Archiv für die Kategorie ‘RegenBogen’

Die weiße Braut, geschrieben von XVII

Samstag, 19. August 2017

 

„Uhhhh….muß das sein, Chris? Muß das sein? Ich mag solche Schauergeschichten nicht. Ich geh jetzt lieber schlafen. Schlimm genug, daß ich in einer solchen herabgekommenen Hütte schlafen muß.“

-“Bäh, du bist einfach überempfindlich. Komm mal runter du Pussy.“

–“Jeff, kannst du nicht einmal freundlich sein, nicht mal zu deiner eigenen Freundin?“

-“Die verstehts schon, misch dich nicht ein. Chris erzähl einfach weiter.“

„Ich geh jetzt pennen, und du kannst bei deinen Kumpels am Lagerfeuer schlafen,
zu mir brauchst heute nicht kommen.“

-“Ja, schon recht, geh schlafen. Ich trink lieber noch einen.“

–“Jeff, du bist ein Arsch. Ich weiß echt nicht was Bridge an dir findet.“

-“Komm schon, du bist nur eifersüchtig.“

—“So, jetzt halten mal alle den Rand, sonst überleg ich mir echt ob wir uns nochmal hier treffen. Ich hab lang genug meine Großmutter beknien müssen, daß wir die Hütte bekommen.“

—-“Yes…wir reißen uns alle zusammen, trinken noch ein Bier, ich erzähl die Geschichte weiter und morgen pennen wir uns aus und…“

—-“Ich finde es überhaupt schön, daß wir fünf uns mal wieder treffen…fünf Freunde, das sind wir…wir haben eh sonst viel zu viel um die Ohren…“

–“Stimmt. Wir fünf kennen uns jetzt schon ziemlich lange. Und wir haben ja auch viel Spaß miteinander. Die letzten Tage hier im Wald waren ja auch cool. Das Lagerfeuer hier ist auch lässig und die Hütte, wenn wir da mal alle ein bißchen Hand anlegen, dann wird das ein toller Treffpunkt, wo wir einfach ab und an mal rausfahren und gemeinsam entspannen. Fischen gehen, die Natur genießen…in den See mal hüpfen…ist ja alles da. Und….endlich mal keine Leute, weit und breit nichts und nicht mal Handyempfang!“

-“Ja, nicht mal Handy. Wenigstens haben wir genug Bier mit.“

–“So, erzähl mal weiter!“

—-“Alsooooo…man erzählt sich hier so Geschichten von einer weißen Braut, die…“

–“So eine mit weißem Kleid und Brautschleier und so? Die durch die Wälder streift?“

—-“Genau.“

–“Hahaha…ja die kenn ich….aber erzähl mal…“

—-“Also….man erzählt sich seit Generationen…daß hier so ein junges Mädel, manchmal wird sie auch die weiße Frau genannt…durch die Wälder geht. Barfüßig. Sie soll ein Wesen zwischen dem Tod und dem Leben sein. Eine verlorene Seele, die sich in einer Gestalt manifestiert hat. Eine enttäuschte, verbitterte Seele, die es geschafft hat in einem Grenzbereich zwischen dem Dasein und dem Jenseits sich als Person zu….“

-“Wir wollen da jetzt keine Abhandlung, sondern eine Geschichte…gibst du mir noch ein Bier rüber?“

—-“Ja, also…es sollen mehrere junge Mädchen im 16. Jahrhundert zur Heirat gezwungen worden sein. Hier in einem kleinen Ort in der Nähe…ein mächtiger Gutsbesitzer, ein alter Sack, soll die Familien genötigt haben ihm die Mädchen zu überlassen…junge, unschuldige Mädchen an die er sich dann vergriffen hat. Dafür durften die armen Familien ihren spärlichen Besitztum weiter führen und bei ihm weiter arbeiten. Er hat ein Mädchen geheiratet, welches dann unter mysteriösen Umständen verstorben ist…um dann darauf gleich das nächste zu heiraten. Und darauf nochmal.

Mehrere Mädchen sind zu Tode gekommen. Aber es hat sich keiner darum gekümmert…die Familien wurden nicht gehört, waren unterdrückt…und es waren alle nur betroffen, aber keiner hat was gemacht…bis….“

—“Bis…..“

—-“Bis auf einmal die weiße Braut aufgetaucht ist. Zunächst soll sie nur als Nebel und Spukwesen hier aufgefallen sein…mehrere Leute haben von einem jungen Mädchen berichtet, welches in der Nacht gespensterhaft über die Felder ging…und dann…soll dieses Wesen sich immer mehr geformt haben…wurde mehr lebendig…und der Gutsbesitzer, der Widerling, soll in der Nacht von ihr besucht worden sein, jede Nacht, jede verdammte Nacht…er hat sich dann an den Pfarrer gewandt…ist zum Arzt gegangen, hat an seinem Verstand gezweifelt. Es haben zwar andere auch die Gestalt gesehen…auf den Feldern…aber es wurde keiner heimgesucht. Nur er.

Er hat keine Ruhe gefunden. Und alle sprachen nur davon, daß es auch so rechtens wahr, daß nun er leidet. Er, der ja offensichtlich mit dem Tod der jungen Mädchen zu tun hatte.

Letztlich soll er dann bei einer Sonntagsmesse mit einer Axt den Pfarrer bedroht haben.

Da hat sich dann zum ersten Mal die Gemeinde gegen ihn gestellt.

Sie haben ihn aus der Kirche geworfen…ihn geschlagen…und mit Abfällen vom Marktplatz davor beworfen. Ihn bis zu seinem Gut getrieben…wo er sich dann eine Woche nicht blicken ließ.

In der nächsten Woche am Sonntag hing er dann unterhalb der Kirchenglocke.

Hat sich in der Kirche oben aufgehängt.

Von da an, war diese Gestalt nicht mehr gesehen…bis…..vor ein paar Jahren. Nun geht das Gerücht um, daß hier in den Wäldern dieses Mädchen wieder sein Unwesen treibt.

Es soll hier durch die Wälder gehen…und grausamen Menschen ihre Existenz nehmen.

Ihre Existenz komplett auslöschen. Dieses Wesen ist über die Jahrhunderte gewachsen und mächtiger geworden…und soll nun nicht mehr die Leute in den Wahnsinn treiben, sondern sie gänzlich vernichten.

Als hätten sie nie gelebt. Einfach weg. Sie nimmt die Leute mit. Mit ihren Erinnerungen, mit den Erinnerungen, die andere an sie haben. Deswegen, so sagt man, gibt es hier nur friedvolle Menschen, es haben sich nur nette Leute hier angesiedelt, Leute, die die Harmonie schätzen und Gewalt und Mißbrauch ablehnen.“

—“Und wie ist dann die Geschichte zustande gekommen? Ich mein…wenn es irgendetwas gäbe, daß jemandes Existenz aus der Menschheitsgeschichte löscht, als hätte es den nie gegeben, dann weiß ja auch keiner davon, daß das Ding da, das Wesen das auch können würde? Oder habe ich da einen Gedankenfehler?“

—-“Nein, nein…es soll nur eine alte Frau, die hier im Dorf gewohnt hat…gesagt haben…daß nur gute Menschen sich hier ansiedeln dürfen, denn alle anderen würde die weiße Frau mitnehmen…und zwar so…als hätte es sie nie gegeben….diese Frau soll eine Verwandte eines der Mädchen sein….aus der Linie einer Schwester eines der armen Mädchen.“

—“Ok. Hm. Komisch. Ich trink noch das Bier aus.“

-“Ja, eines haben wir noch immer getrunken, weg mit dem Bier! Das wird ja nur alt! Und das Märchen da…Alter, da hab ich schon wirklich Langweiligeres spannender gefunden…hahahaha“

.

.

.

–“Bridge?“

„Ja?“

–“Gut geschlafen?“

„Voll gut. Ich hab aber echt merkwürdig geträumt.“

–“Setz dich mal, Kaffee haben wir schon aufgesetzt, gleich fertig.“

„Ich hab von einer Gestalt geträumt…einer Frau…die ist durch die Hütte geschlichen, hat aber nur geschaut, ob alle gut schlafen, hat mir die Decke sogar raufgezogen, die ich runterstrampelt habe…dann ist sie raus…und am Lagerfeuer ist ein Typ gelegen mit Bierflaschen um sich…den hat sie geweckt und ist mit ihm dann in den Wald gegangen.“

—-“Arg. Ich hab nämlich gestern eine Geschichte erzählt von einer weißen Frau….“

„Ja, die hatte so ein langes weißes Kleid an. Und langes Haar.“

–“Du machst mir echt Angst.“

„Du, die war ja voll nett. War ja nur ein Traum. Was war das für eine Geschichte?“

–“Erzähl ich dir nachher. Jetzt sitzen wir vier mal gemütlich zusammen und essen gutes Frühstück.“

—-“Ja, wir vier, die fantastischen Vier! Meine Güte haben wir schon viel gemeinsam erlebt. Und du, Bridge, du solltest dir mal wieder einen Freund suchen, echt jetzt, bist so ein tolles Mädel, bist jetzt lange genug allein.“

Autor: XVII

Bilder: Wikimedia Commons, cabin: jerrye & roy klotz md,
Married Clark Wallace Bishop, 1928

Die Geschichte von der Tiefe, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 12. August 2017

Diese Geschichte vertraute mir ein Stein an,
der vor einem Bergwerksstollen am Eingang lag.
Die Sonne wärmte ihn und er war bereit mir die folgende Geschichte zu erzählen..

Vor einer Zeit, als die Welten noch regelmäßig miteinander verkehrten und Freundschaft eine Tugend war, lebte eine junge Frau in einem Tal. Sie war früh zur Außenseiterin geworden da sie Freundschaft mit den Elben hatte und die Geheimnisse der Wälder ihr nicht unvertraut waren.

Eines Tages hiess es ein Drache bedrohe das Land. Die Tapfersten zogen mit Getöse aus. Manche kamen angstzitternd zurück, andere nie mehr.

Das Mädchen sass am Brunnen und unterhielt sich mit der Quelljungfrau. “Was sollen wir nur tun? Keiner der Männer traut sich mehr aus dem Dorf.”

“Dann musst du es wagen.”  Erstaunt sah sie ihre Freundin an .
”Ich? Was kann ich denn schon tun.”

“Etwas, daß nur Du kannst. Hab keine Angst. Geh in den Wald bis zum heiligen Ort. Am Rand ist eine Höhle. Darin findest du Hilfe um das Bevorstehende zu bestehen.”

Sie ging nach Hause, packte ihren Beutel und nahm Proviant und Geschenke für die Anderswelt mit und machte den ersten Schritt ins Ungewisse.

Sie fand die Höhle wie von ihrer Freundin vorhergesagt.

Von aussen war die Höhle unheimlich, es roch nach Tod und Algen. Als stünde irgendwo Wasser.

Die junge Frau ging nun mit vor Angst klopfendem Herzen vorran. Ein Wind geboren aus Chaos bliess ihr das Feuerzeug aus und sie bekam es nicht wieder an.

Nun hatte sie die Wahl. Zurückzugehen und ihr Scheitern eingestehen oder die Angst zum Freund machen.

Sie wählte letzteres, machte die Angst zu ihrem Verbündeten und ging weiter in die Dunkelheit.

Es war so dunkel wie in einem Mausoleum.

Plötzlich schimmerte es vor ihr, als sei in der Höhle der Mond aufgegangen.

Es war so schön, daß ihr das Herz aufging. Ein Mond mitten in der Höhle? Sie ging in das Licht und spürte wie es sich wie Seide um sie schmiegte. Als sie heraustrat trug sie ein silbriges Gewand mit Glockenärmeln. An deren Enden waren Mond und Wassersymbole gestickt. Nun hatte sie die Erkenntnis, daß die Höhle nicht unbewohnt war. Ein Wesen musste hier leben.Verborgen von der Welt.

“Danke für das schöne Kleid. Zeig dich mir doch.” sagte sie in die Finsternis.

Eine Frau trat raus. Jung und alt zugleich. Sie strahlte voller Macht und Geheimnis. ”Lebe eine Zeit bei mir. Der Herr der Höhle und ich sind gute Nachbarn seit langer Zeit. Und von ihm ist auch das Kleid.”

So begann ihre Lehrzeit bei der alten Frau in der Tiefe. Sie lernte den Rhytmus und die Magie des Meeres. Aus Buchenstäben weisszusagen. Mit Kristallen zu heilen.

Eines Abends hörte sie ein Grollen in der Tiefe der Höhle und sie fragte die Alte was das sei. “Geh nur und schau nach. Du hast alles in dir was du brauchst.“ sagte sie mit wissendem Lächeln. Da sie die Alte liebte und ihr vertraute ging sie voran.

Es wurde wärmer, je weiter sie kam. Am Ende brannte ein Feuer und ein knorriger Mann sass dort. ”Sei willkommen.” flüsterte er mit brüchiger Stimme.

Da sie eingeweiht worden war machte sie ihm einen Tee aus Heilkräutern und segnete ihn ehe sie den Tee an den Mann weiter reichte.

Dankbar trank er, wurde gesund, schien jünger zu werden. Der Schatten, den er warf, war der Schatten des Drachen! Wasser rauschte um ihn, das Feuer sprang an ihm hoch wie ein Welpe und die Erde und die Luft trugen den Duft der Magie mit sich, als er sich verwandelte und zum Drachen wurde.

Doch statt wie früher vor Angst zu vergehen kniete sie nun in Demut vor ihm nieder.

“Mein Herr der Elemente nehmt bitte den Schatten von unserem Land..”
Eine Kralle hob sie an daß sie aufstand.

“Steh aufrecht vor mir. Ich liebe dich für deine Beharrlichkeit und Demut. Darum tue ich was du dir erbittest. Bleibe bei mir.”

Als geachtete Priesterin ging sie in ihr Dorf zurück. Geliebt von ihrem Drachen und gesegnet von der Göttin der Tiefe trat sie aus der Höhle hinaus.

An manchen Tagen der kommenden Jahre sah man sie auf ihrem Drachen über das Land gleiten. Verbunden in Liebe.

Ende

Autorin: Veleda Alantia, Bild: Veleda Alantia

Der Nekromant

Samstag, 22. Juli 2017

Der Nekromant, Teil 1

Warum gerade eine Großstadt?
Ich hasse Großstädte. Die hektischen Leute.
Aggressionen. Jeder anonym. Und an jeder Straßenecke komische
Typen, die dich anquatschen.
Ich stehe hier am Bahnhof, der eher einem Flughafen ähnelt.


Riesengroß. Die Menschen gehen nicht, sie rennen fast hin- und her.
Viele ziehen Trolleys nach, haben eine Karte in der Hand…oder ein Smartphone.
Schauen umher…auf der Suche. Alle auf der Suche.
Keiner ist hier wirklich angekommen.

Ich auch nicht. Ich bin hier ebenso auf der Suche.
Wenn auch eine etwas ungewöhnlichere.
Ich suche einen Nekromanten.
Ich bin selbst Magier, doch schon lange.
Aktives Mitglied eines Ordens…und einer Loge.
Habe selbst viel erlebt, viel Erstaunliches.
Magisches.

Ja, ich glaube, nein…ich weiß, es gibt nicht nur Magie, sondern
ich selbst kann sogar magisch tätig sein.
Mit ganz guten Ergebnissen.
Magier.
Aber mir reicht mein Können nicht.
Es gibt noch viele Disziplinen in denen ich unsicher bin,
oder zu denen ich keinen Zugang habe.
In einigen Trancereisen wurde mir bewußt, daß ich mich noch mehr meinen Tiefen
stellen muß. Noch weiter hinunter gehen muß.
In die tiefe Dunkelheit.
Mir wurde gezeigt, ich solle lernen.
Als würde das nicht schon reichen, was ich kann.
Frustrierend. Nie reicht etwas. NIE.
Und…mit dem „mir wurde gezeigt“…will ich sagen…ich habe ausdrückliche Zeichen
bekommen und Aufforderungen mich dem zu stellen.
Habe mich eh lange genug dagegen gewehrt.
Aber ich kann das nicht mehr ignorieren.

Dann ging das Erkundigen los.
Was ist Nekromantie? Wer lehrt so etwas? Warum sollte man sich da überhaupt in
solche Gebiete begeben?
Schnell habe ich erfahren, daß es da nicht nur um Weissagungsmethoden geht.
Nicht nur um Totenbeschwörung. Oder Zombies oder so ein Scheiß.
Paracelsus und Aggrippa waren mir nun wirklich nicht unbekannt…
…und so ging ich deren Forschungen und Meinungen nach.
Aber vieles blieb offen…Bücher konnten mir das nicht beantworten.
Ich verstand Zusammenhänge nicht…und die Oberfläche war mir zu wenig.
Geister beschwören. Tote wiedererwecken. Wesenheiten der Unterwelt beschwören.
Mir war das alles nicht unbekannt. Aber ich merkte…ich kratzte nur weit oben…
oben…oberhalb der Unterwelt.
Ich wollte mehr. Ich brauchte jemanden, der mir den Weg zeigt, einen Lehrer.
Habe meine Meister gefragt, offene Anfragen gestellt.
Es hat gedauert, aber dann hat ein Ordensmitglied einen Kontakt hergestellt.
Herstellen können….es war nämlich nicht ganz so leicht jemanden zu finden.
Dieser soll einer der wenigen sein, der diese Kunst noch lehrt.
Ich bekam einen Brief, ja, genau…einen Brief!
Kein Mail, keinen Anruf… einen Brief.
Ich solle ihn heute um 2000 Uhr in der Hauptbibliothek treffen.
Nicht mehr, nicht weniger.
Nur dieser Satz.
„Am 06. Juni, 2000 Uhr, Hauptbibliothek Wien.“
Und darunter ein komisches Zeichen, welches ich, trotz langer Erfahrung im Bereich
Sigillen, Glyphen und magischem Zeug…einfach nicht zuordnen konnte.
Sah aus wie ein kleiner Rorschachtest. Ein Klecks. Ein schwarzer Flecken.
Vielleicht auch ohne Bedeutung, keine Ahnung.

Gerade angekommen. Ich bin müde, ich habe eine lange Zugfahrt hinter mir,
und langsam merke ich auch, daß ich hungrig werde.
Blicke auf mein Smartphone, es ist gerade 1807 Uhr.
Die Bibliothek ist nur wenige Stationen entfernt,
mit der U- Bahn bin ich in spätestens 20 Minuten dort.
Heißt ich habe noch Zeit.
Mal raus aus dem stickigen Bahnhof.
-„Hast Du vielleicht einen Euro?“
Genau das fehlt mir jetzt. Genau dassss.
Von einem Penner angequatscht werden.
Ich schau an ihm vorbei.
Und höre hinter mir, wie er andere weiter anbettelt.
-“`nen Euro? Oder 50 Cent wenigstens?“
Beschleunige meinen Schritt.

Endlich aus dem Bahnhof draußen.
Atme tief durch.
Großstadtluft. Mit Diesel und Feinstaub angereichert.
Ich hasse Großstädte.
Hupende Autos. Ich sollte ein Taxi nehmen,
ich habe keine Lust noch mit der U- Bahn rumzufahren.
Aber…kein verdammtes Taxi da, das gibt’s ja nicht.
Also…runter…die Rolltreppe runter.
Das gibt’s doch nicht…ist das nicht derselbe Penner, wie vorher?
-“Hast Du…Kleingeld?“
Ich schüttle nur rasch den Kopf.
Weiter runter. Warten auf die U- Bahn.


Genau so mag ich das.
Hier unten…am Bahnsteig…Leute mit einem offensichtlichen Alkoholproblem.
Oder noch schlimmer.
Lümmeln da auf den wenigen Sitzen rum.
Es riecht wie auf der Toilette.
Grauenhaft.
Wenigstens spielt hier jemand auf seiner Geige.
Katzenmusik.
Davor liegt ein Hut.
Ein paar Münzen drin.

Endlich, endlich kommt die U- Bahn.
Das Licht flackert durch den Tunnel.
Luft wird angesogen…und kurz danach weggeblasen.
Ich stehe nahe der Linie, die den Gefahrenbereich markiert.
Der Zug fährt langsam an mir vorbei, bis er zum Halten kommt.
Ich steig ein.
Ein unsanfter Ruck…und die Fahrt geht weiter.
Ein paar Studenten sitzen hier.
Sind mit sich selbst beschäftigt.
Ein Pärchen knutsch gerade, als hätte es kein Zimmer.
Und würde es nicht mehr bis in irgendein Zimmer schaffen.
Ein Typ schaut mich mit finsterem Blick an.
Zerrissene Jacke.
Kommt zu mir rüber.
–“Problem?“
Ich schau auf den Boden.
–“Ob Du ein Problem hast, Alter!“
Er hat eine Bierdose in der Hand.
Und ist jetzt gerade mal so 2 m weit weg…aber ich kann seinen Atem riechen.
Und der ist echt übel.
Verdammt übel.
„Nein, alles Ok.“
–“Dann ists gut, Alter!“
Lallt er.
Geht einen Meter wieder zurück.
Das fehlt mir gerade noch. Stunk mit einem angesoffenen Typen.
Die U- Bahn bleibt endlich wieder stehen.
Ich steige aus.

Von hier sinds nur wenige Gehminuten zur Bibliothek.
Wie werde ich ihn dort finden?
Ich weiß…daß sich die Bibliothek hier als Treffpunkt gemausert haben soll.
Viele Studenten. Die bis in die Nacht hier sind
und oben auch mal ein bißchen feiern,
oben auf dem Dach gibt es so eine Lounge,
da bekommt man angeblich leckere Gerichte
und Cocktails.
Und kurz vor Wochenende ist hier halt wahnsinnig viel los.
Habe ich mir sagen lassen.
Ah…da…erstaunlich.
Architektonisch erstaunlich.
Ein tolles Gebäude!
Kein Wunder, daß sich hier gerne die Leute treffen.

Gut, meinen Rucksack kann ich hier unten in einem Schließfach einsperren.
Ich löse noch einen Pass, der mir hier auch Zugang zu den Einrichtungen gewährt.
Hält sich preislich im Rahmen.
Dann kann ich vielleicht das Angebot auch nutzen, wenn ich die nächsten Tage noch hier bin.
Ich habe ja nicht mal eine Ahnung, wie lange ich hier bleibe.
Mal etwas essen.
Ich fahr mit dem Lift rauf.
Tolle Aussicht, wirklich tolle Aussicht!

Aber fast alle Tische bereits besetzt.
Ich werde mich zu wem dazu setzen.
Eine junge Frau nippt an einem Getränk mit Strohhalm und Schirmchen.
Daneben zwei Plätze frei.
„Darf ich, äh…entschuldigen sie, darf ich mich zu ihnen setzen?“
—“Ja, natürlich!“
Sie grinst.
„Danke!“
—“Ich warte nur auf jemanden. Aber du kannst dich gern hier dazu setzen.“
Sie dutzt mich. Sie ist gut 15 Jahre jünger.
Vermutlich eine junge WU- Studentin.


Gut gekleidet, schick, aber sommerlich,
sie gibt Blick auf ihren sportlichen Körper frei,
aber noch dezent genug. Hübsches Mädel.

Die Bedienung kommt…
—-“Sie wünschen?“
Ah, Wiener Charme. Schon lange nicht mehr gehört.
Ich mag ja den Dialekt.
„Mineral und einen…haben sie einen Schinkentoast?“
—-“Gerne, mit Spiegelei?“
Oh….klingt lecker.
„Ja, bitte!“

—“Flower.“
Sie schaut mich an. Die junge Studentin.
—“Ich heiße Flower.“
Ich lächle.
„Freut mich, Flower! Ich bin…äh….“
—“Nichts sagen, lass mich raten!“
Ich grinse noch mehr.
—“Peter? Paul?….Nein, sag nichts…du bist…hm…irgendwas mit Geschwister?“
Ich lache.
—“Irgendwas mit Bruder?“
Äh?
—“BruderMK?“
Ich erblasse.
Sie lächelt mich breit an.
—“Stimmts? BruderMK?“
„Äh…also…äh.“
Sie streckt mir die Hand entgegen.
—“Flower. Schön dich kennenzulernen.“
Und nuckelt an ihrem Getränk.
Woher weiß sie…ich…ja..also im Orden bin ich BruderMK.
FraterMK.
—“Keine Sorge. Kannst ruhig meine Hand angreifen.“
Ich, verwirrt, schüttle ihre Hand.
Ein Schatten.
Hinter mir.
Eine Person nähert sich.
—–“Ah, fein, ihr habt euch schon gefunden. War ja gar nicht so schwer, hm?“
Ich schaue auf.
Er streckt mir die Hand entgegen.
Ein Mann mit Brille. Ich schau auf die Brille.
Nein, besser gesagt…auf die Augen hinter der Brille.
Da ist was. Die Augen. Diese Augen.
—–“Ivor, die meisten nennem mich aber Iver, manche sagen auch Meister zu mir.
Das gefällt mir persönlich weniger. Denn wer ist schon Meister?“
Er lächelt.
Ich sehe seine Zähne.
„Ich bin…also…“
—“BruderMK oder FraterMK, soweit waren wir schon, nicht?“
„Chad. Ich habe kanadische Wurzeln.“
—–“Wie spannend, Flower, wußtest du das?“
Sie nickt. Und lächelt zuerst ihn an…dann mich.
Er setzt sich.
—–“Wie gefällt dir Wien? Warst ja schon lange nicht mehr hier, hm, Chad?“
„Nein, ich, äh, während meiner Studienzeit hatte ich zwei Auslandssemester hier und dann…“
—–“Berlin?“
„Nur kurz, dann hauptsächlich Regensburg.“
—–“Chad, willkommen in Wien. Schön, daß du wieder hier bist.
Bist du fleissig? Gehst du über deine Grenzen? Flower, was meinst du?“
—“Er könnte mich ja heute begleiten, meine Schicht beginnt um zehn.“
—–“Flower, eine ausgezeichnete Idee. Chad?“
„Äh, ja?“
—–“Ein Vorschlag…ich weiß, du bist müde, angespannt und kennst dich momentan nicht so recht aus, weil du so ziemlich zum ersten Mal in deinem Leben eine Situation so ganz und gar nicht einschätzen kannst und glaubst, du hast schon alles gesehen, wärest ein hervorragender Magier und deine Loge und dein Orden schätzen dich so sehr und du bist müde und hungrig, hungrig nach mehr Wissen, nach Tiefe…ich kann dir beides bieten. Nicht mehr, nicht weniger. Auf meine Art.
Flower wird dich unterstützen. Sie ist dir zur Seite gestellt, deine Mentorin. Was sie sagt, tust du.
Was SIE sagt. Ich lehre, aber was sie sagt, befolgst du. Sie hat mein absolutes Vertrauen.
Sehe mich mehr als Beobachter. Wenn es Fragen gibt, klärst du sie zunächst mit Flower.
Ok, soweit?“
„Ja.“
—–“Deinen Rucksack kannst du zu Flowers mitnehmen, aber du wirst nichts davon benötigen.
Du wirst nicht im Hotel wohnen, sondern direkt bei Flower, in ihrer Wohnung. Sie hat in der Nähe vom Naturgeschichtlichen Museum eine hübsche Wohnung mit einem Gästezimmer, welches schon für dich hergerichtet ist. Nach der Nachtschicht heute schlaft ihr euch beide mal aus und ich hole euch dann morgen abends ab. Dann schauen wir uns die Stadt mal näher an, mir ist es eine Freude dir die Stadt mal aus einer anderen Perspektive zu zeigen.“
„Danke. Ja, ich bin überascht, aber, ja, danke für die Möglichkeit. Was macht, was, also was ist die Nachtschicht? Was macht Flower?“
—–“Frag doch Flowers! Fragen klärst du zuerst mit Flower.“
Er lächelt.
„Flower, was…“
—“Ich arbeite im AKH, also im Krankenhaus in der Notaufnahme. Ich habe heute nur eine kurze Schicht, weil ich für eine Kollegin einspring. Das, so denke ich, kann ich dir somit zumuten. Wir werden von zehn Uhr abend bis zehn in der Früh Notfallpatienten versorgen. Erstversorgung, Anamnese, Daten aufnehmen, kleine Problemchen versorgen, größere weitergeben. Ach, ja…ich bin Ärztin. Keine Wu- Studentin. Und du bist für heute Pfleger Chad aus Deutschland, der mich heute unterstützt. Ich weiß, daß du medizinische Grundkenntnisse hast, somit sehe ich da auch keine Bedenken…wenn du tust was ich sage. Geht das für dich in Ordnung? Ich habe dich bereits angekündigt, also alles hochoffiziell. Ich übernehme die Verantwortung. Du bekommst auch nen schicken Kittel, wir arbeiten mit zwei Schwestern und fünf weiteren Ärzten direkt zusammen, es wird hektisch, aber du wirst das Leben…und auch den Tod heute mal auf eine andere und neue Art kennenlernen. Und deine Arbeit dazu leisten. Ja?“
„Ja, ja…ungewöhnlich aber ja. Danke.“
—–“Gut, dann verabschiede ich mich mal wieder, wir sehen uns morgen, euch wünsche ich eine gute, möglichst ereignisarme Nacht. Und…Chad….?“
„Ja?“
—–“Hast Du vielleicht nen Euro?“
Er lacht. Und geht…ich schau ihm nach.
Er…er war der Penner?

Oh. Ich bin gespannt was mich noch erwartet.
Wien ist anders. Oh, ja.

Autor: XVII

Bilder: wikimedia commons:
Bahnhof Wien Praterstern, Daniel W.
Stanice metra Praterstern, Dezidor
central building of the Viennese library, Ninanuri
pixabay: bar
wikimedia: Kapuzinergruft Wien, Erwin Kugler

Von den drei Kräutern (Märchen aus Avalon 9), geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 08. Juli 2017

Diese Geschichte erzählte mir der Wind,
als ich über die Felder meiner Heimat ging.

Raunend, zischend, geheimnisvoll … vertraute er sie mir an. Hatte er sie doch lange über die Städte der Menschen getragen.

Doch … er erlaubte sie mir euch zu erzählen und das tue ich.

Vorher noch danke ich dem Wind für die Worte und Gerüchte aus den anderen Zeiten.

Also …

In einer Zeit die war und noch ist, lebten drei junge Frauen in einem Dorf.

Sie wuchsen so auf, als seien sie Schwestern und das waren sie auch. Schwestern im Geiste.

Sie lernten und spielten viel, miteinander und voneinander.

Doch…eines Tages kam der Tod in das Dorf. In dunklen Mantel gekleidet klopfte er an jede Tür. Die Dorfbewohner verbargen sich in ihren Häusern. Der Tod machte ihnen Angst. Sie öffneten ihm nicht die Türe.

Das verärgerte den Tod sehr und er stiess seine Sense klirrend auf den Steinboden des Dorfplatzes. Er sprach “Wenn bis zum Fest der dritten Ernte  nicht die drei Kräuter Salbei, Frauenmantel und Brennessel gefunden sind, dann gehe ich von Haus zu Haus und nehme euch alle mit!” mit dem Dröhnen seiner Sichel bekräftigte er dies.

Da verzweifelten die Menschen in ihren Häusern. Eine unnatürliche Hitze hatte selbst die Unkräuter verdörren lassen.

Die drei Frauen berieten sich. Sie wollten es wagen und die Aufgabe des Todes versuchen.

Die erste Frau, Elvenlicht, ging tief in den Wald. Ein Milan weiste ihr den Weg zum Eichenkundigen, einen grossen Heil- und Kräuterkundigen. Dieser riet ihr dem Milan zu folgen. Und tatsächlich durch weisen Rat fand sie die Brennessel und brachte siegessicher das Kraut ins Dorf.

Der Tod grinste nur und seine violetten Augen glühten unter dem Mantel.

Ein Kraut war nicht drei.

Als die Zeit näher rückte ging die zweite Frau mit den Namen Flussmaid los. Sie schritt zum Fluss, wo eine Wasserfrau sie erwartete. Die Göttin nahm Anteil am Leid des Dorfes und riet der Frau wo sie den Frauenmantel finden konnte. Eine Eule begleitete sie und zeigte ihr, daß das Kraut verborgen in einem Brunnen die Dürre überlebt hatte. Sie dankte ihren Gefährten und kam hoffnungsvoll ins Dorf zurück. Den Frauenmantel in der Hand.

Doch auch jetzt noch war der Tod siegessicher. Zwei Kräuter waren nicht drei. Er konnte noch gewinnen.

Die dritte Frau machte sich auf den Weg, fast zum Ablauf des Ultimatums. Ihr Leitstern hatte ihr dies anvertraut. Sternenschöne hieß sie und ihr Weg führte sie in die Stadt zu einem Sterndeuter. Der zeigte ihr den Platz. Ein Schwan begleitete sie und gerade noch rechtzeitig kam sie nach Hause zurück. In der Hand den Salbei.

Der Tod hatte gegen den Mut, die Weisheit und die Zuversicht der drei Frauen keine Chance. Sie bereiteten eine Zaubersuppe mit den Kräutern zu und das Lied des Dorfes würzte sie.

Er verließ das Dorf nachdem er von der Suppe gekostet hatte.

Doch kam er immer wieder ins Dorf. Als Freund und nicht als Fremder.

Dies trug der Wind mir zu und ein jeder mag diese Geschichte mit seinem Herzen verstehen oder auch nicht….

Ende
Bilder: Veleda Alantia

Märchen von der hell und dunklen Nymphe, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 24. Juni 2017

Diese Geschichte beginnt als die dunkle Erdenmutter sich mit dem leuchtenden Sonnenherrn vereinigte.

Sie war die Göttin der Nacht, der tiefen Wurzeln und Höhlen …der Geheimnisse der See. Durch ihre Vereinigung bekam sie ein helleres Anlitz..und Er mehr Tiefe in seinem Licht.

Aus dieser Vereinigung entstanden drei Stämme von Kindern in jedem Lebewesen.

Die ..die ganz dem Licht gehörten.

Die, die ganz der Dunkelheit angehörten in Gut und Böse.

Und die Grauen. Von beidem einen Teil in sich, der nicht im Widerspruche lag.

Diese drei Stämme gebar die Erdenmutter und der dreifach gekrönte Lichtgott segnete sie.

Doch als die Tochter der Grauen, eine Nymphe zu den Lichtenen und Leuchtenden kam, verstiessen sie sie. ”Du bist nicht vom höchsten Licht, verschwinde du Befleckte!”

Sie lief weiter zu den Dunklen. Manche waren böse Wesen geworden und andere zischten ihr zu ’Geh! Du bist zu hell, gehörst nicht zu uns !’

Die graue Nymphe lief zu einem heiligen Steinkreis, warf sich ins Gras, das vom Nebel ganz feucht war und weinte. ”Mutter..”  betete sie. ”Warum bin ich nicht ganz vom Licht oder ganz dunkel?”

Der Wind im Nebel begann zu flüstern. ”Weil du so in dich ganz bist. Hell und Dunkel in Gleichermaßen. Du gehst und lebst einen dritten Weg. Du verbindest wieder was sich getrennt hat durch lange Äonen. Zeige ihnen das es möglich ist vom Licht und vom Dunkel zu kommen und so gut zu sein wie man kann..und dennoch auch die tiefen dunklen Mysterien von Meeresboden und Erdentiefe zu verstehen.” mit diesen Worten segnete die Göttin sie.

Die graue Nymphe zog umher. Lernte, heilte, erzählte von der Göttin,  ja sie erkannte in einer der Leuchtenden am heiligen Hügel eine Schwester der Seele.

So lebte sie bis sie sich in einen Baum verwandelte um später wieder zu leben. Als eine graue Frau. Durch Licht und Dunkelheit gelehrt und gestärkt.

Ende

Bild: Veleda Alantia