Archiv für die Kategorie ‘Aussichten & Einsichten’

Hausgeister, geschrieben von Ulrike

Samstag, 20. Mai 2017

Ich hatte in letzter Zeit Anlass, über Hausgeister nachzudenken, und erinnerte mich an ein Buch, das ich im letzten Jahr gelesen hatte, einer Doktorarbeit, die sich mit der im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlichten Hausgeist-Überlieferung befasst.[1]  Hier geht es also um sehr junge Vorstellungen, aber die Arbeit dokumentiert sehr genau, was über Jahrhunderte lebendig geblieben ist: der wenn auch verebbende Glaube an nicht-menschliche oder nicht-mehr-menschliche Hausgenossen, die Individualität und Eigenart besitzen und mit denen man sich auseinandersetzen oder mit ihnen auskommen muss.

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Hausgeist ist der wissenschaftliche Begriff für diese Wesen, der volkstümliche Name scheint hauptsächlich ‚Kobold‘ gewesen zu sein, ein Begriff, der im 13. Jahrhundert zuerst dokumentiert wurde und der möglicherweise ‚Hauswalter‘ oder ‚Walter des Platzes‘ bedeutet. [2] Er wurde mit lateinisch penates übersetzt, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Kobold einen Bezug zum Ahnenglauben hat. Andere Bezeichnungen aus dem Althochdeutschen sind ingesid und ingoumo, was „etwas, das man im Haus wahrnehmen kann“ bedeutet. Hausgeister haben aber auch persönliche Namen, die sich auf ihr Aussehen oder ihre Eigenschaften beziehen können, oder Menschennamen sind wie Langhut, Wertla, Peter oder Klopfer. Belegt sind aber auch Namen, die auf Fetischpuppen hinweisen, Kose- und damit Tabunamen sind.

Insgesamt können wir die Hausgeister zu den Wichten und Alben stellen, wobei eine genaue Abgrenzung innerhalb dieser Kategorien nicht möglich ist. Fest steht, ein Hausgeist lebt ihm Haus, auf dem Hof, normalerweise in einer ländlichen Umgebung. Er ist ein Einzelgänger und kommt – anders als die Heinzelmännchen – nicht in einer Gruppe vor. Er hat Menschengestalt, ist männlich, von kleiner Gestalt und uralten Aussehen. Manchmal sieht er einem toten Familienmitglied ähnlich, was uns wieder auf den Ahnenglauben hinweist. Da sich die Menschen aber sicher waren, dass die Toten nach dem Tod genauso aussehen wie zum Zeitpunkt des Todes, belegt die Kleinwüchsigkeit des Hausgeistes, dass diese Vorstellung jung ist, es ist tatsächlich eine Verkleinerung der Glaubensvorstellung.

A witch and her familiars, illustration from a discourse on witchcraft, 1621; in the British …
Courtesy of the trustees of the British Library

Manche Hausgeister können auch Puppenform oder Tierformen annehmen und tragen dann entsprechende Namen, bei letzterem denken wir an die Familiaren der Hexen.

Üblicherweise sind Hausgeister an das Haus und den Hof gebunden, obwohl es auch Fälle gegeben hat, dass Hausgeister mit der Familie umgezogen sind, oder gar vertrieben wurden. Die sehr junge Vorstellung, dass Hausgeister auf dem Markt gekauft werden können, zeigt einen erheblichen Machtverlust des Hausgeistes. Hausgeister arbeiten und helfen im Haushalt, in der Werkstatt, im Stall, selten auf dem Feld. Es sind ein paar Sagen belegt, in denen Hausgeister auf Schlössern und in Adelshäusern wirken, interessanterweise waren diese Hausgeister nicht von kleiner Gestalt, sondern normal groß und auch weiblich.

Hausgeister haben die gleichen Rechte wie alle anderen Familienmitglieder, auch das Recht des Aufenthalts im Haus. Manchmal sind sie still und freundlich, manchmal launisch. Sie sind meist einzelgängerisch und für sich, aber manchmal auch gesellig und zu Späßen aufgelegt. Allerdings ist ihr Wesen immer ambivalent, daher ist es immer wichtig, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen das zu geben, was ihnen zusteht. Sie sind weise und bereit, ihr Wissen zu teilen, wenn man sie wertschätzt, sie geben Rat, finden verlorene Dinge, warnen vor Gefahren, verjagen verdächtige Personen. Ihre Hilfe auf dem Hof lässt die Arbeit glatter gehen und verhilft oft zum Erfolg. Generell bringen sie Glück und Gedeihen, Hausgeister agieren als Katalysatoren für das Erlangen von Wohlstand, sie werden allgemein als Schutzgeister wahrgenommen.

Andererseits spiegeln Hausgeister in der Regel den Fleiß der anderen Hofbewohner, dadurch sind auch Kontrollinstanz für soziale und moralische Normen. Wenn sie sich falsch behandelt fühlen oder mit dem Verhalten der Hausbewohner nicht einverstanden sind, dann reagieren sie empfindlich: das Spektrum der Bestrafung reicht vom Streiche spielen oder dem Verstecken von Gegenständen bis hin zu körperlichen Strafen oder dem Verenden von Haustieren, auch dem Verlassen des Haushalts unter Mitnahme des Hausglücks, was in der Regel den Ruin der Familie bedeutet.

Dass Hausgeister ambivalente Wesen sind – einerseits wichtig für das Glück der Familie, andererseits bedrohlich und nicht berechenbar – deutet auf eine vorchristliche Tradition hin. Geschichten, in denen Hausgeister vollends verteufelt sind sind in der Regel sekundär und christlich überformt.

Hausgeister handeln aus ihrer eigenen Kraft und Macht, durch schiere Präsenz und Mithilfe. Sie sind „mächtige, übernatürliche Hauswalter mit unbenommener numinoser Autorität.“[3]

Sie verlangen das Beachten einiger Regeln im Zusammenleben: in der Regel mögen sie es ruhig und ordentlich, sie möchten respektvoll behandelt werden, schätzen Höflichkeit und gutes Essen. Ihre bevorzugte Speise ist Milch, Getreidebrei mit Butter, Brot, und was immer die Familie isst. Die Speisung steht ihnen zu, sie hat einen gewissen Opfercharakter, aber in der späten Überlieferung kann sie nicht als Opfer kategorisiert werden, da die Speisung nicht in einem rituellen Kontext und mit einem magischen, quasireligiösen Bewusstsein erfolgt. Allerdings belegen zwei Sagen, dass die Koboldspeisung einen kultischen Charakter hatte, daran zu erkennen, dass dem Hausgeist entweder der erste oder der letzte Bissen zugestanden wird (Primitialopfer bzw. Restopfer). Die Speise wird oft vor den Herd gestellt, da dort der Hausgeist seine bevorzugte Schlafstätte hat.

Milch und Getreideprodukte sind außerdem bevorzugte Opferspeisen im Ahnenglauben, ihre Verwendung verstärkt den Verdacht, dass die Hausgeisttradition mit dem Ahnenglauben verwandt ist.

Weitere Verhaltensregeln betreffen den Wunsch der Hausgeister nach Unsichtbarkeit – weder wollen sie gerne gesehen werden, noch lassen sie sich bei der Arbeit beobachten. Sie pochen auf ihr Recht, am gleichen Schlafplatz zu bleiben, und höflich und korrekt angesprochen zu werden. Tabuüberschreitungen werden hart bestraft.

Hausgeister sind Kollektivschutzgeister, sie beschützen und leben bei intakten (Groß-)Familien, manchmal über Generationen. Sie bringen Glück, das ist der zentrale Punkt der Überlieferung. Je fleißiger und verantwortlicher die Familie als Gemeinschaft agiert, desto mehr Glück bringt der Hausgeist. Auf diese Weise wirkt der Hausgeist als Beschützer sozialer Normen, die als stabilisierend und kontinuitätswahrend angesehen werden.

Das Gros der Überlieferung zeigt, dass Hausgeister in der Vergangenheit als real geglaubt wurden, aber der Ton der Erzählungen suggeriert, dass dieser Glaube der Vergangenheit angehört, das heißt, man war sich bewusst, dass die Älteren an Hausgeister geglaubt haben, tat dies aber als zur Vergangenheit gehörend ab. In der jüngeren Überlieferung werden Hausgeister oft als machtlos oder mit verminderter Macht dargestellt, und rituelle Begegnungen und die Beschreibung von Speisegaben sind kaum noch vorhanden, was in der Regel auch mit einem geringen Respekt einhergeht.

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Die Wurzel des Hausgeistglaubens ist nicht klar und umstritten. Zum einen scheint es Beweise für eine Zuordnung der Hausgeister zu den genii loci zu geben, zum anderen gibt es Parallelen zum Ahnenglauben, und es lässt sich nicht sagen, welche Traditionswurzel älter oder authentischer ist.

Es wird davon ausgegangen, dass sowohl die genius loci – Vorstellung als auch die Ahnenverbindung bereits zu vorchristlicher Zeit schon nicht mehr voneinander zu trennen war, und dass sich die Totenseelenvorstellung über den genius loci gelegt hat.

Allgemein lässt sich sagen, dass der Glaube an Hausgeister in deutschsprachigen Gebieten durch die Jahrhunderte starke Veränderungen und Entwicklungen durchgemacht hat. Hausgeister verloren an Funktion, sie wurden verteufelt oder entmachtet, bis sie schließlich nicht mehr geglaubt wurden. Dies lag nicht notwendigerweise an der Christianisierung, sondern sowohl an der ‚Entzauberung‘ durch Reformation und später Aufklärung, als auch an veränderten Lebensumständen durch Industrialisierung und Urbanisierung.

[1] Lindig, Erika (1987): Hausgeister. D. Vorstellungen übernatürl. Schützer u. Helfer in d. dt. Sagenüberlieferung. Zugl.: Freiburg i. Br., Univ., Diss., 1986 (Artes polulares 14).

[2] Baechtold-Stäubli, Hanns (2005): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Knoblauch-Matthias. s.v. Kobold. Unveränd. photomechanischer Nachdr. der Ausg. Berlin [u.a.] 1937. Augsburg: Weltbild (5).

[3] Lindig aaO. S. 110

Religion und Kultur – Teil III, geschrieben von Rota

Samstag, 17. Dezember 2016

Das Verhältnis von Religion, Kultur und Krieg

Konflikte, Kriege, Terroranschläge geschehen zunehmend aus angeblich religiösen Motiven. Die Ursache liegt nicht im Glauben selbst, sondern findet sich bei Gruppierungen und Institutionen, welche sich der Psyche des Menschen bedienen und den Namen der Religion dafür missbrauchen, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Durch Freud lässt sich der Unterschied zwischen Glauben und Religion nicht genau beantworten, das Thema wird von ihm umgangen. Zudem werden Konflikte, die aufgrund von verschiedenen Glaubenslehren entstehen, bloß kurz erläutert. Angst vor Fremden, ist der Ursprung dieser Konflikte. „Die Befriedigung, die das Ideal den Kulturteilnehmern schenkt, ist also narzißtischer Natur, sie ruht auf dem Stolz auf die bereits geglückte Leistung.“1 Konfliktpotenzial liegt bereits in der narzisstischen Veranlagung, wodurch andere Kulturen als minder von Wert angesehen werden. „Auf solche Weise werden die Kulturideale Anlaß zur Entzweiung und Verfeindung zwischen verschiedenen Kreisen, (…).“2

Er (Krieg) brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vorscheine, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen und verstehen, daß sich das eine mit Haß und Abscheu gegen das andere wenden kann.“3 Religion bringt den Menschen nicht soweit, dass er Grenzen seiner eigenen Glaubenslehre oder kulturellen Errungenschaften einsehen oder darüber hinaussehen kann. Stattdessen ist, beschreibt Freud, die Fähigkeit des Menschen darauf beschränkt, einer anderen kulturellen Lehre mit Misstrauen und Schlimmeren zu begegnen. Die Angst vor der Natur mag durch die Religion gebannt sein, jedoch gilt das nicht für die Angst vor der Kultur selbst, wodurch der Mensch durch sein eigenes Konstrukt überfordert ist. Ursache für Krieg kann ebenso der Wunsch sein, eine andere Kultur gewaltsam zu unterdrücken, womit der eigene Stolz aufrecht erhalten bleibt oder sogar ausgedehnt wird. „Ja, daß eine der großen Kulturnationen so allgemein mißliebig ist, daß der Versuch gewagt werden kann, sie als >>barbarisch<< von der Kulturgemeinschaft auszuschließen, obwohl sie ihre Eignung durch die großartigsten Beitragsleistungen längst erwiesen hat.“4 Die Schwäche der Religion liegen darin, die Gemeinsamkeiten zu anderen Glaubenslehren nicht zu erkennen und die Unterschiede abzulehnen. Allgemein liegt die Schwäche des äußeren Zwanges, der durch die Religion geprägten Kultur, in einer bestehenden Widersprüchlichkeit bezüglich der Moral. Als eine der Enttäuschungen, die der Krieg hervorbringt, zählt „die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, die sich nach innen als die Wächter der sittlichen Normen gebärden.“5Dadurch verlangt zwar die Kultur ihrem Volk ab, moralisch zu handeln, sowie die Einhaltung der Gebote, doch behält sie sich selbst das Vorrecht, den Trieben nachzugeben, und zu morden.

In „Furcht und Zittern“ wird Religion nicht als kulturerklärendes Phänomen aufgefasst. Es geht um den Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen.6 Das Allgemeine entspricht dem äußeren Zwang, der Religionsauffassung Freuds. Genauer wird das Verhältnis des Glaubens zum Ethischen, in diesem Fall, dem Kulturellen thematisiert. Durch die Darstellungen wird deutlich, dass religiöse Inhalte vom wahren Glauben abweichen und dass durch Dritte, wie der Vertreter der Glaubensrichtungen, die religiösen Inhalte interpretiert und ausgelegt werden. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn es um Konflikte geht, die aufgrund von Religion entstehen. Dadurch wird eindeutig bewiesen, dass Glaube per se nicht für Kriege verantwortlich ist. In diesem Sinne ist die Unterscheidung Kierkegaards zwischen dem tragischen Helden und dem Ritter des Glaubens dienlich. Der tragische Held kommuniziert nur über jemand Drittes mit Gott, was den Gruppierungen oder den Institutionen, welche das Allgemeine ausmachen, entspricht. Dieser tragische Held ist kein Gläubiger, und möchte eine Belohnung für sein Verhalten.7

Bei einem Vergleich zwischen Kierkegaards und Freuds Philosophie besteht eine Gemeinsamkeit. Beide gehen von einem Äußeren und einem Inneren aus. Bei Kierkegaard ist das Äußere auch das Ethische, das bei Freud den äußeren Zwang darstellt. Das Innere ist bei Freud durch Triebe konstituiert, während diese bei Kierkegaard innere Vorgänge ausmachen. Im Gegensatz zu „Furcht und Zittern“ handelt es sich bei „Zukunft einer Illusion“ um die Erklärung einer kulturell akzeptierten Verhaltenslehre. Religion ist als Wunschbefriedigung zu sehen. Ein gemeinsamer Nenner ergibt sich, da sich Religion und Glaube bei Kierkegaard grob unterscheiden, die Religion den Glauben verwässert und aus eigener Motivation handelt. „Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, ans sie zu glauben.“8 Damit weicht Freud einer Diskussion über Glauben aus, er schließt die Möglichkeit eines wahren Glaubens aus.

Kierkegaard unterscheidet zwischen dem tragischen Helden und dem Ritter des Glaubens. Diese Unterscheidung ist dienlich, um den Unterschied zwischen Glauben und Religion zu verdeutlichen und die auftretenden Konflikte besser zu durchleuchten.

Der tragische Held ist Ausdruck des Allgemeinen, dem während seiner Handlungen Sicherheit durch eine Institution o.Ä. gegeben wird.9 Eine Weiterführung dieses Gedankens erlaubt, den tragischen Helden als Selbstmordattentäter anzunehmen, der wider den kulturellen Gesetzlichkeiten mordet. Das macht derjenige nicht aus eigenen Überzeugungen, sondern er erwartet sich dadurch eine Belohnung durch eine äußere Instanz. Dadurch handelt er nicht aus Motiven des Glaubens, sondern aufgrund einer Gruppierung, zu der er ein Verhältnis pflegt, wie Freud es ausdrückt, das Kind zum Vater ein Verhältnis führt. Der tragische Held steht im Kontrast zum Ritter des Glaubens, der nicht aus äußeren Zwängen handelt, und nie Gewissheit seiner Handlungen erfährt.10 Dadurch wird deutlich, dass der IS-Terror mit Glauben selbst nicht viel zu tun hat. So erklärt sich auch Kierkegaard den Unterschied zwischen Glauben und Religion. Demnach ist der Ritter des Glaubens niemand, welcher aus externen Anlässen handelt, und nie eine Bestätigung von außen erhält. Demnach sind Glaube und Religion keinesfalls miteinander zu vergleichen.

Die islamische Lehre hat sich im Widerstreit zwischen den Interpreten der Schrift und Kräften des Wandels in der Gesellschaft entwickelt. Denn die Geschicke von Gesellschaft und Staat wurden erfahren und diskutiert als Konflikte um die Auslegung und Anwendung des offenbarten Korans (…). Und vom Beginn an bis heute haben Bewegungen und Konflikte, die sich im Spiegel der Quellen – und das heißt: im Bewusstsein der Akteure selbst – als religiöse darstellen, Staat und Gesellschaft vom Grund auf erfaßt und erschüttert.“11

Gerhard Endreß Ansicht geht mit der Ansicht, Religion und Glauben notwendigerweise zu unterscheiden, konform.

Zusammenfassung

Freuds „Zukunft einer Illusion“ bleibt nicht ohne Kritik. Es hat sich in dieser Arbeit herausgestellt, dass Religion als kulturell akzeptierte Verhaltenslehre zu verstehen ist. Religion ist nicht ausreichend, um ein Verständnis über Kulturen selbst zu entwickeln, was zu Konflikten führt. Eindeutig zu trennen ist die Kultur vom Glauben. In „Zukunft einer Illusion“ wird eine psychologische kulturtheoretische Ansicht geschildert. Die Schwächen des psychoanalytischen Ansatzes finden sich darin, die sexuellen Bedürfnisse als einzigen menschlichen Interessensgrund darzustellen.

Freuds Zukunft einer Illusion ist im Kontext seiner anderen Werke zu betrachten, wodurch erkennbar wird, dass Motive der Triebbefriedigung immer wieder auftreten. Der psychoanalytische rote Faden zieht sich durch den gesamten Text und ist ebenfalls in anderen Schriften vorzufinden. Der Ansatz der Triebbefriedigung erscheint logisch, jedoch sehr einseitig. Es werden keine weiteren Ursachen in Betracht gezogen, um das zu lösen. Interessant wäre eine genauere Untersuchung dahingehend, wie Bewegungen oder Lehren der Gegenwart die Religion für den modernen Menschen ersetzen und was für ein Konfliktpotenzial in der dadurch gespaltenen Gesellschaft bestünde. Es bleibt fraglich, ob oder wie die Differenzen bzw. die Angst vor Fremdem überwunden werden könnten.

Es ist offensichtlich, dass Konflikte, die im Namen einer Religion, ausgetragen werden, nicht mit Glauben zu tun haben, da Religion von außerhalb auf den Menschen einwirkt, bzw. ihn einengt.

Es ist des Weiteren notwendig in heutigen Zeiten Religion im Sinne einer kulturell akzeptierten Verhaltenslehre zu etablieren, wobei ein bewusster Umgang mit den durch die Triebbewältigung entstandenen Probleme essentiell ist.
Literaturverzeichnis
Endreß Gerhard (1997): Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte. München: C.H.Beck.
Freud, Sigmund (1989): Massenpsychologie und Ich-Analyse. Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt am Main: Fischer, S.83-135.
Kirsner, Douglas (2006): Freud, Civilization, Religion, and Stoicism in: Psychoanalytic Psychology. Spring.Vl. 23(2), 354-366. ISSN: 0736-9735
Plé, Albert (1976): Freud und die Religion. Eine kritische Bestandsaufnahme für die Diskussion der Zeit. Wien: Cura Verlag.
Freud, Sigmund (1974): Enttäuschungen des Krieges in: Freud, Sigmund (Hrsg): Kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main: Fischer, 35-48.
Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.
Rice, E. (1999): Freud, Religion, and Science, J. Amer. Acad. Psychoanal., 27: 397-406.
http://derstandard.at/2000012760133/Soziologe-Religion-erspart-uns-nachdenken-zu-muessen (letzter Zugriff: 25.09.16: 10:00)

1Zukunft einer Illusion: 93.

2S.o.

3Enttäuschungen des Krieges: 39.

4S.o.

5Enttäuschungen des Krieges: 40.

6Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.

7Vgl.: Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.

8Zukunft einer Illusion: 111

9Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.

10S.o.: 264.

11Endreß Gerhard (1997): Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte. München: C.H.Beck, 45.

Religion und Kultur – Teil II, geschrieben von Rota

Samstag, 26. November 2016

Freuds philosophische Ansätze im Vergleich

Die Postulierungen Freuds stehen nicht für sich, sodass sich die Frage stellt, ob andere philosophische Richtungen daran anknüpfen. In diesem Kapitel wird einerseits nach philosophischen Parallelen gesucht, andererseits soll der psychologische Aspekt vertieft werden. Kirsner D. weist in „Freud, Civilization, Religion, and Stoicism“ auf, dass Freuds philosophische Ansätze Gemeinsamkeiten mit den stoischen aufzeigen. Ebenso werden Kritikpunkte an „Zukunft einer Illusion“ besprochen. Was Religion mit einer Zwangsneurose verbindet, wird durch E. Rice in „Freud, Religion, and Science“ aufgegriffen.

 Stoische Ansätze

Douglas Kriser vergleicht Freuds Haltung zu Religion mit Aspekten der stoischen Lehre, da die Diskrepanz zwischen Innerem und Äußerem als essentiell für den Menschen gilt.1

Es scheint vielmehr, daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muß (…).“2Die Kultur stellt den äußeren Zwang dar, der notwendig ist, damit nicht nur ein Mensch gut leben kann, sondern, eine demokratische Gesellschaft möglich ist.

Im Grunde kann also nur ein Einzelner durch solche Aufhebung der Kultureinschränkungen uneingeschränkt glücklich werden, ein Tyrann, ein Diktator, der alle Machtmittel an sich gerissen hat, und auch der hat allen Grund zu wünschen, daß die Anderen wenigstens dies eine Kulturverbot einhalten: du sollst nicht töten.“3

Demzufolge steht Kultur immer und notwendigerweise im Gegensatz zu den inneren Trieben. Kriser führt ebenso an, dass die stoische Ansicht vertitt, dass es von selbst keine vorprogrammierte Harmonie zwischen der Welt und den eigenen Wünschen gibt und dass die eigenen Begierden für ein halbwegs angenehmes Leben zurückgestellt werden müssen..4

Dadurch kann ein klarer Zusammenhang zwischen Freuds Theorien und den stoischen Ansätzen aufgezeigt werden.

 Kritik an Freuds Zukunft einer Illusion

Oskar Pfister führt in „the Future of an illusion“ Gegenargumente zu Freuds Behauptungen an. (1) So ist er der Meinung, dass Religion mehr als Wünsche befriedigen möchte, da es verschieden konstituierte Glaubenslehren gibt und nicht jede das gleiche Ziel verfolgt. (2) Weiters postuliert er, dass, betrachtet man die Entwicklung der Geschichte, auch die Wissenschaft Wünsche erfüllen möchte. (3) Weiterführend ist er der Ansicht, dass Anthropomorphismus auch in anderen Feldern existiere, und verweist hier auf die Psychoanalyse. 5

Meiner Meinung nach führt Pfister wichtige Argumente an, die jedoch Freuds Ansichten im Grunde nicht widersprechen.

Ad (2): Mir würde nicht in den Sinn kommen, weshalb mit Religion nicht auch die Wissenschaft gemeint sein könnte.

Von den Gebildeten und geistigen Arbeitern ist für die Kultur wenig zu befürchten. Die Ersetzung religiöser Motive für kulturelles Benehmen durch andere weltliche würde bei ihnen geräuschlos vor sich gehen, überdies sind sie zum großem Teil selbst Kulturträger.“6

Hier wird impliziert, dass Religion durch andere Motive ersetzbar ist. Das bedeutet in einer weiteren Folge, dass diese je nach Grad des Gebildetseins des Menschen, die Wissenschaft nicht unbedingt davon ausgeschlossen ist, als „kulturelle Verhaltenslehre“ herangezogen zu werden. Freud führt den Grad der Verinnerlichung des äußeren Zwangs mehrmals an. In der Folge ist der Indikator dafür, ob Religion durch die Wissenschaft ersetzt werden kann, das Gebildetsein, welches hier als die Ausprägung des Über-Ichs gesehen wird. Wenn weiter angenommen wird, dass Wissenschaften und Richtungen, wie die Psychoanalyse statt der Religion von Menschen vertretend gewählt werden, dann ist es eine logische Folge, dass dort die Verehrung des Vaters und damit verbundene Konflikte bzw. Komplexe auftreten. Ad (3): Wenn Anthropomorphismus, beispielsweise bei der Psychoanalyse, der Fall ist, hat diese bereits einen Status der Religion erreicht, da dies einen Indikator für Religion darstellt.

 Der Unterschied zwischen Neurose und Religion

E. Rice weist auf, dass für Freud eine Ähnlichkeit zwischen religiösen Ritualen und zwanghaften Verhaltensweisen eines neurotischen Menschen besteht. Der Unterschied ist, dass sich die Person mit zwanghaftem Verhalten dafür schämt, hingegen das religiöse Ritual eine symbolische Bedeutung innehat. Das impliziert, dass ein Mensch, welcher streng religiös ist, keine Zeit mehr aufbringen kann, eine andere bzw. zusätzliche Neurose zu entwickeln. Dadurch setzt Freud religiöse Riten mit Zwangsneurosen gleich, und bezeichnet sie als universale Zwangsneurosen.7 Des Weiteren werden Religion und Wissenschaft gegenübergestellt. Religion muss stetig Beweise für die eigene Existenz suchen, z.B.: Historische Ereignisse und Geschichten, die gepredigt werden, damit die Wahrhaftigkeit bestätigt ist. Hingegen bekommt die Wissenschaft ihre Überzeugungen durch Empirie und nimmt Erkenntnisse nicht als dogmatisch an, sondern ist sich bewusst, dass sie jederzeit durch neue Erkenntnisse ersetzt werden können. 8

Weiters geht Rice darauf ein, dass sich von Geburt an Wünsche und Impulse im Unterbewusstsein befinden, die versuchen ins bewusste Verhalten zu gelangen, wozu Kannibalismus, Mord, Diebstahl und verschiedene andere Perversionen zählen und dass dies bei Personen mit mentalen Krankheiten, Schizophrenie oder manisch-depressiven Psychosen, geschehen kann.9

Meiner Meinung nach lässt sich an diese Ansicht anknüpfen. Es wird sich zeigen, dass die Angst vor anderen Glaubenslehren und in einem weiteren Sinne Fremdenhass durch das Muster der Zwangsneurose erklärt werden kann. Wenn bloß eine geringe Abweichung einer Tätigkeit oder eines zwanghaften Gebrauchs stattfindet, führt das bei Menschen mit zwanghaftem Verhalten zu Angst. Dazu wird angenommen, dass festgefahrene Gewohnheiten, die möglicherweise historisch gesehen bei Menschen einer bestimmten Kultur um ein Vielfaches mehr gepflegt worden sind, als der gegenwärtige Brauch ist, eine Zwangsneurose darstellen. An diesen Gewohnheiten versucht der Mensch zwanghaft festzuhalten, wobei gleichzeitig Scham entsteht, falls kulturelle Rituale nicht mehr im vorgesehen Ausmaß ausgeführt werden, sodass andere Gewohnheiten, die aus einer anderen Glaubenslehre entstanden sind, als Bedrohung wahrgenommen werden. Diese Diskrepanz lässt sich schwer überwinden.

1Kirsner, Douglas (2006): Freud, Civilization, Religion, and Stoicism in: Psychoanalytic Psychology. Spring.Vl. 23(2), 354-366.

2Zukunft einer Illusion: 87.

3S.o.: 95.

4Kirsner, Douglas (2006): Freud, Civilization, Religion, and Stoicism in: Psychoanalytic Psychology. Spring.Vl. 23(2), 354-366.

5Kirsner, Douglas (2006): Freud, Civilization, Religion, and Stoicism in: Psychoanalytic Psychology. Spring.Vl. 23(2), 354-366.

6Zukunft einer Illusion: 119.

7Rice, E. (1999): Freud, Religion, and Science, J. Amer. Acad. Psychoanal., 27: 400.

8Rice, E. (1999): Freud, Religion, and Science, J. Amer. Acad. Psychoanal., 27: 405.

9Vgl. s.o.: 401.
Ende Teil II

Religion und Kultur – Teil I, geschrieben von Rota

Samstag, 12. November 2016

Eine Auseinandersetzung mit und Anknüpfung an Sigmund Freuds
„Zukunft einer Illusion“

Wir erleben derzeit den Bedeutungsverlust von Religion in vielen westlichen Ländern bei gleichzeitigem Erstarken von religiös argumentiertem Fundamentalismus und Terrorismus. Lässt sich diese Ambivalenz psychoanalytisch erklären?“1

Kann Religion aus der westlichen Kultur entbehrt werden? Welchen Einfluss Religion auf Kultur ausübt, wird in der folgenden Seminararbeit anhand Freuds „Zukunft einer Illusion“2 besprochen.

Freuds philosophische Ansichten weisen Grundgedanken der stoischen Lehre auf, wie Douglas Kirsner in „Freud, Civilization, Religion, an Stoicism“ (2006) zeigt. Freuds Lehre bleibt nicht kritiklos. Religion und Zwangsneurosen liegen vom psychoanalytischen Standpunkt aus nah beisammen, worauf in „Freud, Religion, and Science“ (1999) genauer eingegangen wird.

Kultur lässt sich vom psychoanalytischen Standpunkt aus erklären, wobei die Rolle der Religion wesentlich ist. Bei unserer fortgeschrittenen Kultivierung der Gesellschaft müssten Krieg und Terror kein Thema mehr sein. Trotzdem herrscht vor allem momentan weltweit Aufruhr. Gerade deswegen stellt sich die Frage, wie gut der Mensch ist, sobald der Zwang gut zu sein, wegfällt. Interessant ist das Verhältnis der Religion zum Glauben. Dabei verknüpfen sich Freuds Thesen zu Religion mit Kierkegaards Theorien über Glauben in „Furcht und Zittern“3. Religion ist der friedliche Einfluss auf die Gesellschaft und doch gibt es Gruppierungen wie die IS, welche von sich behaupten, aus religiösen Gründen zu handeln. Wie viel hat Glaube mit Religion zu tun?

  1. Funktion der Kultur

Die Aufgaben der Kultur stellen gleichzeitig den Grund ihrer Existenz dar. Beides lässt sich vom psychoanalytischen Standpunkt aufgrund der Unzulänglichkeit eines jeden Individuums erklären.

Die Aufgabe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt und dem Leben sollen ihre Schrecken genommen werden, nebenbei will auch die Wißbegierde der Menschen, die freilich von dem stärksten praktischen Interesse angetrieben wird, eine Antwort haben.“4

Religion ist nach Freud diejenige Instanz, welche den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen kann und ihm dadurch allgemein Hoffnung spendet. Das Individuum selbst wird als hilfloses Wesen dargestellt, welches ohne Religion verloren wäre, da Moralvorstellungen der Kultur wegen ihrem direkten Einfluss auf den Menschen, wie Erziehung und Umwelteinflüsse, oder durch die Historie der Kultur, einen zumindest halbwegs kultivierten Lebensraum aufrecht hält und ihn gegen die Gefahren der Natur schützt. „In solcher Art steht der einzelne Mensch nicht nur unter der Einwirkung seines gegenwärtigen Kulturmilieus, sondern unterliegt auch dem Einfluss der Kulturgeschichte seiner Vorfahren.“5 Religion ist der äußere Zwang, der durch seine Gebote das Innere zügelt, kann demnach auch als Deckmantel kultureller Zwänge erklärt werden und unter dieser Betrachtung in einem weiteren Schritt beliebig durch andere Richtungen ersetzt werden, worauf in einem späteren Kapitel genauer eingegangen wird. Wird der Gedanke der Religion, die unabhängig von Glauben agiert und den Menschen erzieht, weitergeführt, ist die Bezeichnung Religion ersetzbar durch kulturell akzeptierte Verhaltenslehre. Somit erfolgt in „Zukunft einer Illusion“ eine klare Trennung von Glaube und Religion, da Übernatürliches in Freuds Argumentation kein Kriterium, sondern eine gesellschaftlich notwendige Konsequenz menschlicher Triebe ist.

Anknüpfend daran muss dabei die Möglichkeit bedacht werden, dass Religion zusätzlich durch ihre Institutionen versucht, sich selbst zu erhalten und absichtlich Angst bei den Menschen schafft, wodurch sich die äußeren Zwänge erneut erhöhen, die wiederum das Bedürfnis des Menschen steigern, sich aufzubegehren, aber auch die Notwendigkeit für Trost immer gegeben ist.

  1. Wie/Wodurch funktioniert Religion bei Freud?

Um sich dem Thema der Religion anzunähern, verwendet Freud psychoanalytische Auffassungen, auf welche sich „die Zukunft einer Illusion“ stützt. Diese bedürfen nähere Erklärungen, um ein Verständnis für die Begrifflichkeiten geben zu können. In „Enttäuschungen des Krieges“ in seinen kulturhistorischen Schriften (1974), wird angenommen, dass auf ein jedes Individuum zwei Kräfte einwirken.

Freud unterscheidet zwischen dem Inneren und dem Äußeren. Während sich das Innere beim Menschen als böse und eigensüchtig konstituiert, ist der äußere Zwang durch Erziehung bzw. Umgebung auferlegt, um den kulturellen Ansprüchen zu entsprechen. Ein kulturell fähiger Mensch zu werden, funktioniert, indem das eigensüchtige Verlangen durch zugeführte erotische Aspekte in altruistische und soziale Ziele transformiert werden. Dabei hat, wie bereits erwähnt, das aktuelle kulturelle Umfeld Einfluss, jedoch ebenso ist die Kulturgeschichte der Vorfahren von Bedeutung, da sie das Verhalten genauso mitbestimmt.6

Kultur ist durch Verzicht auf Triebbefriedigung gewonnen worden und fordert von jedem neu Ankommenden, daß er denselben Triebverzicht leiste. Während des individuellen Lebens findet eine beständige Umsetzung von äußerem Zwange in inneren Zwang statt.“7 Freud postuliert, dass der Mensch ohne einen äußeren Zwang seinen inneren Trieben erläge, sodass die Moral nicht mehr aufrecht erhalten werden könne, da der Mensch den ersten Trieben, bei denen es sich um die sogenannten ältesten Triebe handelt, nämlich Inzest, Kannibalismus und Mordlust, erläge und sich vor keinen negativen Konsequenzen fürchten müsste, wenn er diesen nachgäbe.8

Unendlich viele Kulturmenschen, die vor Mord oder Inzest zurückschrecken würden, versagen sich nicht die Befriedigung ihrer Habgier, ihrer Aggressionslust, ihrer sexuellen Gelüste, unterlassen es nicht, den Anderen durch Lüge, Betrug, Verleumdung zu schädigen, wenn sie dabei straflos bleiben können, und das war wohl seit vielen kulturellen Zeitaltern immer so.“9

Seine Argumentation ist logisch aufgebaut und fußt auf dem Verhältnis zwischen Innerem und Äußerem. Durch einen psychoanalytischen Ansatz wird erkennbar, dass der Mensch Regeln unterworfen werden muss, damit eine Kultur funktionieren kann. Ein Ausbleiben des äußeren Zwanges würde sich fatal auf die Gesellschaft auswirken. In weiterer Folge kann dem kulturellen Menschen eine Erziehung ohne äußeren Zwang nicht erspart werden, eine Generation ohne „kulturelle Verhaltenslehre“ würde zu einer barbarischen verkommen.

Im Grunde kann also nur ein Einzelner durch solche Aufhebung der Kultureinschränkungen uneingeschränkt glücklich werden, ein Tyrann, ein Diktator, der alle Machtmittel an sich gerissen hat, und auch der hat allen Grund zu wünschen, daß die Anderen wenigstens dies eine Kulturverbot einhalten: du sollst nicht töten.“10

Durch dieses Argument wird Religion für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar.

1derstandard.at/2000012760133/Soziologe-Religion-erspart-uns-nachdenken-zu-muessen

2Freud, Sigmund (1974): Enttäuschungen des Krieges in: Freud, Sigmund (Hrsg): Kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main: Fischer, 35-48.

3Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.

4Freud, Sigmund (1989): Massenpsychologie und Ich-Analyse. Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt am Main: Fischer, 96f (wiefolgt: Zukunft einer Illusion).

5Freud, Sigmund (1974): Enttäuschungen des Krieges in: Freud, Sigmund (Hrsg): Kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main: Fischer, 42.

6Vgl. Freud, Sigmund (1974): Enttäuschungen des Krieges in: Freud, Sigmund (Hrsg): Kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main: Fischer, 35-48.

7S.O.: 42.

8Vgl. Zukunft einer Illusion.

9Zukunft einer Illusion: 92.

10Zukunft einer Illusion: 95.
Ende Teil I

Neuheidentum vs. Shinto: Heilige Gegenstände, geschrieben von Megan Manson und übersetzt von Anufa

Samstag, 29. Oktober 2016

In meinem Blog habe ich schon viel über die Gemeinsamkeiten zwischen Neuheidentum und Shinto geschrieben, weil ich denke, dass sich da wesentlich mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede ergeben. Aber natürlich gibt es Unterschiede, mit denen es manchmal problematisch ist umzugehen, sofern beide Religionen gemeinsam praktiziert werden. Ich dachte, dass es spannend wäre, einige dieser Unterschiede genauer zu betrachten.

A kamidana (household shrine) with ofuda charms. By shig2006 from Hitachinaka, Ibaraki, CC Wikimedia Commons

A kamidana (household shrine) with ofuda charms. By shig2006 from Hitachinaka, Ibaraki, CC Wikimedia Commons

Das Konzept und die Behandlung heiliger Gegenstände

Im Shinto sind heilige Gegenstände für die Praxis zentral. Beispielsweise sollte jeder „kamidana“ (Hausaltar) „ofuda“ beinhalten – ein Zauber aus Papier oder Holz, mit einer Inschrift, der üblicher Weise, ausser Sicht im „kamidana“ aufgewahrt wird. Das „ofuda“ wird von einem Shintoschrein geholt, wo es hergestellt und ordungsgemäss gesegnet wurde und es ermöglicht die Kommunikation mit den Kami. Tatsächlich könnte man sagen, dass ein „kamidana“, ohne „ofuda“ überhaupt kein „kamidana“ ist. Erst „ofuda“ macht einen wirklichen „kamidana“ daraus.

Eins weiter als „ofuda“ ist „shintai“ – ein Gegenstand, der die Essenz der Kami beinhaltet. Dieser repräsentiert nicht nur die Kami – er verkörpert die Kami tatsächlich. „shintai“ kann ein Gegenstand aus der Natur sein (ein Baum, Wasserfall, Berg, etc.) oder er kann dadurch erschaffen werden, dass die Kami gebeten werden, sich von „shintai“ in den nächsten zu „verdoppeln“ (ein Vorgang, der „bunrei“ oder „wakemitama“ genannt wird, beides bedeutet „die Seele teilen“). Um „wakemitama“ zu leiten muss man ordinierter Shinto-Priester sein.

Ob sie nun in einem Haualtar oder einem großen öffentlichen Shinto-Schrein „jinja“ zu finden sind, „shintai“ werden mit großem Respekt behandelt. Es gibt viele Regeln die Örtlichkeit und das Set-up des Schreines, der ein „shintai“ enthält, betreffend, die auch beinhalten, dass „shintai“ vor den Augen gewöhnlicher Menschen verborgen sein soll und grundsätzlich nur Shinto-Priester die Tore zum Raum, in dem sich das „shintai“ befindet, öffnen dürfen und das auch nur zu gewissen Zeiten.

Dieses Konzept von „shintai“ ist keines, das im Neuheidentum des Westens zu finden wäre. Heilige Gegenstände gibt es durchaus, aber sie sind völlig anders. Wie im Shinto, werden auch im Heidentum Naturgegenstände als heilig angesehen, manchmal wird auch von Animisten geglaubt, dass sie Wesen beheimaten können, aber die Erschaffung eines heiligen Objekts erfordert im Heidentum meines Wissens nach, keinerlei „geteilte Seele“ von einem anderen Objekt. Stattdessen segnen oder weihen Heiden (speziell Wicca) ihre Werkzeuge, die sie für Zauber oder Ritual verwenden wollen, selber (eher als irgendeine Art von Priester dies machen zu lassen). Das passiert durch Imprägnieren mit der Kraft der Elemente, die rund um uns angenommen werden, überall und nicht bezogen auf ein bestimmtest Objekt. Geweihte Gegenstände werden respektvoll behandelt aber es gibt keine konkreten Regeln, wie genau ein derartiger Gegenstand aufzubewahren oder zu behandeln wäre. Zusätzlich würden viele Heiden auch sagen, dass die geweihten Gegenstände auch Kraft von ihnen selbst beinhalten würden, vom Besitzer des Werkzeugs, weswegen es auch im Heidentum tabu ist, ohne vorher zu fragen, heilige Gegenstände von Heiden anzufassen.

Im Neuheidentum werden die Gegenstände oft als Repräsentanten von Gottheiten angesehen, eher als dass sie einen Teil der Gottheit selbst enthalten würden. Es ist üblich, dass Heiden ihre Andacht auf Statuen oder Bilder von Gottheiten auf heidnischen Altären, oder anderen Gegenständen, die ihre Götter repräsentieren, richten. Aber Heiden würden wohl eher darauf bestehen, nicht zu glauben, dass die Staute selbst die Gottheit wäre, sondern nur als Erinnerung an die Gegenwart der Gottheit dienen würde – ein Fokus für Gebete und Opfer. Die Gotteheiten selbst werden als immanent angesehen oder als in „anderen Gefielden“ weilend; die Statue ist ein Weg das Unsichtbare und Verborgene für uns Sterbliche zugänglich zu machen. Weil dieses Objekt also eine Repräsentation einer Gottheit ist, wird es mit einer bestimmten Art von Respekt betrachtet, hat aber gemeinhin nicht die gleiche Ebene an Regeln und Etikette zu erwarten, als ein Shinto „shintai“ – bei dem es sich ja um mehr als eine Repräsentation handelt.

Als Praktizierende beider Systeme, ist diese Kluft für mich manchmal schwierig zu überbrücken. Für meine Hauptgottheit, Inari Okami habe ich zur Zeit keinen „kamidana“, stattdessen einen Altar, auf dem ich Inari Okami durch zwei kleine Fuchsstatuen repräsentiere, die man oftmals in Japan in Inari-Schreinen findet. Ein strikter Shinto würde das wahrscheinlich beunruhigend finden. Das Problem dabei ist, dass die Fuchsstatuen in den Inari-Schreinen von den Shinto-Priestern nicht als heilige Gegenstände angesehen werden. Sie werden nicht einmal als Repräsentation von Inari gehalten; sie werden als Inaris Boten oder Wächter ihres Schreins gehalten. Indem ich meine Andacht und meine Opfer an die Fuchsstatuen richte, eher als an „ofuda“ oder „shintai“ (wie ich es früher gemacht habe), behandle ich die Statuen, in den Augen eines Shintoisten, als Kami. Das ist aber nicht der eigentliche Weg Kami zu verehren.

Mein alter Gartenaltar für Inari Okami, mit den Herbstopfern für Mabon

Mein alter Gartenaltar für Inari Okami, mit den Herbstopfern für Mabon

Wenn ich aber Opfer vor die Fuchsstatuen lege, dann tue ich das in neuheidnischer Tradition und in diesem Mindset und nicht im Shinto-Glauben. Meine Wahrnehmung von Inari ist von meinen neuheidnischen Glaubensvorstellungen beeinflusst; Ich glaube, dass Inaris Essenz überall rund um mich zu finden ist und darüber hinaus macht sie sich in der Form realer Füchse bemerkbar, die bei unserem Haus wohnen. Aber ich weiß, dass weder die Fuchsstatuen noch die lebenden Füchse Inari sind, sie repräsentieren für mich die ungreifbare Präsenz der Gottheit auf eine Weise, dass ich als Mensch sie verstehen und verehren kann.

Aber die Dinge verändern sich für mich gerade. Nach vielen Überlegungen, habe ich mich dazu entschieden einen ordnungsgemäßen „kamidana“ zu beschaffen, „ofuda“ und all die anderen erforderlichen Dinge, die für eine ordentliche traditionelle Shinto-Praxis erforderlich sind. Das ist aber eine persönliche Entscheidung. Ich habe keinerlei Problem mit Leuten, die Kami in einer neuheidnischen Weise verehren wollen, indem sie Symbole verwenden anstatt „ofuda“ um die Gegenwart der Kami zu repräsentieren. Die wahre Essenz von Shinto und Neuheidentum, daran glaube ich, ist der ernsthafte Wille – wenn man sich den Kami respektvoll nähert um sie zu Ehren, dann ist die Form und Art der persönlichen Praxis nicht wirklich wichtig.