Archiv für die Kategorie ‘WeiberCraft’

Hanf – Das Kraut der germanischen Göttin geschrieben von Leilani

Samstag, 11. Mai 2013

Bereits seit 9000 Jahren wird Hanf als Heil- sowie Nutzpflanze kultiviert. Bereits früh wusste man um die psychoaktive Wirkung des Hanfs gut Bescheid. Im antiken Indien und Ägypten, wie auch im europäischen Raum, wurde Hanf neben seiner Verwendung als Rauschmittel bereits medizinisch eingesetzt. Er sollte bei Hypochondrie helfen und galt auch schon früh als „Frauenheilmittel“. Schnell war es auch allgemein üblich, Hanf zur Steigerung der Lust einzusetzen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Hanf - der auch bei dem Germanen als Liebeskraut und Aphrodisiakum galt – der germanischen Liebesgöttin Freya zugesprochen wurde. Da Freya die Göttin der Fruchtbarkeit, des Frühlings und Schutzgöttin des Lebens und der Ehe war, sollte Hanf den Menschen zu Fruchtbarkeit und Gesundheit verhelfen.

Cannabis plant, shot in, Himachal Pradesh, India by Subhashish Panigrahi

Sogar Hildegard von Bingen…

Am deutlichsten akzeptiert finde ich, wird in Esoterik-Kreisen die Wichtigkeit eines Krauts, wenn man folgende Tatsache anmerkt. Ich würde fast sagen, sie ist über alle Zweifel erhaben: Bereits Hildegard von Bingen lobte und nutzte die heilende Wirkung von Hanf.
Dass Hanf schon früh einen gewissen Wert hatte beweisen Funde aus dem 5. Jahrhundert vor Christus in Brandenburg. Dort wurden Hanfsamen (von Cannabis sativa) in der Asche einer Graburne aus Wilmersdorf nachgewiesen. Anscheinend wurden solche Samen bereits bei südgermanischen Stämmen in prähistorischer Zeit als Grabbeigabe verwendet. In den Gräbern fand man neben den Samen zudem Hanffasern sowie Blütenstänge. Hanf wurde bei den Germanen gemeinsam mit Nutzpflanzen wie Getreide und Gemüse auf Äckern angebaut. Er hatte den Namen hanapiz, heanep oder hanaf. Ein interessantes Detail am Rande ist, dass Hanf angeblich nur von Frauen ausgesät, gepflegt und geerntet werden durfte. Galt diese Regelung bereits dem Ursprung, dass der Hanf der Liebesgöttin zugeordnet war, oder wurde uns ob unserer zarten Hände und der Kenntnis um den großen Wert des Hanfes das Vergnügen zuteil, die „Herrinnen des Hanfes“ zu werden? Leider konnte ich keine Aufzeichnungen dazu finden, ob auch die Mondphasen oder ähnliche äußere Einflüsse, die Art des Anbaus oder vielleicht der Ernte, mitbestimmten. Es heißt aber, dass sowohl Aussaat und Ernte von erotischen Ritualen begleitet wurden.

Mehr als nur ein Rausch

Hanf galt aber nicht nur als Faserlieferant. Er wurde als Aphrodisiakum sowie Heilmittel eingesetzt. Hanfstengel nahmen auch eine wichtige Rolle in der Austreibung des Winters ein. „Man legt einen solchen Stengel quer auf zwei Gartenböcke, schnellt ihn mit einer Gerte in die Luft … Diese fliegenden Hanfstengel stellen die Pfeile des Frühlings dar, durch die der Winter fortgeschossen wird.“ (A. R. von Perger, 1864).

Im Mittelalter wurde Hanf meist wegen des Hanföls angebaut, ein Fastenfett. Aber auch das Hanföl (Oleum cannabium) wurde gerne zu medizinischen Zwecken verwendet und wohl besonders eingesetzt bei Nervenschmerzen, Koliken, Magenkrämpfen und Verhärtung des Uterus und zwar indem man die betroffene Stelle damit einrieb. In Deutschland wurde zudem im 19. Jahrhundert der Gebrauch von Hanf als psychoaktives Aphrodisiakum explizit empfohlen. Natürlich schrieb man dies damals den serbischen Zigeunern in die Schuhe und war der Meinung, diese würden die Hanfblume gepulvert und gemeinsam mit Menstruationsblut vermischt einnehmen. Hanf wurde nur zu gern bei Liebeszaubern eingesetzt. Der deutsche Arzt Dr. Georg Friedrich Most beschrieb in seinem damals einflussreichsten „Arztbuch“, der „Encyklopädie der gesammten Volksmedicin“, bereits die vielseitige und wunderbare Wirkung der Hanfpflanze, von der Wurzel bis zur Blüte.

Sonnen- und Schattenseiten eines Krauts

Ebenso diente Hanf, wie andere Pflanzen, denen eine Fruchtbarkeits-steigernde Wirkung zugesprochen wurde, als Heiratsorakel. Da vielleicht ein paar der jungen Damen gerne wissen möchten, ob und wen Sie einmal heiraten werden, bin ich relativ sicher, dass sich nun einige der LeserInnen auf dem Weg zur nächsten Hanfstaude befinden um diese eingehend zu befragen. Aber all jene, die das Kraut lieber rauchen oder daraus Hosen weben möchten, anstatt ein gesittetes Gespräch mit eben diesem zu führen, müssen an dieser Stelle nicht verzweifeln. Wie wir wohl alle wissen kann ein guter Rausch sowohl beim Erkennen eines potentiellen Liebespartners, sowie beim Liebesakt selbst, Wunder bewirken. Wie immer gilt hier auch hier: die Dosis macht das Gift. Auch dies war bereits früh bekannt: „Übrigens hat dieser Missbrauch des Hanfes doch auch, wenn er zu lange fortgesetzt wird, Dummheit, Blödsinn und große Körperschwäche zur Folge“ (Dr. Georg Friedrich Most). Dummheit – wir können das in vielerlei Hinsicht interpretieren. Wer hat sich denn nicht schon mal am nächsten Morgen gewünscht, er hätte sich weniger intensiv dem Rauschmittelchen hingegeben und mehr darauf geachtet, seine kognitiven Fähigkeiten weiterhin an erster Stelle zu wissen. Wo der Alkohol einen – zumindest in der eigenen Wahrnehmung bis zu einem gewissen Punkt unangefochten gültig – zum Superhelden mutieren lässt, trägt der Genuss von Hanf tatsächlich (oder sollte ich sagen angeblich?) zu einer übertriebenen Liebesfähigkeit bei, die durchaus dazu führen kann, mit sich und der Welt dermaßen im Einklang zu sein, dass selbst hartgesottene Sarkasten Gefahr laufen, sich taumelnd in Glück und Liebe zu verlieren. Wie gefährlich dieses Kraut sein kann, bemerkt man wohl erst, wenn am nächsten Morgen das gegenüber im Lichte des Tages eine nicht mehr allzu aphrodisierend anmutende Wirkung besitzt. In diesen schweren Momenten kann man nur hoffen, noch eine Dosis griffbereit zu haben. Sofort sind alle Zweifel ausgeräumt und man kann sich langsam an die Entscheidungsfindung der letzten Nacht erinnern. Darf man als emanzipierte Frau so etwas sagen? Von schlechten One Night Stands sprechen und davon, wie kleine Rauschmittelchen einem die Entscheidung abgenommen haben? Nehmen wir es doch heute mal nicht so genau. Hallo also, Göttin der Liebe, dir sei der Hanf gewidmet, du wusstest wohl schon immer was gut ist. Die Schande liegt nun auf unserer Seite, denn wir können wohl nicht mehr allzu gut mit diesem Geschenk umgehen.

Theodor_von_Hörmann_Hanfeinlegen

Hier noch ein paar angebliche Hausmittelchen, basierend auf Hanf:

Pomade für den Haarwuchs
Zutaten
- ca.120 Gramm Hühnerfett
- ca.120 Gramm Hanfsamenöl
- ca.120 Gramm Honig
Alle Zutataen mischen und so lange rühren, bis sich eine schöne fette Pomade ergibt. Den Kopf damit 8 Tage hintereinander einreiben.


Noch ein weiteres Rezept für den Haarwuchs
Zutaten
- 2 Handvoll Wurzel des weißen Weinstocks
- 2 Handvoll Wurzel vom Hanf
- 2 Handvoll Kohlstrünke
Alle Zutaten trocknen und dann verbrennen. Aus der Asche eine Lauge machen und vor dem Waschen des Kopfes mit dieser Lauge den Kopf mit Honig massieren. Dies sollte man 3 Mal hintereinander tun an jedem zweiten Tag.

Quellen:
„Heimische Pflanzen der Götter“, Erwin Bauerreiß, 1995

Die Göttin in der Schweiz – eine Spurensuche – Teil II geschrieben von Nepthis

Samstag, 29. Dezember 2012

Maria, Madonna, Herrin über Leben und Tod

Auf den ersten Blick hat die Maria, wie wir sie aus dem Katholizismus kennen, wenig mit der machtvollen Göttin zu tun. Doch in der Schweiz  und in vielen andere Ländern gibt es einen ausgeprägten Madonnenkult. So spricht Margrit Rosa Schmid in ihrem Bericht „Schwarz bin ich und schön –Das Geheimnis der Schwarzen Madonna“ (2002) von mehr als hundert „Schwestern“ der Schwarzen Madonna von Einsiedeln. Diese wird seit über 600 Jahren mit Wallfahrten verehrt. Und dies nicht nur von Christen, auch Tamilen sehen in Ihr eine Göttin, „ihre Schutzgöttin der verlassenen Heimat“, wie Schmid schreibt. Jedes Jahr kommt auch eine Gruppe von Sinti und Roma zur Wallfahrt nach Einsiedeln. Sie mussten zehn Jahre für dieses Recht kämpfen und vor zehn Jahren konnten sie endlich zum ersten Mal ihre Madonna offiziell besuchen.

Doch wer ist diese schwarze Madonna? Eine ihrer Schwestern trägt einen Schwarzmondmantel und ist in Loretto, Italien zu finden. Dargestellt wird Sie oft auch als Himmelskönigin. Die Statue, die in Einsiedeln zu sehen ist, wurde während der Reformation entführt und als „heidnische Diana“ „verhöhnt“. Die Schwarzen Madonnen wurden verbrannt oder weiß übermalt und immer wieder verboten. Doch irgendetwas ist an dieser Schwarzen Madonna, daß das Volk Ihr immer treu geblieben ist. Und das obwohl, oder vielleicht gerade weil, es sich bei der Madonna nicht um „eine ausschliesslich demütig dienende und anspruchslose Maria“ handelt. Dies zeigt am eindrücklichsten die historisch gut dokumentierte Geschichte vom Marienbrunnen von Luther Bad. 1583 stand Jakob Minder wegen sechsfacher Kindstötung in Willisau vor Gericht. Seine Kinder waren alle innerhalb eines Jahres verstorben. Doch er wurde freigesprochen, denn dem Tod der Kinder ging ein wundersames Ereignis voraus. Er träumte in der Nacht auf Pfingstsamstag 1581 von der Schwarzen Madonna von Einsiedeln. Diese riet ihm, an einem bestimmten Ort zu graben: „Du wirst dort eine Quelle finden. Wasche dich mit dem Wasser und du wirst geheilt sein.“ Tatsächlich wurde er so von seiner Gicht befreit und viele andere Menschen kamen, um das heilkräftige Wasser zu trinken. (Schmid zitiert eine ältere Frau, die noch 1978 durch das Wasser der Quelle von Schmerzen geheilt wurde.) Doch im Traum hatte die schwarze Madonna auch gesagt: „ Ich werde deine Kinder innert Jahresfrist versorgen. Ich werde Mutterstelle an ihnen annehmen.“ Diese Begebenheit zeigt die ambivalente Seite der Göttin. Sie gibt nicht nur Leben, Sie nimmt es auch. Sie ist Herrin über Leben und Tod, die dunkle Mutter.
Verena vom Guggisberg

Als Göttinnengläubige gehört für mich der Tod also zum Leben mit dazu. Auch er ist göttinnengegeben und so verdränge ich Gedanken an den Tod nicht, sondern weiß bereits jetzt, dass ich eine Beisetzung in einem Friedwald möchte und dass Verena, eine meiner ältesten Freundinnen dabei das Guggisberglied singen wird. (Wer es sich einmal anhören möchte)

Doch wer ist diese im Lied erwähnte Verena? Sie findet sich in sehr vielen schweizerischen Volkslieder und auch viele Orte in der Schweiz sind nach ihr benannt, wie sich im Buch von Kurt Derungs „Der Kult der heiligen Verena: Auf den Spuren magischer Orte und Heilkräfte“ (2007) nachlesen lässt. Der Name Verena könnte von Venus oder von Freja stammen, viel wahrscheinlicher aber ist der Ursprung Belena/Bhelanna wobei keltisch Bhel für weiss und wir mit Anna wieder bei der Göttin Aubeth wären, die wie gesagt aus anderen Sagen bekannt ist.


Göttinnenglauben heute

Ich habe also die Spuren der Göttin doch noch gefunden. Zu verdanken ist dies den Historikerinnen, die genau hingesehen haben. Und natürlich auch den „aufmüpfigen feministischen Theologinnen“, die dafür „aus den Kirchen ausgeschlossen wurden“, Lehraufträge verloren und kein Geld mehr bekamen, wie Schmid berichtet. Nur weil sie es wagten, eine Verbindung zwischen der schwarzen Göttin und der Schwarzen Madonna herzustellen. Schmid berichtet weiter: „Durch das jahrhundertelange Redeverbot innerhalb der Kirche hatten die Frauen ihren Blick längst nach innen gerichtet und der dunklen Göttin zugewandt.“ Die Göttin wird auch als „Frau Weisheit“ in der Philosophie verehrt und als Shekina im Jüdischen, ist aber auch „unter dem Schleier“ zu finden, zum Beispiel als Fortuna in so manchem Namen von Fußballvereinen. Ich bin den Spurensucherinnen vor mir dankbar. Und es erzürnt mich, dass noch 1986 die evangelische Theologin Elga Sorge ihre Lehrerlaubnis verlor, weil sie z.B. ein „Mutterunsere“ schrieb, wie Edith Franke in ihrem Buch „Die Göttin neben dem Kreuz“ (2002) berichtet. Und doch gehe ich, und viele andere mit mir, noch einen Schritt weiter. Wir brauchen die Göttin und den Gott. Doch wir verehren sie nicht in Kirchen. (Außer wir sind gerade auf einer Wallfahrt nach Einsiedeln)
Wir leben unser Leben nicht nach dem Kirchenjahr, sondern nach dem keltischen Jahresrad. (Was uns nicht daran hindert, nach Jul gleich noch Weihnachten zu feiern.) Wir träumen von einem Göttinnentempel in der Schweiz, so wie es in Glastonbury bereits einen gibt. Wir wollen neue Spuren der Göttinnenverehrung hinterlassen. Und Sie begegnet uns. Als Bergsteigerin auf einer Hütte, wie Luisa Francia in „Mond Tanz Magie“ (1986) schreibt. Oder als Teilnehmerin an einer Pagan Federation Konferenz. Denn in meiner Religion gilt der indische Gruß: Namaste. Ich grüße das Göttliche in dir. Und so erkennen wir die Göttin auch in anderen Menschen, egal ob sie auch auf den Spuren der Göttin sind oder nicht.

Die Göttin in der Schweiz – eine Spurensuche – Teil I geschrieben von Nepthis

Samstag, 08. Dezember 2012

In diesem Artikel berichtet Nepthis über ihren Vortrag über die Göttin in der Schweiz, den sie Anfang Oktober anlässlich der Pagan Federation Konferenz hielt. Sie erzählt von ihrer Spurensuche, von ihrer Begegnung mit der Göttin und von den historischen Erscheinungsformen der Göttin in der Schweiz.

Die Göttin in der Schweiz- eine Spurensuche

Vortrag anlässlich der ersten Pagan Federation Konferenz in der Schweiz

Manchmal übt man einen Vortrag so oft, dass man bei Vortragen dann den wichtigsten Satz vergisst. So erging es mir bei meinem Vortrag während der ersten Pagan Federation Konferenz in der Schweiz, die am 6. und 7. Oktober 2012 stattfand: „Wir befinden uns in Biel, eine Stadt, deren Namen man von Belena ableiten kann, also wahrscheinlich auf Verena zurückzuführen ist, von der ich in meinem Vortrag berichtet habe. Vielleicht spürt ihr ja genauso wie ich, dass dieser Ort hier kein Zufälliger ist.“ Doch möglicherweise war dieser Hinweis von meiner Seite her gar nicht nötig, denn offensichtlich spürten es die über vierzig Menschen, die aus verschieden Ländern zu dieser Konferenz zusammengekommen waren. Denn die Göttin ist immer noch da. Es braucht nicht viel, um dies zu erkennen. Aber doch einigen Aufwand, Sie oder besser gesagt Ihre Spuren zu finden.

Warum es (nicht) einfach ist, die Göttin zu finden

Mir war es wichtig, einen Vortrag zu halten, der zwar geprägt von meiner Weltsicht und inspiriert von meiner Religion ist, aber doch auf wissenschaftlichen Fakten gründet. Wo konnte man historisch gesehen die Göttin finden? In welcher Gestalt wurde Sie in der Schweiz verehrt? Ich begann meine Suche in der Bibliothek der theologischen Fakultät Zürich, zu der auch der Bereich Religionswissenschaft gehört, suchte dann weiter in der Zentralbibliothek Zürich und danach noch in der Bibliothek der historischen Fakultät. Doch ich fand kaum etwas. Wie war dies möglich? Erst jetzt begriff ich so langsam, dass mein Weltbild (katholisch-feministisch erzogen, naturreligiös) immer noch irgendwie exotisch ist. Ich dachte an den Moment zurück, als ich 2008 die Ausstellung „Gott weiblich“ in Fribourg besuchte und feststellte, welche Sensation für viele diese Ausstellung war, während ich nur immer dachte: Das ist doch alles schon länger bekannt. Der Katalog dieser Ausstellung befand sich immerhin bei den drei Büchern, die ich bei meiner Literaturrecherche fand. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt, beschloss dann aber, aus meiner eigenen Bibliothek mehr oder weniger wissenschaftliche Literatur heranzuziehen. Doch natürlich blieb der Fingerzeig nicht aus. Warum suchte ich Sie denn in Büchern? Ich lief durch den Lichthof der Universität Zürich und da war Sie: Ein wenig kopflos zwar, aber immerhin beschirmte Sie mich mit Ihren Flügeln: Die griechische Siegesgöttin Nike. Und während ich noch über Alma Mater nachdachte und mein Mittagessen bezahlte, fiel mein Blick auf die Münzen: Da, auf der größeren war Helvetia abgebildet. Eine Göttin, die es streng genommen „nie“ gegeben hat, aber die doch offensichtlich für unseren Wohlstand sorgt. Und auf dem „Füfi“, der zurzeit kleinsten Münze, der Kopf der Göttin Libertas. Offensichtlich war es doch einfach, Sie zu finden. Doch seit wann war Sie denn im Gebiet der heutigen Schweiz bekannt?

In einem Land vor unserer Zeit …

Wie die Figuren belegen, die auch im Museumskatalog von Othmar Keel der Ausstellung „Gott weiblich“ abgebildet sind, gibt es Spuren einer Göttin, die mehrere Zehntausend Jahre alt ist. So zum Beispiel die sogenannte Venus vom hohlen Fels. Wie in einem anderen Vortrag während der Konferenz von Marco Nektan berichtet, gab es auch im Balkangebiet bereits in frühster Urzeit Göttinnen, wie diverse Funde belegen. Doch wenn man sich die Karte der Fundstätten der Venus-Figurinen in Europa im Buch „Die Göttin“ von Husain Sharukh ansieht, fällt einem auf, dass im Gebiet der heutigen Schweiz keine Funde verzeichnet sind, dafür umso mehr in Frankreich. Ob die Göttin in jenen Zeiten also auch hier im Gebiet der heutigen Schweiz verehrt wurde? Sicher ist, dass wir Ihre Spuren in der keltischen Zeit finden. Die dreieinige Göttin wurde von den Kelten als Epona, Dana und Artio verehrt, also als weiße Jungfrau, rote Mutter und schwarze Alte. (Es handelt sich meines Erachtens übrigens um eine Vierheit, denn natürlich gehört auch die Dunkelmondin dazu, nur dass Sie als Todin unsichtbar bleibt.) Diese finden wir in alten Sagen als Ambeth, Borbeth und Wilbeth wieder. So spricht in einer der von Robert Hermann Seiler, einem Schweizer Sagenforscher, im Buch „Bärwolfgeschichten“(1977) „die dritte der drei Frauen“: Ja, ich bin Wilbeth, die Mutter des Mondes.“ Im katholischen Volksglauben überlebten die Beten als die drei heiligen „Madl“: Margareta, Barbara und Katharina.

Römische Religion als Privatsache?

Nach den Kelten kamen die Römer ins Gebiet der heutigen Schweiz und führten die heute noch lebendige Tradition ein, Münzen mit dem Gesicht der Göttin zu prägen. Nur dass auf der anderen Seite nicht wie heute üblich eine Zahl stand, sondern das Gesicht des aktuellen römischen Herrschers. So fanden sich Claudius/Minerva- und Caligula/Vesta-Münzen. Doch nicht nur Geld brachten die Römerinnen und Römer mit, sondern offenbar auch die Verehrung der Göttin Isis. So wurde mündlich überliefert, dass auf dem Isenberg im Knonauer Amt ein Tempel der Isis gestanden hätte. Hans Trümpy stellte aber in seinem Bericht „Die Göttin Isis in schweizerischen Sagen“ ( 1986) fest, die gefunden Mauerreste seien kein Tempel, sondern gehörten zu einer römischen Villa, es sei also nur ein privates Heiligtum gewesen. Immerhin hinterließ dieser eine private Tempel einen solchen Eindruck, dass, wie Trümpy ebenfalls berichtet, noch 1729 in der Gegend das Sprichwort galt „dass sie von einem, der sich aus der Kirchen verschlägt, sagen, er seye in Iselis Kirchen gewesen.“ Und an einem anderen Ort, in Otelfingen gab es wohl 1918 immer noch alte Bäuerinnen, die im Isenbühl einen Stein oder eine Handvoll Erde auf das Grab einer Heidenfrau namens Isis warfen. Ein weiterer Hinweis auf die Verehrung der Göttin Isis in der Schweiz in römischer Zeit ist die Isis-Inschrift in Baden. Sie war also doch hier. Doch was geschah in der nachrömischen Zeit?

Mittelalter und heute

Lassen wir unseren Blick über die heutigen Landesgrenze hinwegsehen, dann finden wir in Bayern eines der schönsten Zeugnisse für die Verehrung der Göttin im Mittelalter: Es ist dies die Carmina Burana (ungefähr 11. – 13. Jahrhundert). Darin wird Fortuna, die Glücksgöttin erwähnt, die sich wie der Mond verändert und natürlich Venus, die Göttin der Liebe: „ Quidquid Venus imperat labor est suavis.“ „Was auch Venus befiehlt, ist süßes Bemühen.“ Und im Christentum? Lässt sich Maria als Göttin sehen? Ist sie denn eine würdige Nachfolgerin der Dreieinen? Kann es in monotheistischen Religionen überhaupt eine Göttin geben? Die drei Töchter Allahs, die im Koran in Sure 53,13 erwähnt sind, Al – Lat, al – Uzza und Manat gelten nach offizieller muslimischer Lesart als Eingebung Satans. Im Alten Testament wird die Göttin Isthar zwar erwähnt, aber immer nur als Gefahr, als eine, die die Menschen vom rechten Glauben abbringt. Doch jede Theologiestudentin heute weiß, dass Inschriften belegen, dass JHW nicht alleine war: Erwähnt wird immer wieder Seine Aschera. Doch die einzige Frau, die in der katholischen Kirche wichtig ist, ist nicht Aschera, sondern Maria.

Ende Teil I

Frauenkreise – weibliches Empowerment, Ausschlüsse und die Zukunft.

Samstag, 28. Juli 2012

In diesem Artikel möchte ich über eine spannende Entwicklung reden, die ich in den letzten 10 Jahren in der feministisch/linken “Frauenszene” mitbekommen habe, über ein Thema, das gerade letztes Jahr in der US-amerikanischen Heidenszene angestossen wurde und seitdem heiß diskutiert wird. Die Frage ist, wie Frauengruppen/Frauenräume/Frauenkreise damit umgehen, dass Menschen zunehmend weniger gezwungen sind, ihre Geschlechtsidentität auf ihr bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht abzustimmen, und dass Geschlecht und die Geschlechtsidentität öffentlicher als vordem zu etwas wird, was Menschen selbst bestimmen wollen und auch bestimmen.

Also, konkret heisst das, dass es nicht mehr so einfach und selbstverständlich gesagt ist, wer oder was eine Frau ist. Und Kreise und Räume, die vor 10-12 Jahren noch selbstverständlich als Räume für Frauen und Kreise für Frauen verstanden wurden, erzeugen auf einmal Ratlosigkeit, verändern sich, oder – das gibt’s natürlich auch – tun so, als wäre alles beim Alten und versuchen, die Entwicklungen so gut wie es geht an sich vorübergehen zu lassen.

Ich möchte in diesem Artikel von meiner subjektiven Wahrnehmung des Themas ausgehen, da ich nicht die Zeit hatte, die Diskussion in den USA erschöpfend zu behandeln, weil ich wahrscheinlich auch in Theorien von Gender und Geschlechtsidentität nicht auf dem neuesten Stand bin, weil ich seit 2-3 Jahren wenig in heidnischen Frauenkreisen unterwegs bin und auch an der queerfeministischen Szene und ihren Diskussionen eher passiv-bloglesend beteiligt bin, was mich nicht gerade zur Fachfrau für das Thema Aus- und Einschlüsse von Trans*menschen in irgendwelchen (heidnischen) Szenen macht.

Ich möchte den Artikel trotzdem schreiben, gerade als cis-weibliche, heterosexuelle Verehrerin der Göttin, weil ich mit der Frage von Spiritualität und dem oft in der spirituellen Szene grassierenden Biologismus, mit Gender und Frauenspiritualität schon ganz lange ringe und die Entwicklung vom Frauenraum/Frauenkreis hin zu einem offeneren, aber nicht weniger kraftvollen feministischen Raum total spannend finde.

weibercraft gender2

Ich hatte in meinem Leben eigentlich zwei Frauengruppen, die jeweils 2-3 Jahre Bestand hatten, die für mich sehr prägend waren. In der einen habe ich so gut wie alles begriffen, was ich über Feminismus, Queer Theory und Gender weiß, in der anderen habe ich so gut wie alles gelernt, was ich über Rituale und praktische Magie weiß. Leider ist es bis heute nicht drin, mir all das in einer einzigen Gruppe vorzustellen, aber wer weiß. Die eine Frauengruppe war ein studentisches Projekt, das sich die Aufgabe gestellt hatte, Frauenräume zu erforschen, es fand Ende der 90er Jahre statt. Die meisten von uns erforschten “herkömmliche” Frauenräume. Frauenzentren, autonom oder nicht, Frauencafés. Ein einziges Team von uns hatte sich die Aufgabe vorgenommen, einen neuartigen Raum zu erforschen: Ein Frauencafé hatte sich umbenannt in “Genderfuck-Café” und seine Räumlichkeiten unter feministisch-queeren Vorzeichen für alle möglichen Geschlechter geöffnet. Weil es das in Berlin, unserer Stadt, nirgends gab, musste das kleine Forscherinnenteam extra nach Bremen fahren, um dieses neuartige Genderfuck-Café zu sehen. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass das altehrwürdige Frauenzentrum bald auch bei uns seine Vorreiterrolle an queerfeministische, geschlechtsverwirrte Räume abgeben würde. Und ich hätte nicht gedacht, wie nett diese Praxis für mich als heterosexuelle “herkömmliche” Feministin noch werden würde.

Ich weiß natürlich nicht, wie lange und in welchem Umfang diese Fragen, die wir uns in unserem Forschungsprojekt stellten, schon in welchen Kreisen behandelt wurden. Aus dem luftleeren Raum kamen sich sicher nicht. Für mich waren sie eine neue Perspektive auf das Thema feministisches Empowerment. Und zunächst waren diese Fragen auch beängstigend und furchtbar unbequem. Denn, feministisches Empowerment war mir ein großes Anliegen, und darum ging es mir auch in meiner Spiritualität. Meine Göttinnenspiritualität hat mich als Frau gestärkt und ich musste zu einer Zeit in meinem Leben erstmal all den Dreck überwinden, den junge Frauen fressen müssen, wenn sie feststellen, daß ihnen zwar alles an Gleichheit und Freiheit versprochen wird, aber die Brüderlichkeit weiter eine solche ist, und sie weiter als Menschen zweiter Klasse behandelt und aus der Bruderschaft der “richtigen Menschen” ausgeschlossen werden. Und in dieser Situation fand ich das kontraproduktiv und sogar feindselig, wenn “wir Frauen” unsere Räume öffnen sollten für Andere, und sei deren Anliegen noch so politisch sinnvoll.

Mit diesen Ängsten war ich nicht alleine. Eine Frau aus dem Forschungsprojekt fragte bei einem Lesbenprojekt an wegen Sponsoring/Förderung des Projekts, und eine der Fragen, die zurückkamen an uns, war in etwa.. “Seid ihr welche von diesen Dekonstruktions-Schlampen?”
Damit waren die feministischen Kräfte gemeint, die die Kategorie Geschlecht als soziale Konstruktion hinterfragten und angriffen und demontieren wollten, und die damit auch die nach Geschlechtern getrennten Räume schlicht in Frage stellten. Was in der Folge ja auch geschah. In unseren Forschungsfragen kam zum Beispiel auch immer die Frage vor, wie die Frauen in den jeweiligen Frauenräumen damit umgingen, wenn Personen unklaren Geschlechts vor der Tür standen oder wenn sie unsicher waren, ob die Personen, die in die Frauenräume wollten, Frauen waren oder nicht. Und inwiefern Trans*frauen in den jeweiligen Räumen willkommen waren oder nicht. Wir haben uns durch das damals noch facebookfreie Internet gelesen und uns auf statischen bunten Webseiten darüber informiert, was Transgender ist. Und letztendlich haben wir uns alle auf eine Forderung geeinigt, die wir auf der Internetseite von Leslie Feinberg fanden:
Dass es nicht darum geht, dass sich Menschen gleichen biologischen Geschlechts, oder gleicher sexueller Orientierung zusammentun sollen, um für ihre Sache getrennt einzutreten (z.b. die Frauenbewegung getrennt, die Schwulen/Lesben getrennt, letztere vll. auch bei den Frauen, die Schwulen alleine oder mit den Trans*leuten oder die auch für sich..usw.) sondern daß es darum geht, zu erkennen, dass es viele marginalisierte Positionen gibt, und dass diese sich verbünden könnten. Trotzdem ist dann nicht alles ein bischen bluna und jeder mit jeder verbündet, sondern es gibt ganz klar eine hegemoniale Position und diese wird als solche analysiert. Es hiess nicht mehr: “Die unterdrückten Frauen gegen die bösen Männer” sondern es wurde klar, es gab viele verschiedene Weiblichkeiten und Männlichkeiten, und die politischen Allianzen verliefen dann entlang anderer Linien. Es hiess dann: “feministische Menschen aller möglichen Geschlechter gegen die Herrschaft der hegemonialen Männlichkeit”.

Politisch gesehen, war das für mich in Ordnung, denn es blieb feministisch und es blieb letzten Endes der große linke Traum von der Gleichberechtigung und der Freiheit aller Menschen. Super. Das war also alles schick und okay. Auf dem Gebiet der Spiritualität war ich zu der Zeit (und später auch noch) so drauf, dass ich dem Ab- und Entwerten des Weiblichen die Heiligkeit und Ganzheit des Weiblichen entgegensetzen musste und wollte. Und das wollte ich mit Frauen tun. Zumindest wollte ich das nicht mit Männern tun, die aus ihrer privilegierten Position heraus ein wenig aus Spass mit der Göttin befassen wollten. Ich habe mich dann auch entsprechenden Gruppen angeschlossen und mit ein paar wenigen anderen Frauen auch selbst ein Ritualgrüppchen gebildet, das chaosmagisch unterwegs war. (Da chaosmagisch aber ein Begriff ist, bei dem mensch immer an eine bestimmte magische Richtung denkt, sollte ich lieber sagen, wir arbeiteten schamanisch. Was so auch nicht komplett stimmte. Vielleicht sollte ich chaotisch-intuitiv-schamanisch dazu sagen.) Diese Gruppen waren toll für mich und meine persönliche Entwicklung. Und trotzdem bin ich heute in fast keiner dieser Gruppen mehr aktiv.
Ich glaube, dass der Grund dafür der ist, dass meine Erkenntnisse und Erleuchtungen aus der anderen Gruppe, dem Frauenraum-Forschungsprojekt nämlich, sich auf die Dauer zu wenig in die heidnischen und hexischen Frauenkreise integrieren liessen. Dort gab es zwar hier und da Lesben, aber das hauptsächliche Gesprächsklima wurde von heterosexuellen Bildern und Symbolen durchzogen, und auch die Göttinnenbilder waren oft mit Bildern von Schwangerschaft und Mutterschaft verquickt. Von unserem chaos-schamanischen Feierzirkel abgesehen, waren mir manche “althergebrachte” Biologismen wirklich unbehaglich in diesen Frauenkreisen. Aber gut, ich war ja schon dankbar dafür, dass im Zentrum dieser Spiritualität wenigstens nicht ein Besamungsakt stand. (Und ich schreibe hier absichtlich nicht “Befruchtung”, denn Befruchtung ist zu neutral, man kann das auch unsexuell auffassen, und das hätte den Punkt nicht rübergebracht.) Und was mir auch unbehaglich war, war die Frage nach der Weiblichkeit und wonach sich eine Frau in diesen Kreisen eigentlich definierte. Ein paar Mal kam das Thema am Rande auf, was eigentlich wäre, wenn denn Trans*frauen mitmachen wollen, aber da das eigentlich nicht der Fall war, verlief das Thema immer mangels Interesse im Sande.
Ich schrieb ja “eigentlich”. Denn einmal gab es ja den Fall, dass ich jemanden zu einem Ritual einladen wollte, und diese Person war halt biologisch nicht weiblich. Das wurde dann von einer anderen Frau abgelehnt, mit etwa diesen Worten: “Wenn wir das machen, dann müssten wir ja alle Männer zulassen, und das will ich nicht.”
Also das “dann könnte ja jeder kommen”. Der Konflikt spitzte sich dann nicht weiter zu, da der Ritualkreis sich aus anderen Gründen zu der Zeit schon in der Auflösung befand und es dann gar keinen Kreis mehr gab, zu dem “ja jeder hätte kommen können”, aber da war es wieder, das Problem: Für meine Hexenschwester gab es nur “uns Frauen” (die mit Möse und Gebärmutter) und “die Männer” (die mit dem Schwänzchen dran). Fertig war die Laube. All das andere, das Unbestimmte, das genauso und sogar noch stärker Marginalisierte und Schlechtgeredete, was einem Empowerment und einer spirituell heilsamen Atmosphäre noch stärker bedurft hätte als unsere Weiblichkeit, das gab es schlicht für sie gar nicht. Und eine solche (aus meiner Perspektive angestaubte) Sichtweise war für die heidnischen Frauenkreise, wie ich sie kannte, sehr typisch und prägend.

Und hier sind wir nun bereit zum Sprung über den großen Teich, nach Kalifornien, USA. Dort hatte sich im Februar 2011 nach einem dianischen Ritual auf der Pantheacon, zu dem nur biologisch weibliche Frauen willkommen waren, eine Diskussion über Ausschlüsse und Allianzen, und über den Platz, den die Heidenszene Trans*leuten bietet, entzündet, die eigentlich bis heute weitergeht. Als ich da in die Blogosphäre reinlas, war ich sehr positiv angetan, dass in den USA die Genderdiskussionen weitaus stärker in der Heidenszene angekommen waren, als das meinem Eindruck nach hier der Fall war, wo sich der Großteil der Pandea-Frauen nach wie vor in der Illusion sonnt, die mit der Möse sind halt die Frauen und die mit dem Schwänzchen sind die Männer und das wäre schon alles, was man wissen muss.

Deswegen würde ich gerne im nächsten Teil von der Kontroverse auf der Pantheacon, bzw. dem, was ich davon so gelesen habe, erzählen, und danach überlege ich mir, wie ich mir eine Praxis von Frauen*spiritualität vorstelle, die feministisch ist, die einen “Safe space” vor ignoranter, hegemonialer Männlichkeit bietet, aber offen ist für Frauen* jeglichen Geschlechts und Menschen die sich vielleicht auch nicht darauf festlegen lassen wollen, eine Frau zu sein und sich anderweitig definieren.
Naja, letzteres wird mir wahrscheinlich nicht gelingen, das wäre ja die eierlegende Wollmilchsau. Aber nicht zufällig sind es Frauenkreise und dianische Traditionen, die sich jetzt mit dieser Frage konfrontiert sehen. Das ist schlicht und einfach “unser” Problem als craftende Weiber in den nächsten Jahren, wie unsere Räume und Kreise mit offeneren Konzepten von Geschlechtlichkeit kompatibel sein werden.

weibercraft gender1

Kleiner Exkurs: Es ist unser Problem und nicht das von z.B. Männergruppen, die nicht in dem Maße analog zu Frauengruppen existieren. Der Grund dafür ist, dass Frauen- und Männergruppen nicht in einer symmetrischen, analogen Situation sind, sondern dass ein Machtgefälle und Machtstrukturen existieren, die bestimmen, dass nicht näher definierte Räume automatisch Räume sind, in denen “das Männliche” die Norm und daß Maßgebende ist. Damit ist der “default” Raum automatisch schon ein Männerraum, und es gibt natürlich auch weniger Bedürfnisse nach zusätzlichen Männerräumen bei Männern (ausgenommen marginalisierte Männlichkeiten, wie z.b. schwule Männlichkeiten). Das muß mit bedacht werden, denn es geht ganz klar um die Allianzen und Ausschlüsse in Räumen von marginalisierten Gruppen, ob das Frauen* sind oder queere Menschen oder People of Color, oder Räume von queeren Women of Color. Insofern hatten einige Dianic Elders die Frage schon richtig auf den Punkt gebracht bei der Pantheacon 2011, dass immerhin die einzigen Räume auf dem Spiel stünden, in denen Frauen* etwas “eigenes” hätten. Aber auf welchem Spiel stehen sie? Ich glaube nämlich nicht, dass wir Dianics/Pandea/Göttinnenkult-Anhängerinnen (und damit meine ich in diesem Moment die “herkömmlichen” cis-weiblichen spirituellen Gruppen und Räume) Macht verlieren, indem wir zu anderen marginalisierten Gruppen Querverbindungen und Allianzen schmieden.

Doch dazu geht es weiter im nächsten Teil, in dem es um die Ereignisse auf der Pantheacon gehen wird und folgenreiche Äusserungen der berühmten dianischen Hexe Z. Budapest.

Links und Quellen:

Burning Times – Mythos oder Realität? Teil 12 – von Mara

Samstag, 25. Februar 2012

7. Fazit

Die Frage der Interpretation der Hexenverfolgung ist ein zentraler Punkt in ideologischen Auseinandersetzungen. Hatten wissenschaftliche Forschungsergebnisse der 70er und 80er Jahre in Teilen noch neuheidnische Positionen begünstigt, so erleben wir nach dem weitgehenden Verebben der Frauenbewegung einen massiven Rollback.

Ziel christlich orientierter Wissenschaftler wie Behringer und Wiedemann ist es, die „Mythen“ des Neuheidentums und der Frauenbewegung zu „widerlegen“ und diese Richtungen insgesamt als reaktionär und faschistisch zu diskreditieren. Darauf können neuheidnische Gruppen und Personen unterschiedlich orientieren.

Jedidjah de Vries trennt in ihrem Artikel „Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern“ (2010) eine wissenschaftliche Wahrheit von einer spirituellen. Während sie aus spiritueller Sicht den Mythos von den Burning Times sinnvoll hält, bezeichnet sie ihn als nicht real. Die amerikanische Wicca Jenny Gibbons geht sogar noch weiter und übernimmt unbesehen alle Ergebnisse konservativer Hexenforscher. Sie scheut sich nicht einmal, „Mythen des Neuheidentums“ ausgerechnet auf der streng katholischen Seite Kreuz.net zu „wiederlegen“ (vgl. Gibbons 2006).

Kreuz.net steht ultrakonservativen katholischen Netzwerken nahe, die einen christlichen Gottesstaat errichten wollen und die unverhohlen frauenfeindliche, antisemitische und homophobe Positionen vertreten (vgl. Jellen 2010). Diese Webseite steht eigentlich für alles, was naturreligiöse Menschen zutiefst ablehnen. Ich gehe mal davon aus, dass Jenny Gibbons von diesem erschreckenden Hintergrund der Seite nichts wusste. Andererseits ist es bezeichnend, welche Gruppen ein Interesse an einer Revision der Hexenvorstellungen haben.

MartinM von Nornirs Aett bezieht sich ebenfalls völlig unkritisch auf Rummel, ohne dass ihm offensichtlich bekannt wäre, dass es in der Hexenforschung auch noch andere Ansichten gibt (Levack, Barstow). Ja schlimmer noch, seine These des überschätzten Hexenhammers übernimmt er fast wortwörtlich aus der Wikipedia. Mit der Hexenbulle hat die Kirche entgegen seiner Darstellung durchaus eine dogmatische Lehrentscheidung getroffen, die dem damaligen Konsens der Theologen entsprach.

Auch stimmt es nicht, dass Kramers Frauenfeindschaft im Vergleich zu anderen Theologen außerordentlich groß war. Zahlreiche frauenfeindliche Aussprüche des Hexenhammers stammen vom Heiligen und Kirchenlehrer Thomas von Aquin. Schließlich hat er sich bereits ausführliche mit Succubi und Incubi, also dem Beischlaf von Menschen mit Dämonen beschäftigt; er war genauso wie Kramer besorgt um Verzauberungsimpotenz (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 273ff, 338ff).

Des Weiteren ist es nicht belegt, dass Heinrich Kramer fälschlicherweise Jacob Sprenger als Koautor bezeichnete. Die ältesten Ausgaben enthalten überhaupt keine Autorennamen. Das wäre nach der Denkweise der Scholastik auch irrelevant gewesen. Erst in einer Ausgabe von 1519, als beide Männer bereits tot waren, wurden Kramer und Sprenger als Koautoren genannt (vgl. Behringer 2000, DirectMedia CD Hexen, S. 3574, vgl. MartinM 2010).

Die Ethnologin Birgit Neger fordert denn auch in ihrer Untersuchung der österreichischen Neuheidenszene ganz offensiv ein, dass sie sich von „Mythen“ verabschieden und anerkennen müssen, dass Wicca und andere neuheidnische Gruppen „Erfindungen“ der Moderne seien. Insbesondere sollen die Neuheiden vom Mythos der Burning Times Abstand nehmen (vgl. Neger 2009, S. 38ff).

Ich bin aber davon überzeugt, dass sich viele der „Widerlegungen“ konservativer Wissenschaftler auf lange Sicht genauso als Übertreibungen, als extremer Ausschlag des Pendels in eine andere Richtung herausstellen werden, wie einige Formulierungen von Feministinnen und neudheidnischen AutorInnen. Dieser Artikel kann allerdings nur auf einige kritische Punkte hinweisen. Es wäre sinnvoll, sich mit den Argumenten von Behringer, Rummel und Co. noch intensiver auseinanderzusetzen, als es hier möglich ist.

Ich denke, die in der Einleitung genannten Fragen können vorläufig wie folgt beantwortet werden: Es ist richtig, dass es in West- und Mitteleuropa wohl keine organisierte heidnische Opposition gegen das Christentum gab. Allerdings sind in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Erkenntnissen zum Überleben heidnischer Mythen und ggf. auch Ritualen im christlichen Mittelalter bekannt geworden (Forschungen von Ginzburg und Timm).

In den Hexenverfolgungen wurden zwar nicht Millionen sondern „nur“ 60.000 bis 100.000 Frauen und Männer grausam ermordet. Mindestens 80% der als Hexen getöteten Personen waren Frauen. Es wurden nicht explizit AnhängerInnen heidnischer Glaubensrichtungen verfolgt (solche gab es nicht mehr, selbst die Mailänderinnen Sibillia und Pierina bezeichneten sich als Christinnen), aber unter den getöteten Frauen waren viele Heilerinnen, wenn diese auch nicht die Mehrheit der Verfolgten stellten.

Die extreme Frauenverachtung der Kirchen ist nicht allein für die Hexenverfolgungen verantwortlich, aber ohne sie wäre sie in diesem Umfang auch nicht denkbar gewesen. Die Hexenverfolgung war eine wichtige Ursache dafür, dass der gesellschaftliche und ökonomische Status der Frauen in der frühen Neuzeit weiter zurückging. Sie erweist sich als eine Form der Krisenbewältigung auf Kosten der Frauen. In diesem Sinne sind die „Burning Times“ leider kein Mythos, sondern historische Realität.

Fussnoten und Quellen (in d. Reihenfolge der Erwähnung im Artikel)

  • Jedidjah de Vries: Magie wirken – das Patriarchat zerschmettern, 2010, im Internet: http://www.wurzelwerk.at/thema/weibercraft42.php
  • Jenny Gibbons: Die unterschlagene Revolution, 2006, im Internet: http://www.kreuz.net/article.3415.html
  • Reinhard Jellen: „Vom Weltjudentum gesteuerte Attacke auf Kirche und Papst“, in: Telepolis vom 15.12.2010, im Internet: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33835/1.html
  • Brian P. Levack: Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 2003
  • Anne Llewellyn Barstow: Witchcraze, San Francisco 1994
  • Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich, München 2004
  • Wolfgang Behringer und Günter Jerouschek: Einleitung zum Hexenhammer, in: DirectMedia CD Hexen, Berlin 2003 (Erstausgabe 2000)
  • MartinM: Heinsohn – vom “Entfant terrible” der Hexenforschung zum “Klassenkämpfer von oben”, 2010, im Internet: http://www.nornirsaett.de/heinsohn1/
  • Birgit Neger: Moderne Hexen und Wicca, Wien, Köln, Weimar 2009
  • Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten, Stuttgart 2006
  • Carlo Ginzburg: Hexensabbat, Berlin 2005

Dieser Artikel ist ein Mehrteiler.
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