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Von wegen „uralt“: Erfundene Traditionen für traditionelle Textilien – Teil III, geschrieben von MartinM

Samstag, 20. Januar 2018

Zunächst nach Schottland:

DER KILT

Das „klassische“ Beispiel für eine erfundene Tradition im englischen Sprachraum ist der „Kilt“. Es wurde, folgt man Hugh Trevor-Roper, nach 1725 vom englischen (!) Fabrikbesitzer Thomas Rawlinson erfunden worden: Da er einige Hochlandschotten an seinem Hochofen beschäftigt hätte und sie durch das Tragen ihres voluminösen Plaids gefährdet gesehen hätte, hätte er den „great belted plaid” kürzen und die zuvor durch Wicklung hervorgerufenen Falten in das Kleidungsstück mit einschneidern lassen.
Falsch, ereifern sich Anhänger der schottischen Kilt-Tradition, schon „The Armorial Bearings of the Chief of the Skenes” von 1692 zeigt diese „Chiefs“ bereits im féileadh beag (“Kilt”), und schon im 30-Jährigen Krieg trugen schottische Regimenter den “Schottenrock”. Und überhaupt: Plaids, die im Winter lang, im Sommer kurz getragen wurden, die gab es schon im späten Mittelalter! Eine Frechheit, zu behaupten, so ein blöder Engländer hätte diese ehrwürdige schottische Tradition erfunden!! Eine unverschämte Lüge!!1!!eins-elf!1!!!

Zur Erklärung: Mit seiner Ursprungsgeschichte lag Trevor-Roper sehr wahrscheinlich daneben, egal übrigens, ob Rawlingson tatsächlich eine „hochofentaugliche“ Plaid-Version erfand oder nicht.

Hobsbawm hat hingegen sehr wahrscheinlich recht, wenn er die „Kilt-Tradition“ samt der „traditionellen“, für bestimmte Clans charakteristischen Karomuster („Tartan“) als Erfindung schottischer Nationalromantiker des frühen 19. Jahrhundert einordnet. Übrigens war die nationalromantische Traditionserfindung eine Reaktion auf das langjährige Verbot der Plaids (lang wie kurz) durch die Engländer zwischen 1746 und 1782. Ein volkstümliches Kleidungsstück wurde erst durch Verbot tatsächlich zum „Symbol der schottischen Identität“, und dieses Symbol wurde dann mit dazu passenden erfundenen Traditionen weiter zur „Nationaltracht“ überhöht.

NUN KOMMEN WIR ZUM DIRNDL

Mädchen im Dirndl, ca 1933
Mädchen im Dirnd mit spielenden Kindern – „Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen“, gesammelt vom „Rassepolitischen Amt der NSDAP“, 1933 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 119-5592-12A / CC-BY-SA 3.0)

Im deutschen Sprachraum dient das „Dirndl“ als klassisches Beispiel einer erfundenen Tradition – und zwar zurecht, auch wenn es dieses mit Schürze versehene Kleid schon gab, bevor es um 1870 unter Frauen der städtischen Oberschicht in Österreich und Altbayern Mode wurde.
Eine „alpenländische Festtagstracht“ war das Dirndl übrigens nie. Festtrachten waren und sind Repräsentationskleidung. Sie sind aufwendig gefertigt, die Kleider typischerweise hochgeschlossen und nicht eben auf Tragekomfort und Bewegungsfreiheit ausgelegt. Kein halbwegs authentisches festtägliches Trachtenkleid hätte es geschafft, Massenmode zu werden.

Schon der Name verweist auf den tatsächlichen Ursprung: Dirn war die gebräuchliche Bezeichnung für eine in der Landwirtschaft arbeitende Magd oder eine häuslicher Dienstbotin, „Dirndl“ ist die Verkleinerungsform, in etwa „Dienstmädchen“. Die Schürze sollte das ursprünglich eher schlichte Kleid vor Verschmutzung bei der Hausarbeit schützen. Dieses Kleid nannte man folglich Dirndlgwand, was dann zu Dirndl verkürzt wurde. Aus den Städten stammenden „Sommerfrischlerinnen“, die zur Erholung in die Alpen führen, lernten dort das praktische und bequeme Kleid kennen und übernahmen es als Freizeitkleidung.

SYMBOL ANTI-PREUSSISCHER IDENTITÄ

Nach dem verlorenen „Deutschen Krieg“ 1866 zwischen Österreich und seinen Verbündeten, darunter Bayern, und Preußen nebst Verbündeten nahmen der „deutsch-österreichische Patriotismus“, wie das in Österreich-Ungarn damals hieß, und auch der bayrische Patriotismus geradezu hysterische Züge an. Viele, vor allem städtische, Österreich- bzw. Bayernpatrioten grenzten sich durch demonstrativ gelebte Tradition gegen die verhassten „Piefkes“ bzw. „Saupreißen“ ab.
Zu diesen Traditionen gehörten Trachten. Weil echte Trachtenkleider teuer waren und außerdem so eng mit der jeweiligen Herkunftsregion verbunden waren, dass sie nicht für überregionale Identitätskonstruktionen taugten, bildete sich unter anderem so etwas wie eine „vereinfachte altbayrisch-salzburgisch-tirolerische Klischee-Einheitstracht“ heraus, zu der bei den Herren typischerweise Lederhosen gehörten. Bei den Damen übernahm das Dirndl diese Funktion.

Ein schlichtes Dienstmädchenkleid oder auch ein daraus abgeleitetes Freizeitkleid taugte als Symbol anti-preußischer Identität nicht. Es musste also zur „traditionellen Tracht“ aufgewertet werden – was sich dann auch in der pseudo-folkloristischen Gestaltung und Verzierung der „Festagsdirndl“ niederschlug. In dieser Form wurde das Dirndl dann in München, Salzburg, Linz und schließlich Wien Mode.
Nach einigen Jahrzehnten hatte sich die gegenseitige Abneigung der einstigen Kriegsparteien so weit gelegt, dass das Dirndl, in Folge des Erfolgs der Operette „Zum weißen Rössl“ sogar in Berlin bekannt und beliebt wurde.
In der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Dirndl in schlichterer Ausführung dann wirklich volkstümlich, und zwar als bequemes und vor allem preiswertes Sommerkleid.

Moderne Dirndlkleider
Frauen in verschiedenen modernen Dirndln
By Florian Schott – Eigenes Photo, mit freundlicher Genehmigung aller abgebildeten Personen., CC BY-SA 3.0Link

WÄHREND DIESE KONSTRUKTION DES DIRNDL ALS „TRADITIONELLE“ TRACHT NOCH WEITGEHEND SPONTAN ERFOLGTE, WURDEN IN DER NS-ZEIT DANN SYSTEMATISCH „URALTE ÜBERLIEFERUNGEN“ ERFUNDEN.

Wie eine Satire auf die bürokratieverliebten, regulierungswütigen und gleichschaltungsbesessenen Nazis mutet die für Trachtenfragen zuständige „Mittelstelle Deutsche Tracht“ der „NS-Frauenschaft“ an, geleitet von Gertrud Pesendorfer, die den Titel einer der „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ trug.

Weitaus weniger komisch ist die ideologische Grundlage, auf der Frau Pesendorfer arbeitete. Die Tirolerin entwarf eine im „nationalsozialistischen Sinne erneuerte Tracht“, und zwar ausgerechnet auch auf der Grundlage von Schnitten, die unter anderem aus einem jüdischen Unternehmen stammten, dem der Brüder Wallach in München. In den 1920er Jahren war „Wallach“ der Anbieter für bayerische Trachten, Volkskunst und Interieurs schlechthin – sowohl authentisch – die Wallachs unterhielten auch eine renommierte volkskundliche Sammlung – wie modisch. Nach 1933 konnte ein Teil der Familie rechtzeitig emigrieren, der andere wurde deportiert und größtenteils ermordet. Und das Unternehmen fiel 1938 der „Arisierung“ zum Opfer.

Eine „Arisierung“ anderer Art betrieb die überzeugte völkische Antisemitin Pesendorfer, als sie eine „neumodische“ Form des Dirndls aufgriff, die in traditionalistischen und völkischen Kreisen als „sittenlos“ und „jüdisch“ (Wallach!) verpönt war. Schon in den 1920er Jahren gab es modernisierte und, vor allem durch tiefe Ausschnitte und betonte Taillen, erotisierte Dirndlvarianten. Diese Kleider, die etwa so „traditionell“ waren wie die zur gleichen Zeit in Mode gekommenen Charleston-Kleider, nahm sich Frau Pesendorfer zum Vorbild, um die „Tracht „von „Überwucherungen […] durch Kirche, Industrialisierung, Moden und Verkitschungen“ und „artfremden Einflüssen“ zu befreien.

Dass diese Dirndl überaus „sexy“ waren, passte ins Weltbild der „Deutschen Frauenschaft“: Sie propagierte einerseits das Ideal der „kinderreiche Bauernfamilie“ nebst treusorgender Mutter, andererseits auch das der selbstbewussten, körperlich „gestählten“, einen Beruf ausübenden und Freude am Sex habenden „Kampfgefährtin“. (An inneren Widersprüchlichkeiten ihrer „Weltanschauung“ haben sich Nazis noch nie gestört.)
Pesendorfer war nicht nur Antisemitin, sondern gehörte, wie ihr Mann Ekkehard Pesendorfer und der Gauleiter von Tirol, Franz Hofer, zu jenen Nazis, die einen Rochus auf die römisch-katholische Kirche hatten. (Andere Nazis arbeiteten umso besser mit katholischen Würdenträgern zusammen.) Hofers sah das „germanische Wehrbauerntum“ in den Tirolern geradezu idealtypisch angelegt, in seiner Weltanschauung stand „die Kirche“ für „Rom“ und „jüdischen Geist“ und hätte im erneuerten Germanentum nichts zu suchen. Gertrud Pesendorfer warf der Kirche ihre Leibfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit vor. Ganz im Sinne von Himmlers „Ahnenerbe“, in dem sie Mitglied war, suchte und fand sie überall Traditionselemente, die sie für „germanisch“ hielt. Ihre Vorliebe für „Fruchtbarkeitssymbole“ angebliche heidnischer Herkunft wie Lebensbaum, Lebensrad, Vogelpaare oder Dreispross schlug sich in den Verzierungen ihrer „entkatholisierten“ Dirndl nieder.

Die Tirolerin kreierte und propagierte ein kragenloses, dafür tief dekolletiertes Dirndl mit hoher Taille, geschnürtem oder geknüpftem engen Mieder, welches für stramme Haltung sorgte, und einem kurzärmeligen weißen Blüschen, das die bloßen Oberarme sehen ließ. Vorzugsweise waren ihre Dirndl kürzer als die einstige Dienstmädchenkleider, wahrscheinlich, um stramme Waden zu zeigen, einige „Jungmädeldirndl“ hatten sogar nur Minirocklänge. Daneben gab es mondäne Abendkleidausführungen in Bodenlänge. Die „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ war unbestreitbar eine hervorragende Modeschöpferin. Als Volkskundlerin zeichnete sie sich eher durch weltanschauliche Linientreue als durch Sachkenntnis aus. Dennoch war sie 1939 – 1945 Leiterin des Tiroler Volkskunstmuseums. Sie blieb auch nach 1945 die einflussreichste „Expertin“ nicht nur für die „erneuerte Tiroler Bauerntracht“, sondern für „alpenländische Trachten“ überhaupt.

In der Tat ist die heutige „Trachtenmode“ im großem Maße von der „Pesendorfer Schule“ geprägt.

Schon bald avancierte das nazifizierte Mode-Dirndl zum Festtagskleid des „Bund deutscher Mädel“ und der NS-Frauenorganisationen. Es wurde, mit kräftigem Anschub durchs Propagandaministerium und vorgeführt durch die Frauen der NS-Prominenz, weit über die Grenzen Bayerns und des 1938 „ans Reich angeschlossenen“ Österreichs hinaus zur „Nationaltracht“ bei allen Anlässen forcierter Fröhlichkeit – den überkommenen wie dem Oktoberfest, aber vor allem den von der Diktatur inszenierten wie Führergeburtstag, Reichsparteitag und Reichsbauerntag.

Das weit verbreitete Misstrauen, dass die „Trachtenhuberei“ rechts bis extrem rechts sei, ist jedenfalls nicht völlig unberechtigt. Selbst seriöse Trachtenvereine tun sich mit der Auseinandersetzung mit völkischem Gedankengut schwer.

Zugespitzt zusammengefasst:

Das Dirndl beruht auf Aneignung von Dienstbotenkleidung durch Privilegierte, und das „sexy Wiesn-Dirndl“ verdankt seine Popularität den Nazis!

Nur am Rande erwähnt: die besondere Bedeutung von Schleifen am Dirndl, die je nach Position anzeigen sollen, ob die Trägerin ledig, verheiratet oder verwitwet sei, ist auch eine erfundene Tradition.

GEHÖRT DAS DIRNDL DESHALB AUF DEN MÜLLHAUFEN DER MODEGESCHICHTE?

Meiner Ansicht nach nicht. Es gibt Menschen, vor allem Frauen, die es bei passenden Anlässen gerne tragen. Allerdings sollten das Dirndl und andere Kleidungsstücke der „Trachtenmode“ ausdrücklich als Mode, und nicht als „Tracht“, und auch nicht als „traditionelle Kleidung“, wahrgenommen werden.

Haaaaatschi – Teil II

Samstag, 20. Januar 2018

Letztes Mal, bei Teil I, hatte ich, wie so oft, einen kleinen Aufruf gestartet, dass ihr doch ein paar eurer Hausrezepte in den Kommentaren postet möget. Tatsächlich hat mich Rota in der Wüste rufen gehört und deshalb gibt es diesen Teil II.

Rotas Hausmittel

Ich kenne noch das Hausmittel, klein geschnittene Zwiebel mit Honig zu vermengen und über Nacht im Kühlschrank stehen zu lassen. Wirksam gegen Husten. Allerdings muss man sich dazu auch mal überwinden.
Außerdem trinke ich immer Eibischtee, der effektiv schleimlösend wirkt. Vorm Schlafengehen hilft auch noch Inhalieren mit einer Salz-Kräutermischung. Ca. 15 Minuten helfen gegen eine Schnupfennase und befreien die Atemwege. Das ist jedoch sehr ermüdend und für den Kreislauf anstrengend. Beim Schlafen selbsterständlich der Thermophor.

Außerdem kenn ich den Spruch: „3 Tage kommt es, 3 Tage bleibt es, 3 Tage geht es“. Gegen Ende, wenn der Kreislauf wieder halbwegs stabil ist, tun kurze Spaziergänge (warm angezogen!) gut, damit der Kreislauf wieder in Schwung kommt.

All das sind wirksame Hilfsmittel der großen Mütter aus meiner Familie, die mir schon oft geholfen haben.

P.S.:
Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass Verkühlungen auch psychisch hervorgerufen werden können, sodass man auch reflektieren kann, ob man in der letzten Zeit zu viel Stress oder ähnliches hatte. Das ist aber wahrscheinlich sehr subjektiv.

Mein Kommentar

Als Grundlage freue ich mich immer sehr, wenn unsere Leser mit dem WurzelWerk ihre eigenen Erfahrungen auch wirklich real teilen! Daher nochmals vielen lieben Dank, Rota!
Aus der eigenen Hexenküche hätt ich da noch ein paar Anmerkungen auf Lager.

Die Hustenmischung mit Zwiebel und Honig mach ich z. B. im Stofftaschentuch. Ein Stofftaschentuch einlagig in ein kleines Schüsserl legen. Den klein geschnittenen Zwiebel in die Mitte des Tuches dazu geben. Den Honig darüber (auf eine kleine Zwiebel einen vollen Esslöffel Honig) und einfach über Nacht stehen lassen.  In der Früh den Inhalt des Tuches ins Schüsserl „auswinden“ und dann Esslöffelweise verwenden. Nach genau dem Rezept (nur ohne Taschentuch) funktioniert auch der Rettichsaft.
Schwarzen Rettich aushöhlen, den Ex-Inhalt klein hacken, in den Boden des Rettichs drei Löcher machen (Stricknadel hilft!). Den Rettich dann über ein Glas stellen, den gehackten Inhalt wieder einfüllen und den Honig drüber laufen lassen. Am nächsten Morgen ist der Hustensaft im Glas gesammelt.

Zum Inhalieren verwende ich unterschiedliche Kräuter und natürlich, wie Rota schon erwähnte, Salz.
Für Inhalier-Anfänger: 1 Liter Wasser mit 3 Esslöffeln Salz. Im letzten Artikel für unsere Kinder/ElternRubrik („Husten, Schnupfen und sonstige Katastrophen“) habe ich schon ein paar Tipps zum Besten gegeben, die das Inhalieren ein wenig gemütlicher machen. Was ich persönlich allerdings bevorzuge ist ein elektrischer Inhalierer. Vorsicht: Damit meine ich nicht die Ultraschallvernebler (ich bin der Ansicht, dass die Temperatur des „Dampfes“ durchaus wichtig ist) sondern Inhalationsgeräte, die das Wasser erhitzen und es wirklich zum Verdampfen bringen. Wenn ich ein solches verwende, dann mach ich aus den Kräutern einen ganz normalen Tee und gebe in diesen einen Teelöffel Salz.
Ansonsten kann ich die Kräuter direkt in den Topf geben und dort ziehen lassen bevor ich mit der Inhalation anfange. Die Flüssigkeit im Topf sollte nur leicht simmern und nicht sprudelnd kochen! Ätherische Öle würde ich für die direkte Inhalation so nicht verwenden – die bevorzuge ich in der Duftlampe oder in der Wasserschüssel auf der Heizung.
Welche Kräuter ich verwende … mein Liebling bei Verkühlung ist Thymian. Wenn der Schnupfen grad die Nase sehr verstopft, dann leistet die Pfefferminze gute Dienste. Kamille hilft bei Entzündungen weiter, trocknet aber auch aus und Huflattich beruhigt den Husten. Das ist nur eine kleine Auswahl – generell kann ich mit allen Kräutern inhalieren, die ich auch als Tee gefahrlos trinken  kann.

Besonders erwähnenswert finde ich noch Rotas letzten Absatz.
Je gestresster ich bin, je schlechter ich schlafe (dazu zählt auch „zu wenig“), je schlechter ich mich ernähre und je mehr ich mich verausgabe, desto leichter werde ich krank. Das Immunsystem arbeitet in einem ausgeglichen Menschen eben besser als in einem gestressten.

Zusätzlich möchte ich noch eine Lanze fürs Händewaschen und gegen Desinfektionstücher oder ähnliche chemische Maßnahmen brechen. In Grippezeiten hilft häufiges Händewaschen wirklich. Dabei geht´s nicht so sehr darum, dass die kleinen Viechers getötet werden, sondern weggeschwemmt. So schnell würden die nicht sterben – aber wegspülen funktioniert durchaus. Für schon Erkrankte wäre es ein Tipp sich beim Husten oder Niesen nicht die Hand vor den Mund oder die Nase zu halten, sondern einen Ärmel. Dann fliegen wesentlich weniger Tröpfchen durch die Gegend und es haben eben nicht alles was davon.

Zum Schluss möchte ich auf den Unterschied zwischen grippalem Infekt und der echten Grippe hinweisen. Mit zweiterer ist nicht zu spaßen!! Echt Grippe macht sich meist zuerst durch Halsschmerzen bemerkbar und wird von einem wirklich ernsten Krankheitsgefühl begleitet. Abgeschlagenheit, Ganzkörpergliederschmerzen und Fieber über 39 Grad sind ebenfalls ein Warnzeichen. Da ist viel Trinken (möglichst zumindest körperwarmes Leitungswasser oder passender Kräutertee) angeraten und Schonung, Schonung, Schonung. Am sinnvollsten ist es jegliche körperliche Anstrengung zu vermeiden. Falls der Appetit fehlt, ist Fasten (für unter einer Woche und für die meisten von uns) kein Problem, im Gegenteil es hilft sogar, da der Körper nicht zusätzlich belastet wird.
Symptomatisch darf natürlich auch bei der echten Grippe geholfen werden. Also bei starkem Halsweh hilft Gurgeln mit Salbeitee und Emser-Salz. Bei Fieber an die 40° darf und soll das ein wenig gesenkt werden. Wadenwickel helfen da, und im Teil I finden sich ja auch schon so einige Tipps dafür.

Dann wünsche ich im Aktufall gute Besserung und falls euch noch etwas einfällt, dann steht euch die Kommentarfunktion wie immer offen!

Husten, Schnupfen und sonstige Katastrophen

Samstag, 13. Januar 2018

Wie so oft im Winter laufen die Nasen, krächzen die Stimmen (sofern sie überhaupt noch einen Ton rausbringen) und lassen sich die Viren per Hustenexpress durch die Gegend schippern. Gerade bei Kindern ist das besonders schlimm. Zusehen zu müssen wie sie verzweifelt versuchen durch verstopfte Nasen Luft zu kriegen oder mit Fieber apathisch im Bett liegen ist kein Spaß. Mit Medikamenten zuschütten ist aber auch nicht die beste Lösung – vielfach geht es auch mit ganz einfachen Hausmitteln. Dabei ist allerdings Obacht geboten und Hausverstand von Nöten. Ein paar kleine Tipps helfen da vielleicht ein wenig weiter.

Mein Nachwuchs ist verkühlt und der Schnupfen ist bös

Was in diesem Fall immer sinnvoll ist, ausreichend zu trinken. Am besten sind da natürliche Tees.

Besonders empfehlenswert sind Hollerblüten, die nicht nur gegen die Erkältung als solche angehen sondern auch den Kreislauf unterstützen und vor allem den Stoffwechsel. Wichtig ist, dass Hollerblütentee immer frisch zubereitet werden muss, da sich seine ätherischen Anteile recht leicht verflüchtigen. 1 Teelöffel pro kleinem Häferl mit kochendem Wasser aufgießen, zudecken, fünf Minuten ziehen lassen, abseihen und auf Trinktemperatur – zugedeckt oder im Flascherl – abkühlen lassen. Dann mit einem kleinen Löfferl Honig (falls es sich um Kleinkinder über 12 Monaten handelt!!!) aber am besten ungesüßt zu trinken geben. Wen ungesüßt so garnicht geht, dann ein Teelöffel Agavendicksaft dazu mischen.
Zwei bis drei solche Portionen pro Tag sind ausreichend. Reines Wasser geht natürlich auch, das aber bitte ohne Kohlensäure und ebenfalls warm.

Suppen sind eine gute Möglichkeit um Flüssigkeit anzubieten.
Wurzelgemüsesuppe (manche mögen sie lieber klar, andere mit dem gemixten Gemüse drinnen) machen Sinn, die wohlbekannte Hühnersuppe und wenn ein wenig Gerste oder Reis mitgekocht wird, schadet das gar nicht. Wichtig ist nur nicht zuviel zu essen – wobei die Gefahr eher gering sein dürfte, weil es meistens sowieso „nicht schmeckt“. Deshalb macht es auch nichts, wenn für zwei, drei Tage keine feste Nahrung angenommen wird – Hauptsache, die Flüssigkeitszufuhr stimmt.

Länger als zwei oder drei Tage sollte das Schlimmste aber auch nicht dauern, sonst auf jeden Fall den Arzt konsultieren.

Die gute alte Rotlichtlampe hilft ebenfalls weiter. Am besten funktioniert das, wenn der Krankensessel auf den Schoß genommen wird und dann gemeinsam mit jemandem, der noch Spaß macht auch, vor der Lampe sitzen kann. Wenn dann eine Geschichte erzählt oder gemeinsam ein Bilderbuch angeschaut wird, fällt das auch viel leichter für die 10 Minuten halbwegs still zu sitzen. Der Abstand ist dann richtig, wenn es auf dem Handrücken (vor die Schnupfennase gehalten) gerade angenehm warm aber nicht heiß ist.

Luftfeuchtigkeit ist bei Schnupfen der nächste Punkt. Es gilt – je feuchter das Raumluft desto besser für das kranke Kind und genauso für die Mitbewohner. Wenn die Luft trocken ist, dann steckt man sich viel schneller an, als bei feuchtem Raumklima.
Aromalampen sind da gleich das passende Thema. Zwei drei Tropfen Thymianöl, eine Fingerspitze Salz ins Wasser und für eine Stunde so aufstellen, dass sie für neugierige Kinderfinger nicht erreichbar ist. Für Babies reicht es völlig eine Wasserschale mit den zwei oder drei Tropfen ätherischem Öl auf die Heizung zu stellen, so verdunstet es langsamer.
Inhalationen gefallen wohl den wenigsten Kindern, deshalb gibt es eine Reihe an Tricks. Sollte das Kind nicht fiebern, kann anstatt dessen einfach ein Dampfbad gemacht werden. Badezimmer dicht machen, Heißwasser solang laufen lassen, bis z. B. die Spiegel beschlagen sind, dann erst das Badewasser mit temperiertem Wasser, einer Handvoll Salz und zwei Litern Thymiantee einlassen. Darauf achten, dass das Wasser nicht zu kalt wird und spätestens nach einer Viertelstunde raus aus der Wanne, rein is Bett (vorher noch Nase putzen).

Bei Fieber geht das natürlich nicht, also Plan B. Niemand sitzt gerne am Küchentisch, mit dem Kopf unter einem Badetuch über einer Wasserschüssel, 15 Minuten lang. Eine Alternative ist, mit dem Kind zu inhalieren (schadet ja auch einem Gesunden nicht!). Den Topf mit Wasser auf eine der vorderen Kochstellen am Herd zu stellen, nach dem Aufkochen Salz und einen gehäuften Esslöffel Thymian dazu geben und auf kleiner Flamme zugedeckt fünf Minuten ziehen lassen. Der Topf sollte größer als das Kochfeld sein! In der Zeit einen Sessel neben den Herd stellen, eine Decke – so weit hinter dem Topf ,mittels eines schweren Gegenstandes, „festmachen“, dass sie nicht mit dem heißen Kochfeld in Berührung kommt – und nachdem man auf dem Sessel Platz genommen hat, über den Topf und den eigenen Kopf ziehen. Dadurch einsteht ein Zelt in dem der Dampf aus dem Topf eingefangen wird und bereits etwas abgekühlt, nach unten fällt. So kann das kranke Kind gemütlich am Schoß sitzen und dann ist das Inhalieren sogar gemütlich.
Natürlich kann so ein Zelt auch unter dem Tisch gebaut werden, indem die Decke einfach über den Tisch gehängt wird. Allerdings ist der Dampf dann weniger dicht, weil der Nachschub langsam versiegt (außer man hat eine zusätzliche Kochplatte, die man da unten verwenden kann). Dann wieder die Nase putzen und hinlegen (falls die Müdigkeit zuschlägt, was ich jetzt einmal annehme).

Womit wir schon beim Schlafen mit Schnupfen wären – eine oft böse Geschichte für die ganze Familie.

Wie kommen wir zu ein bisschen Schlaf?!

Verstopfte Kindernasen sind wahrlich kein Vergnügen, für niemanden. Deshalb vor dem Schlafen bei den ganz Kleinen nochmals die Nase absaugen. Bei den Größeren kann durchaus solang ein Meersalznasenspray angewendet und wieder ausgeschneuzt/weggeputzt werden, bis sie halbwegs durchgängig geworden ist. Über die Luftfeuchtigkeit haben wir schon gesprochen und falls das alles noch nicht genügt, dann hilft Zwiebel.
Einfach eine größere halbierte Zwiebel neben das Bett legen und das hilft die Nase halbwegs frei zu halten. Soll die Wirkung verstärkt werden (bei älteren Kindern!) dann einfach die Zwiebel klein würfeln, in ein Stück Stoff einwickeln und neben das Bett legen. Diesen Zwiebel dann bitte morgens wegwerfen!

Nächstes Mal beschäftige ich mich mit dem Umgang mit hustenden Kindern.

Ende Teil I

Der Nekromant, Fortsetzung, geschrieben von XVII

Samstag, 13. Januar 2018

Türglocke läutet

Nein, nein, nein. Das kanns jetzt nicht sein. Es muß ja mitten in der Nacht sein.

Mitten in der Nacht. Ich schlaf weiter. Ich ignoriere das einfach.
Ja, die Bettdecke raufziehen. Über die Augen. Gut. Weiterschlafen.

Türglocke läutet

Holy shit. Das habe ich nicht verdient. Bitte.

Ich will nur schlafen. Ich…ach, verdammt. Es war gestern zu lange. Ich hätte früher heimgehen sollen. Und weniger Alkohol. Viel weniger…Ufff…viiiiiiiiel weniger.

Türglocke läutet

„Jaaaa, verdammt nochmal, jaaaa…ich komm.“

Mist. Ich bin so, wie die Götter mich geschufen haben, oder das was von ihnen überblieb…nackt.

Was ziehe ich rasch an. T- shirt. Wo ist mein verdammtes….

Jacke…

Türglocke läutet

„SCHEISSE, ja ich komm ja schon!“

Bettdecke. Ich wickle mir die Bettdecke rum…Mist. Mist.

Hollla…meine Füsse berühren zwar den Boden…aber die Wände bewegen sich auch.

NIIIIE wieder Alkohol.

Außerdem Füsse…abgesplittertes Rot auf meinen Nägeln. Wäh. Da muß ich mich nachher drüber stürzen. Ich hasse abgesplitterte Farbe auf meinen Nägeln.

Gehe langsam zur Tür. Zum Glück ist der Eingang gleich in Nähe von meinem Schlafzimmer.

Altbau. Ich liebe Altbau. Ziemlich viele Kisten stehen rum. Tja, das bringt es halt mit sich,

wenn man seinen Exverlobten verlässt. Viel Zeug. Zum Glück habe ich meine Wohnung behalten.

-“Nein, Liebes, zieh doch ganz zu mir.“ Jaja..dann könnt ich jetzt im Hotel pennen.

„Wer ist da überhaupt?“ ich bin fast bei der Tür.

–“Die Post“

Das kann ja wirklich jeder sagen. Ich strecke meine Hand Richtung Tür. Fächere die Finger auf.

Scanne. Ok. Da ist wirklich jemand mit nem Paket.

Ja, sicher..ich hätte auch zur Tür gehen können und durch den Türspion schauen, aber heh…

…ich öffne die Tür. Der Bote schaut mich von oben bis unten an.

„Und, bin ich hübsch genug?“

–“Äh, wie bitte?“

„Was wecken sie mich mitten in der Nacht an einem Sonntag? Ich will schlafen.“

–“Entschuldigen sie…aber es ist 10 Uhr 20, also so ziemlich genau 10 Uhr 20, ich läute bei ihnen schon seit 10 Minuten und es ist…es ist Montag.“

Er zieht eine Augenbraue hoch.

–“Und ich möchte auch gar nicht beurteilen müssen, ob sie hübsch sind oder nicht, und Leute haben auch schon nackt Pakete von mir entgegen genommen, aber es hat sich noch nie jemand in einen Duschvorhang eingewickelt, der noch dazu halb durchsichtig ist. Verzeihen sie, ich wollte sie mit meinen Blicken nicht belästigen.“

Holllly…shit. Ich schau an mir runter.

Ich hab mich tatsächlich in meinen Duschvorhang eingewickelt.

Stimmt. Ich wollte mich gestern noch duschen. Das habe ich dann wohl auch noch gemacht…

…und dann irgendwie…hm. Wie genau ich ins Bett kam, weiß ich nicht mehr.

Ich kann zwar jedem seinen Tod voraussagen oder wie so die Geschäfte am nächsten Tag laufen, sehe Empfindungen wie andere Farben, kann mit Tieren sprechen, kann Pflanzen zuhören und kann mit der Zwischenwelt mal eben locker Gespräche halten…und vieles mehr…aber wie ich gestern ins Bett kam….

„Tut mir leid. Ich hatte einen schweren Tag gestern….was sag ich, eine schwere Woche…und…“

–“Keine Ursache. Bitte hier die Unterschrift.“

Er reicht mir einen Touchpendingskuli..keine Ahnung wie das Zeug heißt…ich mag das moderne Zeug nicht…ich kracksle meine Unterschrift auf so ein Plastikfeld, Minimonitordings…da steht aufgeregt „HIER ZEICHNEN“…jo…und da zeichne ich halt meinen Namen.

Paket. Er reicht mir ein kleines Paket.

„Danke.“

–“Keine Ursache. Und der Duschvorhang ist hübsch.“

Ok. Jetzt muß ich fast lachen. Ich ja, ich lächle und gehe mit gesenktem Haupt in meine Wohnung zurück. Mann. Mann.

Ich muß echt gestern zu viel erwischt haben.

Das Paket lege ich mal auf den Küchentisch. Jetzt gibt’s mal tiefschwarzen Kaffee der müde Nekromanten munter macht. Den Duschvorhang…hm…ich schau nachher ob ich den wieder montiert bekomme…den lege ich mal ab. Sooo….Kaffeemaschine läuft.

Was gibt der Kühlschrank her? Ich hab Hunger. Ich könnte jetzt nen kleinen Magier essen…wuaaahahaha…kleiner Spaß…ohhhh…damn….ich seh da gerade was. Synchro.

Die Idee da mit dem Magier. Das kam nicht so…um mich selbst zu erheitern. Damn.

Ich sehe was. Ich schau auf das Licht im Kühlschrank…ich sehe tief ins Licht. Ich bin im Licht.

Und…damn. Da ist wer. Den kenne ich noch nicht. Ein Magier. Ich lerne einen Magier kennen.

Ein Novize? Einen…was…Butter. Ich brauch Butter. Honig. Und…Butterstriezel.

Kaffee ist fertig.

Mein Exverlobter sagte dann immer in der Früh…-“Und magst du heute Iris-sch- Kaffee?“
Er fand das immer superlustig. Irish Coffee. Ich bin Iris. Und er spielte gerne mit meinem Namen.

Ich mochte das ja nicht soooo…aber ab und an hat er mich damit schon erheitert. Und mir hats gefallen..daß er stets -“EIRIS“…also lautmalerisch…Englisch Iris zu mir sagte.

War irgendwie stolz darauf englische Vorfahren zu haben. Umso lustiger fand mein Ex den Bezug zu „Irish“.

Paket. Jetzt hätte ich mich fast gedanklich versprochen und wollte schon Pakt denken.

Kennt ihr das? Pakt- Paket.

Ich brauch das Ding gar nicht öffnen. Ich weiß was drin ist.

Also so ungefähr.

Ich spüre Iver. Das Paket hat eindeutig seine Signatur. Und Flowers. Flowers hat das eingepackt.

Warum ruft der Kerl nicht einfach an? Nein, sicher wieder ein Brief in so uraltem Papier mit nem Siegel drauf…und ein paar Worte hingefetzt. Uaaaaah.

Ich habe echt andere Sorgen jetzt.

Ich bin nicht umsonst jetzt hier in Salzburg.

„Nie wieder Wien.“ Das waren meine Worte damals beim Abschied.

Ich hasse Wien. Verdammtes Wien. Scheiß Großstadt. Salzburg ist anders. Die Leute sind anders.

Angenehmer. Und mein Verlobter, mein Exverlobter…ist aus der Gegend hier.

Ich liebe Salzburg. Ich habe hier eine kleine Boutique.

Eigentlich bin ich ja Psychotherapeutin. Da bin ich schon stolz darauf. War schon hart die Ausbildung. Und ich war ganz gut darin. Nun, ja…ich hab auch gut „dahinter“ sehen können. Ich wußte was die Leute wirklich empfinden, und was sie wirklich durch gemacht haben. Machts aber nicht leichter. Und als ich mich mal dazu hinreißen ließ…daß ich meinem Klienten gesagt habe…gut…ich habe ihn fast angebrüllt…“Verlassens doch endlich ihre Scheiß Frau, die sie ständig betrügt…sie kommen seit nem Jahr her…und wir bewegen uns keinen Millimeter, weil sie einfach die Schlampe nicht ziehen lassen können…“ Gut…ok…ich habe ihn nicht fast angebrüllt…ich habe ihn angebrüllt. Und er hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, daß ihn seine Frau betrügt. Zunächst war er schockiert, dann entsetzt. Dann wollte er mich verklagen….und letztlich hat er seine Frau verklagt….nun, ja…jetzt ist er getrennt…und keine Ahnung was mit ihm ist. Aber ich hab das als Anlaß genommen diesen Job…an den Nagel zu hängen. Manchmal bin ich einfach zu emotional. Jetzt verkaufe ich hübsche italienische Mode. Mailand. Mhhhh…ich bin so gern in Mailand.

Nicht so gern bin ich wieder in meiner Wohnung. Allein.

Damn.

-“Du hast Geheimnisse vor mir. Du vertraust mir nicht. Du…“

Usw. Blabla.

Ja, klar….ich wollte ihm nicht sagen, daß ich eine Nekromantin bin und und…daß ich sehe, daß sein Bruder Leute auf dem Gewissen hat, seine Mutter in Wirklichkeit lieber mit ihrem Schwager zusammen wäre und …und…ich sehe seinen Tod. Ich sehe seinen verdammten Tod.

Da werden Beziehungen nicht gerade einfacher.

Ja, ja…ich kann das unterdrücken. Ich blende meine Fähigkeiten oft aus.

Weils das Leben einfacher macht. Ich weiß gerne was NICHT. Ich lasse mich gerne überraschen.

Ich liebe Überraschungen.

Das Paket.

Ich nippe an der Kaffeetasse…mhhhh…lecker.

Das Paket…gut…

Als wäre ich eine Katze mache ich eine schwungvolle Bewegung mit meiner Hand… tu so…als hätte ich Krallen…und nähere mich dem Klebestreifen…yessss…scharfe Fingernägel braucht die Frau.

So…offen.

Vorsichtig reinblicken.

Ein Brief. Ein doch sehr großes Paket…und darin ein Brief.

Typisch Iver. Das ist sooo typisch. Theater. Drama.

Ich nehme den Brief auf. Altes Papier. Geschlossen mit Wachs. Siegel.

Draaaama. Iver ist sooo eine Dramaqueen.

Nein, da können wir nicht einfach anrufen…oder auch mal nachfragen wie es einem denn geht…nein…da schreiben wir nen suuuuperokkultmagischen Brief.

Ratsch. Brief offen. Altes Pergament darin. Darauf steht mit Tinte geschrieben:

„Montag, 17 Uhr, Wien, Cafe Dreivierteltakt“….dann noch unser Zeichen unterhalb…

…und…oh…ich staune…ganz klein steht da „Bitte“.

Oh…Iver setzt ein „Bitte“ unter seinen Brief? Das ist neu. Flowers muß da nen gewaltig guten Einfluß haben….17 Uhr. Es ist jetzt so…11…dann kann ich mich nochmal hinlegen und….

handygeklingel

Na. Nicht ernsthaft jetzt. Wo ist mein Handy?

Ich…ich…nie wieder Alkohol.

Es kommt so aus Richtung Schlafzimmer…ok…dann mal…ja…da…unter der verf—- echten Bettdecke, die da am Boden liegt…da liegt auch mein Handy…und….ah…unbekannter Teilnehmer, die habe ich ja besonders gerne…und…nein, ich spüre auch nichts…ich weiß wirklich nicht wer das ist…ich…

Ach, was solls. Ich heb ab.

—-“Schatz? Schwester? EIIIIIRIS?“

Flowers. Es ist Flower.

—-“Komm sag was. Du freust dich doch.“

„Verdammt ja, Flowers. Süße. Das Paket habe ich gerade erhalten. Du….“

—-“Ach, du kennst doch Iver. Er kann das nicht lassen. Aber das „Bitte“ kommt doch schon mal gut, oder?“

„Das hast du ihm gesagt, gell? Du Luder.“

—-“Hihihi….ja, ich hab ihm gesagt, das freut dich sicher.“

„Und was ist los? Weltverschwörung? Illuminaten, Reptilienkongress, Mondlandung, diesmal die echte?“

—-“Du hast deinen Humor nicht verloren, Iris…ich vermisse dich echt. Wir fahren einfach gemütlich nach Wien und Iver wird dir alles persönlich sagen.“

„Wir fahren…was heißt…“

—-“Schau doch mal aus dem Fenster, Schatz.“

Ich ziehe die Vorhänge auf die Seite. Da unten. Flower. Und n Typ. Der Magier.

„Novize?“

—-“Genau.“

„Wie macht er sich?“

Sie reicht ihm das Handy.

—–“Sie sind dann wohl Iris?“

„Ja, das zur Hölle bin ich. Und du?“

—–“Chad. Freut mich.“

„Mich auch, sag einfach Iris zu mir und nenne mich bitte nie Schwester sonst reiß ich dir die Juwelen raus und sag nie Süße zu mir und…“

—–“Iris, das merke ich mir…ich geb dir wieder Flowers.“

„Flowers? Netter Typ. Kann ihn nicht scannen…aber wirkt sympathisch. Warum hab ich dich nicht spüren können?“

—-“Iris, ich wollte dir die Überraschung nicht nehmen. Hab uns abgeschottet. Und auch jetzt Chad. Lern ihn einfach mal kennen. Er kann viel von dir lernen. Hilf ihm ein bißchen. Und…Iver braucht dich. Wir brauchen dich. Die Suppe kocht heiß…und….wir müssen wieder mal zusammenkommen.“

„Danke, mein Schatz. Ok. Klingt gefährlich. Wenn ihr Tante Iris braucht ists gefährlich. Bin dabei.“

—-“Natürlich bist du das. Leg dich nochmal hin. Chad und ich gehen ein paar alte Kultstätte hier besuchen…dann essen wir gemeinsam zu Mittag in der Stadt und nachher fahren wir nach Wien, ganz entspannt.“

„Liebe Schwester, so machen wir das. Bin gespannt. Ich liebe Überraschungen….“

—-“Guuuuut. Wir holen dich nachher ab.“

„Bis später!“

Sie winkt mir. Chad winkt.

Das wird spannend.

Und….ja….jetzt lege ich mich nochmal nieder.

Ohne Duschvorhang diesmal.

—–Fortsetzung folgt—–

Autor: XVII

Bildquelle: Salzburg_view_from_Monchsberg, By Paulo Maurício (56501) (Self-photographed) [CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons. org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons,
Description= Photo of a human skull |Source=Personal work |Date=7 june 2008 |Author= Cyril NOVEL (~~~~Xerto), via Wikimedia Commons

Von wegen „uralt“: Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition – Teil II, geschrieben von MartinM

Samstag, 06. Januar 2018

 

NEUE TRADITIONEN

Im Gegensatz zu erfundenen Traditionen im Sinne Hobsbawms stehen neu begründete Traditionen.
Jede noch so alte Tradition muss irgendwann einmal von irgendjemandem begründet worden sein, da sie sich schwerlich im Zuge der biologische Evolution parallel zum aufrechten Gang und dem weitgehenden Verlust des Fells über Jahrmillionen herausgebildet haben kann. Auch wenn manche Traditionen, insbesondere solche aus monotheistischen Religionen, gern auf „göttliche Offenbarung“ zurückgeführt werden, können sie nicht einfach fix und fertig vom Himmel gefallen sein. Und so, wie manche Traditionen verschwinden, bilden sich immer wieder neue Traditionen heraus. Der entscheidende Unterschied zur „erfundenen Tradition“: Eine neue Tradition ist erst einmal keine!

Eine Tradition, von der sich eindeutig sagen lässt, wann und von wem sie begründet wurde, die buchstäblich einen Erfinder hat, und die dennoch „echt“ ist, ist der Adventskranz.

Nicht nur in heidnischen Kreisen wird der Adventskranz gern für ein uraltes Jahreskreis-Symbol gehalten. Und in der Tat liegt so eine Symbolik nicht fern: Liegt es nicht nahe, den Jahreskreis oder das Jahresrad irgendwie auch durch Tannenzweige darzustellen? Könnten die vier Kerzen nicht für die Jahreszeiten, die Elemente und die Himmelsrichtungen stehen?

Solche Deutungen finde ich als Teil einer synkretistischen Spiritualität – beziehungsweise einer in seltener Einigkeit von überzeugt religiösen Christen und überzeugt atheistischen Religionskritikern abfällig so genannten Patchwork-Religion – sehr sympathisch. Es sind aber Umdeutungen. Eine gute Freundin stellte in ähnlicher Neuinterpretation einen Schoko-Nikolaus als „Odin“ auf ihren improvisierten Jul-Altar. Historisch gesehen ist aber die Behauptung, der Adventskranz sei ein uraltes heidnisches Symbol, so hohl wie besagte Schokoladenfigur.

DER ERFINDER DES ADVENTSKRANZES

Der Adventskranz hat in der Tat einen bestimmten Erfinder, nämlich den evangelisch-lutherischen Theologen, Erzieher und Mitbegründer der „Inneren Mission“ und Begründer der Evangelischen Diakonie, Johann Hinrich Wichern (1808–1881). Es lässt sich auch mit einiger Sicherheit sagen, wo und wann der erste Adventskranz aufgehängt wurde: 1839 im „Rauhen Haus“.

Johann Hinrich Wichern
Johann Hinrich Wichern

Der Hamburger Theologe Wichern gehörte zu jenen Christen, die die „Nächstenliebe“ nicht nur predigten, sondern auch tatkräftig praktizierten. Im exportorientierten Hamburg und den damals zu Dänemark gehörenden Nachbarstädten Altona und Wandsbek setzte die „Industrielle Revolution“ früher ein als in den meisten Teilen des durch unzählige Zoll- und Währungsgrenzen geteilten, teils noch aus politisch in der feudalen Vergangenheit lebenden Fürstentümern bestehenden „Deutschen Bundes“. Dem durch Handel und Industrie enorm reich gewordenem, gar nicht biederem Großbürgertum der Biedermeierzeit stand das geballte proletarische Elend der frühen Industriezeit gegenüber.
Wichern, der das Kind gerade noch als Kleinbürger geltender „einfacher Leute“ war und schon als 15-Jähriger als Privatlehrer arbeiten musste, lernte während seines Studiums zahlreiche Menschen kennen, die sein späteres Leben und Wirken sehr beeinflussten, unter anderem die Theologen Schleiermacher und Neander sowie der Arzt Nikolaus Heinrich Julius. Letzterer hatte vor allem Einfluss auf Wicherns Engagement in der preußischen Gefängnisreform. Als Erneuerer des Gefängniswesens biss der engagierte junge Theologe bei den Behörden buchstäblich auf Granit, mehr Erfolg hatte er als Sozialreformer. Wichern war nach der Aussage seiner Mitstreiter ein umtriebiger Mensch, der von der simplen Idee beseelt war, Menschen retten zu wollen.

Die andere Seite Wicherns war sein missionarisches Pathos. Er stand den konservativen protestantischen „Erweckungsbewegungen“ nahe, die sich gegen einen aufklärerischen Rationalismus wendeten. Politisch war er weniger konservativ; er empörte sich gegen die Unfähigkeit der Kirchen und des Staates, auf die Armut und die katastrophalen Zustände in den Industriegebieten angemessen zu reagieren.

1832 erlebte Wichern als Sonntagsschullehrer die Not im Armenviertel der Hamburger Vorstadt St. Georg aus nächster Nähe. Die Menschen – besonders die Kinder – lebten hier unter entsetzlichen sozialen und hygienischen Bedingungen. Für Wichern stand fest, dass er vernachlässigten Kindern am besten helfen könnte, indem man sie aus den städtischen Elendsverhältnissen herausführte.
Für seine Idee eines „Rettungshauses“ fand er die Unterstützung des reichen, aber dennoch sozial engagierten hamburgischen Senatssyndikus Karl Sieveking. Sieveking besaß ein Flurstück im damals noch ländlichen Horn, zu dem auch eine Bauernkate gehörte, die von alters her „Ruges Hus“ genannt wurde, was irgendwann einmal als „Rauhes Haus“ verhochdeutscht geworden war.
Hier gründete 1833 der damals gerade 25-jährige Lehrer und Theologe hier sein Haus zur „Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“. Beide Seiten Wicherns – der eifrige bis eifernde „innere Missionar“ und der pragmatische, politisch denkende Helfer – spiegelten sich in seiner Gründung wider

Das Rauhe Haus war keines der damals üblichen Arbeits- oder Waisenhäuser, sondern eine Einrichtung, in der die „Zöglinge“ in familienähnlichen Verhältnissen aufwachsen sollten. Hier wurden Kinder und Jugendliche aufgenommen, die straffällig geworden waren oder vernachlässigt oder verwahrlost waren. Das Ziel der Arbeit im Rauhen Haus war es, die „Zöglinge“ zu befähigen, ihren Platz im Leben zu finden und auf eigenen Füßen zu stehen. Wichern beschränkte sich darauf, dass die jungen Menschen auf das harte Leben in Armut vorbereitet wurden. Ein „Sozialrevolutionär“, der die Ursachen der Armut anging, war er, da er pragmatisch seine Grenzen erkannte, aber wohl auch aus seiner konservativer Gesinnung heraus, nicht. Die Arbeit im Rauhen Haus sollte nach Wichern ausschließlich von der christlichen Gemeinde bezahlt werden und ohne staatlichen Zuschuss erfolgen – Wichern misstraute den „weltlichen Obrigkeiten“.
Unterwiesen wurden die „Zöglinge“ von den „Brüdern“ – von Wichern ausgebildete Männer, zumeist Handwerker – die mit ihnen zusammenlebten. Die Einrichtung hatte von Anfang an großen Zulauf und entwickelte sich auch über die Grenzen Hamburgs hinaus zu einem Vorbild moderner Jugendfürsorge. Anderseits war es Wichern enorm wichtig, die jungen Menschen vor „üblen Einflüssen“ zu isolieren und zu vorbildlichen frommen Christen zu erziehen.

Mit der Professionalisierung des Dienstes am Nächsten legte Wichern den Grundstein für das Diakoniewesen und war einer der Begründer der modernen Sozialpädagogik. Die im Rauhen Haus ausgebildeten Gehilfen oder „Brüder“ arbeiteten bald in ganz Deutschland und verbreiteten so auch Wicherns Ideen.

GENUG DES ERKLÄRENDEN HINTERGRUND-EXKURSES. KOMMEN WIR ENDLICH ZUM ADVENTSKRANZ!

Gemeinschaftliche Feiern und feierliche Gottesdienste waren ein wichtiger Bestandteil der Erziehung in Rauhen Haus. Die Idee zum Adventskranz soll Wichern gekommen sein, als ihn die Kinder während der Adventszeit immer gefragt hätten, wann denn endlich Weihnachten sei. Jedenfalls baute er 1839 aus einem Wagenrad einen Holzkranz mit 20 kleinen roten und vier großen weißen Kerzen als Kalender. Jeden Tag der Adventszeit wurde eine weitere Kerze angezündet, an den Adventssonntagen je eine große Kerze, sodass die Kinder die Tage bis Weihnachten abzählen konnten. Der Holzkranz wurde einige Jahre später durch einen Kranz aus Fichten- oder Tannengrün ersetzt. Dieser große Adventskranz mit bis zu 28 Kerzen ist praktisch nur in Norddeutschland verbreitet, und zwar fast nur in Kirchen. In der Advents- und Weihnachtszeit hängt so ein großer Kranz beispielsweise im Kirchenraum des „Michels“, der Sankt-Michaelis-Kirche in Hamburg, und natürlich im Rauhen Haus.
Da so ein mächtiger, über einen Meter durchmessender Lichterkranz für den Hausgebrauch doch etwas unhandlich war, kam ab etwa 1860 eine kleiner Ausführung, der Adventskranz mit vier Kerzen, auf.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten Form
Der wichernsche Adventskranz
CC BY 2.5

Es waren evangelische Familien Norddeutschlands, in denen der adventlichen Zeitmesser den privaten Raum erreichte. Anfangs war das feierliche Entzünden der Adventskerzen in diesen frommen Kreisen mit einer Art Hausliturgie nach wichernschem Vorbild verbunden, mit Gesang, Gebet und selbstverständlich Bibellesung. Weniger glaubenseifrige Zeitgenossen übernahmen den festlichen Vorfreudeverstärker, allerdings mit deutlich reduzierte „Liturgie“. Indem der von Wichern initiierte Brauch sich seitdem durch Mundpropaganda und Nachahmung verbreitete und von Generation zu Generation weitergegeben wurde, wurde er zur echten, wenn auch jungen, Tradition.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich diese neue Tradition auch in katholischen Gegenden aus. Die naturbegeisterte Jugend- und Kunsterzieherbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts trug viel dazu bei, den Adventskranz populär zu machen. Jugendstil-Weihnachtkarten hatten immer wieder den immergrünen Kranz als Motiv. Im Ersten Weltkrieg schließlich erlebten katholische Soldaten in Lazaretten, wie evangelische Krankenschwestern den Adventskranz aufhingen. Wie die „Kriegsweihnacht“ generell führte das dazu, die zuvor ziemlich rigiden Grenzen zwischen den christlichen Konfessionen abzubauen: Eine Art „Schützengrabenökomene“ bildete sich heraus, und der Adventskranz war nach 1919 sogar in den „erzkatholischen“ Gegenden zu finden.

1925 wurde dann zum ersten Mal ein Adventskranz in einer katholischen Kirche aufgehängt, und zwar sicher nicht zufällig in einer der Hochburgen des liberalen „rheinischen Katholizismus“, in Köln. In Gegenden, in denen strengere Richtungen des Katholizismus dominierten, wurde der Adventskranz noch lange Zeit von der Kanzel herab bekämpft, unter anderem auch mit der Behauptung, dies sei ein „heidnischer Brauch“, der in einer gut christlichen Familien keinen Raum haben dürfe.
Das könnte eine der Ursachen dafür sein, wieso die Idee, der Adventskranz sei „heidnischen Ursprungs“, so weit verbreitet ist.

MÖGLICHE UND UNMÖGLICHE VORLÄUFER

Ob Wichern sich auch von jüdischen Chanukka-Leuchter zu seiner Erfindung inspirieren ließ, ist umstritten. Immerhin waren Hamburg, Altona und Wandsbek Hochburgen des liberalen Reformjudentums, das dort ziemlich selbstbewusst und patriotisch auftrat. In vielen assimilierten jüdischen Familien bürgerten sich vom christlichen Weihnachtsfest übernommene Bräuche zwischen Gänsebraten und Tannenbaum ein, sie feierten „Weihnukka“. Umgekehrt übernahmen ihre christlichen Nachbarn einige Bräuche jüdischen Ursprungs, zum Beispiel in Öl gebackene Speisen wie Krapfen oder Kartoffelpuffer als traditionelles Weihnachts- und Silvesteressen.
Am ersten Abend Chanukkaabend wird ein Licht entzündet, und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Am ersten Abend ein Licht und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Zu diesem Zweck wird ein Chanukkaleuchter mit acht Flammen verwendet. Die Kerzen werden sobald am Himmel die ersten Sterne zu sehen sind sofort nach dem Abendgebet angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen.
Der Chanukkaleuchter muss so aufgestellt werden, dass er der Öffentlichkeit ins Auge fällt, denn hinter diesem Gebot steht die Absicht, das Wunder publik zu machen.
Die Ähnlichkeit mit der evangelischen Adntskranztradition ist so stark, dass ich nicht an einen Zufall glauben möchte: Die Adventskranzkerzen werden nach einem Gebet nach Anbruch der Dunkelheit angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen und der Adventskranz wird so aufgestellt, dass er von möglichst vielen Menschen gesehen werden kann, z. B. in der Nähe des Fensters.

In Teilen Altbayerns und Österreichs hat der aus dem Norden stammende Adventskranz einen einheimischen Konkurrenten, das Paradeisl oder Paradeiserl. Es besteht es aus vier roten Äpfeln, die mit meist bemalten oder als Schnitzarbeit verzierten Stöcken zu einer Dreieckspyramide verbunden werden. Auf jedem Apfel ist eine Kerze angebracht. Jeden Adventssonntag wird eine der Kerzen angezündet. Am vierten Adventssonntag leuchtet die Kerze auf der Spitze der Pyramide. Das Paradeiserl steht, wie sein protestantisches Gegenstück, oft auf einem mit Weihnachtsgebäck, Nüssen oder Äpfeln geschmückten Teller.
Ob die Tradition des Paradeisls wirklich, wie behauptet, älter ist, als die des Adventskranzes, konnte ich nicht erhärten. Wenn ja, ist es eine mögliche Inspirationsquelle Wicherns.

Zum Santa-Lucia-Fest (14. Dezember) ist es in Schweden üblich, dass ein Mädchen, in der Familie traditionell die älteste Tochter, die Lucia spielt. Sie trägt dabei ein weißes Gewand, ein rotes Band um die Taille und einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf. Obwohl heutige Lucias der Verbrennungsgefahr wegen heute überwiegend elektrische Kerzen tragen, ähnelt der Kranz einem Adventskranz. Zwar wurde das Lucia-Fest auch im damaligen Herzogtum Schleswig, vor allem von den dort ansässigen Dänen, gefeiert, allerdings wurde die schwedische Form der Lucia mit Lichterkranz dort erst im 20. Jahrhundert übernommen, sodass Wichern jedenfalls dorther keine Anregung für seinen Adventskranz finden konnte. Auch in Schweden war dieser Lucien-Brauch im 19. Jahrhundert nur regional, in Teilen Westschwedens, verbreitet – ob Wichern ihn kannte, ist ungewiss.

Kränze aus grünen Zweigen wurden bei friesischen Bauern als Abwehrzeichen gegen unheilvolle Gewalten an Türen und Fenstern aufgehängt. Allerdings ist hierbei die Wahrscheinlichkeit einer Querverbindung zum „Adventskranz“ ähnlich gering, wie die zum mittelalterlichen Kranzsingen (das im Sommer stattfand).

Wie auch immer: Überkommene Kranzbräuche, vom Brigittenkranz zu Lichtmess bis zum Entedankkranz, vom Siegeskranz bis zum Gedenkkranz, erleichterten den Siegeszug des Adventskranzes. Jedenfalls gab es von Anfang an genügend Floristen, die sich auf das Winden von Tannenkränzen verstanden. Die Floristen werden über die neue Tradition froh gewesen sein, sie wird bis heute von ihnen nach Kräften gefördert.

VÖLKISCHE TRADITIONSERFINDER

Aber auch mit dem Adventskranz sind „erfundene Traditionen“ verknüpft. Die populärste, die von der „heidnische Herkunft“ des Lichterkranzes, entstammt ziemlich wilden Spekulationen völkisch gesonnenen Germanentümler und auch, im nicht zu vernachlässigen Maße, von gleichfalls völkischen Keltomanen. Das ging bis zum durch keinerlei archäologische Funde oder Schriftquellen gedeckten „Erkenntnis“, dass es bereits in der Germanenzeit einen Lichterkranz mit mehreren Kienleuchten gegeben habe.

Besonders eifrige Erfinder „uralter Traditionen“ waren, wie sollte es auch anders sein, die Nazis. Der nationalsozialistische Weihnachtskult hatte weniger das Ziel, den christlichen Glauben zu verdrängen, als das, Führerkult und übersteigerte Mütter- und „Helden-“Verehrung in das volkstümliche Brauchtum einzuarbeiten. Dennoch waren die „heidnisch-germanischen“ Elemente im braunen Weihnachts- bzw. Jul-Mystizismus reichlich vertreten, was sich nicht nur in Symbolen aus der germanischen Mythologie und Runenschmuck für den Tannenbaum niederschlug. Jedenfalls wiesen Sonnenräder aus Stroh und Weihnachtspyramiden mit Wikingermotiven mehr oder weniger dezent auf den angeblich „germanischen Ursprung“ dieses Festes hin.

Der traditionelle Adventskranz wurde von der NS-Propanganda umgedeutet, besonders auffällig in dem vom Hauptkulturamt in der Reichspropagandaleitung der NSDAP herausgebrachten Kalender „Vorweihnachten“. Die Beziehung vom „Sonnwendkranz“ mit seinen vier Lichtern zum Sonnenrad, das wiederum mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt wurde, wurde betont – natürlich „uralt“, selbstverständlich „germanisch“, älter als das Christentum – das „Rauhe Haus“ war in diesem Kontext viel zu spät, zu christlich, zu sozial, um überhaupt erwähnt zu werden. Es gab sogar „zeitgemäße“ Lichterkränze in Hakenkreuzform!

Die NS-Weihnacht samt Vorweihnacht war eine Mischung aus NS-Symbolik, germanisch-heidnischer Mythologie, Volksbrauchtum und „entjudetem“ Christentum. Einen offenen Bruch mit der etablierten Weihnachtstradition riskierten die Obernazis nicht – wenn sie ihn denn überhaupt wollten. Die bestehende Tradition einer „deutschen Weihnacht“ zu instrumentalisieren war jedenfalls in ihrem Sinne effizienter, als die erfundene Tradtion eines pseudo-germanischen Julfestes flächendeckend zu etablieren.

Das Ganze wurde reichlich mit heroisierender Naturmystik dekoriert: In einem zum Anzünder der Kerzen vorzutragenden „Lichterspruch“ ist zum Beispiel vom „Lichterkranz“ die Rede, dessen beständiges Grün, bestückt mit den vier „Wünschelichtern“, den Sieg über den „Wintertod der Natur durch die ewige Macht des Lichtes“ darstellen würde.
Dieser Naturmystizismus, der dem Tod als existenzieller Voraussetzung für das Leben huldigte, war für die Nazi-Weihnachtszeit ungemein typisch. Es war viel von der Neugeburt des Lichtes und noch mehr von der Auferstehung des deutschen Reiches die Rede – nicht davon, dass für diese „Auferstehung“ nicht nur millionenfach gestorben, sondern auch millionenfach gemordet wurde.

Weiter: Erfundene Traditionen für tradionelle Textilien.