Archiv für die Kategorie ‘Aussichten & Einsichten’

Heilung und Heilkunst – Teil 3

Samstag, 30. September 2017

Stichwort Blockaden

Ein weiterer „Evergreen“ der virtuellen Heilerszene ist, dass Blockaden grundsätzlich und immer gelöst werden müssen. Es gibt wohl kaum eine Heilmethode, die sich so sehr mit grob- und feinstofflichen Blockaden auseinandersetzt wie die Osteopathie. Ganz gleich ob es sich um handfeste Gelenksblockaden handelt oder um eingeschränkte Dynamiken, der verschiedenen Zirkulationen und Rhythmen des Menschen wie etwa in der Kraniosakralen Therapie. Ob eine Blockade aufgelöst werden muss, hängt immer davon ab was wie bewirkt. Sie kann sowohl schaden und freien Fluss behindern, als auch stabilisieren und kompensativen Halt bieten. Menschen bestehen im körperlichen, psychischen wie auch im spirituellen Bereich oft aus einer Vielzahl von Kompensationen, die sogar ganz wunderbar funktionieren. Es ist Teil unserer menschlichen Natur und Ausdruck von Gesundheit überhaupt kompensieren zu können. Kompensation ist also mitnichten ein Zeichen von Krankheit, sondern ein Zeichen von Gesundheit.

„Road Closed sign along Nevada State Route 317“ von Famartin, Wikimedia Commons

Manchmal besteht eine Kompensation darin eine „Blockade“ aufzubauen um durch ein kleineres Übel ein größeres zu verhindern oder zumindest in Schach zu halten. Wenn ich als Therapeut nun dem Klienten diese wichtige Stabilisierung wegnehme, in der festen Überzeugung, dass Blockaden grundsätzlich aufgelöst werden müssen, bewirke ich unter Umständen eine völlige Destabilisierung des gesamten Systems und einen noch viel größeren Schaden. Das kann man – mit entsprechendem Können – natürlich auch bewusst wagen um dann hinterher das Gesamtsystem neu zu sortieren, aber die meisten scheinen ihre Klienten an genau diesem Punkt mit stolzgeschwellter Brust ob der Destabilisierung (und der entsprechenden heftigen emotionalen Reaktion) wieder heim zu schicken ohne sich der unliebsamen Arbeit anzunehmen, die nun eigentlich beginnen würde. Nämlich den Scherbenhaufen aufzusammeln und daraus brauchbare neue Konzepte zu bauen.

Körper und Seele

Ein Begriff, der bei oft mangelnder Kenntnis beinahe inflationär benutzt wird, ist die Psychosomatik. Viele scheinen unter Psychosomatik die wissenschaftliche Variante von „alles ist Geist, also auch jede Krankheit“ zu verstehen, dabei ist die Psychosomatik eigentlich ganz klar definiert. Zu meinen Patienten zählen auch Ärzte und mit einer Fachfrau für Psychosomatik durfte ich mich einmal ausgiebig über diesen Bereich unterhalten. Psychosomatik bedeutet, dass der Körper organisch gesund ist, aber der Patient aufgrund einer sogenannten Somatisierungsstörung, die Bestandteil von unterschiedlichen psychischen Krankheitsbildern ist, Symptome entwickelt. Hier sei nochmal betont: der Körper ist dabei vollständig intakt! Wer also Krankheitsbilder, die mit einer echten Gewebeschädigung einhergehen, wie Krebs, Magengeschwüre oder Bandscheibenvorfälle als psychosomatisch bezeichnet, der irrt gewaltig und begibt sich mitunter auf gefährliches Terrain, wenn er glaubt den Umkehrschluss ziehen zu können, dass Krebs durch viel Gedankenkraft heilbar ist. Der sogenannte Placeboeffekt ist alles andere als ein Kraft des Geistes herbeigeführtes Wunder, sondern ein Phänomen des menschlichen Körpers, der biochemische und immunologische Prozesse umfasst, die bis heute noch nicht vollständig, aber immerhin teilweise erforscht sind. Sicherlich ist hier Gedankenkraft beteiligt, denn diese nimmt unmittelbaren Einfluss auf das Nervensystem und den Hormonhaushalt, aber deswegen ist das noch lange keine Zauberei. Während die Schulmedizin dies als ebensolche und als Täuschung weitgehend von sich weist, springen die alternativen Heiler nur allzu gern aber oft  unreflektiert darauf an, eben WEIL es wie Zauberei erscheint. Fachärzte für Psychosomatik, sind die Experten, die sich mit diesen Prozessen bis ins Detail auseinandergesetzt haben und wissen, wie sie diesen Effekt in die richtigen Bahnen lenken können um einen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Das sollte aus meiner Sicht auch ein spirituell orientierter Heiler anstreben ohne sich den Zaubererhut aufzusetzen.

The Soul Hovering over the Body von Robert Blair, Wikimedia Commons

„Energien“

Besonders konfus wird es immer, wenn es um den Begriff „Energie“ geht. Einer genauen Definition des Begriffes, will sich auch hier niemand so recht widmen und es wird sehr selbstverständlich davon ausgegangen, dass man immer irgendwie Energie „reinstecken“ muss. Natürlich gibt es unterschiedliche Imaginationsbilder von Energie zB. als „weißes Licht“ oder „grüner Strahl“ bis zu „leuchtende Glitzernebel“ oder ähnliches, aber was diese Energie wo genau macht, scheint keiner so genau zu wissen, wohl aber was sie idealerweise machen SOLL und das ganz allgemein und meist sehr schwurbelig. Ob sie das dann auch tut, wird selten überprüft.

In der Osteopathie zB. haben wir sehr viele verschiedene Ausdrucksformen der körperlichen und seelischen Energie, die sich in verschiedensten Rhythmen und Dynamiken ausdrückt und von einer großen Zahl osteopathischer Gründerväter bis ins Detail nach jahre- und jahrzehntelanger Forschung beschrieben wurde. Und sie ist vor allem eins: spürbar. Es erfordert zum Teil sehr viel Übung bestimmte Rhythmen zu spüren, aber es ist möglich. Es wurde unermüdlich geforscht und mit Studiengruppen experimentiert und quergecheckt, bis man sich auf bestimmte Ordnungen und Normen festlegte. Dazu gehören Dinge wie die sog. intrinsischen Eigenbewegungen der Organe, der sogenannte PRM oder „Kraniopuls“, der Atemrhythmus, die Bewegungen des Flüssigkeitskörpers genannt „Fluida“ usw. Sogar wie der Nahrungsbrei durch den Verdauungstrakt rutscht, die Lymphe durch das Gewebe zirkuliert oder das Blut durch die Adern fließt hat eine ganz spezifische Art sich zu bewegen, sonst wäre das so reibungslos gar nicht möglich und wir würden innerhalb weniger Augenblicke an multiplen Blutgerinnseln oder Darmverschlüssen sterben.

Bergbach, Foto: Sati

Leben ist Bewegung und Bewegung ist der Ausdruck von Lebensenergie, zumindest sieht das die Osteopathie so. Wird diese Energie blockiert oder behindert kann es freilich zu einer Unterversorgung oder Energielosigkeit in bestimmten Bereichen kommen, genauso kann und wird es aber auch zu einem Übermaß oder Stau in anderen Bereichen kommen. Wenn ich einen Gartenschlauch zu halte, kommt vorne kein Wasser raus und wenn der Gartenschlauch ein bisschen spröde ist, dann platzt er sehr wahrscheinlich vor dem Knick. Da hilft es auch nicht, wenn ich den Wasserhahn noch mehr aufdrehe, selbst wenn dann vorne vielleicht ein bisschen Wasser herauströpfeln mag, der Druck für den Schlauch vor dem Knick kann trotzdem zu groß sein und enormen Schaden anrichten.

Bei der Arbeit mit Energie geht’s vor allem um eins: Die Kunst des sinnvollen Ausgleichens.
In der Osteopathie fassen wir das unter dem Schlagwort „Salutogenese“ zusammen, das heißt wir suchen nicht das was krank ist – das wäre Pathogenese (von „pathos“=Leiden) – wir suchen das was bereits oder noch gesund ist und versuchen dieses „gesund“ auszuweiten und mit den erkrankten Anteilen in Verbindung zu setzen. Das funktioniert auf der körperlichen Ebene ebenso wie auf der seelischen. Statt in den Schwächen und Verletzungen herum zu bohren und zu riskieren, dass wir Patienten retraumatisieren – also erneut und noch mehr verletzen –  fragen wir, „Wo geht es Dir gut? Was kannst Du? Wo bist Du stark?“ und diese Eigenenergie kann man wunderbar nutzen um die Dinge zu heilen, die nicht so gut funktionieren ganz ohne etwas Fremdes in den seelischen und körperlichen Organismus hineingeben zu müssen in der naiven Annahme, dass die Energie dann schon weiß, was sie genau tun muss. Selbst bei Klienten/Patienten mit einem echten Energiemangel, wird ein Osteopath bestrebt sein, dessen eigene Fähigkeit sich selbstständig mit Energie zu versorgen wieder herzustellen anstatt ihm irgendeine Form von Energie einzuflößen.

Im nächsten und letzten Teil wird es vor allem um unterschiedliche Fallgruben im direkten Umgang mit Klienten oder Patienten gehen. Denn gerade in puncto Selbsteinschätzung kann man einigen Irrtümern erliegen.

Heilung und Heilkunst – Teil 2

Samstag, 16. September 2017

Das Problem mit den Grundbegriffen

Es gibt eine Reihe von Fallgruben, die meiner Ansicht nach jeder Heiler kennen sollte. Ein wichtiger Punkt, der mir immer wieder auffällt, ist, dass es oft schon an den Grunddefinitionen erheblich mangelt. Wenn ich jemanden heilen will, muss ich mir erstmal Gedanken machen, wie ich eigentlich Begrifflichkeiten wie „Gesundheit“, „Heilung“, „Lebenskraft“ oder „Vitalität“ definiere. Ich muss eine genaue Vorstellung von dem haben, was ich bei meinen Patienten oder Klienten erreichen will und sie natürlich auch darüber in Kenntnis setzen.

Die meisten althergebrachten Methoden wie TCM, Homöopathie, Osteopathie usw. haben dafür ihre Konzepte und Definitionen und in der Folge natürlich Techniken um deren Beschaffenheit zu untersuchen und auszuwerten. Ob ich nun von Chi, PRM oder Prana spreche ist letztlich egal, sofern ich ein genaues Bild von dem habe, mit dem ich da arbeiten will bzw. was ich herbeiführen möchte. Erst dann kann ich mir überhaupt Gedanken machen welche Behandlungstechniken ich überhaupt anwende und wo. Und diese Techniken sollten natürlich auch zu meinen Basiskonzepten passen.

von giphy.com

 

Wissen und Intuition

Sehr häufig jedoch lese ich, dass sich auf „so’n Gefühl“ verlassen wird und man sich mit der Definition von diesen Grundbegriffen überhaupt nicht befassen möchte, weil man glaubt, das auch erfühlen zu können. Nichts gegen intuitive Herangehensweisen, aber Intuition sollte idealerweise im Rahmen einer in sich logischen und einigermaßen irrtumssicheren Methodik angewandt werden, sonst ist die Gefahr groß, dass ich mir schlichtweg etwas einbilde und meinem Klienten schade. Viele althergebrachte alternative Heilweisen, die schon seit Jahrtausenden oder Jahrhunderten praktiziert werden bieten solche Definitionen, die auch einem spirituellen Weltbild kein bisschen widersprechen, es lohnt sich, davon eine auszuwählen und sich ein solides Wissen als Basis anzueigenen und wer gern vielseitig arbeitet mag sich vielleicht auch noch eine zweite oder dritte Methoden ansehen. Abraten möchte ich aber von Patchwork-Konzepten, die auf reinem Schlagzeilenwissen beruhen. Zum erlernen einer Heilmethode gehören auch immer die Inhalte die man langweilig und schwierig findet. Beim Stricken einer Patchworkphilosophie besteht die Gefahr, dass ich mich nur immer wieder selbst bestätige und dabei leider auch meine Irrtümer. Tatsächlich gehört es aber zum Weg eines Heilers dazu gerade die Konzepte zu hinterfragen, die man für selbstverständlich hält und sich auch mal auf jene offen und unvoreingenommen einzulassen, die einem überhaupt nicht gefallen.

Intuition ist normalerweise etwas, das mit der Erfahrung stärker wird, aber selbst die erfahrensten Therapeuten, sollten ein solides Fundament aus den so unbeliebten Definitionen und Konzepten haben auf das sie immer wieder zurückgreifen können. Hinzukommt, dass solche Begrifflichkeiten auch den zu Behandelnden nicht außer Acht lassen dürfen. Welche Vorstellung hat mein Patient/Klient überhaupt von Gesundheit oder Vitalität und wie erlebt er überhaupt den Mangel dieser Dinge? Auch hierüber machen sich leider viele keine Gedanken und glauben Kraft ihrer Visionen und Ahnungen genau zu wissen, was zu tun ist, damit es jemandem besser geht.

„Hypnosis“ 1904, Sascha Schneider, Wikimedia Commons

Illusionen der Heiler

Auch wenn ich mit meinem Klienten gut kommuniziere und mir ausschweifende Beschreibungen von deren Gefühlszustand anhöre, wenn mir solche Grundkonzepte und -definitionen fehlen, lauert schon die nächste Fallgrube, nämlich meinen Behandlungserfolg von den Befindlichkeiten des Klienten abhängig zu machen. Sehr oft lese ich, dass Heiler es ganz selbstverständlich als ihren Verdienst ansehen, dass der Patient überglücklich nach der Behandlung war oder heftigen negative Reaktionen durchgemacht hat, die dann als eine Art „Heilkrise“ interpretiert werden. Gewiss gibt es Methoden die solche Reaktionen häufig nach sich ziehen, dennoch darf man sich als Heiler auf keinen Fall von solchen Reaktionen abhängig machen und sie schon gar nicht per se als eine geglückte Heilung interpretieren. Befunde müssen in irgendeiner Weise objektivierbar sein und sei es auch nur, dass ich nach meinen persönlichen Definitionen einen Vorher/Nachher-Vergleich anstelle und eine tatsächliche Veränderung erkenne, die eindeutig auf meine Intervention zurückzuführen ist. Manchmal werden Patienten auch TROTZ Behandlung gesund, das heißt ich kann nie genau wissen, was von dem was ich unternommen habe wirklich zur Heilung geführt hat. Man spricht dabei auch von der sogenannten therapeutischen Illusion, wenn von mir unabhängige Dinge eine Heilung bewirkt haben, die ich aber fälschlicherweise als meinen Erfolg verbuche.

In manchen Disziplinen der Osteopathie zB. gilt es sogar als schlampige Arbeit, wenn man heftige emotionale Reaktionen auslöst. Die Rede ist vom sog. Somato Emotional Release ein Konzept, das John Upledger entwickelt hat. Er geht dabei von der Grundannahme aus, dass emotionale Inhalte im Körper in sog. „Zysten“ gespeichert sind und durch manuelles Einwirken auf die entsprechenden Körperstellen durch einen Behandler gelöst werden können. Hierbei besteht der Anspruch, dass selbst schwere psychische Traumata auf der Körperebene spürbar und damit auch dort lösbar zu sein haben. Die sichtbare Reaktion davon sollte absolut NICHTS sein. Keine Träne, keine melodramatischen Gefühlsausbrüche, maximal ein leises Seufzen, egal wie schwerwiegend das Trauma ist. Und das hat hinterher eine deutliche Verbesserung aufzuweisen, sonst gilt die Behandlung als erfolglos. Es mag verlockend sein, die Reaktionen des Klienten als Bestätigung für sich selbst heranzuziehen, aber entscheiden sollten klare Befunde im jeweiligen Konzept sein in dem man arbeitet. Das mag den Showeffekt der Heilung erheblich schmälern, aber es senkt auch das Risiko einer Retraumatisierung enorm und ist deutlich angenehmer für den Patienten/Klienten.

Im nächsten Teil werde ich mich weiteren heilerischen Meinungen widmen, die mir verstärkt in der Internetszene auffallen, wie zB. zum Thema „Blockaden“, „Energien“ oder „Psychosomatik“.

Heilung und Heilkunst – Teil 1

Samstag, 09. September 2017

Inspiriert von Anufas Artikel „Religion/Spiritualität – Zerwas brauch ich das?!“ möchte ich mich in diesem Artikel dem von ihr angesprochenen Aspekt der Heilung widmen. Heilung, so erwähnte sie ja bereits, ist ein großes Thema, besonders wenn man sich in der Neoheiden- ,Hexen- und Schamanenszene umsieht. Nicht nur die Heilung seiner selbst, sondern ganz besonderes auch die Heilung anderer. Zwar macht nicht jeder von den ambitionierten Heilern gleich einen Beruf daraus, eine Berufung jedoch schon und das oft mit großem Enthusiasmus.

Indianischer Schamane beim Heilen einer kranken Frau, U.S. National Archives and Records Administration, Wikimedia Commons

Ich beteilige mich gern an Internetdiskussionen in den verschiedensten Online-Hotspots zum Thema Heilung und Spiritualität. Ganz besonders interessiert mich in letzter Zeit das Gebiet der Schamanen, aber natürlich auch Neuheiden und Hexen und deren heilerische Praxis. Ich habe selbst mal in dieser Szene begonnen mich für die Kunst des Heilens zu interessieren, habe mich dann im Verlauf meiner Lehrjahre davon wegentwickelt und mich eher der wissenschaftlich orientierten, aber dennoch alternativen Heilkunde gewidmet und befinde mich nun in einer Phase der Wiederannäherung an die spirituelleren Konzepte von Heilung.

Wahrscheinlich ist das mitunter ein Grund, warum sich mir bei sehr vielen Berichten von spirituell orientierten Heilern die Stirn in tiefe Falten legt und ich mich frage, wie es um die praktische Erfahrung vieler Heiler tatsächlich bestellt sein kann. Es gibt einige „Das-ist-so“-Dogmen, die immer wieder im Brustton der Überzeugung angeführt werden, die besonders in der heilerischen Praxis  keinen erkennbaren Sinn machen, auch wenn sie theoretisch noch so ausschweifend begründet werden. Dinge, die mir zB. während meiner Ausbildung auch mehrfach als typische Fallgruben von angehenden Heilern beigebracht wurden und deren Kenntnis sich im heilerischen Alltag vielfach bewährt hat.

„Healers“ von Setongo, Wikimedia Commons

Da der Artikel etwas länger wird, möchte ich vorab einen kleinen Überblick geben, wie ich mich diesem Thema widmen werde. Ich möchte zunächst ein bisschen was zu mir selbst und zu meinem Werdegang sagen. Das soll keine Selbstbeweihräucherung sein, sondern einfach Hintergrundinformation, weil man Aussagen meiner Ansicht nach oft besser versteht, wenn man ein ungefähres Bild hat wer der Autor überhaupt ist und vor welchem Background diese Ansichten entstanden sind.

Im Anschluss möchte ich einige von diesen nicht ausreichend hinterfragten Glaubenssätzen der Heilung schildern und daraus resultierende Fehler in der praktischen Heilkunde beschreiben. Um das Verständnis zu erleichtern, werde ich sofern möglich auch ein paar Beispiele aus meinem eigenen beruflichen Alltag anführen.

Mein eigener Werdegang

Ich befasse mich wie eingangs erwähnt internsiv mit der schamanischen und neuheidnisch-hexischen Szene und deren Verständnis von der Heilerei. Das interessiert mich zurzeit deswegen, weil mein Metier die Osteopathie, sehr viele Aspekte eines animistischen Weltbildes, also dem Konzept des Allesbeseelten besitzt und ich auf diese Weise meinen eigenen heilerischen Horizont erweitern möchte und neue Perspektiven gewinnen möchte. Nichts anderes haben auch unsere osteopathischen Gründerväter getan, die sich sowohl mit klassischer Medizin und Anatomie befassten, wie auch mit Spiritismus, Mesmerismus, Schamanismus und ähnlichen Dingen.

Ich im Anatomie Kurs an der LMU, Foto: Sati

Mein professioneller heilerischer Weg beginnt mit einer  3-jährigen Vollzeitausbildung, die mir 2008 meine Zulassung als Heilpraktikerin bescherte. Danach folgten einige kleinere Ausbildungen, darunter die Lymphdrainage nach Dr. Vodder, Neuraltherapie nach Huneke, Grundlagen der Chiropraktik, Phytotherapie und Homöopathie, bis ich mich 2010 entschied nochmal die Schulbank für längere Zeit zu drücken und eine 5-jährige Osteopathieausbildung mit einem Abschluss der BAO (Bundesarbeitsgemeinschaft für Osteopathie) zu absolvieren. Seit 2013 bin ich nun hauptberuflich als Heilpraktikerin und Osteopathin tätig und bin Assistentin an der Hochschule Fresenius für den Studiengang Osteopathie.

Mittlerin zwischen den Welten

Ich denke also von mir inzwischen sagen zu können, dass ich einiges an praktischer Erfahrung im Bereich des Heilens und der Heilkunde habe sammeln dürfen. Als Osteopathin bewege ich mich zudem in einem Bereich, der eine besondere Stellung in der alternativen Heilkunde einnimmt. In den USA zählt die Osteopathie ganz selbstverständlich zur klassischen Medizin, in Europa und insbesondere in Deutschland zählt sie zur Komplementärmedizin. Als Osteopathin habe ich sowohl engen Kontakt zu Schulmedizinern und arbeite natürlich auf der Basis medizinischer Befunde, aber gleichermaßen auch zu alternativen Heilern und deren unterschiedlichsten Heilkonzepten. Mein Klientel ist sehr häufig an beiden Verfahrensweisen gleichermaßen interessiert und nutzt sie ganz selbstverständlich parallel ohne darin einen Gegensatz, sondern vielmehr eine wertvolle Ergänzung zu sehen.

Ganz ähnlich ist auch mein Verständnis von der alternativen Heilkunde. Ich sehe mich nicht als Freund oder Feind von Schulmedizin oder Naturheilkunde, sondern oftmals als Vermittler zwischen diesen beiden Welten. Hinzu kommt natürlich, dass ich im Gegensatz zu den meisten niedergelassenen Ärzten in der Regel viel mehr Zeit für meine Patienten habe und auch mal sehr tiefgründige Gespräche führen kann. Daher ist es oft auch an mir Aufklärungsarbeit zu leisten, Arztbriefe und Befunde zu erklären und natürlich auch Seelen zu trösten, wenn schwerwiegende Diagnosen plötzlich alles auf den Kopf stellen.

Osteopathie, Foto: Sati

Osteopathie als Mittelweg

Die Osteopathie selbst ist nicht nur eine Heilmethode, die auf der klassischen Anatomie und Physiologie fußt, sondern vielmehr eine Heilphilosophie mit sehr anspruchsvollen geistigen, ja spirituellen Inhalten. Wissenschaftlich Belegbares ist genauso Teil der Methodik, wie Kraft der eigenen Intuition Erlebtes und Gefühltes oder aus praktischer Erfahrung vieler Therapeuten gemeinsam Etabliertes. Auch der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus in Bereiche wie TCM, Homöopathie, Ayurveda, Kräuterheilkunde, Hypnose, usw. usf. ist in der Riege der Osteopathen durchaus üblich. Alles was hilft darf sein – zum Wohle des Patienten. Ich bin also alles andere als eine alternativmedizinische Möchtegernärztin, die sich verzweifelt an ihr Buchwissen klammert und die „Ärztelobby“ verteidigt, wie mir oft vorgeworfen wird, nur weil ich weiß, wie man einen Arztbrief liest und nicht mit allen in das Böse-Schulmedizin-Horn stoße oder alles Siechtum dieser Welt mit der „Pharma-Mafia“ begründe . Ich habe gerade als Osteopathin gelernt offen zu sein für verschiedenste Methoden ohne mich bei deren Bewertung von persönlichen Präferenzen leiten zu lassen. Mich interessiert oft vielmehr WER heilt und nicht womit. Mein diagnostisches Instrument sind meine Hände und ihr seit Jahren trainierter Tastsinn und die spüren ganz unabhängig von dem, was mein Kopf gern glauben will. „Hände irren sich nicht, der Kopf schon.“ Hat einer meiner Dozenten ganz am Anfang meiner Ausbildung zu mir gesagt.

„spine guitar“ ;D, Foto: Sati

Ich habe schon so manches Wunder erlebt durch Heilmethoden, die mir mehr als suspekt waren und habe hundertfach belegte und in den heiligen Stein der Therapierichtlinien gemeißelte Verfahren kläglichst versagen gesehen. Als Therapeutin ist es mir ein besonderes Anliegen stets so synergistisch wie möglich zu arbeiten – letztlich ist das genau das was Osteopathie zum Ziel hat – und dabei ist es für mich unerheblich, ob meine Patienten vorher beim Orthopäden oder beim Schamanen war. Ich sehe es als meine Aufgabe an sinnvolle Verknüpfungen zum Wohle des Patienten herzustellen. Dabei geht es mir zum einen um faire Kollegialität zu meinen Mitbehandlern – selbst wenn ich diese niemals persönlich zu Gesicht bekomme – aber noch viel mehr darum meine Patienten nicht zu entmündigen. Denn schließlich war es DEREN Entscheidung zu Heiler A oder Arzt B zu gehen und gleichsam eben zu mir zu kommen und diese Entscheidung ist unter allen Umständen erstmal zu respektieren.

Im nächsten Teil werde ich mich näher mit unterschiedlichen mit den Glaubenssätzen befassen, die in der virtuellen Heilerszene kursieren, sie hinterfragen und ein paar Denkanstöße dazu anbieten.

Religion/Spiritualität – Zerwas brauch ich das?!

Samstag, 26. August 2017

Im neuheidnischen Bereich gibt es einige Fragen, die selten bis nie gestellt werden – würden sie das, schaute das Neuheidentum wahrscheinlich um einiges anders aus.

Eine dieser Fragen ist die nach dem „Wozu“

Also wozu wird jemand Neuheide? Dafür möchte ich aber ein wenig ausholen, nämlich in den weiteren Bereich der Religion. Wozu braucht der Mensch überhaupt Religion, Ritual, Spiritualität?

Indischer Premier am Welt-Yoga-Tag

Für mich persönlich hat funktionierende Religion ganz viele Aspekte, darunter auch den sozialen, den lebensverbessernden, den persönlichkeitsentwickelnden, den gesellschaftsordnenden Anteil. Deshalb verwendet ich auch für all diese Themen gerne den Ausdruck „Religion“ und werde das somit auch hier tun. Also auch wenn – gerade – viele Neuheiden allein bei diesem Wort schon das Gruseln kriegen, ich verwende ihn bewusst und gerne. Generell bin ich davon überzeugt, dass jegliche Strategie, jeglicher Plan ge- aber auch missbraucht werden kann. So auch Religion und die damit verbundenen Themenkomplexe!! Die Geschichte liefert uns Unmengen an Beispielen, dieses Ge- und auch Missbrauches und die Lösung ist in meinen Augen sicher nicht, die Abschaffung von Religionen im Allgemeinen.

Baum des Lebens

Religion bedeutet für mich: ein bestimmtest Glaubensgebäude zu haben, ein definiertes Weltbild und das auf allen Ebenen. Angefangen bei „wo komme ich her“ bis zu „wo werde ich einmal enden“ und dem ganzen Leben dazwischen mit all den Herausforderungen, die sich einem Menschen so stellen (können). Das bedeutet dass ich mich als Mensch erfahren kann, mich als Teil einer Gemeinschaft, mich als Teil der Welt und schlussendlich des ganzen Seins wahrnehmen und verorten kann. Das wäre mein „Wozu“.
Dadurch ist auch ersichtlich, dass jedes System, das das zu leisten im Stande ist für mich gleich valide ist – ob es sich selbst als Religion verorten würde oder nicht.
Die Anregung zu diesem Artikel stammt aus einer Diskussion auf facebook zum Thema „Wozu schamanische Praxis?“ und diese Diskussion bestätigt so einiges, was ich persönlich über die Jahre aus dem neuheidnischen Bereich gelesen habe.

Heilung als Schlagwort

Das Schlagwort „Heilung“ ist eines, das immer wieder fällt. Allerdings fällt das in schamanischen oder hexenorientierten Kreisen öfter als in den rein „magischen“ Ecken. Als Hauptmotivation empfinde ich dieses Ansinnen als nicht wirklich geeignet.
Sofern sich das auf den einzelnen Praktizierenden bezieht, also im Sinne von „Selbstheilung“ sehe ich darin noch kein großes Problem. Schwierig wird es dort, wo dann auch andere Menschen „geheilt“ werden sollen. Da wären wir eigentlich im Bereich des Gesundheitswesen, das ländertypische Voraussetzungen verlangt, die dann entweder gegeben sind oder auch nicht.

Mein persönlicher Zugang für die Arbeit mit anderen wäre – egal wie auch immer die aussehen mag – die vom Gesundheitssystem ortsüblich verlangten Voraussetzungen zu erlangen und erst dann die eigenen spirituellen Erfahrungen in diese Arbeit einfließen zu lassen. Gerade bei neu dazugekommenen Heiden ist diese Verzögerung vielfach mehr als gesund, weil der Anfängerenthusiasmus schon abgeebbt sein sollte, wenn dann schlussendlich die rechtlichen Fragen zufriedenstellend erledigt sind. Aus meiner Erfahrung und Beobachtung heraus kann ich sagen, dass „spirituelle“ Ausbildungen öfter den professionellen Anteil der Arbeit mit anderen vermissen lassen als sie ihn wirklich bieten. Deshalb rate ich hier zu doppelter Aufmerksamkeit und dem Augenmerk auf Eigenverantwortung.
Sollte die Heilung im eigenen Selbst angestrebt sein, ist es sinnvoll auf ein Sicherheitsnetz zusätzlich zu setzen! Sinnvoll wäre es am Anfang heraus zu finden, warum Heilung auf diesem Gebiet gesucht wird und nicht z. B. durch Psychologie. Bei vielen Problemen (die vom Allgemeinmediziner nicht behandelt werden) ist der Psychologe wohl der primäre Ansprechpartner. Meiner Erfahrung nach wird gerade in belasteten Situationen der Beginn eines neuen spirituellen Weges alles andere als einfacher.
Da ein solcher in den allermeisten Fällen mit der Selbsterforschung beginnt (oder beginnen sollte) werden persönliche Probleme noch zusätzlich an die Oberfläche gebracht und sollten bearbeitet werden. Wenn die Ressourcen sowieso schon knapp sind, dann stehen die Chancen dazu nicht so besonders gut. Je gesettelter das Leben sich darstellt, desto besser können die auftauchenden Herausforderungen bewältigt werden.

Dann halt zurück in die „Schule“?

Es sieht also so aus, als ob eine zertifizierte und offizielle Ausbildung Abhilfe schaffen und Sicherheit bieten könnte, wenn es um Religion geht. Was ich für die Arbeit mit oder an anderen durchaus als notwendig erachte, so unnötig sehe ich das für persönliche spirituelle Praxis an.
Ein Glaubensgebäude, eine Weltsicht lässt sich durch das Leben erlangen oder mensch bekommt es von seinem Lebensumfeld vermittelt. Durch einen Kurs, eine Ausbildung, einen oder mehrere Workshops ist das nicht zu bewerkstelligen.

Es kann Wissen erlangt werden aber dieses muss dann noch in die Tat umgesetzt werden. Das reicht in meinen Augen durchaus für den Broterwerb oder eben um anderen einen Dienst zu tun. Das hat aber keinen zwingenden Einfluss auf den Anwender selber. Sonst gäbe es kaum gestresste Ärzte, straffällige Richter oder oder oder.
Mit seinem Gewicht unglücklich zu sein ist eine Sache (ohne diese Erkenntnis sind Änderungen im Verhalten meiner Erfahrung nach eher fruchtlos bzw werden erst gar nicht angegangen), Diäten zu machen eine andere (dadurch werden keine bleibenden Veränderungen hervor gebracht). Aus der Diäterfahrung heraus Diätberater zu werden wieder etwas anderes (das kann auch mit höherem Gewicht immer noch gut funktionieren, aber die Ernährung und das Leben umzustellen, sodass Gewichtsprobleme kein Thema mehr sind – ist ein ganz andere Sache.

Die Frage ist jetzt real – WOZU ich mich mit Religion beschäftigen will

Will ich Dienstleister für andere sein und damit eventuell auch Geld verdienen? Dann kann ich Wissen im Bereich Ritualleitung erwerben, kann auf dem Gebiet „Selbstfindung und Heilung“ mir Fertigkeiten aneignen, kann künstlerisch tätig sein und Handwerksprodukte anbieten, die in diesem Bereich Verwendung finden.
Will ich einfach irgendwo dazu gehören, Freundschaften finden, eine Ersatzfamilie haben? Dazu gäbe es auch anderweitig genügend Vereine oder Hobbies, die unter Umständen dafür sogar besser geeignet wären.
Habe ich jemanden kennen gelernt, der mich fasziniert hat und möchte „das“ jetzt auch sein/haben/können?
Will ich etwas Besonderes sein/können?

Je ehrlicher und offener ich mir diese Fragen (und vielleicht noch einige mehr!!) beantworte, desto zufriedener und glücklicher werde ich in der Zukunft schlussendlich sein. Das wage ich jetzt einmal aus der Kristallkugel zu lesen …

Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus

Samstag, 08. Juli 2017

Also ich hörte, dass es tatsächlich so etwas wie aztekischen bzw. „Mexica“ Rekonstruktionismus gibt, war ich freudig überrascht. Ich nahm sofort Kontakt auf und bat um ein Interview. Angel Rivera Rubio folgt der wiederbelebten Religion der Azteken und war so nett meine Fragen über seine religiöse Praxis zu beantworten.

Wenn man an die Azteken denkt, sind die ersten Dinge die einem in den Sinn kommen beeindruckende pyramidenartige Bauten, ein Haufen wilder Verschwörungstheorien und natürlich Menschenopfer. Aber natürlich gibt es weit mehr über die mesoamerikanische Nahua Kultur zu berichten.

Aztekische Ruinen, Wikimedia Commons, Foto: Rationalobserver

Was mich am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass die Menschen im aztekischen Polytheismus sich in der Schuld der Götter sehen. Während die meisten mitteleuropäischen Heiden nie müde werden zu betonen, dass sie sich weigern Götter „anzubeten“ oder ihr Haupt ehrfürchtig vor ihnen zu senken, wie es nur die Christen täten, haben die aztekischen Heiden ganz und gar ihre mythische Schuld gegenüber den Göttern akzeptiert. Diese Schuld sehen sie darin begründet, dass sich die Götter einst selbst geopfert haben um alles Leben und die Welt vor dem Untergang zu retten. Offensichtlich gehört also ein großes Maß an Hingabe zum Mexica Polytheismus.

Eines der Schöpfungsmythen, die sogenannte Legende der Sonnen, berichtet von der Erschaffung der fünf Sonnen. Jede von diesen repräsentiert ein Zeitalter, welches von einer bestimmten Gottheit regiert wird und von jeweils unterschiedlichen Wesen besiedelt ist. Die ersten vier dieser Zeitalter endeten in einer riesigen Katastrophe, das fünfte jedoch ist das aktuelle Zeitalter, das von Menschen und den uns bekannten Wesen besiedelt ist.

Der Grund warum dieses Zeitalter noch besteht ist die Selbstopferung einer kleineren Gottheit, der sich in einem Feuer verbrennt um der Sonne seine Lebenskraft zu schenken. Um den Fortbestand der Sonne auch weiterhin zu garantieren, müssen sich weitere Götter stets aufs Neue opfern. Man geht davon aus, dass dieser Mythos auch den Antrieb für die bei den Azteken üblichen Menschenopfer bildete. Natürlich werden Menschenopfer heute nicht mehr praktiziert, doch die Menschen, die der aztekischen Religion heute folgen, erkennen die Schuld der Menschen gegenüber den Göttern nach wie vor an und ehren diese Selbstopferung der Götter in ihren Riten.

Mexica Tänze in Ixcateopan nahe des Grabes des letzten aztekischen Herrschers Cuauhtemoc, Wikimedia Commons, Foto: Claudio Giovenzana www.longwalk.it

Die spanische Conquista hat die Erinnerung an die Aztken sowie an andere mesoamerikanische Völker weitestegehend ausgelöscht. Die spanischen Eroberer erachteten es als ihre heilige Pflicht die „aztekische Götteslästerung“ auszulöschen und das Christentum in Mittelamerika zu etablieren. Es ist nach wie vor nicht ganz sicher, was von den Horrorgeschichten spanische Übertreibung und was authentische Überlieferung darstellt.

Eines jedoch ist unbestritten, die Azteken waren eine faszinierende, vielschichtige und hochentwickelte Zivilisation, die es definitiv wert ist studiert zu werden. Neben all den finsteren Eigenarten gibt es doch viele interessante und inspirierende Fakten über die aztekische Kultur zu erfahren, die es allemal wert ist auch heute als lebendige Praxis weitergeführt zu werden.

INTERVIEW

1. Wie würdest Du den Mexica Rekonstruktionismus jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Die Wiederbelebung der prehispanischen polytheistischen Religion der Nahuas (deren Teil die Mexicas/Azteken waren) auf der Basis einer rekonstruktionistische Herangehensweise.

2. Was ist Deiner Ansicht nach der Kern der Mexica Praxis?
Nun, zunächst ist dies die Schuld zu akzeptieren, die wir den Teteoh (den Göttern) gegenüber haben für das Leben, dass sie uns gaben und zum zweiten, zu verhindern, dass Tlazolli (die Dinge die nicht in Ordnung/an ihrem Platz sind) außer Kontrolle gerät.

3. Gibt es heute immer noch eine lebendige Mexica Polytheismus Kultur und wie viele gehören dieser ungefähr an?
Leider ist der Polytheismus mit der spanischen Eroberung ausgestorben, es gibt jedoch einige synkretistische Formen und Volksbräuche, die uns helfen können die Tradition zu rekonstruieren. Was die Zahl der Rekonstruktionisten angeht, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber nach dem was ich im Internet wahrnehme würde ich vermuten, dass es sich um einige Duzend oder vielleicht einige hundert handelt.

4. Welches sind die wichtigsten Götter die im Mexica Rekonstruktionismus verehrt werden. Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Ich würde sagen die vier Tezcatlipocas könnte man als die wichtigsten Gottheiten bezeichnen, denn sie sind die Schöpfer der Welt. Diese sind Tezcatlipoca, Xipe Totec, Quetzalcaatl und Huitzilopochtli.

5. Welches sind die wichtigsten Feste oder Rituale die ihr feiert und wie begeht ihr diese?
Üblicherweise opfere ich den Teteoh Copal und Blut (ich steche mir dazu in den Finger). Leider gibt es nicht sehr viele Informationen über den privaten Kult, so dass wir uns auf moderne Vermutungen und UPG [unbewiesene persönliche Erkenntnisse – Anm. der Autorin] verlassen müssen.

Aztekischer Kalenderm Wikimedia Commons, Foto: Rengarajang

Was die Feste angeht, so hatten die Mexicas zwei verschiedene Kalender, den Tonalpohualli, ein 260 Tage Ritualkalender der dazu diente die Zukunft der Menschen vorherzusagen je nachdem in welchem Zeichen sie geboren wurden, und der Xiuhpohualli, ein 365 Tage Kalender des täglichen Gebrauchs der in 18 Monate zu je 20 Tagen eingeteilt war. Letzterer ist ausschlaggebend für die Berechnung der Festtage, denn jeder Monat ist einer bestimmten Gottheit gewidmet.

6. Wie ist die Mexica Vorstellung vom Leben nach dem Tod?
Das Leben nach dem Tod hängt davon ab, wie man gestorben ist, das heißt die Menschen die im Krieg zu Tode kommen gehen zu Tonatiuh, dem Sonnengott, und folgen ihm auf seiner Reise durch den Tag und Menschen die Aufgrund von Umständen sterben, die mit Wasser zu tun haben gehen nach Tlalocan wo Tlaloc, der Regengott, herrscht.

7. Sehr viele Leute denken an Menschenopfer wenn sie von den Aztken hören. Wie gehst Du damit als moderner Rekonstruktionist um?
Menschenopfer waren ein bedeutender Bestandteil der Mexica Religion. In Nahuatl, der Sprache der Azteken, heißt Opfer Nextlaoalli, das bedeutet „die Schuld bezahlen“, da sich die Götter selbst für uns geopfert haben. Nanahuatzin sprang in ein Feuer um Tonatiuh, die Sonne zu werden und Quetzalcoatl gab sein Blut um die menschliche Spezies wieder herzustellen. Obwohl die Selbstopferung natürlich auch wichtig war, ist es letztere Praxis, die von modernen Rekonstruktionisten genutzt wird um ihren Dank an die Teteoh auszudrücken.

Aztektisches Menschenopferritual, auf Seite 141 des Codex Magliabechiano 16. Jahrhundert, Wikimedia Commons

8. Viele europäischen Heiden sehen die Christianisierung als Hauptgrund für das Verschwinden der prächristlichen Kulturen. Gibt es eine ähnliche Begebenheit für die prächristliche Kultur Mittelamerikas?
Nun, ja, das Eintreffen der spanischen Eroberer stellt einen „point of no return“ für die traditionellen Religionen dar.

9. Wie wird man zu einem Praktizierenden des Mexica Polytheismus? Kann jeder sich entscheiden Teil dieser Bewegung zu werden? Wie bist Du Teil davon geworden?
Nun, ich denke, jeder der den Ruf der Teteoh vernimmt kann dieser Religion folgen. Was mich betrifft, so habe ich mich zuerst mit den europäischen polytheistischen Traditionen beschäftigt, spürte aber schon lange eine starke Verbindung zu den Mexikas. Indem ich Polytheist wurde, erkannte ich, dass ich mich den Teteoh gleichermaßen nähern konnte, wie andere Leute sich anderen Gottheiten nähern und von da ab folgte ein Schritt dem anderen.

Aztekische Krieger aus dem Codex Mendoza, Wikimedia Commons

10. Kannst Du Bücher zu diesem Thema empfehlen, falls sich jemand eingehender mit diesem Pfad auseinandersetzen möchte?
Leider gibt es nicht sehr viele Bücher über den Mexika Rekonstruktionismus, aber ist gibt einige akademische Bücher, die hilfreich sein könnten, wenn jemand das Weltbild der Mexica näher verstehen möchte:
• The Aztecs: People of the Sun (Civilization of the American Indian) by Alfonso Caso
• Daily Life of the Aztecs by Jacques Soustelle
• The Gods and Symbols of Ancient Mexico and the Maya by Mary Millerand Karl Taub
• The Slippery Earth: Nahua-Christian Moral Dialogue in Sixteenth-Century Mexico Louise M. Burkhart
• The Myths of the Opossum: Pathways of Mesoamerican Mythology and Human Body and Ideology Concepts of the Ancient Nahuas by Alfredo L. Austin

Lieber Angel, ich danke Dir sehr für Deine Zeit und Deine Geduld uns einen so spannenden Einblick in den aztekischen Polytheismus und wie er heute praktiziert wird zu gewähren!

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Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism – Prehispanic Reconstructionism

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