Archiv für die Kategorie ‘BücherTruhe’

„Fantasy und Neuheidentum – Teil XIII, geschrieben von Mara“ ist gesperrt Fantasy und Neuheidentum – Teil XIII, geschrieben von Mara

Samstag, 03. Juni 2017

Im letzten Teil wurden insbesondere die positiven Aspekte der Matriarchatsromane von Mary Mackey herausgestellt, also insbesondere die Darstellung einer längst vergangenen Gesellschaft, in der die Menschen, Männer und Frauen gleichermaßen, glücklicher und freier leben konnten, als in allen folgenden Gesellschaften und die Beschreibung einer Welt mit großen, unberührten Naturlandschaften. Jetzt geht es um Kritik an diesen Romanen, sowohl um eigene als auch um Kritik aus der Wissenschaft.

Das bisher Gesagte bedeutet nun nicht, dass es in den Romanen nicht auch Probleme und Anachronismen gäbe. Bisher habe ich die positiven Aspekte herausgestellt, weil sie in ihrer Art einmalig sind. So wird die längst vergangene Welt Alteuropas wieder zum Leben erweckt und wir können erkennen, was wir verloren haben. Allerdings sind diese Romane und wohl auch die anderen von Mary Mackey als typische „Frauenromane“ konzipiert, in denen eine romantische Liebesgeschichte im Mittelpunkt der Handlung steht. Das ist hier auch nicht anders und darin sehe ich das Hauptproblem. Romantische Liebe ist ein Anachronismus und passt überhaupt nicht in die Zeit, weder bei den Menschen Alteuropas, noch bei den Indoeuropäern. Im Roman wird ja selbst beschrieben, dass es in Alteuropa üblich war und auch erwartet wurde, dass die Menschen, sowohl Männer als auch Frauen, in ihrem Leben mehrere Liebhaber haben, denn Liebschaften halten äußerst selten ein ganzes Leben lang. Auch sahen sie die Liebe eher pragmatisch. An bestimmte Festen war es auch üblich, mit Fremden die „Lust zu teilen“, wie Marrah sich ausdrückte. Marrah erklärt Stavan warum: „Lust mit Fremden zu teilen ist eine von den vielen Arten, wie mein Volk die Göttin verehrt. Wir tun es nicht oft – einmal im Jahr vielleicht –, aber wir tun es mit Ehrfurcht. Wenn wir tanzen und singen und Liebe machen, kommt ihr Geist über uns und läßt uns zu einem einzigen Wesen verschmelzen. Nicht nur untereinander, sondern mit allem auf Erden: mit den Tieren, den Bäumen, mit unseren Vorfahren […]“ (Mackey 1997a, S. 262)

Auch bei den Indoeuropäern gab es so etwas wie romantische Liebe nicht. Dort ging es den Männern ohnehin nur darum, ihre Lust zu befriedigen und Söhne zu zeugen, mit welcher Frau war relativ egal und die Frauen hatten in Liebesdingen wie sonst auch ohnehin nichts zu sagen.

Dennoch werden hier Marrah und Stavan als Liebespaar beschrieben, dass „ewig“, also das ganze Leben lang zusammenbleibt. Da Stavan rasend eifersüchtig ist, verzichtet Marrah schließlich endgültig darauf, mit anderen Männern „die Lust zu teilen“, auch in Ritualen. Es wird also die patriarchale monogame Ehe auch nach Alteuropa eingeführt, was positiv dargestellt wird. Die Konstellation am Ende von Kornmond und Dattelwein ist ähnlich, eher noch schlimmer. Damit wird der gewalttätige Charakter bei der Etablierung der patriarchalen monogamen Ehe geleugnet und verdeckt. Deren Etablierung war in Wirklichkeit das Resultat eines weltgeschichtlichen Umschwungs allerersten Ranges und zwar der Etablierung des Patriarchats. Sie wird aber hier so dargestellt, als hätte die Frau ihre Freiheit aus Liebe zu einem Mann aufgegeben. Dass es in Wirklichkeit nicht so war und vor allem die Frauen gegen die ihnen auferlegten Beschränkungen rebellierten, belegen unter anderem die zahlreichen Aitheda (Flucht)-Geschichten aus Irland (Näheres dazu siehe unten).

Es ist kein Wunder, dass sich KritikerInnen der Matriarchatstheorie auf die Schwächen der Romane stürzen, um die Theorie an sich lächerlich zu machen. So die Schweizer Ethnologin Meret Fehlmann. Da sie das Matriarchat als rein fiktiv betrachtet, ist es für sie einerlei ob sie Schriften der Archäologin Marija Gimbuts, des Nazi-Wissenschaftlers Herman Wirth oder der Schriftstellerin Mary Mackey analysiert. In ihrem einflussreichen Artikel Das Matriarchat: Eine vermeintlich uralte Geschichte, erschienen im Schweizerischen Archiv für Volkskunde 106 (2010) führt sie die Romane als Beispiel dafür an, dass der „Matriarchatsdiskurs“ immer wieder aktuelle Themen integriert, was seinen fiktiven Charakter belege. Zudem bezeichnet sie ihn auch unter Verweis auf diese Romane als eurozentrisch und antisemitisch.

Während Meret Fehlmann am Anachronismus der romantischen Liebe nichts auszusetzen hat, kritisiert sie eine bestimmte Darstellung der Sexualität in den Romanen, die ganz und nicht alt sei, sondern auf Konzepte des späten 20. Jahrhunderts zurückgehe. Meret Fehlmann bezieht sich auf eine Stelle im ersten Roman, als die drei Reisenden im Dorf Lezentka am Blauen Meer einen Winter lang auf ihre Überfahrt zur Insel Gira warten müssen (Im Jahr der Pferde, 8. Kapitel). Dort kommen sich Marrah und Stavan näher.

Meret Fehlmann beschreibt die Stelle wie folgt: Nachdem Stavan und Marrah sich gegenseitig ihre Anziehung und Zuneigung versichert haben, tauchen neue Probleme auf, die im unterschiedlichen Geschlechterrollenverständnis der beiden Herkunftskulturen basieren. Marrah erklärte Stavan, dass in ihrer Kultur bereits der Austausch von Zärtlichkeiten die Einwilligung beider Parteien braucht und dass dies nicht zwingend zum Koitus führt sowie dass es nicht wie bei den patriarchalen Nomaden um die Befriedigung der männlichen Sexualität allein geht (vgl. Fehlmann 2010, S. 273).

Sie ergriff seine Hand und hielt sie einen Augenblick, dann begann sie sanft auf ihn einzureden, ihm die einfachen Dinge zu erklären, die er hätte wissen müssen: Dass man immer um Erlaubnis fragte, sich niemals einem anderen Menschen aufzwang, dass man seiner Lust langsam, ganz langsam folgte, bis sie stark genug war, um beide Partner in Verzückung zu stürzen.“ (Mackey 1997a, S. 230)

Diese Instruktion reflektiert nach Fehlmann die Debatte um Date Rape, die in den frühen 90er Jahren in den USA aktuell war. Nach Zahlen aus Colleges wurden in dieser Zeit 10 bis 25% aller Studentinnen Opfer sexueller Übergriffe. Nach Fällen von Date Rape wurde am Antioch College, Ohio auf Anregung von Studentinnen ein Regelwerk über den sexuellen Umgang der Studierenden erarbeitet. Nach diesen Regeln haben beide Parteien der jeweiligen Intimität mündlich zuzustimmen. Diese Einwilligung soll für jede weitere Ebene der sexuellen Interaktion wiederholt werden. Die Einschätzungen über dieses Regelwerk gingen weit auseinander. Vom Einsetzen einer Verhandlungsmoral in Sachen Sexualität, die beide Beteiligten in der Verantwortung sah, bis hin zu Einschätzungen, die darin einen Aufschwung neo-victorianischer, puritanischer Ansätze sahen und jede frei und ungezwungen ausgelebte Lust im Keim erstickt sahen, reichten die Einschätzungen. Als Feministin kannte Mary Mackey die entsprechenden Diskussionen an den Universitäten (vgl. Fehlmann 2010, S. 273).

Meret Fehlmann greift mit ihrer Einschätzung jedoch viel zu kurz. Die Sexualwissenschaft beschreibt mit dem Begriff Verhandlungsmoral den neuen moralischen Standard im Bereich der Sexualität, der sich in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts herausgebildet hatte. Dem voraus ging die Zeit der Sexuellen Revolution in den 70er Jahren, in der die alte, vor allem von den Kirchen propagierte sexuelle Zwangsmoral hinweggefegt wurde. Diese war im Kern patriarchal und verbietend. Sexualität war nur innerhalb der Ehe erlaubt und auch da nur zum Zwecke der Fortpflanzung und in einer einzigen Stellung, der Missionarsstellung. Sexuelle Selbstbestimmung hatte keinen Stellenwert. Vielmehr waren die Ehepartner, in der Praxis vor allem die Ehefrau, verpflichtet, sich sexuell „benutzen“ zu lassen.

Die sexuelle Revolution machte radikal Schluss mit dieser menschenfeindlichen Moral, ohne dass sich zunächst eine neue Sexualmoral herausbildete. Dies geschah erst in den folgenden Jahrzehnten vor allem durch die Intervention der Frauenbewegung, die sexuelle Gewalt in all ihren Formen öffentlich machte und skandalisierte. Die neue Sexualmoral wird als Verhandlungsmoral bezeichnet, da sie nicht die Akte als solche in erlaubte und unerlaubte einteilt, sondern ihr Zustandekommen bewertet. Entscheidend ist, dass sie ausgehandelt wurden und in beiderseitigem Konsens erfolgen. Wenn dies gegeben ist, sind auch Sexualpraktiken wie Sadismus oder Masochismus in Ordnung. Nur diejenigen Praktiken, die die Verhandlungsmoral inhärent verfehlen, wie die Pädophilie, sind moralisch nicht vertretbar und werden unnachsichtiger verfolgt als früher (vgl. Schmidt 2014, S. 8ff).

Insofern hat die von Meret Fehlmann erwähnte Sexual Offense Prevention Policy des Antioch College nicht zum „Einsetzen einer Verhandlungsmoral“ geführt, sondern ist bereits das Resultat einer solchen Moral in der Gesamtgesellschaft, die nun auch im College angesichts zahlreicher Fälle von Vergewaltigungen mit typisch US-Amerikanischen, also autoritär-polizeistaatlichen Mitteln durchgesetzt werden sollte.

Die Verhandlungsmoral konnte sich herausbilden aufgrund einer zunehmenden Gleichberechtigung der Geschlechter. Deshalb ist die Vermutung naheliegend, dass sie auch im Matriarchat in der einen oder anderen Form bestanden hatte. Denn in den matriarchalen Gesellschaften waren ja beide Geschlechter gleichberechtigt.

Wie diese genau aussah, darüber wissen wir nur wenig. Das gilt insbesondere für die alteuropäischen Kulturen der Donauzivilisation, in der die Romane von Mary Mackey spielen. Diese sind uns nur durch Ausgrabungen bekannt. Dadurch lässt sich viel über die materielle Kultur, Religion und die Sozialstruktur herausfinden. Unmittelbare Auskünfte über das Sexualverhalten lassen sich so freilich nicht gewinnen.

Es gibt aber Hinweise aus der Frühzeit des Patriarchats. Das sind die bereits oben erwähnten so genannten Aitheda (Flucht)-Geschichten aus Irland, deren bekannteste die Erzählung von Tristan und Isolde ist. Es gibt aber in Irland zahlreiche weitere Erzählungen nach demselben Muster, wie Naisi und Deirdre aus dem Zyklus Der Rinderraub von Cooley. Tristan und Isolde beschreibt die verbotene Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren. Sie ist nach patriarchalem Verständnis deswegen verboten, weil Isolde mit dem patriarchalen König Marke von Cornwall verheiratet wurde, dem Lehnsherren Tristans.

Die Dramatik dieser Geschichte stammt ja gerade von der Gegenüberstellung zwischen der alten matriarchalen, egalitären Sexualmoral und der neuen patriarchalen Zwangsmoral. Nach der älteren matriarchalen Ordnung ist es die Frau, die frei ihre Liebhaber wählt. Ihre Liebeskraft ist die Lebenskraft schlechthin, der Eros das weltschöpfende und welterhaltende Prinzip. Nach dieser Vorstellung kann der Mann nicht anders, als dem Werben der Frau nachzugeben (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 254). In archaischen matriarchalen Gesellschaften waren sexuelle Grenzüberschreitungen des Mannes deswegen vermutlich unvorstellbar.

Weitere Hinweise darauf, wie Sexualität in Matriarchaten gelebt wird, lassen sich aus Beobachtungen in rezenten matriarchalen Gesellschaften gewinnen. In der Arte-Dokumentation „China, im Reich der Mosuo-Frauen“ von 2013 wird dargestellt, dass die Frauen bei einem großen Tanzfest zu Ehren der Berggöttin Lamu ihre Partner durch Blicke und Gesten erwählen, um später mit ihnen auch intim zu werden. Die von Heide Göttner-Abendroth und anderen Frauen befragten Mosuo-Männer versichern, dass Gewalt gegen Frauen in ihrer Kultur undenkbar ist und dass sie diese, wenn sie bei anderen, patriarchalen, Ethnien vorkommt, stark verurteilen (vgl. Göttner-Abendroth 1998, Interview Nr. 9).

Allerdings ist die in den Romanen von Mary Mackey beschriebene Form der Verhandlungsmoral wahrscheinlich ein Anachronismus: Wenn eine Frau während des Geschlechtsverkehrs auf ihre Schenkel klopft, bedeutet das Erlaubnis zur Penetration, wenn nicht, dann ist diese nicht gegeben. Das ist eher eine Sicherung gegen eine als grenzüberschreitend gedachte männliche Sexualität, die typisch für das Patriarchat ist, aber im Matriarchat wahrscheinlich außerhalb jeder Vorstellung lag. Insofern war diese Sicherung vermutlich nicht notwendig.

Dem entspricht, dass die Autorin das Wesen der Männer an sich negativ zu sehen scheint. Sie beschreibt, dass es die alleinige Aufgabe der Männer des Küstenvolkes war, die großen Menhire in Carnac aufzustellen. Nur so könne die große Kraft der Männer sinnvoll eingesetzt werden, während sie sonst gefährlich sei. Dem widerspricht allerdings, dass Mary Mackey sonst in den Romanen immer ausdrücklich betont, dass auch anstrengende Tätigkeiten von Männern und Frauen gemeinsam ausgeführt werden, so die Schifffahrt auf den Raspas im Blauen Meer und der Erzabbau am Rauchfluss.

Die Existenz einer Verhandlungsmoral im oben definierten Sinne im Matriarchat ist also weit davon entfernt, ein Anachronismus zu sein, sondern sie ist vielmehr zu erwarten. Demnach ist ihr Vorkommen in den Romanen von Mary Mackey auch kein Beleg dafür, dass Matriarchate nicht existieren.

Den Vorwurf des Eurozentrismus begründet Meret Fehlmann damit, dass Marija Gimbutas und in ihrem Gefolge auch Mary Mackey das Bild einer nachhaltigen und friedlichen Ursprungskultur Europas entwarfen. Das friedliche Alteuropa wurde von kriegerischen, aus den russischen Steppen stammenden Kurganvölkern überrannt. Diese These habe in den Zeithorizont des Kalten Krieg gut hereingepasst, ebenso wie in die Biographie von Marija Gimbutas, die mehrmals in ihrem Leben auf der Flucht vor den „Russen“ war. An dieser Stelle ist genauso wie bei Stefanie von Schnurbeis Analyse der Nebel von Avalon die Tendenz sichtbar, Forschungsergebnisse als reine Ideologie zu lesen. Damit wird die beeindruckende wissenschaftliche Leistung von Marija Gimbutas einfach so vom Tisch gewischt. Denn sie kam zu ihren Schlussfolgerungen aufgrund von zahlreichen Ausgrabungen in Osteuropa, die sie teilweise selbst geleitet hatte. Zudem kann ihr Antikommunismus nicht so extrem gewesen sein, wie hier behauptet, denn sie unterhielt gute Beziehungen zu ArchäologInnen aus Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und der Sowjetunion (vgl. Fehlmann 2010, S. 278). Diese „Kritik“ ist noch nicht einmal originell, sondern wurde 1995 erstmals von der Archäologin Lynn Meskell geäußert, die damals als wissenschaftliche Assistentin für Gimbutas „Erzrivalen“ Colin Renfrew arbeitete (vgl. Spretnak 2011, S. 33).

Ein zweiter Beleg für den angeblichen Eurozentrismus der Matriarchatstheorie ist die Annahme von Marija Gimbutas, dass die Menschen Alteuropas bereits eine Schrift kannten und dass diese, und nicht die sumerische, die älteste Schrift der Welt sei. Die alteuropäische Schrift spielt ja auch in den Romanen von Mary Mackey eine Rolle.

Meret Fehlmann dagegen spricht abschätzig von Symbolen und Kritzeleien auf Fundgegenständen, die Marija Gimbutas irrtümlicherweise für eine Schrift halte, die zudem auch noch einen edleren Charakter gehabt habe als die nachfolgenden Alphabete, da sie auf das Numinose, nicht auf das Merkantile ausgerichtet gewesen sei (vgl. Fehlmann 2010, S. 279).

Meret Fehlmann ist überzeugt: „Das Pochen auf eine frühe Schriftlichkeit hängt mit der Überzeugung zusammen, dass das matriarchale Wissen im Verborgenen überlebt habe und darauf warte, entschlüsselt zu werden, um die Menschheit auf den richtigen Weg der matriarchalen Weisheit zurückzuführen.“ (Fehlmann 2010, S. 279).

Ein Beleg dafür sieht sie in der Meldung der NZZ vom Juli 2005 wo Toby Griffin, ein emeritierter Linguistikprofessor beansprucht, die alteuropäische Schrift entschlüsselt zu haben, was freilich von der Fachwelt nicht anerkannt wurde und auch als unwahrscheinlich zu werten ist (vgl. Fehlmann 2010, S. 280).

Der Sprachwissenschaftler Harald Haarmann weist demgegenüber darauf hin, dass viele alte Primärschriften religiöse Ursprünge haben, so die altägyptische, die altchinesische und die Indusschrift. Alle genannten Altschriften sind wahrscheinlich logographische Schriften, bei denen ein Zeichen eine Idee bzw. einen Begriff repräsentiert, wie heute noch die chinesische Schrift.

In dieses Szenario passt die alteuropäische Schrift gut hinein. Diese Schrift ist vor allem als Inschrift auf sakralen Gegenständen gefunden worden. Es dominieren bei weitem kurze Texte von nur wenigen Zeichen. Längere Texte, wie auf den Täfelchen von Tartaria, sind selten (vgl. Haarmann 2001, S. 191ff).

Die Behauptung, dass Maria Gimbutas die alteuropäische Schrift für edler hält, ist eine Interpretation einer mehrdeutigen Stelle, die genauso gut als Beschreibung der Unterschiede im Schriftgebrauch zwischen den Sumerern und den Alteuropäern gelesen werden kann (vgl. Gimbutas 1991, S. 320). Das gilt erst recht für den englischen Text.

Schließlich ist sich Marija Gimbutas wie andere Schriftspezialisten bewusst, dass eine Entzifferung der alteuropäischen Schrift unwahrscheinlich ist, da die zugrundeliegende Sprache nicht mehr bekannt ist. Die einzige Möglichkeit wäre ihrer Meinung nach die Auffindung eines neuen „Rosetta-Steins“ (vgl. Gimbutas 1991, S. 308).

In den Romanen von Mary Mackey wird beschrieben, dass auch auf Leder und Baumrinde geschrieben wurde und dass in den längeren Texten Rezepte und Mythen niedergelegt sind. Belege für diese Form von Schriftgebrauch finden sich in der Tat nicht. Wenn es sie wirklich gegeben hatte, sind sie wegen ihres Materials nicht erhalten geblieben. Ein solcher Schriftgebrauch ist auch nicht unbedingt wahrscheinlich für das erste Stadium der Nutzung einer Schrift wie in Alteuropa.

Warum das alles nicht nur eurozentristisch, sondern auch noch antisemitisch sein soll, erschließt sich mir nicht. Eine Möglichkeit wäre höchstens, dass Meret Fehlmann versucht, das Werk von Marija Gimbutas mit dem Nazi und damit wohl auch Antisemiten Hermann Wirth zusammenzubringen, allerdings ohne viel Erfolg.

Fazit

Diese Romane sind nicht perfekt, aber sie entwerfen das faszinierende Panorama einer längst vergangenen Welt mit einer matriarchalen Gesellschaft, in der die Menschen – Männer und Frauen gleichermaßen – glücklicher und freier leben konnten, als in den nachfolgenden patriarchalen Kulturen. Es war zudem eine Welt, in der es noch große, vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Naturlandschaften gab, deren Schönheit Mary Mackey ebenfalls beschreibt.

Meret Fehlmann weist zwar auf einige nicht ganz gelungene Konzepte der Romanserie hin, was ihrem Wert aber keinen Abbruch tut. Ihr geht es ohnehin nur darum, die Matriarchatstheorie an sich zu kritisieren und sie in die Nähe zu den Nazis zu stellen. Eine Beschäftigung mit den Romanen von Mary Mackey ist da nur Mittel zum Zweck.

Besprochene Romane

Mary Mackey: Kornmond und Dattelwein, Frankfurt am Main 1987 (Erstveröffentlichung 1983 unter dem Titel The Last Warrior Queen)

Mary Mackey: Im Jahr der Pferde, München 1997 (Erstveröffentlichung 1993 unter dem Titel The Year the Horses Came)

Mary Mackey: Die Schmetterlingsgöttin, München 1997 (Erstveröffentlichung 1995 unter dem Titel The Horses at the Gate)

Mary Mackey: Das Lied der Erde, München 1999 (Erstveröffentlichung 1998 unter dem Titel The Fires of Spring)

Sekundärliteratur

Meret Fehlmann: Das Matriarchat: Eine vermeintlich uralte Geschichte, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 106 (2010), S. 265-288

Marija Gimbutas: The Civilization of the Goddess, San Francisco 1991

Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat in Südchina, Stuttgart 1998

Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 2011

Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation, München 2011

Gunter Schmidt: Das Neue Der Die Das, Gießen 2014

Charlene Spretnak: Anatomy of a Backlash, in: The Journal of Archaeomythology, 7/2011

Im nächsten Teil wird der Roman Rheingold von Stephan Grundy vorgestellt.

Doreen Valiente – Witch

Samstag, 06. Mai 2017

 

Philip Heselton
Doreen Valiente – Witch
2016 / Centre For Pagan Studies Ltd / ISBN Paperback: 978-0-9928430-6-9, Hardcover: 978-0-9928430-7-6 / 357 Seiten / Gebundene Ausgabe: 35,34 Euro, Taschenbuch: 16,99 Euro

 

Über den Autor

Philip Heselton, geboren 1946, hatte schon seit seiner Jugend eine starke Beziehung zur Natur und zum Paganismus. Angeregt durch eine gut bestückte Bibliothek, interessierte er sich zunächst für Ufologie und traf auf Tony Wedd, seinen ersten Lehrer, der ihm Alfred Watkins große Entdeckung und Forschungsgebiet, die „Ley Lines“, näherbrachte. Philip gründete zusammen mit Jimmy Goddard 1965 den „Ley Hunters Club“ sowie „The Ley Hunter“ Magazine. Die Geheimnisse der Erde beschäftigten ihn so sehr, dass er darüber mehrere Bücher veröffentlichte, darunter „The Elements of Earth Mysteries“ und „Leylines – A Beginner’s Guide“. Sein Interesse an Landschaften führte ihn zu einem abgeschlossenen Studium der Geographie und er begann eine Karriere als Stadt- und Landschaftsplaner, und er wurde Naturschutzbeauftragter, bevor er 1997 in Rente ging. Er war sich immer darüber bewusst, dass es noch andere Existenzebenen als die physische gab und so interessierte er sich für psychische Phänomene und Techniken, einschließlich der Astrologie. 1960 las er zum ersten Mal Gerald Gardners „Witchcraft Today“, das ihn ansprach. In die „Craft“ wurde er jedoch erst wesentlich später initiiert. Für ihn ist Paganismus das Erfahren der tieferen, mystischen Seite der Landschaften um uns herum und dies versuchte er in verschiedenen Büchern, die beim Capall Bann Verlag erschienen, auszudrücken. Darunter „Secret Place of the Goddess“, „Mirrors of Magic“ und „Magical Guardians – Exploring the Spirit and Nature of Trees“. Seit einiger Zeit versucht er zurück zu seinen Wurzeln zu gehen und untersucht die Quellen von Gerald Gardners Schriften. Das Ergebnis sind seine beiden Bücher „Wiccan Roots“ und „Gerald Gardner and the Cauldron of Inspiration“.

 

Über das Buch

“Das ist das Buch, das ich hätte schreiben sollen”. So beginnt John Belham-Payne, der 2016 verstorbene Leiter der Doreen Valiente-Stiftung, sein Vorwort. Doreen Valiente hatte ihm nach ihrem Tod am 1. September 1999 ihre magische Sammlung vermacht, darunter auch Dinge von Gerald Gardner. 2011 gründete er die Doreen Valiente Foundation. Liebevoll bezeichnet Belham-Payne Doreen als „the most remarkable person I have ever met“.

Doch das Schreiben der Biografie überließ Belham-Payne Philip Heselton, dem Experten, wie er schreibt. Weil er erkannte, dass ihm die Arbeit über den Kopf wachsen würde.

Autor Philip Heselton hingegen sah der Aufgabe mit gemischten Gefühlen entgegen: Einerseits freute er sich darauf, war es doch eine für ihn würdevolle Fortsetzung der Gardner Biografie. Andererseits sei er auch ein wenig besorgt gewesen, weil er umgeben von Leuten war, die Doreen noch persönlich gekannt hatten. Im Gegensatz zu ihm.

Schon jetzt ist er sich sicher, dass diese Biografie nicht die letzte von Doreen Valiente bleiben wird, da er einiges aus ihrem Leben nur kurz gestreift und auch nicht alles aus ihrer umfangreichen Materialsammlung durchgesehen hatte. Er hat, schreibt Heselton in seinem Vorwort, nur die Oberfläche dieser gewaltigen Sammlung angekratzt, in der sicher noch viele Geheimnisse verborgen liegen.

Für seinen Streifzug durch Doreens Leben geht Heselton weit zurück. Er beginnt bei ihren Vorfahren, die aus Cerne Abas in der südwestenglischen Grafschaft Dorset stammen. Der Leser erfährt, dass Doreen eigentlich noch einen Bruder gehabt hätte, der aber nicht einmal ein Jahr alt wurde und an den Folgen eines Magengeschwürs im Jahr 1916 verstarb.

Am 4. Januar 1922 in einer Familie geboren, die nicht sehr viel von übernatürlichen Dingen hielt, merkte Doreen bald, dass sie besonders empfänglich war. Heselton schreibt über ein Erlebnis kurz vor Weihnachten, als Doreen mit ihren Eltern London besuchte und ihrer Mutter von einer wunderschön gekleideten Dame vorschwärmte, die aber nur sie sehen konnte.

Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie für den britischen Geheimdienst, lernte kurz vor Ende des Krieges auch ihren Mann Casimiro Valiente kennen, den sie am 29. Mai 1944 heiratete.

Erst als sie ihre Arbeit beim Geheimdienst beendet hatte, hatte Doreen mit 22 Jahren Zeit darüber nachzudenken, wie sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Und fand die Magie. Sie durchforstete die Bibliothek in Bournemouth, wo sie zur damaligen Zeit lebte und fand nicht nur Magie, sondern vor allem die Schriften Aleister Crowleys.

Durch einen Artikel über Hexerei, der am 27. September 1952 in einem Wochenmagazin erschien, bekam Doreen Kontakt zu Cecil Williamson und traf durch ihn im selben Jahr auf Gerald B. Gardner.

In ihren Aufzeichnungen schreibt sie: „We seemed to take an immediate liking in each other. I realized that this man was no time-wasting pretender to occult knowledge. He was something different from the kind of people I had met in esoteric gatherings before.”

„Wir waren uns scheinbar auf den ersten Blick sympathisch. Ich erkannte, dass dieser Mann niemand war, der einfach nur vorgab, sich im Okkultismus auszukennen. Er unterschied sich deutlich von den Menschen, die ich bislang auf esoterischen Treffen kennengelernt hatte.“ (S. 71)

Schnell kam Doreen jedoch drauf, dass die von Gardner angepriesene „alte Religion” gar nicht so alt war. Sie entdeckte in seinem Book of Shadows Material von Aleister Crowley. Darauf angesprochen stritt er es zuerst ab. Später erklärte er ihr, er habe von Crowley die Erlaubnis erhalten, eine Loge zu leiten. Also dürfe er auch sein Material verwenden.

Schließlich war es Doreen, die Gardners „Book of Shadows“ umschrieb und letztendlich auch die „Charge of the Goddess“ neu verfasste.

Nach einigen Streitereien mit Gardner kehrte Doreen dem Coven den Rücken und gründete ihren eigenen Coven. Als Gerald Gardner ein paar Jahre später, im Jahr 1964 stirbt, ist die Betroffenheit in der Wiccan Community zuerst groß. Dann versucht jeder, der in dieser Zeit etwas zu sagen hatte, Geralds Platz einzunehmen.

Nur Doreen nicht: Heselton beschreibt sie als Person, die es nicht mochte, im Rampenlicht der Aufmerksamkeit zu stehen. Als Person, die die Geschehnisse lieber aus der Ferne betrachtete und sich nicht einmischte. Sie liebte die Einsamkeit, die stille Kommunikation mit den Göttern. Hier fühlte sie sich wohl, hier war sie zuhause. Wo es menschelte, da blieb sie lieber fern.

Was Doreen Valiente nach ihrem Tod am 1. September 1999 ihrer Nachwelt vermachte, waren ihre fünf Bücher.

Fazit: Mit Hilfe von John Belham-Payne (gestorben am 15. Februar 2016) und des Centre for Pagan Studies hat Philipp Heselton eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Buch des Jahres 2016 verfasst. Doreen Valiente ist und bleibt eine der interessanten und einflussreichsten Personen in Wicca. Meiner Meinung nach war es höchste Zeit, dass dieses Buch geschrieben wurde. „Doreen Valiente – Witch“ ist packend erzählt. Heselton reiht hier nicht nur stur die Stationen ihres Lebens aneinander, sondern schafft es auch, durch die eine oder andere Anekdote aus ihren Aufzeichnungen Witz und Charme rüberzubringen. Zum Beispiel an der Stelle, wo sie Gerald Gardner einen „cunning old devil“, einen „ausgefuchsten, alten Teufel nennt“, als er sie vor einem Winter Solstice-Ritual durch einen Trick dazu nötigt, ein Ritual auszuarbeiten.

Schnell wird dem Leser klar, dass Gerald B. Gardner, der „Father of Witchcraft“ selbst alles nur erfunden hat, die alte Religion in Wirklichkeit gar nicht alt, sondern nur zusammengeklaut ist. Dass die Wicca-Rituale trotzdem funktionieren, wie die „Charge of the Goddess“ im Laufe der Jahre ein Eigenleben entwickelt haben – das ist vor allem Doreen zu verdanken, der bedeutendsten von Gardners Hohepriesterinnen.

Kurzum: Philipp Heselton hat eine rundum gelungene Biografie über eine faszinierende Frau verfasst! Wenn man sich für die Wicca-Geschichte interessiert, gehört „Doreen Valiente – Witch“ unbedingt in den Bücherschrank!

Fantasy und Neuheidentum – Teil XII, geschrieben von Mara

Samstag, 15. April 2017

Mary Mackey, geboren 1945 in Indianapolis, USA, studierte an der Harvard Universität und ist Professorin für Englische Literatur an der California State University in Sacramento. Sie hat neben ihrer Lehrtätigkeit zahlreiche Romane, Gedichtbände und Drehbücher verfasst. Im Jahr 1981 gründete sie zusammen mit anderen Autorinnen die Feminists Writers Guild.

Die hier vorgestellten Romane können genausogut in das Genre des Historischen Romans eingeordnet werden, zumal sie ja bei der Beschreibung der dargestellten Gesellschaften Exaktheit beanspruchen. Da aber hier die Magie (in gewissen Grenzen) wirksam ist, die Große Göttin durch Träume und Visionen zuweilen direkt in die Handlung eingreift und die Zaubereien der indoeuropäischen Priester-Schamanen ebenfalls als wirksam beschrieben werden, ist es nicht ganz falsch, sie auch unter der Überschrift Fantasy zu besprechen.

Alle vier Romane beschreiben die Konfrontation zwischen matriarchalen und patriarchalen Gesellschaften. Kornmond und Dattelwein (1983) spielt in Mesopotamien im Jahr 3643 v.u.Z., als die patriarchalen Sumerer eine vorher dort existierende matriarchale Kultur erobern und überformen. Besonders beeindruckend im Roman finde ich die Beschreibung des Zagrosgebirges östlich von Mesopotamien, das heute im Iran liegt. In der Gegenwart ist es eine trockene Halbwüste. Damals aber, und das ist durch Pollenanalysen tatsächlich belegt, war es ein dichter, subtropischer Feuchtwald. Offenbar ist diese reichhaltige Vegetation durch Überweidung, zunächst mit Schafen und Ziegen, vollständig zerstört worden.

Die drei Romane Im Jahr der Pferde (1993), Die Schmetterlingsgöttin (1995), Das Lied der Erde (1998) gehören zusammen und werden im Englischen als Earthsong-Trilogy bezeichnet. Im Deutschen haben sie keinen bestimmten Namen. Sie beschreiben die Konfrontation zwischen den matriarchalen Kulturen Alteuropas und der patriarchalen indoeuropäischen Kultur.

Mary Mackey orientierte sich bei ihrer Beschreibung Alteuropas und der Indoeuropäer an den Theorien von Marija Gimbutas, die sie insbesondere in ihren Werken Die Sprache der Göttin und Die Zivilisation der Göttin ausgearbeitet hat. Frau Mackey hatte zudem Marija Gimbutas (1921-1994) noch persönlich gekannt und sie bei den Recherchen für ihre Trilogie mehrfach getroffen. Dass es gelungen ist, ihre Theorien in eine dramatische Handlung umzusetzen, belegt der Kommentar von Marija Gimbutas zum ersten Band, der 1993, ein Jahr vor ihrem Tod erschienen ist: „Brilliant, accurate … an unforgettable work of fiction that provides much more than entertainment … Mary Mackey truly has a researcher’s precision combined with a storyteller’s magic.” (http://marymackey.com/praise-for-mary-mackeys-novels/)

Der erste Roman beginnt im Jahr 4372 v.u.Z.. In ganz Europa existiert eine matriarchale Kultur friedlicher AckerbäuerInnen, die die Große Göttin in verschiedenen Gestalten verehren. Das Mädchen Marrah aus dem Dorf Xori in der heutigen Bretagne entdeckt an der Küste ausgerechnet am Tag ihrer Volljährigkeitsfeier den schiffbrüchigen Stavan, der aus einer völlig anderen – patriarchal geprägten – Kultur von indoeuropäischen Reiternomaden kommt, die für das friedliche Alteuropa eine tödliche Bedrohung darstellen können.

Aufgeschreckt durch seine Erzählungen und die Visionen ihrer Mutter, der Priesterin Sabalah, machen sich Marrah, ihr Bruder Arang sowie Stavan auf den weiten Weg von der Bretagne in die Steppen des Ostens, um mehr über diese Reiternomaden herauszufinden, so die Inhaltsbeschreibung in der Wikipedia.

In den ersten zwei Dritteln von Im Jahr der Pferde beschreibt Mary Mackey diese Reise und lässt das Panorama einer längst vergangenen Zivilisation wieder auferstehen. Auch beschreibt sie eine „leere Erde“, die noch nicht vollkommen von den Menschen beherrscht wird und wo noch große Regionen in ihrem natürlichen Zustand sind. Das Küstenvolk Marrahs lebt, wie der Name bereits andeutet, an den Küsten der heutigen Bretagne. Es ist die Bretonische Megalithkultur, die u.a. das Alignment von Carnac errichtete. Wenige Siedlungen erstrecken sich noch die Küste herunter bis zum Mündungstrichter (Ästuar) der Ibai Nabar (Gironne). Dann aber wird beschrieben, dass sich auf der ganzen Strecke zwischen Ibai Nabar und Blauem Meer (Mittelmeer) ein riesiger, fast völlig unbewohnter Wald befindet. Im Atlantikum, der Zeitepoche, in der der Roman spielt, war das ein lichter Eichen-Eschenwald. Hier lebten nicht nur die üblichen Wildtiere, die heute meistens ausgestorben sind, wie Bären, Wölfe, Auerochsen, Wisente sondern sogar noch Löwen! Mitten in diesem Wald liegen die Höhlen von Nar. Das ist eine der bekannteren französischen Bilderhöhlen aus dem Paläolithikum. Die Menschen Alteuropas wissen, dass die Wandbilder schon vor sehr langer Zeit geschaffen wurden, beziehen sie aber in ihren gegenwärtigen Glauben mit ein, zumal ja die Göttin die gleiche war, nur in einer anderen Form. (siehe dazu Gimbutas 2006, S. XIX)

Im Roman wird beschrieben, dass die Menschen dieser Zeit bereits hochseetüchtige Boote hatten, die als Raspas („Heilige Vögel“) bezeichnet werden. Im Vergleich zu moderneren Schiffen waren sie klein und schwer zu steuern, sie hatten aber immerhin schon ein großes Gaffelsegel aus Leinen. Die Völker des Blauen Meeres betrieben mittels dieser Schiffe bereits einen schwunghaften Tauschhandel. HändlerInnen konnten sowohl Männer als auch Frauen sein. Es kam dennoch nicht zur Entstehung von Reichtumsunterschieden, da diese Schiffe von den Dörfern und Städten gemeinsam betrieben wurden und die Menschen in verzweigte Clanstrukturen eingebunden waren. Geld gab es ja ohnehin noch nicht.

In der Stadt Itesh auf Gira (Sardinien) erleben Marrah, Stavan und Arang ein rauschhaftes, orgiastisches Fest zu Ehren der Schlangengöttin mit einem spektakulären, mehrere Tage dauernden Schlangentanz, an dem sich die gesamte Bevölkerung beteiligt.

Anschließend reisen Marrah, Stavan und Arang über Italien und die Adria weiter nach Osten und erreichen den Rauchfluss (Donau). Dort sehen sie die Wunder der Donauzivilisation mit ihren Tempeln, der ausgefeilten Keramik, der Metallverarbeitung und der Schrift.

Es wird im Roman dargestellt, dass es bereits in Alteuropa am Mittelmeer und im Balkan eine hochentwickelte städtische Zivilisation gab.

Die Stadt Shara, das vorläufige Ziel der Reise, liegt am Süßwassersee (Schwarzes Meer) südlich der Donaumündung etwa auf der Höhe des heutigen Varna (Bulgarien). Dort verweilen die Reisenden längere Zeit. Das gibt Gelegenheit, die Sozialstrukturen und Bauten einer größeren Siedlung zu beschreiben: Wie eine Königin von der Bevölkerung gewählt wird, wie der Rat der Stadt in schwierigen Situationen Entscheidungen trifft, wie ein Geburtstempel aussieht etc.

Anschließend reisen sie weiter in die südrussischen Steppen und werden von dem Stamm der Hani, der indoeuropäischen Reiternomaden, gefangen genommen. Während Stavan seinen Platz als Sohn des großen Häuptlings wieder einnimmt, aber merkt, wie sehr er sich verändert hat, wird Marrah zwangsweise zur Nebenfrau eines Unterführers namens Vlahan gemacht. Anhand dieses Beispiels wird die Gewalttätigkeit und Frauenverachtung der Indoeuropäischen Gesellschaften beschrieben, die ja ebenfalls durch archäologische Ausgrabungen belegt ist und sich auch aus Vergleichen mit der vedischen Mythologie ergibt.

An Ende des ersten Bandes können Marrah, Arang und Stavan fliehen. Im zweiten Band wird dargestellt, wie die BewohnerInnen der Stadt Shara mit letzten Kräften eine großangelegte Invasion der Hani abwehren. Wie sich aber im dritten Band Das Lied der Erde zeigt, konnten sie den Niedergang Alteuropas nur um wenige Jahre aufhalten: Marodierende Reiternomaden streifen immer wieder durch das Land, die Kinder von Shara werden zu ihrer eigenen Sicherheit auf die Insel Alzac (vielleicht die heute St. Ivan genannte Insel bei Burgas) geschickt, patriarchale Vorstellungen sickern immer stärker nach Alteuropa ein, der Ackerbau wird durch die Unsicherheit zunehmend erschwert.

Möglicherweise hat Mary Mackey die Beschreibung Alteuropas etwas idealisiert, was dann den Kontrast zu den Indoeuropäern umso schärfer erscheinen lässt. Immerhin scheint ja Marija Gimbutas mit ihren Beschreibungen einverstanden gewesen zu sein.

Diese Romane bergen, genau wie die von Stefanie von Schnurbein besprochenen, eine Menge Sprengstoff. Wie ich bereits im Artikel zu den Megalithkulturen Nordhessens erwähnt habe, sind die Herkunft der Indoeuropäer und die Frage, ob es ein weitverbreitetes Matriarchat in der Vorgeschichte der Menschheit gab, in der Wissenschaft hoch umstritten und haben immer auch eine politische und ideologisch-weltanschauliche Dimension.

Während in den 90er Jahren nach ihren Tode das Werk von Marija Gimbutas gänzlich verworfen wurde und die Anatolien-Hypothese (Herkunft der Indoeuropäer aus Anatolien) von Colin Renfrew weit dominierte, ist die Situation heute nicht mehr so eindeutig. Immerhin hat sich mit David Anthony ein angesehener Archäologe praktisch für die Kurganhypothese, also für den Ursprung der Indoeuropäer in der südrussischen Steppe ausgesprochen. Harald Haarmann zählt in seinen Büchern weitere AutorInnen und eine überwältigende Anzahl von Indizien für die Kurganhypothese auf, die sich jetzt sowohl auf geographische, als auch auf linguistische, archäologische und genetische Belege stützen kann (vgl. Anthony 2007, S. 39ff, Haarmann 2010a, S. 154ff, Haarmann 2010b, S. 17ff, Haarmann 2011, S. 230).

Etwas anders sieht die Frage dem Charakter der Gesellschaft Alteuropas aus. Bisher hat von den jüngeren WissenschaftlerInnen außerhalb der modernen Matriarchatsforschung nur Harald Haarmann die Gesellschaften der Donauzivilisation aufgrund von zahlreichen Belegen unumwunden als matristisch in der Definition von Gimbutas bezeichnet, also als egalitäre Gesellschaften mit einer zentralen Stellung der Frau (vgl. Haarmann 2011, S. 150ff). Genau das ist aber die Definition von Heide Göttner-Abendroth für den Begriff Matriarchat. Alle anderen WissenschaftlerInnen lehnen die Vorstellung einer in diesem Sinne matriarchalen alteuropäischen Gesellschaft vehement ab, auch und gerade David W. Anthony.

Besprochene Romane

Mary Mackey: Kornmond und Dattelwein, Frankfurt am Main 1987 (Erstveröffentlichung 1983 unter dem Titel The Last Warrior Queen)

Mary Mackey: Im Jahr der Pferde, München 1997a (Erstveröffentlichung 1993 unter dem Titel The Year the Horses Came)

Mary Mackey: Die Schmetterlingsgöttin, München 1997b (Erstveröffentlichung 1995 unter dem Titel The Horses at the Gate)

Mary Mackey: Das Lied der Erde, München 1999 (Erstveröffentlichung 1998 unter dem Titel The Fires of Spring)

Sekundärliteratur

David W. Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, Princeton und Oxford 2007

Marija Gimbutas: The Civilization of the Goddess, San Francisco 1991

Marija Gimbutas: The Language of the Goddess, New York 2006

Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation, München 2011

Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen, München 2010a

Harald Haarmann: Die Indoeuropäer, München 2010b

Während in diesem Teil die positiven Aspekte der Matriarchatsromane von Mary Mackey herausgestellt wurden, geht es im nächsten Teil um Kritik an diesen Romanen sowohl um eigene als auch um Kritik aus der Wissenschaft.

Dreams and Nightmares – Oracle of the Night, geschrieben von Lila Moonshadow und übersetzt von Linda Dannenberg

Samstag, 11. Februar 2017

Foto Lila Moonshadow

Das Orakeldeck wird in einer Box geliefert, welche beim Öffnen die Karten enthüllt, die sich an das Styropor schmiegen wie an ein Kissen. Es ist wirklich stabil, sie kamen wohlbehalten an! Die Karten selbst sind sehr, sehr anders als alles, was ich je zuvor gesehen habe.

Die Karten sind 9 cm groß. Sie sind nicht wirklich dick, aber das müssen sie auch nicht sein. Meine erste Intuition war, dass sie gezogen werden wollen, nicht gemischt, aber ich wage zu sagen, dass man sie problemlos mischen könnte.
Die Karten in dem obigen Bild: Auf der ersten Karte steht: “ Ständige Erneuerung der Werte garantiert ihre Zukunft.“. Die Bildkarte zeigt eine Eule und eine weiße Feder mit einer weißen Kerze.

Auf der Rückseite der Box heißt es:
Dieses exklusive Orakelset beinhaltet 54 Bildkarten sowie 54 Textkarten. Wenn du nach Antworten auf deine Fragen suchst, werden diese 108 Karten dich alles wissen lassen, was du dazu benötigst. Wähle einfach 2 Karten aus, eine die ein Bild zeigt und eine weitere, welche den Text enthält.
Lucia, eine österreichische Schamanin, ist die Schöpferin dieses Orakels, das von ihren eigenen schamanischen Reisen und persönlichen Visionen inspiriert wurde.

Lucias Seite
Ihre Website ist in Deutsch. Wenn ihr Chrome benutzt, könnt ihr sie mit einem Rechtsklick übersetzen lassen.

Zur Bestellung des Decks (englische Version) und natürlich auch auf Deutsch (lucia@geistertrommel de)

Auf den beiden Textkarten im obigen Bild steht: “ Die Welt ist kein Discounter. Was du billig bekommst , bezahlst du dann teuer.“ und “ Durch Gedanken und Zweifel wurde noch kein Haus gebaut.“.

Nebenbei bemerkt: Ich habe diese Karten nicht gezogen, ich habe nur den Stapel Textkarten und den Stapel Bildkarten in jeweils zwei Hälften geteilt und ein Foto gemacht. Seltsamerweise kann ich beide Texte entweder mit mir selbst in Verbindung bringen oder mit etwas, das jemanden betrifft, den ich kenne. Die Bildkarte (oben) zeigt einen weißen Schmetterling, eine weiße Rose und einen Blitz. Die untere Bildkarte zeigt einen grellen blutroten Stuhl, der inmitten von etwas steht, das auf den ersten Blick eine Stadt schien, dann wie Schutt, dann habe ich gesehen, dass es ein Friedhof war. Du siehst also, wie das Orakel funktioniert. Es kommuniziert durch die Bilder wirklich mit deinem Unterbewusstsein.

Die Bilder sind sehr träumerisch – sie lassen dich die Reise „fühlen“. Ich glaube, sie werden sich wirklich gut dazu eignen, mit ihnen zu meditieren oder eine Reise zu beginnen.
Die Texte sind kurze Sätze, die eine ganze Reihe von Dingen bedeuten könnten, es geht darum, über sie nachzudenken und sie mit dem Bild in Verbindung zu setzen, das du ziehst.

Es ist wirklich eine einzigartige Idee und ich weiß ehrlich gesagt von keinem anderen Deck, das diesem irgendwie gleichen würde. Ich rate dir deines zu schnappen, solange du kannst!

„Nefertari’s Tarot“ – ein altägyptisches Deck

Samstag, 21. Januar 2017

Divination im Alten Ägypten

Vorweg sollte vielleicht erwähnt werden, dass das Tarot als Divinationsmethode seine Ursprünge im europäischen Mittelalter hat. Zwar gibt es eine Legende nach welcher das Tarot im Alten Ägypten entstanden sein soll, jedoch finden sich dafür keinerlei historische Belege.

nefertari-1 nefertari-2

Divination allgemein fand im Alten Ägypten jedoch durchaus Anwendung, teilweise sogar um rechtlich relevante Entscheidungen zu treffen. Es gab verschiedene Orakel sowie im privaten wie auch im offiziellen Staatskult. Ein Beispiel für die Anwendung eines Orakels im Rahmen des Staatskultes ist z.B. das berühmte Amun Orakel der Siwa-Oase, das schließlich Alexander dem Großen zur Regentschaft verhalf. Traumdeutung war ebenfalls von großer Bedeutung, galt doch die Traumsphäre als Grenzbereich zwischen Diesseits und Jenseits. Götter, so glaubte man, erschienen einem bevorzugt im Traum um wichtige Hinweise und Botschaften zu überbringen. Belegt ist auch die Ölwahrsagung, also die Deutung von Öl das auf Wasser geträufelt wird oder die Lampenschau besonders aus der Zeit der Ramessiden.

nefertari-5

Das Nefertari Deck

Die Namenspatronin dieses Tarots ist die königliche Gemahlin Ramses II. aus der 19. Dynastie deren Portrait auch die Verpackung ziert. Berühmt wurde Königin Nefertari aufgrund ihres außerordentlich gut erhaltenen Grabes, das mit beeindruckend schönen Wandmalereien dekoriert ist. Man erkennt auch sofort, dass diese Malereien die Inspiration für die Bilder des Tarotdecks geliefert haben.

nefertari-3

Auch wenn Zukunftsschau im Alten Ägypten auf andere Weise betrieben wurde, ist das Nefertari Tarot durchaus als Divinationsmethode für Ägyptenbegeisterte und Tarot-Fans nutzbar! Die altägyptische Symbolik ist durchdacht und nicht nur Dekoration. Wer also mit dieser Bildsprache ein wenig vertraut ist, wird in diesem Tarot sicherlich weit mehr Deutungstiefe vorfinden als in einem traditionellen Tarot. Doch selbst wer darüber keine Kenntnis besitzt wird sich zumindest an der aufwendigen und schönen Gestaltung des Tarots freuen. Die Karten sind mit hochwertigem Golddruck versehen, der entgegen aller Vermutungen ausgesprochen gut hält – pflegliche Behandlung vorausgesetzt! Die Bilder haben einen leichten Used-Look vermutlich um ihnen ein antikeres Aussehen zu verleihen. Optisch sind die Karten wirklich ein Kunstwerk das Freude macht. Allein sie auf dem Tisch auszubreiten und im Licht schimmern zu sehen sorgt bereits für eine mystische, magische Stimmung.

nefertari-6

Deutung des Decks

Ein nicht unerheblicher Nachteil des Tarots ist, dass es dazu leider keinerlei Literatur zur Deutung gibt. Das Tarotset kommt mit einem kleinen Heftchen, dass nur wenig zu einer tiefergehenden Deutung beiträgt. Es bleibt zu hoffen, dass sich jemand dieser Aufgabe annimmt und ein entsprechendes Deutungswerk verfasst. Bis es soweit ist, kommt man nicht umhin sich mit den Standardwerken anderer Decks zu behelfen oder man geht rein intuitiv vor. Hier ist natürlich die Kenntnis altägyptischer Symbolik von großem Vorteil wie auch eine entsprechende Vorerfahrung mit Tarot allgemein. Ein anfängerfreundliches Deck ist das Nefertari sicher nicht.

Mit 78 Karten – 22 Trümpfe und 56 Karten der kleinen Arkana – ist das Nefertari Taort ähnlich wie das klassische Rider-Waite aufgebaut und mit der Deutungsliteratur dieses Decks lässt sich durchaus gut arbeiten. Die Karten liegen gut in der Hand und haben mit ca. 6x12cm eine angenehme Größe. Für die Hosentasche ist dieses Deck natürlich nichts, was den Karten selbst vermutlich auch nicht gut tun würde, doch für feierliche Legungen bei Kerzenschein sind sie bestens geeignet!

Das wichtigste nochmal in Kürze:

Name: Nefertari’s Tarot
Gestaltung: Silvana Alasia
Herausgegeben von Lo Scarabeo 2000
Zahl der Karten: 78
Große Arkana: 22
Kleine Arkana: 56

Kartengröße 6.60cm x 12.00cm
Sprache der Beschriftung: Englisch, Französisch, Deutsch, Italiensch, Spanisch

nefertari-4

Literatur:

  • Annette Imhausen,Tanja Pommerening, Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome, and Greece
  • Fischer-Elfert, H.-W, Altägyptische Zaubersprüche
  • Sandra Sandri, Har-Pa-Chered (Harpokrates): Die Genese Eines Ägyptischen Götterkindes

Fotos: Sati