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Von wegen „uralt“: Erfundene Traditionen für traditionelle Textilien – Teil III, geschrieben von MartinM

Samstag, 20. Januar 2018

Zunächst nach Schottland:

DER KILT

Das „klassische“ Beispiel für eine erfundene Tradition im englischen Sprachraum ist der „Kilt“. Es wurde, folgt man Hugh Trevor-Roper, nach 1725 vom englischen (!) Fabrikbesitzer Thomas Rawlinson erfunden worden: Da er einige Hochlandschotten an seinem Hochofen beschäftigt hätte und sie durch das Tragen ihres voluminösen Plaids gefährdet gesehen hätte, hätte er den „great belted plaid” kürzen und die zuvor durch Wicklung hervorgerufenen Falten in das Kleidungsstück mit einschneidern lassen.
Falsch, ereifern sich Anhänger der schottischen Kilt-Tradition, schon „The Armorial Bearings of the Chief of the Skenes” von 1692 zeigt diese „Chiefs“ bereits im féileadh beag (“Kilt”), und schon im 30-Jährigen Krieg trugen schottische Regimenter den “Schottenrock”. Und überhaupt: Plaids, die im Winter lang, im Sommer kurz getragen wurden, die gab es schon im späten Mittelalter! Eine Frechheit, zu behaupten, so ein blöder Engländer hätte diese ehrwürdige schottische Tradition erfunden!! Eine unverschämte Lüge!!1!!eins-elf!1!!!

Zur Erklärung: Mit seiner Ursprungsgeschichte lag Trevor-Roper sehr wahrscheinlich daneben, egal übrigens, ob Rawlingson tatsächlich eine „hochofentaugliche“ Plaid-Version erfand oder nicht.

Hobsbawm hat hingegen sehr wahrscheinlich recht, wenn er die „Kilt-Tradition“ samt der „traditionellen“, für bestimmte Clans charakteristischen Karomuster („Tartan“) als Erfindung schottischer Nationalromantiker des frühen 19. Jahrhundert einordnet. Übrigens war die nationalromantische Traditionserfindung eine Reaktion auf das langjährige Verbot der Plaids (lang wie kurz) durch die Engländer zwischen 1746 und 1782. Ein volkstümliches Kleidungsstück wurde erst durch Verbot tatsächlich zum „Symbol der schottischen Identität“, und dieses Symbol wurde dann mit dazu passenden erfundenen Traditionen weiter zur „Nationaltracht“ überhöht.

NUN KOMMEN WIR ZUM DIRNDL

Mädchen im Dirndl, ca 1933
Mädchen im Dirnd mit spielenden Kindern – „Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen“, gesammelt vom „Rassepolitischen Amt der NSDAP“, 1933 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 119-5592-12A / CC-BY-SA 3.0)

Im deutschen Sprachraum dient das „Dirndl“ als klassisches Beispiel einer erfundenen Tradition – und zwar zurecht, auch wenn es dieses mit Schürze versehene Kleid schon gab, bevor es um 1870 unter Frauen der städtischen Oberschicht in Österreich und Altbayern Mode wurde.
Eine „alpenländische Festtagstracht“ war das Dirndl übrigens nie. Festtrachten waren und sind Repräsentationskleidung. Sie sind aufwendig gefertigt, die Kleider typischerweise hochgeschlossen und nicht eben auf Tragekomfort und Bewegungsfreiheit ausgelegt. Kein halbwegs authentisches festtägliches Trachtenkleid hätte es geschafft, Massenmode zu werden.

Schon der Name verweist auf den tatsächlichen Ursprung: Dirn war die gebräuchliche Bezeichnung für eine in der Landwirtschaft arbeitende Magd oder eine häuslicher Dienstbotin, „Dirndl“ ist die Verkleinerungsform, in etwa „Dienstmädchen“. Die Schürze sollte das ursprünglich eher schlichte Kleid vor Verschmutzung bei der Hausarbeit schützen. Dieses Kleid nannte man folglich Dirndlgwand, was dann zu Dirndl verkürzt wurde. Aus den Städten stammenden „Sommerfrischlerinnen“, die zur Erholung in die Alpen führen, lernten dort das praktische und bequeme Kleid kennen und übernahmen es als Freizeitkleidung.

SYMBOL ANTI-PREUSSISCHER IDENTITÄ

Nach dem verlorenen „Deutschen Krieg“ 1866 zwischen Österreich und seinen Verbündeten, darunter Bayern, und Preußen nebst Verbündeten nahmen der „deutsch-österreichische Patriotismus“, wie das in Österreich-Ungarn damals hieß, und auch der bayrische Patriotismus geradezu hysterische Züge an. Viele, vor allem städtische, Österreich- bzw. Bayernpatrioten grenzten sich durch demonstrativ gelebte Tradition gegen die verhassten „Piefkes“ bzw. „Saupreißen“ ab.
Zu diesen Traditionen gehörten Trachten. Weil echte Trachtenkleider teuer waren und außerdem so eng mit der jeweiligen Herkunftsregion verbunden waren, dass sie nicht für überregionale Identitätskonstruktionen taugten, bildete sich unter anderem so etwas wie eine „vereinfachte altbayrisch-salzburgisch-tirolerische Klischee-Einheitstracht“ heraus, zu der bei den Herren typischerweise Lederhosen gehörten. Bei den Damen übernahm das Dirndl diese Funktion.

Ein schlichtes Dienstmädchenkleid oder auch ein daraus abgeleitetes Freizeitkleid taugte als Symbol anti-preußischer Identität nicht. Es musste also zur „traditionellen Tracht“ aufgewertet werden – was sich dann auch in der pseudo-folkloristischen Gestaltung und Verzierung der „Festagsdirndl“ niederschlug. In dieser Form wurde das Dirndl dann in München, Salzburg, Linz und schließlich Wien Mode.
Nach einigen Jahrzehnten hatte sich die gegenseitige Abneigung der einstigen Kriegsparteien so weit gelegt, dass das Dirndl, in Folge des Erfolgs der Operette „Zum weißen Rössl“ sogar in Berlin bekannt und beliebt wurde.
In der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Dirndl in schlichterer Ausführung dann wirklich volkstümlich, und zwar als bequemes und vor allem preiswertes Sommerkleid.

Moderne Dirndlkleider
Frauen in verschiedenen modernen Dirndln
By Florian Schott – Eigenes Photo, mit freundlicher Genehmigung aller abgebildeten Personen., CC BY-SA 3.0Link

WÄHREND DIESE KONSTRUKTION DES DIRNDL ALS „TRADITIONELLE“ TRACHT NOCH WEITGEHEND SPONTAN ERFOLGTE, WURDEN IN DER NS-ZEIT DANN SYSTEMATISCH „URALTE ÜBERLIEFERUNGEN“ ERFUNDEN.

Wie eine Satire auf die bürokratieverliebten, regulierungswütigen und gleichschaltungsbesessenen Nazis mutet die für Trachtenfragen zuständige „Mittelstelle Deutsche Tracht“ der „NS-Frauenschaft“ an, geleitet von Gertrud Pesendorfer, die den Titel einer der „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ trug.

Weitaus weniger komisch ist die ideologische Grundlage, auf der Frau Pesendorfer arbeitete. Die Tirolerin entwarf eine im „nationalsozialistischen Sinne erneuerte Tracht“, und zwar ausgerechnet auch auf der Grundlage von Schnitten, die unter anderem aus einem jüdischen Unternehmen stammten, dem der Brüder Wallach in München. In den 1920er Jahren war „Wallach“ der Anbieter für bayerische Trachten, Volkskunst und Interieurs schlechthin – sowohl authentisch – die Wallachs unterhielten auch eine renommierte volkskundliche Sammlung – wie modisch. Nach 1933 konnte ein Teil der Familie rechtzeitig emigrieren, der andere wurde deportiert und größtenteils ermordet. Und das Unternehmen fiel 1938 der „Arisierung“ zum Opfer.

Eine „Arisierung“ anderer Art betrieb die überzeugte völkische Antisemitin Pesendorfer, als sie eine „neumodische“ Form des Dirndls aufgriff, die in traditionalistischen und völkischen Kreisen als „sittenlos“ und „jüdisch“ (Wallach!) verpönt war. Schon in den 1920er Jahren gab es modernisierte und, vor allem durch tiefe Ausschnitte und betonte Taillen, erotisierte Dirndlvarianten. Diese Kleider, die etwa so „traditionell“ waren wie die zur gleichen Zeit in Mode gekommenen Charleston-Kleider, nahm sich Frau Pesendorfer zum Vorbild, um die „Tracht „von „Überwucherungen […] durch Kirche, Industrialisierung, Moden und Verkitschungen“ und „artfremden Einflüssen“ zu befreien.

Dass diese Dirndl überaus „sexy“ waren, passte ins Weltbild der „Deutschen Frauenschaft“: Sie propagierte einerseits das Ideal der „kinderreiche Bauernfamilie“ nebst treusorgender Mutter, andererseits auch das der selbstbewussten, körperlich „gestählten“, einen Beruf ausübenden und Freude am Sex habenden „Kampfgefährtin“. (An inneren Widersprüchlichkeiten ihrer „Weltanschauung“ haben sich Nazis noch nie gestört.)
Pesendorfer war nicht nur Antisemitin, sondern gehörte, wie ihr Mann Ekkehard Pesendorfer und der Gauleiter von Tirol, Franz Hofer, zu jenen Nazis, die einen Rochus auf die römisch-katholische Kirche hatten. (Andere Nazis arbeiteten umso besser mit katholischen Würdenträgern zusammen.) Hofers sah das „germanische Wehrbauerntum“ in den Tirolern geradezu idealtypisch angelegt, in seiner Weltanschauung stand „die Kirche“ für „Rom“ und „jüdischen Geist“ und hätte im erneuerten Germanentum nichts zu suchen. Gertrud Pesendorfer warf der Kirche ihre Leibfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit vor. Ganz im Sinne von Himmlers „Ahnenerbe“, in dem sie Mitglied war, suchte und fand sie überall Traditionselemente, die sie für „germanisch“ hielt. Ihre Vorliebe für „Fruchtbarkeitssymbole“ angebliche heidnischer Herkunft wie Lebensbaum, Lebensrad, Vogelpaare oder Dreispross schlug sich in den Verzierungen ihrer „entkatholisierten“ Dirndl nieder.

Die Tirolerin kreierte und propagierte ein kragenloses, dafür tief dekolletiertes Dirndl mit hoher Taille, geschnürtem oder geknüpftem engen Mieder, welches für stramme Haltung sorgte, und einem kurzärmeligen weißen Blüschen, das die bloßen Oberarme sehen ließ. Vorzugsweise waren ihre Dirndl kürzer als die einstige Dienstmädchenkleider, wahrscheinlich, um stramme Waden zu zeigen, einige „Jungmädeldirndl“ hatten sogar nur Minirocklänge. Daneben gab es mondäne Abendkleidausführungen in Bodenlänge. Die „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ war unbestreitbar eine hervorragende Modeschöpferin. Als Volkskundlerin zeichnete sie sich eher durch weltanschauliche Linientreue als durch Sachkenntnis aus. Dennoch war sie 1939 – 1945 Leiterin des Tiroler Volkskunstmuseums. Sie blieb auch nach 1945 die einflussreichste „Expertin“ nicht nur für die „erneuerte Tiroler Bauerntracht“, sondern für „alpenländische Trachten“ überhaupt.

In der Tat ist die heutige „Trachtenmode“ im großem Maße von der „Pesendorfer Schule“ geprägt.

Schon bald avancierte das nazifizierte Mode-Dirndl zum Festtagskleid des „Bund deutscher Mädel“ und der NS-Frauenorganisationen. Es wurde, mit kräftigem Anschub durchs Propagandaministerium und vorgeführt durch die Frauen der NS-Prominenz, weit über die Grenzen Bayerns und des 1938 „ans Reich angeschlossenen“ Österreichs hinaus zur „Nationaltracht“ bei allen Anlässen forcierter Fröhlichkeit – den überkommenen wie dem Oktoberfest, aber vor allem den von der Diktatur inszenierten wie Führergeburtstag, Reichsparteitag und Reichsbauerntag.

Das weit verbreitete Misstrauen, dass die „Trachtenhuberei“ rechts bis extrem rechts sei, ist jedenfalls nicht völlig unberechtigt. Selbst seriöse Trachtenvereine tun sich mit der Auseinandersetzung mit völkischem Gedankengut schwer.

Zugespitzt zusammengefasst:

Das Dirndl beruht auf Aneignung von Dienstbotenkleidung durch Privilegierte, und das „sexy Wiesn-Dirndl“ verdankt seine Popularität den Nazis!

Nur am Rande erwähnt: die besondere Bedeutung von Schleifen am Dirndl, die je nach Position anzeigen sollen, ob die Trägerin ledig, verheiratet oder verwitwet sei, ist auch eine erfundene Tradition.

GEHÖRT DAS DIRNDL DESHALB AUF DEN MÜLLHAUFEN DER MODEGESCHICHTE?

Meiner Ansicht nach nicht. Es gibt Menschen, vor allem Frauen, die es bei passenden Anlässen gerne tragen. Allerdings sollten das Dirndl und andere Kleidungsstücke der „Trachtenmode“ ausdrücklich als Mode, und nicht als „Tracht“, und auch nicht als „traditionelle Kleidung“, wahrgenommen werden.

Von wegen „uralt“: Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition – Teil II, geschrieben von MartinM

Samstag, 06. Januar 2018

 

NEUE TRADITIONEN

Im Gegensatz zu erfundenen Traditionen im Sinne Hobsbawms stehen neu begründete Traditionen.
Jede noch so alte Tradition muss irgendwann einmal von irgendjemandem begründet worden sein, da sie sich schwerlich im Zuge der biologische Evolution parallel zum aufrechten Gang und dem weitgehenden Verlust des Fells über Jahrmillionen herausgebildet haben kann. Auch wenn manche Traditionen, insbesondere solche aus monotheistischen Religionen, gern auf „göttliche Offenbarung“ zurückgeführt werden, können sie nicht einfach fix und fertig vom Himmel gefallen sein. Und so, wie manche Traditionen verschwinden, bilden sich immer wieder neue Traditionen heraus. Der entscheidende Unterschied zur „erfundenen Tradition“: Eine neue Tradition ist erst einmal keine!

Eine Tradition, von der sich eindeutig sagen lässt, wann und von wem sie begründet wurde, die buchstäblich einen Erfinder hat, und die dennoch „echt“ ist, ist der Adventskranz.

Nicht nur in heidnischen Kreisen wird der Adventskranz gern für ein uraltes Jahreskreis-Symbol gehalten. Und in der Tat liegt so eine Symbolik nicht fern: Liegt es nicht nahe, den Jahreskreis oder das Jahresrad irgendwie auch durch Tannenzweige darzustellen? Könnten die vier Kerzen nicht für die Jahreszeiten, die Elemente und die Himmelsrichtungen stehen?

Solche Deutungen finde ich als Teil einer synkretistischen Spiritualität – beziehungsweise einer in seltener Einigkeit von überzeugt religiösen Christen und überzeugt atheistischen Religionskritikern abfällig so genannten Patchwork-Religion – sehr sympathisch. Es sind aber Umdeutungen. Eine gute Freundin stellte in ähnlicher Neuinterpretation einen Schoko-Nikolaus als „Odin“ auf ihren improvisierten Jul-Altar. Historisch gesehen ist aber die Behauptung, der Adventskranz sei ein uraltes heidnisches Symbol, so hohl wie besagte Schokoladenfigur.

DER ERFINDER DES ADVENTSKRANZES

Der Adventskranz hat in der Tat einen bestimmten Erfinder, nämlich den evangelisch-lutherischen Theologen, Erzieher und Mitbegründer der „Inneren Mission“ und Begründer der Evangelischen Diakonie, Johann Hinrich Wichern (1808–1881). Es lässt sich auch mit einiger Sicherheit sagen, wo und wann der erste Adventskranz aufgehängt wurde: 1839 im „Rauhen Haus“.

Johann Hinrich Wichern
Johann Hinrich Wichern

Der Hamburger Theologe Wichern gehörte zu jenen Christen, die die „Nächstenliebe“ nicht nur predigten, sondern auch tatkräftig praktizierten. Im exportorientierten Hamburg und den damals zu Dänemark gehörenden Nachbarstädten Altona und Wandsbek setzte die „Industrielle Revolution“ früher ein als in den meisten Teilen des durch unzählige Zoll- und Währungsgrenzen geteilten, teils noch aus politisch in der feudalen Vergangenheit lebenden Fürstentümern bestehenden „Deutschen Bundes“. Dem durch Handel und Industrie enorm reich gewordenem, gar nicht biederem Großbürgertum der Biedermeierzeit stand das geballte proletarische Elend der frühen Industriezeit gegenüber.
Wichern, der das Kind gerade noch als Kleinbürger geltender „einfacher Leute“ war und schon als 15-Jähriger als Privatlehrer arbeiten musste, lernte während seines Studiums zahlreiche Menschen kennen, die sein späteres Leben und Wirken sehr beeinflussten, unter anderem die Theologen Schleiermacher und Neander sowie der Arzt Nikolaus Heinrich Julius. Letzterer hatte vor allem Einfluss auf Wicherns Engagement in der preußischen Gefängnisreform. Als Erneuerer des Gefängniswesens biss der engagierte junge Theologe bei den Behörden buchstäblich auf Granit, mehr Erfolg hatte er als Sozialreformer. Wichern war nach der Aussage seiner Mitstreiter ein umtriebiger Mensch, der von der simplen Idee beseelt war, Menschen retten zu wollen.

Die andere Seite Wicherns war sein missionarisches Pathos. Er stand den konservativen protestantischen „Erweckungsbewegungen“ nahe, die sich gegen einen aufklärerischen Rationalismus wendeten. Politisch war er weniger konservativ; er empörte sich gegen die Unfähigkeit der Kirchen und des Staates, auf die Armut und die katastrophalen Zustände in den Industriegebieten angemessen zu reagieren.

1832 erlebte Wichern als Sonntagsschullehrer die Not im Armenviertel der Hamburger Vorstadt St. Georg aus nächster Nähe. Die Menschen – besonders die Kinder – lebten hier unter entsetzlichen sozialen und hygienischen Bedingungen. Für Wichern stand fest, dass er vernachlässigten Kindern am besten helfen könnte, indem man sie aus den städtischen Elendsverhältnissen herausführte.
Für seine Idee eines „Rettungshauses“ fand er die Unterstützung des reichen, aber dennoch sozial engagierten hamburgischen Senatssyndikus Karl Sieveking. Sieveking besaß ein Flurstück im damals noch ländlichen Horn, zu dem auch eine Bauernkate gehörte, die von alters her „Ruges Hus“ genannt wurde, was irgendwann einmal als „Rauhes Haus“ verhochdeutscht geworden war.
Hier gründete 1833 der damals gerade 25-jährige Lehrer und Theologe hier sein Haus zur „Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“. Beide Seiten Wicherns – der eifrige bis eifernde „innere Missionar“ und der pragmatische, politisch denkende Helfer – spiegelten sich in seiner Gründung wider

Das Rauhe Haus war keines der damals üblichen Arbeits- oder Waisenhäuser, sondern eine Einrichtung, in der die „Zöglinge“ in familienähnlichen Verhältnissen aufwachsen sollten. Hier wurden Kinder und Jugendliche aufgenommen, die straffällig geworden waren oder vernachlässigt oder verwahrlost waren. Das Ziel der Arbeit im Rauhen Haus war es, die „Zöglinge“ zu befähigen, ihren Platz im Leben zu finden und auf eigenen Füßen zu stehen. Wichern beschränkte sich darauf, dass die jungen Menschen auf das harte Leben in Armut vorbereitet wurden. Ein „Sozialrevolutionär“, der die Ursachen der Armut anging, war er, da er pragmatisch seine Grenzen erkannte, aber wohl auch aus seiner konservativer Gesinnung heraus, nicht. Die Arbeit im Rauhen Haus sollte nach Wichern ausschließlich von der christlichen Gemeinde bezahlt werden und ohne staatlichen Zuschuss erfolgen – Wichern misstraute den „weltlichen Obrigkeiten“.
Unterwiesen wurden die „Zöglinge“ von den „Brüdern“ – von Wichern ausgebildete Männer, zumeist Handwerker – die mit ihnen zusammenlebten. Die Einrichtung hatte von Anfang an großen Zulauf und entwickelte sich auch über die Grenzen Hamburgs hinaus zu einem Vorbild moderner Jugendfürsorge. Anderseits war es Wichern enorm wichtig, die jungen Menschen vor „üblen Einflüssen“ zu isolieren und zu vorbildlichen frommen Christen zu erziehen.

Mit der Professionalisierung des Dienstes am Nächsten legte Wichern den Grundstein für das Diakoniewesen und war einer der Begründer der modernen Sozialpädagogik. Die im Rauhen Haus ausgebildeten Gehilfen oder „Brüder“ arbeiteten bald in ganz Deutschland und verbreiteten so auch Wicherns Ideen.

GENUG DES ERKLÄRENDEN HINTERGRUND-EXKURSES. KOMMEN WIR ENDLICH ZUM ADVENTSKRANZ!

Gemeinschaftliche Feiern und feierliche Gottesdienste waren ein wichtiger Bestandteil der Erziehung in Rauhen Haus. Die Idee zum Adventskranz soll Wichern gekommen sein, als ihn die Kinder während der Adventszeit immer gefragt hätten, wann denn endlich Weihnachten sei. Jedenfalls baute er 1839 aus einem Wagenrad einen Holzkranz mit 20 kleinen roten und vier großen weißen Kerzen als Kalender. Jeden Tag der Adventszeit wurde eine weitere Kerze angezündet, an den Adventssonntagen je eine große Kerze, sodass die Kinder die Tage bis Weihnachten abzählen konnten. Der Holzkranz wurde einige Jahre später durch einen Kranz aus Fichten- oder Tannengrün ersetzt. Dieser große Adventskranz mit bis zu 28 Kerzen ist praktisch nur in Norddeutschland verbreitet, und zwar fast nur in Kirchen. In der Advents- und Weihnachtszeit hängt so ein großer Kranz beispielsweise im Kirchenraum des „Michels“, der Sankt-Michaelis-Kirche in Hamburg, und natürlich im Rauhen Haus.
Da so ein mächtiger, über einen Meter durchmessender Lichterkranz für den Hausgebrauch doch etwas unhandlich war, kam ab etwa 1860 eine kleiner Ausführung, der Adventskranz mit vier Kerzen, auf.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten Form
Der wichernsche Adventskranz
CC BY 2.5

Es waren evangelische Familien Norddeutschlands, in denen der adventlichen Zeitmesser den privaten Raum erreichte. Anfangs war das feierliche Entzünden der Adventskerzen in diesen frommen Kreisen mit einer Art Hausliturgie nach wichernschem Vorbild verbunden, mit Gesang, Gebet und selbstverständlich Bibellesung. Weniger glaubenseifrige Zeitgenossen übernahmen den festlichen Vorfreudeverstärker, allerdings mit deutlich reduzierte „Liturgie“. Indem der von Wichern initiierte Brauch sich seitdem durch Mundpropaganda und Nachahmung verbreitete und von Generation zu Generation weitergegeben wurde, wurde er zur echten, wenn auch jungen, Tradition.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich diese neue Tradition auch in katholischen Gegenden aus. Die naturbegeisterte Jugend- und Kunsterzieherbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts trug viel dazu bei, den Adventskranz populär zu machen. Jugendstil-Weihnachtkarten hatten immer wieder den immergrünen Kranz als Motiv. Im Ersten Weltkrieg schließlich erlebten katholische Soldaten in Lazaretten, wie evangelische Krankenschwestern den Adventskranz aufhingen. Wie die „Kriegsweihnacht“ generell führte das dazu, die zuvor ziemlich rigiden Grenzen zwischen den christlichen Konfessionen abzubauen: Eine Art „Schützengrabenökomene“ bildete sich heraus, und der Adventskranz war nach 1919 sogar in den „erzkatholischen“ Gegenden zu finden.

1925 wurde dann zum ersten Mal ein Adventskranz in einer katholischen Kirche aufgehängt, und zwar sicher nicht zufällig in einer der Hochburgen des liberalen „rheinischen Katholizismus“, in Köln. In Gegenden, in denen strengere Richtungen des Katholizismus dominierten, wurde der Adventskranz noch lange Zeit von der Kanzel herab bekämpft, unter anderem auch mit der Behauptung, dies sei ein „heidnischer Brauch“, der in einer gut christlichen Familien keinen Raum haben dürfe.
Das könnte eine der Ursachen dafür sein, wieso die Idee, der Adventskranz sei „heidnischen Ursprungs“, so weit verbreitet ist.

MÖGLICHE UND UNMÖGLICHE VORLÄUFER

Ob Wichern sich auch von jüdischen Chanukka-Leuchter zu seiner Erfindung inspirieren ließ, ist umstritten. Immerhin waren Hamburg, Altona und Wandsbek Hochburgen des liberalen Reformjudentums, das dort ziemlich selbstbewusst und patriotisch auftrat. In vielen assimilierten jüdischen Familien bürgerten sich vom christlichen Weihnachtsfest übernommene Bräuche zwischen Gänsebraten und Tannenbaum ein, sie feierten „Weihnukka“. Umgekehrt übernahmen ihre christlichen Nachbarn einige Bräuche jüdischen Ursprungs, zum Beispiel in Öl gebackene Speisen wie Krapfen oder Kartoffelpuffer als traditionelles Weihnachts- und Silvesteressen.
Am ersten Abend Chanukkaabend wird ein Licht entzündet, und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Am ersten Abend ein Licht und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Zu diesem Zweck wird ein Chanukkaleuchter mit acht Flammen verwendet. Die Kerzen werden sobald am Himmel die ersten Sterne zu sehen sind sofort nach dem Abendgebet angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen.
Der Chanukkaleuchter muss so aufgestellt werden, dass er der Öffentlichkeit ins Auge fällt, denn hinter diesem Gebot steht die Absicht, das Wunder publik zu machen.
Die Ähnlichkeit mit der evangelischen Adntskranztradition ist so stark, dass ich nicht an einen Zufall glauben möchte: Die Adventskranzkerzen werden nach einem Gebet nach Anbruch der Dunkelheit angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen und der Adventskranz wird so aufgestellt, dass er von möglichst vielen Menschen gesehen werden kann, z. B. in der Nähe des Fensters.

In Teilen Altbayerns und Österreichs hat der aus dem Norden stammende Adventskranz einen einheimischen Konkurrenten, das Paradeisl oder Paradeiserl. Es besteht es aus vier roten Äpfeln, die mit meist bemalten oder als Schnitzarbeit verzierten Stöcken zu einer Dreieckspyramide verbunden werden. Auf jedem Apfel ist eine Kerze angebracht. Jeden Adventssonntag wird eine der Kerzen angezündet. Am vierten Adventssonntag leuchtet die Kerze auf der Spitze der Pyramide. Das Paradeiserl steht, wie sein protestantisches Gegenstück, oft auf einem mit Weihnachtsgebäck, Nüssen oder Äpfeln geschmückten Teller.
Ob die Tradition des Paradeisls wirklich, wie behauptet, älter ist, als die des Adventskranzes, konnte ich nicht erhärten. Wenn ja, ist es eine mögliche Inspirationsquelle Wicherns.

Zum Santa-Lucia-Fest (14. Dezember) ist es in Schweden üblich, dass ein Mädchen, in der Familie traditionell die älteste Tochter, die Lucia spielt. Sie trägt dabei ein weißes Gewand, ein rotes Band um die Taille und einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf. Obwohl heutige Lucias der Verbrennungsgefahr wegen heute überwiegend elektrische Kerzen tragen, ähnelt der Kranz einem Adventskranz. Zwar wurde das Lucia-Fest auch im damaligen Herzogtum Schleswig, vor allem von den dort ansässigen Dänen, gefeiert, allerdings wurde die schwedische Form der Lucia mit Lichterkranz dort erst im 20. Jahrhundert übernommen, sodass Wichern jedenfalls dorther keine Anregung für seinen Adventskranz finden konnte. Auch in Schweden war dieser Lucien-Brauch im 19. Jahrhundert nur regional, in Teilen Westschwedens, verbreitet – ob Wichern ihn kannte, ist ungewiss.

Kränze aus grünen Zweigen wurden bei friesischen Bauern als Abwehrzeichen gegen unheilvolle Gewalten an Türen und Fenstern aufgehängt. Allerdings ist hierbei die Wahrscheinlichkeit einer Querverbindung zum „Adventskranz“ ähnlich gering, wie die zum mittelalterlichen Kranzsingen (das im Sommer stattfand).

Wie auch immer: Überkommene Kranzbräuche, vom Brigittenkranz zu Lichtmess bis zum Entedankkranz, vom Siegeskranz bis zum Gedenkkranz, erleichterten den Siegeszug des Adventskranzes. Jedenfalls gab es von Anfang an genügend Floristen, die sich auf das Winden von Tannenkränzen verstanden. Die Floristen werden über die neue Tradition froh gewesen sein, sie wird bis heute von ihnen nach Kräften gefördert.

VÖLKISCHE TRADITIONSERFINDER

Aber auch mit dem Adventskranz sind „erfundene Traditionen“ verknüpft. Die populärste, die von der „heidnische Herkunft“ des Lichterkranzes, entstammt ziemlich wilden Spekulationen völkisch gesonnenen Germanentümler und auch, im nicht zu vernachlässigen Maße, von gleichfalls völkischen Keltomanen. Das ging bis zum durch keinerlei archäologische Funde oder Schriftquellen gedeckten „Erkenntnis“, dass es bereits in der Germanenzeit einen Lichterkranz mit mehreren Kienleuchten gegeben habe.

Besonders eifrige Erfinder „uralter Traditionen“ waren, wie sollte es auch anders sein, die Nazis. Der nationalsozialistische Weihnachtskult hatte weniger das Ziel, den christlichen Glauben zu verdrängen, als das, Führerkult und übersteigerte Mütter- und „Helden-“Verehrung in das volkstümliche Brauchtum einzuarbeiten. Dennoch waren die „heidnisch-germanischen“ Elemente im braunen Weihnachts- bzw. Jul-Mystizismus reichlich vertreten, was sich nicht nur in Symbolen aus der germanischen Mythologie und Runenschmuck für den Tannenbaum niederschlug. Jedenfalls wiesen Sonnenräder aus Stroh und Weihnachtspyramiden mit Wikingermotiven mehr oder weniger dezent auf den angeblich „germanischen Ursprung“ dieses Festes hin.

Der traditionelle Adventskranz wurde von der NS-Propanganda umgedeutet, besonders auffällig in dem vom Hauptkulturamt in der Reichspropagandaleitung der NSDAP herausgebrachten Kalender „Vorweihnachten“. Die Beziehung vom „Sonnwendkranz“ mit seinen vier Lichtern zum Sonnenrad, das wiederum mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt wurde, wurde betont – natürlich „uralt“, selbstverständlich „germanisch“, älter als das Christentum – das „Rauhe Haus“ war in diesem Kontext viel zu spät, zu christlich, zu sozial, um überhaupt erwähnt zu werden. Es gab sogar „zeitgemäße“ Lichterkränze in Hakenkreuzform!

Die NS-Weihnacht samt Vorweihnacht war eine Mischung aus NS-Symbolik, germanisch-heidnischer Mythologie, Volksbrauchtum und „entjudetem“ Christentum. Einen offenen Bruch mit der etablierten Weihnachtstradition riskierten die Obernazis nicht – wenn sie ihn denn überhaupt wollten. Die bestehende Tradition einer „deutschen Weihnacht“ zu instrumentalisieren war jedenfalls in ihrem Sinne effizienter, als die erfundene Tradtion eines pseudo-germanischen Julfestes flächendeckend zu etablieren.

Das Ganze wurde reichlich mit heroisierender Naturmystik dekoriert: In einem zum Anzünder der Kerzen vorzutragenden „Lichterspruch“ ist zum Beispiel vom „Lichterkranz“ die Rede, dessen beständiges Grün, bestückt mit den vier „Wünschelichtern“, den Sieg über den „Wintertod der Natur durch die ewige Macht des Lichtes“ darstellen würde.
Dieser Naturmystizismus, der dem Tod als existenzieller Voraussetzung für das Leben huldigte, war für die Nazi-Weihnachtszeit ungemein typisch. Es war viel von der Neugeburt des Lichtes und noch mehr von der Auferstehung des deutschen Reiches die Rede – nicht davon, dass für diese „Auferstehung“ nicht nur millionenfach gestorben, sondern auch millionenfach gemordet wurde.

Weiter: Erfundene Traditionen für tradionelle Textilien.

 

Von wegen „uralt“: Von Adventskränzen und Dirndln – Teil I, geschrieben von MartinM

Samstag, 23. Dezember 2017

Es gibt angeblich uralte „Traditionen“, die vor gar nicht so urlangen Zeiten mehr oder weniger frei erfunden wurden. Es aber auch Traditionen, die relativ neu und trotzdem authentisch sind. Sie sind echte neue Traditionen, sogar dann, wenn sie auf „kulturelle Innovationen“ zurückgehen.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten FormMädchen im Dirndl, ca 1933

Erfundene Tradition (oder auch: konstruierte Tradition) ist ein ideologiekritisches Konzept, das von den Historikern Eric Hobsbawm und Terence Ranger mit der Aufsatzsammlung „The Invention of Tradition“ (1983) in die Geschichtswissenschaft eingeführt wurde. Allerdings war die Erkenntnis, dass nicht alles, was unter dem Label „altes Brauchtum“ firmiert, wirklich „alt“ und wirklich „Brauchtum“ ist, schon damals ein „alter Hut“. Kritischen Volkskundlern war das sogar schon im 19. Jahrhundert aufgefallen. Unter Historikern sah man das lange Zeit allenfalls als ein Problem der Quellenkritik. Vor allem Hobsbawm kommt das Verdienst zu, in den 1980er Jahren eine überfällige, ebenso ideologiekritische wie selbstkritische, Debatte unter Historikern angestoßen zu haben. – übrigens deutlich später als die entsprechenden Debatten unter Soziologen.

„Erfundene Traditionen“ werden in ihrer jeweiligen Gegenwart konstruiert, und in eine bestimmte Vergangenheit zurückprojiziert. Diese „Traditionen“ gab es, nach Auskunft ihrer Erfinder, also „schon immer“ oder „von altersher“ und sie werden in der Regel als „wiederentdecktes Brauchtum“ getarnt.
Hobsbawm, als marxistischer Historiker, betonte, dass Traditionen dazu dienen, gesellschaftliche Normen und Strukturen gesellschaftlich zu legitimieren. Traditionen verkörpern das Erkennungszeichen einer Volksgruppe, ein Ritual und der nationalen, regionalen und auch lokalen Geschichte. Ein Stück Identität. Also ist es auch kein Wunder, dass erfundenen Traditionen vor allem deshalb erfunden werden, um das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe zu stärken.

MITTEL ZUM ZWECK

Es gibt allerdings auch „Traditionen“, die aus anderen Interessen erfunden wurden, wie der „Sirtaki“, ein erst 1964 für den Film „Alexis Sorbas“ erfundener „traditioneller griechischer Volkstanz“. Der Sirtaki fördert das Zusammenheitsgefühl der Griechen nur insofern, als dass sie sich weitgehend einig sind, dass Anthony Quinn, der Hauptdarsteller des Films, ein miserabler Tänzer war. Für die griechische Tourismuswerbung ist er hingegen so unverzichtbar wie der Ouzo beim „Griechen“ um die Ecke.

Das „traditionelle südafrikanische Blasinstrument“ Vuvuzela gibt es erst seit den 1990ern. Von Anfang an war es ein Lärminstrument südafrikanischer Fußballfans, das sich zur kollektiven Gehörschädigung ähnlich wirksam erwies wie die beliebten, aber verbotenen, Böller, und das sich in seiner originalen Ausführung mit aus einem Stück bestehendem Rohr auch als Argumentationsverstärker gegenüber Fans der gegnerischen Mannschaft eignete.
Die Gerüchte über eine alte folkloristische Tradition des technisch zu den Blechblasinstrumenten zählende Plastikhorns tauchten sicher nicht zufällig zuerst auf, als sich Südafrika für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 bewarb.

„Es war schon immer so“ ist eine beliebte Verteidigung der Anhänger bestehender Normen und Strukturen gegenüber einem gegenwärtigen Wandlungsdruck.
Die „traditionelle Familie“, die von rechtskonservativen Kreisen gegen Kinderkrippen, „Schwulenehe“, „Frühsexualisierung“, Frauenemanzipation und vieles andere, was ihnen nicht passt, angeführt wird, ist ein Musterbeispiel dieses Traditionsgebrauchs- bzw. -missbrauchs. Das funktioniert sogar dann, wenn die „gute alte Zeit“, zu der die Tradition Kontinuität herstellt, gar nicht so „gut“ war. Im Falle erfundener Traditionen ist diese Kontinuität künstlich, aber wirksam. Und manchmal ist auch die dazugehörige „gute alte Zeit“ erfunden.

DIE ERFINDUNG DER HEXEN ALS „UNTERGRUND-HEIDEN“

Übrigens sind sehr viele vielleicht sogar die meisten jener „Traditionen“, auf die sich Neu-Heiden und moderne Hexen berufen, um ihre spiritueller Orientierung historisch zu unterfüttern, relativ neuen Datums. Ein Beispiel ist die Tradition der Hexen-Coven aus Margaret Alice Murrays „Der Hexen-Kult in Westeuropa“ (1921). Ihre Hypothesen von einer von der Steinzeit bis in die Frühe Neuzeit fortbestehenden Hexen-Religion sind gut ausgedrückt und wirken plausibel. Sie sind aber das Ergebnis von Fehlinterpretationen, Wunschdenken und Überspitzungen, unter reichlicher Verwendung unbestätigter Quellen und gelegentlicher absichtlicher Verfälschungen. Ich halte das Werk der wohl zu recht in ihrem eigentlichen Fach einen guten Ruf genießenden Ägyptologin für ein hervorragendes Fantasy-Epos in Form eines Fachbuchs, in dem außer Phantasie auch viel Recherchearbeit und Sachkunde steckt. Das lässt sich allerdings auch über Tolkiens Silmarillion sagen. Murrays These vom universalen heidnischen Kult, der parallel zum christlichen in Westeuropa existiert hätte, hat mit der historischen Wirklichkeit etwa genau so viel zu tun.

Liebe Mithexen und -heiden: Bitte spart Euch Eure Bannflüche. (Die wirken eh nicht, jedenfalls bei mir.) Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es Überreste der vorchristlichen Zeit im überlieferten Volksbrauchtum gibt. Sehr wahrscheinlich „überlebte“ auch die Verehrung einiger heidnische Gottheiten in der Form christlicher Heiliger oder als Volksglauben an Feen, Dämonen usw. . Aber das sind eben Überreste vergangener Traditionen, keine im Untergrund fortlebenden heidnischen Kulte.

Dass erfundene Traditionen an reale überlieferte Objekte anknüpfen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Sogar der für einen Film erfundene „Volkstanz“ Sirtaki lehnt sich an überlieferte griechische Tänze an.
Auch den etwas klobigen aus Schweden stammenden Turmleuchter gab es schon, bevor das „Ahnenerbe“ der SS die entsprechende „alte Tradition“ zum weder mittelalterlichen noch heidnischen Kerzenständer alias „Julleuchter“ hinzudichtete.

Weiter: 2. Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition: Der Adventskranz.

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil X, geschrieben von Ray

Samstag, 06. Mai 2017

Nachwort: Ich bin auch Hobbyarchäologe

Wie gezeigt wurde, darf man nicht nur Hobbychirurg und Hobbypolizist, sondern auch Hobbyarchäologe sein; und das ist auch gut so. Denn, nur als kleinen Denkanstoß für jene, die das immer noch nicht akzeptieren wollen, ich bin auch archäologischer Autodidakt; also genau das, was wir als „Hobbyarchäologen“ bezeichnen würden, wenn ich kein Archäologiestudium abgeschlossen hätte. Und wenn Sie über meinen abschließenden Denkanstoß ein wenig nachdenken, werden Sie vielleicht feststellen, dass Sie selbst auch ein solcher „Hobbyarchäologe“ sind.

Warum behaupte ich jetzt, dass ich auch „Hobbyarchäologe“ bin? Das scheint auf den ersten Blick völlig widersinnig: schließlich habe ich nicht nur ein Studium der Ur- und Frühgeschichte erfolgreich abgeschlossen, sondern in diesem Fach sogar promoviert, wurde für „keltische Altertumskunde“ (also seinerseits ein archäologisches Fach) habilitiert und bin inzwischen seit vielen Jahren sogar Professor of Archaeology and Heritage; habe also die „höchsten“ fachlichen Qualifikationen und „Weihen“, die man überhaupt nur haben kann.

Dennoch bin ich in vielerlei Hinsicht archäologischer Autodidakt: das Meiste, das ich heute in meiner wissenschaftlichen archäologischen Arbeit mache, habe ich während meiner Studienzeit überhaupt nie „beigebracht“ bekommen. Dafür nur ein paar besonders relevante Beispiele:

  1. Ich führe heute meine Ausgrabungen (z.B. Karl et al. 2016) in der stratigrafischen Methode (mehr oder minder nach Harris 1989) durch. Diese habe ich jedoch während meines Studiums, als an der Universität Wien noch die klassische „deutsche“ Planums- bzw. Abstichgrabung (Gersbach 1998, 29-31) die einzig akzeptierte Grabungsmethode in Lehre und Praxis war, niemals „formell“ gelernt. Was die von mir verwendete archäologische Grabungsmethodik betrifft, bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute feldarchäologisch in erster Linie in Großbritannien, konkreter in Nordwales (z.B. Karl et al. 2016). Über die nordwalisische Archäologie – selbst die der Spätbronze- und Eisenzeit, mein chronologisches Hauptinteressensgebiet – habe ich jedoch während meines Studiums in Wien niemals auch nur das geringste gelernt; sondern praktisch ausschließlich über die Archäologie Österreichs und seiner unmittelbaren Umgebung („Heimatarchäologie“, wenn man so will). Auch in meinem feldarchäologischen Hauptarbeitsgebiet seit über einem Jahrzehnt bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute viel im Bereich der archäologischen Denkmalpflegewissenschaft, die nicht zuletzt auch Teil des von meinem Lehrstuhl abgedeckten Fachbereichs ist. Auch dazu habe ich jedoch im Rahmen meines Studiums in Wien nicht das geringste gelernt; es gab nicht einmal eine eigene Lehrveranstaltung zum österreichischen Denkmalschutzgesetz, das bloß in einer einführenden Vorlesung ganz kurz angesprochen wurde, geschweige denn zu anderen Themen der archäologischen Denkmalpflege. Auch in diesem Arbeitsbereich bin ich also praktisch kompletter Autodidakt.

Dass ich ein Studium der Ur- und Frühgeschichte in Wien absolviert habe, meine Magisterarbeit über eine – übrigens teilweise mit Baggeraushub ganzer Befunde – durch das österreichische Bundesdenkmalamt durchgeführte „Notbergung“ verfasst und meine Dissertation über „Verkehr in der eisenzeitlichen Keltiké“ geschrieben und noch dazu eine Habilitationsschrift über „Altkeltische Sozialstrukturen“ publiziert habe, hat mich für meine derzeitige archäologische Arbeit höchstens sehr randlich vorbereitet. Das, was ich universitär „gelehrt“ wurde, hat mit dem, was ich heute wissenschaftlich tue, nur sehr wenig zu tun gehabt. Wenn es also Voraussetzung ist, dass man das, was man wissenschaftlich tut, auch tatsächlich während seines Universitätsstudiums gelehrt wurde und seine Kompetenz darin durch Prüfungen während seines Studiums nachgewiesen hat; nun, dann bin ich auch „nur“ Hobbyarchäologe.

Nun denken Sie – vor allem, wenn Sie, so wie ich, inzwischen seit ein paar Jahrzehnten „im Fach“ aktiv tätig sind – in gleicher Weise über ihre Ausbildung nach, und vergleichen Sie es mit dem, was Sie heute wissenschaftlich tun. Sie werden dabei hoffentlich bemerken, dass das, was Sie vor Jahrzehnten an der Universität gelernt haben, nicht anders als bei mir nur noch sehr wenig damit zu tun hat, was Sie heute wissenschaftlich tun. Nur ganz am Rande bemerkt: falls nicht, d.h. falls Sie zum Schluss kommen, dass Sie heute immer noch hauptsächlich mit Methoden arbeiten, die Sie vor Jahrzehnten gelehrt bekommen haben, immer noch das glauben, was man ihnen vor Jahrzehnten beigebracht hat und immer noch genau im gleichen Fachbereich tätig sind, für den Sie akademisch ausgebildet wurden; dann hatten Sie entweder überragende akademische Lehrer oder, was weit wahrscheinlicher ist, dann sind Sie ein schlechter Wissenschafter, der sich seit Jahrzehnten nicht autodidaktisch weitergebildet und sich wissenschaftlich absolut nicht weiterentwickelt hat.

Gute Wissenschaft – auch in der Archäologie – kennzeichnet sich nicht durch Stillstand und allgemeine Akzeptanz angeblich unumstößlich „wahren“ Wissens, nicht dadurch, dass das, was die Mehrheit für „richtig“ hält, als Glaubenswahrheit akzeptiert und Althergebrachtes um jeden Preis erhalten wird; sondern dadurch, dass sie Althergebrachtes über den Haufen wirft, sich nicht dem Diktat der Mehrheit unterwirft und nichts als „wahr“ akzeptiert, sondern aneckt, kritisch hinterfragt, und – nötigenfalls auch stur – auf anderen als allgemein akzeptierten Wegen neue Erkenntnisse zu gewinnen versucht. Neues Wissen schafft man nicht dadurch, dass man stets nur dasselbe genauso tut, wie es auch alle anderen tun; sondern nur dadurch, dass man etwas anders macht als alle anderen. Eben als Autodidakt – als jemand, der es eben (noch) nicht so gelernt hat – neues Wissen – Wissen, das noch niemand zuvor hatte – selbst schafft; und zwar zumeist, weil man einen unbändigen Drang hat, Neues“ zu finden, das sonst noch niemand kennt.

Damit ist man als archäologischer Wissenschafter aber immer „Hobbyarchäologe“, ist immer in dem Bereich, in dem man forscht, wissenschaftlicher Dilettant (sowohl im positiven als auch im negativen Sinn des Wortes; weil man „zum Vergnügen“ etwas tut, von dem noch niemand weiß, ob es und wie es „richtig“ gemacht wird) und immer Autodidakt. Uns treibt, nicht anders als „HobbyarchäologInnen“ ohne einschlägigen Studienabschluss die Neugier, der ganz und gar selbstsüchtige Wunsch etwas zu finden, das noch niemand vor uns gefunden hat. Nehmen wir das Recht dieser Neugier nachzugeben für uns selbst in Anspruch, dürfen wir es auch nicht anderen Menschen mit anderem Bildungshintergrund nehmen.

Bibliografie

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EMRK. Die Europäische Menschenrechtskonvention. Council of Europe: http://www.echr.coe.int/Documents/Convention_DEU.pdf, abgerufen 18.1.2016.

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Gersbach, E. 1998. Ausgrabung heute. Methoden und Techniken der Feldgrabung. 3. Aufl., Stuttgart: Theiss.

Harris, E. 1989. Principles of Archaeological Stratigraphy. 2nd ed., London, Academic Press.

Haßmann, H. 2000. Archaeology in the ‚Third Reich‘. In H. Härke (Hg.), Archaeology, Ideology and Society. The German Experience, 65-139. Gesellschaften und Staaten im Epochenwandel 7, Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Karl, R. 2011a. Archäologischer Denkmalschutz in Österreich. Praxis Probleme Lösungsvorschläge. Wien: Sramek.

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Karl, R. 2016a. Obrigkeit und Untertan im denkmalpflegerischen Diskurs. Autokratische Bürokratie und Zivilgesellschaft. Forum Kritische Archäologie 5, http://www.kritischearchaeologie.de/, im Druck.

Karl, R. 2016b. Wir stehen drauf! Österreich, die Faro-Konvention und archäologische Bürgerbeteiligung. Archäologische Informationen 39, im Druck.

Karl, R., Möller, K. 2016. Empirische Untersuchung des Verhältnisses der Anzahl von MetallsucherInnen im deutsch-britischen Vergleich. Oder: wie wenig Einfluss die Gesetzeslage hat.

Archäologische Informationen 39, im Druck.

Karl, R., Möller, K., Waddington, K. 2016. Characterising the Double Ringwork Enclosures of Gwynedd: Meillionydd Excavations, June and July 2015. Interim Report. Bangor Studies in Archaeology, Report No. 14. Bangor: Bangor University School of History, Welsh History and Archaeology.

Pöschl, M. 2010. Von der Forschungsethik zum Forschungsrecht: Wie viel Regulierung verträgt die Forschungsfreiheit? U. Körtner, H.J. Ulrich, C. Kopetzki, C. Druml (Hg), Ethik und Recht in der Humanforschung, 90-135. Schriftenreihe Ethik und Recht in der Medizin, Band 5. Wien, New York: Springer.

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Welan, M. 2002. Über die Grundrechte und ihre Entwicklung in Österreich. Österreich in Geschichte und Literatur, Heft 4-5, online: http://www.demokratiezentrum.org/fileadmin/media/pdf/ welan_grundrechte.pdf, abgerufen 12.12.2015.

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil IX, geschrieben von Ray

Samstag, 08. April 2017

 

Abschließende Bemerkungen

Man mag zur archäologischen Bürgerbeteiligung und dem „Metallsucherproblem“ stehen wie man möchte; man sollte allerdings als WissenschafterIn bedenken, welche Argumente man in Debatten über diese Themen führt bzw. ob man sich auf demagogische Propagandamittel wie die „Hobbychirurginnen“-Metapher stützen möchte; und was die Verwendung solcher Mittel über die sagt, die sie verwenden. Ein gutes Licht wirft die Verwendung dieser Metapher jedenfalls nicht auf unser Fach und das Selbstverständnis vieler unserer KollegInnen.

Archäologische Qualitätssicherung ist durchaus wichtig und richtig; und ich will mit diesem Beitrag keineswegs sagen, dass jeder wo auch immer es ihm beliebt archäologisch tun und lassen können soll, was er will, egal ob er oder sie es kann oder nicht. Was ich jedoch sehr wohl sagen möchte ist, dass wir uns dafür hüten sollten, demagogische Propagandamittel zu benutzen, um die Notwendigkeit der archäologischen Qualitätssicherung „öffentlich“ zu verkaufen, die letztendlich die

Wissenschaftsfreiheit, die gerade für uns selbst besonders wichtig ist, untergraben. Wenn wir für die durchaus notwendige archäologische Qualitätssicherung argumentieren wollen, dann brauchen wir dafür bessere Argumente als hinkende Vergleiche, die noch dazu falsch und ethisch bedenklich sind.

Wer die „Hobbychirurgen“-Metapher dennoch benutzt, hat also entweder nicht ausreichend darüber nachgedacht und plappert bloß gedankenlos etwas nach, was zwar schlau klingt, aber grundfalsch ist; oder weiß, dass die Metapher grundfalsch ist und benutzt sie dennoch, um mit unlauteren, propagandistischen Argumenten Ziele zu erreichen, die mit sachlichen Argumenten nicht zu erreichen sind; oder hat ein unzulässig verkürztes demokratisches Grundrechtsverständnis (VG Wiesbaden 3.5.2000, 7 E 818/00) bzw. ein höchst bedenkliches, weil „totalitäres“, Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnis. Egal welchen dieser drei Fehler eine Person, die diese Metapher benutzt, im jeweils konkreten Einzelfall macht: sie disqualifiziert sich selbst als WissenschafterIn, weil keiner davon für WissenschafterInnen akzeptabel ist. Mitläufer, gefährliche Demagogen und Menschen mit mangelndem Respekt für die Rechte ihrer Mitmenschen haben wir – und zwar nicht nur, aber auch, in der Archäologie – schon genug gehabt, gerade im deutschen Sprachraum.

Wir sollten darüber hinaus auch bedenken, dass nicht nur „die HobbyarchäologInnen“ dazu verpflichtet sind, sich an denkmalschutzrechtliche Bestimmungen zu halten, auch wenn sie ihnen nicht passen, wie wir das immer – durchaus zurecht – verlangen, wenn wir gegen „Raubgrabungen“ und sonstige „illegale Archäologie“ wettern; sondern umgekehrt auch wir uns und die – wenigstens in ihren relevanten Inhalten von uns vorgegebenen – Denkmalschutzgesetze sich an die verfassungsgesetzlich garantierten Grund- und Menschenrechte zu halten haben, auch wenn sie uns

im konkreten Fall nicht passen mögen. Denn was auch immer wir im stillen Kämmerlein glauben oder uns wünschen würden: auch wir und die von uns veranlassten Gesetze (siehe Karl 2016a) stehen in modernen, demokratischen Gesellschaften nicht über dem Gesetz, sondern haben sich insbesondere an unsere jeweiligen Verfassungen zu halten. Wir haben eben keine Standesvorrechte, sondern sind

wie alle anderen Menschen auch – vor dem Gesetz allen anderen Menschen gleich.

Das bedeutet nicht zuletzt, dass wir auch akzeptieren müssen, dass die archäologische Forschungsfreiheit kein Privileg graduierter, promovierter oder gar habilitierter ArchäologInnen ist, sondern sich alle Menschen auf sie berufen können, wenn sie archäologische Forschung – und zwar selbstverständlich auch archäologische Feldforschung – betreiben wollen. Selbst wenn das für „die Archäologie“ schlecht sein sollte: alle Menschen haben ein Recht darauf; wir hingegen kein Recht, ihnen dieses Recht zu nehmen. Und ob es tatsächlich so unerträglich schlecht für „die Archäologie“ ist, dass man sich deswegen große Sorgen machen oder gar anderen Menschen Grundrechte entziehen müsste, lässt sich anhand des Beispiels von Großbritannien, wo jeder (außer auf unter Denkmalschutz stehenden Bodenflächen) frei der archäologischen Feldforschung nachgehen darf und trotzdem „die Archäologie“ nicht untergegangen ist, wenigstens stark bezweifeln.

Nehmen wir über 99,9% (Aitchison et al. 2014, 19) aller Menschen dieses Recht – ob nun dadurch, dass wir, wie das österreichische Bundesdenkmalamt, das örtlich geltende Denkmalschutzgesetz so auslegen, als ob jede Art archäologischer Feldforschung nicht graduierten ArchäologInnen komplett untersagt wäre, auch wenn das rechtlich gar nicht der Fall sein kann (Karl 2016a); oder dadurch, dass wir, wie manche deutsche Landesämter für Denkmalpflege, angeblich „notwendige“ Ausbildungen von „Ehrenamtlichen“ derart verknappen, dass die, die innerhalb des örtlich geltenden gesetzlichen

Rahmens ihren archäologischen Feldforschungen nachgehen wollen, jahrelang darauf warten müssen, sie absolvieren zu können – dann sind nicht jene, die sich nicht an unsere Auslegung der von uns vorgegebenen Denkmalschutzgesetze halten, die „bösen“ Rechtsbrecher, sondern wir, weil wir die (weit wichtigeren) Verfassungsgesetze brechen, die diesen „HobbyarchäologInnen“ das Recht auf freie archäologische Feldforschung einräumen. Wir sollten also weit vorsichtiger sein, wen wir des

kriminellen“ Handelns beschuldigen, als wir es normalerweise sind; weil es sehr gut möglich ist, dass es nicht „die“, sondern „wir“ sind, die die weit schwereren „Verbrechen“ begehen.

Dass wir uns dank des „autorisierten Denkmaldiskurses“ (Smith 2006, 29-34) die Macht dazu angeeignet haben, in der Praxis jenen, die wir aus „unserem Wirkungsbereich“ ausschließen wollen, auch tatsächlich (und oft mit Unterstützung durch die Gerichte, die wir zu diesem Zweck auch gerne einmal mit Halb- und Unwahrheiten täuschen; siehe Karl 2016a) ausschließen zu können, macht das um nichts besser, sondern nur noch schlimmer. Denn unrechtmäßig angeeignete Macht auch noch zu missbrauchen, weil man es kann, zeugt keineswegs von der „moralischen“ Überlegenheit, die wir so gerne für uns in Anspruch nehmen, sondern nur von jener moralischen Korruption, die auch unsere fachlichen Ahnen im dritten Reich charakterisiert hat und die nahezu immer mit (zu viel) Macht einhergeht.

Ende Teil IX