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Kemetismus – ist das was für mich?

Samstag, 22. Oktober 2016

Es ist schwer sich für einen Weg zu entscheiden, über den man zumeist nur rudimentäre Kenntnisse hat. Das Augenscheinliche der altägyptischen Kultur und des kemetischen Kults mag noch so attraktiv erscheinen, viele wenden sich nach kurzer Zeit wieder von diesem Weg ab und sind enttäuscht, weil sie völlig andere Erwartungen hatten. Dieser Artikel soll eine Entscheidungshilfe bieten, die natürlich rein subjektiv ist, sich aber dennoch auf die geteilten Erfahrungen anderer Kemeten beruft. Wenn Ihr also nach dem Lesen dieser Worte immer noch beherzt „ja“ zum Kemetismus sagen könnt, dann seid ihr hier vermutlich genau richtig. Wenn Ihr einen anderen Weg als den Euren anseht, ist dieser nicht weniger richtig und vielleicht kann Euch der Kemetismus dann zumindest die ein oder andere wertvolle Inspiration bieten. Denn die Entscheidung zu diesem Weg liegt letztlich bei jedem selbst. Es gibt weder ein verbindliches Glaubensbekenntnis noch eine Verpflichtung ihn zu gehen. Die Entscheidung ihn zu gehen fällt jeder ganz allein für sich und täglich aufs Neue.

Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato
Pyramiden von Gizeh, Wikimedia Commons, Foto: Ricardo Liberato

Anfänge

Die Gründe, warum Menschen plötzlich den Wunsch haben Kemetismus zu praktizieren sind sehr unterschiedlich. Sehr häufig ist es eine der bekannteren ägyptischen Gottheiten wie Isis, Horus oder Ra, die einen in ihren Bann gezogen haben. Oder es ist einfach die Faszination für die altägyptische Kultur an sich. Viele Leute finden auch über die stark ägyptophile Ritualmagie ihren Weg in den Kemetismus.

Ehe man beginnt, sollte man sich mit einigen wichtigen Merkmalen der altägyptischen Religion und der kemetischen Praxis befassen und sich ausreichend Zeit nehmen zu prüfen, ob man wirklich bereit ist diesen Weg zu gehen.

Unterschiede zum mitteleuropäischen Heidentum

Was den Kemetismus von anderen heidnischen und neuheidnischen Traditionen besonders hier in Mitteleuropa unterscheidet ist das unglaublich dichte Informationsspektrum. Während man im nordischen Heidentum mühsam seinen spirituellen bzw. religiösen Weg aus wenigen Quellen heraus interpretieren muss, ist die altägyptische Kultur äußerst gut und umfangreich belegt. Möchte man einigermaßen authentisch praktizieren, fehlt also im Gegensatz zum hiesigen Heidentum ein ganz entscheidendes Merkmal, das vielen spirituell interessierten eigentlich am Herzen liegt: der Raum für die eigene Intuition und Kreativität. Gerade zu Beginn des kemetischen Weges kann es sinnvoll sein die eigene Interpretation hinsichtlich Weltanschauung oder Ritualistik äußerst sparsam einzusetzen um erst einmal ein Gefühl für die authentische überlieferte Tradition und deren Inhalte als solche zu entwickeln und so eine solide Basis bestehend aus mythologischem Wissen und kultischen Grundlagen zu festigen. Kemetismus ist traditionell, das liegt nicht jedem, vor allem dann nicht, wenn man auf der Suche nach einer spirituellen Praxis ist, die flexibel und frei interpretierbar ist.

Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-
Christ Church Library, Oxford, Wikimedia Commons, Foto: -JvL-

Freud und Leid der Literatur

Eine weitere Herausforderung stellt die Art der Literatur über das alte Ägypten dar. Zusammenfassend kann man sagen, dass sie äußerst gespalten ist. Auf der einen Seite finden sich leicht zu lesende ausschweifende und passionierte Werke, die hauptsächlich im Bereich des New Age und der Esoterik anzusiedeln sind. Von Theorien über die außerirdische Herkunft der altägyptischen Götter, über Channeling Botschaften und Einweihungen verschiedener Gottheiten bis hin zu einem phantasieriechen Göttinnenkult um Isis finden sich eine Menge blumige Schriftwerke mit leider sehr dünnem und teilweise fehlerhaftem sachlichem Inhalt.

Auf der anderen Seite bietet die ägyptologische Fachliteratur sehr wenig Informationen für den Laien an und schon gar nicht für religiös Praktizierende, man muss also schon fast ein halbes Ägyptologiestudium auf sich nehmen um sich einen einigermaßen authentischen Überblick zu verschaffen und praktikable Rituale abzuleiten. Literatur zum eigentlichen Kemetismus ist weitestgehend auf Englisch, da die amerikanische Szene in dieser Hinsicht um einiges ausgeprägter ist und bereits seit den 80er Jahren in stetiger Entwicklung ist. Neben Büchern, stehen zahlreiche Blogs, Websites und social media Gemeinschaften zur Verfügung, die einen großen, dynamischen und diskussionsfreudigen Pool an unterschiedlichsten Infos bieten. Englische Sprachkenntnisse sind daher von großem Vorteil. Inzwischen gibt es im deutschen Sprachraum wenige hochwertige virtuelle Informationsquellen zum Thema Kemetismus. Dies hat sich u.a. auch diese Seite zum Ziel gemacht.

Tägliche Kultpraxis

Über eines sollte man sich als im Klaren sein, wenn man sich dem Kemetismus widmen möchte: für diesen Weg braucht man Zeit, Geduld und Beständigkeit. Ein typisches Merkmal der kemetischen Praxis ist ihre Regelmäßigkeit und weniger ihre prunkvollen Rituale. An dieser Beständigkeit scheitern sehr viele. Wenn man erwähnt, dass tägliche Opferrituale keine Seltenheit sind, dann kommt schon mal die verwunderte Gegenfrage „Wirklich jeden Tag?“. Ja, wirklich jeden Tag.

Der altägyptische Kult hatte eine sehr wichtige mythologische Bedeutung. Er war darauf ausgerichtet die vielen verschiedenen ineinandergreifenden Zyklen der Schöpfung in Gang zu halten. Den Lauf der Sonne, die jährliche Wiederkehr der Nilflut, die Zyklen der Landwirtschaft, den Wechsel von Nacht und Tag usw. Durch den Ritus bindet sich der Mensch als spirituelles und natürliches Wesen in diesen Lauf der Schöpfung mit ein, nimmt daran Teil und bewirkt ihn letztlich. Der Kult ist also nicht nur Dienst an den Göttern und Ausdruck ihrer Verehrung, es ist auch eine praktische Bewusstseinsschule um sich auf die kemetische Weltanschauung auch im täglichen Leben ganz und gar einzulassen.

Der tägliche Aufwand muss nicht übermässßg groß, aber dennoch regelmäßig sein. Man tut also gut daran ein tägliches Maß zu finden, dass man einigermaßen leicht über mehrere Monate hinweg durchhalten kann.

DSC_0370Tägliche Opfergaben, Foto: Sat-Ma’at

 

Das Kalenderproblem

Hinzu kommen eine schier unerschöpfliche Zahl an Feiertagen und Festen, deren korrekter Zeitpunkt heutzutage nur noch schwer zu rekonstruieren ist, weil der altägyptische Kalender zum einen anders strukturiert ist und sich aufgrund der zeitlichen Ferne der altägyptischen Kultur Zeitrechnungsfehler eingeschlichen haben, die zu einer nicht unerheblichen Verschiebung der Feiertage geführt habe. Auch die geographische Lage Ägyptens im Gegensatz zu der in Mitteleuropa spielt eine große Rolle bei der Berechnung verschiedener astronomischer Ereignisse. Wikipedia liefert aber trotz allem einen relativ guten Überblick über die verschiedenen Festtage und größere Tempel in USA verfügen teilweise über einen eigenen Kalenderlauf, der auch für freie Kemeten erhältlich ist.

Canis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert), Wikimedia Commons, Bild: Michelet BCanis Major, Canis Minor, Orion & Lepus (animiert),
Wikimedia Commons, Bild: Michelet B

Göttinnen und Götter

Die Göttin Isis, der Sonnengott Re, die musikalische Hathor, der falkengestaltige Horus oder die Katzengöttin Bastet sind weit über die altägyptische Tradition hinaus bekannt. Häufig werden sie auch innerhalb völlig anderer Traditionen verehrt. Viele die sich für den Kemetismus zu interessieren beginnen, finden über diese Gottheiten ihren Weg. Die altägyptische Kultur hat aber unendlich viele Gottheiten, mindestens 1.500 sind namentlich belegt, die teilweise natürlich nicht minder wichtig sind als die allseits beliebten und bekannten. Es ist sehr lohnend sich auch mit den weniger bekannten zu beschäftigen, ehe man sich einer bestimmten zuwendet, da sie oft tragende Rollen in der Mythologie spielen und es wichtig ist ihre kosmologische Aufgabe zu verstehen. Dennoch wird man natürlich schwerlich alle kennenlernen können. Die meisten Kemeten enden bei etwa 2-3 Gottheiten um die sie einen intensiveren Kult praktizieren und vielleicht 4-5 weitere für die sie eine sporadische Praxis betreiben und schätzungsweise weitere 10 die eher unter die Kategorie „bekannt“ fallen ohne explizite Praxis. Natürlich wird man dafür abermals viel Zeit, Geduld und Motivation aufbringen müssen.

Egyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor
Ägyptische Götter und Göttinnen, Wikimedia Commons, Foto: Gryffindor

Der Erhalt der Ma’at

Auch steht der Götterkult im Kemetismus durchaus nicht so stark im Vordergrund wie es scheint. Der wichtigste Aspekt ist die Einhaltung eines ungeschriebenen ethischen Codex, die gleichbedeutend mit der kosmischen Weltenordnung ist, nämlich die sogenannte Ma’at. Dabei handelt es sich um ein gesellschaftliches Ideal gegenseitiger Unterstützung und sozialen Bewusstseins, dass die eigentliche Grundlage des Kemetismus bildet. Ein soziales Prinzip geradzu altruistischer Ideale in einer Welt der Ellbogenmentalität zu leben, deren Erfolgskonzept der blanke Narzissmus ist, kann zu einer psychischen Zerreißprobe werden. Dessen sollte man sich unbedingt bewusst sein.

Außenseiter und manchmal Feindbild

Ein leidiges Thema, dass hier bereits mehrfach angedeutet wurde, ist die Situation für den Kemetismus in Deutschland. Er ist bis auf wenige einzelne Ausnahmen so gut wie nicht vorhanden. Das hiesige Heidentum versteht sich in erster Linie als Wiederbelebung der prächristlichen deutschen Religionsgeschichte, die daher meist das Germanentum und zum Teil vielleicht das Keltentum umfasst. Verschiedene neopagane Strömungen wie Wicca, Hexentum oder Schamanentum stehen oft in enger Verwandtschaft zu den nordischen Traditionen, so dass man sich als Verehrer der altägyptischen Götter auf eine wahrhafte Exotenrolle einstellen darf. Auch gibt es vereinzelt durchaus Feindseligkeiten gegenüber der zivilisierten Hochkultur der Ägypter, die mit ihrem schillernden Pharaonentum, dem ausgefeilten Staatswesen und den beeindruckenden Prunkbauten in starkem Kontrast zu der naturnahen Tradition nordischer und germanischer Völker steht. Die Parallelen der altägyptischen Theologie zur frühchristlichen, die sich insbesondere im koptischen Christentum manifestiert, sorgt vereinzelt auch dafür, dass man als Kemet zum „Heidenfeind“ und „Christenfreund“ erklärt wird und damit der kollektiven Christentumsverdrossenheit der mittel- und nordeuropäischen Heiden widerspricht. Man muss sich also wohl oder übel auf einen einsamen Weg gefasst machen, der mitunter auch von Anfeindungen geprägt sein kann.

Immer noch interessiert?

Wer also mit einer weitgehend selbstständigen Praxis, die Literaturrecherche, Hingabe und eine gewisse Akribie erfordert gut zurecht kommt, erfüllt schon mal die wichtigsten Voraussetzungen Kemetismus zu praktizieren. Wer auf die Enthüllung abenteuerlicher Weltengeheimnisse und Verschwörungstheorien hofft und sich nach göttlich-magischen Einweihungen sehnt wird jedoch sicher bald enttäuscht sein.

Eins kann man getrost versprechen, es wird sicher nie langweilig und es gibt immer wieder neues und beeindruckendes zu erfahren. Die altägyptischen Religion ist trotz ihres Prunks und ihrer hochentwickelten Ritualistik immer noch im Kern eine Natur- und naturverehrende Religion mit animistischen Grundzügen, die die täglich erlebte Welt tief zu verzaubern vermag. Die täglichen Rituale werden schnell zur Gewohnheit und ermöglichen ein intensives Erleben kosmischen Eingebundenseins ganz ohne die notwendige Bodenhaftung zu verlieren. Sie sind ein starkes Band zu unseren Göttern die dadurch sehr präsent und unmittelbar erfahrbar werden.

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Schreingrundlagen in der kemetischen Praxis

Samstag, 02. Juli 2016

Ein zentrales Element der kemetischen Praxis bildet der Schrein. Er dient als heiliger Ort, private Kultstätte und magischer Arbeitsplatz.

Um die Bedeutung dieses heiligen Ortes besser zu verstehen, ist es sinnvoll sich mit dem Begriff „Idolatrie“ zu befassen. Für viele, die in einem christlichen Umfeld aufgewachsen sind, ist es mit ambivalenten Gefühl besetzt Bilder oder Statuen zu beherbergen, Kultorte zu unterhalten bzw. Kultgegenstände zu verwenden.

mein Hauptschrein (Foto von Sati)

mein Hauptschrein (Foto: Sati)

Manchen ist es sogar eine willkommene „Ausrede“ keines dieser Dinge zu benutzen, was streng genommen ganz und gar unkemetisch wäre. Das biblische „Du sollst Dir kein Bildnis machen.“ geistert noch in vielen Köpfen herum. Gerade aber für die kemetische Tradition kann man diesen Grundsatz ins genaue Gegenteil verkehren, nämlich „Du SOLLST Dir ein Bildnis machen – am besten sehr viele Bildnisse, je mehr desto besser“. Im Kemetismus sind Statuen, Bildnisse, ja sogar Schriften Träger göttlicher bzw. vergöttlichter Entitäten. Das Bildnis wird wie die jeweilige Gottheit selbst behandelt und bedarf dementsprechender Riten und Gebräuche – und vor allem natürlich seinen eigenen geschützten Raum.

 

Hathor Schrein (links) Bienen-Schrein (rechts) (Foto: Sati)

Hathor Schrein (links) Bienen-Schrein (rechts) (Foto: Sati)

Häufig werden die Begriffe „Schrein“ und „Altar“ synonym verwendet, ihre Bedeutung unterscheidet sich jedoch etwas. Besonders im Kemetismus ist eine Differenzierung dieser Begriffe sehr sinnvoll, daher zunächst eine kleine Erläuterung:

Schrein

Ein Schrein (lat. Scrinium) ist aus kunsthistorischer Sicht ein (meist verschließbarer) Behälter, z.B. ein Möbelstück oder sogar ein kleines Gebäude zur Aufbewahrung heiliger Reliquien oder Aufenthaltsort göttlicher Wesen selbst. Er dient in erster Linie dem Schutz derselben, sowohl vor ganz weltlichen Bedrohungen, wie Beschädigung, Diebstahl oder Umwelteinflüssen, aber impliziert auch gleichzeitig eine Trennung von weltlicher Sphäre und göttlicher Sphäre, die im wahrsten Sinne des Wortes „erschlossen“ werden muss. Als solches ist bereits das Öffnen/Aufschließen des Schreines eine kultische Handlung, die mit mehr oder weniger feierlichem Aufwand ausgeschmückt werden kann. Manche Schreine haben zu diesem Zweck sogar mehrere „Schichten“. Im weitesten Sinne kann man tatsächlich auch die Tempel als eine Art Schrein verstehen, denn auch sie dienen dem Aufenthalt und dem Schutz der göttlichen Wesen.

 

Statue der Göttin Selket

Statue der Göttin Selket (Foto: Sati)

Im alten Ägypten als „Reput“ bezeichnet galt der Schrein auch als das „Innere des Himmels“ und ist als solches bereits aus frühdynastischer Zeit belegt. Reput heisst wörtlich übersetzt auch Sänfte und bezieht sich auf einen ehemals tragbaren Schrein. Prozessionen waren fester Bestandteil der kemetischen Kulttradition und die Statuen der Götter – die Träger des göttlichen Geistes selbst – wurden dabei mit ihrem schützenden Schrein nicht selten durch das ganze Land getragen.

Altar

Das Wort „Altar“ leitet sich vom lateinische alta ara ab und bedeutet „hochgelegene Opferstätte“. Damit wird schon ein Unterschied zum Schrein deutlich, denn der Altar dient nicht der Aufbewahrung von heiligen Wesenheit und Dingen, er dient den kultischen Opferungshandlungen der Menschen in Verehrung für die Gottheiten. Wortverwandtschaften mit dem lateinischen adolare (=verbrennen) stellen auch einen Zusammenhang mit den recht häufig verwendeten Brandopfern dar. Der hebräische Begriff mizbeach, also „Schlachtstätte“ deutet auf die oft dargebrachten Tieropfer hin. Ein Altar ist häufig ein Tisch oder eine Fläche auf der entsprechende Kulthandlungen ausgeführt werden. Der Altar kann entweder selbst Unterlage der Opfergaben sein, er kann aber auch über eine Opferschale verfügen.

In der Praxis sind diese beiden oft Begriffe nicht so scharf voneinander getrennt. Schrein und Altar treten kombiniert auf, mal dient der Altar selbst auch als Schrein, indem die Kultgegenstände dort einfach nur aufgestellt werden, manchmal mag auch ein Schreininneres als magischer Arbeitsplatz gelten. Je nach Möglichkeiten und nach persönlichen Vorlieben mag man vielleicht die Prioritäten unterschiedlich setzen. Man kann durchaus auch mehrere Einzelschreine im Haus verteilt errichten und nur einen Altar der völlig getrennt von den Schreinen steht. Oder aber man fasst alles zusammen und bringt es in einem geeigneten Möbelstück (Kommode, Schrank, Sekretär o.ä.) unter.

Schrein für den Totengott Sokar (die Statue wird nur zur Zeit der Sokar-Mysterien enthüllt und ist ansonsten das ganze Jahr verhüllt)

Schrein für den Totengott Sokar (die Statue wird nur zur Zeit der Sokar-Mysterien enthüllt und ist ansonsten das ganze Jahr verhüllt) (Foto: Sati)

Kultfigur/Statue

Die Statue hat in der kemetischen Religion wie eingangs erwähnt eine große Bedeutung. Inzwischen gibt es erfreulicherweise viele Bezugsquellen für sehr schöne Statuen aus Kunststein. Stein hatte im Alten Ägypten eine tiefe Symbolik der Ewigkeit und Beständigkeit, daher ist die Verwendung von Steinstatuen der Verwendung von anderen Materialien sicherlich (wenn möglich) vorzuziehen. Für den Anfang kann man jedoch auch ohne weiteres auf ein einfaches Bild zurückgreifen. Allein die Herstellung eines solchen Bildes kann in sich schon als heilige, ehrende Handlung durchgeführt werden.

Meine Wenigkeit beim Schrein-Ritual :)

Meine Wenigkeit beim Schrein-Ritual :) (Foto: Sati)

Kultgegenstände

Die Kultgegenstände orientieren sich in erster Linie an der persönlichen Praxis. Wer viel magisch arbeitet, benötigt andere Gegenstände als jemand der eher eine meditative Herangehensweise an die kultische Tradition hat. Opferschale, Kerzenhalter und Räucherschale darf man jedoch durchaus zur „Basisausrüstung“ zählen, denn Opfergaben, Kerzenlicht und Räuchern gehören zu den häufigsten Bestandteilen ritueller Handlungen. Andere Kultgegenstände können besonderer Ritualschmuck, Dolche, Schwerter, Messer, Ritualkleidung, Bücher mit Sprüchen und Hymnen usw. sein.

Reinheit

Reinheit ist ein sehr wichtiger Aspekt im Kemetismus. Das gilt natürlich auch für den Schrein, Statuen und Kultgegenstände. Wolle galt von je her als kultisch unrein, daher empfiehlt es sich im Schreininneren darauf zu verzichten. Es gibt zwar keine feststehende Regel dafür, jedoch verzichten die meisten auch weitestgehend auf Plastik und auf Kunstfaser. Im Alten Ägypten fand Leinen sehr häufig Verwendung, wer es also sehr authentisch halten möchte kann sich bei textilen Schreinelementen an Leinen halten. Ansonsten ist die Verwendung von pflanzlichen Naturfasern, wie Baumwolle oder Viskose bestens geeignet. Bei Seide ist natürlich zu bedenken, dass es sich im Grundsatz auch um ein tierisches Produkt handelt, auch Leder fällt unter diese Rubrik. Dennoch können unterschiedliche Fetische tierischen Ursprungs, wie etwa Knochen, Hörner u.ä. wiederrum kultisch von Bedeutung sein. Regelmäßige Reinigungsrituale sollten unbedingt in die kultische Praxis miteinbezogen werden. Zur Reinheit gehört natürlich auch, dass der kemetisch Praktizierende auch die eigene Reinheit nicht außer Acht lässt (siehe „Rituelle Reinheit“)

Schrein für den Gott Seth (Foto: Sati)

Schrein für den Gott Seth (Foto: Sati)

„Shrine-mania“

Abschließend möchte ich noch einige persönliche Worte zum recht verbreiteten „Schrein-Wahn“ hinzufügen. Im Internet kursieren natürlich unzählige Bilder von atemberaubend schönen und aufwendigen Schreinen, die einen geradezu in Bewunderung erstarren lassen. Wahre Kunstwerke und Prunkstätten gibt es da vielerorts zu bewundern. Natürlich ist der Schrein kreativer Ausdruck der persönlichen Götterverehrung, jedoch möchte ich hier ein wenig zur Vorsicht raten, sich allzusehr ins Gestalterische zu verlieren. Mögen die Bildnisse noch so eine hohe Bedeutung in der kemetischen Religion habe, sie sind nicht ihr zentrales Wesen. Wer also knapp bei Kasse ist oder nicht so sehr mit gestalterischen Fähigkeiten gesegnet, aber dennoch mit Liebe und Hingabe einen einfachen kleinen Schrein einrichtet und diesen mit Beständigkeit pflegt und nutzt, findet ebenso die Gunst der Götter, wie die versierten „Schreinkünstler“. Was zählt, ist die Intention den Göttern einen beständigen Platz im eigenen Leben zu schenken und diesen mit Beständigkeit zu hüten – und der Schrein ist damit letztlich nur Abbild des Raumes im eigenen Herzen.

Offener Schrein für mehrere Gottheiten (Foto: Sati)

Offener Schrein für mehrere Gottheiten (Foto: Sati)

Es war nur eine Phase?!, Teil II

Samstag, 13. Februar 2016

Hinderliche Glaubenssätze

Ich muss schön brav und angepasst sein … Wer Fragen stellt ist dumm und kennt sich nicht aus …

Ich bin nicht so intelligent … Ich musste mich schon immer viel bewegen …
Es gibt in jedem von uns zig Glaubenssätze, die uns und unsere Weltsicht gestalten. Dazu gehören die selfulfilling prophecies (wenn ich davon überzeugt bin bei Glatteis wenig Chance zu haben unbeschadet aus dem Haus zu kommen, dann ist es wesentlich wahrscheinlicher auszurutschen als wenn ich locker und gemütlich meines Weges gehe) ebenso wie ich mir durch andere Glaubenssätze, wie z. B. „Erst die Arbeit, dann das Spiel“ das Leben erleichtern kann.

Trotzdem hat jeder Glaubenssatz, so viele Vorteile er auch bringen mag, seine Nachteile. Wichtig ist das deshalb, weil eben genau diese Glaubenssätze auch unser tägliches Handeln beeinflussen. Sie verschaffen uns vielleicht kurzfristig Erleichterung aber sie schränken uns auch ein. Wenn ich – egal unter welchen Umständen – zuerst meine Arbeit erledige und dann erst vergnügt sein darf, dann wird mich das auf die Dauer einschränken. Einfach deshalb, weil es durchaus Situationen geben wird, bei denen das Feiern wesentlich sinnvoller wäre, als eine angefangene Arbeit zu erledigen.

Wenn Spiritualität im Leben eine Rolle spielen soll, dann entsteht dadurch meist auch ein gewisser Änderungsdruck, weil sich die Persönlichkeit mitverändert, respektive mitverändern sollte. Wenn aber unbewusste Glaubenssätze im Weg stehen, dann fruchten die größten Anstrengungen auf Dauer nichts und man bleibt wo und wer man ist und war.

Die Lösung für dieses Dilemma ist, sich selber gut zuzuhören. Jeder Spruch, den wir öfters benutzen, jeder „Sager“ der für uns typisch ist, jede Floskel ist es wert hinterfragt zu werden. Es sagt etwas aus! Warum wir gerade DAS in unserem Repertoir haben, sagt etwas über die eigene Weltsicht. Dasselbe gilt für „kluge Sprüche“, die uns ansprechen. Es lohnt sich, nach dem Warum zu fragen … Ein Abklopfen ist nötig, auf die Vor- und Nachteile, die diese oder jene Einstellung mit sich bringt.

Auch hier ist es sinnvoll sich der Dinge, die mensch so von sich gibt bewusst zu sein und auch der eigenen Motivationen dazu. Sich die ganze Zeit zu kontrollieren oder gar Floskeln „einzustudieren“, die dem gewünschten Selbstbild entsprechen, ist sicher nicht flächendeckend sinnvoll.

Gewohnheiten

Gewohnheiten haben ungefähr dieselbe Auswirkung wie Glaubenssätze. Auch sie können unser Leben genauso gut erleichtern, wie in bestimmten Situationen, erschweren. Wenn Gewohnheiten also mit der Suchen nach Spiritualität oder noch viel öfter, dem Praktizieren eben dieser, quer laufen, dann gewinnen meist die Gewohnheiten, sobald die Faszination des Neuen nachlässt.
Auch wenn die Energie schwach ist, einem einmal alles zuviel wird oder sich schlichtweg eine Krankeit eingeschlichen hat, wird dann das an Tun überbleiben, das wirklich etabliert ist und für einen selber unabdingbar nötig erscheint. Alles Unnötige, so sinnvoll es auch wäre, wird dann wegfallen. Deshalb macht manch einer Ingwerfußbäder bei Migräne und ein anderer schluckt Tabletten. Das hat nicht unbedingt mit Intelligenz oder Einstellung zu tun sondern sehr oft viel mehr mit Gewohnheit in Verbindung mit Schmerzen (also Stress).

Die Lösung dafür wäre, jetzt nicht ganz neu, sich dieser Gewohnheiten erstens bewusst zu werden und zweitens sie danach zu untersuchen ob und wie sie sinnvoll eingesetzt werden können. Wenn ich immer zur selben Zeit meditiere, wird eben auch das mit der Zeit Gewohnheit. Auch hier liegt der praktikabelste Weg für mich in der Mitte. Einige (sinnvolle) Gewohnheiten erleichtern das Leben ungemein. Ein absolutes Gewohnheitstier zu sein ist eher hinderlich, weil das Leben Unwegsamkeiten mit sich bringt und dann ein Bruch der alten Gewohnheiten eine zusätzliche Belastung darstellt.

Zum Etablieren von Gewohnheiten lege ich noch Augenmerk auf Belohnung. Im Idealfall ist das Ergebnis dessen, was ich tue schon die Belohnung. Wenn ich schlecht einschlafen kann, dann hilft mir ein kleines Einschlafritual dabei, schneller und entspannter einschlafen zu können. Die Belohnng ist das Einschlafen selbst. Bei Dingen wie Konditionstraining z. B. ist die Sache dann ein wenig langfristiger. Da brauchts dann oft noch eine Ecke mehr an Bewusstsein, was ich da tue und was ich als handfeste Belohnung dafür kriege. Wer aufhören will zu rauchen, wird sich einen Kampf mit seinen Gewohheiten liefern müssen. Wer sich das nicht vorstellen kann, der nimmt das Beispiel „Abnehmen“ oder „Laufen“ …

Schwaches Durchhaltevermögen

Wir investieren täglich Massen an Energie, Zeit und Anstrengung um unseren beruflichen, privaten und sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Eine Lebensänderung anzustreben – und nichts anderes ist gelebte Spiritualität für mich – erfordert zusätzlichen Aufwand. Wer das nicht von Anfang an mit einkalkuliert, der wird erschöpft auf dem Weg liegen bleiben und nirgendwo ankommen.
Mit einem Kleinkind die eigene Spiritualität zu leben geht durchaus, wenn ich das vor der Schwangerschaft auch schon getan habe. Dann habe ich schon vorher mein Leben darauf abgestimmt, meine Lebenseinstellung gefunden und meine Lebenssicht gefestigt. Die Zeit einer Schwangerschaft reicht dafür, in meinen Augen, einfach nicht aus. Die Schwangerschaft selbst bringt schon unendlich viele Veränderungen mit sich, dann selbst auch noch an sich rumzuschrauben ist eine Herkulesaufgabe. Natürlich ist alles möglich, empfehlen würde ich es trotzdem nicht. In der Kleinkindphase damit anzufangen halte ich für völlig illusorisch. Wenn ich gerne Spanisch können möchte, dann macht es auch eher wenig Sinn, im Stillzimmer der Geburtsklinik damit anzufangen … und da handelt es sich „nur“ um lernen (also lesen, schreiben und zuhören) und nicht auch noch um gelebte Praxis.

Damit ist das schwache Durchhaltevermögen eigentlich auch ein Teil der unrealistischen Vorstellungen aber nicht nur. Es gibt ja durchaus auch Lebenssituationen, die so viel an Energie verschlingen, dass für eine Neuorientierung kein Platz mehr bleibt. Wie gesagt, alles ist möglich und es hat schon Schwerstkranke gegeben, die noch den Priesterweg eingeschlagen und erfolgreich begangen haben – bis zu ihrem Tod. Wenn ich es mir aussuchen kann, dann würde ich es mir allerdings anders wünschen.

Persönliche Bugs

Ein Thema, das naturgemäß ein breites Feld bieten kann, persönliche Eigenheiten und Charakterprobleme. Deshalb will ich das hier nur kurz erwähnen, weil es meinem Geschmack nach, viel zu sehr in den Mittelpunkt gestellt wird. Encoutergruppen haben durchaus ihren Sinn, aber gerade im Bereich der Spiritualität sollte das Praktizieren genau dieser, der Spiritualität, im Mittelpunkt stehen und alles andere untergeordnet sein oder werden.
Wenn ein Raucher in einer Nichtrauchertrommelgruppe schamanisieren will, dann wird entweder die Gruppe entscheiden müssen, ihm im gemeinsamen Kontext das Rauchen zu verbieten, der Raucher wird eventuell auch von allein das Rauchen im gemeinsamen Kontext bleiben lassen oder alle werden mit dem Rauch leben müssen. Genauso sehe ich das mit Charakterproblemen auch. Wenn ich ständig eine Extrawurst gebrachten brauche, um mir meiner eigenenWichtigkeit bewusst zu sein oder ununterbrochen (bewusst oder unbewusst) in Wettstreit trete (ich kann aber länger meditieren, habe buntere/gefährlichere/echtere/folgenreichere Geistreisen, etc pp) um mich selber bestätigt zu fühlen, oder oder oder. Das alles sollte als Bug durchaus wahrgenommen werden dürfen und dann ist es an jedem selber zu entscheiden, worum es ihm denn wirklich geht.

fb Fundstück

Die Lösung dafür ist genauso vielfältig, wie es die Bugs sind. Was auf jeden Fall nicht schaden kann ist Wahrnehmung, Reflexion und vor allem Ehrlichkeit.

Es war nur eine Phase?!, Teil I

Samstag, 06. Februar 2016

Gerade im Neuheidentum fällt mir das rasch wechselnde Publikum (und der eigentlich sehr kleine Kreis an konstant Praktizierenden) immer wieder auf. Diesmal beleuchte ich – wie immer aus meinem Blickwinkel – ein wenig das „Warum“.

In den knapp 10 Jahren in denen ich im öffentlichen Bereich des Heidentums viel aktiver als heute war, ist mir eine Erscheinung besonders aufgefallen. Ich hab sie damals Phasenheiden genannt. Das waren besonders junge Leute, auf der Suche nach „ihrer Spiritualität“. Vorausschicken möchte ich , dass ich das durchaus als Anrecht der Jugend (de facto eines jeden Menschen) ansehe, sich auszuprobieren und nach dem eigenen Platz zu suchen. Dazu gehört natürlich auch, die unterschiedlichsten Dinge anzufangen um feststellen zu können, ob mensch damit zufrieden und glücklich werden könnte oder eben nicht. Dass gerade im Heidentum so viele beim „oder eben nicht“ enden hat mich immer etwas gewundert. Vor kurzem hat mir eine Managementwerbung, die mir auf facebook ins Profil geflattert kam, die Idee einer vielleicht sinnvollen Herangehensweise vor Augen geführt. Fünf Punkte, die durchaus wert sind ein paar Gedanken daran zu verschwenden! Was ich besonders witzig fand war der Zeitplan, den dieses Managementinstitut für neu gegründete Betriebe und deren Überlebensrate erstellt.

  • Es braucht 1 Jahr tiefgreifender Auseinandersetzung, um in den Top 60% eines Lebensthemas zu sein.
  • Es braucht 2 Jahre für die Top 50% (die Lernkurve flacht ab)
  • Es braucht 3 Jahre für die Top 30% (hier beginnst du etwas Geld mit deiner Leidenschaft zu verdienen)
  • Es braucht 4 Jahre für die Top 10-20% (hier beginnst du richtig Geld zu verdienen)
  • Es braucht 5+ Jahre um in die Top 10% zu kommen. Erst hier kannst du echten Wohlstand aufbauen.

Ich habe all die Jahre für den Zeitablauf der Neuheiden und heidnischen Gruppen so ungefähr dieselbe Zeitschiene beobachtet.

  • Nach einem Jahr (intensiver!!) Beschäftigung mit einer sprituellen Richtung ist einmal eine halbwegs tragfähige Basis für die Praxis geschaffen.
  • Nach zwei Jahren hat fast jeder die internen Strukturen der Gruppe durchschaut/die ausgesuchte Praxis im Leben etabliert oder nicht – bei „oder nicht“ gibt’s meistens noch eine „zweite Chance“ indem mensch „befördert“ wird oder nicht aufgeben will, weil schon zuviel investiert wurde
  • Nach drei Jahren hat sich alles zum ersten Mal „eingelaufen“, der Reiz des Neuen ist endgültig dahin und der Alltag kehrt ein. Es gibt von außen keine großen Lorbeeren mehr zu ernten und in der Gruppe hat mensch einen „fixen Platz“ bzw. der spirituelle Alltag ist Gewohnheit
  • Nach vier Jahren ist es möglich Neuen als Tutor zu dienen und sich dadurch wieder selber ein wenig neu zu entdecken
  • Nach fünf Jahren ist auch das Routine geworden und mensch kann (und sollte) sich wieder um sich selber kümmern

Die ganze Zeit über sollte natürlich der gewünschte Outcome im Vordergrund stehen. Schließlich geht es darum die eigene sprituelle Entfaltung in Gang zu bringen. Warum es dann trotzdem nicht funktioniert, das verdeutlichen die fünf Punkte (und garantiert noch einige mehr, aber diese fünf werden wohl am häufigsten vorkommen und sie habe ich an vielen Beispielen beobachten dürfen).

Vorausgesetzt es gibt mal den Plan, sich eine spirituelle Heimat zu suchen. Dann wird wahrscheinlich Lektüre der unterschiedlichsten Richtungen der erste Schritt sein. Bücher und das Netz sind dabei wahrscheinlich die ersten Informationsquellen. Wenn dann die ersten neuen Gedanken Fuss gefasst haben, wird langsam die Umsetzung spruchreif werden. Egal ob die allein oder mit anderen stattfindet, bei vielen kommt es zu dem Punkt, an dem sich „das mit der Spiritualität als Phase“ herausstellt und die Normalität wieder verlockender erscheint. Warum das so sein könnte?

Unrealistische Vorstellungen

Mit der Vorstellung, die Welt ändern und zum Paradies der eigenen Wünsche machen zu können, in eine bestehende Gruppe einzusteigen, die Licht und Liebe verbreiten und gemeinsam fröhlich trommelnd liebevolle (oder wahlweise exstatische) Rituale in der Natur feiern auf den Fahnen stehen hat, klingt vielleicht auf den ersten Blick erstrebenswert. Es wird aber nicht funktionieren! Fröhlich trommeln kommt zwar bei Heiden durchaus vor, ebenso Rituale in denen Exstase eine Rolle spielt, auch draußen wird öfter mal gefeiert werden und natürlich gibt es auch Licht und Liebe – ABER es gibt auch das genaue Gegenteil davon, auch in einer Gruppe … und ja, das ist völlig normal und auch völlig in Ordnung! Wo Licht ist, ist auch Schatten und Perfektion ist auf dieser Daseinsebene mehr als selten zu finden (und in meinen Augen zwar ein Ziel, das mensch sich durchaus setzen kann – dafür bedarf es aber eines gerüttelt Maßes an Frustrationstoleranz, weil es nie erreichbar sein wird!!)
Logischer Weise ist Spiritualität nicht die Generallösung für alle Probleme! Natürlich bin ich weniger einsam (auf den ersten Blick!!) wenn ich Teil einer Gruppe werde … oder finde dort einen potentiellen Partner (was auch vielfach der wirkliche Antrieb ist). Natürlich habe ich dann etwas, meine freie Zeit zu füllen (von dem ich mir dann immer wieder bestätigen oder von anderen bestätigen lassen kann/muss, dass es auch sinnvoll ist), habe etwas vor, etwas woran ich gerade „arbeite“ oder einen Spaßrahmen mit „Gleichgesinnten“. Je nachdem, wie ich es anlege. All diesen Fringebenefits ist aber eines gemeinsam: Sie haben per se mit Spiritualität nichts zu tun!

Die Lösung für dieses Dilemma ist, sich seiner Zielsetzungen mehr als bewusst zu sein. Was will ich überhaupt wirklich? Was verstehe ich unter Spiritualität? Wie stelle ich mir mein Leben mit und in meiner Spiritualität denn überhaupt vor? Je mehr Fragen mensch sich dazu selber stellt und vor allem ehrlich beantwortet, desto besser. Je weniger Definitionen als gegeben akzeptiert werden sondern bis ins Detail hinterfragt, desto besser.
Mit unterschiedlichsten Leuten zu sprechen und sie nach genau diesen Definitionen und Sichtweisen in ihrem Leben zu fragen, ist auch eine gute Möglichkeit Mindfuck auf die Spur zu kommen.

Ganz wichtig erscheint mir aber das Hinsehen. Wenn jemand weiß gekleidet Licht und Liebe predigt (und eventuell sogar verkauft) aber sichtlich auszuckt, wenn jemand ihm den Parkplatz vor der Nase wegschnappt, dann ist das inkongruent. Wenn jemand Ruhe und Gelassenheit predigt (und verkauft) aber sich in Verschwörungstheorien übt, dann stimmt da auch etwas nicht. Wenn eine Gruppe „wir sind alle gleich“ vertritt aber es dann eindeutig einige „Gleichere“ gibt … dann haut das nicht hin. Nur um einige wenige Beispiele zu nennen, von denen es unendlich viele in unendlich vielen Ausprägungen gibt. Einzig die Inkongruenz haben sie alle gemeinsam – sie sind nicht schlüssig.

Das bedeutet jetzt nicht, dass diese Menschen/Gruppen/Richtungen zu vermeiden wären, sondern dass es sinnvoll ist, sich vorher über diese Macken im Klaren zu sein. Niemand verlangt von einem Lehrer ein Genie und ein Erleuchteter zu sein (und sollte das in meinen Augen auch nicht tun, siehe die bereits erwähnte Perfektion!), wichtig wäre aber dieses Menschsein auch zu erkennen und damit dann genau zu wissen, was mensch von diesem Lehrer lernen kann und will – und was eben nicht.

Ende Teil I

Du bist ein Teil von mir! – Teil III

Samstag, 19. September 2015

Du ist mein Seelenzwilling!

Jetzt komme ich zu einem Phänomen, das gerade in „Esokreisen“ – zumindest wellenweise – sehr beliebt ist: der Seelenpartner/-zwilling. Gemeinst ist damit meistens, dass jemand einem selber so ähnlich/so nahe/so innig verbunden ist, dass es näher garnicht geht, quasi wie eineiige Zwillinge. Kaum hat der eine etwas noch nichtmal fertiggedacht, weiß der andere schon, worum es geht. Kaum hat der eine Lust auf irgendwas, ist der andere schon unterwegs um das erledigen. Sprache hat mehr oder minder ausgedient, weil das Verstehen ja auf der Herzebene und völlig ohne Worte sowieso viel authentischer ist …
Erklärt wird das meistens entweder mit den wohlbekannten „karmischen Verbindungen“, Marke „wir waren ja schon in umzig früheren Leben Bruder/Schwester, ein Liebespaar (natürlich in gemischter Besetzung, damit das ja auch schön ausgeglichen ist, mensch kann ja ned immer ein Weib oder ein Mannsbild gewesen sein), Eltern/Kind, Schüler/Meister“ oder dass „wir“ sogar nur eine Person gewesen wären (was weniger modern zu sein scheint, das gab es vor 30 Jahren wesentlich öfter).

Für mich ist dieses Seelenzwillingsding allerdings nicht viel etwas anderes als eine Art der unbewussten Bindung.

Unbewusste Bindungen entstehen meiner Erfahrung nach aus vielen Gründen. Ab dem Zeitpunkt an dem ich mit jemandem ein wirkliches Problem habe z. B. Also wenn mir jemand von hinten ins Auto knallt, dann noch aussteigt und mich wüst beschimpft. Wenn ich mich eventuell sogar bedroht fühle und dann noch ein paar Tage „Nacharbeiten“ dieses Vorfalles zu erledigen habe – dann stehen die Chancen gut, dass ich mich an diesen Unfallgegner schon unbewusst gebunden habe. Und der Clou daran ist, dass ich zukünftig auf jeden Menschen, der mit diesem Unfallgegener optische, stimmliche, „energetische“ oder auch nur irgendjemand in ähnlicher Situation (!) mit der Brille der vergangenen Situation sehen werde. Diese Menschen werden mir dann voraussichtlich ad hoc unsympatischer sein als der „Durchschnittsmensch“. Wie an meinem Beispiel gut sichtbar, sind Bindungen damit nicht immer nur positiv!!
Je intensiver der Eindruck ist, auf dem eine Brille basiert, desto heftiger wird auch der Effekt sein. Verbrechensopfer können davon Horrorstories erzählen und zu dem Thema wurden viele Krimis geschrieben. Genauso aber können „Liebesfixierte“, deren Partner beispielsweise verstorben ist, darüber Romane schreiben … viele sind nach einer glücklichen Beziehung dieser Art auf das „Ebenbild“ ihres vorherigen Partners fixiert. Erst mit der Zeit lässt die Stärke der Bindung nach (durch die Trauerarbeit, die geleistet werden muss um das eigene Leben weiterführen zu können)

Also Outcome dieser kurzen Betrachtung der unbewussten Bindungen könnte gelten:
Je bewusster ich mit meinem Erleben umgehe, je bewusster ich mir selber bin, was ich warum wie denke desto weniger unbewusste Bindungen habe ich und desto eher kann ich mit der schon erwähnten Nähe auf meine Umwelt zugehen oder diese auf mich zugehen lassen. Je klarer meine Brille ist und je weniger „gefärbt“, desto klarer sehe ich die Welt um mich herum. Manchmal hilft es aber auch schon ganz viel weiter, die Farbe, in der meine Brille eingefärbt ist, zu kennen und dann den Intellekt als zeitweilige Krücke zu verwenden, diese Farbe „wegzurechnen“.

Zurück zur magischen Ecke

Mit diesem riesigen Rucksack aus Erfahrungen, Verletzungen und Erwartungen steht also jeder von uns im Leben und ich gehe davon aus, dass alles, was ich mache, von genau diesem Rucksack und dessen Inhalt profund beeinflusst wird.

Ein Liebeszauber gefällig? Unter diesen Voraussetzungen wäre es wohl angebracht noch ein bisserl drüber nachzudenken … Aber ist ja nicht für mich und das ist der/dem so eine Herzensangelegenheit? Kann gut sein, nur sollte klar sein, dass das dann im Normalfall bindungsmässig auch für den Wirker der Zaubers Auswirkungen hat. Auf der Suche nach einem „Meister“ von dem mensch alles was es magisch so braucht lernen kann? Alles ist da ein sehr wahres Wort, auch wenn viele sich das so nicht vorgestellt haben, dass dieses Alles gemeint hätte sein können …

Damit kommt dann noch ein nicht so neuer Faktor ins Spiel, der mir im heute üblichen Sprachgebrauch meistens leichten Würgereiz verursacht – Wir sind alle verbunden!!. Wir sind tatsächlich mit allem verbunden und mit dem Alles auch, zumindestens in meiner Weltsicht und in einem magischen Weltbild! Allerdings schaut diese Verbindung eher nach einer „Ursache- und Wirkungsmechanik“ aus als nach rosarotem „Wir-haben-uns-alle-lieb-und-Mutter-Natur-liebt-uns-auch“.
Natürlich sind wir Teil der Natur, auch wenn wir im technologischen Machbarkeitswahn diesen Punkt öfter schon mal zu vergessen scheinen. Mit romantischer Liebe, wie sich das vielleicht der eine oder andere vorstellt, hat das aber herzlich wenig zu tun. Natürlich sorgt Mutter Natur für uns! Sie gibt uns die Möglichkeit hier auf ihrem Boden zu leben, unsere Nahrung anzubauen oder zu züchten, die Luft zum Atmen und das Wasser, ohne das wir schon garnicht überleben könnten. Aber das ist ein Geben und Nehmen. Sie bewegt sich und atmet auch selbst – damit erleiden wir Erdbeben. Ihre Eismassen reagieren auf die (diesmal von uns) veränderte Atmosphäre und von Menschen bewohnte Inseln gehen, durch den steigenden Meeresspiegel, unter. Mutter Natur ist nicht liebevoll im Sinne von „ich tue alles für meine Kinder“ sie ist liebevoll in dem Sinne, dass sie uns Ressourcen zur Verfügung stellt, die wir verwenden dürfen. Was wir damit wie machen, das liegt an uns und die Folgen dürfen wir dann auch selber tragen.

Ende Teil III