Archiv für die Kategorie ‘Es war einmal’

Von wegen „uralt“: Von Adventskränzen und Dirndln – Teil I, geschrieben von MartinM

Samstag, 23. Dezember 2017

Es gibt angeblich uralte „Traditionen“, die vor gar nicht so urlangen Zeiten mehr oder weniger frei erfunden wurden. Es aber auch Traditionen, die relativ neu und trotzdem authentisch sind. Sie sind echte neue Traditionen, sogar dann, wenn sie auf „kulturelle Innovationen“ zurückgehen.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten FormMädchen im Dirndl, ca 1933

Erfundene Tradition (oder auch: konstruierte Tradition) ist ein ideologiekritisches Konzept, das von den Historikern Eric Hobsbawm und Terence Ranger mit der Aufsatzsammlung „The Invention of Tradition“ (1983) in die Geschichtswissenschaft eingeführt wurde. Allerdings war die Erkenntnis, dass nicht alles, was unter dem Label „altes Brauchtum“ firmiert, wirklich „alt“ und wirklich „Brauchtum“ ist, schon damals ein „alter Hut“. Kritischen Volkskundlern war das sogar schon im 19. Jahrhundert aufgefallen. Unter Historikern sah man das lange Zeit allenfalls als ein Problem der Quellenkritik. Vor allem Hobsbawm kommt das Verdienst zu, in den 1980er Jahren eine überfällige, ebenso ideologiekritische wie selbstkritische, Debatte unter Historikern angestoßen zu haben. – übrigens deutlich später als die entsprechenden Debatten unter Soziologen.

„Erfundene Traditionen“ werden in ihrer jeweiligen Gegenwart konstruiert, und in eine bestimmte Vergangenheit zurückprojiziert. Diese „Traditionen“ gab es, nach Auskunft ihrer Erfinder, also „schon immer“ oder „von altersher“ und sie werden in der Regel als „wiederentdecktes Brauchtum“ getarnt.
Hobsbawm, als marxistischer Historiker, betonte, dass Traditionen dazu dienen, gesellschaftliche Normen und Strukturen gesellschaftlich zu legitimieren. Traditionen verkörpern das Erkennungszeichen einer Volksgruppe, ein Ritual und der nationalen, regionalen und auch lokalen Geschichte. Ein Stück Identität. Also ist es auch kein Wunder, dass erfundenen Traditionen vor allem deshalb erfunden werden, um das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe zu stärken.

MITTEL ZUM ZWECK

Es gibt allerdings auch „Traditionen“, die aus anderen Interessen erfunden wurden, wie der „Sirtaki“, ein erst 1964 für den Film „Alexis Sorbas“ erfundener „traditioneller griechischer Volkstanz“. Der Sirtaki fördert das Zusammenheitsgefühl der Griechen nur insofern, als dass sie sich weitgehend einig sind, dass Anthony Quinn, der Hauptdarsteller des Films, ein miserabler Tänzer war. Für die griechische Tourismuswerbung ist er hingegen so unverzichtbar wie der Ouzo beim „Griechen“ um die Ecke.

Das „traditionelle südafrikanische Blasinstrument“ Vuvuzela gibt es erst seit den 1990ern. Von Anfang an war es ein Lärminstrument südafrikanischer Fußballfans, das sich zur kollektiven Gehörschädigung ähnlich wirksam erwies wie die beliebten, aber verbotenen, Böller, und das sich in seiner originalen Ausführung mit aus einem Stück bestehendem Rohr auch als Argumentationsverstärker gegenüber Fans der gegnerischen Mannschaft eignete.
Die Gerüchte über eine alte folkloristische Tradition des technisch zu den Blechblasinstrumenten zählende Plastikhorns tauchten sicher nicht zufällig zuerst auf, als sich Südafrika für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 bewarb.

„Es war schon immer so“ ist eine beliebte Verteidigung der Anhänger bestehender Normen und Strukturen gegenüber einem gegenwärtigen Wandlungsdruck.
Die „traditionelle Familie“, die von rechtskonservativen Kreisen gegen Kinderkrippen, „Schwulenehe“, „Frühsexualisierung“, Frauenemanzipation und vieles andere, was ihnen nicht passt, angeführt wird, ist ein Musterbeispiel dieses Traditionsgebrauchs- bzw. -missbrauchs. Das funktioniert sogar dann, wenn die „gute alte Zeit“, zu der die Tradition Kontinuität herstellt, gar nicht so „gut“ war. Im Falle erfundener Traditionen ist diese Kontinuität künstlich, aber wirksam. Und manchmal ist auch die dazugehörige „gute alte Zeit“ erfunden.

DIE ERFINDUNG DER HEXEN ALS „UNTERGRUND-HEIDEN“

Übrigens sind sehr viele vielleicht sogar die meisten jener „Traditionen“, auf die sich Neu-Heiden und moderne Hexen berufen, um ihre spiritueller Orientierung historisch zu unterfüttern, relativ neuen Datums. Ein Beispiel ist die Tradition der Hexen-Coven aus Margaret Alice Murrays „Der Hexen-Kult in Westeuropa“ (1921). Ihre Hypothesen von einer von der Steinzeit bis in die Frühe Neuzeit fortbestehenden Hexen-Religion sind gut ausgedrückt und wirken plausibel. Sie sind aber das Ergebnis von Fehlinterpretationen, Wunschdenken und Überspitzungen, unter reichlicher Verwendung unbestätigter Quellen und gelegentlicher absichtlicher Verfälschungen. Ich halte das Werk der wohl zu recht in ihrem eigentlichen Fach einen guten Ruf genießenden Ägyptologin für ein hervorragendes Fantasy-Epos in Form eines Fachbuchs, in dem außer Phantasie auch viel Recherchearbeit und Sachkunde steckt. Das lässt sich allerdings auch über Tolkiens Silmarillion sagen. Murrays These vom universalen heidnischen Kult, der parallel zum christlichen in Westeuropa existiert hätte, hat mit der historischen Wirklichkeit etwa genau so viel zu tun.

Liebe Mithexen und -heiden: Bitte spart Euch Eure Bannflüche. (Die wirken eh nicht, jedenfalls bei mir.) Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es Überreste der vorchristlichen Zeit im überlieferten Volksbrauchtum gibt. Sehr wahrscheinlich „überlebte“ auch die Verehrung einiger heidnische Gottheiten in der Form christlicher Heiliger oder als Volksglauben an Feen, Dämonen usw. . Aber das sind eben Überreste vergangener Traditionen, keine im Untergrund fortlebenden heidnischen Kulte.

Dass erfundene Traditionen an reale überlieferte Objekte anknüpfen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Sogar der für einen Film erfundene „Volkstanz“ Sirtaki lehnt sich an überlieferte griechische Tänze an.
Auch den etwas klobigen aus Schweden stammenden Turmleuchter gab es schon, bevor das „Ahnenerbe“ der SS die entsprechende „alte Tradition“ zum weder mittelalterlichen noch heidnischen Kerzenständer alias „Julleuchter“ hinzudichtete.

Weiter: 2. Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition: Der Adventskranz.

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil X, geschrieben von Ray

Samstag, 06. Mai 2017

Nachwort: Ich bin auch Hobbyarchäologe

Wie gezeigt wurde, darf man nicht nur Hobbychirurg und Hobbypolizist, sondern auch Hobbyarchäologe sein; und das ist auch gut so. Denn, nur als kleinen Denkanstoß für jene, die das immer noch nicht akzeptieren wollen, ich bin auch archäologischer Autodidakt; also genau das, was wir als „Hobbyarchäologen“ bezeichnen würden, wenn ich kein Archäologiestudium abgeschlossen hätte. Und wenn Sie über meinen abschließenden Denkanstoß ein wenig nachdenken, werden Sie vielleicht feststellen, dass Sie selbst auch ein solcher „Hobbyarchäologe“ sind.

Warum behaupte ich jetzt, dass ich auch „Hobbyarchäologe“ bin? Das scheint auf den ersten Blick völlig widersinnig: schließlich habe ich nicht nur ein Studium der Ur- und Frühgeschichte erfolgreich abgeschlossen, sondern in diesem Fach sogar promoviert, wurde für „keltische Altertumskunde“ (also seinerseits ein archäologisches Fach) habilitiert und bin inzwischen seit vielen Jahren sogar Professor of Archaeology and Heritage; habe also die „höchsten“ fachlichen Qualifikationen und „Weihen“, die man überhaupt nur haben kann.

Dennoch bin ich in vielerlei Hinsicht archäologischer Autodidakt: das Meiste, das ich heute in meiner wissenschaftlichen archäologischen Arbeit mache, habe ich während meiner Studienzeit überhaupt nie „beigebracht“ bekommen. Dafür nur ein paar besonders relevante Beispiele:

  1. Ich führe heute meine Ausgrabungen (z.B. Karl et al. 2016) in der stratigrafischen Methode (mehr oder minder nach Harris 1989) durch. Diese habe ich jedoch während meines Studiums, als an der Universität Wien noch die klassische „deutsche“ Planums- bzw. Abstichgrabung (Gersbach 1998, 29-31) die einzig akzeptierte Grabungsmethode in Lehre und Praxis war, niemals „formell“ gelernt. Was die von mir verwendete archäologische Grabungsmethodik betrifft, bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute feldarchäologisch in erster Linie in Großbritannien, konkreter in Nordwales (z.B. Karl et al. 2016). Über die nordwalisische Archäologie – selbst die der Spätbronze- und Eisenzeit, mein chronologisches Hauptinteressensgebiet – habe ich jedoch während meines Studiums in Wien niemals auch nur das geringste gelernt; sondern praktisch ausschließlich über die Archäologie Österreichs und seiner unmittelbaren Umgebung („Heimatarchäologie“, wenn man so will). Auch in meinem feldarchäologischen Hauptarbeitsgebiet seit über einem Jahrzehnt bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute viel im Bereich der archäologischen Denkmalpflegewissenschaft, die nicht zuletzt auch Teil des von meinem Lehrstuhl abgedeckten Fachbereichs ist. Auch dazu habe ich jedoch im Rahmen meines Studiums in Wien nicht das geringste gelernt; es gab nicht einmal eine eigene Lehrveranstaltung zum österreichischen Denkmalschutzgesetz, das bloß in einer einführenden Vorlesung ganz kurz angesprochen wurde, geschweige denn zu anderen Themen der archäologischen Denkmalpflege. Auch in diesem Arbeitsbereich bin ich also praktisch kompletter Autodidakt.

Dass ich ein Studium der Ur- und Frühgeschichte in Wien absolviert habe, meine Magisterarbeit über eine – übrigens teilweise mit Baggeraushub ganzer Befunde – durch das österreichische Bundesdenkmalamt durchgeführte „Notbergung“ verfasst und meine Dissertation über „Verkehr in der eisenzeitlichen Keltiké“ geschrieben und noch dazu eine Habilitationsschrift über „Altkeltische Sozialstrukturen“ publiziert habe, hat mich für meine derzeitige archäologische Arbeit höchstens sehr randlich vorbereitet. Das, was ich universitär „gelehrt“ wurde, hat mit dem, was ich heute wissenschaftlich tue, nur sehr wenig zu tun gehabt. Wenn es also Voraussetzung ist, dass man das, was man wissenschaftlich tut, auch tatsächlich während seines Universitätsstudiums gelehrt wurde und seine Kompetenz darin durch Prüfungen während seines Studiums nachgewiesen hat; nun, dann bin ich auch „nur“ Hobbyarchäologe.

Nun denken Sie – vor allem, wenn Sie, so wie ich, inzwischen seit ein paar Jahrzehnten „im Fach“ aktiv tätig sind – in gleicher Weise über ihre Ausbildung nach, und vergleichen Sie es mit dem, was Sie heute wissenschaftlich tun. Sie werden dabei hoffentlich bemerken, dass das, was Sie vor Jahrzehnten an der Universität gelernt haben, nicht anders als bei mir nur noch sehr wenig damit zu tun hat, was Sie heute wissenschaftlich tun. Nur ganz am Rande bemerkt: falls nicht, d.h. falls Sie zum Schluss kommen, dass Sie heute immer noch hauptsächlich mit Methoden arbeiten, die Sie vor Jahrzehnten gelehrt bekommen haben, immer noch das glauben, was man ihnen vor Jahrzehnten beigebracht hat und immer noch genau im gleichen Fachbereich tätig sind, für den Sie akademisch ausgebildet wurden; dann hatten Sie entweder überragende akademische Lehrer oder, was weit wahrscheinlicher ist, dann sind Sie ein schlechter Wissenschafter, der sich seit Jahrzehnten nicht autodidaktisch weitergebildet und sich wissenschaftlich absolut nicht weiterentwickelt hat.

Gute Wissenschaft – auch in der Archäologie – kennzeichnet sich nicht durch Stillstand und allgemeine Akzeptanz angeblich unumstößlich „wahren“ Wissens, nicht dadurch, dass das, was die Mehrheit für „richtig“ hält, als Glaubenswahrheit akzeptiert und Althergebrachtes um jeden Preis erhalten wird; sondern dadurch, dass sie Althergebrachtes über den Haufen wirft, sich nicht dem Diktat der Mehrheit unterwirft und nichts als „wahr“ akzeptiert, sondern aneckt, kritisch hinterfragt, und – nötigenfalls auch stur – auf anderen als allgemein akzeptierten Wegen neue Erkenntnisse zu gewinnen versucht. Neues Wissen schafft man nicht dadurch, dass man stets nur dasselbe genauso tut, wie es auch alle anderen tun; sondern nur dadurch, dass man etwas anders macht als alle anderen. Eben als Autodidakt – als jemand, der es eben (noch) nicht so gelernt hat – neues Wissen – Wissen, das noch niemand zuvor hatte – selbst schafft; und zwar zumeist, weil man einen unbändigen Drang hat, Neues“ zu finden, das sonst noch niemand kennt.

Damit ist man als archäologischer Wissenschafter aber immer „Hobbyarchäologe“, ist immer in dem Bereich, in dem man forscht, wissenschaftlicher Dilettant (sowohl im positiven als auch im negativen Sinn des Wortes; weil man „zum Vergnügen“ etwas tut, von dem noch niemand weiß, ob es und wie es „richtig“ gemacht wird) und immer Autodidakt. Uns treibt, nicht anders als „HobbyarchäologInnen“ ohne einschlägigen Studienabschluss die Neugier, der ganz und gar selbstsüchtige Wunsch etwas zu finden, das noch niemand vor uns gefunden hat. Nehmen wir das Recht dieser Neugier nachzugeben für uns selbst in Anspruch, dürfen wir es auch nicht anderen Menschen mit anderem Bildungshintergrund nehmen.

Bibliografie

Aitchison, K. at al. 2014. Discovering the Archaeologists of Europe 2012-2014: Transnational Report.

York: Archaeological Trust, http://www.discovering-archaeologists.eu/national_reports/2014/transnational_report.pdf, abgerufen 1.2.2016.

AEMR. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. New York: UNO, http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf, abgerufen 19.11.2015.

Berka, W. 1999. Die Grundrechte: Grundfreiheiten und Menschenrechte in Österreich. Wien – New York: Springer.

EMRK. Die Europäische Menschenrechtskonvention. Council of Europe: http://www.echr.coe.int/Documents/Convention_DEU.pdf, abgerufen 18.1.2016.

EU 2010. Charta der Grundrechte der Europäischen Union (2010/C 83/02). Amtsblatt der Europäischen Union C 83/389, http://www.europarl.de/resource/static/files/europa_grundrechtecharta/_30.03.2010.pdf, abgerufen 18.1.2016.

Feyerabend, P. 1986. Wider den Methodenzwang. Taschenbuchaufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Gersbach, E. 1998. Ausgrabung heute. Methoden und Techniken der Feldgrabung. 3. Aufl., Stuttgart: Theiss.

Harris, E. 1989. Principles of Archaeological Stratigraphy. 2nd ed., London, Academic Press.

Haßmann, H. 2000. Archaeology in the ‚Third Reich‘. In H. Härke (Hg.), Archaeology, Ideology and Society. The German Experience, 65-139. Gesellschaften und Staaten im Epochenwandel 7, Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Karl, R. 2011a. Archäologischer Denkmalschutz in Österreich. Praxis Probleme Lösungsvorschläge. Wien: Sramek.

Karl, R. 2011b. Bekanntes Wissen oder unbekannte Information? Gedanken zum eigentlichen Ziel und zur bestmöglichen Umsetzung des Schutzes archäologischer Funde. Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege LXV/3, 252-75.

Karl, R. 2016a. Obrigkeit und Untertan im denkmalpflegerischen Diskurs. Autokratische Bürokratie und Zivilgesellschaft. Forum Kritische Archäologie 5, http://www.kritischearchaeologie.de/, im Druck.

Karl, R. 2016b. Wir stehen drauf! Österreich, die Faro-Konvention und archäologische Bürgerbeteiligung. Archäologische Informationen 39, im Druck.

Karl, R., Möller, K. 2016. Empirische Untersuchung des Verhältnisses der Anzahl von MetallsucherInnen im deutsch-britischen Vergleich. Oder: wie wenig Einfluss die Gesetzeslage hat.

Archäologische Informationen 39, im Druck.

Karl, R., Möller, K., Waddington, K. 2016. Characterising the Double Ringwork Enclosures of Gwynedd: Meillionydd Excavations, June and July 2015. Interim Report. Bangor Studies in Archaeology, Report No. 14. Bangor: Bangor University School of History, Welsh History and Archaeology.

Pöschl, M. 2010. Von der Forschungsethik zum Forschungsrecht: Wie viel Regulierung verträgt die Forschungsfreiheit? U. Körtner, H.J. Ulrich, C. Kopetzki, C. Druml (Hg), Ethik und Recht in der Humanforschung, 90-135. Schriftenreihe Ethik und Recht in der Medizin, Band 5. Wien, New York: Springer.

Pollak, M. 2011. Zur Theorienbildung in der archäologischen Denkmalpflege in Österreich.

Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege LXV/3, 227-39.

Popper, K.R. 1994. Die Logik der Forschung. 10. Aufl., Tübingen: J.C.B. Mohr.

Siegmund, F., Scherzler, D. 2014. Archäologie und Baudenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen 2014 – ein Jahr nach dem Ringen gegen Mittelkürzungen und für eine bessere gesetzliche Grundlage.

Archäologische Informationen 37, 153-80.

Watzlawick, P. 2001. Vom Schlechten des Guten, oder Hekates Lösungen. 8. Aufl., München: Piper.

Welan, M. 2002. Über die Grundrechte und ihre Entwicklung in Österreich. Österreich in Geschichte und Literatur, Heft 4-5, online: http://www.demokratiezentrum.org/fileadmin/media/pdf/ welan_grundrechte.pdf, abgerufen 12.12.2015.

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil IX, geschrieben von Ray

Samstag, 08. April 2017

 

Abschließende Bemerkungen

Man mag zur archäologischen Bürgerbeteiligung und dem „Metallsucherproblem“ stehen wie man möchte; man sollte allerdings als WissenschafterIn bedenken, welche Argumente man in Debatten über diese Themen führt bzw. ob man sich auf demagogische Propagandamittel wie die „Hobbychirurginnen“-Metapher stützen möchte; und was die Verwendung solcher Mittel über die sagt, die sie verwenden. Ein gutes Licht wirft die Verwendung dieser Metapher jedenfalls nicht auf unser Fach und das Selbstverständnis vieler unserer KollegInnen.

Archäologische Qualitätssicherung ist durchaus wichtig und richtig; und ich will mit diesem Beitrag keineswegs sagen, dass jeder wo auch immer es ihm beliebt archäologisch tun und lassen können soll, was er will, egal ob er oder sie es kann oder nicht. Was ich jedoch sehr wohl sagen möchte ist, dass wir uns dafür hüten sollten, demagogische Propagandamittel zu benutzen, um die Notwendigkeit der archäologischen Qualitätssicherung „öffentlich“ zu verkaufen, die letztendlich die

Wissenschaftsfreiheit, die gerade für uns selbst besonders wichtig ist, untergraben. Wenn wir für die durchaus notwendige archäologische Qualitätssicherung argumentieren wollen, dann brauchen wir dafür bessere Argumente als hinkende Vergleiche, die noch dazu falsch und ethisch bedenklich sind.

Wer die „Hobbychirurgen“-Metapher dennoch benutzt, hat also entweder nicht ausreichend darüber nachgedacht und plappert bloß gedankenlos etwas nach, was zwar schlau klingt, aber grundfalsch ist; oder weiß, dass die Metapher grundfalsch ist und benutzt sie dennoch, um mit unlauteren, propagandistischen Argumenten Ziele zu erreichen, die mit sachlichen Argumenten nicht zu erreichen sind; oder hat ein unzulässig verkürztes demokratisches Grundrechtsverständnis (VG Wiesbaden 3.5.2000, 7 E 818/00) bzw. ein höchst bedenkliches, weil „totalitäres“, Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnis. Egal welchen dieser drei Fehler eine Person, die diese Metapher benutzt, im jeweils konkreten Einzelfall macht: sie disqualifiziert sich selbst als WissenschafterIn, weil keiner davon für WissenschafterInnen akzeptabel ist. Mitläufer, gefährliche Demagogen und Menschen mit mangelndem Respekt für die Rechte ihrer Mitmenschen haben wir – und zwar nicht nur, aber auch, in der Archäologie – schon genug gehabt, gerade im deutschen Sprachraum.

Wir sollten darüber hinaus auch bedenken, dass nicht nur „die HobbyarchäologInnen“ dazu verpflichtet sind, sich an denkmalschutzrechtliche Bestimmungen zu halten, auch wenn sie ihnen nicht passen, wie wir das immer – durchaus zurecht – verlangen, wenn wir gegen „Raubgrabungen“ und sonstige „illegale Archäologie“ wettern; sondern umgekehrt auch wir uns und die – wenigstens in ihren relevanten Inhalten von uns vorgegebenen – Denkmalschutzgesetze sich an die verfassungsgesetzlich garantierten Grund- und Menschenrechte zu halten haben, auch wenn sie uns

im konkreten Fall nicht passen mögen. Denn was auch immer wir im stillen Kämmerlein glauben oder uns wünschen würden: auch wir und die von uns veranlassten Gesetze (siehe Karl 2016a) stehen in modernen, demokratischen Gesellschaften nicht über dem Gesetz, sondern haben sich insbesondere an unsere jeweiligen Verfassungen zu halten. Wir haben eben keine Standesvorrechte, sondern sind

wie alle anderen Menschen auch – vor dem Gesetz allen anderen Menschen gleich.

Das bedeutet nicht zuletzt, dass wir auch akzeptieren müssen, dass die archäologische Forschungsfreiheit kein Privileg graduierter, promovierter oder gar habilitierter ArchäologInnen ist, sondern sich alle Menschen auf sie berufen können, wenn sie archäologische Forschung – und zwar selbstverständlich auch archäologische Feldforschung – betreiben wollen. Selbst wenn das für „die Archäologie“ schlecht sein sollte: alle Menschen haben ein Recht darauf; wir hingegen kein Recht, ihnen dieses Recht zu nehmen. Und ob es tatsächlich so unerträglich schlecht für „die Archäologie“ ist, dass man sich deswegen große Sorgen machen oder gar anderen Menschen Grundrechte entziehen müsste, lässt sich anhand des Beispiels von Großbritannien, wo jeder (außer auf unter Denkmalschutz stehenden Bodenflächen) frei der archäologischen Feldforschung nachgehen darf und trotzdem „die Archäologie“ nicht untergegangen ist, wenigstens stark bezweifeln.

Nehmen wir über 99,9% (Aitchison et al. 2014, 19) aller Menschen dieses Recht – ob nun dadurch, dass wir, wie das österreichische Bundesdenkmalamt, das örtlich geltende Denkmalschutzgesetz so auslegen, als ob jede Art archäologischer Feldforschung nicht graduierten ArchäologInnen komplett untersagt wäre, auch wenn das rechtlich gar nicht der Fall sein kann (Karl 2016a); oder dadurch, dass wir, wie manche deutsche Landesämter für Denkmalpflege, angeblich „notwendige“ Ausbildungen von „Ehrenamtlichen“ derart verknappen, dass die, die innerhalb des örtlich geltenden gesetzlichen

Rahmens ihren archäologischen Feldforschungen nachgehen wollen, jahrelang darauf warten müssen, sie absolvieren zu können – dann sind nicht jene, die sich nicht an unsere Auslegung der von uns vorgegebenen Denkmalschutzgesetze halten, die „bösen“ Rechtsbrecher, sondern wir, weil wir die (weit wichtigeren) Verfassungsgesetze brechen, die diesen „HobbyarchäologInnen“ das Recht auf freie archäologische Feldforschung einräumen. Wir sollten also weit vorsichtiger sein, wen wir des

kriminellen“ Handelns beschuldigen, als wir es normalerweise sind; weil es sehr gut möglich ist, dass es nicht „die“, sondern „wir“ sind, die die weit schwereren „Verbrechen“ begehen.

Dass wir uns dank des „autorisierten Denkmaldiskurses“ (Smith 2006, 29-34) die Macht dazu angeeignet haben, in der Praxis jenen, die wir aus „unserem Wirkungsbereich“ ausschließen wollen, auch tatsächlich (und oft mit Unterstützung durch die Gerichte, die wir zu diesem Zweck auch gerne einmal mit Halb- und Unwahrheiten täuschen; siehe Karl 2016a) ausschließen zu können, macht das um nichts besser, sondern nur noch schlimmer. Denn unrechtmäßig angeeignete Macht auch noch zu missbrauchen, weil man es kann, zeugt keineswegs von der „moralischen“ Überlegenheit, die wir so gerne für uns in Anspruch nehmen, sondern nur von jener moralischen Korruption, die auch unsere fachlichen Ahnen im dritten Reich charakterisiert hat und die nahezu immer mit (zu viel) Macht einhergeht.

Ende Teil IX

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil VIII, geschrieben von Raimund Karl

Samstag, 18. März 2017

Was die HobbychirurgInnen-Metapher über unser Fach verrät

So falsch die Metapher von den HobbychirurgInnen und HobbypolizistInnen auch ist, so viel verrät sie über unser Fach bzw. unsere eigene Einstellung zu diesem.

Zum einen zeigt sie deutlich das auf, was Marianne Pollak beschrieben hat, als sie festgestellt hat, dass

das Fehlen einer theoretischen Diskussion über die Grundlagen der archäologischen Denkmalpflege … auf dem weitgehenden Konsens aller beteiligten Fachleute seit rund zwei Jahrhunderten“ (Pollak

2011, 227) beruhe: die „disziplinierte“ Fachwelt ist sich seit dem Beginn der modernen Denkmalpflege weitgehend einig darüber, was sie will; nämlich uns nicht „aus dem bequemen Areal, in dem [wir] bislang auf dem Gebiet der Archäologie von der Öffentlichkeit völlig ungestört arbeiten konnte[n], hinaus bewegen [zu] müssen“ (VG Wiesbaden, 3.5.2000, 7 E 818/00, 10). Dieser Konsens ist das, was Laurajane Smith (2006, 29-34) als „autorisierten Denkmaldiskurs“ bezeichnet hat, dessen vielleicht bedeutendste Eigenheit die Vorstellung ist, das „Fachleute“ sich selbst als die einzig legitimen Vertreter der „Interessen der Vergangenheit“ und ebenso einzig legitimen Sachwalter für die „Interessen zukünftiger Generationen (an der Vergangenheit)“ betrachten (und aufgrund ihrer anerkannten Stellung als wissenschaftliche ExpertInnen auch von staatlichen Institutionen als solche gesehen und mit besonderen Machtbefugnissen ausgestattet werden; siehe dazu schon Karl 2016a) und dadurch alle gegenwärtigen Menschen, die nicht die Sonderstellung von „FachexpertInnen“ einnehmen, also „die Öffentlichkeit“, vollkommen entmachten und entrechten (siehe dazu auch Smith 2006, 29).

Dass dieser Konsens dabei aus den „ständisch-feudalen“ (Berka 1999, 488) Gesellschaften stammt, die sich gerade dadurch charakterisiert haben, dass gewissen gesellschaftlichen Gruppen (wie eben dem Adelsstand, dem Klerus und teilweise andere Eliten) bestimmte Vorrechte zustanden, gegen die sich insbesondere der Gleichheitsgrundsatz richtet, der untrennbar mit dem Entstehen modernen, demokratischer Bürgergesellschaften – eben von demokratischen Rechtsstaaten im modernen Sinn – verbunden ist (Berka 1999, 488-92), braucht also keineswegs zu verwundern: die „graduierte“, „professionelle“ archäologische Wissenschaft sieht sich als ebensolche „Elite“, als „Stand“, der Vorrechte im Bereich, der in seine „Zuständigkeit“ fällt, aus standesinterner Sicht zustehen. Wie ich bereits andernorts ausgeführt habe, gefällt sich die Archäologie und insbesondere die staatliche archäologische Denkmalpflege in der Rolle der vordemokratischen, mit kaiserlicher Autorität und damit zusammenhängenden Vorrechten ausgestatten, „Obrigkeit“, der sich „gewöhnliche“ BürgerInnen als „Untertanen“ zu unterwerfen und der sie zu gehorchen haben (Karl 2016a).

Dass aus einem derartigen, durch „Standesdünkel“ gekennzeichneten Blickwinkel die für moderne, demokratische Rechtsstaaten kennzeichnenden und fundamentalen Grund- und Menschenrechte als störend, entbehrlich und für „unseren“ Aufgabenbereich nicht geeignet, ja als nicht geltend betrachtet werden, folgt zwingend. Und ebenso zwingend folgt, dass wir uns nicht mit sachlichen Argumenten aufhalten müssen, mittels derer wir eine allfällig aus fachlicher Sicht notwendige „Qualitätssicherung“ begründen können: wir glauben ja, besser zu wissen als alle anderen, was „das Beste“ für „die Archäologie“ bzw. „die Vergangenheit“, „die zukünftigen Generationen“, und natürlich auch „die

Allgemeinheit“ ist als „unverständige“ HobbyarchäologInnen; glauben, „die Wahrheit“ schon zu kennen. Wie es Paul Watzlawick ausdrückt: „Mit dem Wissen des Weisen um die ewige Wahrheit ist es nicht getan, sie muß den Unwissenden vermittelt werden – wenn nötig auch gegen deren Willen. Das berechtigt den Philosophen-König, auch Unwahrheiten in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Jede individuelle Auslegung der Wahrheit muss unterdrückt werden (Platon empfiehlt zu diesem Zweck

Institutionen, die der Inquisition und den Konzentrationslagern in jeder Hinsicht entsprechen).“

(Watzlawick 2001, 102-103). Propagandamethoden wie die Verwendung der „Hobbychirurgen“-Metapher kommen uns da gerade recht.

Den anderen Grund, warum wir die Metapher verwenden, haben hingegen schon Frank Siegmund und Diane Scherzler, wenn auch nicht explizit in Zusammenhang mit der Metapher und wohl auch nicht an sie denkend, in einem Beitrag aus dem Jahr 2014 erklärt: „Es ist eine unangemessene

Eigenwahrnehmung vieler Fachkollegen, Archäologie sei ja ein schönes Hobby, das man glücklicherweise zum Beruf habe machen können…“ (Siegmund & Scherzler 2014, 175). Der fachliche Wunsch, dass es keine HobbyarchäologInnen geben dürfe, erklärt sich letztendlich auch aus dieser Eigenwahrnehmung bzw., um es etwas schärfer zu formulieren, aus einem fachlichen (und eventuell auch persönlichen) Minderwertigkeitskomplex.

Eine der ReviewerInnen hat diesen Minderwertigkeitskomplex völlig unbeabsichtigt zum Ausdruck gebracht, wenn er bzw. sie schreibt: „… die Ausführung [archäologischer Projekte sollte] zumindest unter Verantwortung von Archäologen geschehen. Sonst bräuchte man tatsächlich keinerlei Archäologie als Spezialwissenschaft, und der Artikel kommt nah an diese Forderung. Gilt dies dann auch für andere Wissenschaften, etwa Ingenieurswissenschaften, Architektur, Biochemie? Wenn nein, was macht die Archäologie dann zu so einer Pseudowissenschaft?“. Dieses Argument habe ich auch schon von anderen ArchäologInnen oft genug gehört. Im persönlichen Gespräch nimmt es meiner, zugegebenermaßen nur anekdotischen, Wahrnehmung nach meist die folgende Form an: „Wenn jeder archäologisch forschen kann, wofür habe ich denn dann jahrelang studiert?“. Das Wort „kann“ ist dabei mit dem Wort „darf“, deren sich teilweise überscheidenden semantischen Gehalt in der deutschen Umgangssprache entsprechend, beliebig austauschbar.

Können“ hat allerdings nicht notwendigerweise etwas mit „dürfen“ zu tun, und dass jemand eine Tätigkeit ausüben darf, auch wenn er dazu nicht kompetent ist, macht diese Tätigkeit nicht zu einer „Pseudotätigkeit“. Der Konzertmeister der Wiener Philharmoniker glaubt wohl kaum, dass das

Geigenspiel eine „Pseudokunst“ ist, weil jeder nach Belieben Geige spielen und auch den Hummelflug massakrieren darf; auch wenn Rimski-Korsakov darob womöglich im Grab rotiert. Ebenso wenig bedeutet die Tatsache, dass jeder in einem bestimmten Tätigkeitsbereich dilettieren darf, dass man in diesem Bereich keine professionell ausgebildeten SpezialistInnen braucht. Die Wiener Philharmoniker werden nämlich, obwohl sich jedeR als HobbygeigerIn versuchen darf, trotzdem als KonzertmeisterIn eine entsprechend professionell ausgebildete GeigerIn beschäftigen (und wenn sie weiterhin Erfolg haben wollen, dann müssen sie das aller Wahrscheinlichkeit nach auch).

Es kann also nur einen Grund geben, weshalb man befürchten müsste, dass die Tatsache, dass jeder in der Wissenschaft dilettieren darf, für die man universitär ausgebildet wurde und die man sich zum Beruf gemacht hat, diese zu einer „Pseudowissenschaft“ macht: wenn man entweder diese Wissenschaft, die universitäre Ausbildung in ihr, oder sich selbst, in irgendeiner Weise für minderwertig hält. Nur wenn man die Archäologie im Vergleich zu anderen, „ernstzunehmenden“

Wissenschaften für minderwertig hält; glaubt, dass die universitäre archäologische Ausbildung im Vergleich zu der Ausbildung in anderen wissenschaftlichen Fächern minderwertig ist, weil sie nicht sicherstellt, dass man als StudienabsolventIn deutlich besser archäologisch wissenschaftlich arbeitet als durchschnittliche AutodidaktInnen; oder glaubt, dass man selbst in Bezug auf seine Fachkompetenz

minderwertig ist und keine bessere archäologische Arbeit leistet als beliebige, dahergelaufene DilettantInnen; muss man sich Sorgen machen, wenn auch nicht entsprechend fachliche ausgebildete BürgerInnen archäologisch forschen dürfen. Nur wer sich selbst, seine fachlichen Fähigkeiten, oder seine eigene Wissenschaft für unnötig hält, muss Angst davor haben, durch „HobbyarchäologInnen“ ersetzbar zu sein.

Wie stark dieser Minderwertigkeitskomplex im Fach verbreitet ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass ihn 4 der 5 „FachreviewerInnen“, die sich zu jeweils einem der drei genannten Artikel geäußert haben, durch die Verwendung der „HobbychirurgInnen“-Metapher ausdrücken. Zugegebenermaßen, 5 ReviewerInnen sind kein aussagekräftiges Sample, man kann daraus also nicht ableiten, dass 80% der ArchäologInnen an diesem Minderwertigkeitskomplex leiden. Trotzdem ist es bedenklich, nicht zuletzt, weil man dieses Argument ja auch sonst oft von KollegInnen hört, wenn man mit ihnen z.B. über archäologische Bürgerbeteiligung oder auch das sogenannte „Metallsucherproblem“ spricht.

Ende Teil VIII

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil VII, geschrieben von Raimund Karl

Samstag, 25. Februar 2017

HobbyarchäologInnen, Wissenschaftsfreiheit und archäologischer Totalitarismus

Jedenfalls gilt aber: um die Wissenschaftsfreiheit hinreichend zu gewährleisten, muss für jene, die wissenschaftlich anderer Meinung sind als „die Fachgemeinschaft“; die „Mehrheit der Fachgemeinschaft“ oder auch nur irgendwelche innerfachlichen oder außerfachlichen „Machthaber“,

genug überbleiben, damit sie weiterhin eine Chance haben, ihre Wissenschaftsfreiheit in diesem Bereich auch tatsächlich wahrzunehmen; d.h. archäologische Denkmale so erforschen zu können, wie sie es für richtig halten, ob uns das nun gefällt oder nicht. Bleibt für diese „Anderen“, diese „HobbyarchäologInnen“; die nicht bereit sind, sich freiwillig unseren Standards zu unterwerfen; sich so zu verhalten wie wir überzeugt sind, dass es aus archäologischer Sicht richtig ist; nicht genug über, dass sie weiterhin selbstbestimmt und selbstverantwortlich frei nach wissenschaftlicher archäologischer Erkenntnis suchen dürfen, dann gibt es die Wissenschaftsfreiheit im Bereich der Erforschung der archäologischen Denkmale nicht mehr: es gibt dann nur noch die Möglichkeit, Archäologie so zu erforschen, wie es einer bestimmten gesellschaftlichen Untergruppe gefällt, wie auch immer sich diese Gruppe dann zusammensetzt; und das ist dann eben keine uneingeschränkte Grundfreiheit mehr, kein besonders geschütztes Individualrecht, sondern eine zwangsweise Unterwerfung aller, die anderer Meinung sind, unter die Gewalt einer Machtmehrheit. Es ist dann nur noch dieselbe Freiheit, die auch jeder „Deutsche“ während der – wenigstens anfänglich bzw. ursprünglich auch durch einen demokratischen Mehrheitsentscheid legitimierten – Nazi-Diktatur im Dritten Reich hatte: die Freiheit, der Meinung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bzw. ihres Führers, des Österreichers Adolf Hitler, zu sein.

Der Kulturdenkmalschutz liefert also zwar durchaus eine Rechtfertigung, die Wissenschaftsfreiheit im Bereich der Archäologie bis zu einem gewissen Grad zu beschränken; aber eben nur bis zu einem gewissen Grad, denn die Wissenschaftsfreiheit beschränkt umgekehrt und weit wesentlicher die Möglichkeit des Kulturdenkmalschutzes, seinerseits die Wissenschaftsfreiheit zu beschränken. Der Kulturdenkmalschutz kann dies nur insoweit, als es zum Schutz der archäologischen Forschungsinteressen Dritter notwendig ist, aber selbst das auch nur soweit, als die als schützenswert bestimmten Denkmale vor allen gleichermaßen geschützt werden und als es im Vergleich mit dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit aller anderen, auch nicht besonders dazu ausgebildeter, Individuen verhältnismäßig ist. Gehen durch den Kulturdenkmalschutz zu rechtfertigen versuchte Beschränkungen der Wissenschaftsfreiheit, auch und insbesondere jener von HobbyarchäologInnen, über dieses Maß hinaus und versuchen die archäologische (Feld-) Forschung ausschließlich in die Hände und Verantwortlichkeit bestimmter, z.B. eben ein einschlägiges fachliches Universitätsstudium absolviert habender, „professioneller“ WissenschafterInner zu legen, die nach ganz bestimmten, von einer (Macht-) Mehrheit „professioneller“ WissenschafterInner festgelegten Methoden vorgehen müssen, sodass eben „Andersdenkenden“ die Ausübung der archäologischen Forschung gänzlich untersagt wird, dann befinden wir uns in einem facharchäologischen Totalitarismus, der schon allein aus wissenschaftstheoretischer, aber auch aus wissenschaftsethischer und noch mehr aus gesellschaftspolitischer Sicht gefährlich und daher radikal abzulehnen ist.

Diese radikale Ablehnung eines solchen Totalitarismus in unserem eigenen Wirkungsbereich ist schon alleine zu unserem Selbstschutz nötig. Denn ein solcher, archäologisch-wissenschaftlicher

Totalitarismus mag uns sehr gelegen kommen, solange wir die „archäologischen MachthaberInnen“ sind; nicht anders, als der Totalitarismus des 3. Reichs jenen ArchäologInnen gelegen gekommen ist, die vom ideologischen Programm und politischen Totalitarismus des Dritten Reichs und der damit verbundenen Aufwertung und Förderung der „Weltanschauungswissenschaften“ profitierten, darunter nicht zuletzt auch die gesamte (prähistorische) Archäologie als Fach (Hassmann 2000, 70-90). Aber er kann uns auch sehr leicht und sehr heftig auf den Kopf fallen, wenn sich die inner- oder außerfachlichen Machtverhältnisse in einer Weise ändern, dass wir plötzlich die Gewaltunterworfenen und nicht mehr die Gewaltausübungsbefugten sind.

Den Anfängen wehrt man am besten, bevor sie überhaupt entstehen können, insbesondere dann, wenn man selbst – als derzeitigeR MachthaberIn – die Möglichkeit hat, nicht nur schön von der

Freiheit“ zu reden, sondern diese auch tatsächlich durch seine eigenen Taten und Handlungen im eigenen Wirkungsbereich zu fördern, zu stärken und zu leben und damit gesellschaftlich stärker zu verankern. Erreicht man das, hat man nämlich eine weit bessere Chance, dass diese Freiheit, die wir gerade dann selbst brauchen, um der Aufgabe wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen auch unsererseits frei nachgehen zu können, wenn sich einmal die gesellschaftlichen Verhältnisse so geändert haben sollten, dass wir nicht mehr die „archäologischen MachthaberInnen“ sind, auch weiterhin erhalten bleibt.

Ende Teil VII