Archiv für die Kategorie ‘Aussichten & Einsichten’

Heilung und Heilkunst – Teil 1

Samstag, 09. September 2017

Inspiriert von Anufas Artikel „Religion/Spiritualität – Zerwas brauch ich das?!“ möchte ich mich in diesem Artikel dem von ihr angesprochenen Aspekt der Heilung widmen. Heilung, so erwähnte sie ja bereits, ist ein großes Thema, besonders wenn man sich in der Neoheiden- ,Hexen- und Schamanenszene umsieht. Nicht nur die Heilung seiner selbst, sondern ganz besonderes auch die Heilung anderer. Zwar macht nicht jeder von den ambitionierten Heilern gleich einen Beruf daraus, eine Berufung jedoch schon und das oft mit großem Enthusiasmus.

Indianischer Schamane beim Heilen einer kranken Frau, U.S. National Archives and Records Administration, Wikimedia Commons

Ich beteilige mich gern an Internetdiskussionen in den verschiedensten Online-Hotspots zum Thema Heilung und Spiritualität. Ganz besonders interessiert mich in letzter Zeit das Gebiet der Schamanen, aber natürlich auch Neuheiden und Hexen und deren heilerische Praxis. Ich habe selbst mal in dieser Szene begonnen mich für die Kunst des Heilens zu interessieren, habe mich dann im Verlauf meiner Lehrjahre davon wegentwickelt und mich eher der wissenschaftlich orientierten, aber dennoch alternativen Heilkunde gewidmet und befinde mich nun in einer Phase der Wiederannäherung an die spirituelleren Konzepte von Heilung.

Wahrscheinlich ist das mitunter ein Grund, warum sich mir bei sehr vielen Berichten von spirituell orientierten Heilern die Stirn in tiefe Falten legt und ich mich frage, wie es um die praktische Erfahrung vieler Heiler tatsächlich bestellt sein kann. Es gibt einige „Das-ist-so“-Dogmen, die immer wieder im Brustton der Überzeugung angeführt werden, die besonders in der heilerischen Praxis  keinen erkennbaren Sinn machen, auch wenn sie theoretisch noch so ausschweifend begründet werden. Dinge, die mir zB. während meiner Ausbildung auch mehrfach als typische Fallgruben von angehenden Heilern beigebracht wurden und deren Kenntnis sich im heilerischen Alltag vielfach bewährt hat.

„Healers“ von Setongo, Wikimedia Commons

Da der Artikel etwas länger wird, möchte ich vorab einen kleinen Überblick geben, wie ich mich diesem Thema widmen werde. Ich möchte zunächst ein bisschen was zu mir selbst und zu meinem Werdegang sagen. Das soll keine Selbstbeweihräucherung sein, sondern einfach Hintergrundinformation, weil man Aussagen meiner Ansicht nach oft besser versteht, wenn man ein ungefähres Bild hat wer der Autor überhaupt ist und vor welchem Background diese Ansichten entstanden sind.

Im Anschluss möchte ich einige von diesen nicht ausreichend hinterfragten Glaubenssätzen der Heilung schildern und daraus resultierende Fehler in der praktischen Heilkunde beschreiben. Um das Verständnis zu erleichtern, werde ich sofern möglich auch ein paar Beispiele aus meinem eigenen beruflichen Alltag anführen.

Mein eigener Werdegang

Ich befasse mich wie eingangs erwähnt internsiv mit der schamanischen und neuheidnisch-hexischen Szene und deren Verständnis von der Heilerei. Das interessiert mich zurzeit deswegen, weil mein Metier die Osteopathie, sehr viele Aspekte eines animistischen Weltbildes, also dem Konzept des Allesbeseelten besitzt und ich auf diese Weise meinen eigenen heilerischen Horizont erweitern möchte und neue Perspektiven gewinnen möchte. Nichts anderes haben auch unsere osteopathischen Gründerväter getan, die sich sowohl mit klassischer Medizin und Anatomie befassten, wie auch mit Spiritismus, Mesmerismus, Schamanismus und ähnlichen Dingen.

Ich im Anatomie Kurs an der LMU, Foto: Sati

Mein professioneller heilerischer Weg beginnt mit einer  3-jährigen Vollzeitausbildung, die mir 2008 meine Zulassung als Heilpraktikerin bescherte. Danach folgten einige kleinere Ausbildungen, darunter die Lymphdrainage nach Dr. Vodder, Neuraltherapie nach Huneke, Grundlagen der Chiropraktik, Phytotherapie und Homöopathie, bis ich mich 2010 entschied nochmal die Schulbank für längere Zeit zu drücken und eine 5-jährige Osteopathieausbildung mit einem Abschluss der BAO (Bundesarbeitsgemeinschaft für Osteopathie) zu absolvieren. Seit 2013 bin ich nun hauptberuflich als Heilpraktikerin und Osteopathin tätig und bin Assistentin an der Hochschule Fresenius für den Studiengang Osteopathie.

Mittlerin zwischen den Welten

Ich denke also von mir inzwischen sagen zu können, dass ich einiges an praktischer Erfahrung im Bereich des Heilens und der Heilkunde habe sammeln dürfen. Als Osteopathin bewege ich mich zudem in einem Bereich, der eine besondere Stellung in der alternativen Heilkunde einnimmt. In den USA zählt die Osteopathie ganz selbstverständlich zur klassischen Medizin, in Europa und insbesondere in Deutschland zählt sie zur Komplementärmedizin. Als Osteopathin habe ich sowohl engen Kontakt zu Schulmedizinern und arbeite natürlich auf der Basis medizinischer Befunde, aber gleichermaßen auch zu alternativen Heilern und deren unterschiedlichsten Heilkonzepten. Mein Klientel ist sehr häufig an beiden Verfahrensweisen gleichermaßen interessiert und nutzt sie ganz selbstverständlich parallel ohne darin einen Gegensatz, sondern vielmehr eine wertvolle Ergänzung zu sehen.

Ganz ähnlich ist auch mein Verständnis von der alternativen Heilkunde. Ich sehe mich nicht als Freund oder Feind von Schulmedizin oder Naturheilkunde, sondern oftmals als Vermittler zwischen diesen beiden Welten. Hinzu kommt natürlich, dass ich im Gegensatz zu den meisten niedergelassenen Ärzten in der Regel viel mehr Zeit für meine Patienten habe und auch mal sehr tiefgründige Gespräche führen kann. Daher ist es oft auch an mir Aufklärungsarbeit zu leisten, Arztbriefe und Befunde zu erklären und natürlich auch Seelen zu trösten, wenn schwerwiegende Diagnosen plötzlich alles auf den Kopf stellen.

Osteopathie, Foto: Sati

Osteopathie als Mittelweg

Die Osteopathie selbst ist nicht nur eine Heilmethode, die auf der klassischen Anatomie und Physiologie fußt, sondern vielmehr eine Heilphilosophie mit sehr anspruchsvollen geistigen, ja spirituellen Inhalten. Wissenschaftlich Belegbares ist genauso Teil der Methodik, wie Kraft der eigenen Intuition Erlebtes und Gefühltes oder aus praktischer Erfahrung vieler Therapeuten gemeinsam Etabliertes. Auch der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus in Bereiche wie TCM, Homöopathie, Ayurveda, Kräuterheilkunde, Hypnose, usw. usf. ist in der Riege der Osteopathen durchaus üblich. Alles was hilft darf sein – zum Wohle des Patienten. Ich bin also alles andere als eine alternativmedizinische Möchtegernärztin, die sich verzweifelt an ihr Buchwissen klammert und die „Ärztelobby“ verteidigt, wie mir oft vorgeworfen wird, nur weil ich weiß, wie man einen Arztbrief liest und nicht mit allen in das Böse-Schulmedizin-Horn stoße oder alles Siechtum dieser Welt mit der „Pharma-Mafia“ begründe . Ich habe gerade als Osteopathin gelernt offen zu sein für verschiedenste Methoden ohne mich bei deren Bewertung von persönlichen Präferenzen leiten zu lassen. Mich interessiert oft vielmehr WER heilt und nicht womit. Mein diagnostisches Instrument sind meine Hände und ihr seit Jahren trainierter Tastsinn und die spüren ganz unabhängig von dem, was mein Kopf gern glauben will. „Hände irren sich nicht, der Kopf schon.“ Hat einer meiner Dozenten ganz am Anfang meiner Ausbildung zu mir gesagt.

„spine guitar“ ;D, Foto: Sati

Ich habe schon so manches Wunder erlebt durch Heilmethoden, die mir mehr als suspekt waren und habe hundertfach belegte und in den heiligen Stein der Therapierichtlinien gemeißelte Verfahren kläglichst versagen gesehen. Als Therapeutin ist es mir ein besonderes Anliegen stets so synergistisch wie möglich zu arbeiten – letztlich ist das genau das was Osteopathie zum Ziel hat – und dabei ist es für mich unerheblich, ob meine Patienten vorher beim Orthopäden oder beim Schamanen war. Ich sehe es als meine Aufgabe an sinnvolle Verknüpfungen zum Wohle des Patienten herzustellen. Dabei geht es mir zum einen um faire Kollegialität zu meinen Mitbehandlern – selbst wenn ich diese niemals persönlich zu Gesicht bekomme – aber noch viel mehr darum meine Patienten nicht zu entmündigen. Denn schließlich war es DEREN Entscheidung zu Heiler A oder Arzt B zu gehen und gleichsam eben zu mir zu kommen und diese Entscheidung ist unter allen Umständen erstmal zu respektieren.

Im nächsten Teil werde ich mich näher mit unterschiedlichen mit den Glaubenssätzen befassen, die in der virtuellen Heilerszene kursieren, sie hinterfragen und ein paar Denkanstöße dazu anbieten.

Religion/Spiritualität – Zerwas brauch ich das?!

Samstag, 26. August 2017

Im neuheidnischen Bereich gibt es einige Fragen, die selten bis nie gestellt werden – würden sie das, schaute das Neuheidentum wahrscheinlich um einiges anders aus.

Eine dieser Fragen ist die nach dem „Wozu“

Also wozu wird jemand Neuheide? Dafür möchte ich aber ein wenig ausholen, nämlich in den weiteren Bereich der Religion. Wozu braucht der Mensch überhaupt Religion, Ritual, Spiritualität?

Indischer Premier am Welt-Yoga-Tag

Für mich persönlich hat funktionierende Religion ganz viele Aspekte, darunter auch den sozialen, den lebensverbessernden, den persönlichkeitsentwickelnden, den gesellschaftsordnenden Anteil. Deshalb verwendet ich auch für all diese Themen gerne den Ausdruck „Religion“ und werde das somit auch hier tun. Also auch wenn – gerade – viele Neuheiden allein bei diesem Wort schon das Gruseln kriegen, ich verwende ihn bewusst und gerne. Generell bin ich davon überzeugt, dass jegliche Strategie, jeglicher Plan ge- aber auch missbraucht werden kann. So auch Religion und die damit verbundenen Themenkomplexe!! Die Geschichte liefert uns Unmengen an Beispielen, dieses Ge- und auch Missbrauches und die Lösung ist in meinen Augen sicher nicht, die Abschaffung von Religionen im Allgemeinen.

Baum des Lebens

Religion bedeutet für mich: ein bestimmtest Glaubensgebäude zu haben, ein definiertes Weltbild und das auf allen Ebenen. Angefangen bei „wo komme ich her“ bis zu „wo werde ich einmal enden“ und dem ganzen Leben dazwischen mit all den Herausforderungen, die sich einem Menschen so stellen (können). Das bedeutet dass ich mich als Mensch erfahren kann, mich als Teil einer Gemeinschaft, mich als Teil der Welt und schlussendlich des ganzen Seins wahrnehmen und verorten kann. Das wäre mein „Wozu“.
Dadurch ist auch ersichtlich, dass jedes System, das das zu leisten im Stande ist für mich gleich valide ist – ob es sich selbst als Religion verorten würde oder nicht.
Die Anregung zu diesem Artikel stammt aus einer Diskussion auf facebook zum Thema „Wozu schamanische Praxis?“ und diese Diskussion bestätigt so einiges, was ich persönlich über die Jahre aus dem neuheidnischen Bereich gelesen habe.

Heilung als Schlagwort

Das Schlagwort „Heilung“ ist eines, das immer wieder fällt. Allerdings fällt das in schamanischen oder hexenorientierten Kreisen öfter als in den rein „magischen“ Ecken. Als Hauptmotivation empfinde ich dieses Ansinnen als nicht wirklich geeignet.
Sofern sich das auf den einzelnen Praktizierenden bezieht, also im Sinne von „Selbstheilung“ sehe ich darin noch kein großes Problem. Schwierig wird es dort, wo dann auch andere Menschen „geheilt“ werden sollen. Da wären wir eigentlich im Bereich des Gesundheitswesen, das ländertypische Voraussetzungen verlangt, die dann entweder gegeben sind oder auch nicht.

Mein persönlicher Zugang für die Arbeit mit anderen wäre – egal wie auch immer die aussehen mag – die vom Gesundheitssystem ortsüblich verlangten Voraussetzungen zu erlangen und erst dann die eigenen spirituellen Erfahrungen in diese Arbeit einfließen zu lassen. Gerade bei neu dazugekommenen Heiden ist diese Verzögerung vielfach mehr als gesund, weil der Anfängerenthusiasmus schon abgeebbt sein sollte, wenn dann schlussendlich die rechtlichen Fragen zufriedenstellend erledigt sind. Aus meiner Erfahrung und Beobachtung heraus kann ich sagen, dass „spirituelle“ Ausbildungen öfter den professionellen Anteil der Arbeit mit anderen vermissen lassen als sie ihn wirklich bieten. Deshalb rate ich hier zu doppelter Aufmerksamkeit und dem Augenmerk auf Eigenverantwortung.
Sollte die Heilung im eigenen Selbst angestrebt sein, ist es sinnvoll auf ein Sicherheitsnetz zusätzlich zu setzen! Sinnvoll wäre es am Anfang heraus zu finden, warum Heilung auf diesem Gebiet gesucht wird und nicht z. B. durch Psychologie. Bei vielen Problemen (die vom Allgemeinmediziner nicht behandelt werden) ist der Psychologe wohl der primäre Ansprechpartner. Meiner Erfahrung nach wird gerade in belasteten Situationen der Beginn eines neuen spirituellen Weges alles andere als einfacher.
Da ein solcher in den allermeisten Fällen mit der Selbsterforschung beginnt (oder beginnen sollte) werden persönliche Probleme noch zusätzlich an die Oberfläche gebracht und sollten bearbeitet werden. Wenn die Ressourcen sowieso schon knapp sind, dann stehen die Chancen dazu nicht so besonders gut. Je gesettelter das Leben sich darstellt, desto besser können die auftauchenden Herausforderungen bewältigt werden.

Dann halt zurück in die „Schule“?

Es sieht also so aus, als ob eine zertifizierte und offizielle Ausbildung Abhilfe schaffen und Sicherheit bieten könnte, wenn es um Religion geht. Was ich für die Arbeit mit oder an anderen durchaus als notwendig erachte, so unnötig sehe ich das für persönliche spirituelle Praxis an.
Ein Glaubensgebäude, eine Weltsicht lässt sich durch das Leben erlangen oder mensch bekommt es von seinem Lebensumfeld vermittelt. Durch einen Kurs, eine Ausbildung, einen oder mehrere Workshops ist das nicht zu bewerkstelligen.

Es kann Wissen erlangt werden aber dieses muss dann noch in die Tat umgesetzt werden. Das reicht in meinen Augen durchaus für den Broterwerb oder eben um anderen einen Dienst zu tun. Das hat aber keinen zwingenden Einfluss auf den Anwender selber. Sonst gäbe es kaum gestresste Ärzte, straffällige Richter oder oder oder.
Mit seinem Gewicht unglücklich zu sein ist eine Sache (ohne diese Erkenntnis sind Änderungen im Verhalten meiner Erfahrung nach eher fruchtlos bzw werden erst gar nicht angegangen), Diäten zu machen eine andere (dadurch werden keine bleibenden Veränderungen hervor gebracht). Aus der Diäterfahrung heraus Diätberater zu werden wieder etwas anderes (das kann auch mit höherem Gewicht immer noch gut funktionieren, aber die Ernährung und das Leben umzustellen, sodass Gewichtsprobleme kein Thema mehr sind – ist ein ganz andere Sache.

Die Frage ist jetzt real – WOZU ich mich mit Religion beschäftigen will

Will ich Dienstleister für andere sein und damit eventuell auch Geld verdienen? Dann kann ich Wissen im Bereich Ritualleitung erwerben, kann auf dem Gebiet „Selbstfindung und Heilung“ mir Fertigkeiten aneignen, kann künstlerisch tätig sein und Handwerksprodukte anbieten, die in diesem Bereich Verwendung finden.
Will ich einfach irgendwo dazu gehören, Freundschaften finden, eine Ersatzfamilie haben? Dazu gäbe es auch anderweitig genügend Vereine oder Hobbies, die unter Umständen dafür sogar besser geeignet wären.
Habe ich jemanden kennen gelernt, der mich fasziniert hat und möchte „das“ jetzt auch sein/haben/können?
Will ich etwas Besonderes sein/können?

Je ehrlicher und offener ich mir diese Fragen (und vielleicht noch einige mehr!!) beantworte, desto zufriedener und glücklicher werde ich in der Zukunft schlussendlich sein. Das wage ich jetzt einmal aus der Kristallkugel zu lesen …

Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus

Samstag, 08. Juli 2017

Also ich hörte, dass es tatsächlich so etwas wie aztekischen bzw. „Mexica“ Rekonstruktionismus gibt, war ich freudig überrascht. Ich nahm sofort Kontakt auf und bat um ein Interview. Angel Rivera Rubio folgt der wiederbelebten Religion der Azteken und war so nett meine Fragen über seine religiöse Praxis zu beantworten.

Wenn man an die Azteken denkt, sind die ersten Dinge die einem in den Sinn kommen beeindruckende pyramidenartige Bauten, ein Haufen wilder Verschwörungstheorien und natürlich Menschenopfer. Aber natürlich gibt es weit mehr über die mesoamerikanische Nahua Kultur zu berichten.

Aztekische Ruinen, Wikimedia Commons, Foto: Rationalobserver

Was mich am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass die Menschen im aztekischen Polytheismus sich in der Schuld der Götter sehen. Während die meisten mitteleuropäischen Heiden nie müde werden zu betonen, dass sie sich weigern Götter „anzubeten“ oder ihr Haupt ehrfürchtig vor ihnen zu senken, wie es nur die Christen täten, haben die aztekischen Heiden ganz und gar ihre mythische Schuld gegenüber den Göttern akzeptiert. Diese Schuld sehen sie darin begründet, dass sich die Götter einst selbst geopfert haben um alles Leben und die Welt vor dem Untergang zu retten. Offensichtlich gehört also ein großes Maß an Hingabe zum Mexica Polytheismus.

Eines der Schöpfungsmythen, die sogenannte Legende der Sonnen, berichtet von der Erschaffung der fünf Sonnen. Jede von diesen repräsentiert ein Zeitalter, welches von einer bestimmten Gottheit regiert wird und von jeweils unterschiedlichen Wesen besiedelt ist. Die ersten vier dieser Zeitalter endeten in einer riesigen Katastrophe, das fünfte jedoch ist das aktuelle Zeitalter, das von Menschen und den uns bekannten Wesen besiedelt ist.

Der Grund warum dieses Zeitalter noch besteht ist die Selbstopferung einer kleineren Gottheit, der sich in einem Feuer verbrennt um der Sonne seine Lebenskraft zu schenken. Um den Fortbestand der Sonne auch weiterhin zu garantieren, müssen sich weitere Götter stets aufs Neue opfern. Man geht davon aus, dass dieser Mythos auch den Antrieb für die bei den Azteken üblichen Menschenopfer bildete. Natürlich werden Menschenopfer heute nicht mehr praktiziert, doch die Menschen, die der aztekischen Religion heute folgen, erkennen die Schuld der Menschen gegenüber den Göttern nach wie vor an und ehren diese Selbstopferung der Götter in ihren Riten.

Mexica Tänze in Ixcateopan nahe des Grabes des letzten aztekischen Herrschers Cuauhtemoc, Wikimedia Commons, Foto: Claudio Giovenzana www.longwalk.it

Die spanische Conquista hat die Erinnerung an die Aztken sowie an andere mesoamerikanische Völker weitestegehend ausgelöscht. Die spanischen Eroberer erachteten es als ihre heilige Pflicht die „aztekische Götteslästerung“ auszulöschen und das Christentum in Mittelamerika zu etablieren. Es ist nach wie vor nicht ganz sicher, was von den Horrorgeschichten spanische Übertreibung und was authentische Überlieferung darstellt.

Eines jedoch ist unbestritten, die Azteken waren eine faszinierende, vielschichtige und hochentwickelte Zivilisation, die es definitiv wert ist studiert zu werden. Neben all den finsteren Eigenarten gibt es doch viele interessante und inspirierende Fakten über die aztekische Kultur zu erfahren, die es allemal wert ist auch heute als lebendige Praxis weitergeführt zu werden.

INTERVIEW

1. Wie würdest Du den Mexica Rekonstruktionismus jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Die Wiederbelebung der prehispanischen polytheistischen Religion der Nahuas (deren Teil die Mexicas/Azteken waren) auf der Basis einer rekonstruktionistische Herangehensweise.

2. Was ist Deiner Ansicht nach der Kern der Mexica Praxis?
Nun, zunächst ist dies die Schuld zu akzeptieren, die wir den Teteoh (den Göttern) gegenüber haben für das Leben, dass sie uns gaben und zum zweiten, zu verhindern, dass Tlazolli (die Dinge die nicht in Ordnung/an ihrem Platz sind) außer Kontrolle gerät.

3. Gibt es heute immer noch eine lebendige Mexica Polytheismus Kultur und wie viele gehören dieser ungefähr an?
Leider ist der Polytheismus mit der spanischen Eroberung ausgestorben, es gibt jedoch einige synkretistische Formen und Volksbräuche, die uns helfen können die Tradition zu rekonstruieren. Was die Zahl der Rekonstruktionisten angeht, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber nach dem was ich im Internet wahrnehme würde ich vermuten, dass es sich um einige Duzend oder vielleicht einige hundert handelt.

4. Welches sind die wichtigsten Götter die im Mexica Rekonstruktionismus verehrt werden. Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Ich würde sagen die vier Tezcatlipocas könnte man als die wichtigsten Gottheiten bezeichnen, denn sie sind die Schöpfer der Welt. Diese sind Tezcatlipoca, Xipe Totec, Quetzalcaatl und Huitzilopochtli.

5. Welches sind die wichtigsten Feste oder Rituale die ihr feiert und wie begeht ihr diese?
Üblicherweise opfere ich den Teteoh Copal und Blut (ich steche mir dazu in den Finger). Leider gibt es nicht sehr viele Informationen über den privaten Kult, so dass wir uns auf moderne Vermutungen und UPG [unbewiesene persönliche Erkenntnisse – Anm. der Autorin] verlassen müssen.

Aztekischer Kalenderm Wikimedia Commons, Foto: Rengarajang

Was die Feste angeht, so hatten die Mexicas zwei verschiedene Kalender, den Tonalpohualli, ein 260 Tage Ritualkalender der dazu diente die Zukunft der Menschen vorherzusagen je nachdem in welchem Zeichen sie geboren wurden, und der Xiuhpohualli, ein 365 Tage Kalender des täglichen Gebrauchs der in 18 Monate zu je 20 Tagen eingeteilt war. Letzterer ist ausschlaggebend für die Berechnung der Festtage, denn jeder Monat ist einer bestimmten Gottheit gewidmet.

6. Wie ist die Mexica Vorstellung vom Leben nach dem Tod?
Das Leben nach dem Tod hängt davon ab, wie man gestorben ist, das heißt die Menschen die im Krieg zu Tode kommen gehen zu Tonatiuh, dem Sonnengott, und folgen ihm auf seiner Reise durch den Tag und Menschen die Aufgrund von Umständen sterben, die mit Wasser zu tun haben gehen nach Tlalocan wo Tlaloc, der Regengott, herrscht.

7. Sehr viele Leute denken an Menschenopfer wenn sie von den Aztken hören. Wie gehst Du damit als moderner Rekonstruktionist um?
Menschenopfer waren ein bedeutender Bestandteil der Mexica Religion. In Nahuatl, der Sprache der Azteken, heißt Opfer Nextlaoalli, das bedeutet „die Schuld bezahlen“, da sich die Götter selbst für uns geopfert haben. Nanahuatzin sprang in ein Feuer um Tonatiuh, die Sonne zu werden und Quetzalcoatl gab sein Blut um die menschliche Spezies wieder herzustellen. Obwohl die Selbstopferung natürlich auch wichtig war, ist es letztere Praxis, die von modernen Rekonstruktionisten genutzt wird um ihren Dank an die Teteoh auszudrücken.

Aztektisches Menschenopferritual, auf Seite 141 des Codex Magliabechiano 16. Jahrhundert, Wikimedia Commons

8. Viele europäischen Heiden sehen die Christianisierung als Hauptgrund für das Verschwinden der prächristlichen Kulturen. Gibt es eine ähnliche Begebenheit für die prächristliche Kultur Mittelamerikas?
Nun, ja, das Eintreffen der spanischen Eroberer stellt einen „point of no return“ für die traditionellen Religionen dar.

9. Wie wird man zu einem Praktizierenden des Mexica Polytheismus? Kann jeder sich entscheiden Teil dieser Bewegung zu werden? Wie bist Du Teil davon geworden?
Nun, ich denke, jeder der den Ruf der Teteoh vernimmt kann dieser Religion folgen. Was mich betrifft, so habe ich mich zuerst mit den europäischen polytheistischen Traditionen beschäftigt, spürte aber schon lange eine starke Verbindung zu den Mexikas. Indem ich Polytheist wurde, erkannte ich, dass ich mich den Teteoh gleichermaßen nähern konnte, wie andere Leute sich anderen Gottheiten nähern und von da ab folgte ein Schritt dem anderen.

Aztekische Krieger aus dem Codex Mendoza, Wikimedia Commons

10. Kannst Du Bücher zu diesem Thema empfehlen, falls sich jemand eingehender mit diesem Pfad auseinandersetzen möchte?
Leider gibt es nicht sehr viele Bücher über den Mexika Rekonstruktionismus, aber ist gibt einige akademische Bücher, die hilfreich sein könnten, wenn jemand das Weltbild der Mexica näher verstehen möchte:
• The Aztecs: People of the Sun (Civilization of the American Indian) by Alfonso Caso
• Daily Life of the Aztecs by Jacques Soustelle
• The Gods and Symbols of Ancient Mexico and the Maya by Mary Millerand Karl Taub
• The Slippery Earth: Nahua-Christian Moral Dialogue in Sixteenth-Century Mexico Louise M. Burkhart
• The Myths of the Opossum: Pathways of Mesoamerican Mythology and Human Body and Ideology Concepts of the Ancient Nahuas by Alfredo L. Austin

Lieber Angel, ich danke Dir sehr für Deine Zeit und Deine Geduld uns einen so spannenden Einblick in den aztekischen Polytheismus und wie er heute praktiziert wird zu gewähren!

Zur Facebook-Seite von Angel
Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism – Prehispanic Reconstructionism

Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism - Prehispanic Reconstructionism

 

Hausgeister, geschrieben von Ulrike

Samstag, 20. Mai 2017

Ich hatte in letzter Zeit Anlass, über Hausgeister nachzudenken, und erinnerte mich an ein Buch, das ich im letzten Jahr gelesen hatte, einer Doktorarbeit, die sich mit der im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlichten Hausgeist-Überlieferung befasst.[1]  Hier geht es also um sehr junge Vorstellungen, aber die Arbeit dokumentiert sehr genau, was über Jahrhunderte lebendig geblieben ist: der wenn auch verebbende Glaube an nicht-menschliche oder nicht-mehr-menschliche Hausgenossen, die Individualität und Eigenart besitzen und mit denen man sich auseinandersetzen oder mit ihnen auskommen muss.

Wikimedia commons

Hausgeist ist der wissenschaftliche Begriff für diese Wesen, der volkstümliche Name scheint hauptsächlich ‚Kobold‘ gewesen zu sein, ein Begriff, der im 13. Jahrhundert zuerst dokumentiert wurde und der möglicherweise ‚Hauswalter‘ oder ‚Walter des Platzes‘ bedeutet. [2] Er wurde mit lateinisch penates übersetzt, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Kobold einen Bezug zum Ahnenglauben hat. Andere Bezeichnungen aus dem Althochdeutschen sind ingesid und ingoumo, was „etwas, das man im Haus wahrnehmen kann“ bedeutet. Hausgeister haben aber auch persönliche Namen, die sich auf ihr Aussehen oder ihre Eigenschaften beziehen können, oder Menschennamen sind wie Langhut, Wertla, Peter oder Klopfer. Belegt sind aber auch Namen, die auf Fetischpuppen hinweisen, Kose- und damit Tabunamen sind.

Insgesamt können wir die Hausgeister zu den Wichten und Alben stellen, wobei eine genaue Abgrenzung innerhalb dieser Kategorien nicht möglich ist. Fest steht, ein Hausgeist lebt ihm Haus, auf dem Hof, normalerweise in einer ländlichen Umgebung. Er ist ein Einzelgänger und kommt – anders als die Heinzelmännchen – nicht in einer Gruppe vor. Er hat Menschengestalt, ist männlich, von kleiner Gestalt und uralten Aussehen. Manchmal sieht er einem toten Familienmitglied ähnlich, was uns wieder auf den Ahnenglauben hinweist. Da sich die Menschen aber sicher waren, dass die Toten nach dem Tod genauso aussehen wie zum Zeitpunkt des Todes, belegt die Kleinwüchsigkeit des Hausgeistes, dass diese Vorstellung jung ist, es ist tatsächlich eine Verkleinerung der Glaubensvorstellung.

A witch and her familiars, illustration from a discourse on witchcraft, 1621; in the British …
Courtesy of the trustees of the British Library

Manche Hausgeister können auch Puppenform oder Tierformen annehmen und tragen dann entsprechende Namen, bei letzterem denken wir an die Familiaren der Hexen.

Üblicherweise sind Hausgeister an das Haus und den Hof gebunden, obwohl es auch Fälle gegeben hat, dass Hausgeister mit der Familie umgezogen sind, oder gar vertrieben wurden. Die sehr junge Vorstellung, dass Hausgeister auf dem Markt gekauft werden können, zeigt einen erheblichen Machtverlust des Hausgeistes. Hausgeister arbeiten und helfen im Haushalt, in der Werkstatt, im Stall, selten auf dem Feld. Es sind ein paar Sagen belegt, in denen Hausgeister auf Schlössern und in Adelshäusern wirken, interessanterweise waren diese Hausgeister nicht von kleiner Gestalt, sondern normal groß und auch weiblich.

Hausgeister haben die gleichen Rechte wie alle anderen Familienmitglieder, auch das Recht des Aufenthalts im Haus. Manchmal sind sie still und freundlich, manchmal launisch. Sie sind meist einzelgängerisch und für sich, aber manchmal auch gesellig und zu Späßen aufgelegt. Allerdings ist ihr Wesen immer ambivalent, daher ist es immer wichtig, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen das zu geben, was ihnen zusteht. Sie sind weise und bereit, ihr Wissen zu teilen, wenn man sie wertschätzt, sie geben Rat, finden verlorene Dinge, warnen vor Gefahren, verjagen verdächtige Personen. Ihre Hilfe auf dem Hof lässt die Arbeit glatter gehen und verhilft oft zum Erfolg. Generell bringen sie Glück und Gedeihen, Hausgeister agieren als Katalysatoren für das Erlangen von Wohlstand, sie werden allgemein als Schutzgeister wahrgenommen.

Andererseits spiegeln Hausgeister in der Regel den Fleiß der anderen Hofbewohner, dadurch sind auch Kontrollinstanz für soziale und moralische Normen. Wenn sie sich falsch behandelt fühlen oder mit dem Verhalten der Hausbewohner nicht einverstanden sind, dann reagieren sie empfindlich: das Spektrum der Bestrafung reicht vom Streiche spielen oder dem Verstecken von Gegenständen bis hin zu körperlichen Strafen oder dem Verenden von Haustieren, auch dem Verlassen des Haushalts unter Mitnahme des Hausglücks, was in der Regel den Ruin der Familie bedeutet.

Dass Hausgeister ambivalente Wesen sind – einerseits wichtig für das Glück der Familie, andererseits bedrohlich und nicht berechenbar – deutet auf eine vorchristliche Tradition hin. Geschichten, in denen Hausgeister vollends verteufelt sind sind in der Regel sekundär und christlich überformt.

Hausgeister handeln aus ihrer eigenen Kraft und Macht, durch schiere Präsenz und Mithilfe. Sie sind „mächtige, übernatürliche Hauswalter mit unbenommener numinoser Autorität.“[3]

Sie verlangen das Beachten einiger Regeln im Zusammenleben: in der Regel mögen sie es ruhig und ordentlich, sie möchten respektvoll behandelt werden, schätzen Höflichkeit und gutes Essen. Ihre bevorzugte Speise ist Milch, Getreidebrei mit Butter, Brot, und was immer die Familie isst. Die Speisung steht ihnen zu, sie hat einen gewissen Opfercharakter, aber in der späten Überlieferung kann sie nicht als Opfer kategorisiert werden, da die Speisung nicht in einem rituellen Kontext und mit einem magischen, quasireligiösen Bewusstsein erfolgt. Allerdings belegen zwei Sagen, dass die Koboldspeisung einen kultischen Charakter hatte, daran zu erkennen, dass dem Hausgeist entweder der erste oder der letzte Bissen zugestanden wird (Primitialopfer bzw. Restopfer). Die Speise wird oft vor den Herd gestellt, da dort der Hausgeist seine bevorzugte Schlafstätte hat.

Milch und Getreideprodukte sind außerdem bevorzugte Opferspeisen im Ahnenglauben, ihre Verwendung verstärkt den Verdacht, dass die Hausgeisttradition mit dem Ahnenglauben verwandt ist.

Weitere Verhaltensregeln betreffen den Wunsch der Hausgeister nach Unsichtbarkeit – weder wollen sie gerne gesehen werden, noch lassen sie sich bei der Arbeit beobachten. Sie pochen auf ihr Recht, am gleichen Schlafplatz zu bleiben, und höflich und korrekt angesprochen zu werden. Tabuüberschreitungen werden hart bestraft.

Hausgeister sind Kollektivschutzgeister, sie beschützen und leben bei intakten (Groß-)Familien, manchmal über Generationen. Sie bringen Glück, das ist der zentrale Punkt der Überlieferung. Je fleißiger und verantwortlicher die Familie als Gemeinschaft agiert, desto mehr Glück bringt der Hausgeist. Auf diese Weise wirkt der Hausgeist als Beschützer sozialer Normen, die als stabilisierend und kontinuitätswahrend angesehen werden.

Das Gros der Überlieferung zeigt, dass Hausgeister in der Vergangenheit als real geglaubt wurden, aber der Ton der Erzählungen suggeriert, dass dieser Glaube der Vergangenheit angehört, das heißt, man war sich bewusst, dass die Älteren an Hausgeister geglaubt haben, tat dies aber als zur Vergangenheit gehörend ab. In der jüngeren Überlieferung werden Hausgeister oft als machtlos oder mit verminderter Macht dargestellt, und rituelle Begegnungen und die Beschreibung von Speisegaben sind kaum noch vorhanden, was in der Regel auch mit einem geringen Respekt einhergeht.

http://visardistofelphame.tumblr.com/post/157288640110/hagothehills-hagothehills-doreen-on-one-of

Die Wurzel des Hausgeistglaubens ist nicht klar und umstritten. Zum einen scheint es Beweise für eine Zuordnung der Hausgeister zu den genii loci zu geben, zum anderen gibt es Parallelen zum Ahnenglauben, und es lässt sich nicht sagen, welche Traditionswurzel älter oder authentischer ist.

Es wird davon ausgegangen, dass sowohl die genius loci – Vorstellung als auch die Ahnenverbindung bereits zu vorchristlicher Zeit schon nicht mehr voneinander zu trennen war, und dass sich die Totenseelenvorstellung über den genius loci gelegt hat.

Allgemein lässt sich sagen, dass der Glaube an Hausgeister in deutschsprachigen Gebieten durch die Jahrhunderte starke Veränderungen und Entwicklungen durchgemacht hat. Hausgeister verloren an Funktion, sie wurden verteufelt oder entmachtet, bis sie schließlich nicht mehr geglaubt wurden. Dies lag nicht notwendigerweise an der Christianisierung, sondern sowohl an der ‚Entzauberung‘ durch Reformation und später Aufklärung, als auch an veränderten Lebensumständen durch Industrialisierung und Urbanisierung.

[1] Lindig, Erika (1987): Hausgeister. D. Vorstellungen übernatürl. Schützer u. Helfer in d. dt. Sagenüberlieferung. Zugl.: Freiburg i. Br., Univ., Diss., 1986 (Artes polulares 14).

[2] Baechtold-Stäubli, Hanns (2005): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Knoblauch-Matthias. s.v. Kobold. Unveränd. photomechanischer Nachdr. der Ausg. Berlin [u.a.] 1937. Augsburg: Weltbild (5).

[3] Lindig aaO. S. 110

Religion und Kultur – Teil III, geschrieben von Rota

Samstag, 17. Dezember 2016

Das Verhältnis von Religion, Kultur und Krieg

Konflikte, Kriege, Terroranschläge geschehen zunehmend aus angeblich religiösen Motiven. Die Ursache liegt nicht im Glauben selbst, sondern findet sich bei Gruppierungen und Institutionen, welche sich der Psyche des Menschen bedienen und den Namen der Religion dafür missbrauchen, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Durch Freud lässt sich der Unterschied zwischen Glauben und Religion nicht genau beantworten, das Thema wird von ihm umgangen. Zudem werden Konflikte, die aufgrund von verschiedenen Glaubenslehren entstehen, bloß kurz erläutert. Angst vor Fremden, ist der Ursprung dieser Konflikte. „Die Befriedigung, die das Ideal den Kulturteilnehmern schenkt, ist also narzißtischer Natur, sie ruht auf dem Stolz auf die bereits geglückte Leistung.“1 Konfliktpotenzial liegt bereits in der narzisstischen Veranlagung, wodurch andere Kulturen als minder von Wert angesehen werden. „Auf solche Weise werden die Kulturideale Anlaß zur Entzweiung und Verfeindung zwischen verschiedenen Kreisen, (…).“2

Er (Krieg) brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vorscheine, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen und verstehen, daß sich das eine mit Haß und Abscheu gegen das andere wenden kann.“3 Religion bringt den Menschen nicht soweit, dass er Grenzen seiner eigenen Glaubenslehre oder kulturellen Errungenschaften einsehen oder darüber hinaussehen kann. Stattdessen ist, beschreibt Freud, die Fähigkeit des Menschen darauf beschränkt, einer anderen kulturellen Lehre mit Misstrauen und Schlimmeren zu begegnen. Die Angst vor der Natur mag durch die Religion gebannt sein, jedoch gilt das nicht für die Angst vor der Kultur selbst, wodurch der Mensch durch sein eigenes Konstrukt überfordert ist. Ursache für Krieg kann ebenso der Wunsch sein, eine andere Kultur gewaltsam zu unterdrücken, womit der eigene Stolz aufrecht erhalten bleibt oder sogar ausgedehnt wird. „Ja, daß eine der großen Kulturnationen so allgemein mißliebig ist, daß der Versuch gewagt werden kann, sie als >>barbarisch<< von der Kulturgemeinschaft auszuschließen, obwohl sie ihre Eignung durch die großartigsten Beitragsleistungen längst erwiesen hat.“4 Die Schwäche der Religion liegen darin, die Gemeinsamkeiten zu anderen Glaubenslehren nicht zu erkennen und die Unterschiede abzulehnen. Allgemein liegt die Schwäche des äußeren Zwanges, der durch die Religion geprägten Kultur, in einer bestehenden Widersprüchlichkeit bezüglich der Moral. Als eine der Enttäuschungen, die der Krieg hervorbringt, zählt „die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, die sich nach innen als die Wächter der sittlichen Normen gebärden.“5Dadurch verlangt zwar die Kultur ihrem Volk ab, moralisch zu handeln, sowie die Einhaltung der Gebote, doch behält sie sich selbst das Vorrecht, den Trieben nachzugeben, und zu morden.

In „Furcht und Zittern“ wird Religion nicht als kulturerklärendes Phänomen aufgefasst. Es geht um den Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen.6 Das Allgemeine entspricht dem äußeren Zwang, der Religionsauffassung Freuds. Genauer wird das Verhältnis des Glaubens zum Ethischen, in diesem Fall, dem Kulturellen thematisiert. Durch die Darstellungen wird deutlich, dass religiöse Inhalte vom wahren Glauben abweichen und dass durch Dritte, wie der Vertreter der Glaubensrichtungen, die religiösen Inhalte interpretiert und ausgelegt werden. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn es um Konflikte geht, die aufgrund von Religion entstehen. Dadurch wird eindeutig bewiesen, dass Glaube per se nicht für Kriege verantwortlich ist. In diesem Sinne ist die Unterscheidung Kierkegaards zwischen dem tragischen Helden und dem Ritter des Glaubens dienlich. Der tragische Held kommuniziert nur über jemand Drittes mit Gott, was den Gruppierungen oder den Institutionen, welche das Allgemeine ausmachen, entspricht. Dieser tragische Held ist kein Gläubiger, und möchte eine Belohnung für sein Verhalten.7

Bei einem Vergleich zwischen Kierkegaards und Freuds Philosophie besteht eine Gemeinsamkeit. Beide gehen von einem Äußeren und einem Inneren aus. Bei Kierkegaard ist das Äußere auch das Ethische, das bei Freud den äußeren Zwang darstellt. Das Innere ist bei Freud durch Triebe konstituiert, während diese bei Kierkegaard innere Vorgänge ausmachen. Im Gegensatz zu „Furcht und Zittern“ handelt es sich bei „Zukunft einer Illusion“ um die Erklärung einer kulturell akzeptierten Verhaltenslehre. Religion ist als Wunschbefriedigung zu sehen. Ein gemeinsamer Nenner ergibt sich, da sich Religion und Glaube bei Kierkegaard grob unterscheiden, die Religion den Glauben verwässert und aus eigener Motivation handelt. „Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, ans sie zu glauben.“8 Damit weicht Freud einer Diskussion über Glauben aus, er schließt die Möglichkeit eines wahren Glaubens aus.

Kierkegaard unterscheidet zwischen dem tragischen Helden und dem Ritter des Glaubens. Diese Unterscheidung ist dienlich, um den Unterschied zwischen Glauben und Religion zu verdeutlichen und die auftretenden Konflikte besser zu durchleuchten.

Der tragische Held ist Ausdruck des Allgemeinen, dem während seiner Handlungen Sicherheit durch eine Institution o.Ä. gegeben wird.9 Eine Weiterführung dieses Gedankens erlaubt, den tragischen Helden als Selbstmordattentäter anzunehmen, der wider den kulturellen Gesetzlichkeiten mordet. Das macht derjenige nicht aus eigenen Überzeugungen, sondern er erwartet sich dadurch eine Belohnung durch eine äußere Instanz. Dadurch handelt er nicht aus Motiven des Glaubens, sondern aufgrund einer Gruppierung, zu der er ein Verhältnis pflegt, wie Freud es ausdrückt, das Kind zum Vater ein Verhältnis führt. Der tragische Held steht im Kontrast zum Ritter des Glaubens, der nicht aus äußeren Zwängen handelt, und nie Gewissheit seiner Handlungen erfährt.10 Dadurch wird deutlich, dass der IS-Terror mit Glauben selbst nicht viel zu tun hat. So erklärt sich auch Kierkegaard den Unterschied zwischen Glauben und Religion. Demnach ist der Ritter des Glaubens niemand, welcher aus externen Anlässen handelt, und nie eine Bestätigung von außen erhält. Demnach sind Glaube und Religion keinesfalls miteinander zu vergleichen.

Die islamische Lehre hat sich im Widerstreit zwischen den Interpreten der Schrift und Kräften des Wandels in der Gesellschaft entwickelt. Denn die Geschicke von Gesellschaft und Staat wurden erfahren und diskutiert als Konflikte um die Auslegung und Anwendung des offenbarten Korans (…). Und vom Beginn an bis heute haben Bewegungen und Konflikte, die sich im Spiegel der Quellen – und das heißt: im Bewusstsein der Akteure selbst – als religiöse darstellen, Staat und Gesellschaft vom Grund auf erfaßt und erschüttert.“11

Gerhard Endreß Ansicht geht mit der Ansicht, Religion und Glauben notwendigerweise zu unterscheiden, konform.

Zusammenfassung

Freuds „Zukunft einer Illusion“ bleibt nicht ohne Kritik. Es hat sich in dieser Arbeit herausgestellt, dass Religion als kulturell akzeptierte Verhaltenslehre zu verstehen ist. Religion ist nicht ausreichend, um ein Verständnis über Kulturen selbst zu entwickeln, was zu Konflikten führt. Eindeutig zu trennen ist die Kultur vom Glauben. In „Zukunft einer Illusion“ wird eine psychologische kulturtheoretische Ansicht geschildert. Die Schwächen des psychoanalytischen Ansatzes finden sich darin, die sexuellen Bedürfnisse als einzigen menschlichen Interessensgrund darzustellen.

Freuds Zukunft einer Illusion ist im Kontext seiner anderen Werke zu betrachten, wodurch erkennbar wird, dass Motive der Triebbefriedigung immer wieder auftreten. Der psychoanalytische rote Faden zieht sich durch den gesamten Text und ist ebenfalls in anderen Schriften vorzufinden. Der Ansatz der Triebbefriedigung erscheint logisch, jedoch sehr einseitig. Es werden keine weiteren Ursachen in Betracht gezogen, um das zu lösen. Interessant wäre eine genauere Untersuchung dahingehend, wie Bewegungen oder Lehren der Gegenwart die Religion für den modernen Menschen ersetzen und was für ein Konfliktpotenzial in der dadurch gespaltenen Gesellschaft bestünde. Es bleibt fraglich, ob oder wie die Differenzen bzw. die Angst vor Fremdem überwunden werden könnten.

Es ist offensichtlich, dass Konflikte, die im Namen einer Religion, ausgetragen werden, nicht mit Glauben zu tun haben, da Religion von außerhalb auf den Menschen einwirkt, bzw. ihn einengt.

Es ist des Weiteren notwendig in heutigen Zeiten Religion im Sinne einer kulturell akzeptierten Verhaltenslehre zu etablieren, wobei ein bewusster Umgang mit den durch die Triebbewältigung entstandenen Probleme essentiell ist.
Literaturverzeichnis
Endreß Gerhard (1997): Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte. München: C.H.Beck.
Freud, Sigmund (1989): Massenpsychologie und Ich-Analyse. Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt am Main: Fischer, S.83-135.
Kirsner, Douglas (2006): Freud, Civilization, Religion, and Stoicism in: Psychoanalytic Psychology. Spring.Vl. 23(2), 354-366. ISSN: 0736-9735
Plé, Albert (1976): Freud und die Religion. Eine kritische Bestandsaufnahme für die Diskussion der Zeit. Wien: Cura Verlag.
Freud, Sigmund (1974): Enttäuschungen des Krieges in: Freud, Sigmund (Hrsg): Kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main: Fischer, 35-48.
Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.
Rice, E. (1999): Freud, Religion, and Science, J. Amer. Acad. Psychoanal., 27: 397-406.
http://derstandard.at/2000012760133/Soziologe-Religion-erspart-uns-nachdenken-zu-muessen (letzter Zugriff: 25.09.16: 10:00)

1Zukunft einer Illusion: 93.

2S.o.

3Enttäuschungen des Krieges: 39.

4S.o.

5Enttäuschungen des Krieges: 40.

6Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.

7Vgl.: Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.

8Zukunft einer Illusion: 111

9Kierkegaard, Sören (2005): „Furcht und Zittern“, in: Diem, Hermann; Rest, Walter (Hrsg.): Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. Übers. v. Walter Rest, Günther Jungbluth, Rosmarie Lögstrup. 6. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 181-271.

10S.o.: 264.

11Endreß Gerhard (1997): Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte. München: C.H.Beck, 45.