Archiv für die Kategorie ‘Es war einmal’

Tacitus und die faulen Germanen – Teil III, geschrieben von MartinM

Samstag, 23. Juni 2018

Fast alle Menschen in der „Germania magna” arbeiteten also in der Landwirtschaft. Nun weiß jeder, dass Landarbeit unter vorindustriellen Bedingungen harte Arbeit ist, vor allem zur Erntezeit, und das der bäuerliche Arbeitstag lang war und früh begann. Außer einigen reichen Großbauern / „Adligen” könnte es demnach eigentlich keine Faulenzer gegeben haben.
Das stimmt nicht ganz. Die Germanen waren nicht nur kriegerisch, sie waren im großen und ganzen, im Vergleich zu den Römern, aber auch den Kelten, rückständig und arm – wobei es starke regionale Unterschiede gab. Ihre „Produktivkräfte” waren im Allgemeinen wenig entwickelt. Es gibt mehrere Gründe, wieso das so war, einer war sicherlich die aus der modernen „Entwicklungspolitik” wohl bekannte „Armutsfalle” – um die Produktivkräfte zu entwickeln, etwa durch bessere Verkehrswege und bessere Geräte, braucht man Kapital, und um Kapital – nicht unbedingt in Form von Geld – anzusammeln, braucht man aber erst einmal eine Produktion, die Überschüsse abwirft. Übrigens waren die Raubzüge, für die die Germanen (wie später auch die Wikinger) berüchtigt waren, auch ein Versuch der „Kapitalbeschaffung”. Im Falle der Wikinger sehr erfolgreich. Reichtum erleichtert den Übergang vom „Räuber” zum „ehrbaren Kaufmann” enorm, und nach ein paar Jahren fragt keiner mehr nach der Herkunft des Startkapitals.
Etwas verallgemeinert fehlte es rechts vom Rhein und nördlich der Donau so ziemlich an allem, was ein Römer unter „Zivilisation” verstand. Es gab keine Städte, keine befestigten Straßen und keine zentrale Verwaltung, nur Stämme, die sich selten einig waren, kurz gesagt, keinen Staat. Ein Nachteil: Missernten führten, wenn die eigenen Vorräte aufgebraucht waren, zu Hungersnöten, weil es kaum Möglichkeiten gab, Nahrungsmittel aus Gegenden mit besserer Ernte einzuführen.
Der Vorteil, vor allem für die „Freien”, die keine „Großbauern” / „Stammesfürsten” waren: Es gab auch keine Steuern und Abgaben! Den sächsischen Bauern, die einige Jahrhunderte später unter die Herrschaft fränkischer Könige kamen, kamen Steuern zuerst wie räuberische Erpressung vor – und erst recht empört waren sie über den an die Kirchen abzuliefernden „Zehnten”. Diese materiellen Nachteile der freien Bauern waren wesentliche Gründe dafür, wieso die Sachsenkriege Karls des „Großen” so lang und blutig waren.
In der Zeit vorher konnte ein freier Bauer das, was er über den Eigenbedarf seiner Sippe / Großfamilie hinaus erwirtschaftete, verkaufen oder eintauschen. Nur gab es wenig, was er hätte kaufen und tauschen können. Es gab, in einer Gesellschaft, in der praktisch jeder Landwirtschaft betrieb und in der keine Städte und kein Berufsheer versorgt werden mussten, nur wenige Abnehmer für überschüssige Lebensmittel. Also bestand auch wenig Anlass, die Erträge zu steigern.

Weil unser germanischer Bauer nur so viel Land bestellte, dass er genug für den Eigenbedarf nebst Notvorräten und dem einen oder anderen Erzeugnis, dass er verkaufen oder eintauschen konnte, ernten konnte, war er natürlich außer zur Erntezeit bereits nach wenigen Stunden mit seiner Arbeit durch – nicht deshalb, weil er den Müßiggang bevorzugt hätte, sondern weil er schlichtweg keine produktive Tätigkeit mehr finden konnte. Im Schnitt arbeitete ein mittelalterlicher Bauer aufs Jahr gerechnet weniger Arbeitsstunden als ein Vollzeit arbeitender Arbeitnehmer unserer Zeit. Sein von Steuern, Zehnten und gegebenenfalls Pachtzinsen freier Vorfahre im Altertum wird eher noch weniger Zeit mit Ackern verbracht haben, trotz geringerer Erträge je Hektar.
Germanenknaben bei der Kampfausbildung, Seifenpulversammelkarte um 1900
Klischee-Germanenknaben des ausgehenden 19.Jahrhunderts bei der Waffenausbildung – Seifenpulver-Sammelkarte
Wenn also ein römischer Reisender einen germanischen Hof besuchte, sah er dort wahrscheinlich, außer zur Erntezeit im Spätsommer, dass gerade die kräftigen Männer viel Zeit mit Faulenzen und Kampfübungen verbrachten – nur die, an denen die Hausarbeit hängen bliebt, also Frauen, noch nicht wehrfähige Minderjährige und nicht mehr wehrfähige Alte, sah er eventuell arbeiten. Wenn der Römer, was anzunehmen ist, vor allem vornehme Großbauern und Kleinfürsten besuchte, ertappte er, weil die meisten Arbeiten von Halbfreien und Sklaven erledigte wurde, dort praktisch nie einen freien germanischen Bauern bei der Arbeit.

Das ist etwas vereinfacht, weil es gerade auf den größeren Höfen auch außerhalb der Landwirtschaft produktive Arbeiten gab, z. B. Handwerk. Hätte die „alten Germanen” tatsächlich den ganzen Tag im Schweiße ihres Angesichts ackern müssen, hätte ihr Handwerk nicht das Niveau erreicht, das es hatte. Die Probe aufs Exempel ist die materiell ärmliche Jastorf-Kultur im heutigen Niedersachsen: Wegen der karge Böden und einem zu dieser Zeit ungünstigen Klima war viel Aufwand nötig, um sich zu ernähren. Weniger freie Zeit und keine Überschüsse, die z. B. gegen Rohmaterial und Werkzeuge getauscht werden könnten zogen eine ärmliche Sachkultur nach sich – trotz kultureller Verwandtschaft dieser Frühgermanen mit der frühkeltischen Hallstattkultur und später der keltischen Latènekultur.
Den Kelten, als unmittelbare Nachbarn der Germanen, war es vor allem durch ihr hervorragendes Schmiedehandwerk gelungen, aus der „Armutsfalle” zu entkommen – sie hatten etwas Wertvolles zu exportieren. Zur Römerzeit stand diese Option Völkern außerhalb des Imperiums nicht mehr offen, denn die Konkurrenz der römischen „Metallindustrie” – die zum großen Teil ursprünglich keltisch war – wäre dafür zu hart gewesen.

Schon in der Antike wurde Armen vorgehalten, sie seinen wegen ihrer Arbeitsscheu arm. Dieses Schema wurde auch auf ganze Völker angewendet – waren sie arm, lag es nach römischer Ansicht daran, dass diese Barbaren eben faul und vergnügt in den Tag gelebt hätten, anstatt sich ordentlich anzustrengen!
Allerdings wäre niemand, auch Tacitus nicht, auf die Idee gekommen, dass die Germanen, wenn sie nur fleißiger wären, bald genau so wohlhabend wie die Römer sein würden. Er erwähnt die widrige Umständen, wie etwa das raue Klima, und auch, dass ein Germanenstamm, der zu Wohlstand gekommen wäre, mit räuberischen und kriegerischen Übergriffen anderer, germanischer und nichtgermanischer, Völkerschaften rechnen musste.
Da Fleiß nach antikem Verständnis stets Mittel zum Zweck war, nicht, wie im Christentum, eine Tugend an sich, und da körperliche Arbeit sowieso etwas war, was ein zivilisierter Mensch möglichst den Sklaven überließ, trübte der Vorwurf der Faulheit das idealisierte und den „dekadenten Römern” als Beispiel traditioneller Tugenden vorgehaltene Germanenbild des Tacitus jedoch wenig.

Tacitus und die faulen Germanen – Teil II, geschrieben von MartinM

Samstag, 09. Juni 2018

Tacitus schrieb zum Aussehen der Germanen

„(..) truci et caeruli oculi, rutilae comae, magna corpora (…)”

Das kann man mit
„trotzige blaue Augen, rotblondes Haar und hoher Wuchs”
übersetzen. Muss man aber nicht. Klebt man eng am Wörterbuch, wie ich es, aufgrund meiner eher miesen und zudem eingerosteten Lateinkenntnisse notgedrungen mache, kommt man auf
„grausame und blaue Augen, rote Haare, große Körper”
, was gleich viel weniger nett klingt.

Es handelt es sich bei dieser Beschreibung um einen sogenannten Wandertopos, oder, anders gesagt, ein allgemein verbreitetes Barbarenklischee, welches auf das klassische Griechenland zurück ging. Auch die Thraker, die Skythen und die Kelten wurden von griechischen Autoren wie Herodot als blauäugig und rothaarig beschrieben. Rothaarige galten schon im klassischen Griechenland als jähzornig, außerdem als unberechenbar und verschlagen – der „listenreiche Odysseus” wurde deshalb gern als „Rotschopf” dargestellt. Blondes Haar, bei den Griechen eher selten, galt dagegen als besonders attraktiv, geradezu als göttlich – die „schöne Helena” und der „lichte Apollon” waren daher auf vielen Bildwerken und bemalten Statuen hellblond. Also hatte ein anständiger Barbar kein „goldenes”, sondern „feuerhaftes” Haar zu haben!

Tacitus war nie in Germanien gewesen und seine Quellen kennen wir nicht. Wandertopoi, die vielen „Barbarenvölkern” zugeschrieben wurden, gibt es in der Germania so einige, nebst spezifischeren Klischees, die wahrscheinlich aus den Berichten römischer Militärs und deren Blickwinkel – präzise beobachtet, was die potenzielle Kampfkraft angeht, hingegen anekdotisch, mit Vorliebe für „exotische” Details, die ruhig einmal nicht so ganz wahrheitsgemäß sein dürfen, wenn es um den Alltag geht – herrühren.
Es schien Tacitus im wesentlichen darum gegangen zu sein, seinen römischen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten: Naive, aber unverdorbene Wilde als mahnender Kontrast zum dekadenten, von politischen Intrigen zerfressenen, von ehrgeizigen Herrschern gegängelten Rom, wie er es z. B. in seinen berühmten „Annales” schilderte.
Aber für Tacitus waren die Germanen nicht nur moralisch vorbildhaft, sondern vor allem militärisch gefährlich. Schon 210 Jahre siege man an Germanien herum, mokierte er sich. In der Tat, nördlich der Donau und östlich des Rheins errang das Imperium immer nur Teilerfolge nebst einiger herber Rückschläge. Tacitus, der ein ausgesprochen stadtrömisches Weltbild hatte und nostalgisch den Tugenden aus republikanischer Zeit hinterhertrauerte, meinte, dass, wenn die Germanen schon nicht die Römer lieben lernen könnten, sie bitte untereinander entzweit bleiben sollten, da ja nichts so hilfreich für Rom sein könne wie die Uneinigkeit seiner Feinde. Herbe Kritik an der oft selbstherrlichen Machtpolitik des kaiserzeitlichen Roms!
Jedenfalls ist die „Lehnstuhlethnografie”, wie der Altphilologe Christopher B. Krebs die „Germania” nennt, alles andere als eine objektive und neutrale Quelle.

„Unvermischt mit anderen Völkern” waren die Germanen bekanntlich nicht, das war ein weiteres Barbarenklischee, dem Tacitus aufsaß. Wie er auf die Idee kam, dass ihre Körperbeschaffenheit „trotz der großen Menschenzahl bei allen die Gleiche” sei, ist nicht ganz klar, denn er hatte ja in Rom einige richtige, lebendige Germanen mit eigenen Augen gesehen. Ich vermute, dass es ihm dabei mehr um die knackige Aussage als die Wahrheit ging und male mir an dieser Stelle aus, wie Tacitus auf dem Forum seine arglosen Mitrömer mahnte: „Ihr wisst doch, wie die germanischen Leibgardisten des Kaisers aussehen, ja? Die Germanen sind alle so gebaut! Stellt euch mal ein ganzes, riesiges Land voller solcher baumlangen Muskelprotze vor.”
In der Tat waren viele Bewohner Germaniens tatsächlich blond. Moorleichenfunde bestätigen weitgehend eine vorherrschende helle Haarfarbe, wobei rot und rotblond nicht auffällig häufig war.
Skelettfunde zeigen, dass die Germanen tatsächlich im Schnitt größer waren als die Römer. Allerdings waren sie keine „Riesenkerle”: Untersuchungen von Skeletten zeigen, dass der germanische Mann der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters zwischen 1,70 und 1,75 Meter groß war (Frauen waren um rund 10 cm kleiner). Skelette aus dieser Epoche mit reichen Grabbeigaben waren im Schnitt um einige Zentimeter größer als der große, vergleichsweise ärmlich bestattete Rest (das zeigen unter anderem die Untersuchungen der alamannischen Gräber von Weingarten und Bohlingen). Wie in späterer Zeiten hing die Körpergröße außer von genetischen Faktoren von der Qualität der Ernährung ab. Die Unterschiede zwischen arm und reich beweisen, dass die Germanen der Völkerwanderungszeit sozial gesehen nicht „alle gleich” waren.
Daran, dass die Germanen bzw. die Völker und Stämme, die Tacitus so bezeichnete, tatsächlich kriegerisch waren, besteht wenig Zweifel. Die kulturell ähnlichen Stämme, die die Römer als Germanen zusammenfassten, waren zersplittert, dauernd gab es Streit, der oft mit bewaffneten Mitteln ausgetragen wurde, in Form von Kleinkriegen und dem, was man im Mittelalter „Fehden” nannte – was für Stammesgesellschaften nicht untypisch ist. Jedenfalls war das Kriegerideal hoch geschätzt, auch in Friedenszeiten, und dazu gehörte es selbstverständlich, permanent kampfbereit zu sein.

Aber waren die „alten Germanen” wirklich faul? Die meisten Germanen – von den wenigen spezialisierten Handwerkern, Händlern und fahrenden Sängern, die man als Vorgänger der Skalden ansehen kann, abgesehen – betrieben Landwirtschaft. Das galt auch für die Oberschicht – ein „richtiger” Adel sollte sich erst im Mittelalter herausbilden – die allerdings Halbfreie, also abhängige Bauern, und Sklaven auf ihren Höfen arbeiten ließen. Was im Prinzip bei der landbesitzenden römischen Oberschicht nicht anders war. Berufssoldaten, die nur kämpften, aber nicht ackerten, gab es innerhalb der Stammesgesellschaft nicht, hingegen dienten viele Germanen in den Hilfstruppen der römischen Armee, später auch in der regulären Legion. Auch wenn unter patriarchalischen Verhältnisse die meiste Arbeit an den Frauen hängen bleibt, kann man nicht sagen, dass nur die Frauen arbeiteten, von den „Altern und Schwachen” gar nicht zu reden.

 

Ende Teil II

Tacitus und die faulen Germanen – Teil I, geschrieben von MartinM

Samstag, 02. Juni 2018

Jene Deutschen, die sich für besonders „deutsch” halten, halten sich auch gerne für besonders fleißig. Daher ist einer der härtesten Vorwürfe, den nationalistisch gesonnene (pardon, unverkrampft patriotische) Deutsche Nichtdeutschen machen können, derjenige faul zu sein. Faul und damit auch „selber Schuld” an nahezu jeder Misere.
Germanengelage, auf einer alten Sammelkarte (um 1900)
Klischee-Germanen des ausgehenden 19.Jahrhunderts beim Saufen und Fressen – Seifenpulver-Sammelkarte
National gesonnene Deutsche halten sich außerdem gern für „echte Germanen”, ungeachtet der Tatsachen, dass zwischen „Germanen” und „Deutschen” Jahrhunderte lagen, und dass auch Niederländer, Dänen, Schweden, Norwegen, Engländer usw. usw. usw. „germanische Völker” sind, deren Angehörige aber mehrheitlich deutlich angesäuert darauf reagieren würden, als „beinahe deutsch” vereinnahmt zu werden.
Wer einerseits stolz darauf ist, als „richtiger Deutscher” zu einem enorm tüchtigen und fleißigen Volk zu gehören, und zugleich stolz darauf, echter Nachkomme der von Cornelius Tacitus einst als blond, groß, blauäugig, sittenstreng und kämpferisch charakterisierten „alten Germanen” zu sein, hat ein Problem: Eben dieser Tacitus hielt die Germanen nämlich für ausgesprochen arbeitsscheu.

„[…]Nec arare terram aut exspectare annum tam facile persuaseris quam vocare hostem et vulnera mereri. Pigrum quin immo et iners videtur sudore adquirere quod possis sanguine parare.
Quotiens bella non ineunt, non multum venatibus, plus per otium transigunt, dediti somno ciboque, fortissimus quisque ac bellicosissimus nihil agens, delegata domus et penatium et agrorum cura feminis senibusque et infirmissimo cuique ex familia; ipsi hebent, mira diversitate naturae, cum idem homines sic ament inertiam et oderint quietem.[…]

[…]Man wird ihn (den Germanen) nicht so einfach dazu bringen, den Acker zu pflügen und die Ernte abzuwarten, als den Feind zu rufen und Wunden zu erhalten. Es gilt als faul und geradezu träge, sich im Schweiß zu erwerben, was man auch durch das Blut erhalten kann.
Sooft sie nicht im Krieg sind, verbringen sie mehr Zeit mit der Muße als mit der Jagd, sie sind mehr dem Schlaf und dem Essen ergeben: keiner der starken und kriegerischen Männer arbeitet etwas, sie haben die Besorgungen für Haus, Hof und Acker auf die Frauen, Alten und Schwachen übertragen: jene sind träge, durch einen auffallenden Widerspruch ihrer Natur, da sie die Trägheit ebenso sehr lieben, wie sie die Ruhe hassen. […]“

Publius Cornelius Tacitus, „De origine et situ Germanorum” („Über Herkunft und Wohnsitz der Germanen”) – kurz:„Germania”

Nicht alle „vaterländisch gesonnenen” Deutschen störten sich am auf Tacitus zurückgehenden Klischee der nicht unbedingt arbeitssamen, dafür aber umso trinkfreudigeren Germanen. In einem aus dem 19. Jahrhundert stammenden korporationsstudentischen Sauflied, heißt es zum Beispiel:

Es saßen die alten Germanen zu beiden Ufern des Rheins./
Sie lagen auf Bärenhäuten und tranken immer noch eins.

Das ist natürlich, rein historisch gesehen, haarsträubender Blödsinn, aber ein Blödsinn, der zumindest vermuten lässt, dass diese Studenten lieber fröhlich albernd Bier tranken als („typisch deutsch”) alles Bierernst zu nehmen. Anderer haarsträubender Blödsinn, den vor allem ehemalige Burschenschaftler und Corpsstudenten im durchaus nüchternen Zustand verzapften, ist weit weniger spaßig.

„Typisch germanisch” wäre also blond, blauäugig, groß, stark, sittenstreng, tugendhaft, räuberisch, arbeitsscheu und versoffen.
(Eine gewisse innerliche Widersprüchlichkeit ist diesem Bild nicht abzusprechen.)

Tacitus schrieb sozusagen im twitterfreundlichen Stil, im Vor-Internetzeitalter hätte man gesagt, er schriebe so, als ob er Telegraphengebühren bezahlen müsse. Altrömische Autoren neigten ohnehin zu einem knappen, lapidaren Stil, denn Schreibmaterial war sehr teuer, und es war, auch wenn man Schreibsklaven hatte, aufwendig, Texte durch Abschreiben zu kopieren. Einige Eigenarten der lateinischen Grammatik erleichterte es ihnen, sich kurz zu fassen, etwa der Ablativ. Beliebtes Beispiel: „Ponte facto Caesar transit” – zu deutsch: „Es wurde eine Brücke gebaut, auf der Caesar (den Rhein) überquerte”.
Der Nachtteil des knappen Stils ist, dass die Begrifflichkeiten öfter mal etwas unscharf werden. So wird nur aus dem Kontext deutlich, dass es der Rhein war, den Caesar da überquerte. Fehlt der Kontext oder ist er unklar, sind Fehlübersetzungen und Fehlinterpretationen unvermeidlich.
Tacitus war unter den kurz und knapp schreibenden Lateinern ein unbestreitbarer Meister der Kürze. Sein im Jahre 98 unserer Zeitrechnung verfasstes Germanenbüchlein umfasst im lateinischen Original in der mir vorliegende Ausgabe 22 Druckseiten (für eine Wortzählung bin ich zu germanisch bzw. faul). Es ist also kein Wunder, dass nicht immer klar ist, was C. T. eigentlich meinte. Seriöse Forscher haben ihre liebe Mühe, aus den kargen, mitunter kryptisch anmutenden Informationsbrocken des Tacitus ein schlüssiges Bild der römerzeitlichen Völkerscharen rechts des Rheins zu gewinnen. Völkische Ideologen und andere Germanentümler sparten sich diese Mühe und füllten die kargen Aussagen mit viel weltanschaulichem Schrott auf. Das Ergebnis waren tugendhafte, starke, schier unbesiegbare und selbstverständlich rassereine Super-Vorfahren. Ärgerliche Kleinigkeiten wie die von Tacitus erwähnte Trunk- und Spielsucht und eben die Arbeitsscheu müssen dabei allerdings unterschlagen werden.

Ende Teil I

 

Von wegen „uralt“: Erfundene Traditionen für traditionelle Textilien – Teil III, geschrieben von MartinM

Samstag, 20. Januar 2018

Zunächst nach Schottland:

DER KILT

Das „klassische“ Beispiel für eine erfundene Tradition im englischen Sprachraum ist der „Kilt“. Es wurde, folgt man Hugh Trevor-Roper, nach 1725 vom englischen (!) Fabrikbesitzer Thomas Rawlinson erfunden worden: Da er einige Hochlandschotten an seinem Hochofen beschäftigt hätte und sie durch das Tragen ihres voluminösen Plaids gefährdet gesehen hätte, hätte er den „great belted plaid” kürzen und die zuvor durch Wicklung hervorgerufenen Falten in das Kleidungsstück mit einschneidern lassen.
Falsch, ereifern sich Anhänger der schottischen Kilt-Tradition, schon „The Armorial Bearings of the Chief of the Skenes” von 1692 zeigt diese „Chiefs“ bereits im féileadh beag (“Kilt”), und schon im 30-Jährigen Krieg trugen schottische Regimenter den “Schottenrock”. Und überhaupt: Plaids, die im Winter lang, im Sommer kurz getragen wurden, die gab es schon im späten Mittelalter! Eine Frechheit, zu behaupten, so ein blöder Engländer hätte diese ehrwürdige schottische Tradition erfunden!! Eine unverschämte Lüge!!1!!eins-elf!1!!!

Zur Erklärung: Mit seiner Ursprungsgeschichte lag Trevor-Roper sehr wahrscheinlich daneben, egal übrigens, ob Rawlingson tatsächlich eine „hochofentaugliche“ Plaid-Version erfand oder nicht.

Hobsbawm hat hingegen sehr wahrscheinlich recht, wenn er die „Kilt-Tradition“ samt der „traditionellen“, für bestimmte Clans charakteristischen Karomuster („Tartan“) als Erfindung schottischer Nationalromantiker des frühen 19. Jahrhundert einordnet. Übrigens war die nationalromantische Traditionserfindung eine Reaktion auf das langjährige Verbot der Plaids (lang wie kurz) durch die Engländer zwischen 1746 und 1782. Ein volkstümliches Kleidungsstück wurde erst durch Verbot tatsächlich zum „Symbol der schottischen Identität“, und dieses Symbol wurde dann mit dazu passenden erfundenen Traditionen weiter zur „Nationaltracht“ überhöht.

NUN KOMMEN WIR ZUM DIRNDL

Mädchen im Dirndl, ca 1933
Mädchen im Dirnd mit spielenden Kindern – „Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen“, gesammelt vom „Rassepolitischen Amt der NSDAP“, 1933 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 119-5592-12A / CC-BY-SA 3.0)

Im deutschen Sprachraum dient das „Dirndl“ als klassisches Beispiel einer erfundenen Tradition – und zwar zurecht, auch wenn es dieses mit Schürze versehene Kleid schon gab, bevor es um 1870 unter Frauen der städtischen Oberschicht in Österreich und Altbayern Mode wurde.
Eine „alpenländische Festtagstracht“ war das Dirndl übrigens nie. Festtrachten waren und sind Repräsentationskleidung. Sie sind aufwendig gefertigt, die Kleider typischerweise hochgeschlossen und nicht eben auf Tragekomfort und Bewegungsfreiheit ausgelegt. Kein halbwegs authentisches festtägliches Trachtenkleid hätte es geschafft, Massenmode zu werden.

Schon der Name verweist auf den tatsächlichen Ursprung: Dirn war die gebräuchliche Bezeichnung für eine in der Landwirtschaft arbeitende Magd oder eine häuslicher Dienstbotin, „Dirndl“ ist die Verkleinerungsform, in etwa „Dienstmädchen“. Die Schürze sollte das ursprünglich eher schlichte Kleid vor Verschmutzung bei der Hausarbeit schützen. Dieses Kleid nannte man folglich Dirndlgwand, was dann zu Dirndl verkürzt wurde. Aus den Städten stammenden „Sommerfrischlerinnen“, die zur Erholung in die Alpen führen, lernten dort das praktische und bequeme Kleid kennen und übernahmen es als Freizeitkleidung.

SYMBOL ANTI-PREUSSISCHER IDENTITÄ

Nach dem verlorenen „Deutschen Krieg“ 1866 zwischen Österreich und seinen Verbündeten, darunter Bayern, und Preußen nebst Verbündeten nahmen der „deutsch-österreichische Patriotismus“, wie das in Österreich-Ungarn damals hieß, und auch der bayrische Patriotismus geradezu hysterische Züge an. Viele, vor allem städtische, Österreich- bzw. Bayernpatrioten grenzten sich durch demonstrativ gelebte Tradition gegen die verhassten „Piefkes“ bzw. „Saupreißen“ ab.
Zu diesen Traditionen gehörten Trachten. Weil echte Trachtenkleider teuer waren und außerdem so eng mit der jeweiligen Herkunftsregion verbunden waren, dass sie nicht für überregionale Identitätskonstruktionen taugten, bildete sich unter anderem so etwas wie eine „vereinfachte altbayrisch-salzburgisch-tirolerische Klischee-Einheitstracht“ heraus, zu der bei den Herren typischerweise Lederhosen gehörten. Bei den Damen übernahm das Dirndl diese Funktion.

Ein schlichtes Dienstmädchenkleid oder auch ein daraus abgeleitetes Freizeitkleid taugte als Symbol anti-preußischer Identität nicht. Es musste also zur „traditionellen Tracht“ aufgewertet werden – was sich dann auch in der pseudo-folkloristischen Gestaltung und Verzierung der „Festagsdirndl“ niederschlug. In dieser Form wurde das Dirndl dann in München, Salzburg, Linz und schließlich Wien Mode.
Nach einigen Jahrzehnten hatte sich die gegenseitige Abneigung der einstigen Kriegsparteien so weit gelegt, dass das Dirndl, in Folge des Erfolgs der Operette „Zum weißen Rössl“ sogar in Berlin bekannt und beliebt wurde.
In der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Dirndl in schlichterer Ausführung dann wirklich volkstümlich, und zwar als bequemes und vor allem preiswertes Sommerkleid.

Moderne Dirndlkleider
Frauen in verschiedenen modernen Dirndln
By Florian Schott – Eigenes Photo, mit freundlicher Genehmigung aller abgebildeten Personen., CC BY-SA 3.0Link

WÄHREND DIESE KONSTRUKTION DES DIRNDL ALS „TRADITIONELLE“ TRACHT NOCH WEITGEHEND SPONTAN ERFOLGTE, WURDEN IN DER NS-ZEIT DANN SYSTEMATISCH „URALTE ÜBERLIEFERUNGEN“ ERFUNDEN.

Wie eine Satire auf die bürokratieverliebten, regulierungswütigen und gleichschaltungsbesessenen Nazis mutet die für Trachtenfragen zuständige „Mittelstelle Deutsche Tracht“ der „NS-Frauenschaft“ an, geleitet von Gertrud Pesendorfer, die den Titel einer der „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ trug.

Weitaus weniger komisch ist die ideologische Grundlage, auf der Frau Pesendorfer arbeitete. Die Tirolerin entwarf eine im „nationalsozialistischen Sinne erneuerte Tracht“, und zwar ausgerechnet auch auf der Grundlage von Schnitten, die unter anderem aus einem jüdischen Unternehmen stammten, dem der Brüder Wallach in München. In den 1920er Jahren war „Wallach“ der Anbieter für bayerische Trachten, Volkskunst und Interieurs schlechthin – sowohl authentisch – die Wallachs unterhielten auch eine renommierte volkskundliche Sammlung – wie modisch. Nach 1933 konnte ein Teil der Familie rechtzeitig emigrieren, der andere wurde deportiert und größtenteils ermordet. Und das Unternehmen fiel 1938 der „Arisierung“ zum Opfer.

Eine „Arisierung“ anderer Art betrieb die überzeugte völkische Antisemitin Pesendorfer, als sie eine „neumodische“ Form des Dirndls aufgriff, die in traditionalistischen und völkischen Kreisen als „sittenlos“ und „jüdisch“ (Wallach!) verpönt war. Schon in den 1920er Jahren gab es modernisierte und, vor allem durch tiefe Ausschnitte und betonte Taillen, erotisierte Dirndlvarianten. Diese Kleider, die etwa so „traditionell“ waren wie die zur gleichen Zeit in Mode gekommenen Charleston-Kleider, nahm sich Frau Pesendorfer zum Vorbild, um die „Tracht „von „Überwucherungen […] durch Kirche, Industrialisierung, Moden und Verkitschungen“ und „artfremden Einflüssen“ zu befreien.

Dass diese Dirndl überaus „sexy“ waren, passte ins Weltbild der „Deutschen Frauenschaft“: Sie propagierte einerseits das Ideal der „kinderreiche Bauernfamilie“ nebst treusorgender Mutter, andererseits auch das der selbstbewussten, körperlich „gestählten“, einen Beruf ausübenden und Freude am Sex habenden „Kampfgefährtin“. (An inneren Widersprüchlichkeiten ihrer „Weltanschauung“ haben sich Nazis noch nie gestört.)
Pesendorfer war nicht nur Antisemitin, sondern gehörte, wie ihr Mann Ekkehard Pesendorfer und der Gauleiter von Tirol, Franz Hofer, zu jenen Nazis, die einen Rochus auf die römisch-katholische Kirche hatten. (Andere Nazis arbeiteten umso besser mit katholischen Würdenträgern zusammen.) Hofers sah das „germanische Wehrbauerntum“ in den Tirolern geradezu idealtypisch angelegt, in seiner Weltanschauung stand „die Kirche“ für „Rom“ und „jüdischen Geist“ und hätte im erneuerten Germanentum nichts zu suchen. Gertrud Pesendorfer warf der Kirche ihre Leibfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit vor. Ganz im Sinne von Himmlers „Ahnenerbe“, in dem sie Mitglied war, suchte und fand sie überall Traditionselemente, die sie für „germanisch“ hielt. Ihre Vorliebe für „Fruchtbarkeitssymbole“ angebliche heidnischer Herkunft wie Lebensbaum, Lebensrad, Vogelpaare oder Dreispross schlug sich in den Verzierungen ihrer „entkatholisierten“ Dirndl nieder.

Die Tirolerin kreierte und propagierte ein kragenloses, dafür tief dekolletiertes Dirndl mit hoher Taille, geschnürtem oder geknüpftem engen Mieder, welches für stramme Haltung sorgte, und einem kurzärmeligen weißen Blüschen, das die bloßen Oberarme sehen ließ. Vorzugsweise waren ihre Dirndl kürzer als die einstige Dienstmädchenkleider, wahrscheinlich, um stramme Waden zu zeigen, einige „Jungmädeldirndl“ hatten sogar nur Minirocklänge. Daneben gab es mondäne Abendkleidausführungen in Bodenlänge. Die „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ war unbestreitbar eine hervorragende Modeschöpferin. Als Volkskundlerin zeichnete sie sich eher durch weltanschauliche Linientreue als durch Sachkenntnis aus. Dennoch war sie 1939 – 1945 Leiterin des Tiroler Volkskunstmuseums. Sie blieb auch nach 1945 die einflussreichste „Expertin“ nicht nur für die „erneuerte Tiroler Bauerntracht“, sondern für „alpenländische Trachten“ überhaupt.

In der Tat ist die heutige „Trachtenmode“ im großem Maße von der „Pesendorfer Schule“ geprägt.

Schon bald avancierte das nazifizierte Mode-Dirndl zum Festtagskleid des „Bund deutscher Mädel“ und der NS-Frauenorganisationen. Es wurde, mit kräftigem Anschub durchs Propagandaministerium und vorgeführt durch die Frauen der NS-Prominenz, weit über die Grenzen Bayerns und des 1938 „ans Reich angeschlossenen“ Österreichs hinaus zur „Nationaltracht“ bei allen Anlässen forcierter Fröhlichkeit – den überkommenen wie dem Oktoberfest, aber vor allem den von der Diktatur inszenierten wie Führergeburtstag, Reichsparteitag und Reichsbauerntag.

Das weit verbreitete Misstrauen, dass die „Trachtenhuberei“ rechts bis extrem rechts sei, ist jedenfalls nicht völlig unberechtigt. Selbst seriöse Trachtenvereine tun sich mit der Auseinandersetzung mit völkischem Gedankengut schwer.

Zugespitzt zusammengefasst:

Das Dirndl beruht auf Aneignung von Dienstbotenkleidung durch Privilegierte, und das „sexy Wiesn-Dirndl“ verdankt seine Popularität den Nazis!

Nur am Rande erwähnt: die besondere Bedeutung von Schleifen am Dirndl, die je nach Position anzeigen sollen, ob die Trägerin ledig, verheiratet oder verwitwet sei, ist auch eine erfundene Tradition.

GEHÖRT DAS DIRNDL DESHALB AUF DEN MÜLLHAUFEN DER MODEGESCHICHTE?

Meiner Ansicht nach nicht. Es gibt Menschen, vor allem Frauen, die es bei passenden Anlässen gerne tragen. Allerdings sollten das Dirndl und andere Kleidungsstücke der „Trachtenmode“ ausdrücklich als Mode, und nicht als „Tracht“, und auch nicht als „traditionelle Kleidung“, wahrgenommen werden.

Von wegen „uralt“: Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition – Teil II, geschrieben von MartinM

Samstag, 06. Januar 2018

 

NEUE TRADITIONEN

Im Gegensatz zu erfundenen Traditionen im Sinne Hobsbawms stehen neu begründete Traditionen.
Jede noch so alte Tradition muss irgendwann einmal von irgendjemandem begründet worden sein, da sie sich schwerlich im Zuge der biologische Evolution parallel zum aufrechten Gang und dem weitgehenden Verlust des Fells über Jahrmillionen herausgebildet haben kann. Auch wenn manche Traditionen, insbesondere solche aus monotheistischen Religionen, gern auf „göttliche Offenbarung“ zurückgeführt werden, können sie nicht einfach fix und fertig vom Himmel gefallen sein. Und so, wie manche Traditionen verschwinden, bilden sich immer wieder neue Traditionen heraus. Der entscheidende Unterschied zur „erfundenen Tradition“: Eine neue Tradition ist erst einmal keine!

Eine Tradition, von der sich eindeutig sagen lässt, wann und von wem sie begründet wurde, die buchstäblich einen Erfinder hat, und die dennoch „echt“ ist, ist der Adventskranz.

Nicht nur in heidnischen Kreisen wird der Adventskranz gern für ein uraltes Jahreskreis-Symbol gehalten. Und in der Tat liegt so eine Symbolik nicht fern: Liegt es nicht nahe, den Jahreskreis oder das Jahresrad irgendwie auch durch Tannenzweige darzustellen? Könnten die vier Kerzen nicht für die Jahreszeiten, die Elemente und die Himmelsrichtungen stehen?

Solche Deutungen finde ich als Teil einer synkretistischen Spiritualität – beziehungsweise einer in seltener Einigkeit von überzeugt religiösen Christen und überzeugt atheistischen Religionskritikern abfällig so genannten Patchwork-Religion – sehr sympathisch. Es sind aber Umdeutungen. Eine gute Freundin stellte in ähnlicher Neuinterpretation einen Schoko-Nikolaus als „Odin“ auf ihren improvisierten Jul-Altar. Historisch gesehen ist aber die Behauptung, der Adventskranz sei ein uraltes heidnisches Symbol, so hohl wie besagte Schokoladenfigur.

DER ERFINDER DES ADVENTSKRANZES

Der Adventskranz hat in der Tat einen bestimmten Erfinder, nämlich den evangelisch-lutherischen Theologen, Erzieher und Mitbegründer der „Inneren Mission“ und Begründer der Evangelischen Diakonie, Johann Hinrich Wichern (1808–1881). Es lässt sich auch mit einiger Sicherheit sagen, wo und wann der erste Adventskranz aufgehängt wurde: 1839 im „Rauhen Haus“.

Johann Hinrich Wichern
Johann Hinrich Wichern

Der Hamburger Theologe Wichern gehörte zu jenen Christen, die die „Nächstenliebe“ nicht nur predigten, sondern auch tatkräftig praktizierten. Im exportorientierten Hamburg und den damals zu Dänemark gehörenden Nachbarstädten Altona und Wandsbek setzte die „Industrielle Revolution“ früher ein als in den meisten Teilen des durch unzählige Zoll- und Währungsgrenzen geteilten, teils noch aus politisch in der feudalen Vergangenheit lebenden Fürstentümern bestehenden „Deutschen Bundes“. Dem durch Handel und Industrie enorm reich gewordenem, gar nicht biederem Großbürgertum der Biedermeierzeit stand das geballte proletarische Elend der frühen Industriezeit gegenüber.
Wichern, der das Kind gerade noch als Kleinbürger geltender „einfacher Leute“ war und schon als 15-Jähriger als Privatlehrer arbeiten musste, lernte während seines Studiums zahlreiche Menschen kennen, die sein späteres Leben und Wirken sehr beeinflussten, unter anderem die Theologen Schleiermacher und Neander sowie der Arzt Nikolaus Heinrich Julius. Letzterer hatte vor allem Einfluss auf Wicherns Engagement in der preußischen Gefängnisreform. Als Erneuerer des Gefängniswesens biss der engagierte junge Theologe bei den Behörden buchstäblich auf Granit, mehr Erfolg hatte er als Sozialreformer. Wichern war nach der Aussage seiner Mitstreiter ein umtriebiger Mensch, der von der simplen Idee beseelt war, Menschen retten zu wollen.

Die andere Seite Wicherns war sein missionarisches Pathos. Er stand den konservativen protestantischen „Erweckungsbewegungen“ nahe, die sich gegen einen aufklärerischen Rationalismus wendeten. Politisch war er weniger konservativ; er empörte sich gegen die Unfähigkeit der Kirchen und des Staates, auf die Armut und die katastrophalen Zustände in den Industriegebieten angemessen zu reagieren.

1832 erlebte Wichern als Sonntagsschullehrer die Not im Armenviertel der Hamburger Vorstadt St. Georg aus nächster Nähe. Die Menschen – besonders die Kinder – lebten hier unter entsetzlichen sozialen und hygienischen Bedingungen. Für Wichern stand fest, dass er vernachlässigten Kindern am besten helfen könnte, indem man sie aus den städtischen Elendsverhältnissen herausführte.
Für seine Idee eines „Rettungshauses“ fand er die Unterstützung des reichen, aber dennoch sozial engagierten hamburgischen Senatssyndikus Karl Sieveking. Sieveking besaß ein Flurstück im damals noch ländlichen Horn, zu dem auch eine Bauernkate gehörte, die von alters her „Ruges Hus“ genannt wurde, was irgendwann einmal als „Rauhes Haus“ verhochdeutscht geworden war.
Hier gründete 1833 der damals gerade 25-jährige Lehrer und Theologe hier sein Haus zur „Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“. Beide Seiten Wicherns – der eifrige bis eifernde „innere Missionar“ und der pragmatische, politisch denkende Helfer – spiegelten sich in seiner Gründung wider

Das Rauhe Haus war keines der damals üblichen Arbeits- oder Waisenhäuser, sondern eine Einrichtung, in der die „Zöglinge“ in familienähnlichen Verhältnissen aufwachsen sollten. Hier wurden Kinder und Jugendliche aufgenommen, die straffällig geworden waren oder vernachlässigt oder verwahrlost waren. Das Ziel der Arbeit im Rauhen Haus war es, die „Zöglinge“ zu befähigen, ihren Platz im Leben zu finden und auf eigenen Füßen zu stehen. Wichern beschränkte sich darauf, dass die jungen Menschen auf das harte Leben in Armut vorbereitet wurden. Ein „Sozialrevolutionär“, der die Ursachen der Armut anging, war er, da er pragmatisch seine Grenzen erkannte, aber wohl auch aus seiner konservativer Gesinnung heraus, nicht. Die Arbeit im Rauhen Haus sollte nach Wichern ausschließlich von der christlichen Gemeinde bezahlt werden und ohne staatlichen Zuschuss erfolgen – Wichern misstraute den „weltlichen Obrigkeiten“.
Unterwiesen wurden die „Zöglinge“ von den „Brüdern“ – von Wichern ausgebildete Männer, zumeist Handwerker – die mit ihnen zusammenlebten. Die Einrichtung hatte von Anfang an großen Zulauf und entwickelte sich auch über die Grenzen Hamburgs hinaus zu einem Vorbild moderner Jugendfürsorge. Anderseits war es Wichern enorm wichtig, die jungen Menschen vor „üblen Einflüssen“ zu isolieren und zu vorbildlichen frommen Christen zu erziehen.

Mit der Professionalisierung des Dienstes am Nächsten legte Wichern den Grundstein für das Diakoniewesen und war einer der Begründer der modernen Sozialpädagogik. Die im Rauhen Haus ausgebildeten Gehilfen oder „Brüder“ arbeiteten bald in ganz Deutschland und verbreiteten so auch Wicherns Ideen.

GENUG DES ERKLÄRENDEN HINTERGRUND-EXKURSES. KOMMEN WIR ENDLICH ZUM ADVENTSKRANZ!

Gemeinschaftliche Feiern und feierliche Gottesdienste waren ein wichtiger Bestandteil der Erziehung in Rauhen Haus. Die Idee zum Adventskranz soll Wichern gekommen sein, als ihn die Kinder während der Adventszeit immer gefragt hätten, wann denn endlich Weihnachten sei. Jedenfalls baute er 1839 aus einem Wagenrad einen Holzkranz mit 20 kleinen roten und vier großen weißen Kerzen als Kalender. Jeden Tag der Adventszeit wurde eine weitere Kerze angezündet, an den Adventssonntagen je eine große Kerze, sodass die Kinder die Tage bis Weihnachten abzählen konnten. Der Holzkranz wurde einige Jahre später durch einen Kranz aus Fichten- oder Tannengrün ersetzt. Dieser große Adventskranz mit bis zu 28 Kerzen ist praktisch nur in Norddeutschland verbreitet, und zwar fast nur in Kirchen. In der Advents- und Weihnachtszeit hängt so ein großer Kranz beispielsweise im Kirchenraum des „Michels“, der Sankt-Michaelis-Kirche in Hamburg, und natürlich im Rauhen Haus.
Da so ein mächtiger, über einen Meter durchmessender Lichterkranz für den Hausgebrauch doch etwas unhandlich war, kam ab etwa 1860 eine kleiner Ausführung, der Adventskranz mit vier Kerzen, auf.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten Form
Der wichernsche Adventskranz
CC BY 2.5

Es waren evangelische Familien Norddeutschlands, in denen der adventlichen Zeitmesser den privaten Raum erreichte. Anfangs war das feierliche Entzünden der Adventskerzen in diesen frommen Kreisen mit einer Art Hausliturgie nach wichernschem Vorbild verbunden, mit Gesang, Gebet und selbstverständlich Bibellesung. Weniger glaubenseifrige Zeitgenossen übernahmen den festlichen Vorfreudeverstärker, allerdings mit deutlich reduzierte „Liturgie“. Indem der von Wichern initiierte Brauch sich seitdem durch Mundpropaganda und Nachahmung verbreitete und von Generation zu Generation weitergegeben wurde, wurde er zur echten, wenn auch jungen, Tradition.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich diese neue Tradition auch in katholischen Gegenden aus. Die naturbegeisterte Jugend- und Kunsterzieherbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts trug viel dazu bei, den Adventskranz populär zu machen. Jugendstil-Weihnachtkarten hatten immer wieder den immergrünen Kranz als Motiv. Im Ersten Weltkrieg schließlich erlebten katholische Soldaten in Lazaretten, wie evangelische Krankenschwestern den Adventskranz aufhingen. Wie die „Kriegsweihnacht“ generell führte das dazu, die zuvor ziemlich rigiden Grenzen zwischen den christlichen Konfessionen abzubauen: Eine Art „Schützengrabenökomene“ bildete sich heraus, und der Adventskranz war nach 1919 sogar in den „erzkatholischen“ Gegenden zu finden.

1925 wurde dann zum ersten Mal ein Adventskranz in einer katholischen Kirche aufgehängt, und zwar sicher nicht zufällig in einer der Hochburgen des liberalen „rheinischen Katholizismus“, in Köln. In Gegenden, in denen strengere Richtungen des Katholizismus dominierten, wurde der Adventskranz noch lange Zeit von der Kanzel herab bekämpft, unter anderem auch mit der Behauptung, dies sei ein „heidnischer Brauch“, der in einer gut christlichen Familien keinen Raum haben dürfe.
Das könnte eine der Ursachen dafür sein, wieso die Idee, der Adventskranz sei „heidnischen Ursprungs“, so weit verbreitet ist.

MÖGLICHE UND UNMÖGLICHE VORLÄUFER

Ob Wichern sich auch von jüdischen Chanukka-Leuchter zu seiner Erfindung inspirieren ließ, ist umstritten. Immerhin waren Hamburg, Altona und Wandsbek Hochburgen des liberalen Reformjudentums, das dort ziemlich selbstbewusst und patriotisch auftrat. In vielen assimilierten jüdischen Familien bürgerten sich vom christlichen Weihnachtsfest übernommene Bräuche zwischen Gänsebraten und Tannenbaum ein, sie feierten „Weihnukka“. Umgekehrt übernahmen ihre christlichen Nachbarn einige Bräuche jüdischen Ursprungs, zum Beispiel in Öl gebackene Speisen wie Krapfen oder Kartoffelpuffer als traditionelles Weihnachts- und Silvesteressen.
Am ersten Abend Chanukkaabend wird ein Licht entzündet, und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Am ersten Abend ein Licht und an jedem weiteren Abend ein Licht mehr, so dass am achten Abend insgesamt acht Lichter angezündet werden. Zu diesem Zweck wird ein Chanukkaleuchter mit acht Flammen verwendet. Die Kerzen werden sobald am Himmel die ersten Sterne zu sehen sind sofort nach dem Abendgebet angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen.
Der Chanukkaleuchter muss so aufgestellt werden, dass er der Öffentlichkeit ins Auge fällt, denn hinter diesem Gebot steht die Absicht, das Wunder publik zu machen.
Die Ähnlichkeit mit der evangelischen Adntskranztradition ist so stark, dass ich nicht an einen Zufall glauben möchte: Die Adventskranzkerzen werden nach einem Gebet nach Anbruch der Dunkelheit angezündet. Solange die Lichter brennen, ruht jede Arbeit. Die Lichter müssen mindestens eine halbe Stunde lang brennen und der Adventskranz wird so aufgestellt, dass er von möglichst vielen Menschen gesehen werden kann, z. B. in der Nähe des Fensters.

In Teilen Altbayerns und Österreichs hat der aus dem Norden stammende Adventskranz einen einheimischen Konkurrenten, das Paradeisl oder Paradeiserl. Es besteht es aus vier roten Äpfeln, die mit meist bemalten oder als Schnitzarbeit verzierten Stöcken zu einer Dreieckspyramide verbunden werden. Auf jedem Apfel ist eine Kerze angebracht. Jeden Adventssonntag wird eine der Kerzen angezündet. Am vierten Adventssonntag leuchtet die Kerze auf der Spitze der Pyramide. Das Paradeiserl steht, wie sein protestantisches Gegenstück, oft auf einem mit Weihnachtsgebäck, Nüssen oder Äpfeln geschmückten Teller.
Ob die Tradition des Paradeisls wirklich, wie behauptet, älter ist, als die des Adventskranzes, konnte ich nicht erhärten. Wenn ja, ist es eine mögliche Inspirationsquelle Wicherns.

Zum Santa-Lucia-Fest (14. Dezember) ist es in Schweden üblich, dass ein Mädchen, in der Familie traditionell die älteste Tochter, die Lucia spielt. Sie trägt dabei ein weißes Gewand, ein rotes Band um die Taille und einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf. Obwohl heutige Lucias der Verbrennungsgefahr wegen heute überwiegend elektrische Kerzen tragen, ähnelt der Kranz einem Adventskranz. Zwar wurde das Lucia-Fest auch im damaligen Herzogtum Schleswig, vor allem von den dort ansässigen Dänen, gefeiert, allerdings wurde die schwedische Form der Lucia mit Lichterkranz dort erst im 20. Jahrhundert übernommen, sodass Wichern jedenfalls dorther keine Anregung für seinen Adventskranz finden konnte. Auch in Schweden war dieser Lucien-Brauch im 19. Jahrhundert nur regional, in Teilen Westschwedens, verbreitet – ob Wichern ihn kannte, ist ungewiss.

Kränze aus grünen Zweigen wurden bei friesischen Bauern als Abwehrzeichen gegen unheilvolle Gewalten an Türen und Fenstern aufgehängt. Allerdings ist hierbei die Wahrscheinlichkeit einer Querverbindung zum „Adventskranz“ ähnlich gering, wie die zum mittelalterlichen Kranzsingen (das im Sommer stattfand).

Wie auch immer: Überkommene Kranzbräuche, vom Brigittenkranz zu Lichtmess bis zum Entedankkranz, vom Siegeskranz bis zum Gedenkkranz, erleichterten den Siegeszug des Adventskranzes. Jedenfalls gab es von Anfang an genügend Floristen, die sich auf das Winden von Tannenkränzen verstanden. Die Floristen werden über die neue Tradition froh gewesen sein, sie wird bis heute von ihnen nach Kräften gefördert.

VÖLKISCHE TRADITIONSERFINDER

Aber auch mit dem Adventskranz sind „erfundene Traditionen“ verknüpft. Die populärste, die von der „heidnische Herkunft“ des Lichterkranzes, entstammt ziemlich wilden Spekulationen völkisch gesonnenen Germanentümler und auch, im nicht zu vernachlässigen Maße, von gleichfalls völkischen Keltomanen. Das ging bis zum durch keinerlei archäologische Funde oder Schriftquellen gedeckten „Erkenntnis“, dass es bereits in der Germanenzeit einen Lichterkranz mit mehreren Kienleuchten gegeben habe.

Besonders eifrige Erfinder „uralter Traditionen“ waren, wie sollte es auch anders sein, die Nazis. Der nationalsozialistische Weihnachtskult hatte weniger das Ziel, den christlichen Glauben zu verdrängen, als das, Führerkult und übersteigerte Mütter- und „Helden-“Verehrung in das volkstümliche Brauchtum einzuarbeiten. Dennoch waren die „heidnisch-germanischen“ Elemente im braunen Weihnachts- bzw. Jul-Mystizismus reichlich vertreten, was sich nicht nur in Symbolen aus der germanischen Mythologie und Runenschmuck für den Tannenbaum niederschlug. Jedenfalls wiesen Sonnenräder aus Stroh und Weihnachtspyramiden mit Wikingermotiven mehr oder weniger dezent auf den angeblich „germanischen Ursprung“ dieses Festes hin.

Der traditionelle Adventskranz wurde von der NS-Propanganda umgedeutet, besonders auffällig in dem vom Hauptkulturamt in der Reichspropagandaleitung der NSDAP herausgebrachten Kalender „Vorweihnachten“. Die Beziehung vom „Sonnwendkranz“ mit seinen vier Lichtern zum Sonnenrad, das wiederum mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt wurde, wurde betont – natürlich „uralt“, selbstverständlich „germanisch“, älter als das Christentum – das „Rauhe Haus“ war in diesem Kontext viel zu spät, zu christlich, zu sozial, um überhaupt erwähnt zu werden. Es gab sogar „zeitgemäße“ Lichterkränze in Hakenkreuzform!

Die NS-Weihnacht samt Vorweihnacht war eine Mischung aus NS-Symbolik, germanisch-heidnischer Mythologie, Volksbrauchtum und „entjudetem“ Christentum. Einen offenen Bruch mit der etablierten Weihnachtstradition riskierten die Obernazis nicht – wenn sie ihn denn überhaupt wollten. Die bestehende Tradition einer „deutschen Weihnacht“ zu instrumentalisieren war jedenfalls in ihrem Sinne effizienter, als die erfundene Tradtion eines pseudo-germanischen Julfestes flächendeckend zu etablieren.

Das Ganze wurde reichlich mit heroisierender Naturmystik dekoriert: In einem zum Anzünder der Kerzen vorzutragenden „Lichterspruch“ ist zum Beispiel vom „Lichterkranz“ die Rede, dessen beständiges Grün, bestückt mit den vier „Wünschelichtern“, den Sieg über den „Wintertod der Natur durch die ewige Macht des Lichtes“ darstellen würde.
Dieser Naturmystizismus, der dem Tod als existenzieller Voraussetzung für das Leben huldigte, war für die Nazi-Weihnachtszeit ungemein typisch. Es war viel von der Neugeburt des Lichtes und noch mehr von der Auferstehung des deutschen Reiches die Rede – nicht davon, dass für diese „Auferstehung“ nicht nur millionenfach gestorben, sondern auch millionenfach gemordet wurde.

Weiter: Erfundene Traditionen für tradionelle Textilien.