Archiv für die Kategorie ‘Aussichten & Einsichten’

Burn on statt Burn out – Teil I, geschrieben von Mike

Samstag, 03. Februar 2018

Die rasant zunehmende Zahl an Burnout-Fällen ist die Kehrseite einer immer kompromissloseren Leistungsgesellschaft. Das eigentliche Problem ist jedoch: Wir brennen nicht, wir verkohlen. Wollen wir der inneren Erschöpfung entkommen, müssen wir erst recht ein Feuer in uns entfachen. Das Heilmittel gegen Müdigkeit ist Aktivität.

„Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag
in deinem Leben mehr zu arbeiten.“
Konfuzius

copyright Mike

Das ist schon interessant: Auf der einen Seite kann ein Halbtagsjob zu schwerem Burnout führen. Auf der anderen Seite gibt es Personen, die 60, 70 oder sogar 80 Stunden arbeiten und dabei noch aufblühen. Der Zeitfaktor alleine kann also nicht ausschlaggebend sein, um unsere Energie-Resservoires sukzessive aufzubrauchen. Und natürlich: Zeit ist relativ, sowieso. Tätigkeiten die uns erfüllen, die uns positiv fordern, die uns in einem rauschartigen Flowzustand versetzen, vergehen wie im Flug, während die Beschäftigung mit Belanglosigkeiten die Zeiger auf der Uhr oft zum Stillstand zwingt.

Burnout ist ein Phänomen, das sich schwer greifen lässt

… außer an dem Umstand, dass es immer mehr Leute betrifft und mittlerweile Dimensionen erreicht hat, die auf individueller als auch auf volkswirtschaftlicher Ebene äußerst ernst zu nehmen sind.
Eine aktuelle Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hat gezeigt: In der Schweiz fühlen sich rund anderthalb Millionen Menschen an ihrem Arbeitsplatz häufig gestresst. Innerhalb von zehn Jahren hat diese Zahl um fast ein Drittel zugenommen. Das kostet die Volkswirtschaft mehrere Milliarden Franken pro Jahr, durch Krankenstände oder Leistungsabfall am Arbeitsplatz.
Ein Zeitgeistphänomen unserer Leistungsgesellschaft
Die Zukunftsprognose: Düster. Weil es eben nicht immer nur schneller, weiter, höher und besser gehen kann, die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen aber genau dies vermehrt einfordern, jeder muss sehen wo er bleibt, immer noch vorne blicken, keine Möglichkeit zum Stillstand, vor allem in Zeiten, in denen klassische Sicherheiten kontinuierlich wegzubrechen drohen, denn egal ob beruflich oder privat, der Lebenslauf 2.0 ist geprägt von Geschwindigkeit und zwingender Flexibilität, bis hin zum nicht mehr auf das Parkett der guten Verträglichkeit legenden Spagat zwischen allen möglichen und unmöglichen Anforderungen des Alltags, des Berufes und des Beziehungslebens.

Bei stetig steigendem und omnipräsenten Druck, schon beginnend in der Schule, nein, sogar schon im Kindergarten. Die Ich-Gesellschaft wird vermehrt zur Ellenbogengesellschaft und wer sich nicht zeitig profiliert, bleibt früher oder später auf der Strecke. Immer weniger Personen werden mit immer mehr Arbeit eingedeckt. Man kann das Gewinnoptimierung nennen. Der Rest muss sich mit nicht ganz freiwillig erwünschter Umstrukturierung auseinandersetzen.
Und auch das ist interessant: Selbst unter Arbeitslosen ist Burnout weit verbreitet, denn der existentielle Stress, nichts tun zu können, wird oft als genauso schlimm erfahren wie dauernd tun zu müssen. Burnout kann daher durchaus als Zeitgeist-Phänomen betrachtet werden, als den individuellen Kollaps, der zum Ausdruck bringt, was früher oder später auch unsere extrem leistungsorientierte Profitgesellschaft an sich treffen wird. Die eine oder andere wirtschaftliche Krise hat ja schließlich schon an die Tür geklopft.
Aber Krisen wird ungern das Tor geöffnet. Vielmehr werden alle Reserven mobilisiert, um sich dagegen zu stemmen und sie ja nicht hereinzulassen. Wobei gerade die Auseinandersetzung mit der Krise die Lösung wäre.

Das aus dem altgriechischen stammende Wort Krise bedeutet (Ent)scheidung, entscheidende Wende. Das Potential einer Krise ist: Umzudenken. Neue Wege einzuschlagen. Sich vom dem zu scheiden, was sich als nicht konstruktiv erwiesen hat. Und somit eine entscheidende Wende einzuschlagen. Burnout-Zustände sind eine persönliche Krise. Aber anstatt alles daran zu setzen, wieder fit zu werden, um genau den Weg weiter zu verfolgen, der direkt in die Krise geführt hat, sollte man diese als Chance sehen, entscheidende Wenden einzuleiten. Wenden, die eigentlich schon viel früher hätten passieren sollen.
Denn warum brennen wir überhaupt aus?

Hitze entsteht durch Reibung und Druck. Simpel auf den Punkt gebracht: Hitze entsteht meist durch Reibung oder durch Druck. Wir laufen heiß, wenn es im Leben nicht reibungslos läuft. Wir laufen heiß, wenn wir mit zu viel Druck umherlaufen. Und Reibung kann es auch bei einem 20 Stunden Job geben. Druck kann es auch bei gar keinem Job geben.
Die moderne Burnout-Forschung spricht bei Burnout begünstigenden Faktoren von geringen Entfaltungsmöglichkeiten oder Handlungsspielräumen, von Überengagement und Perfektionismus, von mangelnden Stressbewältigungsmechanismen, schlechtem Betriebsklima, fehlenden Zielvorgaben oder zu hohen Erwartungen an sich selbst. Aber: Es geht um Reibung, es geht Druck. Und das über einen längeren Zeitraum, wir sprechen von Monaten und Jahren. Wenn wir uns immer wieder entfalten wollen, aber nicht können, dann reiben wir uns am Widerstand heiß. Oder an den KollegInnen. Oder am Partner.
Aber: Im Endeffekt brennen wir dabei gar nicht wirklich, wir verkohlen nur, ganz langsam, und zerbröseln schließlich. Denn wenn wir wirklich für etwas brennen, wenn das Feuer der Leidenschaft die treibende Kraft für unser Tun ist, und nicht die engen Zielvorgaben der Abteilungsleitung oder des internen, vielleicht durch die elterliche Erziehung oder die Schule oder den gesellschaftlichen Konsens in das eigene System implementierten Kritikers, dann geht es uns im Regelfall auch gut.

Ende Teil I

Das Ziel ist der Weg, geschrieben von Mike Mandl

Samstag, 30. Dezember 2017

Simon Matzinger

Wer das Setzen von Zielen auf Kosten des Weges vernachlässigt liegt genau so falsch wie die Person, die den Weg auf Kosten des Zieles opfert. Es braucht Ziele. Es braucht Wege. Das ist das Yin und Yang des Gehens…

Im internationalen Ranking gerne zitierter Lebensweisheiten nimmt der dem chinesischen Gelehrten Konfuzius zugeordnete Spruch „Der Weg ist das Ziel“ definitiv einen Spitzenplatz ein, wenn nicht sogar die führende Position. Kein Lebenshilferatgeber kann ohne ihn. Kein Tagessprüchleinkalender kann ohne ihn. Kein Managerseminar kann ohne ihn. Keine von Räucherstäbchen geschwängerte Facebook-Seite kann ohne ihn. Kein es gut meinender, im Endeffekt jedoch tendenziell aufdringlicher, da immer und unaufgefordert mit klugen Ratschlägen um sich schmeißender Halberleuchteter kann ohne ihn.

Natürlich, die Essenz der „Der Weg ist das Ziel“-Aussage hat ihre Berechtigung. Denn der ausschließliche Fokus auf ein Ziel macht uns oft blind für das, was links und rechts neben dem Wegesrand gedeiht. Wer allzu überengagiert die große Karriere, den tollen Erfolg, das ultimative Erlebnis oder die Weltherrschaft anvisiert, dem fällt es oft schwer, den Prozess dorthin zu genießen. Der ständige Fokus auf die Zukunft verhindert die Gegenwart. Permanentes Wollen steht in Opposition zum entspannten Sein. Haben müssen nimmt dem könnenden Werden die Offenheit und den Weitblick, beides immer wieder notwendig, um zu überprüfen, ob der mittels einengender Willenskraft eingeschlagene Weg nicht doch schon längst in eine Sackgasse führt. Oder in den Untergang. Siehe Wirtschaftswachstum. Siehe Finanzsektor. Siehe Bitcoin. Siehe Kapitalismus generell. Ein allzu stur eingebildetes Ziel rechtfertigt jedoch fast jedes Mittel. Hindernisse am Weg werden einfach platt gewalzt. Oft muss sogar die Realität ein bisschen nachjustiert werden, müssen offensichtliche Zusammenhänge ignoriert werden, um überfällige Kurskorrekturen zu vermeiden. Auf Kosten vieler. Auf Kosten vieler Einzelner. Siehe Klimawandel: So schlimm ist das ja gar nicht. Hat es ja schon immer gegeben. Vielleicht ein bisschen extrem zur Zeit, das Wetter und so, aber unsere Öl-Gesellschaft wäscht sich diesbezüglich gerne die schmutzigen Hände mit dem Weihwasser des Konsumdiktats: Profit. Das Ziel um jeden Preis?

Nein. Da tut es dann schon gut, manchmal auch ein bisschen lockerer zu lassen und sich am Geschehen und nicht nur am Ergebnis zu erfreuen. Da ist es hin und wieder sogar mehr als notwendig, stehen zu bleiben und sich umzuschauen, zu reflektieren und sich gegebenenfalls neu zu orientieren. Aber in unserer leistungs- und spaßorientierten Manie wollen wir ja immer nur so schnell wie möglich irgendwo ankommen, egal wo, egal wie. Und haben dabei einfach das Gehen verlernt, weil das ist uns so oder so schon viel zu langsam geworden. Das ist die eine Seite. Die andere Seite?

Das ist die Angst vor dem Scheitern. Die Angst, die Karten wirklich auf den Tisch zu legen. Die Angst, für ein Ziel „all in“ zu gehen. Die Angst, sich mit seinem individuellen Potential aus dem Fenster zu lehnen und dabei abzustürzen. Nur: Wer das Springen nicht riskiert, wird niemals fliegen lernen. In solchen Fällen ist die Huldigung der Weg gleich Ziel Mentalität oft nur eine schöner formulierte Version des guten österreichischen „schaun ma moi, don sehn ma eh“. Sprich: Lieber nicht bewegen, lieber nichts riskieren, lieber einen komfortablen Schaukelstuhl am Wegesrand beziehen und beobachten, was so an Leben und Möglichkeiten an einem vorbeizieht. Gerne wird auch bei den ersten auftretenden Schwierigkeiten einer längerfristigen Wanderung, bei den ersten mit größerem Aufwand zu überwindenden Passagen, bei den ersten mühsamen Anstiegen, sofort das Ziel gegen den Weg eingetauscht. Der Gipfel schön und gut. Aber es könnte ja anstrengend werden. Bedürfnisaufschub und Durchhaltevermögen entsprechen nicht dem Zeitgeist 2.0. Dann schon lieber: Weg mit dem Ziel! Der Weg ist das Ziel. Party am Straßenstand.

Letztendlich verfolgt aber jeder auf seine Art und Weise ein Ziel im Leben. Auch kein Ziel zu haben ist letztendlich ein Ziel. Die Sinnhaftigkeit von Zielen zu negieren ist ein Ziel. Nur am Weg sein zu wollen ist ein Ziel. Nicht-Wollen ist ein Ziel. Nicht-Tun ist ein Ziel. Loslassen ist ein Ziel. Absichtslosigkeit ist ein Ziel. Erleuchtung ist ein Ziel. Das alles immer und permanent in Frage zu stellen ist ein Ziel. Aber welches Ziel auch immer, ob Alles oder Nichts, ob Nichts und Alles, entscheidender sollte vielmehr die Kongruenz des Vorhabens mit dem sein, was man gemeinhin als Innenleben oder von mir aus auch Seele nennt, wohl wissend, dass man auch hier schon wieder eine Grundsatzdiskussion lostreten kann, wenn man das als Ziel hat, weil Kopf ist nicht Herz und Herz ist nicht das wahre Sein und letztendlich sind wir ja alle irgendwie Sternenstaub oder Licht oder Unendlichkeit oder so etwas, ja, sind wir, auf einer absoluten Ebene müssen wir gar nichts, da können wir ruhig im Moment und im Sein und im Nichttun verweilen, aber wir sind auch Lebewesen der Polarität und in dieser sehe ich oft, sorry an dieser Stelle, mehr halbgelebte Halbweisheit als richtiges Wachstum, weil Wachstum heißt, unser Potential, unsere Talente, unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen und das tun wir nur, wenn wir ohne Wenn und ohne Aber ein Ziel verfolgen, eines das Kopf, Herz und Seele gleichermaßen berührt, das Kopf, Herz und Seele zu einer wirklichen Einheit formt, zu einer Einheit, wo die unterschiedlichsten Aspekte unsere Seins lernen müssen, als Team zu funktionieren. Wo kein Platz mehr ist für Nörgeleien oder Widerstand oder aufreibenden inneren Dialog. Wer nicht mitmacht, bleibt zurück, das betrifft vor allem alte Muster, Glaubenssätze und Überzeugungen. Und unter uns: Die meisten nicht wirklich fruchtbaren Ziele der Gegenwart entspringen kollektiven Glaubenssätzen wie: Man muss. Erfolg haben. Ansehen erlangen. Einen Flat-Screen mit 3000 Zoll besitzen. Und so weiter.

Ein gutes, wirklich von Innen kommendes Ziel aktiviert unser gesamtes Potential. Ein gutes, wirklich von Innen kommendes Ziel aktiviert unsere Berufung, unsere Kernfunktion, unsere Bestimmung. Ob das ein Flat-Screen ist, wage ich zu bezweifeln. Ich bezweifle auch, dass es das ist, was wir gemeinhin als Erfolg bezeichnen. Weil gerade in der Erfolgsschicht das Burn Out Symptom wie ein Flächenbrand die letzten Reste der Workaholic-Seelen verbrennt und immer mehr leere Hüllen zurücklässt, die sich zu gar nichts mehr aufraffen können, weder zu einem Ziel. Noch zu einem Weg. Die Karriereleiter ist halt oft ein Ziel, dass alleine dem Kopf entspringt, nicht aber unserem wirklichen Potential entspricht und dementsprechend oft in einer Sackgasse mündet. Viel erreicht, wenig erlebt, wenig gelebt.

Ein gutes Ziel liefert jedoch ein ernsthaft erstrebenswertes Motiv. Und ein ernsthaft erstrebenswertes Motiv ist die Basis einer persönlichen Vision, die dem Schiff der Möglichkeit das Segel setzt, um den sicheren Hafen der Komfortzone zu verlassen und unbekanntes Terrain zu erobern. Ein wirklich gutes Ziel infiltriert, absorbiert und definiert uns zugleich. Ein gutes Ziel eröffnet erst den Weg: Deinen. Meinen. Einen.

Die Sache ist so: Wer also das Setzen von Zielen auf Kosten des Weges vernachlässigt liegt genau so falsch wie die Person, die den Weg auf Kosten des Zieles opfert. Es braucht Ziele. Es braucht Wege. Das ist das Yin und Yang des Gehens. Einseitigkeit bedeutet auf der Stelle zu treten, auch wenn man im Eilzugtempo unterwegs ist. Die Essenz der „Weg ist das Ziel“ Aussage bedeutet nur, uns nicht alleine über das Ziel zu definieren bzw. nicht so sehr am Ziel festzuhalten, dass der Prozess dabei in den Hintergrund gerät. Denn der Prozess ist es, der uns formt, der uns zu dem macht, was wir sein könnten. Das ist der wirkliche Gewinn.

Der Prozess heißt: Den Gipfel niemals aus den Augen zur verlieren. Um ihn zu erreichen, muss man aber vielleicht klettern lernen. Muss man wochenlang eine Schlechtwetterfront im Zelt aussitzen. Muss man hungern, frieren, schwitzen, leiden. Man kann dabei aber auch unvergeßliche Momente erleben. Wie sternenklare Nächte, in denen die Milchstraße den Horizont küsst. Oder Sonnenaufgänge, die zu Tränen rühren. Das ist der Weg. Der Weg, der uns wachsen lässt, der uns teilweise uns hinauswachsen lässt. Ja. Und natürlich: Der Weg ist das Ziel, weil selbst sollten wir 100 Meter vor dem Gipfel umdrehen müssen, haben wir doch viel gelernt und definitiv mehr gewonnen als verloren. Wer sich nur über den Gipfel definieren würde, würde im Fall eine Niederlage erleben. Wer Weg UND Ziel als Einheit erlebt, gewinnt immer. Aber eben: Ohne Ziel kein Weg. Erst durch das Ziel machen wir uns auf in Richtung Gipfel. Ohne Ziel würden wir das Haus nicht verlassen. Das Ziel ist quasi der Weg. Erst wer ein gutes Ziel hat, kann den Weg zum Ziel machen. Am Weg, den jemand eingeschlagen hat, kann man auch sein Ziel erkennen.

Jetzt: Was ist ein gutes Ziel? Das neue Jahr nähert sich. Und mit ihm der Drang Neujahresvorsätze in den Raum zu stellen. Die meisten sind jedoch schon vorab zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil es keine wirklichen Ziele sind, sondern eher kleinere Wünsche, meist diversen Erwartungshaltungen von außen folgend: Zum Beispiel ein bisschen mehr für die Gesundheit tun. Ein bisschen weniger dies, ein bisschen mehr das. Aber wie schon erwähnt: Ein gutes Ziel macht es niemanden recht, ein gutes Ziel mobilisiert unser gesamtes Potential. Ein gutes Ziel ist eine Vision. Ein gutes Ziel soll Gänsehaut hervorrufen und keinen Zwang. Ein gutes Ziel macht uns weit, anstatt uns einzuschränken. Für ein gutes Ziel soll man bereit sein, wirklich Risiko einzugehen. Klingt pathetisch, ist aber so.

Nun: Was sind eigentlich deine Ziele?

Heilung und Heilkunst – Teil 4

Samstag, 07. Oktober 2017

Fallgruben im Umgang mit Klienten

Auch im Umgang mit Klienten oder bei der Kommunikation zwischen Heiler und Klienten fallen mir häufig unterschiedliche Muster auf, die ich für sehr ungesund halte. Ein häufiges, das vermutlich jedem Heiler gerade in der Anfangsphase passiert, ist Projektion. Zum Einen projizieren Heiler auf ihre Klienten gern ihre eigenen Probleme, die sie vielleicht erfolgreich durchlebt haben, zum Anderen aber auch gern jene Dinge, in denen sie sich heilerisch besonders kompetent fühlen.

Capillary wave/Ripple effect von espejo, Wikimedia Commons

Ich weiss zB. dass ich als Osteopathin auf dem Gebiet Clusterkopfschmerz, Migräne und verschiedener Kopfschmerzarten sehr gut bin und erfolgreich arbeite. Kollegen schicken sogar Patienten dafür eigens zu mir, wenn sie selbst nicht mehr weiterkommen. Dass ich selbst seit Jahren darunter leide und mich zwangsläufig mit dem aktuellen Stand der Forschung und sämtlichen dafür geeigneten Verfahren und Techniken auskenne, ist einfach ein Nebeneffekt meiner eigenen Geschichte, sowohl durch Selbsthilfe als auch durch Konsultation von Kollegen. Wann immer ich die Gelegenheit hatte internationalen Koryphäen zu begegnen, habe ich diese natürlich auch zu diesem Thema befragt.

Dennoch muss ich aber immer aufpassen, dass ich Diagnosen sauber unterscheide. Nicht jeder wird aus den gleichen Gründen Kopfschmerzen haben wie ich und nicht jede Methode, die mir geholfen hat, ist auch für jeden anderen Patienten geeignet. Ich kann also mein Wissen und meine Erfahrung nutzen, habe aber dennoch einen eigenständigen Menschen vor mir, dessen Geschichte eine ganz andere ist als meine.

Umgang mit Patienten und Klienten, Foto: Sati

Andererseits habe ich aber zB. selbst noch nie eine Schwangerschaft und Geburt durchlebt, behandele aber häufig auch Schwangere und junge Mütter und das mit Erfolg. Hier kam das Können einfach mit der Erfahrung am Patienten, deren Schwangerschaften ich oft von Anfang bis Ende begleitet habe und die darauf bestanden von niemand anders als von mir behandelt zu werden. Diese Flexibilität und Fähigkeit sich auch in therapeutischem Neuland schnell zurechtzufinden, macht einen guten Heiler aus. Den Klienten nützt es nichts, wenn ich einen Nebenschauplatz zum Hauptproblem erhebe, nur weil ich mich darin besser auskenne und sicherer fühle; so verlockend es sein mag in seinem Lieblingsgebiet brillieren zu können. Auch hier kommt einem ein solides Fundament aus gelernten Techniken sehr zugute, denn im Zweifelsfall kann ich mich immer auf diese Grundverfahren stützen und dabei idealerweise neue und wertvolle Erfahrungen sammeln. Als Heiler lernt man mit jedem Klienten/Patienten selbst dazu.

Fähigkeiten und Kompetenzgrenzen

Als Heiler sollte man nicht nur in der Lage sein,  andere Menschen und deren Geschichte zu erkennen, sondern auch sich selbst, seine Fähigkeiten und Grenzen. Ich hab manchmal den Eindruck, als bestünde in der Neuheidenszene der Glaube, dass sobald jemand sich dem Heilen widmet, er grundsätzlich alles und jeden heilen kann. Heilen mag in gewisser Weise auch Gabe oder göttliches Geschenk sein, es braucht zweifelsohne eine Berufung und ein Talent dazu, aber das bedeutet nicht, dass man damit vollkommen von menschlichen Schwächen entbunden ist. Jeder hat seine persönlichen Schwächen, die ganz unterschiedliche Gründe haben und die zeigen sich auch, wenn man in einem Bereich arbeitet in dem man ein gewisses naturgegebenes Talent mitbringt. Sich das einzugestehen ist umso wichtiger, wenn andere Menschen und deren Wohlergehen davon unmittelbar abhängig ist. In der Osteopathie spricht man zB. von den sog. „red flags“ das sind besondere Warnzeichen, die uns sagen, dass ein Notfall bestehen könnte der ärztlicher Abklärung bedarf oder/und eine Kontraindikation für Osteopathie darstellt. Solche „red flags“ sollte jeder Heiler für sich kennen und definieren unabhängig davon mit welcher Methode er arbeitet. Lieber schickt man einen Klienten oder Patienten einmal zu viel zu jemandem, den man für kompetenter hält, als einmal zu wenig.

The lonely walk, Foto: Vinoth Chandar, Wikimedia Commons

Das setzt natürlich voraus, dass ich ein entsprechendes Netzwerk habe, wo ich mir entweder Informationen beschaffen kann oder jemanden in vertrauensvolle Hände weiterleiten kann. Nicht jeder muss bzw. kann alles können und anstatt sich als Einzelkämpfer auf weiter Flur zu verstehen, ist es sowohl für Heiler als auch Klient/Patient nur von Vorteil das was man selbst nicht bieten kann durch vertraute Kollegen und deren Wissen und Kompetenz zu ergänzen. Mir fällt in der spirituellen Heilerszene verstärkt auf, dass der Wille zur Kooperation wesentlich geringer ist als der Wunsch sich als einzigeartiges Individuum mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu profilieren. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es die eigene Kompetenz in keiner Weise untergräbt seine Grenzen zu kennen und sogar gegenüber einem Klienten/Patienten klar zu kommunizieren. Ganz im Gegenteil, es erhöht sogar noch das Vertrauen. Wenn ich dann noch einen wirklich guten Kollegen empfehlen kann, fühlt sich ein Mensch, der mir vertraut, auch dort gut aufgehoben.

Was ist Heilung?

Heilung, so erscheint es mir, wird oft als wundersames Ereignis betrachtet, dass durch ebenso wundersame Intervention hervorgerufen wird. Tatsächlich ist aber Heilung genauso wie Krankheit ein fortwährender Prozess. Das gilt auf der körperlichen, wie auch auf der seelischen Ebene. Unser Körper macht die ganze Zeit nichts anderes, als sich fortwährend zu erneuern, Schäden zu reparieren, neue Zellen zu bilden, nicht benötigtes auszuscheiden und notwendiges aufzunehmen und zu verarbeiten. Das gleiche macht auch unsere Seele. Die Art wie wir mit uns selbst oder anderen Menschen umgehen, wie wir für uns sorgen, womit wir unsere Seele nähren sind ebenfalls Dinge die am Prozess der Heilung unaufhörlich beteiligt sind. Die eine Heilung als in sich abgeschlossener einmaliger Prozess ist eine Illusion. Tatsächlich existieren Krankheit und Heilung in einer fortwährenden Dynamik nebeneinander und manchmal gewinnt die Krankheit die Oberhand und manchmal die Gesundheit. Manchmal können wir großen Einfluss darauf nehmen und manchmal auch nicht. Und als Heiler können wir uns zeitweise an der Heilung eines anderen Menschen beteiligen, ihn ein Stück seines Weges begleiten und ihn dann wieder sich selbst überlassen. Wir können Kraft unserer Kompetenz als Heiler einem Menschen helfen besser für sich zu sorgen, ihm aus ausweglosen Situationen einen möglichen Weg aufzeigen und ihn auch mal an der Hand nehmen und herausführen.

Heilung, Foto: Sati

Ich persönlich habe mich immer als Partner auf Augenhöhe in Fragen der Gesundheit verstanden und habe über die Zeit genau die Patienten angezogen, die diese Haltung an mir schätzen. Die Mündigkeit meiner Patienten hat für mich einen hohen Stellenwert. Ich empfinde es als meine Pflicht, mein Wissen ständig zu erweitern und mich nicht auf geernteten Lorbeeren auszuruhen. Gerade in der Heilkunde ist jeder Stillstand ein Rückschritt und ich bin überzeugt davon, dass dies auch für jede spirituelle Heilweise gleichermaßen gilt. Ein Heiler entwickelt sich mit jedem Klienten/Patienten gleichermaßen weiter und für diese Entwicklung offen zu sein ist für mich ein zentraler Teil des Heiler-Seins.

Heilung und Heilkunst – Teil 3

Samstag, 30. September 2017

Stichwort Blockaden

Ein weiterer „Evergreen“ der virtuellen Heilerszene ist, dass Blockaden grundsätzlich und immer gelöst werden müssen. Es gibt wohl kaum eine Heilmethode, die sich so sehr mit grob- und feinstofflichen Blockaden auseinandersetzt wie die Osteopathie. Ganz gleich ob es sich um handfeste Gelenksblockaden handelt oder um eingeschränkte Dynamiken, der verschiedenen Zirkulationen und Rhythmen des Menschen wie etwa in der Kraniosakralen Therapie. Ob eine Blockade aufgelöst werden muss, hängt immer davon ab was wie bewirkt. Sie kann sowohl schaden und freien Fluss behindern, als auch stabilisieren und kompensativen Halt bieten. Menschen bestehen im körperlichen, psychischen wie auch im spirituellen Bereich oft aus einer Vielzahl von Kompensationen, die sogar ganz wunderbar funktionieren. Es ist Teil unserer menschlichen Natur und Ausdruck von Gesundheit überhaupt kompensieren zu können. Kompensation ist also mitnichten ein Zeichen von Krankheit, sondern ein Zeichen von Gesundheit.

„Road Closed sign along Nevada State Route 317“ von Famartin, Wikimedia Commons

Manchmal besteht eine Kompensation darin eine „Blockade“ aufzubauen um durch ein kleineres Übel ein größeres zu verhindern oder zumindest in Schach zu halten. Wenn ich als Therapeut nun dem Klienten diese wichtige Stabilisierung wegnehme, in der festen Überzeugung, dass Blockaden grundsätzlich aufgelöst werden müssen, bewirke ich unter Umständen eine völlige Destabilisierung des gesamten Systems und einen noch viel größeren Schaden. Das kann man – mit entsprechendem Können – natürlich auch bewusst wagen um dann hinterher das Gesamtsystem neu zu sortieren, aber die meisten scheinen ihre Klienten an genau diesem Punkt mit stolzgeschwellter Brust ob der Destabilisierung (und der entsprechenden heftigen emotionalen Reaktion) wieder heim zu schicken ohne sich der unliebsamen Arbeit anzunehmen, die nun eigentlich beginnen würde. Nämlich den Scherbenhaufen aufzusammeln und daraus brauchbare neue Konzepte zu bauen.

Körper und Seele

Ein Begriff, der bei oft mangelnder Kenntnis beinahe inflationär benutzt wird, ist die Psychosomatik. Viele scheinen unter Psychosomatik die wissenschaftliche Variante von „alles ist Geist, also auch jede Krankheit“ zu verstehen, dabei ist die Psychosomatik eigentlich ganz klar definiert. Zu meinen Patienten zählen auch Ärzte und mit einer Fachfrau für Psychosomatik durfte ich mich einmal ausgiebig über diesen Bereich unterhalten. Psychosomatik bedeutet, dass der Körper organisch gesund ist, aber der Patient aufgrund einer sogenannten Somatisierungsstörung, die Bestandteil von unterschiedlichen psychischen Krankheitsbildern ist, Symptome entwickelt. Hier sei nochmal betont: der Körper ist dabei vollständig intakt! Wer also Krankheitsbilder, die mit einer echten Gewebeschädigung einhergehen, wie Krebs, Magengeschwüre oder Bandscheibenvorfälle als psychosomatisch bezeichnet, der irrt gewaltig und begibt sich mitunter auf gefährliches Terrain, wenn er glaubt den Umkehrschluss ziehen zu können, dass Krebs durch viel Gedankenkraft heilbar ist. Der sogenannte Placeboeffekt ist alles andere als ein Kraft des Geistes herbeigeführtes Wunder, sondern ein Phänomen des menschlichen Körpers, der biochemische und immunologische Prozesse umfasst, die bis heute noch nicht vollständig, aber immerhin teilweise erforscht sind. Sicherlich ist hier Gedankenkraft beteiligt, denn diese nimmt unmittelbaren Einfluss auf das Nervensystem und den Hormonhaushalt, aber deswegen ist das noch lange keine Zauberei. Während die Schulmedizin dies als ebensolche und als Täuschung weitgehend von sich weist, springen die alternativen Heiler nur allzu gern aber oft  unreflektiert darauf an, eben WEIL es wie Zauberei erscheint. Fachärzte für Psychosomatik, sind die Experten, die sich mit diesen Prozessen bis ins Detail auseinandergesetzt haben und wissen, wie sie diesen Effekt in die richtigen Bahnen lenken können um einen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Das sollte aus meiner Sicht auch ein spirituell orientierter Heiler anstreben ohne sich den Zaubererhut aufzusetzen.

The Soul Hovering over the Body von Robert Blair, Wikimedia Commons

„Energien“

Besonders konfus wird es immer, wenn es um den Begriff „Energie“ geht. Einer genauen Definition des Begriffes, will sich auch hier niemand so recht widmen und es wird sehr selbstverständlich davon ausgegangen, dass man immer irgendwie Energie „reinstecken“ muss. Natürlich gibt es unterschiedliche Imaginationsbilder von Energie zB. als „weißes Licht“ oder „grüner Strahl“ bis zu „leuchtende Glitzernebel“ oder ähnliches, aber was diese Energie wo genau macht, scheint keiner so genau zu wissen, wohl aber was sie idealerweise machen SOLL und das ganz allgemein und meist sehr schwurbelig. Ob sie das dann auch tut, wird selten überprüft.

In der Osteopathie zB. haben wir sehr viele verschiedene Ausdrucksformen der körperlichen und seelischen Energie, die sich in verschiedensten Rhythmen und Dynamiken ausdrückt und von einer großen Zahl osteopathischer Gründerväter bis ins Detail nach jahre- und jahrzehntelanger Forschung beschrieben wurde. Und sie ist vor allem eins: spürbar. Es erfordert zum Teil sehr viel Übung bestimmte Rhythmen zu spüren, aber es ist möglich. Es wurde unermüdlich geforscht und mit Studiengruppen experimentiert und quergecheckt, bis man sich auf bestimmte Ordnungen und Normen festlegte. Dazu gehören Dinge wie die sog. intrinsischen Eigenbewegungen der Organe, der sogenannte PRM oder „Kraniopuls“, der Atemrhythmus, die Bewegungen des Flüssigkeitskörpers genannt „Fluida“ usw. Sogar wie der Nahrungsbrei durch den Verdauungstrakt rutscht, die Lymphe durch das Gewebe zirkuliert oder das Blut durch die Adern fließt hat eine ganz spezifische Art sich zu bewegen, sonst wäre das so reibungslos gar nicht möglich und wir würden innerhalb weniger Augenblicke an multiplen Blutgerinnseln oder Darmverschlüssen sterben.

Bergbach, Foto: Sati

Leben ist Bewegung und Bewegung ist der Ausdruck von Lebensenergie, zumindest sieht das die Osteopathie so. Wird diese Energie blockiert oder behindert kann es freilich zu einer Unterversorgung oder Energielosigkeit in bestimmten Bereichen kommen, genauso kann und wird es aber auch zu einem Übermaß oder Stau in anderen Bereichen kommen. Wenn ich einen Gartenschlauch zu halte, kommt vorne kein Wasser raus und wenn der Gartenschlauch ein bisschen spröde ist, dann platzt er sehr wahrscheinlich vor dem Knick. Da hilft es auch nicht, wenn ich den Wasserhahn noch mehr aufdrehe, selbst wenn dann vorne vielleicht ein bisschen Wasser herauströpfeln mag, der Druck für den Schlauch vor dem Knick kann trotzdem zu groß sein und enormen Schaden anrichten.

Bei der Arbeit mit Energie geht’s vor allem um eins: Die Kunst des sinnvollen Ausgleichens.
In der Osteopathie fassen wir das unter dem Schlagwort „Salutogenese“ zusammen, das heißt wir suchen nicht das was krank ist – das wäre Pathogenese (von „pathos“=Leiden) – wir suchen das was bereits oder noch gesund ist und versuchen dieses „gesund“ auszuweiten und mit den erkrankten Anteilen in Verbindung zu setzen. Das funktioniert auf der körperlichen Ebene ebenso wie auf der seelischen. Statt in den Schwächen und Verletzungen herum zu bohren und zu riskieren, dass wir Patienten retraumatisieren – also erneut und noch mehr verletzen –  fragen wir, „Wo geht es Dir gut? Was kannst Du? Wo bist Du stark?“ und diese Eigenenergie kann man wunderbar nutzen um die Dinge zu heilen, die nicht so gut funktionieren ganz ohne etwas Fremdes in den seelischen und körperlichen Organismus hineingeben zu müssen in der naiven Annahme, dass die Energie dann schon weiß, was sie genau tun muss. Selbst bei Klienten/Patienten mit einem echten Energiemangel, wird ein Osteopath bestrebt sein, dessen eigene Fähigkeit sich selbstständig mit Energie zu versorgen wieder herzustellen anstatt ihm irgendeine Form von Energie einzuflößen.

Im nächsten und letzten Teil wird es vor allem um unterschiedliche Fallgruben im direkten Umgang mit Klienten oder Patienten gehen. Denn gerade in puncto Selbsteinschätzung kann man einigen Irrtümern erliegen.

Heilung und Heilkunst – Teil 2

Samstag, 16. September 2017

Das Problem mit den Grundbegriffen

Es gibt eine Reihe von Fallgruben, die meiner Ansicht nach jeder Heiler kennen sollte. Ein wichtiger Punkt, der mir immer wieder auffällt, ist, dass es oft schon an den Grunddefinitionen erheblich mangelt. Wenn ich jemanden heilen will, muss ich mir erstmal Gedanken machen, wie ich eigentlich Begrifflichkeiten wie „Gesundheit“, „Heilung“, „Lebenskraft“ oder „Vitalität“ definiere. Ich muss eine genaue Vorstellung von dem haben, was ich bei meinen Patienten oder Klienten erreichen will und sie natürlich auch darüber in Kenntnis setzen.

Die meisten althergebrachten Methoden wie TCM, Homöopathie, Osteopathie usw. haben dafür ihre Konzepte und Definitionen und in der Folge natürlich Techniken um deren Beschaffenheit zu untersuchen und auszuwerten. Ob ich nun von Chi, PRM oder Prana spreche ist letztlich egal, sofern ich ein genaues Bild von dem habe, mit dem ich da arbeiten will bzw. was ich herbeiführen möchte. Erst dann kann ich mir überhaupt Gedanken machen welche Behandlungstechniken ich überhaupt anwende und wo. Und diese Techniken sollten natürlich auch zu meinen Basiskonzepten passen.

von giphy.com

 

Wissen und Intuition

Sehr häufig jedoch lese ich, dass sich auf „so’n Gefühl“ verlassen wird und man sich mit der Definition von diesen Grundbegriffen überhaupt nicht befassen möchte, weil man glaubt, das auch erfühlen zu können. Nichts gegen intuitive Herangehensweisen, aber Intuition sollte idealerweise im Rahmen einer in sich logischen und einigermaßen irrtumssicheren Methodik angewandt werden, sonst ist die Gefahr groß, dass ich mir schlichtweg etwas einbilde und meinem Klienten schade. Viele althergebrachte alternative Heilweisen, die schon seit Jahrtausenden oder Jahrhunderten praktiziert werden bieten solche Definitionen, die auch einem spirituellen Weltbild kein bisschen widersprechen, es lohnt sich, davon eine auszuwählen und sich ein solides Wissen als Basis anzueigenen und wer gern vielseitig arbeitet mag sich vielleicht auch noch eine zweite oder dritte Methoden ansehen. Abraten möchte ich aber von Patchwork-Konzepten, die auf reinem Schlagzeilenwissen beruhen. Zum erlernen einer Heilmethode gehören auch immer die Inhalte die man langweilig und schwierig findet. Beim Stricken einer Patchworkphilosophie besteht die Gefahr, dass ich mich nur immer wieder selbst bestätige und dabei leider auch meine Irrtümer. Tatsächlich gehört es aber zum Weg eines Heilers dazu gerade die Konzepte zu hinterfragen, die man für selbstverständlich hält und sich auch mal auf jene offen und unvoreingenommen einzulassen, die einem überhaupt nicht gefallen.

Intuition ist normalerweise etwas, das mit der Erfahrung stärker wird, aber selbst die erfahrensten Therapeuten, sollten ein solides Fundament aus den so unbeliebten Definitionen und Konzepten haben auf das sie immer wieder zurückgreifen können. Hinzukommt, dass solche Begrifflichkeiten auch den zu Behandelnden nicht außer Acht lassen dürfen. Welche Vorstellung hat mein Patient/Klient überhaupt von Gesundheit oder Vitalität und wie erlebt er überhaupt den Mangel dieser Dinge? Auch hierüber machen sich leider viele keine Gedanken und glauben Kraft ihrer Visionen und Ahnungen genau zu wissen, was zu tun ist, damit es jemandem besser geht.

„Hypnosis“ 1904, Sascha Schneider, Wikimedia Commons

Illusionen der Heiler

Auch wenn ich mit meinem Klienten gut kommuniziere und mir ausschweifende Beschreibungen von deren Gefühlszustand anhöre, wenn mir solche Grundkonzepte und -definitionen fehlen, lauert schon die nächste Fallgrube, nämlich meinen Behandlungserfolg von den Befindlichkeiten des Klienten abhängig zu machen. Sehr oft lese ich, dass Heiler es ganz selbstverständlich als ihren Verdienst ansehen, dass der Patient überglücklich nach der Behandlung war oder heftigen negative Reaktionen durchgemacht hat, die dann als eine Art „Heilkrise“ interpretiert werden. Gewiss gibt es Methoden die solche Reaktionen häufig nach sich ziehen, dennoch darf man sich als Heiler auf keinen Fall von solchen Reaktionen abhängig machen und sie schon gar nicht per se als eine geglückte Heilung interpretieren. Befunde müssen in irgendeiner Weise objektivierbar sein und sei es auch nur, dass ich nach meinen persönlichen Definitionen einen Vorher/Nachher-Vergleich anstelle und eine tatsächliche Veränderung erkenne, die eindeutig auf meine Intervention zurückzuführen ist. Manchmal werden Patienten auch TROTZ Behandlung gesund, das heißt ich kann nie genau wissen, was von dem was ich unternommen habe wirklich zur Heilung geführt hat. Man spricht dabei auch von der sogenannten therapeutischen Illusion, wenn von mir unabhängige Dinge eine Heilung bewirkt haben, die ich aber fälschlicherweise als meinen Erfolg verbuche.

In manchen Disziplinen der Osteopathie zB. gilt es sogar als schlampige Arbeit, wenn man heftige emotionale Reaktionen auslöst. Die Rede ist vom sog. Somato Emotional Release ein Konzept, das John Upledger entwickelt hat. Er geht dabei von der Grundannahme aus, dass emotionale Inhalte im Körper in sog. „Zysten“ gespeichert sind und durch manuelles Einwirken auf die entsprechenden Körperstellen durch einen Behandler gelöst werden können. Hierbei besteht der Anspruch, dass selbst schwere psychische Traumata auf der Körperebene spürbar und damit auch dort lösbar zu sein haben. Die sichtbare Reaktion davon sollte absolut NICHTS sein. Keine Träne, keine melodramatischen Gefühlsausbrüche, maximal ein leises Seufzen, egal wie schwerwiegend das Trauma ist. Und das hat hinterher eine deutliche Verbesserung aufzuweisen, sonst gilt die Behandlung als erfolglos. Es mag verlockend sein, die Reaktionen des Klienten als Bestätigung für sich selbst heranzuziehen, aber entscheiden sollten klare Befunde im jeweiligen Konzept sein in dem man arbeitet. Das mag den Showeffekt der Heilung erheblich schmälern, aber es senkt auch das Risiko einer Retraumatisierung enorm und ist deutlich angenehmer für den Patienten/Klienten.

Im nächsten Teil werde ich mich weiteren heilerischen Meinungen widmen, die mir verstärkt in der Internetszene auffallen, wie zB. zum Thema „Blockaden“, „Energien“ oder „Psychosomatik“.