Archiv für die Kategorie ‘RegenBogen’

Der Nekromant, Fortsetzung, geschrieben von XVII

Samstag, 13. Januar 2018

Türglocke läutet

Nein, nein, nein. Das kanns jetzt nicht sein. Es muß ja mitten in der Nacht sein.

Mitten in der Nacht. Ich schlaf weiter. Ich ignoriere das einfach.
Ja, die Bettdecke raufziehen. Über die Augen. Gut. Weiterschlafen.

Türglocke läutet

Holy shit. Das habe ich nicht verdient. Bitte.

Ich will nur schlafen. Ich…ach, verdammt. Es war gestern zu lange. Ich hätte früher heimgehen sollen. Und weniger Alkohol. Viel weniger…Ufff…viiiiiiiiel weniger.

Türglocke läutet

„Jaaaa, verdammt nochmal, jaaaa…ich komm.“

Mist. Ich bin so, wie die Götter mich geschufen haben, oder das was von ihnen überblieb…nackt.

Was ziehe ich rasch an. T- shirt. Wo ist mein verdammtes….

Jacke…

Türglocke läutet

„SCHEISSE, ja ich komm ja schon!“

Bettdecke. Ich wickle mir die Bettdecke rum…Mist. Mist.

Hollla…meine Füsse berühren zwar den Boden…aber die Wände bewegen sich auch.

NIIIIE wieder Alkohol.

Außerdem Füsse…abgesplittertes Rot auf meinen Nägeln. Wäh. Da muß ich mich nachher drüber stürzen. Ich hasse abgesplitterte Farbe auf meinen Nägeln.

Gehe langsam zur Tür. Zum Glück ist der Eingang gleich in Nähe von meinem Schlafzimmer.

Altbau. Ich liebe Altbau. Ziemlich viele Kisten stehen rum. Tja, das bringt es halt mit sich,

wenn man seinen Exverlobten verlässt. Viel Zeug. Zum Glück habe ich meine Wohnung behalten.

-“Nein, Liebes, zieh doch ganz zu mir.“ Jaja..dann könnt ich jetzt im Hotel pennen.

„Wer ist da überhaupt?“ ich bin fast bei der Tür.

–“Die Post“

Das kann ja wirklich jeder sagen. Ich strecke meine Hand Richtung Tür. Fächere die Finger auf.

Scanne. Ok. Da ist wirklich jemand mit nem Paket.

Ja, sicher..ich hätte auch zur Tür gehen können und durch den Türspion schauen, aber heh…

…ich öffne die Tür. Der Bote schaut mich von oben bis unten an.

„Und, bin ich hübsch genug?“

–“Äh, wie bitte?“

„Was wecken sie mich mitten in der Nacht an einem Sonntag? Ich will schlafen.“

–“Entschuldigen sie…aber es ist 10 Uhr 20, also so ziemlich genau 10 Uhr 20, ich läute bei ihnen schon seit 10 Minuten und es ist…es ist Montag.“

Er zieht eine Augenbraue hoch.

–“Und ich möchte auch gar nicht beurteilen müssen, ob sie hübsch sind oder nicht, und Leute haben auch schon nackt Pakete von mir entgegen genommen, aber es hat sich noch nie jemand in einen Duschvorhang eingewickelt, der noch dazu halb durchsichtig ist. Verzeihen sie, ich wollte sie mit meinen Blicken nicht belästigen.“

Holllly…shit. Ich schau an mir runter.

Ich hab mich tatsächlich in meinen Duschvorhang eingewickelt.

Stimmt. Ich wollte mich gestern noch duschen. Das habe ich dann wohl auch noch gemacht…

…und dann irgendwie…hm. Wie genau ich ins Bett kam, weiß ich nicht mehr.

Ich kann zwar jedem seinen Tod voraussagen oder wie so die Geschäfte am nächsten Tag laufen, sehe Empfindungen wie andere Farben, kann mit Tieren sprechen, kann Pflanzen zuhören und kann mit der Zwischenwelt mal eben locker Gespräche halten…und vieles mehr…aber wie ich gestern ins Bett kam….

„Tut mir leid. Ich hatte einen schweren Tag gestern….was sag ich, eine schwere Woche…und…“

–“Keine Ursache. Bitte hier die Unterschrift.“

Er reicht mir einen Touchpendingskuli..keine Ahnung wie das Zeug heißt…ich mag das moderne Zeug nicht…ich kracksle meine Unterschrift auf so ein Plastikfeld, Minimonitordings…da steht aufgeregt „HIER ZEICHNEN“…jo…und da zeichne ich halt meinen Namen.

Paket. Er reicht mir ein kleines Paket.

„Danke.“

–“Keine Ursache. Und der Duschvorhang ist hübsch.“

Ok. Jetzt muß ich fast lachen. Ich ja, ich lächle und gehe mit gesenktem Haupt in meine Wohnung zurück. Mann. Mann.

Ich muß echt gestern zu viel erwischt haben.

Das Paket lege ich mal auf den Küchentisch. Jetzt gibt’s mal tiefschwarzen Kaffee der müde Nekromanten munter macht. Den Duschvorhang…hm…ich schau nachher ob ich den wieder montiert bekomme…den lege ich mal ab. Sooo….Kaffeemaschine läuft.

Was gibt der Kühlschrank her? Ich hab Hunger. Ich könnte jetzt nen kleinen Magier essen…wuaaahahaha…kleiner Spaß…ohhhh…damn….ich seh da gerade was. Synchro.

Die Idee da mit dem Magier. Das kam nicht so…um mich selbst zu erheitern. Damn.

Ich sehe was. Ich schau auf das Licht im Kühlschrank…ich sehe tief ins Licht. Ich bin im Licht.

Und…damn. Da ist wer. Den kenne ich noch nicht. Ein Magier. Ich lerne einen Magier kennen.

Ein Novize? Einen…was…Butter. Ich brauch Butter. Honig. Und…Butterstriezel.

Kaffee ist fertig.

Mein Exverlobter sagte dann immer in der Früh…-“Und magst du heute Iris-sch- Kaffee?“
Er fand das immer superlustig. Irish Coffee. Ich bin Iris. Und er spielte gerne mit meinem Namen.

Ich mochte das ja nicht soooo…aber ab und an hat er mich damit schon erheitert. Und mir hats gefallen..daß er stets -“EIRIS“…also lautmalerisch…Englisch Iris zu mir sagte.

War irgendwie stolz darauf englische Vorfahren zu haben. Umso lustiger fand mein Ex den Bezug zu „Irish“.

Paket. Jetzt hätte ich mich fast gedanklich versprochen und wollte schon Pakt denken.

Kennt ihr das? Pakt- Paket.

Ich brauch das Ding gar nicht öffnen. Ich weiß was drin ist.

Also so ungefähr.

Ich spüre Iver. Das Paket hat eindeutig seine Signatur. Und Flowers. Flowers hat das eingepackt.

Warum ruft der Kerl nicht einfach an? Nein, sicher wieder ein Brief in so uraltem Papier mit nem Siegel drauf…und ein paar Worte hingefetzt. Uaaaaah.

Ich habe echt andere Sorgen jetzt.

Ich bin nicht umsonst jetzt hier in Salzburg.

„Nie wieder Wien.“ Das waren meine Worte damals beim Abschied.

Ich hasse Wien. Verdammtes Wien. Scheiß Großstadt. Salzburg ist anders. Die Leute sind anders.

Angenehmer. Und mein Verlobter, mein Exverlobter…ist aus der Gegend hier.

Ich liebe Salzburg. Ich habe hier eine kleine Boutique.

Eigentlich bin ich ja Psychotherapeutin. Da bin ich schon stolz darauf. War schon hart die Ausbildung. Und ich war ganz gut darin. Nun, ja…ich hab auch gut „dahinter“ sehen können. Ich wußte was die Leute wirklich empfinden, und was sie wirklich durch gemacht haben. Machts aber nicht leichter. Und als ich mich mal dazu hinreißen ließ…daß ich meinem Klienten gesagt habe…gut…ich habe ihn fast angebrüllt…“Verlassens doch endlich ihre Scheiß Frau, die sie ständig betrügt…sie kommen seit nem Jahr her…und wir bewegen uns keinen Millimeter, weil sie einfach die Schlampe nicht ziehen lassen können…“ Gut…ok…ich habe ihn nicht fast angebrüllt…ich habe ihn angebrüllt. Und er hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, daß ihn seine Frau betrügt. Zunächst war er schockiert, dann entsetzt. Dann wollte er mich verklagen….und letztlich hat er seine Frau verklagt….nun, ja…jetzt ist er getrennt…und keine Ahnung was mit ihm ist. Aber ich hab das als Anlaß genommen diesen Job…an den Nagel zu hängen. Manchmal bin ich einfach zu emotional. Jetzt verkaufe ich hübsche italienische Mode. Mailand. Mhhhh…ich bin so gern in Mailand.

Nicht so gern bin ich wieder in meiner Wohnung. Allein.

Damn.

-“Du hast Geheimnisse vor mir. Du vertraust mir nicht. Du…“

Usw. Blabla.

Ja, klar….ich wollte ihm nicht sagen, daß ich eine Nekromantin bin und und…daß ich sehe, daß sein Bruder Leute auf dem Gewissen hat, seine Mutter in Wirklichkeit lieber mit ihrem Schwager zusammen wäre und …und…ich sehe seinen Tod. Ich sehe seinen verdammten Tod.

Da werden Beziehungen nicht gerade einfacher.

Ja, ja…ich kann das unterdrücken. Ich blende meine Fähigkeiten oft aus.

Weils das Leben einfacher macht. Ich weiß gerne was NICHT. Ich lasse mich gerne überraschen.

Ich liebe Überraschungen.

Das Paket.

Ich nippe an der Kaffeetasse…mhhhh…lecker.

Das Paket…gut…

Als wäre ich eine Katze mache ich eine schwungvolle Bewegung mit meiner Hand… tu so…als hätte ich Krallen…und nähere mich dem Klebestreifen…yessss…scharfe Fingernägel braucht die Frau.

So…offen.

Vorsichtig reinblicken.

Ein Brief. Ein doch sehr großes Paket…und darin ein Brief.

Typisch Iver. Das ist sooo typisch. Theater. Drama.

Ich nehme den Brief auf. Altes Papier. Geschlossen mit Wachs. Siegel.

Draaaama. Iver ist sooo eine Dramaqueen.

Nein, da können wir nicht einfach anrufen…oder auch mal nachfragen wie es einem denn geht…nein…da schreiben wir nen suuuuperokkultmagischen Brief.

Ratsch. Brief offen. Altes Pergament darin. Darauf steht mit Tinte geschrieben:

„Montag, 17 Uhr, Wien, Cafe Dreivierteltakt“….dann noch unser Zeichen unterhalb…

…und…oh…ich staune…ganz klein steht da „Bitte“.

Oh…Iver setzt ein „Bitte“ unter seinen Brief? Das ist neu. Flowers muß da nen gewaltig guten Einfluß haben….17 Uhr. Es ist jetzt so…11…dann kann ich mich nochmal hinlegen und….

handygeklingel

Na. Nicht ernsthaft jetzt. Wo ist mein Handy?

Ich…ich…nie wieder Alkohol.

Es kommt so aus Richtung Schlafzimmer…ok…dann mal…ja…da…unter der verf—- echten Bettdecke, die da am Boden liegt…da liegt auch mein Handy…und….ah…unbekannter Teilnehmer, die habe ich ja besonders gerne…und…nein, ich spüre auch nichts…ich weiß wirklich nicht wer das ist…ich…

Ach, was solls. Ich heb ab.

—-“Schatz? Schwester? EIIIIIRIS?“

Flowers. Es ist Flower.

—-“Komm sag was. Du freust dich doch.“

„Verdammt ja, Flowers. Süße. Das Paket habe ich gerade erhalten. Du….“

—-“Ach, du kennst doch Iver. Er kann das nicht lassen. Aber das „Bitte“ kommt doch schon mal gut, oder?“

„Das hast du ihm gesagt, gell? Du Luder.“

—-“Hihihi….ja, ich hab ihm gesagt, das freut dich sicher.“

„Und was ist los? Weltverschwörung? Illuminaten, Reptilienkongress, Mondlandung, diesmal die echte?“

—-“Du hast deinen Humor nicht verloren, Iris…ich vermisse dich echt. Wir fahren einfach gemütlich nach Wien und Iver wird dir alles persönlich sagen.“

„Wir fahren…was heißt…“

—-“Schau doch mal aus dem Fenster, Schatz.“

Ich ziehe die Vorhänge auf die Seite. Da unten. Flower. Und n Typ. Der Magier.

„Novize?“

—-“Genau.“

„Wie macht er sich?“

Sie reicht ihm das Handy.

—–“Sie sind dann wohl Iris?“

„Ja, das zur Hölle bin ich. Und du?“

—–“Chad. Freut mich.“

„Mich auch, sag einfach Iris zu mir und nenne mich bitte nie Schwester sonst reiß ich dir die Juwelen raus und sag nie Süße zu mir und…“

—–“Iris, das merke ich mir…ich geb dir wieder Flowers.“

„Flowers? Netter Typ. Kann ihn nicht scannen…aber wirkt sympathisch. Warum hab ich dich nicht spüren können?“

—-“Iris, ich wollte dir die Überraschung nicht nehmen. Hab uns abgeschottet. Und auch jetzt Chad. Lern ihn einfach mal kennen. Er kann viel von dir lernen. Hilf ihm ein bißchen. Und…Iver braucht dich. Wir brauchen dich. Die Suppe kocht heiß…und….wir müssen wieder mal zusammenkommen.“

„Danke, mein Schatz. Ok. Klingt gefährlich. Wenn ihr Tante Iris braucht ists gefährlich. Bin dabei.“

—-“Natürlich bist du das. Leg dich nochmal hin. Chad und ich gehen ein paar alte Kultstätte hier besuchen…dann essen wir gemeinsam zu Mittag in der Stadt und nachher fahren wir nach Wien, ganz entspannt.“

„Liebe Schwester, so machen wir das. Bin gespannt. Ich liebe Überraschungen….“

—-“Guuuuut. Wir holen dich nachher ab.“

„Bis später!“

Sie winkt mir. Chad winkt.

Das wird spannend.

Und….ja….jetzt lege ich mich nochmal nieder.

Ohne Duschvorhang diesmal.

—–Fortsetzung folgt—–

Autor: XVII

Bildquelle: Salzburg_view_from_Monchsberg, By Paulo Maurício (56501) (Self-photographed) [CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons. org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons,
Description= Photo of a human skull |Source=Personal work |Date=7 june 2008 |Author= Cyril NOVEL (~~~~Xerto), via Wikimedia Commons

Vom Brunnen der Weisheit, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 23. Dezember 2017

 (Märchen aus dem Nebelreichen II)

Diese Geschichte vertrauten mir die Kristalle der Hünenpforte an, während ich bei einer erneuten Seelenreise ihnen und dem Frieden, in Schatten und Licht, lauschte. Gwynn ap Nudd erzählte mir jene Teile, denen er selber beigewohnt hatte, wachend in der Erde…

In den nebelverhangenen Ländern des Nordens, wo Eis und Schnee das Leben zum Verharren brachte, ging ein einsamer Wanderer durch einen Birkenwald. Sein Gesicht war unter einer großen Kapuze verborgen. Ein Stab mit seltsamen Zeichen half ihm beim Vorankommen, denn der Weg ins nächste Dorf war lang und beschwerlich.Kalt zerrten die Winterwinde an den Gewändern des Alten. Dort in der Ferne war eine kleine Stadt. Elektrisches Licht statt warmen tanzendem Feuer empfing ihn.

Der Alte hielt Ausschau. Denn er hatte einen Grund weswegen er sich unter die Menschen wagte. Eine junge Frau suchte er, die in ihrem Inneren den Schlüssel zu Mimirs Brunnen verwahrte. Und diese Frau musste er suchen. Das alte Wissen brauchte eine neue Form und Sprache. Eine Sprache die alles berühren vermochte. Eine magische Sprache.

So ging er durch die Straßen. Die neuen Schluchten der Menschen. Glatt geschliffen und gleichmachend. Doch wusste er, daß es hier Herzen gab die den Ruf der alten Wege und Götter gehört hatten und nach den Zyklen von Ebbe und Flut und dem Jahresrad lebten. Und diese Herzen anzuleiten und zu lieben war das Kostbarste was es zu tun gab für ihn und viele andere die so waren wie er.

Der Regen verwandelte sich in Schnee und er dachte an Skadi. Diese mied bis heute die Menschen in Midgard oder offenbarte sich nur wenigen.

Während er so weiterging sandte er seine Gedanken aus. Irgendwo hier im betäubenden Licht musste jene junge Frau sein, die bereit war die Prüfungen zu bestehen und den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Eine Tochter von Erde und Wasser und eine Tochter seines Geistes. Eine Wanderin zwischen den Welten.

Doch wo war sie nur….?

Eine junge Frau ging durch die Straßenschluchten ihrer Stadt. Alles wuselte, war laut. Sie suchte eher die Stille. So ging sie in eine Kirche, wo sie immer die Energie der Göttin fühlen konnte. Stille hüllte sie ein. Ein Mann saß auf einer der Holzbänke. Bei sich trug er einen grossen Stab mit Runen verziert. Ein seltsamer Gegenstand..wobei ..auch nicht seltsamer als ihren Medizinbeutel, den sie in ihrem Rucksack von Ort zu Ort trug. Der Alte sah sie an. Ein Auge voll unausprechlicher Traurigkeit und Tiefe. Das andere…nun es gab kein anderes.

Statt Angst ging die junge Frau zu ihm hin. Setzte sich neben ihn. Ein Duft von Met und Feuern ging von ihm aus, von nassem Laub auch. “Tochter dich habe ich gesucht. Ich muss dich bitten etwas zu wagen was nur ich einmal wagte. Finde den Schlüssel zum Brunnen der Weisheit der tief verborgen an den Wurzeln des Weltenbaumes liegt.” Die junge Frau blickte ihn unerschrocken an auch wenn ihr Herz vor Angst bebte. Sie sollte das verbringen?  Wie? Sie war nur ein Mensch. Doch hier..an diesem uralten Ort, wo die Kraft der Göttinnen aus der Erde in sie strömte, fand sie in sich den Mut und sagte dem fremden Einäuigen Ja.

Er sagte ihr, daß er ihren Mut schätzte und daß er sie nur bis ans erste Tor führen durfte. So nahm er ihre Hand und ging mit ihr zu einem kleinen Becken, das die Form eines Auges hatte.

“Lass es einfach geschehen Tochter. Keine Angst. Auf der anderen Seite wirst du jene finden die dich so lange begleiten. Von Leben zu Leben.”Ein Rabenschrei von draussen und der Wanderer war fort. Bebend stand sie da. Das Becken schien grösser zu werden. Es wurde zu einem Tor und immer weiter bis sie ganz vom Wasser umgeben war. Sie erinnerte sich an die alten Sagen und sanft berührte das Wesen des Wassers ihr Herz. Sie fühlte. Floss mit dem Rhythmus des Mondes. In ihrem Bild spiegelten sich die Sterne.

Plötzlich fühlte sie Wurzeln und sie zog sich daran raus. Ein Hain erstreckte sich vor ihrem Blick. Über dem Wald standen die Sonne und der Mond. Unsicher, aber voller Vertrauen ging sie vorwärts. Ein Rascheln im Geäst. Ein wilder Duft. Hatte der Wanderer nichts von Verbündeten gesagt? “Helft mir…ich brauche euren Rat und Weisung.” flüsterte sie zu Sonne und Mond hinauf.

Und die Gestirne der Nacht und des Tages erhörten sie. Aus der Dunkelheit flog eine Eule auf sie zu, setzte sich vertrauensvoll auf ihre Schulter. ”Lang habe ich auf dich gewartet. Du und Ich wir sind eins. Verbunden durch alle Zeit.” sagte sie mit einer Stimme, die nur in ihrer Seele erklang.

Gemeinsam schritten sie durch den Wald. Bis sie in einer Waberlohe gefangen waren. Die Flammenwände waren wie ein Kreis um sie geschlossen. Über den beiden, Eule und Frau flog ein riesiger Schatten der landete. Augen wie Lava und Schuppen von Rubin und Schwarz . Ein Drache. Die junge Frau dachte nicht daran ihrer Angst zu erliegen. So blickte sie ihm ruhig in die Augen.

“Grosser Drache, ich bitte dich, hilf mir hier heraus. Ich kam nicht eigennützig hierher. Der graue Wanderer schickte mich auf Fahrt den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Bitte hilf uns und wir werden weiterziehen!”

Ihre Hände auf ihr Herz gelegt vergingen mehrere Minuten ehe der Herr des Feuers antwortete. Mit einer Stimme wie eine bronzene tiefe Glocke sprach er: ” Ich habe dich geprüft Kind der Erde. Dein Wille und Herz ist rein. Du darfst dich Freundin der Drachen nennen und auf meinem Rücken bringe ich euch zur letzten Prüfung. Denn zwei habt ihr bereits erfüllt.”

Die Lohe pustete er sanft aus und das Mädchen kletterte auf den Drachenrücken. Sie hielt sich voller Vertrauen fest.

Der Drache flog mit ihnen in eine Schlucht. Nur Dunkelheit und Stille herrschte da. ”Dies ist das Tal der Ängste, das den Brunnen umschliesst. Gehe hindurch und egal was du siehst oder hörst, verlier nicht den Mut und sag kein Wort.”

Dann verschwand ihr neuer Freund und die junge Frau war mit Eule allein. Doch wusste sie instinktiv das der Drache und sein Feuer immer in ihrer Seele sein würden. Wie die Ruhe des Waldes…das Fliessen des Wassers. So ging sie also hinein und völlige Schwärze umfing sie.

Bis die Stimmen wie in einem Sturm losbrachen. Stimmen die sie verhöhnten. Ihr hässliche Namen gaben. Daß es sinnlos sei was sie tue und sie wertlos und hässlich sei.

All dies stürmte auf sie ein und sie biss sich auf die Lippen während sie sich auf den steinigen Boden sinken ließ.

Immer lauter dröhnte es und es sah aus als hätte sie aufgegeben. Doch sagte sie sich innerlich, daß sie den Schutz…die Weisheit…den Mut und die Kraft in sich hatte. So rappelte sie sich auf und ging weiter. Erhobenen Hauptes und mit Tränen in den Augen zwar, doch stolz. Sie hatte es überstanden und würde alles überstehen. Ihr Ziel war klar.

Aus der Dunkelheit tauchten riesige Wurzeln auf. Und da drin standen drei webende Frauen.

“Der Schlüssel zum Schloss ist erschienen. Durch die Prüfungen wurde sie geschmiedet. “ wisperten die verhüllten Göttinnen. Die erste wandte sich ihr zu. ”Durch die Vergangenheit gegangen um den Mut zu finden.”

Die zweite sagte etwas gegenwärtiger. ”Durch die Gegenwart gestärkt ist sie. Sie die Freundin der Drachen.”

Als die letzte sich zu ihr umdrehte erklang ihre Stimme wie aus einem Grab. ”Durch die Nacht ihrer eigenen Seele ist sie geschritten.”

Und sie sah, daß ein Brunnen da war. Das Wasser schwarz und ölig wirkend. Ranken wuchsen darum, vergifteten das Wasser. Mit der Kraft des Feuers in ihr zerschnitt sie es und der Baum des Lebens konnte um Yule neue Blüten und Knospen tragen.

Etwas zog sie dann zurück und sie erwachte wieder in der Kirche, unter dem Bild der Göttin. Doch war sie innerlich verwandelt. Ab und zu begegnete sie den Göttern und Göttinnen auf ihren Weg.

Ende

Autorin: Veleda Alantia

Bild: Veleda Alantia

Das Lied der Banshee, von Veleda Alantia

Samstag, 02. Dezember 2017

Geschichten aus den Nebelreichen

 

 

Diese Geschichte erzählte mir meine Freundin, die Banshee..-
Jedes Jahr zu Samhain sitzen wir ein paar Tage zusammen.
Teilen Met und Brot und erneuern unsere Freundschaft.
Folgendes vertraute sie mir an einem nebeligen Morgen an…

Vor Urzeiten wurde aus Erde und Wasser und der sanften Wärme der Herbstsonne die Banshee geboren. Mit ihr wurden noch acht weitere Schwestern aus Nebel erschaffen. Das Geschenk, das sie von der alten Göttin erhielten war die Kraft ihrer Stimme. Da ihre Erscheinung flüchtig war konnten sie bei dem Menschen weilen und wenn ihre Zeit, durch die Schere der Norne, in diesem Leben endete, so begleitete sie die Totenklage der Banshee in die Anderswelt.

Doch gab es einst eine Banshee, die die Menschen nicht nur betrachten wollte. Sie wollte mit ihnen sein. Die Sonne fühlen, zu der Musik tanzen und lachen und lieben.

So ging sie ans Meer. Der Wind ließ ihre Gewänder wie Nebelfahnen aussehen. Ihre Schwestern sagten, daß sie hier Hilfe bekäme. Doch schien sie ganz allein. Sie brauchte Hilfe um ihre Sehnsucht zu stillen!

“Hör mich, du tiefe See! Ich brauche deine Hilfe!”

“Ich habe gehört.” Ein Mann mit den Augen der Nordsee, farblich zwischen sturmgrau und grün schwankend, stand vor ihr. Er war alterslos, doch waren seine Augen uralt. Die Banshee sank nieder. Der Mann lächelte. Hob sie auf.

”Ich habe den tiefen Wunsch gehört. Ich werde ihn dir gewähren doch wisse, daß Leid dich begleiten wird.”
“Das ist mir gleich, unerwarteter Gott. “
So nickte er und verwandelte ihre Gestalt, so dass sie aus Fleisch und Blut war.
”Geh nun..doch höre die Bedingung. Kein Mensch darf deinen Gesang vernehmen. Denn das grosse Lied darf nicht durch dein Fehlen verändert werden. Zu jedem Neumond solltest du alleine singen dürfen. Kein Mensch darf dich hören. Tut er das verlierst du deinen Körper.” sagte der Gott sanft aber mit Melancholie. Er erahnte den  Fortgang.

Die Banshee dankte ihm dafür und begab sich in die Stadt am Meer. Mit ihrer aussergewöhnlichen Art, der schlichten Schönheit aus dem Inneren und ihrem Geschichtenreichtum die sie aus der Anderswelt mitgebracht hatte, war sie bald ein wichtiger Teil des Lebens der Menschen. Doch ..bald verlief ihr Leben anders. Sie verliebte sich und heiratete einen Menschenmann. In der Weihenacht hatte sie ihn gebeten ihr zu jedem Neumond ihre Zeit allein zu lassen und sie nie zu fragen warum.

Im ersten Jahr konnte die Banshee zu jedem Neumond mit ihren Schwestern singen und das grosse Lied webte das Gleichgewicht von Leben und Tod.

Im zweiten Jahr wurde ihr Mann misstrauisch. Seine Frau verschwand nächtelang. Spurlos. Keiner konnte sie finden.

Im dritten Jahr reichte es ihm. Statt sich um die Familie zu kümmern und um ihn, ihren Herren, war die Banshee draussen. Bei Nacht und Nebel am Meer. Dort hatten manche der Stadtbewohner sie gesehen. Allein mit dem Nebelreich, den Elementen.

Eines Nachts, die Kinder schliefen, folgte er ihr zum Strand. Ein Lied flog mit dem Wind, rauschte in den Wellen, ruhte im Stein. Dort war seine Frau und sang! Doch sang sie nicht allein. “Hier bist du, Hexe! Beschwörst du den Sturm herauf, der die Fischer zum Kentern bringt?!” Unbedacht hatte er diese Worte gesprochen, doch waren sie gehört und nicht zurückzunehmen.

Mit traurigem Blick sah die Banshee zu ihrem Mann während ihr Fleisch sich nach und nach zum Nebel verwandelte. Fleisch zu Geist wurde.

Der unerwartete Gott mit den Meeraugen tauchte als Silhouette hinter ihr auf. Legte mitfühlend die Hand auf ihre Schulter.

“Durch deine eigene Unsicherheit hast du das beendet. Ich werde unsere Kinder ihr Leben lang begleiten. Doch Mensch werd ich nicht mehr werden können.“
Und die Banshee wurde zu Nebel.

In der Anderswelt begrüssten ihre acht Schwestern sie. Sie hatten sie vermisst und teilten ihr Leid.

Die Kinder wurden erwachsen, gründeten selber Familien.
So ist es, daß das Blut des Anderweltlichen und Fernen sich in vielen Menschen dieser Zeit bewahrt hat.

Ende

 

Autorin: Veleda Alantia

Bilder: Veleda Alantia

Der Nekromant – Fortsetzung, geschrieben von XVII

Samstag, 18. November 2017

 

Warum wir hier sind…ist mir nicht ganz klar.

Sicher, Kirche…ja, beeindruckend. Aber eben…warum ausgerechnet hier in einer der größten Kirchen Österreichs, dem Stephansdom?

Ich sitze auf einer Kirchenbank in den hinteren Reihen.

Einige Gläubige und vor allem viele Touristen sind hier.

Aufgeregt werden Skulpturen betrachtet oder in versunkener Stille ein Kerzchen als Opfergabe angezunden.

Schon gigantisch. Man fühlt sich automatisch klein. Mächtig.

Aber auch düster hier.

Flower sitzt neben mir, hat die Augen geschlossen. Schweigt.

Ich schließe auch die Augen. Wir sitzen ruhig einige Minuten nebeneinander.

Ich öffne die Augen.

Flower lächelt sanft. Sieht mich an. Flüstert:

-“Chad…wie ist das für dich so…hier in einer Kirche?“

„Ich weiß nicht so recht. Ich bin schon christlich aufgewachsen, aber ich kann mit der christlichen Kirche einfach nichts anfangen, also mit der Religion und…“

-“Was nimmst du wahr?“

„Es ist groß…düster, das Licht wirkt unecht, welches durch die Kirchenfenster bricht, es ist…hm… Trauer hier, Frust, aber auch Erleichterung, ich denke es wird viel hier gelassen an, ja ich weiß nicht, Gefühle…es ist auch Hoffnung hier, also ich spüre sowas wie Hoffnung…“

-“Was, wer ist der Christengott für dich, Chad?“

„Sicher nicht dieser bärtige alte Mann, der auf einer Wolke sitzt…“

Ich lächle sie an.

-“Nein, das sicher nicht…aber wie nimmst du das Allmächtige, von dem die Christen sprechen, wahr?“

„Ich weiß nicht. Ich…ich hab da nicht so den Zugang dazu, vor allem zu derlei Gottesform.“

-“Wir könnten an jedem Platz der Welt sein, aber nun sind wir hier. Chad, ich möchte, daß du dich in einen gnostischen Zustand begibst und den Christengott anreist.“

„Den Gott?“

-“Ja. Such dir hier einen Platz an dem du das ungestört machen kannst. Ich bleibe derweil hier und nachher kommst du wieder und erzählst mir deine Wahrnehmungen.“

„Gut. Ok. Ich finde es komisch, aber…“

-“Tu es Chad. Mach es einfach.“

Ich stehe auf und gehe in der Kirche umher…ich gehe nach vorne und setze mich wieder, genau dort wo das Licht von außen gerade sich auf einer Bank spiegelt. Die Reihen vor mir und hinter mir sind leer. Ich habe das Bedürfnis mich zu schützen. Ziehe um mich gedanklich einen Kreis. Merke, wie mir das schwer fällt, als würde ich etwas stören, oder etwas nicht einverstanden sein. Ich versuche dem mehr Kraft, mehr Nachdruck zu verleihen. Verkleinere den Kreis, versuche mich mehr auf mich zu konzentrieren, von Innen nach Außen. Schließe die Augen. Überraschenderweise bin ich schnell…wie weggetreten. Anderer Ort. Hell. Viel zu hell. Blau, wie lächerlich. Kitschiges Blau. Und viele Wesen. Ich spüre ihre Anwesenheit. Aber sie sind weit weg. Ich fühle mich schwebend im Raum. In einem mit klarem Licht durchfluteten Raum. Gott. Gott, wo bist du, Gott.

Das Licht wird noch heller. Viel zu hell. Eine unglaubliche Kraft. Alles durchdringend. Ich fühle mich hilflos. Schwach. Zwei Gestalten erscheinen neben mir. Engel? Ich habe schon mit Engeln gearbeitet, aber noch nie sah ich sie so, wie sie sich mir gerade zeigen. Überdimensional groß.

Wie Türsteher. Vor einer Insiderdisco. Der eine sieht mich mit finsteren Blick an.

–“WAS IST DEIN BEGEHR, CHAD?“

Eine mächtige Stimme, die meinen Körper zum Vibrieren bringt. Ich spüre die Stimme überall. Er hat dazu nicht mal seinen Mund geöffnet. Ich spüre was er sagt. Ich bin erfasst von seiner Stimme.

Fast unbeholfen und, ja…leicht eingeschüchtert meine ich: „Gott, ich will zu Gott reisen, will ihm begegnen.“

–“GOTT ZU SCHAUEN IST DIR NICHT MÖGLICH.“

„Aber…“

–“NICHT NUR DIR. DU KANNST ALS MENSCH GOTT NICHT IN SEINER FORM GANZ ERFASSEN.“

Der zweite Engel meldet sich ebenso zu Wort. Seine Stimme klingt sanfter, das Vibrieren auf meinem Körper ist anders…nein, es ist weniger ein Vibrieren, es ist nun als würden seine Worte wie Farben auf meinen Körper niederregnen und die unterschiedlichen Regionen meines Körpers erwärmen. Es ist als würde Licht zu mir sprechen.

—“CHAD; WÄHLE NICHT DEN WEG VON FLOWER. DAS IST UNSERE BOTSCHAFT NUN DARFST DU WIEDER GEHEN.“

„Wie, was…was heißt…“ Sie verschwinden plötzlich. Und wie vom Blitz getroffen bin ich schlagartig wieder in der Kirche. Ich zucke hoch.

„AAHHH….“

Ein Tourist mit fetter Kamera, die um seinen Hals baumelt, schaut mich entgeistert an.

Ich kann noch das Licht, die Farben auf meinem Körper spüren. Noch die Stimmen hören, als wäre da noch ein Echo, ein Widerhall.

Der Tourist tut nun so, als hätte er mich nicht gesehen und schaut auf die Wand.

Ich blicke auf meine Hände. Es kribbelt.

Ich stehe langsam auf und gehe wieder zurück zu Flower.

-“Nun? Chad?“

„Ich bin vor dir gewarnt worden.“

Ich schau ihr tief in die Augen.

-“Nein, das ist so nicht richtig, Chad. Sie haben dich nicht vor mir gewarnt, sondern nur gemeint, du sollst nicht meinen Weg gehen. Und da haben sie recht. Chad, gehe nicht meinen Weg.“

„Wie, was, ich bin verwirrt? Bitte, klär mich auf. Was soll das?“

Sie berührt meine Hand. Hält sie. Lächelt mich aufmunternd an.

-“Gehen wir mal in die Richtung der Katakomben. Wir sind wegen der Katakomben hier.“

Wir bewegen uns langsam. Sie schweigt. Kurz vor dem Abgang bleiben wir stehen.

Abgesperrt. Gitter. Daneben eine Tafel mit den Zeiten an denen jeweils eine Führung stattfindet. Heute ist keine mehr.

-“Wir werden nun in einen unserer Ritualräume gehen. In die Katakomben. Auf dem Weg dorthin erkläre ich dir alles, alles was du möchtest.“

„Es ist zu. Ritualräume? Hm?“

Sie wedelt mit einem goldenen großen Schlüssel vor meiner Nase rum.

-“Der Schlüssel sperrt, aber er ist nur als Symbol zu sehen. Wir dürfen den Zugang nutzen. Natürlich wäre es ein Leichtes auch ohne diesen Schlüssel reinzukommen, aber wir haben auch Regeln und an die halten wir uns auch.“

Sie sperrt auf. Öffnet die Tür. Mit weiträumiger Geste bittet sie mich ihr zu folgen.

Sie schließt wieder hinter mir. Versperrt die wuchtige Tür.

Sie schnippt mit dem Zeigefinger…und es geht Licht an.

-“Ach, das…das war jetzt nichts Magisches. Ist so ein geräuschgesteuertes Modul, welches das Licht angehen lässt. Magie der modernen Technik.“

„Komm, Flower, jetzt lass mich nicht länger im Ungewissen.“

Wir gehen durch einen langen Raum. Am Ende sehe ich eine weitere Tür.

Es riecht modrig. Es ist feucht.

-“Gut, gut…also ich versuche es Dir zusammenzufassen. Damit du rasch einen Überblick hast und dann kannst ja noch immer nachfragen.

„Ok. Leg los.“

-“Daß ich mich nicht ganz nach meinem körperlichen Alter verhalte ist dir ja schon aufgefallen. Und das ist auch so. Ich bin tatsächlich viel….viel älter. Ich hab schon in Wien gelebt, als hier nur Kutschen gefahren sind, als es hier noch…nun ja, nicht mal elektrisches Licht gab und als hier hm…auch die Pest zigtausende Leute hingerafft hat. Mich auch…fast. Aber nur fast. Ich zähle meine Geburtstage schon lange nicht mehr. Alle paar Jahre ziehe ich um, ändere meinen Realnamen…nur als Spitznamen behalte ich mir…Blume vor. Bluoma …nannte man mich früher, vor langer, langer Zeit. Aber ich bin ja auch eine moderne Frau und deswegen, also…Englisch „Flower“ finde ich doch ganz gut.“

Wir stehen vor Gittern. Hinter den Gittern sind Gebeine zu sehen. Zahllose Knochen.

-“Hier würde ich wohl auch liegen. Sind durch Pest Verstorbene. Ich bin gerettet worden. Vielleicht wäre es auch besser, wenn ich damals verstorben wäre. Ich…es ist schwer so lange zu leben. Ich habe es zunächst genossen, aber ich habe auch fürchterliche Sachen gemacht, Chad, Grausames. Iver hat mich davon befreit. Er hat mir ein neues Leben geschenkt. Er hat mich zum ersten Mal Sachen sehen lassen, die ich davor nicht kannte. Ich war eine sehr verbitterte Frau. Eine verbitterte Frau, die unglaubliches Talent hatte was Zauberei und Magie betraf. Eine miese Kombination.

Ich hab mich in den Dienst von Mächten gestellt, die sich gegen das Leben und gegen den Menschen richteten. Mir war Ansehen, Gold und Vergnügen wichtig. Irgendwann erkannte ich, daß sowas wie ein Fluch auf mir lastete. Eine alte Frau hat mir damals das Leben gerettet. Aber es war an Bedingungen geknüpft…die ich über lange Zeit zu erfüllen hatte, was mich veränderte und mich zu einem grausamen gierigen Weib machte. Letztlich konnte ich mich von der Frau lösen und die Verpflichtungen auch magisch beseitigen, aber…meine Gier und mein Hass blieben. Lange. Bis ich auf Iver traf. Ich hatte den Auftrag ihn zu töten. Ich unterlag aber im Kampf. Er allerdings verschonte mich. Ich wollte und bettelte, daß er mich töten solle…aber er….er nahm nur meine Hand. Er fuhr mir durchs Haar. Wortlos. Ich erinnere mich noch genau an diese Szene. Dann küsste er meine Stirn. Half mir mich vom Boden zu erheben. Ich taumelte. Er stützte mich. Und das tut er bis heute. Nein, Chad. Wähle nicht meinen Weg.“

Ich bin wortlos. Was soll ich auch zu so einer Geschichte sagen.

Wir gehen weiter. Folgen einigen Verzweigungen, bis wir schließlich in einen festlich geschmückten Raum gelangen.

-“Das ist unser Ritualraum.“

„Wie kommst du an den Schlüssel und warum haben wir einen eigenen Ritualraum in den Katakomben?“

-“Der Schlüssel ist ein Abkommen mit der christlichen Kirche. Der Raum auch. Wir mischen uns nicht in ihre Angelegenheiten und sie sich nicht in unsere. Wir können aber hier den Raum nützen. Dafür darf Iver nie wieder eine Kirche betreten…und die Katakomben nur durch einen externen Zugang.“

„Ich bin verwirrt. Auch, daß du meinst schon einige Jahrhunderte zu leben.“

-“Es gibt Sachen, die leider wirklich verwirrend sind, nicht alltäglich und weit, weit ab von dem was wir als Realität wahrnehmen. Und es gibt halt Extreme, die die Realität ordentlich durchschütteln, das ist halt kein Niveau hier, wo wir mal Frühstückseier aus nem Tuch zaubern und das Huhn dazu in nem Hut verschwinden lassen und die Zuschauer dazu belustigt applaudieren. Oder wie es Jugendliche heute wohl sagen….“krasses Zeug, Alter“.“

Sie nimmt eine Flasche aus einer Kiste. Öffnet sie.

Schenkt die Flüssigkeit in zwei Gläser ein.

Stellt mir eines hin.

„Was ist das?“

-“Hm….krasses Zeug!“ Und lächelt.

Ich nehm das Glas trinke einen Schluck und meine:

„ALLLLLLTER!“

-Fortsetzung folgt-

  • Autor: XVII

[Bilder: wikicommons: Nordostansicht des Stephansdomes in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien © Bwag/Wikimedia , Grab des Kaisers Friedrich III von Niclas Gerhaert van Leyden im Wiener Stephansdom, Fotograf: Uoaei1]

Der Nekromant – Fortsetzung

Samstag, 28. Oktober 2017

-“Chad? Chaaaaaaaad!“

Meine Augenlider sind schwer. Ich bin noch so müde.
So müde. Die Decke ist so schön warm.

-“Chad. Aufstehen.“

„Gleich…ich…“

Sie zieht mir die Decke weg.

-“Komm schon, ich hab dir Kaffee gemacht und ein paar Semmeln aufgebacken.“

Jetzt kann ich den Kaffee riechen.
Mhhhh.
Ich setz mich auf.
Sie reißt die Vorhänge auf.
Licht blendet mich.
Ich bedecke meine Augen mit der Hand…und zwischen meinen Fingern sehe ich Flower.

Wie sie beim Fenster steht. Sie hat nur ein leichtes Hemdchen an, welches ihr bis zu den Knien reicht. Und wird von hinten mit dem starken Sonnenlicht umhüllt…wie ein Engel.

-“Chad. Engel bin ich sicher keiner.“

Ich vergess das nur zu rasch…sie liest mich, sie kann einfach alles von mir erfassen und sehen.
In mir wie in einem Buch lesen.
Das Zimmer, welches ich bewohnen darf ist sehr schlicht eingerichtet.
Schlicht, aber schön.
Zwei Kästen, einer für Persönliches einer für „die Arbeit“.
Ein Schreibtisch, darauf ein leerer Notizblock DinA4, zwei Bleistifte.
Ein kleines Tintenfass, mehrere Federn unterschiedlicher Größe.
Liegt alles fein penibel nebeneinander.
Davor ein Holzstuhl.
Keine Bilder, der Raum ist weiß.
Holzboden. Darauf ein kleiner Teppich.
Der Teppich ist tiefrot.
Die Vorhänge ebenso. Schwere Vorhänge, tiefrot.
Blutrot.
Ein Bett, mit verdammt weicher, angenehmer Matratze.
Die Bettwäsche sanft…selten so gut geschlafen.

-“Chad?“

„Ja, Flower?“

-“Milch?“

„Ja, Danke.“

Sie gießt mir ein und reicht mir die Semmeln.
Wir sitzen beide nun im Esszimmer.
Im Hintergrund läuft klassische Musik im Radio.

-“Bevor Iver kommt, werden wir noch jemanden abholen.“

„Ok. Ist gut. Wen holen wir ab?“

-“Einen alten Freund. Du wirst ihn mögen.“

Sehr geheimnisvoll.

-“Vor was hast du Angst? Also so wirklich Angst?“

„Pffff…schwer zu sagen. Ich meide Menschenansammlungen, also wenn wirklich viele
Leute zusammen sind, Veranstaltungen. Und…du, ich liebe ja alle Tiere, aber Hunde machen mir Angst. Ich weiß nicht warum, aber die wirken besonders gefährlich auf mich.“

-“Gut, gut.“

„Flower, du machst mir auch Angst.“

Ich grinse.

Sie lacht.

-“Ich weiß. Wird sich legen. Vor mir brauchst du ganz sicher keine Angst haben. Ich bin für dich da. Ich nehme das sehr ernst mit meiner Aufgabe dir als Mentorin zur Seite zu stehen.“

Minuten später sitzen wir in ihrem kleinen roten Flitzer.
Sie rast durch die Stadt. Hat ihr Auto vollkommen im Griff.

Wir hören im Auto weiter klassische Musik.

-“Du hast heute gute Arbeit geleistet. Und nachher…du bist ja sofort eingeschlafen!“

„Kein Wunder. Ich war so fertig. Nicht nur körperlich. Ich war überdreht und gleichzeitig todmüde. Dachte, ich könne nie einschlafen. Und war offenbar gleich weg. Arg, was du dort im Spital leistest. Ich ziehe meinen Hut vor dir.“

-“Wie du das kleine Mächen beruhigt hast, das hat mir am besten gefallen. Hast du gut gemacht.
Auch, als du nachher das kleine Strichmännchen auf ihren Gips gemalt hast, du, das hat mich wirklich berührt. Du warst gut gestern.“

„Der alte Mann…“

-“Ja, seine Zeit ist gekommen. Hast du es gesehen? Hast du es wahrgenommen?“

„Ja. Ja. Da war etwas.“

-“Nein, nicht etwas…was hast du gesehen?“

„Farben. Da waren ganz viele Farben.“

-“Gut. Ein guter Anfang. Und was hast du bei ihm gespürt?“

„Angst. Aber auch Loslassen. Entspannung. Hoffnung, ja, da war auch Hoffnung.“

-“Gut. Sehr gut. Ah…wir sind schon da.“

Tierhandlung SPÖRK.
Steht da in großen Lettern.
Eine Frau öffnet uns.

–“Flowers! Schön, daß du vorbekommst. Arak wartet schon.“

-“Danke.Ich freu mich schon ihn mal wieder zu sehen.“

Wir gehen rein.

-“Chad? Was spürst du? Was nimmst du wahr?“

„Angst. Ich habe Angst. Es kriecht Angst in mir hoch.“

-“Und? Was ist da, was…wer wartet auf dich?“

„Es ist groß, schwarz, unheimlich, mit einer tiefen Weisheit. Gefährlich.“

-“Hm…dann begrüssen wir ihn doch mal…ARAK!“

Aus einem Hinterzimmer hört man Poltern. Dann ein Kratzen auf dem Boden.
Hektisches, rasches Kratzen.
Und aus dem dunklen Raum rennt was wirklich Großes auf uns zu.
Ein HUND. Ein RIESENHUND.
Ich weiche zurück. Mein Puls rast.
Der Hund rast auf mich zu. Richtet sich auf. Er ist so groß wie ich.
Legt seine Pfoten auf meine Schulter. Ich erstarre.

-“Arak mag dich.“

Ich bewege mich keinen Millimeter.

-“Du wirst die nächsten Tage einen Begleiter haben. Arak.
Du wirst dich um ihn sorgen und er wird für dich da sein.
Ein vorübergehender Begleiter. Und du wirst von ihm lernen.“

Ich bin starr.

-“Arak ist übrigens kein Hund. Er ist ein Wolf.“

Arak schaut mich an.
Und ich berühre sein Fell.
Er setzt sich vor mich hin.
Und lässt sich streicheln.
Ich streichle seit 20 Jahren wieder einen Hund…äh…Wolf.
Und mein Puls wird langsamer.
Er schaut mich gütig an.

-“Sehr gut. Ich bin auf euch beide stolz. So…und ihr kommts jetzt beide ins Auto
und wir fahren wieder heim, Iver kommt bald.“

Arak schaut sie an, als würde er jedes Wort verstehen.
Dann schaut er mich an. Meine Stimme zittert leicht:

„Buh, Arak, du machst mir Angst. Aber, schön dich kennenzulernen. Ich hoffe,
wir kommen gut miteinander aus.“

Und der mächtige Wolf, der mich sofort in 1000 Stücke reißen könnte, reicht mir die Pfote.

Autor: XVII

Bildquelle: Wikimedia:
Wien Margaretengürtel CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=171983
Black Canis Lupus By Bruce McKay – http://www.flickr.com/photos/brucemckay/5069335754/