Archiv für die Kategorie ‘Aussichten & Einsichten’

Burn on statt Burn out – Teil II, geschrieben von Mike

Samstag, 16. Juni 2018

Wenn wir wirklich für etwas brennen, dann fühlen wir uns selten überfordert, sicher manchmal erschöpft, ja, angenehm erschöpft vielleicht, weil wir auch bei diesem Tun Energie einsetzen, sehr viel sogar, aber durch die Begeisterung bekommen wir auch etwas zurück, wie Kinder beim Spielen. Kinder. Überhaupt ein gutes Beispiel. Kleine Kinder tun keine Sekunde lang etwas, das ihnen nicht richtig Spaß macht. Ist etwas uninteressant, wird es sofort fallen gelassen. Deswegen verfügen sie auch über soviel Energie, die sie den ganzen Tag vibrieren lässt. Aber irgendwann geraten auch diese lebendigen Aktivitätsmaschinen ins Stocken. Meist mit dem Eintritt in das Schulsystem. Weil es plötzlich nicht mehr möglich ist, den Alltag frei nach Lust und Laune zu gestalten. Und dann? Macht sich immer öfters Müdigkeit breit. Langeweile. Lustlosigkeit. Weil wir auch lernen müssen, Dinge zu tun, die wir nicht unbedingt wollen. Das bremst den Flow. Aber müssen wir das wirklich? Ja, bis zu einem gewissen Grad. Vielmehr geht es um die Balance. Wer acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, Dinge tut, die keinen Spaß machen, wenig mit der Persönlichkeitsstruktur, mit den Begabungen und dem individuellen Potential zu tun haben, der darf sich nicht wundern, wenn er müde ist, selbst wenn die eigentlichen Anforderungen dieses Tuns nicht unbedingt schwer belastend sind. Deswegen wird in Bezug auf Burnout oft auch von Bored out gesprochen. Der Geist ist über-, die Seele unterfordert. Der Geist verglüht, ohne dass die Seele jemals gebrannt hat.

An der International Academy for Hara Shiatsu arbeiten wir in einem Fachpraktikum mit Burnout-KlientInnen. Shiatsu sucht in der Behandlung den Weg über den Körper und das System der Meridiane ist die Brücke zur Psyche. Als ich als Leiter und Initiator mit diesem Projekt anfing, war ich über die Resultate unserer Diagnose überrascht. Bei 90% der KlientInnen war der Kopf müde. Aber der Körper immer noch voller Energie, Energie, die sich nie wirklich entladen konnte, Energie, die wie Wasser hinter dem Staudamm der ungenutzten Möglichkeiten zurückgehalten und durch die lange Nichtbewegung brackig wurde. Bei den meisten Behandlungen ging es daher nicht darum Energie aufzubauen, sondern freizusetzen, gezielt freizusetzen, denn Energie braucht eine klare Richtung, ansonsten zerstreut sie sich oder wartet in den Startlöchern auf das richtige Signal. Das macht auf die Dauer müde, das macht auf die Dauer mürbe. Um dieser Energie jedoch eine konstruktive Richtung zu geben, muss man zuerst wissen, was man will. Um zu wissen, was man will, muss man wissen, wer man ist. Und hier, genau hier, beginnt die Burnout-Prävention. Und die Burnout-Heilung.

Wer bin ich? Was will ich? Wie erreiche ich meine Ziel?

Wer bin ich? Das ist eine gute Frage, die man psychologisch, philosophisch oder praktisch angehen kann. Psychologisch und philosophisch ist die Frage nicht wirklich geklärt. Und die Antworten nicht eins zu eins alltagstauglich. Daher lieber praktisch. Praktisch heißt: Was zeichnet mich aus? Welche Talente und Stärken habe ich? Was macht mir Spaß? Wo sitzt meine Leidenschaft? Was sind meine Träume? Unsicherheit oder Unklarheiten in Bezug auf diese Frage unterhöhlen das Selbstwertgefühl. Und ein schwaches Selbstwertgefühl ist immer noch eine der besten Eintrittskarten in das Burnout-Theater. Weil wir in diesem Fall für Anerkennung vieles, wenn nicht sogar alles tun würden. Wir wollen uns im Leben nicht beweisen. Wir müssen uns beweisen, um Bestätigung zu bekommen. Der deutsch-amerikanische Psychologe Herbert Freundenberger, der 1974 den Begriff Burnout salonfähig gemacht hat, stellte ein zwölfstufiges Burnout-Modell in den Raum, dass die progressive Entwicklung des Symptoms in Phasen deutlich macht. Erste Phase: Der Zwang sich zu beweisen. Was folgt: Vermehrter Einsatz, Vernachlässigung von Bedürfnissen, Umdeutung von eigenen Werten, in weiterer Folge Rückzug bis hin zum völligen Zusammenbruch. Entscheidend ist wie oft der erste Schritt, weil dieser die Weiche stellt. Wenn jemand seine Kompetenzen und Stärken nicht kennt, können Selbst- und Fremdbild auseinanderklaffen und verhindern, dass jemand seine Fähigkeiten, Stärken und Talente wirksam einsetzt. Es entsteht Reibung. Oder Druck. Weil das innere Potential mit dem äußeren Tun in ein Spannungsfeld gerät. Das ist weit verbreitet. Wir spüren das. Nicht ohne Grund explodiert die Anzahl an Personen, die sich eine Auszeit nimmt, ein Sabbatical-Jahr oder unbezahlten Urlaub. Um wieder mehr in Kontakt zu kommen, mit sich selber. Wer in Kontakt mit sich selbst ist, kann sich besser steuern. Wer sich besser steuert, muss sich nicht zwanghaft beweisen. Und weiß, wann die Balance zwischen Einsatz und Ressourcen nicht mehr schlüssig ist. Der Forscher June Tangney hat herausgefunden, dass die Fähigkeit der Selbstregulierung stark negativ mit den meisten Merkmalen des Burnout-Syndroms korreliert. Und: Das Konzept der Selbststeuerung scheint zahlreiche, empirisch belegte positive Auswirkungen auf die Überwindung des Burnout-Syndroms zu haben.

Wer weiß, wer er ist, weiß auch, was er will. Ziele sind der schnellste Weg aus der emotionalen Müdigkeit heraus, sofern sie mit den inneren Werten übereinstimmen. Je klarer das Ziel, desto direkter der Weg dorthin. Ein gutes Ziel erkennt man daran, dass es zugleich begeistert und herausfordert. Ein gutes Ziel lässt uns brennen ohne zu verbrennen. Ein gutes Ziel lässt uns Sorgen und Schwierigkeiten vergessen. Ein gutes Ziel macht uns wach. Haben Sie ein gutes Ziel?


Was kann ich tun?

Tipps gegen Burnout finden Sie im Web zuhauf: Auszeiten nehmen, Nein-Sagen, sich selbst belohnen, FreundInnen treffen etc… Das ist alles gut, das ist alles richtig. Und je nach Stadium des Burnouts, sollte auf jeden Fall auf externe Hilfe zurückgegriffen werden. Aber: Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, packen Sie das Übel direkt bei den Wurzeln. Denn sonst sind auch die besten Tipps nicht mehr als ein Tropfen auf den erhitzten Stein. Nehmen Sie sich ernst. Es ist ihr Leben. Was wollen Sie? Wirklich? Was wollen Sie arbeiten? Wie wollen Sie leben? Was wollen Sie erreichen? Diese Fragen erfordern etwas, dass in der heutigen Gesellschaft selten geworden ist: Mut. Zeit. Und Entschlusskraft. Nehmen Sie sich Zeit, lassen Sie sich Zeit. Und lassen Sie sich nicht mitreißen von dem kollektiven Wahnsinn, der im stetigen Mehr den einzigen Schlüssel zur Erfüllung sieht. Vielmehr: Seien Sie kompromißlos. Und warten Sie nicht auf den Ruhestand, um ihren Träumen nachzujagen. Das einzige Heilmittel gegen die sich immer breiter machende kollektive Müdigkeit ist Aktivität. Aktivität in dem Sinne, aus einer nicht fruchtbaren passiven Rollen auszusteigen und das Ruder am eigenen Schiff zu übernehmen. Was zeichnet ihr Schiff aus? Wohin soll die Reise gehen? Dazu müssen Sie nicht immer gleich das ganze Leben umbauen. Ein großes Feuer beginnt auch mit einem kleinen Funken. Dieser aber will geschürt werden. Finden werden Sie den Funken dort, wo sich ihre Leidenschaft verborgen hält. Für was auch immer. Fangen Sie genau dort an. Jetzt.

„Hexenmystik“ 6, setzen!, geschrieben von Johanna

Samstag, 19. Mai 2018

„Hexenmystik“ 6, setzen! oder: ein Leserinnenbrief zu „Esoterik und Feminismus: Hexenmystik als emanzipatorische Praxis?

Eine bekennende Atheistin, die über Esoterik und magische Praktiken schreibt, ist m. E. vergleichbar mit einer Veganerin, die über Schlachtmethoden der örtlichen Großmetzgerei berichtet oder einer Schulmedizinerin, die gegen Homöopathie hetzt – immanente Meinungsmache ist in allen drei Fällen vorprogrammiert. Aber dass es gleich sooooo polemisch wird… („Tut das Not?“ hätte meine heidnische Großmutter gefragt…)
Warum die Autorin praktizierende Esoterikerinnen, Kartenleger und Hexen a) in einen Topf wirft und b) als unterprivilegiert bezeichnet, ist mir als Leserin nicht nur unverständlich – es bürstet mich auch stark gegen den Strich! Offenbar ist die Schreiberin des Artikels auch gegen Bachblüten und homöopathische Medizin eingestellt. Polemische Journaille anstatt neutraler Berichterstattung – nun gut oder eher schlecht, das gibt es ja leider oft, und polarisierende Schwarzweiß-Malerei scheint gerade „in“ zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, was dieser Artikel bezwecken soll, außer die darin „Niedergemachten“ (Hexen, Esoterikerinnen, Kartenleger etc.) zu provozieren und aus der Meditation zu reißen, damit sie mit der Faust auf den Tisch schlagen, was ich hiermit tun will – nein, Frau Kuhnen, so nicht, und schon gar nicht mit mir!

Ich bin Hexe, Priesterin der Göttin, schamanisch Praktizierende, Autorin, Kartenlegerin, durch Homöopathie und Bachblüten Geheilte und passe damit vermutlich in viele der bunten Schubladen, die Sie gern zudrücken würden. Das geht allerdings bei mir gar nicht, irgendein verquerer Zipfel von mir wird immer wieder raushängen… Sie glauben also, einzelne Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm angehören, die sich mit Dingen beschäftigen, die Ottilie Normalbürgerin (an die sich das Magazin „Siegessäule“ allerdings doch wohl eh nicht richtet?) könnten nichts bewirken? Da liegt der Irrglaube auf Ihrer Seite… aber ich vermute, Sie haben Sekundärliteratur bemüht, statt aktive Feldforschung zu betreiben. Das dauert ja auch so lange und ist so unbequem…

Hokuspokus und andere Mythen

Sie erwähnen z. B. „Hokuspokus“ – das entstammt der christlichen Messe aus einer Zeit, als sie noch (um „Unterprivilegierte“ vom Verständnis abzuhalten – na, merken Sie was?) in lateinischer Sprache abgehalten wurde. „Hoc est corpus meus“ sagte der Priestermann, „dies ist mein Leib“ – beim Abendmahl. Der bildungsferne Zuhörer, durch Stellwände ins seitliche Kirchenschiff abgedrängt, sah fast nichts und verstand nur „Hokuspokus“. Viel mehr haben Sie meiner Vermutung nach von dem, was wir Hexen heute praktizieren, wohl auch nicht verstanden…

Wir glauben zum Beispiel nicht an ein „fremdbestimmtes Schicksal“ – um es mit Asterix zu sagen (auch wenn er nicht queer oder LGBT ist): „Bleichgesicht Biberzahn irrt sich im Kontinent“, bzw. in der Religion. Heutige (und auch historische) Hexen bestimmen ihr Leben selbst – dazu gehören durchaus Mittel, die den Herrschenden und den „Normalbürgern“, so es die denn gibt, suspekt erscheinen mögen, wie Kartenlegen, Rituale, Beten an und Gespräche mit den jeweiligen persönlichen Göttinnen und Göttern.
Wenn die Mondin im Uranus steht, verschwinden leider weder Patriarchat, Sexismus oder schlechter Journalismus, sonst müsste ich diesen Leserinnenbrief gar nicht schreiben…

Sie greifen zwar munter in die Geschichtskiste, haben aber offenbar keinen Überblick über aktuelles religiöses Geschehen der Kirche – der Papst höchstselbst hat sich für die Morde an den Frauen, die als Hexen verunglimpft worden waren, entschuldigt. Das Rauschen im virtuellen Blätterwald, das hierdurch verursacht wurde, hat Sie, Frau Kuhnen, offensichtlich nicht erreicht. Mitnichten gibt es übrigens eine Verbindung vom spitzen Judenhut zum Hexenhut – letzterer entstammt der Zunft der Bierbrauer im Mittelalter. Dazu brauchte man Kräuter, und Hexen kennen und nutzen solche… aber das wissen Sie ja sicherlich bereits, das kennt man doch vom Hörensagen, gell!?

Zur Hexenverfolgung sei ferner angemerkt: Bei weitem nicht nur Frauen fielen den Hexenjägern und -richtern zum Opfer. Ihr Anteil lag in Deutschland im Zeitraum von 1530 bis 1730 bei 76 Prozent, in manchen Regionen, zum Beispiel im Bereich des Pariser Appellationsgerichts, sogar bei „nur“ 50 bis 60 Prozent. Während in katholischen Regionen bis zu dreißig Prozent der Hingerichteten Männer waren, verringert sich ihr Anteil in protestantischen oder reformierten Gebieten (England, Schottland, Schweden oder Niederlande) auf zehn bis 15 Prozent. Einer der Gründe für den weiblichen Überhang: Die im katholischen Bereich maßgebliche Bibelübersetzung Vulgata übersetzt die Stelle 2. Mose 22,18 mit „Die Zauberer sollst du nicht leben lassen“, die Lutherübersetzung (in Anlehnung an den hebräischen Text) hingegen: „Die Hexen sollst du nicht leben lassen“.
Ob sie Kinder aßen oder nicht – das allein genügte schon, Ihr Vergleich ist also ziemlich an den Hexenhaaren herbeigezogen.

Ebensolches gilt für den Vergleich der Verfolgung der Hexen mit dem Antisemitismus: Der Vorwurf des Schadenszaubers wurde in vielen Fällen vorgeschoben, wenn man die Menschen wegen anderer Taten nicht belangen konnte. Diebstahl, Sodomie, Alkohol-und/oder Drogenmissbrauch – auch in solchen Fällen kam es zu Anklagen wegen Hexerei. So, wie Richter ihre Anklage teilweise frei konstruierten, so folgten auch die „Besager“, also die Denunzianten oder „Zeugen“, nicht selten eigenwilligen, oft eigennützlichen Zielen: der Wunsch nach Scheidung, die frühere Verfügung über einen Erbteil, der Besitzerwerb von Nachbarn, Befriedigung persönlicher Rachegefühle, Ausschaltung von Konkurrenten um Wirtschaftsmonopolrechte, Sühne nicht verfolgter anderer Verbrechen. Und so manche Kirchengemeinde ist ihren Pfarrer, der in einem skandalösen Konkubinat lebte, mithilfe eines Hexenprozesses losgeworden.
Fazit: Juden und Hexen waren unbeliebt bei vielen „Normalbürgern“ der damaligen Zeit, aber die einen haben nicht zwingend mit den anderen zu tun außer Mitglieder einer Randgruppe der Gesellschaft zu sein. Und: nicht überall, wo Hexe draufstand, war auch Hexe drin…

Warum Sie Hexen und Esoteriker unter einen Hut stecken, erschließt sich mir ebenso wenig wie 99 % Ihres Artikels. Die eine hat mit dem anderen so viel zu tun wie eine Kuh mit Radfahren. Wikipedia schreibt dazu: „Heute wird „Esoterik“ weithin als Bezeichnung für „Geheimlehren“ verstanden, wobei es sich laut Antoine Faivre de facto allerdings zumeist um allgemein zugängliche „offene Geheimnisse“ handelt, die sich einer entsprechenden Erkenntnisbemühung erschließen. Nach einer anderen, ebenfalls sehr geläufigen Bedeutung bezieht sich das Wort auf eine höhere Stufe der Erkenntnis, auf „wesentliches“, „eigentliches“ oder „absolutes“ Wissen und auf die sehr vielfältigen Wege, welche zu diesem führen sollen.“ Hexen folgen keiner Geheimlehre – das Wissen ist überall zugänglich, sowohl durch Bücher als auch tatsächliche Personen, und Hexenkreise nehmen neue Mitglieder auf, ich empfehle hier doch etwas mehr Praxis!

Über die „Matriarchatsmythen“ ziehen Sie natürlich auch her, ich habe, als ich mich durch Ihren Artikel gequält habe, schon darauf gewartet – und jaaa, da kam die Erwähnung dann ja auch. Wenn Sie sich mit der Vorstellung anfreunden können, dass Frauen durchaus als ernstgenommene Wissenschaftlerinnen ernst genommen werden, empfehle ich Ihnen die Lektüre der Werke von Marie P. König, Marija Gimbutas, Heide Göttner-Abendroth u.v.m. Oder, hier kommt wieder die Feldforschung und Praxis herein: Hexentipp! Verbringen Sie doch den nächsten Urlaub mal nicht auf Malle, sondern bei den Mosuo in China, dort wird man Ihnen gern gelebtes Matriarchat zeigen! Vielleicht bekommen Sie sogar einen Zuschuss zum Bildungsurlaub!? Und wir danach ein besseres Essay?

Matriarchat is nicht?!

Dass Sie sich die Muttergöttin nicht als Identifikationsfigur vorstellen können, siedelt auf demselben Ast, auf dem neben Ihnen als Atheistin auch die Schulmedizinerin sitzt, die in Globuli unwirksame Geldverschwendung sieht. Ich sehe mich übrigens – wie 99,99% meiner Mithexen – nicht als „in eine jahrtausendealte Opfertradition eingebettet“.
Nö. Nichts könnte mir ferner sein! Hexen handeln selbstbestimmt, holen sich Unterstützung unter ihresgleichen (ja, die wilden Walpurgisfeiern gibt es immer noch!) und bei den Göttern, Geistern, Pflanzen, Tieren, Steinen, ganz normalen unhexischen Menschen übrigens ebenfalls, egal welcher Couleur und welchen Glaubens… aber auch bei Rechtsanwälten, Heilpraktikern und den Medizinern, die den Körper als mehr ansehen als die Summe seiner Teile.

Das Hexenbild, das Sie im Kopf haben, ist schon sehr „quer“ und leider sehr platt.
Wir „glauben“ auch nicht an Zauberkräfte – wir haben sie. Ich „glaube“ auch nicht an den öffentlichen Personennahverkehr, ich nutze ihn. Letzteres hilft dem bestehenden System, klar, ersteres aber nicht. Magische Veränderungen geschehen seltenst mit Donnerschlag und publikumswirksamem Tamtam – die Welt wird LEISE aus den Angeln gehoben, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Beteiligten. Fragen Sie doch mal eine Hexe, ich kann Ihnen in Berlin einige empfehlen…

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet Atheismus eine „widerständige Option“ sein soll?

Zwar kamen, historisch betrachtet, Atheisten oftmals in Konflikt mit bestehenden Systemen, und Atheismus war ferner Bestandteil der marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin, aber der wahre Revoluzzergeist will mir hier nicht wirklich erscheinen, egal wo die Mondin gerade steht… Wenn Glaube Berge versetzen kann, warum sollte ich dann Atheismus befürworten? Natürlich sind Hexen mit Selbstheilung beschäftigt (unter anderem, und mit vielen Dingen mehr!). Das heißt aber nicht, dass wir weltvergessen Bauchnabelschau betreiben und uns um diese kranke Gesellschaft einen Dreck scheren!
Das gesunde Prinzip, zunächst vor der eigenen Tür zu kehren, bleibt nicht am Hexenbesen hängen. Wer sich selbst heilen kann, braucht dafür niemand anderen zu instrumentalisieren, ist unabhängig und schwer regierbar. Hexen haben Macht durch (die Götter, die Magie), nicht über…

Hexen und ihre Selbstbestimmung sind unbequem und für das bestehende gesellschaftliche System durchaus gefährlich – seit vielen tausend Jahren, ganz ohne Romantik, Geschichtsklitterung und „Emanzipation durch Esoterik“.

Schlussendlich muss ich sagen, ich habe selten außerhalb der Zeitung mit den Großbuchstaben so einen schlechten Artikel gelesen (und die Länge macht ihn nicht besser). In diesem Falle tue ich es meinen Hunden gleich und pinkele – virtuell natürlich – an die „Siegessäule“ für diese Veröffentlichung.
Johanna Klapper

Burn on statt Burn out – Teil I, geschrieben von Mike

Samstag, 03. Februar 2018

Die rasant zunehmende Zahl an Burnout-Fällen ist die Kehrseite einer immer kompromissloseren Leistungsgesellschaft. Das eigentliche Problem ist jedoch: Wir brennen nicht, wir verkohlen. Wollen wir der inneren Erschöpfung entkommen, müssen wir erst recht ein Feuer in uns entfachen. Das Heilmittel gegen Müdigkeit ist Aktivität.

„Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag
in deinem Leben mehr zu arbeiten.“
Konfuzius

copyright Mike

Das ist schon interessant: Auf der einen Seite kann ein Halbtagsjob zu schwerem Burnout führen. Auf der anderen Seite gibt es Personen, die 60, 70 oder sogar 80 Stunden arbeiten und dabei noch aufblühen. Der Zeitfaktor alleine kann also nicht ausschlaggebend sein, um unsere Energie-Resservoires sukzessive aufzubrauchen. Und natürlich: Zeit ist relativ, sowieso. Tätigkeiten die uns erfüllen, die uns positiv fordern, die uns in einem rauschartigen Flowzustand versetzen, vergehen wie im Flug, während die Beschäftigung mit Belanglosigkeiten die Zeiger auf der Uhr oft zum Stillstand zwingt.

Burnout ist ein Phänomen, das sich schwer greifen lässt

… außer an dem Umstand, dass es immer mehr Leute betrifft und mittlerweile Dimensionen erreicht hat, die auf individueller als auch auf volkswirtschaftlicher Ebene äußerst ernst zu nehmen sind.
Eine aktuelle Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hat gezeigt: In der Schweiz fühlen sich rund anderthalb Millionen Menschen an ihrem Arbeitsplatz häufig gestresst. Innerhalb von zehn Jahren hat diese Zahl um fast ein Drittel zugenommen. Das kostet die Volkswirtschaft mehrere Milliarden Franken pro Jahr, durch Krankenstände oder Leistungsabfall am Arbeitsplatz.
Ein Zeitgeistphänomen unserer Leistungsgesellschaft
Die Zukunftsprognose: Düster. Weil es eben nicht immer nur schneller, weiter, höher und besser gehen kann, die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen aber genau dies vermehrt einfordern, jeder muss sehen wo er bleibt, immer noch vorne blicken, keine Möglichkeit zum Stillstand, vor allem in Zeiten, in denen klassische Sicherheiten kontinuierlich wegzubrechen drohen, denn egal ob beruflich oder privat, der Lebenslauf 2.0 ist geprägt von Geschwindigkeit und zwingender Flexibilität, bis hin zum nicht mehr auf das Parkett der guten Verträglichkeit legenden Spagat zwischen allen möglichen und unmöglichen Anforderungen des Alltags, des Berufes und des Beziehungslebens.

Bei stetig steigendem und omnipräsenten Druck, schon beginnend in der Schule, nein, sogar schon im Kindergarten. Die Ich-Gesellschaft wird vermehrt zur Ellenbogengesellschaft und wer sich nicht zeitig profiliert, bleibt früher oder später auf der Strecke. Immer weniger Personen werden mit immer mehr Arbeit eingedeckt. Man kann das Gewinnoptimierung nennen. Der Rest muss sich mit nicht ganz freiwillig erwünschter Umstrukturierung auseinandersetzen.
Und auch das ist interessant: Selbst unter Arbeitslosen ist Burnout weit verbreitet, denn der existentielle Stress, nichts tun zu können, wird oft als genauso schlimm erfahren wie dauernd tun zu müssen. Burnout kann daher durchaus als Zeitgeist-Phänomen betrachtet werden, als den individuellen Kollaps, der zum Ausdruck bringt, was früher oder später auch unsere extrem leistungsorientierte Profitgesellschaft an sich treffen wird. Die eine oder andere wirtschaftliche Krise hat ja schließlich schon an die Tür geklopft.
Aber Krisen wird ungern das Tor geöffnet. Vielmehr werden alle Reserven mobilisiert, um sich dagegen zu stemmen und sie ja nicht hereinzulassen. Wobei gerade die Auseinandersetzung mit der Krise die Lösung wäre.

Das aus dem altgriechischen stammende Wort Krise bedeutet (Ent)scheidung, entscheidende Wende. Das Potential einer Krise ist: Umzudenken. Neue Wege einzuschlagen. Sich vom dem zu scheiden, was sich als nicht konstruktiv erwiesen hat. Und somit eine entscheidende Wende einzuschlagen. Burnout-Zustände sind eine persönliche Krise. Aber anstatt alles daran zu setzen, wieder fit zu werden, um genau den Weg weiter zu verfolgen, der direkt in die Krise geführt hat, sollte man diese als Chance sehen, entscheidende Wenden einzuleiten. Wenden, die eigentlich schon viel früher hätten passieren sollen.
Denn warum brennen wir überhaupt aus?

Hitze entsteht durch Reibung und Druck. Simpel auf den Punkt gebracht: Hitze entsteht meist durch Reibung oder durch Druck. Wir laufen heiß, wenn es im Leben nicht reibungslos läuft. Wir laufen heiß, wenn wir mit zu viel Druck umherlaufen. Und Reibung kann es auch bei einem 20 Stunden Job geben. Druck kann es auch bei gar keinem Job geben.
Die moderne Burnout-Forschung spricht bei Burnout begünstigenden Faktoren von geringen Entfaltungsmöglichkeiten oder Handlungsspielräumen, von Überengagement und Perfektionismus, von mangelnden Stressbewältigungsmechanismen, schlechtem Betriebsklima, fehlenden Zielvorgaben oder zu hohen Erwartungen an sich selbst. Aber: Es geht um Reibung, es geht Druck. Und das über einen längeren Zeitraum, wir sprechen von Monaten und Jahren. Wenn wir uns immer wieder entfalten wollen, aber nicht können, dann reiben wir uns am Widerstand heiß. Oder an den KollegInnen. Oder am Partner.
Aber: Im Endeffekt brennen wir dabei gar nicht wirklich, wir verkohlen nur, ganz langsam, und zerbröseln schließlich. Denn wenn wir wirklich für etwas brennen, wenn das Feuer der Leidenschaft die treibende Kraft für unser Tun ist, und nicht die engen Zielvorgaben der Abteilungsleitung oder des internen, vielleicht durch die elterliche Erziehung oder die Schule oder den gesellschaftlichen Konsens in das eigene System implementierten Kritikers, dann geht es uns im Regelfall auch gut.

Ende Teil I

Das Ziel ist der Weg, geschrieben von Mike Mandl

Samstag, 30. Dezember 2017

Simon Matzinger

Wer das Setzen von Zielen auf Kosten des Weges vernachlässigt liegt genau so falsch wie die Person, die den Weg auf Kosten des Zieles opfert. Es braucht Ziele. Es braucht Wege. Das ist das Yin und Yang des Gehens…

Im internationalen Ranking gerne zitierter Lebensweisheiten nimmt der dem chinesischen Gelehrten Konfuzius zugeordnete Spruch „Der Weg ist das Ziel“ definitiv einen Spitzenplatz ein, wenn nicht sogar die führende Position. Kein Lebenshilferatgeber kann ohne ihn. Kein Tagessprüchleinkalender kann ohne ihn. Kein Managerseminar kann ohne ihn. Keine von Räucherstäbchen geschwängerte Facebook-Seite kann ohne ihn. Kein es gut meinender, im Endeffekt jedoch tendenziell aufdringlicher, da immer und unaufgefordert mit klugen Ratschlägen um sich schmeißender Halberleuchteter kann ohne ihn.

Natürlich, die Essenz der „Der Weg ist das Ziel“-Aussage hat ihre Berechtigung. Denn der ausschließliche Fokus auf ein Ziel macht uns oft blind für das, was links und rechts neben dem Wegesrand gedeiht. Wer allzu überengagiert die große Karriere, den tollen Erfolg, das ultimative Erlebnis oder die Weltherrschaft anvisiert, dem fällt es oft schwer, den Prozess dorthin zu genießen. Der ständige Fokus auf die Zukunft verhindert die Gegenwart. Permanentes Wollen steht in Opposition zum entspannten Sein. Haben müssen nimmt dem könnenden Werden die Offenheit und den Weitblick, beides immer wieder notwendig, um zu überprüfen, ob der mittels einengender Willenskraft eingeschlagene Weg nicht doch schon längst in eine Sackgasse führt. Oder in den Untergang. Siehe Wirtschaftswachstum. Siehe Finanzsektor. Siehe Bitcoin. Siehe Kapitalismus generell. Ein allzu stur eingebildetes Ziel rechtfertigt jedoch fast jedes Mittel. Hindernisse am Weg werden einfach platt gewalzt. Oft muss sogar die Realität ein bisschen nachjustiert werden, müssen offensichtliche Zusammenhänge ignoriert werden, um überfällige Kurskorrekturen zu vermeiden. Auf Kosten vieler. Auf Kosten vieler Einzelner. Siehe Klimawandel: So schlimm ist das ja gar nicht. Hat es ja schon immer gegeben. Vielleicht ein bisschen extrem zur Zeit, das Wetter und so, aber unsere Öl-Gesellschaft wäscht sich diesbezüglich gerne die schmutzigen Hände mit dem Weihwasser des Konsumdiktats: Profit. Das Ziel um jeden Preis?

Nein. Da tut es dann schon gut, manchmal auch ein bisschen lockerer zu lassen und sich am Geschehen und nicht nur am Ergebnis zu erfreuen. Da ist es hin und wieder sogar mehr als notwendig, stehen zu bleiben und sich umzuschauen, zu reflektieren und sich gegebenenfalls neu zu orientieren. Aber in unserer leistungs- und spaßorientierten Manie wollen wir ja immer nur so schnell wie möglich irgendwo ankommen, egal wo, egal wie. Und haben dabei einfach das Gehen verlernt, weil das ist uns so oder so schon viel zu langsam geworden. Das ist die eine Seite. Die andere Seite?

Das ist die Angst vor dem Scheitern. Die Angst, die Karten wirklich auf den Tisch zu legen. Die Angst, für ein Ziel „all in“ zu gehen. Die Angst, sich mit seinem individuellen Potential aus dem Fenster zu lehnen und dabei abzustürzen. Nur: Wer das Springen nicht riskiert, wird niemals fliegen lernen. In solchen Fällen ist die Huldigung der Weg gleich Ziel Mentalität oft nur eine schöner formulierte Version des guten österreichischen „schaun ma moi, don sehn ma eh“. Sprich: Lieber nicht bewegen, lieber nichts riskieren, lieber einen komfortablen Schaukelstuhl am Wegesrand beziehen und beobachten, was so an Leben und Möglichkeiten an einem vorbeizieht. Gerne wird auch bei den ersten auftretenden Schwierigkeiten einer längerfristigen Wanderung, bei den ersten mit größerem Aufwand zu überwindenden Passagen, bei den ersten mühsamen Anstiegen, sofort das Ziel gegen den Weg eingetauscht. Der Gipfel schön und gut. Aber es könnte ja anstrengend werden. Bedürfnisaufschub und Durchhaltevermögen entsprechen nicht dem Zeitgeist 2.0. Dann schon lieber: Weg mit dem Ziel! Der Weg ist das Ziel. Party am Straßenstand.

Letztendlich verfolgt aber jeder auf seine Art und Weise ein Ziel im Leben. Auch kein Ziel zu haben ist letztendlich ein Ziel. Die Sinnhaftigkeit von Zielen zu negieren ist ein Ziel. Nur am Weg sein zu wollen ist ein Ziel. Nicht-Wollen ist ein Ziel. Nicht-Tun ist ein Ziel. Loslassen ist ein Ziel. Absichtslosigkeit ist ein Ziel. Erleuchtung ist ein Ziel. Das alles immer und permanent in Frage zu stellen ist ein Ziel. Aber welches Ziel auch immer, ob Alles oder Nichts, ob Nichts und Alles, entscheidender sollte vielmehr die Kongruenz des Vorhabens mit dem sein, was man gemeinhin als Innenleben oder von mir aus auch Seele nennt, wohl wissend, dass man auch hier schon wieder eine Grundsatzdiskussion lostreten kann, wenn man das als Ziel hat, weil Kopf ist nicht Herz und Herz ist nicht das wahre Sein und letztendlich sind wir ja alle irgendwie Sternenstaub oder Licht oder Unendlichkeit oder so etwas, ja, sind wir, auf einer absoluten Ebene müssen wir gar nichts, da können wir ruhig im Moment und im Sein und im Nichttun verweilen, aber wir sind auch Lebewesen der Polarität und in dieser sehe ich oft, sorry an dieser Stelle, mehr halbgelebte Halbweisheit als richtiges Wachstum, weil Wachstum heißt, unser Potential, unsere Talente, unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen und das tun wir nur, wenn wir ohne Wenn und ohne Aber ein Ziel verfolgen, eines das Kopf, Herz und Seele gleichermaßen berührt, das Kopf, Herz und Seele zu einer wirklichen Einheit formt, zu einer Einheit, wo die unterschiedlichsten Aspekte unsere Seins lernen müssen, als Team zu funktionieren. Wo kein Platz mehr ist für Nörgeleien oder Widerstand oder aufreibenden inneren Dialog. Wer nicht mitmacht, bleibt zurück, das betrifft vor allem alte Muster, Glaubenssätze und Überzeugungen. Und unter uns: Die meisten nicht wirklich fruchtbaren Ziele der Gegenwart entspringen kollektiven Glaubenssätzen wie: Man muss. Erfolg haben. Ansehen erlangen. Einen Flat-Screen mit 3000 Zoll besitzen. Und so weiter.

Ein gutes, wirklich von Innen kommendes Ziel aktiviert unser gesamtes Potential. Ein gutes, wirklich von Innen kommendes Ziel aktiviert unsere Berufung, unsere Kernfunktion, unsere Bestimmung. Ob das ein Flat-Screen ist, wage ich zu bezweifeln. Ich bezweifle auch, dass es das ist, was wir gemeinhin als Erfolg bezeichnen. Weil gerade in der Erfolgsschicht das Burn Out Symptom wie ein Flächenbrand die letzten Reste der Workaholic-Seelen verbrennt und immer mehr leere Hüllen zurücklässt, die sich zu gar nichts mehr aufraffen können, weder zu einem Ziel. Noch zu einem Weg. Die Karriereleiter ist halt oft ein Ziel, dass alleine dem Kopf entspringt, nicht aber unserem wirklichen Potential entspricht und dementsprechend oft in einer Sackgasse mündet. Viel erreicht, wenig erlebt, wenig gelebt.

Ein gutes Ziel liefert jedoch ein ernsthaft erstrebenswertes Motiv. Und ein ernsthaft erstrebenswertes Motiv ist die Basis einer persönlichen Vision, die dem Schiff der Möglichkeit das Segel setzt, um den sicheren Hafen der Komfortzone zu verlassen und unbekanntes Terrain zu erobern. Ein wirklich gutes Ziel infiltriert, absorbiert und definiert uns zugleich. Ein gutes Ziel eröffnet erst den Weg: Deinen. Meinen. Einen.

Die Sache ist so: Wer also das Setzen von Zielen auf Kosten des Weges vernachlässigt liegt genau so falsch wie die Person, die den Weg auf Kosten des Zieles opfert. Es braucht Ziele. Es braucht Wege. Das ist das Yin und Yang des Gehens. Einseitigkeit bedeutet auf der Stelle zu treten, auch wenn man im Eilzugtempo unterwegs ist. Die Essenz der „Weg ist das Ziel“ Aussage bedeutet nur, uns nicht alleine über das Ziel zu definieren bzw. nicht so sehr am Ziel festzuhalten, dass der Prozess dabei in den Hintergrund gerät. Denn der Prozess ist es, der uns formt, der uns zu dem macht, was wir sein könnten. Das ist der wirkliche Gewinn.

Der Prozess heißt: Den Gipfel niemals aus den Augen zur verlieren. Um ihn zu erreichen, muss man aber vielleicht klettern lernen. Muss man wochenlang eine Schlechtwetterfront im Zelt aussitzen. Muss man hungern, frieren, schwitzen, leiden. Man kann dabei aber auch unvergeßliche Momente erleben. Wie sternenklare Nächte, in denen die Milchstraße den Horizont küsst. Oder Sonnenaufgänge, die zu Tränen rühren. Das ist der Weg. Der Weg, der uns wachsen lässt, der uns teilweise uns hinauswachsen lässt. Ja. Und natürlich: Der Weg ist das Ziel, weil selbst sollten wir 100 Meter vor dem Gipfel umdrehen müssen, haben wir doch viel gelernt und definitiv mehr gewonnen als verloren. Wer sich nur über den Gipfel definieren würde, würde im Fall eine Niederlage erleben. Wer Weg UND Ziel als Einheit erlebt, gewinnt immer. Aber eben: Ohne Ziel kein Weg. Erst durch das Ziel machen wir uns auf in Richtung Gipfel. Ohne Ziel würden wir das Haus nicht verlassen. Das Ziel ist quasi der Weg. Erst wer ein gutes Ziel hat, kann den Weg zum Ziel machen. Am Weg, den jemand eingeschlagen hat, kann man auch sein Ziel erkennen.

Jetzt: Was ist ein gutes Ziel? Das neue Jahr nähert sich. Und mit ihm der Drang Neujahresvorsätze in den Raum zu stellen. Die meisten sind jedoch schon vorab zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil es keine wirklichen Ziele sind, sondern eher kleinere Wünsche, meist diversen Erwartungshaltungen von außen folgend: Zum Beispiel ein bisschen mehr für die Gesundheit tun. Ein bisschen weniger dies, ein bisschen mehr das. Aber wie schon erwähnt: Ein gutes Ziel macht es niemanden recht, ein gutes Ziel mobilisiert unser gesamtes Potential. Ein gutes Ziel ist eine Vision. Ein gutes Ziel soll Gänsehaut hervorrufen und keinen Zwang. Ein gutes Ziel macht uns weit, anstatt uns einzuschränken. Für ein gutes Ziel soll man bereit sein, wirklich Risiko einzugehen. Klingt pathetisch, ist aber so.

Nun: Was sind eigentlich deine Ziele?

Heilung und Heilkunst – Teil 4

Samstag, 07. Oktober 2017

Fallgruben im Umgang mit Klienten

Auch im Umgang mit Klienten oder bei der Kommunikation zwischen Heiler und Klienten fallen mir häufig unterschiedliche Muster auf, die ich für sehr ungesund halte. Ein häufiges, das vermutlich jedem Heiler gerade in der Anfangsphase passiert, ist Projektion. Zum Einen projizieren Heiler auf ihre Klienten gern ihre eigenen Probleme, die sie vielleicht erfolgreich durchlebt haben, zum Anderen aber auch gern jene Dinge, in denen sie sich heilerisch besonders kompetent fühlen.

Capillary wave/Ripple effect von espejo, Wikimedia Commons

Ich weiss zB. dass ich als Osteopathin auf dem Gebiet Clusterkopfschmerz, Migräne und verschiedener Kopfschmerzarten sehr gut bin und erfolgreich arbeite. Kollegen schicken sogar Patienten dafür eigens zu mir, wenn sie selbst nicht mehr weiterkommen. Dass ich selbst seit Jahren darunter leide und mich zwangsläufig mit dem aktuellen Stand der Forschung und sämtlichen dafür geeigneten Verfahren und Techniken auskenne, ist einfach ein Nebeneffekt meiner eigenen Geschichte, sowohl durch Selbsthilfe als auch durch Konsultation von Kollegen. Wann immer ich die Gelegenheit hatte internationalen Koryphäen zu begegnen, habe ich diese natürlich auch zu diesem Thema befragt.

Dennoch muss ich aber immer aufpassen, dass ich Diagnosen sauber unterscheide. Nicht jeder wird aus den gleichen Gründen Kopfschmerzen haben wie ich und nicht jede Methode, die mir geholfen hat, ist auch für jeden anderen Patienten geeignet. Ich kann also mein Wissen und meine Erfahrung nutzen, habe aber dennoch einen eigenständigen Menschen vor mir, dessen Geschichte eine ganz andere ist als meine.

Umgang mit Patienten und Klienten, Foto: Sati

Andererseits habe ich aber zB. selbst noch nie eine Schwangerschaft und Geburt durchlebt, behandele aber häufig auch Schwangere und junge Mütter und das mit Erfolg. Hier kam das Können einfach mit der Erfahrung am Patienten, deren Schwangerschaften ich oft von Anfang bis Ende begleitet habe und die darauf bestanden von niemand anders als von mir behandelt zu werden. Diese Flexibilität und Fähigkeit sich auch in therapeutischem Neuland schnell zurechtzufinden, macht einen guten Heiler aus. Den Klienten nützt es nichts, wenn ich einen Nebenschauplatz zum Hauptproblem erhebe, nur weil ich mich darin besser auskenne und sicherer fühle; so verlockend es sein mag in seinem Lieblingsgebiet brillieren zu können. Auch hier kommt einem ein solides Fundament aus gelernten Techniken sehr zugute, denn im Zweifelsfall kann ich mich immer auf diese Grundverfahren stützen und dabei idealerweise neue und wertvolle Erfahrungen sammeln. Als Heiler lernt man mit jedem Klienten/Patienten selbst dazu.

Fähigkeiten und Kompetenzgrenzen

Als Heiler sollte man nicht nur in der Lage sein,  andere Menschen und deren Geschichte zu erkennen, sondern auch sich selbst, seine Fähigkeiten und Grenzen. Ich hab manchmal den Eindruck, als bestünde in der Neuheidenszene der Glaube, dass sobald jemand sich dem Heilen widmet, er grundsätzlich alles und jeden heilen kann. Heilen mag in gewisser Weise auch Gabe oder göttliches Geschenk sein, es braucht zweifelsohne eine Berufung und ein Talent dazu, aber das bedeutet nicht, dass man damit vollkommen von menschlichen Schwächen entbunden ist. Jeder hat seine persönlichen Schwächen, die ganz unterschiedliche Gründe haben und die zeigen sich auch, wenn man in einem Bereich arbeitet in dem man ein gewisses naturgegebenes Talent mitbringt. Sich das einzugestehen ist umso wichtiger, wenn andere Menschen und deren Wohlergehen davon unmittelbar abhängig ist. In der Osteopathie spricht man zB. von den sog. „red flags“ das sind besondere Warnzeichen, die uns sagen, dass ein Notfall bestehen könnte der ärztlicher Abklärung bedarf oder/und eine Kontraindikation für Osteopathie darstellt. Solche „red flags“ sollte jeder Heiler für sich kennen und definieren unabhängig davon mit welcher Methode er arbeitet. Lieber schickt man einen Klienten oder Patienten einmal zu viel zu jemandem, den man für kompetenter hält, als einmal zu wenig.

The lonely walk, Foto: Vinoth Chandar, Wikimedia Commons

Das setzt natürlich voraus, dass ich ein entsprechendes Netzwerk habe, wo ich mir entweder Informationen beschaffen kann oder jemanden in vertrauensvolle Hände weiterleiten kann. Nicht jeder muss bzw. kann alles können und anstatt sich als Einzelkämpfer auf weiter Flur zu verstehen, ist es sowohl für Heiler als auch Klient/Patient nur von Vorteil das was man selbst nicht bieten kann durch vertraute Kollegen und deren Wissen und Kompetenz zu ergänzen. Mir fällt in der spirituellen Heilerszene verstärkt auf, dass der Wille zur Kooperation wesentlich geringer ist als der Wunsch sich als einzigeartiges Individuum mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu profilieren. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es die eigene Kompetenz in keiner Weise untergräbt seine Grenzen zu kennen und sogar gegenüber einem Klienten/Patienten klar zu kommunizieren. Ganz im Gegenteil, es erhöht sogar noch das Vertrauen. Wenn ich dann noch einen wirklich guten Kollegen empfehlen kann, fühlt sich ein Mensch, der mir vertraut, auch dort gut aufgehoben.

Was ist Heilung?

Heilung, so erscheint es mir, wird oft als wundersames Ereignis betrachtet, dass durch ebenso wundersame Intervention hervorgerufen wird. Tatsächlich ist aber Heilung genauso wie Krankheit ein fortwährender Prozess. Das gilt auf der körperlichen, wie auch auf der seelischen Ebene. Unser Körper macht die ganze Zeit nichts anderes, als sich fortwährend zu erneuern, Schäden zu reparieren, neue Zellen zu bilden, nicht benötigtes auszuscheiden und notwendiges aufzunehmen und zu verarbeiten. Das gleiche macht auch unsere Seele. Die Art wie wir mit uns selbst oder anderen Menschen umgehen, wie wir für uns sorgen, womit wir unsere Seele nähren sind ebenfalls Dinge die am Prozess der Heilung unaufhörlich beteiligt sind. Die eine Heilung als in sich abgeschlossener einmaliger Prozess ist eine Illusion. Tatsächlich existieren Krankheit und Heilung in einer fortwährenden Dynamik nebeneinander und manchmal gewinnt die Krankheit die Oberhand und manchmal die Gesundheit. Manchmal können wir großen Einfluss darauf nehmen und manchmal auch nicht. Und als Heiler können wir uns zeitweise an der Heilung eines anderen Menschen beteiligen, ihn ein Stück seines Weges begleiten und ihn dann wieder sich selbst überlassen. Wir können Kraft unserer Kompetenz als Heiler einem Menschen helfen besser für sich zu sorgen, ihm aus ausweglosen Situationen einen möglichen Weg aufzeigen und ihn auch mal an der Hand nehmen und herausführen.

Heilung, Foto: Sati

Ich persönlich habe mich immer als Partner auf Augenhöhe in Fragen der Gesundheit verstanden und habe über die Zeit genau die Patienten angezogen, die diese Haltung an mir schätzen. Die Mündigkeit meiner Patienten hat für mich einen hohen Stellenwert. Ich empfinde es als meine Pflicht, mein Wissen ständig zu erweitern und mich nicht auf geernteten Lorbeeren auszuruhen. Gerade in der Heilkunde ist jeder Stillstand ein Rückschritt und ich bin überzeugt davon, dass dies auch für jede spirituelle Heilweise gleichermaßen gilt. Ein Heiler entwickelt sich mit jedem Klienten/Patienten gleichermaßen weiter und für diese Entwicklung offen zu sein ist für mich ein zentraler Teil des Heiler-Seins.