die Augen nicht mehr vor deinem Leid verschließen kann, weil Du mich darauf ansprichst. Geh wählen, auch bürgerliche Rechte sind Teil des persönlichen Kapitals.

Und wenn Dich die Kraft verlässt: Klage an.

Denn klagen heißt nicht einfach jammern im Privaten. Klagen ist zielgerichteter, es benennt die Missstände, macht aufmerksam, schafft Solidarität. Klagen beinhaltet die Verantwortung, den wahren Schuldigen zu erkennen, anstatt in der Opferrolle zu verharren und der Einfachheit halber pauschal zu verurteilen- denn die Klage entblößt nicht nur den Angeklagten, sondern auch den Kläger.

Was hat das jetzt alles mit Spiritualität zu tun?“

Du bist, was Du tust, oder auch schlicht : Orthopraxie, Baby! ;-)

Ein herausstechendes Merkmal antiker polytheistischer Glaubenssysteme , auch der altägyptischen Religion, ist der Fokus auf korrektem Handeln und weniger auf persönlicher Gläubigkeit. Spiritualität misst sich also am Handeln, in diesem Fall auch am „Aufrechterhalten der Ma´at“, nicht nur an Ritualen, Gebeten und dem Feiern von Festen. Das heißt nicht, dass individuelle Frömmigkeit abgelehnt würde, sondern einfach, dass Gedanken auch Worte und Worten auch Taten folgen sollten.

Ich denke, mehr Spiritualität im Alltag ist kaum möglich, wenn man das berücksichtigt.

Weiterführende Literatur:
Jan Assmann: Ma´at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
Günter Burkhard, Heinz J. Thissen: Einführung in die altägyptische Literaturgeschichte 1 und 2

Totenfest auf Ägyptisch

Samstag, 31. Oktober 2015

Als altägyptische „Heidin“ in Deutschland hat man es manchmal nicht leicht mit den üblichen Festen der Heidenszene mitzuhalten. Dankenswerterweise hatten die alten Ägypter aber unglaublich viele Feste, so dass man nahezu jeden Tag etwas zu feiern findet. Die Hauptfeste konzentrieren sich meist rund um den altägyptischen Jahreswechsel im Juni/Juli zur Zeit der alljährlichen Nilflut und zum Aufgang des Sirius, doch einige fanden auch zu anderen Zeiten im Jahr statt. Wenn die dunkle Jahreszeit hier in Mittel- und Nordeuropa langsam Einzug hält, denken viele an die typischen Feste der Toten wie Samhain, Allerheiligen oder Halloween. Als ich mich auf die Suche nach einem äquivalenten ägyptischen Fest machte, das im Oktober/November unseres Kalenders stattfindet war ich unerwarteter Weise gleich erfolgreich. Ich fand das Fest des Totengottes Sokar. Nun muss man korrekterweise dazu sagen, dass das Sokarfest im Alten Reich zusammen mit dem Sed-Fest gefeiert wurde und damit ebenfalls zum Jahreswechsel im Sommer stattfand. Im Neuen Reich jedoch wurde es am 26. Achet IV begangen, was ungefähr Mitte Oktober bis Anfang November ist.

Sokar, der Gott

Sokar ist einer der ältesten ägyptischen Götter und wurde in Memphis verehrt. Er ist falkengestaltig, oft taucht er auch in Gestalt eines falkenköpfigen Menschen auf. Seine Kultstätte ist die Totenstadt. Bereits seit der 1. Dynastie ist Sokar der Namensgeber für die Nekropole Sakkara am westlichen Nilufer. Doch Sakkara ist nicht das einzige Heiligtum mit dem Sokar assoziiert wird.

Sokar wird auch manchmal „Sokar von Rasetjau“ genannt, doch Rasetjau ist kein weltlicher Ort. Es ist ein Ort in der Duat, der altägyptischen Unterwelt. Auf seiner Nachtfahrt muss der Sonnengott Re die Duat durchqueren, die laut des Unterweltsbuches Amduat in 12. Stunden eingeteilt ist. Zur 4. und 5. Nachtstunde erreicht die Reise des Re einen kritischen Punkt, seine Barke läuft auf Sand und er muss sie in der Folge mühsam durch die Wüste ziehen. Diese Wüste ist Rasetjau oder das „Land Sokars, der auf seinem Sand ist“ wie es ebenfalls genannt wird. Dieser wahrlich unwirtliche Abschnitt der Duat ist die Heimat zahlreicher Schlangen und Ort des Feuers und der Hitze. Sokar ist also in der Tat der Gott des Todes schlechtin. Re wird übrigens in der nächste Stunde von Seth gerettet, der die dämonische Schlange Apophis besiegt, die den von den Strapazen geschwächten Sonnengott zu verschlingen droht.

Sokar im Totenbuch als Mumie mit Falkenkopf,
Foto: Wikipedia

Das Sokarfest

So wird Sokar auch zum Paten eines wichtigen Totenfestes der Totenstadt Sakkara, das bereits aus der Frühdynastik belegt ist. Das Sokar-Fest. Tatsächlich war der Zweck dieses Festes nicht nur das feierliche Erinnern an Verstorbene, sie sollten sogar selbst an diesem Fest teilnehmen um sie gleichzeitig aufs Neue in die Obhut des Sokar zu überstellen. Im Alten Reich ist das Sokarfest mit dem sog. Sedfest verknüpft, dass außerdem in engem Zusammenhang mit dem Fest des Fruchtbarkeitsgottes Min steht. Das Sedfest ist ebenfalls aus der Frühdynastik belegt und war ein Fest zur rituellen Verjüngung des Königs. Manche Forscher nehmen sogar an, dass es einen Vorläuferkult gegeben hat, bei dem der alte König tatsächlich rituell getötet wurde damit ein neuer junger König die Nachfolge antreten konnte. Ein Ritus, der aus anderen Teilen des afrikanischen Kontinents durchaus bekannt ist. Diese Vermutung bekommt umso mehr Gestalt, wenn man bedenkt, dass dem Sokarfestes der Brauch des „Aufhackens der Erde“ vorausging, ein Ritus der vermutlich mit dem Anlegen von Grabbauten im Zusammenhang stand, möglicherweise aber auch mit dem Ackerbau und dazugehörigen Fruchtbarkeitsbemühungen. In der griechisch-römischen Zeit jedenfalls wurde das Fest des Aufhackens der Erde von den Choiak-Riten ersetzt, ein Fest zur Wiederauferstehung des Osiris. Mit Osiris wurde Sokar passenderweise später synkretisiert, wobei auch Ptah mit in diesen Synkretismus einfloß und Ptah-Sokar-Osiris die Attribute aller drei Götter verband.

Kornmumien

Für diesen dreifachen Gott ist ein äußerst interessanter Brauch belegt, der umso mehr Tiefe erhält, wenn man die kultische Vorgeschichte, wie oben beschrieben voranstellt. Es ist der Brauch der Kornmumien. Dabei werden aus Lehm, Saatkörnern und Leinenbinden Mumien geformt die anschließend rituell bestattet werden und zwar in Form eines Nachspiels des Osirismythos. Die daraufhin auskeimenden Saatkörner sollten auch das Leben in den Mumien – als Stellvertreter für Ptah-Sokar-Osiris – wieder erblühen lassen. Auch für die normale altägyptische Bevölkerung ist dieser Brauch -wenn auch in einer einfacheren Form – bekannt. Hier handelt es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit um einen Ahnenritus und weniger um einen Götterkult.

Ägyptische Kornmumie, ptolemäische Periode,
Foto: Bombaladan, Wikimedia Commons


Kornmumie aus der Spätzeit,
Rosicrucian Egyptian Museum in San Jose, Kalifornien,
Foto: BrokenSphere, Wikimedia Commons

Persönliche Sokar-Riten

Da auch mein Geburtstag etwa auf diese Zeit des Jahres fällt, ist mir das Sokarfest besonders wichtig geworden, wie auch Sokar als Gott selbst. Zu diesem Zweck habe ich eine Sokarstatue angefertig und zwar passenderweise aus einer sandhaltigen Modelliermasse in der sich auch einige Weizenkörner befinden. Die Sokarstatue ist ganzjährig verhüllt, wird aber zu Beginn meiner privaten Sokar-Riten aus ihrer Hülle befreit. Aus Tonerde, normaler Pflanzerde und Saatkörnern fertige ich dann kleine Mumien und weihe sie bei Bedarf auch mal Freunden; manchmal zusammen mit einem besonderen Anliegen für welches sie sich eine Wiederbelebung und neue Kraft wünschen. Diese Kornmumien werden dann während des Ritualzykluses aufgebahrt und erhalten gemeinsam mit Sokar täglich Speise- und Trankopfer, Gebete und Rauchopfer. Am Ende der Riten bringe ich die Kornmumien hinaus in die freie Natur und vergrabe sie an besonderen Orten, damit ihre Saat im Frühjahr aufsprießen kann und neue Lebenskraft dorthin fließen kann, wo sie erbeten wurde.


Schrein während der Sokar-Riten mit der enthüllten Statue

Kornmumien mit Hieroglyphen
Kornmumie mit Hieroglyphen

Sokar und ich

Meine persönliche Erfahrung mit Sokar ist, dass er ein sehr statischer Gott ist. Seine Präsenz ist unglaublich beeindruckend und beinahe überwältigend, doch er bewegt sich nicht und ist vollkommen passiv. Die Interaktion mit ihm fiel mir zunächst schwer, da ich mit Seth einen überaus aktiven und stürmischen Gott gewöhnt bin. Außerdem kommt man nicht umhin einen sehr gefährlichen und lebensfeindlichen Ort in der Duat aufzusuchen, wenn man ihm begegnen will. Zum Glück gibt es kaum einen besseren Begleiter in der Duat als Seth, so dass ich mir keine Sorgen machen musste. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich überhaupt einen Kontakt mit Sokar herstellen konnte, bis mir plötzlich klar wurde, das bereits das Empfinden seiner Präsenz dieser Kontakt war und auch nicht mehr als das werden würde. Ich konnte jedoch sehr deutlich spüren, wie er mich wahrnahm. Trotz seiner Regungslosigkeit erschien er mir äußerst kraftvoll. Ein wenig wie ein Fels in der Brandung.

möge mein Leib rein sein,
möge ich ein göttliches Gewand empfangen
möge ich (Ptah-)Sokar schauen

(Theben, Grab des Neferhotep)

Dua Sokar!


Literatur:
Ritner, Robert Kriech. „The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice.“

Assmann, Jan „Ägyptische Geheimnisse“, „Ägyptische Hymnen und Gebete“
Bonnet, Hans „Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte

Keine lieben Kätzchen – Kemetische Katzengottheiten – Teil III, geschrieben von Richard Chao

Samstag, 05. September 2015

Schesemu ist ein oft als löwenköpfig (manchmal auch widderköpfig) dargestellter Gott, der Herr der Parfüm, -Salben, -Myrrhe, -Wein -und Salbenherstellung. Auch als ein Gott der Balsamierung wird er genannt.

„…er ist Schesemu, der sie für Unas zerstückelt und ein Mahl kocht für ihn aus Ihnen…“

PicsArt_1432323528111Wenn man weiß, wie wichtig diese Bereiche für die ägyptische Kultpraxis waren, erkennt man in Schesemu einen durchaus wichtigen Gott. Eine starke Ambivalenz zu diesen Bereichen ist die Schilderung Schesemus als (wohlgesinnter) Unterweltsdämon und Folterknecht des Osiris. Wie meist bei ägyptischen „Dämonen“ (die auf ägyptisch genauso „netjer“ genannt wurden wie die Götter) hat auch hier der Begriff keinen Bezug zu einer bösartigen Gesinnung, Dämonen sind sehr oft einfach nur niedere Gottheiten oder Wesenheiten, die vor allem in der Duat präsent sind.
Eine interessante Überlieferung, auch im schamanistischen Sinne, schildert Schesemu als einen Dämon, der andere Götter schlachtet und in einem Kessel kocht. Was damit vermutlich verdeutlicht wird, ist der Akt in dem Schesemu die magischen und göttlichen Fähigkeiten der Götter (für den König) destilliert und kocht.

>>>[Ich habe ihn als Löwen in einem Buschland oder einer Savanne getroffen. Anschließend war ich in einem Gangsystem, überall mit Keilschrift an den Wänden. Am Ende dann in einem fensterlosen Raum, auch dieser über und über mit Schriftzeichen bedeckt. In dem Rahm war dann Schesemu und fragte mich was ich wolle, woraufhin ich mich lieber verdrückt habe.]<<< -Mandy

>>>[Ja, so eine Begegnung kann durchaus eindrucksvoll sein.]<<< -Chao

>>>[An einige der Schriftzeichen kann ich mich noch erinnern, Anubis in priesterlicher Gebetshaltung, ein Boot und eine liegende Mondsichel.]<<< -Mandy

Eine uralte Göttin ist Tefnut, dargestellt als menschengestaltig mit Löwenkopf.

„…Wenn Re den Himmel jeden Morgen durchfährt, dann ruht Tefnut auf seinem Haupt und sendet ihren Feuerhauch gegen seine Feinde…“

PicsArt_1432323577234Im Schöpfungsmythos ist sie eine der ältesten Entitäten und steht auch für die Wahrheit. Sie geht zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Schu aus dem Schöpfergott Atum hervor und stellt damit eine sehr archaische Kraft dar, vielleicht eine Art Urfrau, die auch immer wieder mit anderen katzen- oder löwengestaltigen Göttinnen verschmilzt.

Bekannt ist beispielsweise die Verschmelzung mit Sachmet und Bastet, durch die Inschrift „Als Sachmet ist sie zornig, als Bastet fröhlich.”
Obwohl sie löwenköpfig dargestellt wird, wird sie eher als nubische Katze beschrieben, erst im Zorn wird sie zur „wilden Löwin“. Sie stellt auch die Uräusschlange dar und selbstverständlich ist sie ein Sonnenauge des Re.

>>>[Tefnut hat mich an eine alte, einsame Berglöwin erinnert, kein Rudeltier jedenfalls. Dann wie eine Frau mit entblößten Brüsten und Löwenkopf. Ich nahm sie schwebend über einer weiten ruhigen Wasseroberfläche war. Um sie herum der aufsteigende Dunst des Wassers im Morgenlicht der Sonne vor strahlend blauem Himmel. Ihr Unterkörper war nicht zu sehen, er war wie gläsern und schien sich in dem Dunst aufzulösen. Sie schien den ganzen Luftraum auszufüllen. Sie wendete sich mit geschlossenen Augen der Sonnenscheibe zu und kehrte mir den Rücken, als wollte sie ihr Gesicht von der Sonne anstrahlen lassen. Dann sah ich sie allein hoch oben auf einem Felsvorsprung sitzen und die untergehende Sonne betrachten.]<<< -Sati

>>>[Ja, das deckt sich stark mit meinem Bild. Eine für mich eher ferne Göttin, die einen Schatten auf die anderen Löwinnen wirft und diese dadurch auch einen Teil von Tefnut in sich integrieren. Im positiven Sinne.]<<< -Chao

>>>[Ich bin zu einer Oase gekommen, einem Haus dort und einem Hausaltar und einem dazu gehörigen Krug. Mir kam eine Abessinerkatze in den Sinn und der Eindruck einer volksnahen Göttin, die in fast jedem Haus verehrt wird, assoziiert mit dem Schutz von Frauen, vor allem bei der Geburt, aber auch mit Tanz.]<<< -Bruji

>>>[Das trifft ziemlich genau den Bastet-Aspekt von Tefnut!]<<< -Chao

Auch Wosret ist eher Katze als Löwin, sie wird als bewaffnete Katze mit Messern oder auch als löwenköpfige Schlange dargestellt. Wosret ist eine weitere Schutzgöttin. Selbstverständlich beschützt sie den König, gilt aber auch als Schutzpatronin der Jugend. Ihr Name bedeutet „Die Starke“ und wird daher auch gern als Beiname für verschiedene andere Göttinnen in späterer Zeit verwendet.

Keine lieben Kätzchen – Kemetische Katzengottheiten – Teil II, geschrieben von Richard Chao

Samstag, 29. August 2015

Sehr ähnlich und daher nicht nur durch den Namen leicht zu verwechseln ist Menhit.

Bei ihr scheint der Vergleich mit der Uräusschlange noch prägender zu sein, auch wird sie gelegentlich nur als Frau mit Uräusschlange auf dem Haupt dargestellt. Menhit bedeutet „Die Schlächterin“, dem Kampf zugetanen Königen wie Sethos I. scheint sie wichtig gewesen zu sein.

>>>[Ich habe über Menhit einen Falken mit einem Stab gesehen. Obwohl sie total unbeweglich wirkte, sagte sie mir, dass sie „Bewegung“ sei, und Wasser und Luft. Zuerst war sie Löwin mit scharfen Gesichtszügen, dann Frau mit getrennten Gesichtszügen, dunkel und hell. Sie nannte sich auch Bewegung des Kreises und stieß mir ihre Krallen in die Brust. Mein Blut wurde von einer Dienerin mit Schale aufgefangen. Das Leben floss aus mir heraus, bis eine Schlange die Wunde mit einem Biss verschloss.]<<< -Iffi

Pachet ist „die Kratzende“ oder „die Zerreißende“.

„…die mit spitzen Krallen, die große Flamme, die die Beute in der Dunkelheit ergreift. Die inmitten des heiligen Ortes ist…“

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Einige Darstellungen zeigen sie auch als Pavian, ebenfalls ein Tier, das als sehr aggressiv und kämpferisch galt und auch nicht selten in einem ambivalenten Verhältnis zum Panther/Leoparden stand.

Die Aggressivität dieser Göttin kommt auch in anderen ihrer zahllosen Beinamen zum Ausdruck, sie ist diejenige, die dem Feind Entsetzen einflößt; „die Göttin mit den scharfen Augen und spitzen Krallen, die des Nachts Nahrung beschafft“, aber auch die „Göttin am Eingang des Wadi“ und „Herrin der Wüste, die inmitten der östlichen Wüste haust“.

>>>[Ich bin über verwinkelte Pfade in einen dunklen Tempel und zu Pachet gekommen. Sie lag als schwarze Katze mit einem roten Halsband auf einem goldenen Thron und erst als sie es erlaubte, konnten mein Verbündeter und ich uns ihr nähern. Mir hat sie nach anfänglicher Skepsis gesagt, dass sie eine Wächterin der Sterbenden und der Toten sei, dass sie den Toten mitgegeben werde, dass sie darauf achtet dass eine Wohnstatt der Toten auch eine Wohnstatt der Toten bleibe und dass dieser Tempel das Abbild einer Wohnstatt der Toten sei. Pachet verwandelte sich auch in eine Frau, die viel roten Schmuck trug und zeigte mir noch Einzelheiten in diesem Tempel. Als Gegenleistung für die von ihr erhaltenen Informationen gab sie mir eine Aufgabe.]<<< -Lyone

Repit ist eine löwenköpfige Göttin, die erst in späterer Zeit autonom erwähnt wird, vormals wird sie mit Hathor und Isis in Verbindung gebracht, verschmilzt in der Bedeutung und Anbetung aber auch oft mit Sachmet und Aperetiset. Repit ist auch ein Ehrentitel, er bedeutet „Vornehme Frau“.

>>>[Mir erschien eine schlanke, schwarze Katze, die aus Dunkelheit besteht. Und eine Höhle mit einem „katzenartigen“ Eingang, die als Refugium für erschöpfte, zerrissene und fragile Schattenwesen dient, ein warmer, trockener und behaglicher Rückzugsort. Repit erschien ohne Pomp, schwarz, dünn und seidenzart. Fürsorglich beschützt und versorgt sie die Schatten in dieser Höhle, die mehr eine Passage als ein Saal ist. Weiter ließ sie mich jedoch nicht gehen.]<<< -Syba Sukkub

>>>[Ich habe Repit am Nil getroffen. Eine Katze hat mich abgeholt. Die Göttin blieb zunächst im Hintergrund und wurde erst zugänglicher, nachdem ich ihr als Opfer etwas geräuchert hatte. Ihre Form war nicht stabil, aber meist überdurchschnittlich groß, erst nach und nach wurde sie zur Löwin. Auf meine Fragen hin wechselte sie mit mir zu einer Oase, wo sie mir Bäume zeigte, die und deren Früchte anscheinend für Repit wichtig sind. Zeitweise verwandelte sie sich in ein Krokodil, offenbar um mir zu zeigen, dass diese wichtig für sie sind. In der Oase hat sie mir auch ein Pärchen beim Sex gezeigt. Auch das schien wichtig zu sein. Es hatte etwas mit Befruchtung und Beseelung zu tun, der Akt war ansonsten eher emotionslos. ]<<< -James Vermont

>>>[Der Schatten, Schut, ist nach kemetischer Ansicht ein Teil der Seelematrix. Wie andere Seelenaspekte („Teile“) geht idealerweise auch der Schut ins Totenreich um sich mit dem Ba zu vereinen. Vielleicht war es ja das. Die Fürsorglichkeit dieser Göttinnen für die Toten ist jedenfalls typisch.]<<< -Chao

Ruti ist ebenfalls ein löwenköpfiger Gott, der oft als zwei Löwen abgebildet wird, als Doppellöwe.

„…auf dessen Rücken die Sonne aufgeht…“

PicsArt_1432323111504Ruti ist insbesondere eine im Totenreich wichtige Gottheit. Er gehört zu den beisitzenden Richtern im Totengericht, hat aber auch mit den Ba-Seelen der Verstorbenen und ihrer Ernährung zu tun.

>>>[Ruti ist mir als alter, behäbiger Löwe in der Wüste begegnet. Er saß neben einem Tor, in das ich nicht eintreten durfte. Was mir auffiel, war sein stechender durchdringender Blick, seine Augen sind ungewöhnlich blau. Er starrte mich nur an. Eine ganze Weile. Dann näherte er sich mir, stellte sich auf die Hinterpfoten und legte seine Vorderpfoten auf meine Schultern. Er war sehr schwer, aber ich empfand keine Bedrohung. Wieder starrte er mich an und blickt mir in die Augen, als wollte er in mich hineinsehen. Jetzt spürte ich Wohlwollen und er machte den Weg frei, dass ich in die Höhle eintreten konnte. Sie scheint in die Duat zu führen. Ich entschied mich aber trotzdem jetzt zurückzukehren.]<<< -Sati

>>>[Ich sah einen prächtigen Löwen aber verwirrenderweise immer wieder auch einen Leoparden. Einen Tempel mit sehr dominanten Säulen. Ich fühlte mich in dieser Atmosphäre nicht wohl, es war stickig und beklemmend und ich wollte am liebsten wieder weg.]<<< -Mandy

Eine sehr bekannte und dominante Löwengöttin ist Sachmet. Ihr Name bedeutet „die Mächtige“, sie ist die Herrin des Zitterns, eine Göttin des Krieges die Macht über Krankheiten und Seuchen hat.

„…deren Pfeil nicht verfehlt. Sachmet, die Macht hat über eine Millionen Gegner…“

PicsArt_1432323407116Wie einige andere vergleichbare Löwinnen gilt auch sie als eine Beschützerin des Königs und Vernichterin seiner Feinde.
Im Kult bedeutsam scheint aber vor allem auch der Heilaspekt gewesen zu sein. Heiler und Ärzte sind des Öfteren auch als Sachmet-Priester belegt. Überhaupt scheint die Popularität der Sachmet zeitweise auch damit zu tun haben, dass man sie sicherheitshalber besänftigte um Seuchen fernzuhalten.

Im Mythos zeigt sich ihre erbarmungslose Kampfeswut auch in der Geschichte, in der sie als Sonnenauge des Re die verräterische Menschheit bestrafen soll. Dabei vernichtet die Löwengöttin wie rasend alle Lebewesen und kann nur durch einen Trick der anderen Götter besänftigt werden, nämlich indem sie Bier rot färben, so dass es aussieht wie Blut, woraufhin sie sozusagen durch Trunkenheit besänftigt wird.

>>>[Meine erste Begegnung mit Sachmet hatte ich im der Ägyptischen Sammlung in München. Damals war die Ausstellung noch in der Residenz es war alles furchtbar eng und sie stand etwas unwürdig an der Wand in einem Durchgang. Ich ging an ihr vorbei und wollte in den anderen Raum, als ich plötzlich magisch von ihr angezogen wurde und stehen blieb. Ich sah sie an und hatte das dringende Bedürfnis zu anzufassen. Das war natürlich nicht erlaubt und ich hatte Sorge ich würde den Alarm auslösen, aber ich konnte nicht anders und berührte sie an der Schulter. Es fühlte sich an, als würde ich an einen Elektrozaun fassen, mich durchführ ein Zittern im ganzen Körper. Der Alarm ging zum Glück nicht los.]<<< -Sati

Ende Teil II