Archiv für die Kategorie ‘Es war einmal’

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil X, geschrieben von Ray

Samstag, 06. Mai 2017

Nachwort: Ich bin auch Hobbyarchäologe

Wie gezeigt wurde, darf man nicht nur Hobbychirurg und Hobbypolizist, sondern auch Hobbyarchäologe sein; und das ist auch gut so. Denn, nur als kleinen Denkanstoß für jene, die das immer noch nicht akzeptieren wollen, ich bin auch archäologischer Autodidakt; also genau das, was wir als „Hobbyarchäologen“ bezeichnen würden, wenn ich kein Archäologiestudium abgeschlossen hätte. Und wenn Sie über meinen abschließenden Denkanstoß ein wenig nachdenken, werden Sie vielleicht feststellen, dass Sie selbst auch ein solcher „Hobbyarchäologe“ sind.

Warum behaupte ich jetzt, dass ich auch „Hobbyarchäologe“ bin? Das scheint auf den ersten Blick völlig widersinnig: schließlich habe ich nicht nur ein Studium der Ur- und Frühgeschichte erfolgreich abgeschlossen, sondern in diesem Fach sogar promoviert, wurde für „keltische Altertumskunde“ (also seinerseits ein archäologisches Fach) habilitiert und bin inzwischen seit vielen Jahren sogar Professor of Archaeology and Heritage; habe also die „höchsten“ fachlichen Qualifikationen und „Weihen“, die man überhaupt nur haben kann.

Dennoch bin ich in vielerlei Hinsicht archäologischer Autodidakt: das Meiste, das ich heute in meiner wissenschaftlichen archäologischen Arbeit mache, habe ich während meiner Studienzeit überhaupt nie „beigebracht“ bekommen. Dafür nur ein paar besonders relevante Beispiele:

  1. Ich führe heute meine Ausgrabungen (z.B. Karl et al. 2016) in der stratigrafischen Methode (mehr oder minder nach Harris 1989) durch. Diese habe ich jedoch während meines Studiums, als an der Universität Wien noch die klassische „deutsche“ Planums- bzw. Abstichgrabung (Gersbach 1998, 29-31) die einzig akzeptierte Grabungsmethode in Lehre und Praxis war, niemals „formell“ gelernt. Was die von mir verwendete archäologische Grabungsmethodik betrifft, bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute feldarchäologisch in erster Linie in Großbritannien, konkreter in Nordwales (z.B. Karl et al. 2016). Über die nordwalisische Archäologie – selbst die der Spätbronze- und Eisenzeit, mein chronologisches Hauptinteressensgebiet – habe ich jedoch während meines Studiums in Wien niemals auch nur das geringste gelernt; sondern praktisch ausschließlich über die Archäologie Österreichs und seiner unmittelbaren Umgebung („Heimatarchäologie“, wenn man so will). Auch in meinem feldarchäologischen Hauptarbeitsgebiet seit über einem Jahrzehnt bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute viel im Bereich der archäologischen Denkmalpflegewissenschaft, die nicht zuletzt auch Teil des von meinem Lehrstuhl abgedeckten Fachbereichs ist. Auch dazu habe ich jedoch im Rahmen meines Studiums in Wien nicht das geringste gelernt; es gab nicht einmal eine eigene Lehrveranstaltung zum österreichischen Denkmalschutzgesetz, das bloß in einer einführenden Vorlesung ganz kurz angesprochen wurde, geschweige denn zu anderen Themen der archäologischen Denkmalpflege. Auch in diesem Arbeitsbereich bin ich also praktisch kompletter Autodidakt.

Dass ich ein Studium der Ur- und Frühgeschichte in Wien absolviert habe, meine Magisterarbeit über eine – übrigens teilweise mit Baggeraushub ganzer Befunde – durch das österreichische Bundesdenkmalamt durchgeführte „Notbergung“ verfasst und meine Dissertation über „Verkehr in der eisenzeitlichen Keltiké“ geschrieben und noch dazu eine Habilitationsschrift über „Altkeltische Sozialstrukturen“ publiziert habe, hat mich für meine derzeitige archäologische Arbeit höchstens sehr randlich vorbereitet. Das, was ich universitär „gelehrt“ wurde, hat mit dem, was ich heute wissenschaftlich tue, nur sehr wenig zu tun gehabt. Wenn es also Voraussetzung ist, dass man das, was man wissenschaftlich tut, auch tatsächlich während seines Universitätsstudiums gelehrt wurde und seine Kompetenz darin durch Prüfungen während seines Studiums nachgewiesen hat; nun, dann bin ich auch „nur“ Hobbyarchäologe.

Nun denken Sie – vor allem, wenn Sie, so wie ich, inzwischen seit ein paar Jahrzehnten „im Fach“ aktiv tätig sind – in gleicher Weise über ihre Ausbildung nach, und vergleichen Sie es mit dem, was Sie heute wissenschaftlich tun. Sie werden dabei hoffentlich bemerken, dass das, was Sie vor Jahrzehnten an der Universität gelernt haben, nicht anders als bei mir nur noch sehr wenig damit zu tun hat, was Sie heute wissenschaftlich tun. Nur ganz am Rande bemerkt: falls nicht, d.h. falls Sie zum Schluss kommen, dass Sie heute immer noch hauptsächlich mit Methoden arbeiten, die Sie vor Jahrzehnten gelehrt bekommen haben, immer noch das glauben, was man ihnen vor Jahrzehnten beigebracht hat und immer noch genau im gleichen Fachbereich tätig sind, für den Sie akademisch ausgebildet wurden; dann hatten Sie entweder überragende akademische Lehrer oder, was weit wahrscheinlicher ist, dann sind Sie ein schlechter Wissenschafter, der sich seit Jahrzehnten nicht autodidaktisch weitergebildet und sich wissenschaftlich absolut nicht weiterentwickelt hat.

Gute Wissenschaft – auch in der Archäologie – kennzeichnet sich nicht durch Stillstand und allgemeine Akzeptanz angeblich unumstößlich „wahren“ Wissens, nicht dadurch, dass das, was die Mehrheit für „richtig“ hält, als Glaubenswahrheit akzeptiert und Althergebrachtes um jeden Preis erhalten wird; sondern dadurch, dass sie Althergebrachtes über den Haufen wirft, sich nicht dem Diktat der Mehrheit unterwirft und nichts als „wahr“ akzeptiert, sondern aneckt, kritisch hinterfragt, und – nötigenfalls auch stur – auf anderen als allgemein akzeptierten Wegen neue Erkenntnisse zu gewinnen versucht. Neues Wissen schafft man nicht dadurch, dass man stets nur dasselbe genauso tut, wie es auch alle anderen tun; sondern nur dadurch, dass man etwas anders macht als alle anderen. Eben als Autodidakt – als jemand, der es eben (noch) nicht so gelernt hat – neues Wissen – Wissen, das noch niemand zuvor hatte – selbst schafft; und zwar zumeist, weil man einen unbändigen Drang hat, Neues“ zu finden, das sonst noch niemand kennt.

Damit ist man als archäologischer Wissenschafter aber immer „Hobbyarchäologe“, ist immer in dem Bereich, in dem man forscht, wissenschaftlicher Dilettant (sowohl im positiven als auch im negativen Sinn des Wortes; weil man „zum Vergnügen“ etwas tut, von dem noch niemand weiß, ob es und wie es „richtig“ gemacht wird) und immer Autodidakt. Uns treibt, nicht anders als „HobbyarchäologInnen“ ohne einschlägigen Studienabschluss die Neugier, der ganz und gar selbstsüchtige Wunsch etwas zu finden, das noch niemand vor uns gefunden hat. Nehmen wir das Recht dieser Neugier nachzugeben für uns selbst in Anspruch, dürfen wir es auch nicht anderen Menschen mit anderem Bildungshintergrund nehmen.

Bibliografie

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Berka, W. 1999. Die Grundrechte: Grundfreiheiten und Menschenrechte in Österreich. Wien – New York: Springer.

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Gersbach, E. 1998. Ausgrabung heute. Methoden und Techniken der Feldgrabung. 3. Aufl., Stuttgart: Theiss.

Harris, E. 1989. Principles of Archaeological Stratigraphy. 2nd ed., London, Academic Press.

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Welan, M. 2002. Über die Grundrechte und ihre Entwicklung in Österreich. Österreich in Geschichte und Literatur, Heft 4-5, online: http://www.demokratiezentrum.org/fileadmin/media/pdf/ welan_grundrechte.pdf, abgerufen 12.12.2015.

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil IX, geschrieben von Ray

Samstag, 08. April 2017

 

Abschließende Bemerkungen

Man mag zur archäologischen Bürgerbeteiligung und dem „Metallsucherproblem“ stehen wie man möchte; man sollte allerdings als WissenschafterIn bedenken, welche Argumente man in Debatten über diese Themen führt bzw. ob man sich auf demagogische Propagandamittel wie die „Hobbychirurginnen“-Metapher stützen möchte; und was die Verwendung solcher Mittel über die sagt, die sie verwenden. Ein gutes Licht wirft die Verwendung dieser Metapher jedenfalls nicht auf unser Fach und das Selbstverständnis vieler unserer KollegInnen.

Archäologische Qualitätssicherung ist durchaus wichtig und richtig; und ich will mit diesem Beitrag keineswegs sagen, dass jeder wo auch immer es ihm beliebt archäologisch tun und lassen können soll, was er will, egal ob er oder sie es kann oder nicht. Was ich jedoch sehr wohl sagen möchte ist, dass wir uns dafür hüten sollten, demagogische Propagandamittel zu benutzen, um die Notwendigkeit der archäologischen Qualitätssicherung „öffentlich“ zu verkaufen, die letztendlich die

Wissenschaftsfreiheit, die gerade für uns selbst besonders wichtig ist, untergraben. Wenn wir für die durchaus notwendige archäologische Qualitätssicherung argumentieren wollen, dann brauchen wir dafür bessere Argumente als hinkende Vergleiche, die noch dazu falsch und ethisch bedenklich sind.

Wer die „Hobbychirurgen“-Metapher dennoch benutzt, hat also entweder nicht ausreichend darüber nachgedacht und plappert bloß gedankenlos etwas nach, was zwar schlau klingt, aber grundfalsch ist; oder weiß, dass die Metapher grundfalsch ist und benutzt sie dennoch, um mit unlauteren, propagandistischen Argumenten Ziele zu erreichen, die mit sachlichen Argumenten nicht zu erreichen sind; oder hat ein unzulässig verkürztes demokratisches Grundrechtsverständnis (VG Wiesbaden 3.5.2000, 7 E 818/00) bzw. ein höchst bedenkliches, weil „totalitäres“, Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnis. Egal welchen dieser drei Fehler eine Person, die diese Metapher benutzt, im jeweils konkreten Einzelfall macht: sie disqualifiziert sich selbst als WissenschafterIn, weil keiner davon für WissenschafterInnen akzeptabel ist. Mitläufer, gefährliche Demagogen und Menschen mit mangelndem Respekt für die Rechte ihrer Mitmenschen haben wir – und zwar nicht nur, aber auch, in der Archäologie – schon genug gehabt, gerade im deutschen Sprachraum.

Wir sollten darüber hinaus auch bedenken, dass nicht nur „die HobbyarchäologInnen“ dazu verpflichtet sind, sich an denkmalschutzrechtliche Bestimmungen zu halten, auch wenn sie ihnen nicht passen, wie wir das immer – durchaus zurecht – verlangen, wenn wir gegen „Raubgrabungen“ und sonstige „illegale Archäologie“ wettern; sondern umgekehrt auch wir uns und die – wenigstens in ihren relevanten Inhalten von uns vorgegebenen – Denkmalschutzgesetze sich an die verfassungsgesetzlich garantierten Grund- und Menschenrechte zu halten haben, auch wenn sie uns

im konkreten Fall nicht passen mögen. Denn was auch immer wir im stillen Kämmerlein glauben oder uns wünschen würden: auch wir und die von uns veranlassten Gesetze (siehe Karl 2016a) stehen in modernen, demokratischen Gesellschaften nicht über dem Gesetz, sondern haben sich insbesondere an unsere jeweiligen Verfassungen zu halten. Wir haben eben keine Standesvorrechte, sondern sind

wie alle anderen Menschen auch – vor dem Gesetz allen anderen Menschen gleich.

Das bedeutet nicht zuletzt, dass wir auch akzeptieren müssen, dass die archäologische Forschungsfreiheit kein Privileg graduierter, promovierter oder gar habilitierter ArchäologInnen ist, sondern sich alle Menschen auf sie berufen können, wenn sie archäologische Forschung – und zwar selbstverständlich auch archäologische Feldforschung – betreiben wollen. Selbst wenn das für „die Archäologie“ schlecht sein sollte: alle Menschen haben ein Recht darauf; wir hingegen kein Recht, ihnen dieses Recht zu nehmen. Und ob es tatsächlich so unerträglich schlecht für „die Archäologie“ ist, dass man sich deswegen große Sorgen machen oder gar anderen Menschen Grundrechte entziehen müsste, lässt sich anhand des Beispiels von Großbritannien, wo jeder (außer auf unter Denkmalschutz stehenden Bodenflächen) frei der archäologischen Feldforschung nachgehen darf und trotzdem „die Archäologie“ nicht untergegangen ist, wenigstens stark bezweifeln.

Nehmen wir über 99,9% (Aitchison et al. 2014, 19) aller Menschen dieses Recht – ob nun dadurch, dass wir, wie das österreichische Bundesdenkmalamt, das örtlich geltende Denkmalschutzgesetz so auslegen, als ob jede Art archäologischer Feldforschung nicht graduierten ArchäologInnen komplett untersagt wäre, auch wenn das rechtlich gar nicht der Fall sein kann (Karl 2016a); oder dadurch, dass wir, wie manche deutsche Landesämter für Denkmalpflege, angeblich „notwendige“ Ausbildungen von „Ehrenamtlichen“ derart verknappen, dass die, die innerhalb des örtlich geltenden gesetzlichen

Rahmens ihren archäologischen Feldforschungen nachgehen wollen, jahrelang darauf warten müssen, sie absolvieren zu können – dann sind nicht jene, die sich nicht an unsere Auslegung der von uns vorgegebenen Denkmalschutzgesetze halten, die „bösen“ Rechtsbrecher, sondern wir, weil wir die (weit wichtigeren) Verfassungsgesetze brechen, die diesen „HobbyarchäologInnen“ das Recht auf freie archäologische Feldforschung einräumen. Wir sollten also weit vorsichtiger sein, wen wir des

kriminellen“ Handelns beschuldigen, als wir es normalerweise sind; weil es sehr gut möglich ist, dass es nicht „die“, sondern „wir“ sind, die die weit schwereren „Verbrechen“ begehen.

Dass wir uns dank des „autorisierten Denkmaldiskurses“ (Smith 2006, 29-34) die Macht dazu angeeignet haben, in der Praxis jenen, die wir aus „unserem Wirkungsbereich“ ausschließen wollen, auch tatsächlich (und oft mit Unterstützung durch die Gerichte, die wir zu diesem Zweck auch gerne einmal mit Halb- und Unwahrheiten täuschen; siehe Karl 2016a) ausschließen zu können, macht das um nichts besser, sondern nur noch schlimmer. Denn unrechtmäßig angeeignete Macht auch noch zu missbrauchen, weil man es kann, zeugt keineswegs von der „moralischen“ Überlegenheit, die wir so gerne für uns in Anspruch nehmen, sondern nur von jener moralischen Korruption, die auch unsere fachlichen Ahnen im dritten Reich charakterisiert hat und die nahezu immer mit (zu viel) Macht einhergeht.

Ende Teil IX

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil VIII, geschrieben von Raimund Karl

Samstag, 18. März 2017

Was die HobbychirurgInnen-Metapher über unser Fach verrät

So falsch die Metapher von den HobbychirurgInnen und HobbypolizistInnen auch ist, so viel verrät sie über unser Fach bzw. unsere eigene Einstellung zu diesem.

Zum einen zeigt sie deutlich das auf, was Marianne Pollak beschrieben hat, als sie festgestellt hat, dass

das Fehlen einer theoretischen Diskussion über die Grundlagen der archäologischen Denkmalpflege … auf dem weitgehenden Konsens aller beteiligten Fachleute seit rund zwei Jahrhunderten“ (Pollak

2011, 227) beruhe: die „disziplinierte“ Fachwelt ist sich seit dem Beginn der modernen Denkmalpflege weitgehend einig darüber, was sie will; nämlich uns nicht „aus dem bequemen Areal, in dem [wir] bislang auf dem Gebiet der Archäologie von der Öffentlichkeit völlig ungestört arbeiten konnte[n], hinaus bewegen [zu] müssen“ (VG Wiesbaden, 3.5.2000, 7 E 818/00, 10). Dieser Konsens ist das, was Laurajane Smith (2006, 29-34) als „autorisierten Denkmaldiskurs“ bezeichnet hat, dessen vielleicht bedeutendste Eigenheit die Vorstellung ist, das „Fachleute“ sich selbst als die einzig legitimen Vertreter der „Interessen der Vergangenheit“ und ebenso einzig legitimen Sachwalter für die „Interessen zukünftiger Generationen (an der Vergangenheit)“ betrachten (und aufgrund ihrer anerkannten Stellung als wissenschaftliche ExpertInnen auch von staatlichen Institutionen als solche gesehen und mit besonderen Machtbefugnissen ausgestattet werden; siehe dazu schon Karl 2016a) und dadurch alle gegenwärtigen Menschen, die nicht die Sonderstellung von „FachexpertInnen“ einnehmen, also „die Öffentlichkeit“, vollkommen entmachten und entrechten (siehe dazu auch Smith 2006, 29).

Dass dieser Konsens dabei aus den „ständisch-feudalen“ (Berka 1999, 488) Gesellschaften stammt, die sich gerade dadurch charakterisiert haben, dass gewissen gesellschaftlichen Gruppen (wie eben dem Adelsstand, dem Klerus und teilweise andere Eliten) bestimmte Vorrechte zustanden, gegen die sich insbesondere der Gleichheitsgrundsatz richtet, der untrennbar mit dem Entstehen modernen, demokratischer Bürgergesellschaften – eben von demokratischen Rechtsstaaten im modernen Sinn – verbunden ist (Berka 1999, 488-92), braucht also keineswegs zu verwundern: die „graduierte“, „professionelle“ archäologische Wissenschaft sieht sich als ebensolche „Elite“, als „Stand“, der Vorrechte im Bereich, der in seine „Zuständigkeit“ fällt, aus standesinterner Sicht zustehen. Wie ich bereits andernorts ausgeführt habe, gefällt sich die Archäologie und insbesondere die staatliche archäologische Denkmalpflege in der Rolle der vordemokratischen, mit kaiserlicher Autorität und damit zusammenhängenden Vorrechten ausgestatten, „Obrigkeit“, der sich „gewöhnliche“ BürgerInnen als „Untertanen“ zu unterwerfen und der sie zu gehorchen haben (Karl 2016a).

Dass aus einem derartigen, durch „Standesdünkel“ gekennzeichneten Blickwinkel die für moderne, demokratische Rechtsstaaten kennzeichnenden und fundamentalen Grund- und Menschenrechte als störend, entbehrlich und für „unseren“ Aufgabenbereich nicht geeignet, ja als nicht geltend betrachtet werden, folgt zwingend. Und ebenso zwingend folgt, dass wir uns nicht mit sachlichen Argumenten aufhalten müssen, mittels derer wir eine allfällig aus fachlicher Sicht notwendige „Qualitätssicherung“ begründen können: wir glauben ja, besser zu wissen als alle anderen, was „das Beste“ für „die Archäologie“ bzw. „die Vergangenheit“, „die zukünftigen Generationen“, und natürlich auch „die

Allgemeinheit“ ist als „unverständige“ HobbyarchäologInnen; glauben, „die Wahrheit“ schon zu kennen. Wie es Paul Watzlawick ausdrückt: „Mit dem Wissen des Weisen um die ewige Wahrheit ist es nicht getan, sie muß den Unwissenden vermittelt werden – wenn nötig auch gegen deren Willen. Das berechtigt den Philosophen-König, auch Unwahrheiten in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Jede individuelle Auslegung der Wahrheit muss unterdrückt werden (Platon empfiehlt zu diesem Zweck

Institutionen, die der Inquisition und den Konzentrationslagern in jeder Hinsicht entsprechen).“

(Watzlawick 2001, 102-103). Propagandamethoden wie die Verwendung der „Hobbychirurgen“-Metapher kommen uns da gerade recht.

Den anderen Grund, warum wir die Metapher verwenden, haben hingegen schon Frank Siegmund und Diane Scherzler, wenn auch nicht explizit in Zusammenhang mit der Metapher und wohl auch nicht an sie denkend, in einem Beitrag aus dem Jahr 2014 erklärt: „Es ist eine unangemessene

Eigenwahrnehmung vieler Fachkollegen, Archäologie sei ja ein schönes Hobby, das man glücklicherweise zum Beruf habe machen können…“ (Siegmund & Scherzler 2014, 175). Der fachliche Wunsch, dass es keine HobbyarchäologInnen geben dürfe, erklärt sich letztendlich auch aus dieser Eigenwahrnehmung bzw., um es etwas schärfer zu formulieren, aus einem fachlichen (und eventuell auch persönlichen) Minderwertigkeitskomplex.

Eine der ReviewerInnen hat diesen Minderwertigkeitskomplex völlig unbeabsichtigt zum Ausdruck gebracht, wenn er bzw. sie schreibt: „… die Ausführung [archäologischer Projekte sollte] zumindest unter Verantwortung von Archäologen geschehen. Sonst bräuchte man tatsächlich keinerlei Archäologie als Spezialwissenschaft, und der Artikel kommt nah an diese Forderung. Gilt dies dann auch für andere Wissenschaften, etwa Ingenieurswissenschaften, Architektur, Biochemie? Wenn nein, was macht die Archäologie dann zu so einer Pseudowissenschaft?“. Dieses Argument habe ich auch schon von anderen ArchäologInnen oft genug gehört. Im persönlichen Gespräch nimmt es meiner, zugegebenermaßen nur anekdotischen, Wahrnehmung nach meist die folgende Form an: „Wenn jeder archäologisch forschen kann, wofür habe ich denn dann jahrelang studiert?“. Das Wort „kann“ ist dabei mit dem Wort „darf“, deren sich teilweise überscheidenden semantischen Gehalt in der deutschen Umgangssprache entsprechend, beliebig austauschbar.

Können“ hat allerdings nicht notwendigerweise etwas mit „dürfen“ zu tun, und dass jemand eine Tätigkeit ausüben darf, auch wenn er dazu nicht kompetent ist, macht diese Tätigkeit nicht zu einer „Pseudotätigkeit“. Der Konzertmeister der Wiener Philharmoniker glaubt wohl kaum, dass das

Geigenspiel eine „Pseudokunst“ ist, weil jeder nach Belieben Geige spielen und auch den Hummelflug massakrieren darf; auch wenn Rimski-Korsakov darob womöglich im Grab rotiert. Ebenso wenig bedeutet die Tatsache, dass jeder in einem bestimmten Tätigkeitsbereich dilettieren darf, dass man in diesem Bereich keine professionell ausgebildeten SpezialistInnen braucht. Die Wiener Philharmoniker werden nämlich, obwohl sich jedeR als HobbygeigerIn versuchen darf, trotzdem als KonzertmeisterIn eine entsprechend professionell ausgebildete GeigerIn beschäftigen (und wenn sie weiterhin Erfolg haben wollen, dann müssen sie das aller Wahrscheinlichkeit nach auch).

Es kann also nur einen Grund geben, weshalb man befürchten müsste, dass die Tatsache, dass jeder in der Wissenschaft dilettieren darf, für die man universitär ausgebildet wurde und die man sich zum Beruf gemacht hat, diese zu einer „Pseudowissenschaft“ macht: wenn man entweder diese Wissenschaft, die universitäre Ausbildung in ihr, oder sich selbst, in irgendeiner Weise für minderwertig hält. Nur wenn man die Archäologie im Vergleich zu anderen, „ernstzunehmenden“

Wissenschaften für minderwertig hält; glaubt, dass die universitäre archäologische Ausbildung im Vergleich zu der Ausbildung in anderen wissenschaftlichen Fächern minderwertig ist, weil sie nicht sicherstellt, dass man als StudienabsolventIn deutlich besser archäologisch wissenschaftlich arbeitet als durchschnittliche AutodidaktInnen; oder glaubt, dass man selbst in Bezug auf seine Fachkompetenz

minderwertig ist und keine bessere archäologische Arbeit leistet als beliebige, dahergelaufene DilettantInnen; muss man sich Sorgen machen, wenn auch nicht entsprechend fachliche ausgebildete BürgerInnen archäologisch forschen dürfen. Nur wer sich selbst, seine fachlichen Fähigkeiten, oder seine eigene Wissenschaft für unnötig hält, muss Angst davor haben, durch „HobbyarchäologInnen“ ersetzbar zu sein.

Wie stark dieser Minderwertigkeitskomplex im Fach verbreitet ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass ihn 4 der 5 „FachreviewerInnen“, die sich zu jeweils einem der drei genannten Artikel geäußert haben, durch die Verwendung der „HobbychirurgInnen“-Metapher ausdrücken. Zugegebenermaßen, 5 ReviewerInnen sind kein aussagekräftiges Sample, man kann daraus also nicht ableiten, dass 80% der ArchäologInnen an diesem Minderwertigkeitskomplex leiden. Trotzdem ist es bedenklich, nicht zuletzt, weil man dieses Argument ja auch sonst oft von KollegInnen hört, wenn man mit ihnen z.B. über archäologische Bürgerbeteiligung oder auch das sogenannte „Metallsucherproblem“ spricht.

Ende Teil VIII

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil VII, geschrieben von Raimund Karl

Samstag, 25. Februar 2017

HobbyarchäologInnen, Wissenschaftsfreiheit und archäologischer Totalitarismus

Jedenfalls gilt aber: um die Wissenschaftsfreiheit hinreichend zu gewährleisten, muss für jene, die wissenschaftlich anderer Meinung sind als „die Fachgemeinschaft“; die „Mehrheit der Fachgemeinschaft“ oder auch nur irgendwelche innerfachlichen oder außerfachlichen „Machthaber“,

genug überbleiben, damit sie weiterhin eine Chance haben, ihre Wissenschaftsfreiheit in diesem Bereich auch tatsächlich wahrzunehmen; d.h. archäologische Denkmale so erforschen zu können, wie sie es für richtig halten, ob uns das nun gefällt oder nicht. Bleibt für diese „Anderen“, diese „HobbyarchäologInnen“; die nicht bereit sind, sich freiwillig unseren Standards zu unterwerfen; sich so zu verhalten wie wir überzeugt sind, dass es aus archäologischer Sicht richtig ist; nicht genug über, dass sie weiterhin selbstbestimmt und selbstverantwortlich frei nach wissenschaftlicher archäologischer Erkenntnis suchen dürfen, dann gibt es die Wissenschaftsfreiheit im Bereich der Erforschung der archäologischen Denkmale nicht mehr: es gibt dann nur noch die Möglichkeit, Archäologie so zu erforschen, wie es einer bestimmten gesellschaftlichen Untergruppe gefällt, wie auch immer sich diese Gruppe dann zusammensetzt; und das ist dann eben keine uneingeschränkte Grundfreiheit mehr, kein besonders geschütztes Individualrecht, sondern eine zwangsweise Unterwerfung aller, die anderer Meinung sind, unter die Gewalt einer Machtmehrheit. Es ist dann nur noch dieselbe Freiheit, die auch jeder „Deutsche“ während der – wenigstens anfänglich bzw. ursprünglich auch durch einen demokratischen Mehrheitsentscheid legitimierten – Nazi-Diktatur im Dritten Reich hatte: die Freiheit, der Meinung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bzw. ihres Führers, des Österreichers Adolf Hitler, zu sein.

Der Kulturdenkmalschutz liefert also zwar durchaus eine Rechtfertigung, die Wissenschaftsfreiheit im Bereich der Archäologie bis zu einem gewissen Grad zu beschränken; aber eben nur bis zu einem gewissen Grad, denn die Wissenschaftsfreiheit beschränkt umgekehrt und weit wesentlicher die Möglichkeit des Kulturdenkmalschutzes, seinerseits die Wissenschaftsfreiheit zu beschränken. Der Kulturdenkmalschutz kann dies nur insoweit, als es zum Schutz der archäologischen Forschungsinteressen Dritter notwendig ist, aber selbst das auch nur soweit, als die als schützenswert bestimmten Denkmale vor allen gleichermaßen geschützt werden und als es im Vergleich mit dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit aller anderen, auch nicht besonders dazu ausgebildeter, Individuen verhältnismäßig ist. Gehen durch den Kulturdenkmalschutz zu rechtfertigen versuchte Beschränkungen der Wissenschaftsfreiheit, auch und insbesondere jener von HobbyarchäologInnen, über dieses Maß hinaus und versuchen die archäologische (Feld-) Forschung ausschließlich in die Hände und Verantwortlichkeit bestimmter, z.B. eben ein einschlägiges fachliches Universitätsstudium absolviert habender, „professioneller“ WissenschafterInner zu legen, die nach ganz bestimmten, von einer (Macht-) Mehrheit „professioneller“ WissenschafterInner festgelegten Methoden vorgehen müssen, sodass eben „Andersdenkenden“ die Ausübung der archäologischen Forschung gänzlich untersagt wird, dann befinden wir uns in einem facharchäologischen Totalitarismus, der schon allein aus wissenschaftstheoretischer, aber auch aus wissenschaftsethischer und noch mehr aus gesellschaftspolitischer Sicht gefährlich und daher radikal abzulehnen ist.

Diese radikale Ablehnung eines solchen Totalitarismus in unserem eigenen Wirkungsbereich ist schon alleine zu unserem Selbstschutz nötig. Denn ein solcher, archäologisch-wissenschaftlicher

Totalitarismus mag uns sehr gelegen kommen, solange wir die „archäologischen MachthaberInnen“ sind; nicht anders, als der Totalitarismus des 3. Reichs jenen ArchäologInnen gelegen gekommen ist, die vom ideologischen Programm und politischen Totalitarismus des Dritten Reichs und der damit verbundenen Aufwertung und Förderung der „Weltanschauungswissenschaften“ profitierten, darunter nicht zuletzt auch die gesamte (prähistorische) Archäologie als Fach (Hassmann 2000, 70-90). Aber er kann uns auch sehr leicht und sehr heftig auf den Kopf fallen, wenn sich die inner- oder außerfachlichen Machtverhältnisse in einer Weise ändern, dass wir plötzlich die Gewaltunterworfenen und nicht mehr die Gewaltausübungsbefugten sind.

Den Anfängen wehrt man am besten, bevor sie überhaupt entstehen können, insbesondere dann, wenn man selbst – als derzeitigeR MachthaberIn – die Möglichkeit hat, nicht nur schön von der

Freiheit“ zu reden, sondern diese auch tatsächlich durch seine eigenen Taten und Handlungen im eigenen Wirkungsbereich zu fördern, zu stärken und zu leben und damit gesellschaftlich stärker zu verankern. Erreicht man das, hat man nämlich eine weit bessere Chance, dass diese Freiheit, die wir gerade dann selbst brauchen, um der Aufgabe wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen auch unsererseits frei nachgehen zu können, wenn sich einmal die gesellschaftlichen Verhältnisse so geändert haben sollten, dass wir nicht mehr die „archäologischen MachthaberInnen“ sind, auch weiterhin erhalten bleibt.

Ende Teil VII

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil VI, geschrieben von Raimund Karl

Samstag, 04. Februar 2017

Die Wissenschaftsfreiheit als Beschränkung des Kulturdenkmalschutzes

Unter Naturschutz kann man aber nicht jede Pflanze und jedes Tier stellen, ebenso wie man nicht jeden archäologischen Fund und auch nicht jede archäologische Fundstelle unter Denkmalschutz stellen kann. Das liegt daran, dass sowohl der Natur- als auch der Kulturdenkmalschutz als ein konstitutives Element der Begründung für das Bestehen eines öffentlichen Interesses an der Erhaltung der Natur- und Kulturdenkmale das gesellschaftliche Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung dieser Denkmale hat.

Bei Kulturdenkmalen ist die wissenschaftliche Quellenschutzfunktion sogar das einzige Argument, mit dem das öffentliche Interesse an deren Erhaltung im Originalzustand begründet werden kann: alle anderen Funktionen, die Kulturdenkmale erfüllen können, wie z.B. als Landschaftsmerkmale, Loci für Identitätsbildung, Tourismusattraktionen usw., lassen sich nämlich auch dadurch erreichen, dass man die äußere Erscheinung des jeweiligen Kulturdenkmales originalgetreu kopiert (siehe dazu schon Karl 2011a, 56-66; 2011b, 260-3). Die Substanz hingegen, also die äußerlich gar nicht erkennbare, innerliche Zusammensetzung des Denkmals – z.B. die archäologischen Bodenschichten, die unsere

Befunde darstellen – benötigt man ausschließlich dafür, dass man sie wissenschaftlich erforschen kann. Die Erhaltung von Kulturdenkmalen „im Original“ dient also in letzter Analyse dem Zweck, dass aus ihnen wissenschaftliche Erkenntnis gewonnen werden kann.

Die Erforschung von Denkmalen unterliegt aber nun wieder der Wissenschaftsfreiheit: man kann Kulturdenkmale zwar durchaus aufgrund des öffentlichen Interesses an ihrer Erforschung vor willkürlichen Zerstörungen zu anderen als wissenschaftlichen Erkenntniszwecken schützen, aber nur sehr bedingt vor ihrer „freien“ wissenschaftlichen Erforschung. Der Staat kann und darf eben nicht Person A generell verbieten, Kulturdenkmale mit den ihr angemessen erscheinenden wissenschaftlichen Methoden und den sie interessierenden wissenschaftlichen Fragestellungen und Zielsetzungen zu erforschen, damit Person B diese Kulturdenkmale mit anderen, ihr angemessener erscheinenden wissenschaftlichen Methoden, Fragestellungen und Zielsetzungen erforschen kann, wie es ihr (oder irgendjemandem sonst) gefällt: das würde nämlich die wissenschaftlichen Meinungen von Person B gegenüber den wissenschaftlichen Meinungen von Person A gesetzlich privilegieren und daher Person A und B vor dem Gesetz ungleich behandeln – und damit gegen den Gleichheitsgrundsatz (Art. 7 AEMR; Art. 20 EU-Grundrechtscharta; Art. 3 Abs. 1 GG; Art. 2 StGG) verstoßen. Damit wäre jedoch die demokratische, rechtsstaatliche Gesellschaftsordnung, deren wichtigste Grundlage die Sicherheit ist, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und keiner zugunsten eines anderen benachteiligt wird, in Gefahr; der „Gesellschaftsvertrag“, auf den sich alle

BürgerInnen freiwillig geeinigt haben, würde dadurch gebrochen.

Das ist übrigens keine bloße Spitzfindigkeit und auch kein banales Problem, das sich einfach dadurch lösen lässt, dass man die Entscheidung, wer jetzt was mit welchen Methoden erforschen darf, einen

Gremium von „unabhängigen“ ExpertInnen anvertraut, die das schon „im allgemeinen Interesse“ richtig entscheiden werden: es geht eben um eine Individualfreiheit, die dazu dient, das einzelne Mitglied der Gesellschaft vor der Diktatur der Allgemeinheit zu schützen, egal ob diese Allgemeinheit jetzt durch eine einzelne Person oder ein Expertengremium vertreten wird oder es eine allgemeine Abstimmung unter allen Mitgliedern der Staatsgemeinschaft gibt, wie jetzt in diesem Fall zu verfahren ist. Es ist vielmehr ein ganz fundamentales Problem: schützt man alle Denkmale vor der Erforschung durch Person A, dann muss man auch alle Denkmale genau gleichermaßen vor der Erforschung durch Person B schützen; darf hingegen Person B – und sei es auch nur manche – Denkmale erforschen, dann muss das auch Person A dürfen; und zwar A und B jeweils mit den wissenschaftlichen Methoden, Fragen und Zielen, die sie jeweils für richtig halten.

Das bedeutet natürlich keineswegs, dass man nicht manche Denkmale auf besondere Weise schützen kann; und bezüglich dieser besonders geschützten Denkmale dann bestimmte Vorgaben machen kann, wie und gegebenenfalls auch durch wen diese erforscht werden dürfen: schließlich endet die Freiheit der Wissenschaft von A nicht nur am Recht auf Leben, Freiheit oder Eigentum von B, sondern selbstverständlich auch an der Freiheit der Wissenschaft von B. Gefährdet also die uneingeschränkte Ausübung der Wissenschaftsfreiheit durch Person A die Ausübung der Wissenschaftsfreiheit durch Person B in ihrer Gesamtheit, wie das gerade in der Archäologie, die sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass ihre zeit- und raumspezifischen Quellen beschränkt und nicht regenerierend sind, durchaus der Fall sein kann, ist es für den Staat durchaus zulässig, regulierend einzugreifen und A soweit einzuschränken, dass B nicht gänzlich an der Ausübung seiner Wissenschaftsfreiheit gehindert wird. Gibt es z.B. von einer bestimmten Art archäologischer Quelle nur noch ein einziges Exemplar, darf der Staat also (wenigstens eventuell) sowohl A als auch B daran hindern, diese Quelle in einer Weise zu erforschen zu versuchen, die diese Quelle soweit zerstört, dass der jeweils andere sie nicht mehr erforschen kann.

Das ist aber, gerade in der Archäologie, ein beidseitig schneidendes Schwert: der Staat darf eben in einem solchen Fall, also z.B. wenn es nur noch eine archäologische Fundstelle einer bestimmten Art gibt, die für die wissenschaftliche Erforschung erhalten werden soll, nicht Person A verbieten, diese mit den ihr sinnvoll erscheinenden zerstörenden Methoden, Fragestellungen und Zielsetzungen zu untersuchen, Person B hingegen gestatten, diese mit den jener sinnvoll erscheinenden, zerstörenden Methoden zu untersuchen, sondern müsste dann sowohl A als auch B deren Untersuchung mit allen zerstörenden Methoden verbieten (weil ja auch C, D. E usw. die Fundstelle irgendwann einmal untersuchen wollen könnten, auch diese übrigens dann jeweils aus dem gleichen Grund nur mit zerstörungsfreien Methoden). Ist ein Denkmal eben so einzigartig, dass es A nicht zerstören darf, dann ist es auch so einzigartig, dass es B nicht zerstören darf; und zwar völlig gleichgültig ob A ein Hobbyarchäologe ist, der aus Sicht der archäologischen Fachwelt völlig ungeeignete Methoden für die Untersuchung dieser Fundstelle verwenden will und Person B die in der ganzen Fachwelt unisono als „beste Archäologin der Welt“ angesehene Expertin: auch ExpertInnen können sich schließlich irren und Leute, die von der Fachwelt als Vollidioten belächelt werden, im Endeffekt recht haben. Gerade in der Archäologie kennt tatsächlich mehr als einen Fall, in dem von der Fachwelt als Vollidioten belächelte „HobbyarchäologInnen“ im Endeffekt doch „recht“ hatten.

Ein solcher beidseitiger (bzw. allseitiger) Schutz von Denkmalen und Wissenschaftsfreiheit ist dabei auf mehrere Arten möglich: so kann man z.B. die bekannten Denkmale in solche einteilen, die als so besonders (eben z.B. so selten) betrachtet werden, dass man sie vor jedweder Erforschung mit zerstörenden Methoden durch egal wen schützt; in solche, die als so bedeutend erachtet werden, dass man ihre Erforschung nur in besonders begründeten Fällen als akzeptabel betrachtet; und in solche, die als so unbedeutend (z.B. so häufig) betrachtet werden, dass jeder mit ihnen tun und lassen kann, was er will. Aber tut man das, kann und darf es – eben aufgrund der Wissenschaftsfreiheit – nicht nur Denkmale der ersten und der zweiten soeben genannten Kategorie geben, sondern muss auch solche Denkmale geben, die in die dritte Kategorie fallen, denn sonst ist die wissenschaftliche Methodenfreiheit in diesem Bereich abgeschafft und damit die Wissenschaftsfreiheit nicht mehr gegeben. Oder man kann – unabhängig von oder auch in Verbindung mit der soeben genannten

Einteilung von Denkmalen in bestimmte „Wichtigkeitsgruppen“ – für Denkmale mit bestimmten Eigenschaften bestimmte Mindeststandards der Dokumentation vorschreiben, die jedenfalls – wenn auch natürlich nur im Rahmen der Verhältnismäßigkeit – einzuhalten sind, wenn man diese Denkmale erforschen will. Dies ist z.B. dann besonders günstig, wenn A und B ohnehin wenigstens teilweise mit den Forschungsmethoden, die sie anwenden wollen, das gleiche erreichen möchten, nur z.B. B noch mehr erreichen möchte als A: in diesem Fall kann man A durchaus dazu verpflichten, nicht nur jene Beobachtungen zu dokumentieren, die A interessieren, sondern auch jene Beobachtungen zu dokumentieren, die B interessieren, wodurch die Wissenschaftsfreiheit von A nicht maßgeblich eingeschränkt, die von B hingegen ausreichend geschützt wurde. Was man aber auch in diesem Fall nicht kann ist es, A vorzuschreiben, dass er seine Forschungen auf eine Weise zu dokumentieren hat, die nur möglich ist, wenn er nicht die Methoden anwendet, die er für richtig hält, sondern die Methoden, die B für richtig hält: die Wahl der Forschungsmethoden ist eben Teil der Forschungsfreiheit; und die darf der Staat und seine Organe auch nicht dadurch beschränken, dass er Dokumentationsstandards vorschreibt, die nur bei Anwendung ganz bestimmter, aber nicht bei der Anwendung anderer möglicher Methoden eingehalten werden können.

Ende Teil VI