Archiv für die Kategorie ‘RegenBogen’

Die Anrufung

Samstag, 18. Februar 2017

-„Warum hast du mich gerufen?“

„Ich…“

-„Ich falle dir ungern ins Wort, aber du weißt, du wirst dir damit keinen Gefallen tun. Und ich kenne alle deine Schwächen, deine, wenn auch dürftig vorhandenen, Stärken… Dich. Und auch das Gespräch gerade ist absurd, weil ich weiß was du willst und wie es enden wird. Ich sehe es nur von mir als höflich an mit dir zu kommunizieren. Mich dir zu zeigen. Obwohl so wie du mich siehst, du nur einen kleinen Ausschnitt wahrnimmst. Lächerlich. Genug.
Was willst du?“

„Verzeih…ich…“

-„Es gibt nichts zu verzeihen. Jetzt agiere doch nicht so erbärmlich. Richte dich auf, Mensch. Höre auf zu knien, stehe.“

„Ich suche nach Sinn, nach Erkenntnis…nach…“

-„Wozu? Was hilft dir das? Nach welcher Art von Sinn strebt es dir? Erkenntnis?“

„Ich will die Gesamtheit erfassen, will eins sein. Will die Zusammenhänge sehen, verstehen.“

-„Das kannst du nicht. Dazu reichen deine Kapazitäten nicht. Ich kann keinem Vogel schwimmen beibringen und keinem Affen tanzen. Und euch, ihr die ihr euch erhebt seid begrenzt. Auch wenn ihr in eurer spirituellen Gier vermeint Grenzen zu erweitern und Gesamtheit wahrzunehmen ist auch dies nur wie ein flüchtiger Blick durch einen Nebel. Ihr seid so klein.“

„Und doch habe ich dich beschworen! Gerufen!“

-„Genau das zeigt mir ja dein Unvermögen. Zeigst dich beleidigt. Dein Ego gekränkt. Ich bin jetzt gerade, nach deinem zeitlichen Empfinden, ebenso in einem Gespräch mit einem achtjährigen Mädchen. Dem ich gerne meine Unterstützung zukommen lasse.

Und du, nach mehr als 30 jährigem Herumgetue innerhalb obskurer okkulter Techniken vermeinst tatsächlich mehr Können und Vermögen zu haben als dieses kleine Mädchen.“

„Ich…“

-„Was willst du wirklich. WAS willst du wirklich.“

„Gleichmut, Frieden, Ruhe…“

-„Gold, Geld, Ruhm…“

„Nein!“

-„Und da bist du dir so sicher? Warum rufst du dann mich? MICH?“

„Hilf mir zu verstehen.“

-„Du willst nicht verstehen. Du willst ändern. Du willst Dinge ändern, die nicht in deinem Vermögen stehen. Dein Können weit übersteigen. Verstehen hilft dir nicht. Einem Vogel hilft es nicht, daß er weiß warum er fliegt. Einem Menschen hilft es nur…begrenzt. Und innerhalb dieser Grenzen bewegt er sich. Das macht euch aus. Und ich bin erstaunt wie gut ihr das nützt. Ja, ich bin überrascht über das was ihr daraus gemacht habt.

Gut, das mit dem „überrascht“ ist geheuchelt…ach, du amüsierst mich.“

„Was kann ich tun?“

-„Nimm dir Zeit. Ziehe dich zurück, lerne dich kennen. Fange bei dir an. Lerne dich wirklich kennen. Deine Wünsche. Dein Wollen. Dein Verlangen. Das ist die Basis. Teile das. Lebe. Genieße den Tag. Jeden Tag. Lerne andere Menschen kennen. Lerne deinen Körper kennen. Deinen Geist. Deine Grenzen.“

„Danke.“

-„Ich bin immer da für dich. War ich schon immer.“

 

—„John?“

—–„Ja? Was ist?“

—„Im Raum 18 im zweiten Stock…“

—–„Nicht schon wieder. Hat er wirklich schon wieder die Wände beschmiert?“

—„Ja. Unglaublich der Kerl. Ich werde anraten die Dosis wieder zu erhöhen.“

[Bildquelle: Wikipedia Common, Corvo_teschio_-_Julien_Champagne]

Erinnerungen

Samstag, 17. Dezember 2016

Teambuilding. Seminarwoche.

Woche heißt es, es sind aber nur zum Glück ein paar Tage.
Von Dienstag bis Freitag sind wir jetzt schon hier.
Morgen geht’s wieder heim.
Mit Sportklamotten im Kreis sitzen und diversen Rednern lauschen.
Körperzentrierte Übungen machen.
Auf der Suche nach Kraftelementen und der „Mitte der Quelle“.
Genau. „Mitte der Quelle“.
Soll uns zu besseren Managern machen.
Als hätten wir nichts besseres zu tun.

Sitze eh schon die ganze Woche im Auto um die Großkunden
im ganzen Lande zu bezierzen doch unsere wertvollen Produkte
sich mal näher anzusehen. Von einem Kongress zum anderen.
Schauen was die Konkurrenz macht. An der Produktentwicklung
weiterarbeiten und dann noch tonnenweise Büroarbeit.
Die Arbeit bleibt liegen, nur weil ich mich hier verrenke…
…und meinem Kraftelement (sic!) Farben geben muß.

Aber es kommen wenigstens schöne Erinnerungen hoch.
An Mutter Mathy. Ich nannte sie Mutter Mathy.
Sie war wirklich wie eine Mutter zu mir.
Eine Hexe. Vor ca. 15 Jahren war ich in einer Ausbildung bei einer Hexe.
Eine wunderbare, gütige, ältere Frau.
Sah so ganz und gar nicht nach Hexe aus, wie es uns aus den Büchern vermittelt wird.
Stand fest im Leben, hatte einen Job als Therapeutin, kleidete sich modern.
Ihre Wohnung in der Großstadt wurde am Wochenende zu unserem Tempel.
Mit zwei anderen Novizinnen begann ich damals meinen Weg bei ihr.
Das Thema Hexenkunst reizte mich sehr. Schon als junge Teenagerin.
Wir wurden ja auch geradezu mit Filmen und Serien und Büchern überschwemmt.
Natürlich wollte ich auch so eine Hexe sein, mit tollen Fähigkeiten.
Die einfach nur mit dem Finger schnippt, mit dem Zauberstab schwingt…
…und meine Zauberkräfte würden die Welt besser machen.

Mathy zeigt uns die wirkliche Welt der Hexerei.
Ja, es gab Zauberstäbe und wir schnippten auch mit dem Finger.
Aber die Welt blieb dieselbe. Wir veränderten uns.
Wir reiften heran. Ich bekam mehr Selbstvertrauen. Mehr Sicherheit.
Ja, auch hatten wir Kontakt zu Göttern. Zu fremden Wesenheiten.
Zumindest nahm ich es so wahr. Ich weiß nicht…jetzt…so lange Zeit danach,
ob da nicht viel Einbildung dabei war. Viel Wunschdenken.
Götter…oder doch Halluzinationen, oder durch Wünsche das eigene Wahrnehmen verzerrt.
Ich kanns nicht sagen. Heute nicht mehr. Damals war ich überzeugt von Göttern.
Spürte Energien. Sah auch Farben, wenn Energien im Fluß waren.
Ich weiß nicht. Heute seh ich nichts mehr.
Die Götter haben mich wohl verlassen. Oder…waren vielleicht nie da.
Alles nur Psychoshit vermutlich.
Wie jetzt eben die Kraftelemente und die Suche…ja, jetzt zb nach einer Tür.
Einer Tür in einem Wald.
Ja, klar.
Hab dafür einfach nichts mehr über.

Mutter Mathy war eine tolle Frau. Hatte stets ein offenes Ohr für mich.
Sie meinte auch, damals, als ich ging…
…“Die Götter sind immer da, Süße. Immer.
Ob du an sie glaubst, sie wahrnimmst oder nicht. Immer. Und sie sind auch für DICH da.
Weil du ihre Tochter bist. Süße.“
Und sie gab mir noch einen Kuß auf die Stirn.
War mir auch überhaupt nicht böse, daß ich nicht mehr kam.
Sie meinte nur „Ich bin da, für dich, wenn du mich brauchst. Und die Götter auch. Immer.“

Mir ging es damals nicht so gut.
Ich hab den Glauben an Götter verloren.
Unselige Partnerschaften. Meine Familie war keine mehr. Ich war allein.
Und dann eben der Job. Ich stieg recht rasch auf.
Gutes Geld. Hab ein tolles Auto. Tolle Wohnung.
Hin -und wieder auch eine Beziehung. Aber glücklich bin ich schon lange nicht mehr.
Ich bekam übrigens im letzten Monat die Auszeichnung Managerin des Jahres.
Mit 37 Jahren in so einem großen Konzern schon eine Leistung.
Bekam auch einen extra fetten Bonus dafür.
Werde mir diese Ledercouch kaufen, die ich schon seit langem will…nun, ja,
wenigstens erhol ich mich dann besser.

So, Alice und Bridget gehen mit mir noch einen trinken.
Toll. Mitten am Land nach so einer Teambuilding- Woche ist das auch nötig.
Machen wir immer.
Wir sitzen nun in so einem kleinen Lokal, es ist dunkel,
fetzige Musik klingt viel zu laut aus den kleinen Boxen, die überall verteilt sind.
Ein paar junge Burschen hängen hier auch rum. Sportlich, durchtrainiert.
Fesch, gut gekleidet.
Ein paar Mädels tanzen auf der…nun, ja…das ist dann wohl die Tanzfläche,
so zwischen den anderen Tischen.
Bewegen sich gekonnt und sexy.
Trotzdem schauen uns ständig die Burschen von drüben an.

Einer kommt her. Mit Getränken in der Hand.
-„Ich bin „Will“ und willig“.
Er hat einen Grinser breit über das Gesicht.
Stellt die Gläser vor uns hin.
-„Will“ nennen mich meine Kumpels. Heiß Wilhelm.
Und ihr?“
–“Charly, Alice…und ich bin Bridget.“
Sagt Bridget. Sie hat das größte Mundwerk von uns.
-“Mädels, trinkts, das geht heute alles auf uns“
Er deutet auf seine Kumpels.
Plötzlich EINE STIMME.
Ich höre EINE STIMME.
„DON`T DRINK THAT, SARA“
Sara. Das war mein Hexenname. Sara.
Es ist eine tiefe Stimme. Eindringlich.
Auf englisch. Englisch war unsere Sprache bei den Ritualen.
Wir beruften uns auf englische Traditionen.
Ich sehe Farben. In den Gläsern.
Da sind aber keine Farben.
Ich sehe sie aber.
„POISON. SARA. POISON.“
Gift.
Bridget hat das Glas in der Hand.
„Bridget. Nicht!“
Ich schau sie an.
„Bridget, die haben uns was reingehaut. Da ist was drin.“
Bridget schaut mich groß an.
Wilhelm ebenso.
Ich steh auf. Gehe auf Wilhelm zu.
Ich berühre ihn mit den Fingerspitzen meiner rechten Hand auf der Brust.
Sehe tief in seine Augen.
Ich sehe Gewalt. Ich sehe Betrug.
„Wilhelm, Du wirst ein Glas von uns jetzt selbst trinken, dann zu deinen Kumpels
gehen, die Gläser mitnehmen und jeder von euch der damit zu tun hat wird ein Glas
trinken.“
Er nimmt das Glas und trinkt.
Er nimmt die anderen Gläser und geht zu seinen Kumpels.
„Alice, Bridget…wir gehen jetzt und fahren heim.“
Beide schauen mich entgeistert an….schauen rüber zu den Burschen.
Die sacken gerade in sich zusammen. Liegen am Boden.
Keiner rührt sich mehr.
Eine Kellnerin eilt zu ihnen.
Nimmt ein Handy aus ihrer Tasche und wählt hektisch eine Nummer.
Alice und Bridget sagen fast zeitgleich: “Ja, ja, wir fahren jetzt wohl heim.“

Und ich danke den Göttern.
Und Mutter Mathy.

 

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[Bild von Kimmo Palosaari (OpenPhoto.net) [Public domain], via Wikimedia Commons]

Das kleine Restaurant

Samstag, 05. November 2016

„Dolores….Sie heißen doch Dolores?“

Natürlich heißt sie Dolores.
Ihr nicht gerade unauffälliges Namensschild
schreit ja gerade ihren Namen in großen Blockbuchstaben.

-„Sie möchten noch Kaffee?“

„Ja, gerne. Haben sie noch was Süßes? Was mit Kirschen?“

-„Ganz frisch und noch warm…ein Stück Kirschkuchen für sie?“

„Dolores, das wäre fein.“

Ein typisch amerikanisches kleines Restaurant.
Die Leute trinken hier ihren Kaffee, der solange kostenfrei nachgeschenkt wird,
wie sie es möchten…essen eine Kleinigkeit und fahren dann weiter.
Ziemlich trostlose Gegend hier. Kleinstadt. Kaum Verkehr.
Viele große Trucks die queren und ihren Weg in größere Städte suchen.
Und die Leute kommen gerne her, weil Dolores, Suzy und Ines einfach freundlich sind
und vermutlich auch, weil sie weitausgeschnittene Blusen tragen
und einen knappen Rock und hohe Stiefel.
Ein ganz einfaches Lokal, wie 1000e andere.
Aber dieses schätze ich besonders.

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Es liegen viele Zeitspuren hier.
Ich war genau 3985403 mal schon genau hier.
Ja. Obwohl ich gerade zum ersten Mal hier bin.
Verwirrend, nicht?
Nun…ich bin ein perfektes Wesen.
Klingt hochmütig, aber wir sehen uns so. Ohne hochmütig sein zu wollen.
Ihr, ihr bezeichnet uns mit vielen Namen.
Je nach Religion unterschiedlich.
Engel finde ich persönlich witzig. Dämonen…noch witziger.
Ja, mich amüsiert sowas. Und ich habe auch Sinn für Humor.
Ich habe Emotionen, ich fühle.
Zumindest jetzt gerade in der Form in der ich mich befinde.

Ein Mann, Mitte 30, viel zu elegant für die Gegend hier gekleidet.
Letzes Mal war ich als Frau hier. Als 70 jährige Frau.
Ich spiele gerne mit meinen Formen.
Wir kommen gerne auf Besuch zu Euch.
Und ändern Kleinigkeiten.
Also…für uns sind es Kleinigkeiten.
Wir verhindern dadurch…wir nennen es schlicht „Schäden“.
Unausgewogenheiten.
Denn letztlich ist alles, wirklich alles, in einer Art von Harmonie.

In einer einzigen Stille.
Und dann beginnt alles neu. Wieder. Noch einmal. Und noch einmal.
Im immerwährenden Zyklus.

Hier, also genau hier habe ich Möglichkeiten zu ändern.
In diesem einfachen Lokal…mit einfachen Leuten.
Und genau das habe ich gerade getan.

Dolores holt mir Kirschkuchen.
Dadurch gibts eine Verzögerung dieses Mal von knapp einer Minute. Sie wird nicht von dem viel zu schnell fahrenden Auto nach ihrer Schicht erwischt, muß nicht zwei Wochen im Koma liegen um dann letztlich zu sterben.
Sie wird mit Bert ein Kind bekommen. Dieses wird studieren, das Studium aber abbrechen. Und dann in der Freizeit in einer heruntergekommenen WG gemeinsam mit Karl einen kleinen Gegenstand konstruieren, der die Fahrzeugtechnologie revolutionieren wird.
Dadurch werden 7 Kriege verhindert werden.
Und das Leben von letzlich 67 Millionen Menschen wird bewahrt bleiben.
Wenn ich das nächste Mal komme, werde ich Ines viel zu viel Trinkgeld geben….
und dadurch wird…
Ach…ich möchte nicht langweilen.

Vielleicht sehen WIR zwei uns ja einmal?

Ach, nein, was solls…ich gebe es ja gerne zu…
…..ich weiß, daß wir uns begegnen werden.

 

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[Bildquelle: Free stock photo: Restaurant: https://www.pexels.com /
Last Angel: wikimedia.commons]

Der Flohmarkt

Samstag, 01. Oktober 2016

Ich liebe ja Flohmärkte. Herumstöbern. Kleine Schätze aufstöbern.
Am liebsten habe ich alte Bücher, oder Gegenstände, die Geschichten erzählen.
Wie zb den Kerzenhalter, der angeblich einer Gräfin aus der Umgebung gehörte,
die unter mysteriösen Umständen zum Tode gekommen ist.
Creepy. Ich mag sowas.

In der Halle 7, normal eine leere Lagerhalle im Stadtzentrum,
findet einmal im Monat so ein Flohmarkt statt.
Gegen kleines Entgelt kann man hier einen Stand mieten und seine Sachen verkaufen.
Bin schon bei etlichen Ständen vorbeigegangen. Leider nichts Interessantes.
Bügeleisen. Pfffff. Sogar eine Spülmaschine hab ich gesehen. Oder so komische Figuren.
Schade.

Es sind viele Leute hier. Buntes Treiben.
Jeder auf der Suche nach dem Einzigartigen. Oder auch nach dem Gewöhnlichen,
dieses aber dafür billig. Billigst.
Gehandelt wird auch immer. Ein paar Euros weniger sind schon drin.

Ah…hier, Bücher!
Hm. Geschichtsbücher…Billige Schundheftchen. Nix dabei.
Heute wohl kein Glück.
Ha, nächster Stand. Eine witzig aussehende alte Dame.
Als wären die Jahrhunderte stehen geblieben.
Viele Falten im Gesicht, trotzdem wirkt sie freundlich.
Sie grüsst mich sogar.

-„Sie sollten sich die Dinge…näher ansehen. Schauen sie genau.“

Keine Ahnung was sie meint. Ein paar Lexika sehe ich, ja nicht unspannend,
ein paar alte Romane. Eine kleine Lampe mit merkwürdigem Muster.
Eine Decke. Ah…unter der Decke ist was.
Ich greife hin. Ein Buch.

-“Manches ist zugedeckt. Manches bleibt zugedeckt. Bücher sind zu wenig.
Aber ein guter Anfang! Ein guter Anfang.“

Ich nehme das Buch hoch. Ein schwerer Einband. Das Buch muß sehr alt sein.
Aus Leder? Die Seiten wirken unterschiedlich. Als würde das Buch aus unterschiedlichen
Seiten bestehen, aus unterschiedlichen Materialien. Teilweise ausgefasert.
Viele Zeichnungen. Komische Worte mit Feder und Tinte geschrieben.
Mehrfärbig. Handgeschrieben. Ich blättere darin herum. Keine Seitenangaben.
Wirres Zeug. Ich blicke wieder aus dem Buch hoch, will die Dame fragen,
wie viel sie dafür verlangt. Sie ist aber…
…weg.

Wo ist sie hin?

Eine jüngere Dame kommt von der Seite…frägt ob sie mir helfen kann.
„Wieviel möchten sie für das Buch?“

–“Hm. Das Buch gehört mir nicht. Woher haben sie das?“

„Nun, ja…hier unter der Decke ist es gelegen. Habe gerade noch mit einer älteren Dame
gesprochen. Ihre Mutter?“

–“Ja, die Decke gehört mir. Sagen wir 10 Euro für die Decke? Alte Dame? Nein,
meine Mutter ist zu Hause, hier war auch keine alte Dame.“

„Ich hab doch gerade noch mit ihr gesprochen. Also, wie viel für das Buch?“

–“Sie verstehen nicht richtig…das Buch gehört mir nicht, ich weiß nicht woher sie das haben.
Und hier ist keine alte Frau und ich stehe hier schon seit 4 Stunden.“

„Und was ist jetzt mit dem Buch?“

–“Nehmen sie es doch einfach mit.“

„Ich…hm….ich lasse ihnen meine Visitenkarte da, geht das? Wenn die alte Dame wieder kommt,
dann soll sie mich anrufen, und ich bringe das Buch wieder zurück, oder zahle es ihr nachträglich.

–“Geben sie mir halt 20 Euro und es passt schon.“

„Ich dachte es ist nicht ihr Buch?“

–“Was erwarten sie. Ich will Geld verdienen. Ich hab noch andere Kunden.“

Ein Herr neben mir wirkt interessiert.

—“Ich gebe ihnen beiden 50 Euro und dafür gehört das Buch mir, einverstanden?“

–“Gute Idee. Ich gebe es auch dann „der alten Frau“ weiter.“

„Wissen sie was. Ich behalte das Buch einfach. Und gehe jetzt.“

—“100 Euro. Nur für sie.“

„Das ist mir doch zu dumm. Ich gehe jetzt. Mit dem Buch.“

—“Seien sie doch nicht töricht. 300 Euro.“

Ich drehe mich um. Gehe.
Er geht mir nach.

—“400 Euro. Bar.“

„Sagen sie mal, was ist so spannend an dem Buch? Ich mein, sie werden mir
ja nicht einfach 400 Euro geben wollen, aus reiner Großzügigkeit?“

—“Sie verstehen den Inhalt sowieso nicht. Werden ihn nicht begreifen.
Nehmen sie das Geld und kaufen sie sich was schönes. Und vergessen das Buch.“

„Nein. Jetzt behalte ich erst recht.“

Seine Stimme verändert sich wird laut und gleichzeitig auch tiefer, sehr viel tiefer.

—“GEBEN SIE MIR DAS BUCH!“

Er greift nach mir, will mich am Weitergehen hindern.
Seine Hand ist kalt, aber seine Finger krallen sich kräftig in mein Handgelenk.

—“DAS BUCH!“

Ich bekomme Angst. Seine Augen…leer, hasserfüllt. Sein Blick geht durch mich durch.
Er wirkt nun größer.

Auf einmal kann ich die alte Dame wieder hören:
-“Ach, klopf ihm doch einfach mal mit dem Buch auf seinen dummen Kopf.“

Das Buch, jetzt mit der rechten Hand haltend…ich hole mit der Hand aus und…
…ja, ich hau ihm damit auf den Kopf.
Er lässt ab. Wirkt wie versteinert.
Ich gehe weiter. Blicke zurück. Er bleibt stehen, macht so ruckartige Bewegungen,
als würde er sich bewegen wollen, aber er kann nicht. Wie festgewurzelt.

Und…keine alte Frau. Hab ich mir die Stimme eingebildet?
Habe ich mir das alles eingebildet?
Aber…ich habe ein Buch in der Hand.
Ich geh mal zum Auto.
Wo…wo ist mein Auto?

Ich habe es doch hier abgestellt. Da, zwischen den zwei Bäumen.
Hier ist aber nichts. Gar nichts. Abgeschleppt?
Das gibt’s doch nicht. Bitte was soll das?
Und…hinter mir wieder der merkwürdige Typ. Jetzt reichts mir.

—“Geben sie mir einfach das Buch und sie bekommen…ihr Leben. Und ihr Auto wieder.
Und Charlotte und Sissy passiert nichts.“

WAS?

„Woher kennen Sie Charlotte und Sissy? Wer sind sie?“

Stimme der alten Dame:
-“Erste Seite, erstes Zeichen und spuck ihm vor die Füsse.“

Er wirkt wieder größer, als würde er wieder anwachsen. Steht fast vor mir.
Sein Blick wird wieder eigen.
Ich schlage das Buch auf. Blicke auf das erste Zeichen. Ein mehrstrahliger Stern.
Von Mustern umgeben und ein paar Strichen durchzogen. Und was jetzt?

-“Stell dir das Zeichen vor. Projeziere es auf ihn. Und dann…“

Ich schau mir das Zeichen nochmal an. Und…fast wie ein Wunder…
es ist so…als wäre es vor meinen Augen…als würde es vor meinen Augen
aus der Seite in die Realität gezogen. Ich sehe das Zeichen vor mir.
Und ich ziehe es zu ihm. Ich bedecke ihn damit. Und spucke auf den Boden.
Nicht meine Art…aber ich mache es.
Diesesmal schüttelt es ihn. Er fängt an zu sabbern. Seine Augen verdrehen sich
unnatürlich nach oben. Als hätte er einen Schlaganfall.

Er versucht zu reden…
aber stammelt nur.

—“WAPDBJ…WAHHH.“

Und…jetzt werde ich wohl wirklich irr.
Meine Auto steht wieder hier. Zwischen den Bäumen.
Ok. Zuhause werde ich mir wohl ein kleines Getränk alkoholischer Art gönnen…

…aber jetzt…jetzt….steig ich da mal ein und fahr.
Sowas passiert mir auch nicht jeden Tag.

Und Charlotte werde ich anrufen.

Und…ja, also jetzt mal weg hier.

Der Magier, geschrieben von XVII

Samstag, 16. Juli 2016

„3 Euro. Danke.“
–„Einmal bis Wien Mitte.“
„Ich fahr aber nur bis Liesing.“
–„Dann bis Liesing.“
„2 Euro 50.“
Er gibt mir 3 Euro, ein Griff zu den Münzen,
die gestapelt vor mir über der Kasse, gleich neben dem Lenkrad hängen,
nehme eine 50 Cent- Münze.
„Danke.“
—„Wie lange brauchen wir bis zum Bahnhof?“
„Noch ca. 20 Minuten, wenn der Verkehr passt.“
–„Das tut er doch nie…sicher wieder Stau.“
„Welchen Zug brauchen sie?“
–„Den nach St. Pölten.“
„Da haben sie dann aber eh noch Wartezeit übrig.
Der kommt erst in 40 Minuten und bleibt 5 Minuten am Bahnhof.
–„Wußte ich nicht, ah, fein, Danke!“

Ja, ich bin Busfahrer.
Linie 101. Außenrandbezirke, Vorstädte, fahre jeweils eine ganze Runde,
die knapp über eine Stunde dauert.
Dann gibts für mich 5- 10 Minuten Pause, bis die nächste Runde anläuft.
Muß ja auch die jeweiligen Zeiten einhalten.
Ich mags ja selber nicht, wenn ich auf nen Bus warten muß,
oder der mir vor der Nase davon fährt.

Ja, Busfahrer.
Ich mache meinen Job auch gerne.
Regelmässigkeit, nette Kollegen, geregeltes Einkommen.
Und geregelte Freizeit. Freitags und Wochenende meist frei.
Steht mir auch zu nach über 20 Jahren Dienst.
Busfahrer.
Aber nicht nur.

 Endstation der Linie 48A Baumgartner Höhe, Wikimedia Commons

Endstation der Linie 48A Baumgartner Höhe, Wikimedia Commons

 

Ich bin Magier.
Nein, nein, nicht so Harry Potter- Zeugs, oder so Teenwitch- Geschichten.
Ich bin Ritualmagier.
Fast schon so lange wie Busfahrer.
Anfänglich, ha, das war lustig, bin ich noch so mit Pentagramm
um den Hals herumgerennt,
oder habe irgendwelche komischen Klamotten angezogen,
die mein Interesse nach außen präsentieren sollten.
Gut, man wird auch älter.
Es würde keiner von mir sehen, daß ich in der Richtung was mache.
Kein Schmuck, kein Klimbim.
Auch in der Freizeit nicht.
Da trage ich am liebsten Jeans und Sweater.

Nur am Sonntag, also meistens am Sonntag,
kann man mich auch im Orden mit einer Robe antreffen.
An der Robe habe ich selbst sicher 10 Jahre gearbeitet.
Nicht, daß das notwendig wäre, oder irgendwelche „Geister“ mir
das auferlegt hätten, nein, es hat sich so entwickelt.
Ja, manche gehen in die Kirche…und unser Orden kommt
am Sonntag zusammen.
Gibt bei uns auch jede Menge Frauen.
Auch nicht so Esotanten, nein…ganz „normale“ Frauen.
Unterschiedlichsten Alters. Und unterschiedliche Berufsgruppen.
Eine unserer Voraussetzungen ist nämlich, daß man sein Leben,
ja, sein „normales“ Leben weitestgehend im Griff hat.
Frau Essek zb. ist Buchhalterin. Genau, sie hat sogar so eine
recht eigenwillige klassische Frisur. Aber auch viel Humor.
Also nicht so stocksteif.
Frau Langhans hat Sportwissenschaften studiert und arbeitet
als Konzernmanagerin für einen großen amerikanischen Konzern.
Oder…Alois. Alois ist Polizist.
Ganz normale Leute.

„Sie müssen bei der nächsten Haltestelle aussteigen!“
—„Hätte ich fast übersehen…herzlichen Dank, sie sind aber aufmerksam.“
„Ich bemühe mich.“
—„Ich gehe ja meine Tochter besuchen. Die ist krank. Sehr krank.“
„Oh, das tut mir leid zu hören, darf ich fragen was sie hat?“
—„Die Ärzte wissen leider nicht genau was es ist.
Zahllose Untersuchungen und es geht ihr aber immer schlechter.
Das arme Mädel. Ich bin schon so fertig. Wir rennen von Arzt zu Arzt.“
Sie hält mir ein Bild hin. Ihre Tochter. Ein Bild, auf dem die junge Dame lächelt und einen Ballon in der Hand hält, ein älteres Bild, schon verblichen. Ganz dezent berühre ich das Bild.
So beiläufig. Auch streiche ich der besorgten Dame kurz über die Hand. Unauffällig.
Schau ihr kurz in die Augen,
bin zum Glück gerade auf einer geraden Strasse, kein Verkehr.
Kurz, keiner würde dem Bedeutung zumessen.
Ich halte an der Haltestelle an.
Sie hält mir noch immer das Foto hin. Sie wirkt wie versteinert.
Sieht mir in die Augen.
Ich spüre sehr viel, ich sehe ihre Tochter wie sie auf der Wiese spielt.
Ich sehe ihren Mann, der trinkt.
Ich sehe sie selbst, wie sie ihre Tochter am Abend zudeckt.
Ich spüre die Familie. Und ich sehe wie der Tochter „Energie“ entzogen wird,
es gibt auch eine Oma, die maßgeblichen Einfluß auf die Familie hat.
Deswegen trinkt auch der Mann.
Psychosoziale Scheiße. Aber nicht nur das…ich spüre,
die Tochter…es liegt was auf ihr…es ist was in ihr…das Blut.
Es ist das Blut…ich bin kein Arzt, aber sie hat was im Blut.
Einen zu hohen Anteil von Blutkörperchen. Auch die Leber.
Die Leber, da ist was. Ich habe das als kurze Blitze vor meinem inneren Auge,
aber ich kann gut damit umgehen.
Nach außen merkt man da nichts mehr.
Also ich verdrehe nicht die Augen, spreche in alten Sprachen (Zungen)….und fange nicht wirr an mit einem Stab zu wedeln…
„Ich wünsche ihrer Tochter gute Besserung. Sagen sie, hat sie mal was mit der Leber gehabt?“
—„Ja, irgendwas mit Enzymen oder so. Irgendein Gamma- Wert, da war mal was. Vor Jahren.
Aber das hat sich dann einfach wieder gelegt. Wieso meinen sie?“
„Ach, ich weiß nicht, in letzter Zeit hab ich da ne Menge gehört,
vielleicht, ich weiß nicht, sollte das nochmal in Erwägung gezogen werden?
Sie wissen ja, manchmal muß man auch mal auf alte Geschichten nochmal schauen.“
—„Hm. Ich werde den Arzt nochmal darauf ansprechen. Danke. Ich wünsche ihnen noch eine gute Fahrt, Auf Wiedersehen!“
„Ja, ich denke das wäre gut. Ihnen auch noch, trotz allem, einen schönen Tag!“

Sie wird den Arzt darauf ansprechen. Der wird zunächst das abtun,
dann aber trotzdem nachschauen. Wird verwundert sein, ob der Werte.
Dann reagieren. Der Tochter wird es schon in 14 Tagen besser gehen. Und der Mann, ja der wird auch wieder zum Trinken aufhören. Es wird ihm schwer damit gehen, zunächst, aber dann…
…na, ja…klar, die Familie wird weiter Schwierigkeiten haben,
aber…es wird besser.

Woher ich das weiß?
Nun, ja…ich bin Busfahrer.
Und Magier.

Foto: Sati

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