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Michael Howard – Candle Burning – its occult Significance

Samstag, 19. Mai 2018

 

Michael Howard – Candle Burning – its occult Significance

The most simple magical Art

 

Erstauflage: 1975/Aquarian Press; Zweitauflage 1980/Aquarian Press/ISBN UK: 085030 168 8/ISBN USA: 0877284905/95 Seiten/47,95 Pfund

 

Über den Autor

Michael Howard war seit 1976 Herausgeber des Hexen-Magazins „The Cauldron“. Er schrieb über 20 Bücher über Runen, Folklore und Magick. 1969 wurde Howard in Gardnerian Wicca initiiert und war in den 60er Jahren Mitglied des „Luciferian Order of the Morning Star“, später war Eingeweihter der englischen traditionellen Witchcraft-Gruppe „Cultus Sabbati“. Howard verstarb im September 2015.

Eine kleine Auswahl seiner veröffentlichten Bücher: Angels & Goddesses: Celtic Christianity And Paganism In Ancient Britain / Mysteries Of The Runes / The Sacred Ring: The Pagan Origins Of British Folk Festivals And Customs / Way Of The Magus / The Pickingill Papers / The Pillars Of Tubal Cain / The Sacred Earth Guide / The Roebuck In The Thicket / The Robert Cochrane Letters / The Book Of Fallen Angels / Faery Beasts And Animals Of Legends/ Modern Wicca – A History From Gerald Gardner To The Present

 

Über das Buch

Michael Howard behandelt in diesem Buch zwei Themen: Einerseits die Bedeutung von Magie mit Kerzenritualen, andererseits das Finden des persönlichen Begleiters in Form des Erzengels.

Als die einfachste Form der Magie bezeichnet er die Kerzenmagie. Warum sie so einfach ist? Weil der Lernende dafür nicht die 365 Namen Gottes auswendig lernen muss oder mühsam bei Vollmond Alraunen aus dem Boden buddeln muss. Viele hätten sie sogar schon praktiziert, die Kerzenmagie, schreibt Howard und nennt das Ausblasen der Geburtstagskerzen in Verbindung mit einem bestimmten Wunsch. Außerdem kann Kerzenmagie von jedem durchgeführt werden, ganz egal, welcher Religion er angehört. Howard erklärt die Farben für das jeweilige Ritual  (zum Beispiel Rot für die Gesundheit und sexuelle Potenz, Grün für Fruchtbarkeit und Glück, Blau für Weisheit und Schutz oder Weiß für Reinheit und Spiritualität) und nennt die entsprechenden Wochentage, an denen Rituale am besten durchgeführt werden (zum Beispiel Freitag für die Liebe oder Donnerstag für Geldangelegenheiten). Natürlich dürfen an dieser Stelle einfache Rituale nicht fehlen.

Komplizierter wird es dann ab der Buchmitte, wenn er Rituale aufzählt, für die die Hilfe von Engeln benötigt wird. Zum Beispiel bei der „Mystical Novena“, ein Ritual, das der Erfüllung eines speziellen Wunsches dient und über einen bestimmten Zeitraum hinweg durchgeführt werden muss. Oder bei Ritualen für die Astralreise oder einem Ritual zur Zukunftsschau, für die ebenfalls die Erzengel herangezogen werden. Der persönliche Erzengel kann anhand einer Tabelle im Buchanhang gefunden werden, ebenso wie der Planet fürs persönliche Sternzeichen, der auch für einige Rituale von Bedeutung ist.

 

Fazit: Insgesamt ein interessantes Buch über die Herkunft und den Gebrauch der Kerzenmagie. Die meisten Rituale sind einfach durchführbar. Dennoch ist mir persönlich dieses Buch zu Engel-lastig. Wer ein bisschen Erfahrung mit Kerzenmagie hat weiß, dass man dafür nicht einen Erzengel Raphael, Uriel oder Gabriel zu Hilfe holen muss, sondern die einfache, aber prägnante Formulierung des Wunsches, unter Umständen ein entsprechendes Öl als Verstärker (das von Howard auch erwähnt wird), aber vor allem die Konzentration reicht, um einen Wunsch Realität werden zu lassen.

Außerdem bedenklich: Howard erwähnt bei seinen Regeln zur Kerzenmagie im Anhang, dass kein Mensch gegen seinen Willen beeinflusst werden soll, hat aber offensichtlich kein Problem damit, ein Liebesritual  niederzuschreiben, mit dem genau das bewirkt werden soll. Obwohl er auf Seite 29 noch einmal explizit auf den freien Willen einer Person hinweist und vor solchen Ritualen warnt, steht auf Seite 21 unter der Überschrift „Example of Typical Spell“,  wie Person A die Liebe von Person B gewinnen kann.

Alles in allem ist dieses Buch eine nette Ergänzung zu anderen Büchern über Kerzenrituale, wie sie zum Beispiel von Raymond Buckland, Ruby Ray, Anna Riva oder Blaine Ryker publiziert wurden.

Fantasy und Neuheidentum – Teil XIV, geschrieben von Mara

Samstag, 17. Februar 2018

Stephan Grundy: Rheingold (1992)

Der Schriftsteller Stephan Grundy, geboren 1967 in New York, studierte Englische und Deutsche Philologie an der Southern Methodist University in Dallas, Texas, USA. Den 1992 erschienenen Roman Rheingold schrieb er noch während seiner Studienzeit, die er im gleichen Jahr mit einer Promotion abschloss. Stephan Grundy gehörte zeitweise der nicht-rassistischen Asatru-Gruppe „The Troth“ an (deutscher Ableger ist der Eldaring e.V.).

Rheingold, der Erstlingsroman von Stephan Grundy wurde sofort ein internationaler Erfolg. Er erzählt die Geschichte des Heldengeschlechts der Wälsungen, dessen bekanntester Vertreter Siegfried der Drachentöter ist. Seine Quelle ist hauptsächlich die Völsunga-Saga.

Wir erinnern uns: Die Völsunga-Saga war sozusagen die Lieblingssaga von J.R.R. Tolkien. Allein das rechtfertigt eine Beschäftigung. Sie gehört zu den Isländersagas und ist eine Prosaparaphrase der Heldenlieder der Edda, von denen einige verloren gegangen sind.

Besonders interessant finde ich an den Roman, dass er nicht nur die bekannteren Stellen der Siegfried-Sagen erzählt, sondern auch die Vorgeschichte, die 1/3 des gesamten Romans ausmacht.

Rheingold beginnt damit, dass die Götter Wotan, Hönir und Loki auf der Erde wandern, freilich ohne dass die Menschen ihre wahre Natur erkennen können. Da sie Hunger bekamen, tötete Loki einen Otter, der gerade einen Fisch verzehrte. Am Abend kamen sie zum Hof des Bauern Hreidmar, wo sie um Obdach baten. Im Laufe des Abends prahlte Loki mit seinen Jagdkünsten und zeigte das Otterfell herum. Es stelle sich jedoch heraus, dass dieser Otter in Wirklichkeit Otr, ein Sohn Hreidmars war, der seine Gestalt verändern konnte. Hreidmar und seine anderen Söhne verlangten nun ein Wergeld von den Göttern. Das Otterfell, dass jetzt auf Menschengröße angewachsen war, sollte vollständig mit Gold bedeckt werden. Loki konnte dieses Gold beim Zwerg Andvari auftreiben, das dieser in einer Höhle unter dem Flussbett des Rheins versteckte. Schließlich nahm Loki dem Zwerg Andvari auch noch seinen Ring Andvaranaut ab. Andvari verfluchte diesen Ring jedoch, so dass er jedem, der ihn besitzt, den Tod bringt. Dieser Fluch wurde sofort wirksam, denn Hreidmars Sohn Fafnir tötete aus Goldgier seinen Vater, nachdem das Wergeld ausgezahlt wurde. Er raffte alles Gold an sich und schaffte es in eine Höhle im Siebengebirge. Schließlich verwandelte er sich in einen Drachen. Denjenigen Drachen, den Siegfried tötete, womit der Fluch Andvaris auf ihn überging.

In weiteren Kapiteln erzählt Stephan Grundy die Geschichte der Wälsungen, deren letzter Spross Sigfrid war. Besonders ausführlich wird die Geschichte der Wälsungen-Zwillinge Siglind und Sigmund dargestellt. Siglind heiratet aus Gehorsam ihrem Vater Wals gegenüber den skandinavischen Drichten Siggeir, obwohl sie und andere Mitglieder der Familie der Wälsungen ein schlechtes Gefühl bei der Hochzeit haben. Zudem erscheint noch Wotan in der Hochzeitsnacht als geheimnisvoller Wanderer und steckt ein Schwert in den Holzpfeiler von Wals‘ Halle. Damit stiftet er weiter Unfrieden. Denn er verkündet, dass derjenige das Schwert behalten solle, der es aus dem Holz ziehen kann. Das gelingt jedoch nur Sigmund. Als er sich weigert, dieses Schwert an Siggeir zu verkaufen, fühlt sich dieser tödlich beleidigt und sinnt auf Rache. Das ist nur der Auftakt zu einer Reihe von unvorstellbar grausamen Ereignissen, die schließlich dazu führt, das fast das gesamte Geschlecht der Wälsungen ausgerottet wird.

Dann erst erzählt er die bekannte Geschichte Siegfrieds, wie er unter Aufsicht von Regin, einem weiteren Sohn Hreidmars, ein Schwert schmiedet, damit den Drachen Fafnir tötet, Brunhild aus der Waberlohe befreit, in Worms aber Gudrun heiratet, am Hof der Burgunder lebt, von Hagen getötet wird und schließlich das ganze Geschlecht der Burgunder im Lager Attilas, des Hunnenkönigs, untergeht.

Die Völsunga-Saga gilt nicht umsonst als die grausamste Vorzeitsaga überhaupt. Die Sagas wurden ja für Zuhörer einer germanisch-wikingerzeitlichen Kriegeraristokratie verfasst, dementsprechend sind auch die vermittelten Werte. Walse und Sigmund z.B. weichen keinem Kampf aus, selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist, dass sie ihn überleben. Lieber sterben sie heroisch in der Schlacht, denn als Feigling bezeichnet zu werden. Die Aufgabe der Frauen ist es, ihren Vätern zu gehorchen und denjenigen zu heiraten, den sie bestimmen. In der Erzählung von Siglind und Sigmund wird dargestellt, dass sie als Ehefrau von Siggeir zwar ihren Verwandten, insbesondere ihrem Bruder hilft, seinen Mordanschlägen zu entkommen, aber unter keinen Umständen ihr Eheversprechen brechen will. Eher verbrennt sie freiwillig mit ihm in der großen Halle, als dass sie ihn verlassen und zusammen mit Sigmund fliehen will.

Diese Werte sind natürlich für die heutige Zeit völlig indiskutabel und zeigen, dass die germanische Gesellschaft zumindest in ihrer Spätphase ziemlich gewalttätig gewesen sein muss.

Wie ja bereits erwählt, hat Stefanie von Schnurbein auch diesen Roman in ihrem Artikel Kontinuität durch Dichtung von 2009 besprochen. Dass sie sich nicht auf diese martialische Kriegerethik gestürzt hat, auf die sich ja auch die Nazis teilweise bezogen, liegt vermutlich daran, dass sie in der Quelle von Rheingold, der Völsunga-Saga genauso auftaucht. Es wäre aber problematisch und unfreiwillig komisch, den Germanen völkisches Denken zu unterstellen. Deswegen bringt sie vor allem ihre Standardkritik an, also den Versuch, „Blut-und-Bodenrituale“ nachzuweisen. Diese sieht sie vor allem in Beschreibungen von Runenmagie gegeben, so in dieser: „Die Verse leuchteten unsichtbar in der dunklen Luft, und Sigmund spürte durch den Felsen hindurch einen schwarzen Wirbel aufsteigen und in seine Füße dringen, der ihn mit der Erde verwurzelte. Einen Augenblick lang schwebte er zwischen den Himmeln und den Tiefen und blickte in die endlose Weite der Neun Welten.“ (vgl. von Schnurbein 2009, S. 256, sie nennt S. 218 der überarbeiteten Taschenbuchausgabe von Rheingold, entspricht S. 219 der Hardcoverausgabe)

Auch kritisiert sie Anspielungen auf Blutsbande und Wiedergeburten in der Sippe. Ich kann allerdings daran und in den beschriebenen Ritualen nichts erkennen, was einer „artgemäßen Religion“ im völkischen Sinne entsprechen würde.

Sie wirft Stephan Grundy zudem vor, rassistische Stereotypen bei der Charakterisierung von Personen zu benutzen: Siglind und Sigmund haben klare leuchtende Augen, hochgewölbte, blonde Brauen und eine hohe Stirn. Siggeir habe eine Hakennase. Tatsächlich heißt aber es, er hat eine lange, gekrümmte Nase. Diese Beschreibungen tauchen aber nicht mehrfach auf, wie sie behauptet, sondern nur je einmal. Möglicherweise hat Stefanie von Schnurbein recht, es kann aber genauso gut sein, dass sie diese Stellen überinterpretiert hat (vgl. von Schnurbein 2009, S. 257)

In seinen Widmungen dankt Stephan Grundy auch völkischen Neuheiden wie Stephan McNallen (Hinweis von MartinM), obwohl er, wie Frau von Schnurbein zugeben muss, selbst keine völkischen oder rassistischen Positionen vertritt.

Der Titel des Werkes Rheingold ist klar eine Anspielung an den Opernzyklus Der Ring der Nibelungen von Richard Wagner. Dort ist Rheingold nur der Titel des ersten Teils, des Vorspiels. Inwieweit sich Grundy auch inhaltlich an Wagner anlehnt, wie hin und wieder behauptet wird, ist umstritten. Ich kann das so nicht erkennen, allerdings kenne ich auch die Wagner-Opern nicht gut.

Ich denke, Rheingold ist sehr lesenswert, auch wenn ich mit der im Roman und der Saga dargestellten Kriegerethik und teilweise auch dem Frauenbild, insbesondere der Darstellung Siglinds, überhaupt nicht übereinstimme. In diesem Roman wird aber die mythologische Dimension des Siegfried-Stoffes deutlich, die in den meisten anderen Darstellungen nur eine geringe Rolle spielt. Allerdings geht Stephan Grundy nur bis zum Stand der Geschichte im germanischen Heidentum zurück. Heide Göttner-Abendroth hat in Die Göttin und ihr Heros gezeigt, dass der Kern des Siegfried-Mythos auch auf matriarchale, vorindoeuropäische Muster zurückgeführt werden kann (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 261). Aus dieser Perspektive ist die Siegfried-Sage in der Neuzeit noch nie erzählt worden, auch nicht von Diana L. Paxson in ihrer Töchter-der-Nibelungen-Trilogie, die MartinM als eine zeigemäße Version der Siegfried-Saga ansieht. Ich bin nicht so überzeugt. Vielmehr tauchen in diesen Romanen Wiedersprüche und logische Brüche auf. So soll der Altkönig im Taunus Sitz einer germanischen Amazonenorganisation sein, die aber ausgerechnet Wotan, dem obersten männlichen Kriegsgott untersteht. Brunhild hat als Amazone und Walküre einmal einem anderen Stamm als dem von Wotan gewünschten den Sieg geschenkt. Als Strafe wurde sie von ihren Amazonenschwestern auf einem Felsen festgebunden und muss die Vergewaltigung des ersten Mannes erdulden, der vorbeikommt. Das führt wieder zurück auf die Figur der Brunhild in der Völsunga-Saga, aber es wiederspricht dem Bild der Amazonen in der Fantasyliteratur grundlegend. Die Amazone stand immer auch für weibliche Solidarität und für einen Kampf gegen patriarchale Strukturen. Das fällt hier völlig weg. Ansonsten ist die Romantrilogie von Diana L. Paxson eher unmythologisch.

Heide Göttner-Abendroth meint dagegen in Die Göttin und ihr Heros, dass auch die germanischen Amazonen, die Walküren, ihren Ursprung im kämpferischen Widerstand der Frauen des alten Volkes der Megalithkultur gegen die germanischen Eindringlinge haben (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 260). Dafür spricht, dass ursprünglich die Wanen-Göttin Freya als Anführerin der Walküren galt und ihr noch zur Zeit des klassischen Heidentums die Hälfte der Gefallenenen zustand, die in ihrem Palast Folkwang leben. Im Mythos vom Wanenkrieg lebt ja nach einer häufig vertretenen Auffassung noch die Erinnerung vom Kampf zwischen den patriarchalen indoeuropäischen Reitervölkern aus dem Osten und der matriarchalen Megalithkultur. Jan de Vries hält diese Deutung durchaus für möglich, meint aber, dass sie mit einer anderen indoeuropäischen Mythe zusammenfällt, die betont, dass die drei Stände der indoeuropäischen Gesellschaft (Priester, Krieger, Bauern) im Interesse des Ganzen zusammenwirken müssen. Solche Mythen gibt es auch in anderen indoeuropäischen Völkern, so bei den Römern. Hier ist es die Geschichte vom Raub der Sabinerinnen. Allerdings haben wir bei den Germanen ursprünglich sowohl eine soziale als auch eine ethnische Spaltung. Denn die Indoeuropäer bildeten die Herrenschicht und die einheimischen Megalithiker die Bauernschicht. In Patriarchaten blickt die kriegerische Herrenschicht auf die Bauernschaft im Allgemeinen geringschätzig herab, ist sich aber gleichzeitig darüber bewusst, dass sie auf sie angewiesen ist. Dies drückt der Mythos des Wanenkrieges aus, da aber die soziale Spaltung ursprünglich auch eine ethnische war, konnte er gleichzeitig ein lange zurückliegendes geschichtliches Ereignis festhalten (de Vries 1957, S. 208ff).

Besprochener Roman

Stephan Grundy: Rheingold, Frankfurt am Main 1992 (Erstveröffentlichung 1992 unter dem Titel The Rhinegold)

Sekundärliteratur

Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 2011

Stefanie von Schnurbein: Kontinuität durch Dichtung – Moderne Fantasyromane als Mediatoren völkisch-religiöser Denkmuster, in: Uwe Puschner / G. Ulrich Großmann (Hrsg.): Völkisch und National, Darmstadt 2009

Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte, Band II, Berlin 1957

Im nächsten Teil wird der Tiamat-Zyklus von Joan D. Vinge vorgestellt.

Hekate: A Devotional

Samstag, 29. Juli 2017

 

Vivienne Moss
Hekate: A Devotional

2015/Pagan Portals/ISBN-10: 1785351613/ISBN-13: 978-1785351617/
97 Seiten/Paperback: 8,12 Euro

Über die Autorin

Vivienne Moss ist eine geborene Hexe und Priesterin der Hekate. Sie lebt mit ihrem Freund und ihren beiden Töchtern in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Indiana.

Andere Bücher der Autorin: By Blood, Bone, and Blade: A Tribute to the Morrigan (2014)

 

Über das Buch

Der Göttin Hekate und ihrer tiefen, innigen Verbindung zu ihr hat die Autorin ein Buch gewidmet. Wer hinter dem Buchtitel mehr vermutet als eine Ehrerbietung an Hekate, wird enttäuscht. Vivienne Moss reißt ein wenig die Geschichte der Göttin an, doch ist dieses Buch keine Fachliteratur. Viel mehr beschreibt die Autorin mit gewaltigen, tief unter die Haut gehenden Worten die Hingabe, die Liebe, die sie Hekate tagtäglich entgegenbringt. Und wie ihr die Göttin andererseits hilft, ihren Alltag zu meistern. Das Buch ist eine Mischung aus spirituellem Tagebuch, ein Buch über die Magie und Gedichtband. Ideal für Leser, die ihre persönlichen Erfahrungen vergleichen oder eine neue Perspektiven erhalten möchten, wie sie ihre Beziehung zu Hekate vertiefen können.

Fazit: Eine echte Bereicherung für all jene, die die „private“ Seite der Göttin Hekate kennenlernen möchten.

„Fantasy und Neuheidentum – Teil XIII, geschrieben von Mara“ ist gesperrt Fantasy und Neuheidentum – Teil XIII, geschrieben von Mara

Samstag, 03. Juni 2017

Im letzten Teil wurden insbesondere die positiven Aspekte der Matriarchatsromane von Mary Mackey herausgestellt, also insbesondere die Darstellung einer längst vergangenen Gesellschaft, in der die Menschen, Männer und Frauen gleichermaßen, glücklicher und freier leben konnten, als in allen folgenden Gesellschaften und die Beschreibung einer Welt mit großen, unberührten Naturlandschaften. Jetzt geht es um Kritik an diesen Romanen, sowohl um eigene als auch um Kritik aus der Wissenschaft.

Das bisher Gesagte bedeutet nun nicht, dass es in den Romanen nicht auch Probleme und Anachronismen gäbe. Bisher habe ich die positiven Aspekte herausgestellt, weil sie in ihrer Art einmalig sind. So wird die längst vergangene Welt Alteuropas wieder zum Leben erweckt und wir können erkennen, was wir verloren haben. Allerdings sind diese Romane und wohl auch die anderen von Mary Mackey als typische „Frauenromane“ konzipiert, in denen eine romantische Liebesgeschichte im Mittelpunkt der Handlung steht. Das ist hier auch nicht anders und darin sehe ich das Hauptproblem. Romantische Liebe ist ein Anachronismus und passt überhaupt nicht in die Zeit, weder bei den Menschen Alteuropas, noch bei den Indoeuropäern. Im Roman wird ja selbst beschrieben, dass es in Alteuropa üblich war und auch erwartet wurde, dass die Menschen, sowohl Männer als auch Frauen, in ihrem Leben mehrere Liebhaber haben, denn Liebschaften halten äußerst selten ein ganzes Leben lang. Auch sahen sie die Liebe eher pragmatisch. An bestimmte Festen war es auch üblich, mit Fremden die „Lust zu teilen“, wie Marrah sich ausdrückte. Marrah erklärt Stavan warum: „Lust mit Fremden zu teilen ist eine von den vielen Arten, wie mein Volk die Göttin verehrt. Wir tun es nicht oft – einmal im Jahr vielleicht –, aber wir tun es mit Ehrfurcht. Wenn wir tanzen und singen und Liebe machen, kommt ihr Geist über uns und läßt uns zu einem einzigen Wesen verschmelzen. Nicht nur untereinander, sondern mit allem auf Erden: mit den Tieren, den Bäumen, mit unseren Vorfahren […]“ (Mackey 1997a, S. 262)

Auch bei den Indoeuropäern gab es so etwas wie romantische Liebe nicht. Dort ging es den Männern ohnehin nur darum, ihre Lust zu befriedigen und Söhne zu zeugen, mit welcher Frau war relativ egal und die Frauen hatten in Liebesdingen wie sonst auch ohnehin nichts zu sagen.

Dennoch werden hier Marrah und Stavan als Liebespaar beschrieben, dass „ewig“, also das ganze Leben lang zusammenbleibt. Da Stavan rasend eifersüchtig ist, verzichtet Marrah schließlich endgültig darauf, mit anderen Männern „die Lust zu teilen“, auch in Ritualen. Es wird also die patriarchale monogame Ehe auch nach Alteuropa eingeführt, was positiv dargestellt wird. Die Konstellation am Ende von Kornmond und Dattelwein ist ähnlich, eher noch schlimmer. Damit wird der gewalttätige Charakter bei der Etablierung der patriarchalen monogamen Ehe geleugnet und verdeckt. Deren Etablierung war in Wirklichkeit das Resultat eines weltgeschichtlichen Umschwungs allerersten Ranges und zwar der Etablierung des Patriarchats. Sie wird aber hier so dargestellt, als hätte die Frau ihre Freiheit aus Liebe zu einem Mann aufgegeben. Dass es in Wirklichkeit nicht so war und vor allem die Frauen gegen die ihnen auferlegten Beschränkungen rebellierten, belegen unter anderem die zahlreichen Aitheda (Flucht)-Geschichten aus Irland (Näheres dazu siehe unten).

Es ist kein Wunder, dass sich KritikerInnen der Matriarchatstheorie auf die Schwächen der Romane stürzen, um die Theorie an sich lächerlich zu machen. So die Schweizer Ethnologin Meret Fehlmann. Da sie das Matriarchat als rein fiktiv betrachtet, ist es für sie einerlei ob sie Schriften der Archäologin Marija Gimbuts, des Nazi-Wissenschaftlers Herman Wirth oder der Schriftstellerin Mary Mackey analysiert. In ihrem einflussreichen Artikel Das Matriarchat: Eine vermeintlich uralte Geschichte, erschienen im Schweizerischen Archiv für Volkskunde 106 (2010) führt sie die Romane als Beispiel dafür an, dass der „Matriarchatsdiskurs“ immer wieder aktuelle Themen integriert, was seinen fiktiven Charakter belege. Zudem bezeichnet sie ihn auch unter Verweis auf diese Romane als eurozentrisch und antisemitisch.

Während Meret Fehlmann am Anachronismus der romantischen Liebe nichts auszusetzen hat, kritisiert sie eine bestimmte Darstellung der Sexualität in den Romanen, die ganz und nicht alt sei, sondern auf Konzepte des späten 20. Jahrhunderts zurückgehe. Meret Fehlmann bezieht sich auf eine Stelle im ersten Roman, als die drei Reisenden im Dorf Lezentka am Blauen Meer einen Winter lang auf ihre Überfahrt zur Insel Gira warten müssen (Im Jahr der Pferde, 8. Kapitel). Dort kommen sich Marrah und Stavan näher.

Meret Fehlmann beschreibt die Stelle wie folgt: Nachdem Stavan und Marrah sich gegenseitig ihre Anziehung und Zuneigung versichert haben, tauchen neue Probleme auf, die im unterschiedlichen Geschlechterrollenverständnis der beiden Herkunftskulturen basieren. Marrah erklärte Stavan, dass in ihrer Kultur bereits der Austausch von Zärtlichkeiten die Einwilligung beider Parteien braucht und dass dies nicht zwingend zum Koitus führt sowie dass es nicht wie bei den patriarchalen Nomaden um die Befriedigung der männlichen Sexualität allein geht (vgl. Fehlmann 2010, S. 273).

Sie ergriff seine Hand und hielt sie einen Augenblick, dann begann sie sanft auf ihn einzureden, ihm die einfachen Dinge zu erklären, die er hätte wissen müssen: Dass man immer um Erlaubnis fragte, sich niemals einem anderen Menschen aufzwang, dass man seiner Lust langsam, ganz langsam folgte, bis sie stark genug war, um beide Partner in Verzückung zu stürzen.“ (Mackey 1997a, S. 230)

Diese Instruktion reflektiert nach Fehlmann die Debatte um Date Rape, die in den frühen 90er Jahren in den USA aktuell war. Nach Zahlen aus Colleges wurden in dieser Zeit 10 bis 25% aller Studentinnen Opfer sexueller Übergriffe. Nach Fällen von Date Rape wurde am Antioch College, Ohio auf Anregung von Studentinnen ein Regelwerk über den sexuellen Umgang der Studierenden erarbeitet. Nach diesen Regeln haben beide Parteien der jeweiligen Intimität mündlich zuzustimmen. Diese Einwilligung soll für jede weitere Ebene der sexuellen Interaktion wiederholt werden. Die Einschätzungen über dieses Regelwerk gingen weit auseinander. Vom Einsetzen einer Verhandlungsmoral in Sachen Sexualität, die beide Beteiligten in der Verantwortung sah, bis hin zu Einschätzungen, die darin einen Aufschwung neo-victorianischer, puritanischer Ansätze sahen und jede frei und ungezwungen ausgelebte Lust im Keim erstickt sahen, reichten die Einschätzungen. Als Feministin kannte Mary Mackey die entsprechenden Diskussionen an den Universitäten (vgl. Fehlmann 2010, S. 273).

Meret Fehlmann greift mit ihrer Einschätzung jedoch viel zu kurz. Die Sexualwissenschaft beschreibt mit dem Begriff Verhandlungsmoral den neuen moralischen Standard im Bereich der Sexualität, der sich in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts herausgebildet hatte. Dem voraus ging die Zeit der Sexuellen Revolution in den 70er Jahren, in der die alte, vor allem von den Kirchen propagierte sexuelle Zwangsmoral hinweggefegt wurde. Diese war im Kern patriarchal und verbietend. Sexualität war nur innerhalb der Ehe erlaubt und auch da nur zum Zwecke der Fortpflanzung und in einer einzigen Stellung, der Missionarsstellung. Sexuelle Selbstbestimmung hatte keinen Stellenwert. Vielmehr waren die Ehepartner, in der Praxis vor allem die Ehefrau, verpflichtet, sich sexuell „benutzen“ zu lassen.

Die sexuelle Revolution machte radikal Schluss mit dieser menschenfeindlichen Moral, ohne dass sich zunächst eine neue Sexualmoral herausbildete. Dies geschah erst in den folgenden Jahrzehnten vor allem durch die Intervention der Frauenbewegung, die sexuelle Gewalt in all ihren Formen öffentlich machte und skandalisierte. Die neue Sexualmoral wird als Verhandlungsmoral bezeichnet, da sie nicht die Akte als solche in erlaubte und unerlaubte einteilt, sondern ihr Zustandekommen bewertet. Entscheidend ist, dass sie ausgehandelt wurden und in beiderseitigem Konsens erfolgen. Wenn dies gegeben ist, sind auch Sexualpraktiken wie Sadismus oder Masochismus in Ordnung. Nur diejenigen Praktiken, die die Verhandlungsmoral inhärent verfehlen, wie die Pädophilie, sind moralisch nicht vertretbar und werden unnachsichtiger verfolgt als früher (vgl. Schmidt 2014, S. 8ff).

Insofern hat die von Meret Fehlmann erwähnte Sexual Offense Prevention Policy des Antioch College nicht zum „Einsetzen einer Verhandlungsmoral“ geführt, sondern ist bereits das Resultat einer solchen Moral in der Gesamtgesellschaft, die nun auch im College angesichts zahlreicher Fälle von Vergewaltigungen mit typisch US-Amerikanischen, also autoritär-polizeistaatlichen Mitteln durchgesetzt werden sollte.

Die Verhandlungsmoral konnte sich herausbilden aufgrund einer zunehmenden Gleichberechtigung der Geschlechter. Deshalb ist die Vermutung naheliegend, dass sie auch im Matriarchat in der einen oder anderen Form bestanden hatte. Denn in den matriarchalen Gesellschaften waren ja beide Geschlechter gleichberechtigt.

Wie diese genau aussah, darüber wissen wir nur wenig. Das gilt insbesondere für die alteuropäischen Kulturen der Donauzivilisation, in der die Romane von Mary Mackey spielen. Diese sind uns nur durch Ausgrabungen bekannt. Dadurch lässt sich viel über die materielle Kultur, Religion und die Sozialstruktur herausfinden. Unmittelbare Auskünfte über das Sexualverhalten lassen sich so freilich nicht gewinnen.

Es gibt aber Hinweise aus der Frühzeit des Patriarchats. Das sind die bereits oben erwähnten so genannten Aitheda (Flucht)-Geschichten aus Irland, deren bekannteste die Erzählung von Tristan und Isolde ist. Es gibt aber in Irland zahlreiche weitere Erzählungen nach demselben Muster, wie Naisi und Deirdre aus dem Zyklus Der Rinderraub von Cooley. Tristan und Isolde beschreibt die verbotene Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren. Sie ist nach patriarchalem Verständnis deswegen verboten, weil Isolde mit dem patriarchalen König Marke von Cornwall verheiratet wurde, dem Lehnsherren Tristans.

Die Dramatik dieser Geschichte stammt ja gerade von der Gegenüberstellung zwischen der alten matriarchalen, egalitären Sexualmoral und der neuen patriarchalen Zwangsmoral. Nach der älteren matriarchalen Ordnung ist es die Frau, die frei ihre Liebhaber wählt. Ihre Liebeskraft ist die Lebenskraft schlechthin, der Eros das weltschöpfende und welterhaltende Prinzip. Nach dieser Vorstellung kann der Mann nicht anders, als dem Werben der Frau nachzugeben (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 254). In archaischen matriarchalen Gesellschaften waren sexuelle Grenzüberschreitungen des Mannes deswegen vermutlich unvorstellbar.

Weitere Hinweise darauf, wie Sexualität in Matriarchaten gelebt wird, lassen sich aus Beobachtungen in rezenten matriarchalen Gesellschaften gewinnen. In der Arte-Dokumentation „China, im Reich der Mosuo-Frauen“ von 2013 wird dargestellt, dass die Frauen bei einem großen Tanzfest zu Ehren der Berggöttin Lamu ihre Partner durch Blicke und Gesten erwählen, um später mit ihnen auch intim zu werden. Die von Heide Göttner-Abendroth und anderen Frauen befragten Mosuo-Männer versichern, dass Gewalt gegen Frauen in ihrer Kultur undenkbar ist und dass sie diese, wenn sie bei anderen, patriarchalen, Ethnien vorkommt, stark verurteilen (vgl. Göttner-Abendroth 1998, Interview Nr. 9).

Allerdings ist die in den Romanen von Mary Mackey beschriebene Form der Verhandlungsmoral wahrscheinlich ein Anachronismus: Wenn eine Frau während des Geschlechtsverkehrs auf ihre Schenkel klopft, bedeutet das Erlaubnis zur Penetration, wenn nicht, dann ist diese nicht gegeben. Das ist eher eine Sicherung gegen eine als grenzüberschreitend gedachte männliche Sexualität, die typisch für das Patriarchat ist, aber im Matriarchat wahrscheinlich außerhalb jeder Vorstellung lag. Insofern war diese Sicherung vermutlich nicht notwendig.

Dem entspricht, dass die Autorin das Wesen der Männer an sich negativ zu sehen scheint. Sie beschreibt, dass es die alleinige Aufgabe der Männer des Küstenvolkes war, die großen Menhire in Carnac aufzustellen. Nur so könne die große Kraft der Männer sinnvoll eingesetzt werden, während sie sonst gefährlich sei. Dem widerspricht allerdings, dass Mary Mackey sonst in den Romanen immer ausdrücklich betont, dass auch anstrengende Tätigkeiten von Männern und Frauen gemeinsam ausgeführt werden, so die Schifffahrt auf den Raspas im Blauen Meer und der Erzabbau am Rauchfluss.

Die Existenz einer Verhandlungsmoral im oben definierten Sinne im Matriarchat ist also weit davon entfernt, ein Anachronismus zu sein, sondern sie ist vielmehr zu erwarten. Demnach ist ihr Vorkommen in den Romanen von Mary Mackey auch kein Beleg dafür, dass Matriarchate nicht existieren.

Den Vorwurf des Eurozentrismus begründet Meret Fehlmann damit, dass Marija Gimbutas und in ihrem Gefolge auch Mary Mackey das Bild einer nachhaltigen und friedlichen Ursprungskultur Europas entwarfen. Das friedliche Alteuropa wurde von kriegerischen, aus den russischen Steppen stammenden Kurganvölkern überrannt. Diese These habe in den Zeithorizont des Kalten Krieg gut hereingepasst, ebenso wie in die Biographie von Marija Gimbutas, die mehrmals in ihrem Leben auf der Flucht vor den „Russen“ war. An dieser Stelle ist genauso wie bei Stefanie von Schnurbeis Analyse der Nebel von Avalon die Tendenz sichtbar, Forschungsergebnisse als reine Ideologie zu lesen. Damit wird die beeindruckende wissenschaftliche Leistung von Marija Gimbutas einfach so vom Tisch gewischt. Denn sie kam zu ihren Schlussfolgerungen aufgrund von zahlreichen Ausgrabungen in Osteuropa, die sie teilweise selbst geleitet hatte. Zudem kann ihr Antikommunismus nicht so extrem gewesen sein, wie hier behauptet, denn sie unterhielt gute Beziehungen zu ArchäologInnen aus Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und der Sowjetunion (vgl. Fehlmann 2010, S. 278). Diese „Kritik“ ist noch nicht einmal originell, sondern wurde 1995 erstmals von der Archäologin Lynn Meskell geäußert, die damals als wissenschaftliche Assistentin für Gimbutas „Erzrivalen“ Colin Renfrew arbeitete (vgl. Spretnak 2011, S. 33).

Ein zweiter Beleg für den angeblichen Eurozentrismus der Matriarchatstheorie ist die Annahme von Marija Gimbutas, dass die Menschen Alteuropas bereits eine Schrift kannten und dass diese, und nicht die sumerische, die älteste Schrift der Welt sei. Die alteuropäische Schrift spielt ja auch in den Romanen von Mary Mackey eine Rolle.

Meret Fehlmann dagegen spricht abschätzig von Symbolen und Kritzeleien auf Fundgegenständen, die Marija Gimbutas irrtümlicherweise für eine Schrift halte, die zudem auch noch einen edleren Charakter gehabt habe als die nachfolgenden Alphabete, da sie auf das Numinose, nicht auf das Merkantile ausgerichtet gewesen sei (vgl. Fehlmann 2010, S. 279).

Meret Fehlmann ist überzeugt: „Das Pochen auf eine frühe Schriftlichkeit hängt mit der Überzeugung zusammen, dass das matriarchale Wissen im Verborgenen überlebt habe und darauf warte, entschlüsselt zu werden, um die Menschheit auf den richtigen Weg der matriarchalen Weisheit zurückzuführen.“ (Fehlmann 2010, S. 279).

Ein Beleg dafür sieht sie in der Meldung der NZZ vom Juli 2005 wo Toby Griffin, ein emeritierter Linguistikprofessor beansprucht, die alteuropäische Schrift entschlüsselt zu haben, was freilich von der Fachwelt nicht anerkannt wurde und auch als unwahrscheinlich zu werten ist (vgl. Fehlmann 2010, S. 280).

Der Sprachwissenschaftler Harald Haarmann weist demgegenüber darauf hin, dass viele alte Primärschriften religiöse Ursprünge haben, so die altägyptische, die altchinesische und die Indusschrift. Alle genannten Altschriften sind wahrscheinlich logographische Schriften, bei denen ein Zeichen eine Idee bzw. einen Begriff repräsentiert, wie heute noch die chinesische Schrift.

In dieses Szenario passt die alteuropäische Schrift gut hinein. Diese Schrift ist vor allem als Inschrift auf sakralen Gegenständen gefunden worden. Es dominieren bei weitem kurze Texte von nur wenigen Zeichen. Längere Texte, wie auf den Täfelchen von Tartaria, sind selten (vgl. Haarmann 2001, S. 191ff).

Die Behauptung, dass Maria Gimbutas die alteuropäische Schrift für edler hält, ist eine Interpretation einer mehrdeutigen Stelle, die genauso gut als Beschreibung der Unterschiede im Schriftgebrauch zwischen den Sumerern und den Alteuropäern gelesen werden kann (vgl. Gimbutas 1991, S. 320). Das gilt erst recht für den englischen Text.

Schließlich ist sich Marija Gimbutas wie andere Schriftspezialisten bewusst, dass eine Entzifferung der alteuropäischen Schrift unwahrscheinlich ist, da die zugrundeliegende Sprache nicht mehr bekannt ist. Die einzige Möglichkeit wäre ihrer Meinung nach die Auffindung eines neuen „Rosetta-Steins“ (vgl. Gimbutas 1991, S. 308).

In den Romanen von Mary Mackey wird beschrieben, dass auch auf Leder und Baumrinde geschrieben wurde und dass in den längeren Texten Rezepte und Mythen niedergelegt sind. Belege für diese Form von Schriftgebrauch finden sich in der Tat nicht. Wenn es sie wirklich gegeben hatte, sind sie wegen ihres Materials nicht erhalten geblieben. Ein solcher Schriftgebrauch ist auch nicht unbedingt wahrscheinlich für das erste Stadium der Nutzung einer Schrift wie in Alteuropa.

Warum das alles nicht nur eurozentristisch, sondern auch noch antisemitisch sein soll, erschließt sich mir nicht. Eine Möglichkeit wäre höchstens, dass Meret Fehlmann versucht, das Werk von Marija Gimbutas mit dem Nazi und damit wohl auch Antisemiten Hermann Wirth zusammenzubringen, allerdings ohne viel Erfolg.

Fazit

Diese Romane sind nicht perfekt, aber sie entwerfen das faszinierende Panorama einer längst vergangenen Welt mit einer matriarchalen Gesellschaft, in der die Menschen – Männer und Frauen gleichermaßen – glücklicher und freier leben konnten, als in den nachfolgenden patriarchalen Kulturen. Es war zudem eine Welt, in der es noch große, vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Naturlandschaften gab, deren Schönheit Mary Mackey ebenfalls beschreibt.

Meret Fehlmann weist zwar auf einige nicht ganz gelungene Konzepte der Romanserie hin, was ihrem Wert aber keinen Abbruch tut. Ihr geht es ohnehin nur darum, die Matriarchatstheorie an sich zu kritisieren und sie in die Nähe zu den Nazis zu stellen. Eine Beschäftigung mit den Romanen von Mary Mackey ist da nur Mittel zum Zweck.

Besprochene Romane

Mary Mackey: Kornmond und Dattelwein, Frankfurt am Main 1987 (Erstveröffentlichung 1983 unter dem Titel The Last Warrior Queen)

Mary Mackey: Im Jahr der Pferde, München 1997 (Erstveröffentlichung 1993 unter dem Titel The Year the Horses Came)

Mary Mackey: Die Schmetterlingsgöttin, München 1997 (Erstveröffentlichung 1995 unter dem Titel The Horses at the Gate)

Mary Mackey: Das Lied der Erde, München 1999 (Erstveröffentlichung 1998 unter dem Titel The Fires of Spring)

Sekundärliteratur

Meret Fehlmann: Das Matriarchat: Eine vermeintlich uralte Geschichte, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 106 (2010), S. 265-288

Marija Gimbutas: The Civilization of the Goddess, San Francisco 1991

Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat in Südchina, Stuttgart 1998

Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 2011

Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation, München 2011

Gunter Schmidt: Das Neue Der Die Das, Gießen 2014

Charlene Spretnak: Anatomy of a Backlash, in: The Journal of Archaeomythology, 7/2011

Im nächsten Teil wird der Roman Rheingold von Stephan Grundy vorgestellt.

Doreen Valiente – Witch

Samstag, 06. Mai 2017

 

Philip Heselton
Doreen Valiente – Witch
2016 / Centre For Pagan Studies Ltd / ISBN Paperback: 978-0-9928430-6-9, Hardcover: 978-0-9928430-7-6 / 357 Seiten / Gebundene Ausgabe: 35,34 Euro, Taschenbuch: 16,99 Euro

 

Über den Autor

Philip Heselton, geboren 1946, hatte schon seit seiner Jugend eine starke Beziehung zur Natur und zum Paganismus. Angeregt durch eine gut bestückte Bibliothek, interessierte er sich zunächst für Ufologie und traf auf Tony Wedd, seinen ersten Lehrer, der ihm Alfred Watkins große Entdeckung und Forschungsgebiet, die „Ley Lines“, näherbrachte. Philip gründete zusammen mit Jimmy Goddard 1965 den „Ley Hunters Club“ sowie „The Ley Hunter“ Magazine. Die Geheimnisse der Erde beschäftigten ihn so sehr, dass er darüber mehrere Bücher veröffentlichte, darunter „The Elements of Earth Mysteries“ und „Leylines – A Beginner’s Guide“. Sein Interesse an Landschaften führte ihn zu einem abgeschlossenen Studium der Geographie und er begann eine Karriere als Stadt- und Landschaftsplaner, und er wurde Naturschutzbeauftragter, bevor er 1997 in Rente ging. Er war sich immer darüber bewusst, dass es noch andere Existenzebenen als die physische gab und so interessierte er sich für psychische Phänomene und Techniken, einschließlich der Astrologie. 1960 las er zum ersten Mal Gerald Gardners „Witchcraft Today“, das ihn ansprach. In die „Craft“ wurde er jedoch erst wesentlich später initiiert. Für ihn ist Paganismus das Erfahren der tieferen, mystischen Seite der Landschaften um uns herum und dies versuchte er in verschiedenen Büchern, die beim Capall Bann Verlag erschienen, auszudrücken. Darunter „Secret Place of the Goddess“, „Mirrors of Magic“ und „Magical Guardians – Exploring the Spirit and Nature of Trees“. Seit einiger Zeit versucht er zurück zu seinen Wurzeln zu gehen und untersucht die Quellen von Gerald Gardners Schriften. Das Ergebnis sind seine beiden Bücher „Wiccan Roots“ und „Gerald Gardner and the Cauldron of Inspiration“.

 

Über das Buch

“Das ist das Buch, das ich hätte schreiben sollen”. So beginnt John Belham-Payne, der 2016 verstorbene Leiter der Doreen Valiente-Stiftung, sein Vorwort. Doreen Valiente hatte ihm nach ihrem Tod am 1. September 1999 ihre magische Sammlung vermacht, darunter auch Dinge von Gerald Gardner. 2011 gründete er die Doreen Valiente Foundation. Liebevoll bezeichnet Belham-Payne Doreen als „the most remarkable person I have ever met“.

Doch das Schreiben der Biografie überließ Belham-Payne Philip Heselton, dem Experten, wie er schreibt. Weil er erkannte, dass ihm die Arbeit über den Kopf wachsen würde.

Autor Philip Heselton hingegen sah der Aufgabe mit gemischten Gefühlen entgegen: Einerseits freute er sich darauf, war es doch eine für ihn würdevolle Fortsetzung der Gardner Biografie. Andererseits sei er auch ein wenig besorgt gewesen, weil er umgeben von Leuten war, die Doreen noch persönlich gekannt hatten. Im Gegensatz zu ihm.

Schon jetzt ist er sich sicher, dass diese Biografie nicht die letzte von Doreen Valiente bleiben wird, da er einiges aus ihrem Leben nur kurz gestreift und auch nicht alles aus ihrer umfangreichen Materialsammlung durchgesehen hatte. Er hat, schreibt Heselton in seinem Vorwort, nur die Oberfläche dieser gewaltigen Sammlung angekratzt, in der sicher noch viele Geheimnisse verborgen liegen.

Für seinen Streifzug durch Doreens Leben geht Heselton weit zurück. Er beginnt bei ihren Vorfahren, die aus Cerne Abas in der südwestenglischen Grafschaft Dorset stammen. Der Leser erfährt, dass Doreen eigentlich noch einen Bruder gehabt hätte, der aber nicht einmal ein Jahr alt wurde und an den Folgen eines Magengeschwürs im Jahr 1916 verstarb.

Am 4. Januar 1922 in einer Familie geboren, die nicht sehr viel von übernatürlichen Dingen hielt, merkte Doreen bald, dass sie besonders empfänglich war. Heselton schreibt über ein Erlebnis kurz vor Weihnachten, als Doreen mit ihren Eltern London besuchte und ihrer Mutter von einer wunderschön gekleideten Dame vorschwärmte, die aber nur sie sehen konnte.

Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie für den britischen Geheimdienst, lernte kurz vor Ende des Krieges auch ihren Mann Casimiro Valiente kennen, den sie am 29. Mai 1944 heiratete.

Erst als sie ihre Arbeit beim Geheimdienst beendet hatte, hatte Doreen mit 22 Jahren Zeit darüber nachzudenken, wie sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Und fand die Magie. Sie durchforstete die Bibliothek in Bournemouth, wo sie zur damaligen Zeit lebte und fand nicht nur Magie, sondern vor allem die Schriften Aleister Crowleys.

Durch einen Artikel über Hexerei, der am 27. September 1952 in einem Wochenmagazin erschien, bekam Doreen Kontakt zu Cecil Williamson und traf durch ihn im selben Jahr auf Gerald B. Gardner.

In ihren Aufzeichnungen schreibt sie: „We seemed to take an immediate liking in each other. I realized that this man was no time-wasting pretender to occult knowledge. He was something different from the kind of people I had met in esoteric gatherings before.”

„Wir waren uns scheinbar auf den ersten Blick sympathisch. Ich erkannte, dass dieser Mann niemand war, der einfach nur vorgab, sich im Okkultismus auszukennen. Er unterschied sich deutlich von den Menschen, die ich bislang auf esoterischen Treffen kennengelernt hatte.“ (S. 71)

Schnell kam Doreen jedoch drauf, dass die von Gardner angepriesene „alte Religion” gar nicht so alt war. Sie entdeckte in seinem Book of Shadows Material von Aleister Crowley. Darauf angesprochen stritt er es zuerst ab. Später erklärte er ihr, er habe von Crowley die Erlaubnis erhalten, eine Loge zu leiten. Also dürfe er auch sein Material verwenden.

Schließlich war es Doreen, die Gardners „Book of Shadows“ umschrieb und letztendlich auch die „Charge of the Goddess“ neu verfasste.

Nach einigen Streitereien mit Gardner kehrte Doreen dem Coven den Rücken und gründete ihren eigenen Coven. Als Gerald Gardner ein paar Jahre später, im Jahr 1964 stirbt, ist die Betroffenheit in der Wiccan Community zuerst groß. Dann versucht jeder, der in dieser Zeit etwas zu sagen hatte, Geralds Platz einzunehmen.

Nur Doreen nicht: Heselton beschreibt sie als Person, die es nicht mochte, im Rampenlicht der Aufmerksamkeit zu stehen. Als Person, die die Geschehnisse lieber aus der Ferne betrachtete und sich nicht einmischte. Sie liebte die Einsamkeit, die stille Kommunikation mit den Göttern. Hier fühlte sie sich wohl, hier war sie zuhause. Wo es menschelte, da blieb sie lieber fern.

Was Doreen Valiente nach ihrem Tod am 1. September 1999 ihrer Nachwelt vermachte, waren ihre fünf Bücher.

Fazit: Mit Hilfe von John Belham-Payne (gestorben am 15. Februar 2016) und des Centre for Pagan Studies hat Philipp Heselton eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Buch des Jahres 2016 verfasst. Doreen Valiente ist und bleibt eine der interessanten und einflussreichsten Personen in Wicca. Meiner Meinung nach war es höchste Zeit, dass dieses Buch geschrieben wurde. „Doreen Valiente – Witch“ ist packend erzählt. Heselton reiht hier nicht nur stur die Stationen ihres Lebens aneinander, sondern schafft es auch, durch die eine oder andere Anekdote aus ihren Aufzeichnungen Witz und Charme rüberzubringen. Zum Beispiel an der Stelle, wo sie Gerald Gardner einen „cunning old devil“, einen „ausgefuchsten, alten Teufel nennt“, als er sie vor einem Winter Solstice-Ritual durch einen Trick dazu nötigt, ein Ritual auszuarbeiten.

Schnell wird dem Leser klar, dass Gerald B. Gardner, der „Father of Witchcraft“ selbst alles nur erfunden hat, die alte Religion in Wirklichkeit gar nicht alt, sondern nur zusammengeklaut ist. Dass die Wicca-Rituale trotzdem funktionieren, wie die „Charge of the Goddess“ im Laufe der Jahre ein Eigenleben entwickelt haben – das ist vor allem Doreen zu verdanken, der bedeutendsten von Gardners Hohepriesterinnen.

Kurzum: Philipp Heselton hat eine rundum gelungene Biografie über eine faszinierende Frau verfasst! Wenn man sich für die Wicca-Geschichte interessiert, gehört „Doreen Valiente – Witch“ unbedingt in den Bücherschrank!