Archiv für die Kategorie ‘All-Sinn’

Als der Wandel der Zeit zur Musik wurde, geschrieben von Kristina Pfeifer & Herbert Pfeifer

Samstag, 03. März 2018

Seit cirka 9 Jahren gibt es jetzt das Pagan Piper Project. Mittlerweile ist es eine fixe Band, begonnen hat es als offene Plattform, um modernes Heidentum künstlerisch zu beleuchten.

Ständig kamen neue Menschen hinzu, andere gingen wieder, je nach Änderung der Situationen, Vorlieben und Interessen. Manche bleiben lange, über Jahre, andere sind für wenige Songs – oder sogar nur für einen einzigen Song – zu Gast. Im neuen Album ist dieser Wandel, der das Projekt immer begleitet hat, besonders präsent. Wandel ist manchmal etwas Sanftes, Langsames, das auch eine gewisse Konstanz in sich birgt. Und es gibt natürlich den Wandel als plötzliches Ereignis, das ja oft als unangenehm wahrgenommen wird. Wer kennt das denn nicht? Wir wachsen ja alle damit auf.

Vivianne Crowley erschuf 2010 eine Sequenz von Worten, die aus den Inhalten des Buches „The Egyptian Book of the Dead“ zusammengesetzt sind, hierbei handelte es sich um eine Übersetzung von E.A.Wallis, die 1998 veröffentlicht wurde. In dieser Sequenz kommt die magische Abfolge dieser Zyklen des Wandels zum Ausdruck, worin einerseits die Vernichtung durch Veränderung zu spüren ist, aber auch ihre Konstanz, die in sich ein Geheimnis des Lebens birgt. „I am the Phoenix of the living flame, I arise from the ashes of the past. / I am the keeper of the book of things that are and the things that will be. / Eternity is the day. Everlastingness is the night.“ Etliche Jahre später, durch Sigrid Massenbauer, Veronika Kusová, Petra Kociánová und Anna Doubková wurden aus diesen Textzeilen ein Chant erschaffen und zusätzlich mit Damh the Bard, Karen und dem Broomstick Rallye Chor vertont und aufgenommen. Und dieser Chant ist das Herzstück des neuen Albums „Phoenix“ vom Pagan Piper Project.

Wandel drückt sich natürlich nicht nur so aus, er hat viele Gesichter, er hat einen Anfang und ein Ende, er erschafft Angst und Zuversicht, Isolation und Befreiung, Zweifel und Erkenntnis, sowie letztendlich einen Überblick über das Leben im Großen und im Kleinen. Im Song “Starting the Rite“, der bald nach dem ersten Album „The Turning of the Wheel“ entstand, werden schlichtweg die vier Elemente angerufen und der Ritus gestartet. Das hatte seine Wirkung, da in der Band sich zugleich ein heftiger Wandel vollzog. Eine schwierige Zeit. Wie soll es weitergehen? Da kam ein alter Spruch zu Tage, der von Kristina schon vor Jahren gedankenlos auf Papier gekritzelt worden war, und nicht nur die Situation ausgezeichnet beschrieb, sondern auch Hoffnung geben sollte: „Fear is just a mirror in the demon’s eyes.“ Darum herum entstand der Song „Morning Star“. Ein anderes Mitglied der Band hatte sich nach Jahren endlich aus einer schlimmen privaten Situation befreit, und schrieb darüber den Song „Tree of Life“, wo es darum geht, dass unser Lebensweg manchmal wie der verästelte Zweig eines Baumes wirkt, voller Weggabelungen, wo wir uns entscheiden müssen. Manchmal sind diese Entscheidungen besonders schwierig, und man fühlt sich gefangen, aber in Wirklichkeit ist man in jedem Moment frei, das zu tun, das einem nahe steht.

Als die schwierigen Zeiten sich dann zu lichten begannen, entstand aus langen Improvisationen schließlich einer der imposantesten Songs des Albums: „Panta Rhei“, der in sich dann schon eine abgeklärte Einstellung zu dem Auf und Ab der Zeit trägt. Nachdem das alles eigentlich auch immer wieder mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun hat, und dies dann besonders intensiv wird, wenn es um Liebe geht, kamen noch zwei Songs dazu, die mit einem leichten Augenzwinkern das Thema Partnerwunsch aus der heidnischen Sicht beleuchten („I Want a Pagan Man“ und „The Witches‘ Song“).

Und dann kam wieder die Kunst selbst ins Spiel. Die Band hat Kontakt zu vielen Formen des Heidentums und aber auch zu Menschen, die zu mystischen oder heidnischen Konzepten gar keinen Zugang haben. Doch da gibt es für alle ein verbindendes Element, das zudem den Wandel hervorruft: Es ist die Kunst selbst, die Kreativität, die uns hilft, das Gewohnte zu verlassen. Ein sehr alter Song, „Troubled and Sad“ der keinen Bezug zum Heidentum hatte, trug in sich eine Erklärung für die Wirkung in den verschiedensten Traditionen des Heidentums, wo in vielfältiger Art durch Kreativität eine neue Sicht der Dinge geschaffen wird. Und letztendlich in „Hands of Time“ wird rekapituliert, wie man doch immer wieder versucht, „sehend“ oder „erleuchtet“ zu sein, und dann stets auf die Ernüchterung trifft, dass man doch nicht alles sehen kann – oder vielleicht gar nicht will. Aber dafür gibt es eine Erklärung und letztendlich zumindest Anerkennung für den Versuch, der in sich Wert trägt.

Und damit ist das Album zu Ende. Die Geschichte selbst natürlich nicht. Mittlerweile geht es weiter und wir werden sehen, ob es Wandel oder Konstanz ist, oder eigentlich beides ohne klare Grenzen.


Ist es im Heidentum, abseits der Musik hier, nicht auch so? Es wandelt sich stets und jeder von uns hat sein/ihr Lied zu singen. Es ist oft eine Geschichte, die im Laufe der Zeit ein gesamtes Bild malt oder einen übergreifenden Song erschaffen kann. Vielleicht findet die eine oder der andere darin sich wieder. Man probiere es aus, auf 
www.paganpiper.com, auf Facebook oder Youtube, oder auf einer der anderen zahlreichen Plattformen, wo man die Videos des Projekts sehen kann oder die Musik lädt und hört.

Das Begräbnis, geschrieben von XVII

Samstag, 17. Februar 2018

 

Was für ein schöner Tag! Was für ein verdammt schöner Tag. Herrlich…die Sonne!

Die Strahlen werden von den Blättern der Bäume aufgefangen und…und ich hier,

da würde ich doch wirklich lieber Fotos machen oder im Wald spazieren gehen.

Eingang beim Friedhof.

Es sind ganz schön viele Leute hier. Alle in Schwarz.
Also fast alle…Charlotte kann ich da sehen,
die bei den anderen Freunden steht…stilgerecht in Regenbogenfarben gekleidet.

Ich kanns zwar von hier nicht ausnehmen, aber ich bin überzeugt sie hat auch irgendeinen pinken oder grellgrünen Lippenstift.

Ich werde mal langsam zu den anderen rübergehen.

Ah…da…der alte Herr, der die Blätter mit seinem Rechen auf die Seite kehrt…ich glaub das ist der Friedhofswärter. Ich gehe ihm entgegen. Er schaut auf.

-“Jungchen, du auch hier?“

Ja, kenn ich den? Ich bleib bei ihm stehen.

„Jungchen?“

-“Es ist selten, daß jemand von euch hier auch wirklich vorbeischaut.“

„Wie meinen sie das? Es ist doch alles voll hier?“

Ich deute auf die zahlreichen Gäste.

-“Ja, ja, sicher….“

Er zieht eine Augenbraue hoch…und kehrt weiter.

Na, sowas brauch ich…Merkwürdigkeiten.

So, endlich bei den Freunden.

–“Er würd sicher zu seiner eigenen Beerdigung zu spät kommen.“

Das war jetzt Elfie. Ich mag Elfie. Sie konnte wirklich in den schlimmsten Momenten irgendwas daran hübsch oder lustig finden. Gerade eben…sie fängt an zu weinen. Ist wohl nicht so ein Moment. Karl legt seinen Arm um sie.

Ja, genau Karl, gute Gelegenheit sich endlich an sie ran zu machen, du lässt auch echt keine Gelegenheit aus.

„Na, wenigstens kommen wir mal so zusammen, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.“

Ich wollte irgendwie die Stimmung auflockern.

Hans…wiederholt mich fast im Wortlaut.

—“Schön, daß wir wenigstens so zusammen kommen. Wir sehen uns zu selten.“

Das macht er ja gern. Gut, gibt meinen Worten bißchen mehr Gewicht, aber ich konnte so recht diese Art von ihm nicht verstehen. Er gibt einfach gern was von sich, was gar nicht von ihm kommt. Und verkaufts dann als seine Idee. Aber sonst…ich kann nichts sagen, er ist schon ein cooler Kerl, der sonst das Herz auch am rechten Fleck hat. Jeder hat halt so seine Eigenheiten.

Charlotte meldet sich zu Wort…und sie sieht wirklich aus wie ein Vogel aus dem Amazonas…

—-“Wirds nicht…Zeit, daß wir reingehen? Zum Sarg, oder so? Ich mein…wir können hier ja auch nicht ewig…und…es ist ja sowieso unvermeidlich.“

–“Gut, Charlie…gehen wir langsam rein.“

So trotten wir mal Richtung…ja, wie nennt man das eigentlich?
….Aufbewahrungshalle?

Ein Haufen Leute schon da drinnen. Musik spielt.

Oh…sehr cool….so 80er Musik…und Ska! Eine gute Wahl. Würde mir auch gefallen.

Betretene Gesichter. Ich weiß nicht, warum alle bei so Begräbnissen immer so traurig sind.

Ich sag immer…das soll eine Feier sein! Ändern kann mans eh nicht. Und den Zeitpunkt selbst kann man sich doch auch nur selten aussuchen. Eine Feier zu Ehren des Toten.

Die Etrusker tanzten auf den Gräbern…genauso sollte es sein. Eine große Abschiedsfeier und ab und an ein Glas am Grab des Verstorbenen heben…so….genau so.

Na, super…jetzt hab ich die Rede von dem Sprecher voll verpasst, so in Gedanken versunken.

War kurz, sehr kurz offenbar. Ein paar lachen sogar, also muß am Schluß wohl noch ein Witz dabei gewesen sein…ah…Elfie geht jetzt auch vor. Will wohl auch noch ein paar Worte verlieren.

–“Er war schon…ach was soll ich euch sagen, ihr kanntet ihn ja…unzuverlässig, ist am Leben irgendwie vorbeigegangen, hatte kaum Struktur, nie einen ordentlich Job, oder nur kurz…und er war jemand, der dem Leben und dem Lebenssinn nachjagte…stets auf der Suche. Aber er war jemand, dem man alles erzählen konnte…und er hatte nicht nur ein Ohr offen, sondern zwei. Und er half mir immer wieder aus düsteren Lagen und Stimmungen, obwohl ich immer so tat, als wäre ich die Lustige und würde alles locker nehmen. Er hat mich verstanden. Er war einfach ein verdammt guter Freund…den ich sehr vermissen werde und ich wünschte ich könnte ihm sagen wie wertvoll er für mich war. Und ist. Ich hab die Feier heute ja auch organisiert und…wir werden ihm zu Ehren heute feiern! Es dürfen Tränen fließen, keine Frage, aber wir werden unsere Gläser erheben, am Grabe, und werden ein paar Raketen abfeuern. Ich hab alles mit der Stadtgemeinde arrangiert. Also, werte Gäste, keine Bedenken, wir werden ihm zu Ehren ein kleines Feuerwerk abbrennen, so hätte er es sich gewünscht.“

Na, das ist mal ein Begräbnis nach meinem Geschmack. Seeehr cool.

Ich mochte ja Begräbnisse gar nicht. Ich finde auch…man solle ja nicht dann auf einmal meinen, ach ich hätte das und jenes ihm oder ihr noch so gerne gesagt oder mit ihm oder ihr unternommen…pffff…bitte…dann ists doch einfach zu spät. Das Leben leben.

Mit den Leutchen um einen herum.

So…jetzt begleiten wir bereits den Sarg Richtung Grabstätte.

Zum Glück nicht weit…und hier wieder der Friedhofswärter. Laub kehrend.

-“Jungchen, wie findest du` s?“

Wie eigenartig.

„Ja, schön. Wir werden sogar Raketen anzünden. Und am Grab etwas trinken. Wollen sie auch ein Glas?“

-“Ach…ich gehe einfach meiner Pflicht nach. Das Rundherum hier, das ist nicht so meine Sache. Aber feier nur. Hab Freude.“

Wir stehen am Grab. Viele Kränze. Der Sarg ist schon hinuntergelassen worden.

Und tatsächlich Elfie hat schon mehrere Flaschen Sekt stehen, wie zu einer Neujahrsfeier…und teilt Gläser aus.

Und Charlotte…Charlotte fängt auf einmal zu singen an.

Laut. Aber sie kann singen…das kann sie wirklich, der Regenbogenfalter.

Wie schrill…sie singt „Girl from Ipanema“. Sehr cooles Lied.

Es lockert aber wirklich die Stimmung. Ein paar lächeln jetzt sogar.

Und prosten sich gegenseitig zu. Ein paar schütten absichtlich ein bißchen was von ihrem Glas ins Grab. Und murmeln dazu etwas.

Karl richtet das Feuerwerk her. Zisssssssssch….BUMMMMMM.

Man sieht natürlich nicht viel, es ist mitten am Tag…und das hätte ich denen hier sagen können, daß man dafür spezielles Tagesfeuerwerk braucht…welches nicht umsonst so einen Namen hat.

Aber so….auch cool. Ein paar kräftige Farben sind trotzdem zu erkennen.

Endlich mal ein anderes Begräbnis. Nicht so fetzenlangweilig.

Nein…cool.

Der Friedhofswärter nähert sich mir wieder.

-“Ist was besonderes heute. Tolle Freunde. Hat nicht jeder. Das kann ich dir sagen.“

„Ja, es ist echt schön. Gefällt mir.“

-“Es wird aber langsam Zeit.“

Er macht eine einladende Geste….

„Zeit…Zeit wofür?“

Ich verstehe nicht. Schaue meinen Freunden zu….sie lachen nun alle…und witzeln.

Und noch eine gewaltige Rakete, die mit einer Wahnsinnsexplosion eine Fülle an bunten Farben in den Himmel streut. Die letzte Rakete.

-“Kommst du?“

Ellie hat einen großen bunten Luftballon in der Hand…auf dem mein Name steht.

Sie fängt zu reden an…

–“Wir wollen dir noch zum Abschied diesen Ballon gen Himmel schicken. Hab, wie der Ballon…eine tolle Reise…und dort, wo du angelangen wirst, habs gut dort..und, verdammt wir sehen uns wieder. Machs gut. Und…wir werden jetzt hier auf deinem Grab tanzen.“

Sie lässt den Ballon los. Er steigt ganz langsam hoch….alle schweigen.

Bis er nicht mehr sichtbar ist.

Charlotte fängt wieder zu singen an….und ein paar schwingen ihren Körper zunächst dezent im Takt.

Und ja…tanzen dann letztlich sogar. Schön.

Ausgelassene Stimmung…so wie ich es mir gewünscht hätte.

So…wie…

-“Kommst du?“

Er lächelt. Ich beginne zu verstehen. Nein…es ist nicht der Friedhofswärter.

Und ich nicht nur Gast.

„Ja, ich bin soweit.“

Und wir gehen langsam Richtung Ausgang.


Autor: XVII

Bild:  By Whippetsgalore – CC BY-SA 4.0, commons wikimedia

 

Fantasy und Neuheidentum – Teil XIV, geschrieben von Mara

Samstag, 17. Februar 2018

Stephan Grundy: Rheingold (1992)

Der Schriftsteller Stephan Grundy, geboren 1967 in New York, studierte Englische und Deutsche Philologie an der Southern Methodist University in Dallas, Texas, USA. Den 1992 erschienenen Roman Rheingold schrieb er noch während seiner Studienzeit, die er im gleichen Jahr mit einer Promotion abschloss. Stephan Grundy gehörte zeitweise der nicht-rassistischen Asatru-Gruppe „The Troth“ an (deutscher Ableger ist der Eldaring e.V.).

Rheingold, der Erstlingsroman von Stephan Grundy wurde sofort ein internationaler Erfolg. Er erzählt die Geschichte des Heldengeschlechts der Wälsungen, dessen bekanntester Vertreter Siegfried der Drachentöter ist. Seine Quelle ist hauptsächlich die Völsunga-Saga.

Wir erinnern uns: Die Völsunga-Saga war sozusagen die Lieblingssaga von J.R.R. Tolkien. Allein das rechtfertigt eine Beschäftigung. Sie gehört zu den Isländersagas und ist eine Prosaparaphrase der Heldenlieder der Edda, von denen einige verloren gegangen sind.

Besonders interessant finde ich an den Roman, dass er nicht nur die bekannteren Stellen der Siegfried-Sagen erzählt, sondern auch die Vorgeschichte, die 1/3 des gesamten Romans ausmacht.

Rheingold beginnt damit, dass die Götter Wotan, Hönir und Loki auf der Erde wandern, freilich ohne dass die Menschen ihre wahre Natur erkennen können. Da sie Hunger bekamen, tötete Loki einen Otter, der gerade einen Fisch verzehrte. Am Abend kamen sie zum Hof des Bauern Hreidmar, wo sie um Obdach baten. Im Laufe des Abends prahlte Loki mit seinen Jagdkünsten und zeigte das Otterfell herum. Es stelle sich jedoch heraus, dass dieser Otter in Wirklichkeit Otr, ein Sohn Hreidmars war, der seine Gestalt verändern konnte. Hreidmar und seine anderen Söhne verlangten nun ein Wergeld von den Göttern. Das Otterfell, dass jetzt auf Menschengröße angewachsen war, sollte vollständig mit Gold bedeckt werden. Loki konnte dieses Gold beim Zwerg Andvari auftreiben, das dieser in einer Höhle unter dem Flussbett des Rheins versteckte. Schließlich nahm Loki dem Zwerg Andvari auch noch seinen Ring Andvaranaut ab. Andvari verfluchte diesen Ring jedoch, so dass er jedem, der ihn besitzt, den Tod bringt. Dieser Fluch wurde sofort wirksam, denn Hreidmars Sohn Fafnir tötete aus Goldgier seinen Vater, nachdem das Wergeld ausgezahlt wurde. Er raffte alles Gold an sich und schaffte es in eine Höhle im Siebengebirge. Schließlich verwandelte er sich in einen Drachen. Denjenigen Drachen, den Siegfried tötete, womit der Fluch Andvaris auf ihn überging.

In weiteren Kapiteln erzählt Stephan Grundy die Geschichte der Wälsungen, deren letzter Spross Sigfrid war. Besonders ausführlich wird die Geschichte der Wälsungen-Zwillinge Siglind und Sigmund dargestellt. Siglind heiratet aus Gehorsam ihrem Vater Wals gegenüber den skandinavischen Drichten Siggeir, obwohl sie und andere Mitglieder der Familie der Wälsungen ein schlechtes Gefühl bei der Hochzeit haben. Zudem erscheint noch Wotan in der Hochzeitsnacht als geheimnisvoller Wanderer und steckt ein Schwert in den Holzpfeiler von Wals‘ Halle. Damit stiftet er weiter Unfrieden. Denn er verkündet, dass derjenige das Schwert behalten solle, der es aus dem Holz ziehen kann. Das gelingt jedoch nur Sigmund. Als er sich weigert, dieses Schwert an Siggeir zu verkaufen, fühlt sich dieser tödlich beleidigt und sinnt auf Rache. Das ist nur der Auftakt zu einer Reihe von unvorstellbar grausamen Ereignissen, die schließlich dazu führt, das fast das gesamte Geschlecht der Wälsungen ausgerottet wird.

Dann erst erzählt er die bekannte Geschichte Siegfrieds, wie er unter Aufsicht von Regin, einem weiteren Sohn Hreidmars, ein Schwert schmiedet, damit den Drachen Fafnir tötet, Brunhild aus der Waberlohe befreit, in Worms aber Gudrun heiratet, am Hof der Burgunder lebt, von Hagen getötet wird und schließlich das ganze Geschlecht der Burgunder im Lager Attilas, des Hunnenkönigs, untergeht.

Die Völsunga-Saga gilt nicht umsonst als die grausamste Vorzeitsaga überhaupt. Die Sagas wurden ja für Zuhörer einer germanisch-wikingerzeitlichen Kriegeraristokratie verfasst, dementsprechend sind auch die vermittelten Werte. Walse und Sigmund z.B. weichen keinem Kampf aus, selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist, dass sie ihn überleben. Lieber sterben sie heroisch in der Schlacht, denn als Feigling bezeichnet zu werden. Die Aufgabe der Frauen ist es, ihren Vätern zu gehorchen und denjenigen zu heiraten, den sie bestimmen. In der Erzählung von Siglind und Sigmund wird dargestellt, dass sie als Ehefrau von Siggeir zwar ihren Verwandten, insbesondere ihrem Bruder hilft, seinen Mordanschlägen zu entkommen, aber unter keinen Umständen ihr Eheversprechen brechen will. Eher verbrennt sie freiwillig mit ihm in der großen Halle, als dass sie ihn verlassen und zusammen mit Sigmund fliehen will.

Diese Werte sind natürlich für die heutige Zeit völlig indiskutabel und zeigen, dass die germanische Gesellschaft zumindest in ihrer Spätphase ziemlich gewalttätig gewesen sein muss.

Wie ja bereits erwählt, hat Stefanie von Schnurbein auch diesen Roman in ihrem Artikel Kontinuität durch Dichtung von 2009 besprochen. Dass sie sich nicht auf diese martialische Kriegerethik gestürzt hat, auf die sich ja auch die Nazis teilweise bezogen, liegt vermutlich daran, dass sie in der Quelle von Rheingold, der Völsunga-Saga genauso auftaucht. Es wäre aber problematisch und unfreiwillig komisch, den Germanen völkisches Denken zu unterstellen. Deswegen bringt sie vor allem ihre Standardkritik an, also den Versuch, „Blut-und-Bodenrituale“ nachzuweisen. Diese sieht sie vor allem in Beschreibungen von Runenmagie gegeben, so in dieser: „Die Verse leuchteten unsichtbar in der dunklen Luft, und Sigmund spürte durch den Felsen hindurch einen schwarzen Wirbel aufsteigen und in seine Füße dringen, der ihn mit der Erde verwurzelte. Einen Augenblick lang schwebte er zwischen den Himmeln und den Tiefen und blickte in die endlose Weite der Neun Welten.“ (vgl. von Schnurbein 2009, S. 256, sie nennt S. 218 der überarbeiteten Taschenbuchausgabe von Rheingold, entspricht S. 219 der Hardcoverausgabe)

Auch kritisiert sie Anspielungen auf Blutsbande und Wiedergeburten in der Sippe. Ich kann allerdings daran und in den beschriebenen Ritualen nichts erkennen, was einer „artgemäßen Religion“ im völkischen Sinne entsprechen würde.

Sie wirft Stephan Grundy zudem vor, rassistische Stereotypen bei der Charakterisierung von Personen zu benutzen: Siglind und Sigmund haben klare leuchtende Augen, hochgewölbte, blonde Brauen und eine hohe Stirn. Siggeir habe eine Hakennase. Tatsächlich heißt aber es, er hat eine lange, gekrümmte Nase. Diese Beschreibungen tauchen aber nicht mehrfach auf, wie sie behauptet, sondern nur je einmal. Möglicherweise hat Stefanie von Schnurbein recht, es kann aber genauso gut sein, dass sie diese Stellen überinterpretiert hat (vgl. von Schnurbein 2009, S. 257)

In seinen Widmungen dankt Stephan Grundy auch völkischen Neuheiden wie Stephan McNallen (Hinweis von MartinM), obwohl er, wie Frau von Schnurbein zugeben muss, selbst keine völkischen oder rassistischen Positionen vertritt.

Der Titel des Werkes Rheingold ist klar eine Anspielung an den Opernzyklus Der Ring der Nibelungen von Richard Wagner. Dort ist Rheingold nur der Titel des ersten Teils, des Vorspiels. Inwieweit sich Grundy auch inhaltlich an Wagner anlehnt, wie hin und wieder behauptet wird, ist umstritten. Ich kann das so nicht erkennen, allerdings kenne ich auch die Wagner-Opern nicht gut.

Ich denke, Rheingold ist sehr lesenswert, auch wenn ich mit der im Roman und der Saga dargestellten Kriegerethik und teilweise auch dem Frauenbild, insbesondere der Darstellung Siglinds, überhaupt nicht übereinstimme. In diesem Roman wird aber die mythologische Dimension des Siegfried-Stoffes deutlich, die in den meisten anderen Darstellungen nur eine geringe Rolle spielt. Allerdings geht Stephan Grundy nur bis zum Stand der Geschichte im germanischen Heidentum zurück. Heide Göttner-Abendroth hat in Die Göttin und ihr Heros gezeigt, dass der Kern des Siegfried-Mythos auch auf matriarchale, vorindoeuropäische Muster zurückgeführt werden kann (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 261). Aus dieser Perspektive ist die Siegfried-Sage in der Neuzeit noch nie erzählt worden, auch nicht von Diana L. Paxson in ihrer Töchter-der-Nibelungen-Trilogie, die MartinM als eine zeigemäße Version der Siegfried-Saga ansieht. Ich bin nicht so überzeugt. Vielmehr tauchen in diesen Romanen Wiedersprüche und logische Brüche auf. So soll der Altkönig im Taunus Sitz einer germanischen Amazonenorganisation sein, die aber ausgerechnet Wotan, dem obersten männlichen Kriegsgott untersteht. Brunhild hat als Amazone und Walküre einmal einem anderen Stamm als dem von Wotan gewünschten den Sieg geschenkt. Als Strafe wurde sie von ihren Amazonenschwestern auf einem Felsen festgebunden und muss die Vergewaltigung des ersten Mannes erdulden, der vorbeikommt. Das führt wieder zurück auf die Figur der Brunhild in der Völsunga-Saga, aber es wiederspricht dem Bild der Amazonen in der Fantasyliteratur grundlegend. Die Amazone stand immer auch für weibliche Solidarität und für einen Kampf gegen patriarchale Strukturen. Das fällt hier völlig weg. Ansonsten ist die Romantrilogie von Diana L. Paxson eher unmythologisch.

Heide Göttner-Abendroth meint dagegen in Die Göttin und ihr Heros, dass auch die germanischen Amazonen, die Walküren, ihren Ursprung im kämpferischen Widerstand der Frauen des alten Volkes der Megalithkultur gegen die germanischen Eindringlinge haben (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 260). Dafür spricht, dass ursprünglich die Wanen-Göttin Freya als Anführerin der Walküren galt und ihr noch zur Zeit des klassischen Heidentums die Hälfte der Gefallenenen zustand, die in ihrem Palast Folkwang leben. Im Mythos vom Wanenkrieg lebt ja nach einer häufig vertretenen Auffassung noch die Erinnerung vom Kampf zwischen den patriarchalen indoeuropäischen Reitervölkern aus dem Osten und der matriarchalen Megalithkultur. Jan de Vries hält diese Deutung durchaus für möglich, meint aber, dass sie mit einer anderen indoeuropäischen Mythe zusammenfällt, die betont, dass die drei Stände der indoeuropäischen Gesellschaft (Priester, Krieger, Bauern) im Interesse des Ganzen zusammenwirken müssen. Solche Mythen gibt es auch in anderen indoeuropäischen Völkern, so bei den Römern. Hier ist es die Geschichte vom Raub der Sabinerinnen. Allerdings haben wir bei den Germanen ursprünglich sowohl eine soziale als auch eine ethnische Spaltung. Denn die Indoeuropäer bildeten die Herrenschicht und die einheimischen Megalithiker die Bauernschicht. In Patriarchaten blickt die kriegerische Herrenschicht auf die Bauernschaft im Allgemeinen geringschätzig herab, ist sich aber gleichzeitig darüber bewusst, dass sie auf sie angewiesen ist. Dies drückt der Mythos des Wanenkrieges aus, da aber die soziale Spaltung ursprünglich auch eine ethnische war, konnte er gleichzeitig ein lange zurückliegendes geschichtliches Ereignis festhalten (de Vries 1957, S. 208ff).

Besprochener Roman

Stephan Grundy: Rheingold, Frankfurt am Main 1992 (Erstveröffentlichung 1992 unter dem Titel The Rhinegold)

Sekundärliteratur

Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 2011

Stefanie von Schnurbein: Kontinuität durch Dichtung – Moderne Fantasyromane als Mediatoren völkisch-religiöser Denkmuster, in: Uwe Puschner / G. Ulrich Großmann (Hrsg.): Völkisch und National, Darmstadt 2009

Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte, Band II, Berlin 1957

Im nächsten Teil wird der Tiamat-Zyklus von Joan D. Vinge vorgestellt.

Vom Kaffee zum Tee, Autorin Veleda Alantia

Samstag, 10. Februar 2018

Vom Kaffee zum Tee

Sie hatte noch den Geschmack ihres Latte Macchiatos auf der Zunge, als sie sich beeilte um die Bahn zum Park zu bekommen. Das leicht Bittere, was sie nicht mochte hatte sie mit viel Karamell übertüncht. Kaffee war ihre Göttin, doch huldigte sie ihr nie bewusst. Immer nur im Vorbeigehen.

Sie schaffte die Bahn nicht mehr und leise schnaufend glitt sie in den schwarzen Tunnel.

Was sollte sie jetzt tun? Sie könnte sich noch einen Kaffee holen und warten. Oder…

Ein kleines Plakat wies auf ein Teehaus im Stadtpark hin. “Chadô..” las sie laut. ”Dem Weg des Tees folgen.” Einen Weg des Tees? War Tee nicht langweilig und oft so bitter, daß er nur mit viel Zucker zu ertragen war?

Doch etwas bannte ihren Blick darauf und so lief sie los.

Im Gehen bemerkte sie die Natur der Stadt. Grüne Orte und Steinarragements wie bei einem Zengarten. Nur deutlich feiner. Wahrer. Echter.

Der Park war leicht zu finden, immerhin lebte sie schon lange in der Stadt am Fluss. Der Duft von Regen und Flieder und anderen Blüten lag noch in der Luft als sie den Schildern folgte. Immer abgeschiedener wirkte alles..wie aus der Welt gefallen. Ein süßlich bitterer Duft ging von dem niedrigen Häuschen aus.

Der Weg war aus grossen Steinen und sie folgte ihm. Beim niedrigen Eingang, der verhangen war mit kleinen Tüchern, verharrte sie kurz. Was tat sie nur? Ihr Herz klopfte, als störe sie ein heiliges Ritual in einer Kathedrale.

Nur, daß diese Kathedrale aus Ahorn und Fichte, Bambus und Metall bestand. Sie nahm all ihren Mut zusammen und trat hindurch, in das von Dämmerlicht gewirkte erfüllte Räumchen. Eine junge Asiatin bat sie höflichst Platz zu nehmen und sie setzte sich. Um sie herum war eine Fülle an Teegegenständen und Schalen.

Intressiert blätterte sie die Karte durch. Matcha… Sencha…klangen wie ein Singsang in ihr und die Geschichte dazu faszinierte sie sehr.

So bestellte sie sich Matcha und wartete .Gespannt wie bei einer heiligen Feier.

Es dauerte etwas und die Bedienung kam wieder mit einer grossen Schale, einem Besen und einem Pulver, sowie einer Kanne.

Warum war sie hier und nicht bei dem Kaffeegiganten aus München? Sie seufzte und beobachtete wie die andre Frau die Schale behandelte. Mit grosser Sorgfalt rührte sie Wasser und Pulver zusammen bis es giftgrün und schaumig war. Dann, in einer anmutigen Bewegung stellte die junge Frau die Schale vor ihr hin. “Geniesst den Tee und den Moment.” sagte sie wie eine Priesterin.

Ängstlich nahm sie die unebene Schale in beide Hände. Grüne Süße und Bitterkeit erfüllten ihren Mund und weckten ihren Geist.

Alles ist im Chadô enthalten. Eine ganze Schale Menschlichkeit und die Heiligkeit des Alltags.

Nun verstand sie diesen rätselhaften Satz in der Teekarte. Dankbar, daß sie hier hergefunden hatte trank sie andächtig weiter bis die Chawan leer war.

Geschrieben von Veleda Alantia

Bilder: Wikimedia, caffe machiato by Takeaway / Kaffeetassen by Hendrike (1998)

NATuQuTAN – Teil XIII, geschrieben von Magister Botanicus

Samstag, 10. Februar 2018

Eine erweiterte Weltsicht, die zeigen kann, das dieses Universum sich selbst erfahren will und daher die Möglichkeiten einer solchen Erfahrbarkeit schafft – unter ande­rem dadurch, das sich in ihm Lebensformen entwickelt haben, die diese Er­scheinun­gen und Ereignisse untersuchen, über ihre Umwelt reflektieren und darüber mitein­ander kommunizieren.

Wenn ich also nun mit diesem synthetischen Gedanken das vorgestellte Modell der Welt konsequent anwendet, so gibt es die Möglichkeit für wahrscheinlichkeits­verändernde Informationsstrukturen, die nicht zwingend an eine raum-zeitliche, energetisch messbare Struktur gebunden sein müssen. Dies bedeutet, das nicht jedes Lebewesen1 zwingend an seine körperliche Existenz gebunden ist und auch eine Exis­tenz darüber hinaus haben.

Die Konsequenz einer solchen Aussage wäre im nächsten Gedankengang, das jedes Lebewesen auch ein Pedant in Form eines unzerstörbaren Wesenskernes im Sinne einer virtuellen Informationsstruktur unterschiedlicher Komplexität besitzt, welcher von der Raum-Zeit unabhängig existieren kann.

Für einen jetzt lebenden Organismus bindet dieser Wesenskern an eine jetztzeitige Raum-Zeit-Struktur, dadurch kann dieser Organismus mit der Raum-Zeit solange direkt wechselwirken, wie die entsprechende Raum-Zeit-Struktur des Lebewesens existiert. Und je komplexer ein Wesenkern strukturiert ist, desto komplexer kann auch die Raum-Zeit-Struktur konzipiert sein, an welche er sich binden kann.

Selbstverständlich besteht auch die Möglichkeit einer indirekten Wechselwirkung zwischen Wesenskern und Raum-Zeit – also ohne eine feste Anbindung an Raum-Zeit-Strukturen. Und ebenso selbstverständlich können sich mehrere Wesenskerne zu einer komplexeren Informationsstruktur zusammenschließen oder auch direkt miteinander Informationen austauschen.

Für einen Menschen bedeuten diese Schlüsse: der Tod ist nicht das Ende seiner Existenz und die jetzige Zustandsform als lebender Mensch ist nicht notwendiger­weise die Einzige. Es bedeutet aber auch, das Geister, Ahnen, Andersweltebenen mit den dazugehörigen Lebewesen tatsächlich existieren und ein Mensch mit jenen Ahnen, Geistern oder Andersweltlebewesen kommunizieren kann.

Die Frage nach einem Gottesbegriff, die sich notwendigerweise hier stellt, erfährt innerhalb dieses Weltbildes eine Wandlung – und eine andere Antwort, die ebenso einfach wie neutral ist. Es kann durch diese Sicht der Welt weder gefragt werden: „Gibt es einen Gott?“ oder „Gibt es Einen Gott?“, weil diese Frage bereits eine all­umfassende Entität postulieren würde, die sich als allmächtiges und universelles Regulans darstellte, die das Universum und die Welt nach seinem Gutdünken ge­schaffen hat und nun deterministisch geschehen ließe.

Die Frage muss demnach neu formuliert werden und frei sein von dogmatischen Grundideologien der etablierten monotheistischen Religionen: Gibt es eine Entität, welche die Dimensionen der Raum-Zeit und der Dimension Beurteilung der Wahr­scheinlichkeit umfassen könnte?

Nach Heim, Dröscher und Einstein gibt es eine Dimension, innerhalb der alle Ideen (als virtuelle Informationsstrukturen) eines materiell-energetischen Universums ent­halten sind bzw. durch ihre tatsächliche Existenz in der Raum-Zeit neue Ideen durch Kombination, Veränderungen der Wahrscheinlichkeit und den Naturgesetzen ent­stehen können. An der Schnittstelle der Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlich­keit des Auftretens dieser Ideen innerhalb der Raum-Zeit sind jedoch Beeinflus­sungen durch Wesenskerne oder komplexeren Verbindungen von mehreren Wesenskernen möglich.

Diese Erklärung lässt viel Raum für die Interpretation des Begriffes Gott, Göttin oder Götter, denn wenn ein Mensch einen definierten Wesenskern besitzt, kann dieser Mensch selbstverständlich auch ganz individuell Wahrscheinlichkeiten und damit virtuelle Informationsstrukturen beeinflussen – und dies unabhängig davon, ob er gerade an eine raum-zeitliche Struktur angebunden hat oder nicht.

Alleine die pure Vorstellung eines Individuums oder der feste Glaube von Menschengruppen an eine bestimmte, virtuelle Wesenform oder eine vorgestellte, individuelle Gottheit – ob nun anthropomorph oder nicht – kann die Wahrschein­lichkeit ihre Existenz verändern und damit möglicherweise einen weiteren noch nie vorgestellten, individuellen (wenn auch zunächst virtuellen) Wesenkern schaffen – welcher seinerseits eine Individualität besäße und somit Wahrscheinlichkeiten be­einflussen könnte.

Diese Feststellung zerstört in ihrer Konsequenz jede scheinbar universelle, aber sehr anthropozentrische Auffassung von Moral und Ethik und löst einen dogmatisch ausgelegten Gegensatz von Gut und Böse vollends auf, da diese Begriffe für Wahr­scheinlichkeiten nicht anwendbar sind. Gut oder Böse, Ethik oder Moral sind rein menschliche Konstrukte, die je nach Gesellschaftsstruktur frei variabel sind und nur in einem kulturellen Kontext einen Sinn ergeben.

Im universellen Sinne kann es sich bei jenen Entitäten, nach denen in der Frage ge­sucht wurde, nur um Tendenzen handeln, welche im weitesten Sinne als konstruktiv oder destruktiv zu verstehen sind.

Damit wird deutlich, das solche Konstrukte – völlig gleich ob sie von destruktiver oder aufbauender Tendenz seien – keinesfalls die Grundlage einer Religion oder eines Gottesglaubens sein können. Ethik und Moral werden, wie bereits erklärt, nicht von Göttern bestimmt, sondern von Menschen gemacht und konstruiert – und dieses virtuelle Konstrukt kann seinerseits sowohl destruktiv als auch konstruktiv sein.

1 Ich möchte hier als Lebewesen jede organische oder anorganische Form, die im Raum-Zeit-Universum existiert, definieren; diese Lebewesen unterscheiden sich lediglich nach dem Grad ihrer Komplexität.

Ende Teil XIII