Archiv für die Kategorie ‘Polaritäten’

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil III, geschrieben von Sacriba

Samstag, 15. Oktober 2016

PM_Triade

 

 

Wir bestehen aus 3 Paarbeziehungen (symbolisiert durch die Linien mit Herz):
2 Hetero-Paarbeziehungen und 1 lesbische Paarbeziehung. Zusätzlich dazu gibt es noch das gesamte Dreieck, nämlich wenn wir zu dritt miteinander Zeit verbringen (symbolisiert durch den gepunkteten Kreis).

 

 

 

Wir haben also 3 verschiedene Zu-zweit-Spaces sowie einen Zu-dritt-Space.
Jeder dieser Spaces hat eigene Traditionen, Verhaltensweisen, Freizeitaktivitäten, usw., genauso wie jedes gesunde Liebespaar über Zeit ganz eigene Umgangsformen entwickelt.
Natürlich gibt es dann auch noch unsere jeweiligen Allein-Zeiten (die praktischerweise während einem Zu-zweit-Space der anderen beiden erfolgen können).

Dafür haben wir uns ein eigenes Aufteilungsmodell ausgedacht:

1x pro Woche hat jede Liebesbeziehung für 5 Stunden einen Zu-zweit-Space. Der_die Dritte geht währenddessen entweder arbeiten, macht Allein-Zeit oder besucht Freund_innen.
Allerdings bedeutet das NICHT, dass der_die Dritte deswegen ausgesperrt wäre. Er_Sie kann jederzeit kurz Kontakt suchen, solange der grundsätzliche Fokus auf dem jeweiligen Paar mit Zu-zweit-Zeit liegt. Tauchen Bedürfnisse des_der Dritten auf, die mehr Zeit benötigen, verhandeln wir darüber und verschieben oder unterbrechen gegebenenfalls die vereinbarte Zu-zweit-Zeit. Falls aus den 5 Stunden eine bestimmte Zeit übrig bleibt, wird diese entweder gesondert nachgeholt oder an die nächste jeweilige Zu-zweit-Zeit drangehängt.

Dieser Grundsatz funktioniert, solange sich alle Beteiligten daran halten und somit alle 3 Zu-zweit-Zeiten den gleichen Platz bekommen.

Aus dieser Beschreibung ist ersichtlich, dass unser Beziehungsalltag nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis eine 4mal höhere Komplexität als eine Zweierbeziehung aufweist.

Wenn Menschen auf der Ebene Liebe miteinander verbunden sind, findet zwischen den beteiligten Menschen ein Energieaustausch statt. Auf den unteren Ebenen der Näheskala passiert dieser zwischen verbundenen Menschen zwar auch, allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß.

Weist ein beteiligter Mensch ein energiefressendes Verhalten auf und/oder befindet sich die Paarbeziehung in einem energiefressenden Zustand, hat dies in Polykülen eine Auswirkung, die in Zweierbeziehungen gar nicht vorkommt. Daher wird diese nur von wenigen Menschen im Zusammenhang mit Polyamorie mitbedacht.

Ein über einen längeren Zeitraum hinweg energiefressender Zustand ist im Modell der Näheskala ein instabiler Zwischenzustand.

Frisst eine Paarbeziehung überwiegend Energie, kann das folgende Gründe haben:

  1. Sie ist noch im Stadium des Zusammenraufens am Anfang einer Liebesbeziehung.
  2. Es existiert ein darunterliegender ungelöster Konflikt über die gemeinsamen Wünsche.
  3. Einer_m der Beteiligten fehlt etwas ganz Grundsätzliches: Der Wunsch nach Sex und/oder liebevoller Nähe wird nicht (genug) erfüllt.
  4. Die Beteiligten haben Werte aus der Poly-Szene übernommen und definieren sich von vorneherein als „Nebenbeziehung“.
  5. Die Beziehung basiert auf einer sekundärmotivierten Verliebtheit:
    Eigentlich hätten sich die Beteiligten nur Sex zum Spaß miteinander gewünscht.

Bei einer Zweierbeziehung ist die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen gleich groß wie das Paar: Es geht an der Basis immer um zwei Menschen. Ist die Paarbeziehung instabil, sind also nur zwei Menschen direkt betroffen – und möglicherweise noch eventuell vorhandene Kinder.

Diese Situation unterscheidet sich stark von der in Polykülen:

Alle Polyküle bestehen an ihrer Basis aus mindestens zwei Paarbeziehungen; das Minimum sind also 3 Menschen. Ist eine Paarbeziehung davon instabil, beeinflusst das über Energieaustausch auch die weitere(n) Paarbeziehung(en) oder metamour-Verhältnisse negativ, selbst wenn diese für sich alleine nahezu ideal funktionieren.

Dieser Energieaustausch findet, ähnlich der Osmose in der Chemie, an allen Verbindungspunkten statt. Bei den in Das Poly-Zeitproblem erklärten Grafiken sind das alle Eckpunkte, wo sich zwei oder mehr Linien treffen.

Trifft nun eine energiefressende auf eine energieproduzierende Struktur, setzt das eine eigene UNBEWUSSTE (!) Dynamik in Gang: Ich nenne sie das Prinzip der verschobenen Grenzen.

Beispiele:

Zwei Menschen in einer instabilen Paarbeziehung öffnen diese emotional, allerdings nicht aus einer Primärmotivation für Polyamorie (Dazu müsste die vorhandene Paarbeziehung stabil sein), sondern aus einer Sekundärmotivation.

Angenommen, dieses emotional offene Paar lernt einen geeigneten dritten Menschen kennen.
Zwischen einem Menschen im Ursprungspaar und dem neuen Menschen funkt es und sie gehen eine Verbindung auf der Ebene Liebe ein. Damit gibt es auf einmal eine neue Paarbeziehung.

Das Paar kann über zwei Wege Energie produzieren:

  1. Die frische Verliebtheit gibt beiden Menschen neue Energie. Solange die Verliebtheit anhält, produziert sie überwiegend Energie. Diese ist dazu gedacht, die notwendige Beziehungsarbeit und die damit verbundenen Konflikte am Anfang einer Liebesbeziehung anzutreiben, bis die Beteiligten eine stabile Ebene Liebe ausbilden.
  2. Das Paar findet gemeinsame Lösungen für die vorhandenen Konflikte und erreicht damit eine stabile Ebene Liebe. Solange diese Ebene stabil bleibt, produziert sie überwiegend Energie.

Wir haben also das energiefressende Ursprungspaar EF (= Energiefresser) sowie das neue energieproduzierende Paar EG (= Energiegeber).

Das entstandene V-Polykül sieht dann so aus:

Energiefresser & Energiegeber

Gemäß dem Prinzip von kommunizierenden Gefäßen wandert nun die Energie vom energieproduzierenden zum energiefressenden Paar.
Das setzt das Prinzip der verschobenen Grenzen in Gang:

Aus der Sicht von Mensch B, der sowohl Teil von EG als auch von EF ist, wirkt auf einmal der Anteil von Mensch A am Energieminus von EF, also z. B. Verhaltensweisen, die vorher dauernervig, grenzüberschreitend oder respektlos waren, auf den ersten Blick gar nicht mehr so schlimm. Denn Mensch B hat nun mehr als seine eigene Energie zur Verfügung, nämlich die Energie von EG, um das Energieminus in EF auszubalancieren.

Bewusst äußert sich dies durch weniger Genervtheit, Erschöpfung oder destruktive Konflikte (auch unausgesprochene!) innerhalb EF und Uminterpretation von bisher störenden Faktoren zu „Passt eh“ oder gar „tolle Eigenheit von Mensch A“. Subjektiv gesehen scheint die EF-Beziehung zwischen Mensch A und Mensch B also plötzlich besser zu funktionieren, obwohl alle energiefressenden Dynamiken natürlich weiterlaufen.

Die andere Seite bleibt davon nicht unbeeinflusst: Die Energie von EG wird schließlich angezapft. Am Anfang kann dies unbemerkt bleiben, da der Energieverlust noch durch Eigenproduktion ausgeglichen wird. Wenn aber daraus ein Energieminus entstanden ist (= Es zieht mehr Energie zu EF ab, als von EG produziert wird), äußert sich dies in destruktiven Konflikten, daraus resultierender Genervtheit und Erschöpfung zwischen Mensch B und Mensch C innerhalb von EG.

Der einzige Weg, diese Spirale zu durchbrechen, ist, die Ursachen für das Energieminus innerhalb EF zu finden und diese so anzuschauen, als ob EF eine Zweierbeziehung ohne dranhängende Beziehungen im Polykül wäre:

  • Wurde eine polyamore Erweiterung aus einer Sekundärmotivation eingegangen?
    (Siehe dazu das Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich?)
  • Trifft einer oder mehrere der oben aufgelisteten Gründe für eine instabile Paarbeziehung zu?
  • Gibt es andere Verhaltensweisen des Gegenübers, die energiefressend sind?
  • Wie können wir diese gemeinsam Schritt für Schritt ändern, sodass unsere Beziehung stabil wird?
  • Könnte ein Coaching oder eine Paartherapie uns in unserer Situation helfen?

Wenn hingegen über keines dieser Themen eine konstruktive Kommunikation (mehr) möglich ist oder eine Liebesbeziehung von vorneherein nicht die passende soziale Verbindung ist, bleibt als einzige Lösung die Trennung.

Die Poly-Szene hat für solche Fälle eine eigene Philosophie entwickelt – wenig überraschend ist diese wieder einmal durch und durch dysfunktional: Das Konzept über new relationship energy, abgekürzt NRE.

New relationship energy (engl. für Energie einer neuen, frischen Verliebtheit) beschreibt nämlich genau den Effekt, dass eine energiefressende Beziehung durch die Energie einer neuen Beziehung eine scheinbare „Verbesserung“ erfährt. Angeblich empfinden in so einer Situation dann alle Beteiligten „Mitfreude“: Alle freuen sich übereinander über die schöne Energie. Falls nicht schon im Vorfeld Grenzüberschreitungen passiert sind („Ich teile dir mit, mit wem ich jetzt außer dir noch zusammen bin, aber dein Konsens dazu ist mir wurscht!“), kann dies tatsächlich der Fall sein – allerdings nur für wenige Tage bis Wochen. Dann kippt das Gleichgewicht, und auch die EG-Beziehung fällt wie die EF-Beziehung ins Energieminus. An diesem Punkt muss natürlich eine neue EG-Beziehung her, die wiederum NRE bereitstellt, usw.

Die jeweilige EG-Beziehung wird also angezapft: Anstatt die Energie der Verliebtheit dem jeweiligen Paar zu lassen (wofür sie eigentlich gedacht ist), fließt diese in fremde, energiefressende Strukturen und verschwindet darin wie in einem schwarzen Loch.

Unbearbeitet bewegt sich das gesamte Beziehungsgeflecht über den miauenden Hund und/oder den seriell-parallelen Durchlauferhitzer auf einen emotionalen Atompilz zu, in dem es schlussendlich hochgeht.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil II, geschrieben von Sacriba

Samstag, 24. September 2016

Primärmotivierte Polyamorie

Ist im Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich? herausgekommen, dass Polyamorie wahrscheinlich ein primärmotivierter Wunsch von dir ist?

Oder bist du einfach neugierig, wie primärmotivierte Polyamorie aussieht?

In beiden Fällen bekommst du hier dazu mehr Information.

Meiner Erfahrung nach gibt es bisher genau 3 Hintergründe, die einen primärmotivierten Wunsch nach gesunder, funktionierender Polyamorie erzeugen:

Verschiedene Bedürfnisse an Nähe:

Innerhalb einer bestehenden Zweierbeziehung benötigt Mensch A mehr liebevolle Nähe als das Gegenüber Mensch B. Mensch A wünscht sich daher eine Liebesbeziehung zu einem zusätzlichen Menschen.

Der Grund für diese Unausgeglichenheit muss allerdings an einem durch Verhandlung unveränderbaren Zustand liegen – z. B.:

  • Wenn Mensch A neurotypisch funktioniert, Mensch B sich aber am autistischen Spektrum befindet.
  • Wenn Mensch A besonders viel Freizeit hat, während Mensch B seine Selbstverwirklichung im Beruf findet. Diese spezielle Situation ist allerdings verwundbar: Nehmen wir an, Mensch B entscheidet sich eines Tages dafür, ebenso viel Freizeit wie Mensch A zu haben. Daraus kann dann ein größeres Nähebedürfnis als bisher entstehen, das wiederum Mensch A dann nicht erwidern kann, da sein Bedürfnis von einer Liebesbeziehung mit Mensch C abgedeckt wird, usw.

Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung:

Ein Mensch lebt in einer erfüllten Zweierbeziehung. Allerdings möchte und kann dieser Mensch auf der amoren Ebene mehr geben, als die bestehende Liebesbeziehung braucht, um schön und stabil zu funktionieren. Dieser Wunsch ist nur konstruktiv, wenn:

  • sich dahinter keine Sekundärmotivationen verstecken (z. B. der Wunsch nach mehr Sex)
  • Der Wunsch NICHT aus einem Mangel heraus erfolgt (z. B. ein Defizit an Nähe in der Ursprungsbeziehung)
  • die Nähe, Zeit und Platz füreinander in der Ursprungsbeziehung erhalten bleiben
  • eine höhere Komplexität als zu zweit gewünscht wird, um eine umfangreichere Selbsterfahrung für persönliche Weiterentwicklung zu erreichen
  • kein Poly-Zeitproblem wegen zu hoher Komplexität entsteht

Das war der Hauptbeweggrund für meinen Freund Nemo, eine weitere Hetero-Beziehung zusätzlich zu seiner Ursprungsbeziehung mit Maitri anzustreben.

Die amore Orientierung:

Ein Mensch ist biamor (und damit automatisch auch bisexuell) und wünscht sich jeweils eine Liebesbeziehung zu beiden Cis-Geschlechtern (Frau und Mann).

Diese Motivation, polyamor zu leben, tritt allerdings fast immer IN KOMBINATION mit den obigen Gründen (Verschiedene Bedürfnisse an Nähe oder Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung) auf.

Schließlich gibt es genug Menschen, die klar biamor sind, die sich aber keine höhere Komplexität im Beziehungsleben als die einer Zweierbeziehung wünschen.

Das ist mein persönlicher Beweggrund:
Nach der Entfernung einiger Sekundärmotivationen kam bei mir meine amore Orientierung parallel mit einem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung als Primärmotivation für Polyamorie zum Vorschein. Bei meiner Freundin Maitri stehen ebenfalls diese beiden Gründe hinter ihrer Entscheidung für unsere Triade.

 

Disclaimer:

Alle anderen Gründe für Polyamorie von Menschen, mit denen ich persönlich Kontakt hatte, stellten sich nach Anwendung der „Wozu (willst du das)?“-Fragenkaskade als Sekundärmotivationen heraus.

Sollte ich ein neues Konzept kennenlernen, das nach Anwendung der Fragenkaskade auf einer Primärmotivation aufbaut, nehme ich es gerne in die obige Liste über die Gründe für primärmotivierte Polyamorie auf. Bisher ist das aber noch nicht passiert.
In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen ein Zeitproblem auf. Mein Freund Nemo hat dieses Zeitproblem in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

PM_Legende

PM_Paar

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B.
Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

PM_Triade

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach:
3×1 + 1 = 4

 

Soweit sind noch keine metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V:

Ein V ist ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

PM_V

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen:
A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

Das metamour-Verhältnis A+C:
Diese beiden Menschen müssen schließlich Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, untereinander besprechen können.

Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also, obwohl es eine Liebesbeziehung weniger als in einer Triade gibt, gleich hoch:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung.
Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

PM_Reihe

 

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:
Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

 

 

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:
Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen
A+C, B+D und A+D
Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D
Das ergibt in Summe die Komplexität:
3×1 + 3×1 + 1 = 7

Selbst wenn wir realistischerweise davon ausgehen, dass metamours etwas weniger Kontakt zueinander haben als die Paarbeziehungen, und daher auf die Komplexität = 6 abrunden, erfordert diese Konstellation immer noch 6mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern auch noch untereinander als Paarbeziehungen vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

PM_Viereck

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind.
Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen.
Damit gibt es zwar keine metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

6 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
4 Triaden:
A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
Und das Gesamtsystem aus allen: A+B+C+D

Die Komplexität ist also:
6×1 + 4×1 + 1 = 11

Also 11mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie in einer Zweierbeziehung.
Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Dazu behauptet die Poly-Szene:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Damit ist gemeint, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das dann für die Betroffenen auch noch schön wäre.

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren. Diese Philosophie hat meiner Meinung nach daher den Nutzen einer Durchfallerkrankung.

Die realistische Konsequenz dieser Haltung ist nämlich entweder der miauende Hund oder (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Solange Nähehandlungen (Kuscheln, Schmusen, Küssen) dann immer noch ausgeführt werden, besteht allerdings die Sehnsucht nach der großen Nähe einer echten Liebesbeziehung mit diesem Menschen im Unbewussten weiter.

Die Folge sind ständige destruktive Konflikte wegen des nicht mehr erfüllbaren Beziehungswunsches, also in meinem Beispiel einem tatsächlich bellenden Hund.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 4/8: Das Poly-Zeitproblem

Damit bewegt sich das ganze System in Richtung eines energiefressenden Zustands, also in einen instabilen Zwischenzustand auf der Näheskala, ähnlich dem einer „Nebenbeziehung“.

Langfristig gesehen entstehen so zutiefst frustrierte Menschen, deren Wunsch nach Liebe kein Gegenüber mehr findet. Die Folge sind psychische Probleme, die zu chronischer Depression und Persönlichkeitsstörungen führen können.

Ende Teil II

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil I, geschrieben von Sacriba

Samstag, 17. September 2016

Prinzipien

In der Artikelreihe über die Poly-Szene und Begriffe der Poly-Szene habe ich die wesentlichen Konzepte beschrieben, unter deren Anwendung Polyamorie langfristig NICHT funktioniert.

Wie ein polyamores Beziehungsgeflecht ganzheitlich (= für alle Beteiligten), gesund und langfristig funktionieren kann, habe ich durch meine persönliche Erfahrung mit meinen beiden Lieben herausgefunden.

Da wir kein gesundes Vorbild, weder persönlich noch in den Medien, für unsere Konstellation hatten, mussten wir alle Grundlagen in diesem neuen Territorium selbst herausfinden.
Durch diesen Lernprozess enttarnten wir die meisten der beschriebenen Konzepte der Poly-Szene als nicht funktionierende Glaubenssätze und entfernten sie darauf sukzessive aus unserem Leben.

Nachfolgend liste ich die unserer Meinung nach wichtigsten Prinzipien gesunder Polyamorie auf.
Interessanterweise gelten diese genauso für gesunde Paarbeziehungen zu zweit.

  • Gleichberechtigte Beziehungen = KEINE Hierarchie:
    Alle Beteiligten des Polyküls müssen die gleichen Mitbestimmungsrechte haben. Darin enthalten sind alle Lebensentscheidungen, wie die gemeinsame Sexualität oder der Wohnort.
  • Alle Lebensentscheidungen müssen IM KONSENS und mit einem KLAREN WOZU (Wozu wollen wir das?) beschlossen werden.
    Ein spezielles Beispiel dafür ist die Entscheidung für emotionale Offenheit, also dafür, noch jemanden auf der Ebene Liebe in das Polykül aufzunehmen.
  • Das Polykül muss nach einer bestimmten Zeit emotional geschlossen werden und bleiben, damit die Beziehungen stabil werden und bleiben.
    Die Vereinbarung, emotional geschlossen zu bleiben, kann dabei entweder temporär der vollständig sein:

    • Temporär:
      „Wir bleiben für eine bestimmte Zeit emotional geschlossen und versuchen währenddessen herauszufinden, ob unser Wunsch nach Polyamorie primär- oder sekundärmotiviert ist.“
    • Vollständig:
      „Wir wollen ab jetzt emotional geschlossen unsere Leben miteinander verbringen. Solange wir zusammen sind, wollen wir an dieser Vereinbarung nie wieder etwas ändern.“

    Typische Poly-Szene-Dynamiken wie der miauende Hund und (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer werden dadurch effektiv vermieden.

Der Wunsch nach Polyamorie entsteht in einem betreffenden Menschen, egal ob Single oder in einer aktiven Zweierbeziehung, IMMER aus einem konkreten Grund. Der Grund dieses Wunsches liegt allerdings oft im Unbewussten. Ebenso kann der Wunsch nach Polyamorie von falschen Ideen, die mit einer gesunden Realität nichts mehr zu tun haben, fehlgeleitet sein. Nach Aufdeckung und Überprüfung dieser Ideen kann darunter ein ganz anderer Wunsch als eine Poly-Beziehung zum Vorschein kommen.

Beide Möglichkeiten sind nicht die Schuld des betreffenden Menschen. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die diverse Wünsche über Sex und Liebe abseits des Hetero-Mainstreams für nicht existent erklärt.
Oder um es mit Farin Urlaub zu sagen:

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wär‘ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

 

In diesem Sinne ist es sehr wohl die Verantwortung eines jeden Menschen, der_die sich Polyamorie wünscht, herauszufinden, was hinter diesem Wunsch tatsächlich authentisch der Fall ist – also ob es sich dabei um eine Primär- oder eine Sekundärmotivation handelt.

Beispiele:

„Ich habe seit kurzem entdeckt, dass ich mir mit einem zusätzlichen Menschen eine Liebesbeziehung wünsche, aber die Liebesbeziehung zu meinem gegenwärtigen Menschen dabei weiterführen möchte. Ich will nichts verheimlichen müssen – und Polyamorie klingt gut, da wissen alle voneinander. Kann das funktionieren?“

Jein.
Ob der Wunsch nach einer Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gesund gelebt werden kann, hängt nämlich von mehreren Faktoren ab. Manche davon sind sehr gute Voraussetzungen, um Polyamorie zu leben. Andere allerdings sind ein garantierter Schuss ins Knie, der nicht nur keine weitere Liebesbeziehung, sondern den Verlust der bereits vorhandenen Liebesbeziehung bedeuten kann.

Um dieses Risiko einschätzen zu können, ist der erste und wichtigste Schritt, über den eigenen Wunsch zu reflektieren:
Wozu möchte ich eine weitere Liebesbeziehung?

Bei vielen ist darauf die Antwort:
Weil es mir passiert ist, dass ich mich in einen weiteren Menschen verliebt habe, während ich in einer Liebesbeziehung lebe.

Jetzt geht die Fragenkaskade aber weiter:
Wozu habe ich mich in diesen Menschen verliebt?

Ab hier wird es tricky. Denn hinter einer Verliebtheit oder einem „Crush“ verstecken sich oft Sekundärmotivationen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

Diese sind der erwähnte Schuss ins Knie:
Wird eine zusätzliche Liebesbeziehung aus einer Sekundärmotivation eingegangen, enden ALLE beteiligten Liebesbeziehungen höchstwahrscheinlich in einem emotionalen Atompilz. Die zweithöchste Wahrscheinlichkeit ist zwar, dass alle Beteiligten rechtzeitig die Sekundärmotivationen bemerken und auflösen, dieses Szenario ist allerdings immer noch mit viel emotionalem Schmerz verbunden.

Nachfolgend habe ich ein Flowchart gezeichnet, das die häufigsten Sekundärmotivationen hinter einer Verliebtheit aufdeckt und zu Strategien weiterleitet, um diese ins Bewusstsein zu holen und aufzulösen.
Meistens ist nach der erfolgreichen Durchführung der vorgeschlagenen Lösungsansätze kein Wunsch nach Polyamorie mehr vorhanden.

In seltenen Fällen steckt hinter einer neuen Verliebtheit tatsächlich eine Primärmotivation für Polyamorie. Diese Fälle werden allerdings erst sichtbar, sobald alle Sekundärmotivationen entweder ausschließbar sind oder gemeinsam mit der bestehenden Liebesbeziehung bearbeitet wurden. Wenn danach noch immer ein Wunsch nach Polyamorie vorhanden ist, handelt es sich höchstwahrscheinlich (aber nicht automatisch!) um eine Primärmotivation.

Bei der Mehrheit der Menschen in der Poly-Szene spielt ein Mangel in Ex-Beziehungen oder der gegenwärtigen Partnerschaft eine wesentliche Rolle, warum sie jetzt Polyamorie anstreben. Der Ausgangspunkt ist:

„Wenn mir meine Partnerschaft etwas Bestimmtes nicht gibt, das ich brauche, hole ich es mir bei einem anderen Menschen.“

Wenn allerdings das Fundament (= das Ursprungspaar) aufgrund eines Mangels nicht stabil ist, können es auch alle Beziehungen, die an diesen Menschen dranhängen, nicht sein. Mehr zu diesem Mechanismus findest du unter Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in Polykülen.

Daher startet mein Flowchart bei einem Mangel und leitet daraus zu den jeweiligen Sekundärmotivationen weiter:

Poly-oder-nicht-Flowchart
Ende Teil I

Geist und Materie, geschrieben von Lama Vajranatha (John M. Reynolds) und übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje

Samstag, 20. Februar 2016

Aus buddhistischer Sichtweise gibt es drei Dimensionen unserer menschlichen Existenz, die traditionell Körper, Rede und Geist genannt werden. „Körper“ beschreibt unseren materiellen Körper, die Verkörperung und Umhüllung unseres Bewusstseins in einem materiellen Fahrzeug, dass sich in der vertrauten physischen Welt umherbewegt, wo wir und mit den verschiedenen Aktivitäten dieser Welt beschäftigen, insbesondere in Beziehung zu anderen Lebewesen, die auch materielle Körper besitzen. Die Sutra-Abhandlungen des Buddhas behandeln eigentlich von allen drei dieser Dimensionen des menschlichen Daseins, aber der Fokus ist auf dem verkörperten Bewusstsein, das sozusagen unser normaler, gewöhnlicher Wachzustand des Bewusstseins ist.

Sutra-Lehren

Die Sutra-Lehren beschäftigen sich mehr mit dieser Dimension des Körpers, besonders mit unserem Verhalten und Taten hinsichtlich unserer Interaktionen mit anderen Lebewesen. Daher wird hier oft auf die Sittlichkeit und Tugendhaftigkeit und die Regeln des Verhaltens Bezug genommen, die danach trachten, Handlungen, die anderen schaden könnten und bei anderen Leid verursachen würden, zu vermeiden. Und die Methoden der Sutras werden oftmals als der Pfad der Entsagung bezeichnet. Das bezieht sich spezielle auf unser verkörpertes Bewusstsein, das sozusagen unser alltäglicher Zustand des Wachbewusstseins ist, wo wir uns selbst von einem materielle Körper umgeben vorfinden. Daher ist diese Art von Psychologie, die in den Sutras erläutert wird, mehr auf die Oberfläche des Bewusstseins bezogen und wir können sagen, dass die Psychologie des Abhidharma, die aus den Sutras entwickelt wurde, eine Phänomenologie des Bewusstseins darstellt.

Die Lehren des Tantra

Die Lehren der Tantras betreffen jedoch mehr die Energie und die Verwandlungen der Energie. Daher ist das Tantra-System mit unserer gesamten Dimension der Rede verbunden. Rede ist Klang und Klang ist Energie und daher bezieht Tantra sich auf unsere gesamte Dimension der Energie als menschliche Wesen. Das meint nicht nur die Klänge, die wir machen, sondern ebenso auch unser Atmen und unsere Emotionen. Das Wort „Tantra“ bedeutet wortwörtlich „Kontinuität“ oder „Kontinuum“. Was hier kontinuierlich ist, ist das Auftauchen von Energie in Form von Gedanken und Emotionen aus unserer unbewussten Psyche. Der Begriff „Tantra“ bezieht sich nicht ausschließlich auf die sexuelle Aktivität. Sex ist nur eine Form von Energie innerhalb des menschlichen Daseins. Da seine Betonung auf Energie und Klang liegt, ist Tantra auch als das Mantra-System bekannt, wobei Mantra die schöpferische Kraft von Klang und Namen ist, um die Phänomene aus der reinen Potentialität des leeren Raumes in die Existenz zu rufen. Für sich selbst ist Energie ohne Form, aber sie kann durch Ritual, Anrufung und Visualisation Gestalt annehmen. Ferner ist es ein Merkmal von Energie, dass sie sich verändern und verwandeln kann. Somit kann man sagen, dass die Methoden des Tantra den Pfad der Transformation darstellen. Allerdings liegt hier im Tantra das Interesse nicht nur auf den Manifestationen von Energie, sondern auch auf den tief verborgenen Quellen der psychischen Energie, nämlich der Natur des Geistes. Diese psychische Energie hat mit dem zu tun, was wir gewöhnlich Psyche oder die Seele nennen. Daher kann diese Art der Psychologie, die mit den Tantras verbunden ist, sogar auch als buddhistische „Tiefenpsychologie“ bezeichnet werden, bei der der Fokus mehr auf den Tiefen als auf der Oberfläche des Bewusstseinsstromes liegt. Allerdings ist das zentrale Anliegen der buddhistischen Lehren der Geist. Unter diesen drei Dimensionen von Körper, Rede und Geist, ist letzterer der wichtigste und grundlegendste. Sowohl körperliche Aktivität und die Energie der Emotionen hängen vom Geist ab. Alles kommt aus dem Geist.

Dzogchen-Upadesha

Die Upadesha-Lehren des Buddha und der buddhistischen Meister verweisen direkt auf diesen Geist als die Ursache. Der Fokus dieser Anweisungen ist das Entdecken dieser Natur des Geistes und seiner Fähigkeit des Gewahrseins, Rigpa genannt, in unserer unmittelbaren Erfahrung. Das Hauptinteresse sowohl von Dzogchen als auch Mahamudra ist der Geist, sozusagen die Natur des Geistes. Hier wird eine entscheidende Unterscheidung zwischen dem Geist (sems), unserem normalen, alltäglichen Gedankenprozess und dem Wachbewusstsein und der Natur des Geistes (sems-nyid) gemacht, welche die Quelle unserer drei Dimensionen von Körper, Rede und Geist ist. Unser bewusster Gedankenprozess wandelt sich von Moment zu Moment. Er ist genauso flüchtig wie die Spiegelungen, die auf der Wasseroberfläche erblickt werden. Aber die Natur des Geistes ist jenseits davon und jenseits von Zeit und Bedingung. Diese Unterscheidung kann durch das Beispiel von Spiegel und den Spiegelungen, die in diesem Spiegel erscheinen, veranschaulicht werden. Die Natur des Geistes ist wie der Spiegel und der Geist oder Gedankenprozess ist wie die sich immer verändernden Reflexionen, die im Spiegel erscheinen. In unserem normalen Wachzustand des Bewusstseins, beeinträchtigt von beständigen Ablenkungen, leben wir in der Verfassung der Spiegelungen, wohingegen wir uns im Zustand der Kontemplation in der Verfassung des Spiegels befinden.

Dies wurde ursprünglich von Lama Vajranatha (John M. Reynolds) veröffentlicht und ist von Ngak’chang Rangdrol Dorje ins Deutsche übersetzt worden.

Wiederbelebung der Medusa, geschrieben von David Halpin, übersetzt von Anufa

Samstag, 23. Januar 2016

Tausende Jahre lang wurde das Symbol der Medusa dazu benutzt, die Macht der Angst und das Wissen, dass wir – sofern wir uns dieser Angst in einem erleuchteten Geisteszustand – stellen, einen Weg finden sie zu beherrschen, zu symbolisieren.

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, schien Sigmund Freud einen archaischen Mythos, entschuldigt mein Wortspiel, auf den Kopf zu stellen. Er wandelte diese transformatorischen Motive in etwas weit repressiveres um.

In seinem schwach argumentierten Essay „Das Medusenhaupt“ behauptet Freud, dass die Medusa ein Symbol der Kastration sei. Er sieht die Enthauptung der mythologischen weiblichen Figur als die männliche Antwort auf das erstmalige Erblicken der weiblichen Genitalien und die daraus resultierende Kastrationsangst.

Diese ganz spezielle Sicht wird heute abgelehnt, ganz besonders von feministischen Autoren und Denkern, die zu Recht argumentieren, dass Freud die Medusa auf ein rein bildliches Konstrukt für Männer reduziert hatte, mit keinerlei innerem Zusammenhang oder eigenständiger Rolle.

Offensichtlich finden wir in der Medua alle Arten an phallischen Symbolen, von Schlangen bis zu ihrer Kraft zu „versteinern“. Das passt natürlich gut zu Freuds Besessenheit mit dem Penisneid. Aber Freud scheint sich seiner eigenen Theorie selber nicht sicher zu sein, weil er im „Medusenhaupt“ schreibt
„Um diese Theorie handfest zu belegen wäre es nötig die Ursprünge dieser isolierten Symbole des Grauens innerhalb der Griechischen Mythologie und parallel dazu in anderen Mythologien zu erforschen.“

Vielleicht wird Freuds Scheitern am besten von Todd Dufresne, Freudianischer Wissenschaftler und Professor der Philosophie an der Lakehead Universität, zusammengefasst. „Es ist die Psychoanalyse selbst, die den Westen mit ihrem Penisneid infiziert hat, mit ödipalen Konflikten, Todessehnsucht und so weiter. Denn diese Ideen finden sich nicht einfach so in der Welt. Sie müssen geschaffen werden.“

Wenn wir zu dem originalen Mythos zurückkehren, dann stellen wir fest, dass die Rolle der Medusa nicht mit ihrer Enthauptung endet. Tatsächlich ist es nur durch ihren Tod, dass Perseus die Geschenke findet, die in der Gorgone verborgen sind.

Das ist es auch, was Freud versäumt hat, mit einzubeziehen und das vielleicht sogar ganz absichtlich übersehen hat um seine Theorie zu stützten und ihr Boden zu verleihen.

Wer also ist diese Medusa?

Und was war ihre ursprüngliche Rolle? Wahrscheinlich sind wir jetzt erstaunt, wenn wir erfahren, dass sie Medusa ziemlich sicher die griechische Version des „Green Man“ ist.
Der „Green Man“ ist eine Naturgottheit, die üblicher Weise mit aus seinem Kopf wachsenden Schlingpflanzen abgebildet wird. Das passt gut mit dem Schlangenhaar der Medusa. Seine erste Inkarnation war die eines Osiris, der mit grüner Haut dargestellt wurde, genauso wie die Medusa und der ein Repräsentation der ersten Erkenntnis.

Logos wurde oft als „das Wort“ fehlinterpretiert, aber eigentlich ist seine wirkliche Bedeutung „Verstand“ oder „Muster“, was es eher mit dem Tao verbindet als mit der anthropomorphisierten christlichen Bedeutung.
Jetzt können wir den griechischen Mythos neu beurteilen und damit beginnen seine wahre Lehre zu verstehen.

An der Oberfläche muss Perseus einen Weg finden, jemand umzubringen, dessen direkter Blick eine Person in Stein verwandeln kann. Sofort bekommen wir einen Hinweis auf die archaische, aber auch sehr gut beobachtete Psychologie, die da in der Geschichte am Werk ist. Was wir gesagt bekommen ist, dass die Angst manchmal am besten durch List überwunden werden kann und eher durch einen unorthodoxen Kniff als durch eine direkte Konfrontation.
Die griechischen Götter können somit als Repräsentanten unseres Geistes angesehen werden. In diesem Kontext wären dann die Geschenke, die Perseus erhält, allegorisch für die psychologische Taktik.

Die Geschenke

Diese Geschenke sind Athenes Schild, ein Mantel der Unsichtbarkeit von Hades, die geflügelten Sandalen von Hermes und ein Schwer von Hephaistos. Im archaischen Symbolismus stellen sie die gleichen Aspekte in der Gnosis dar. Diejenigen Attribute, die der Geist benötigt um eine Angst oder Blockade im spirituellen Fortschreiten zu überwinden.

Mit dem verspiegelten Schild zeigt uns Perseus, dass wir einen neuen Betrachtungswinkel unserer Angst finden müssen. Manchmal ist die frontale Konfrontation sinnlos und wir müssen eine neue Perspektive finden, die uns dann Vorteile bringt, derer wir uns vorher nicht bewusst waren.

Die geflügelten Sandalen repräsentieren die Möglichkeit des lateralen Denkens. Hermes ist der Bote eines höheren Bewusstseins, das die Dinge überblickt. Das erlaubt Perseus zu fliegen und das bedeutet, dass er die ausgetretenen Pfade von früher verlassen kann und die Perspektive von Athenes Schild erweitert.

Das Schwert war in fast jeder Kultur das Symbol der direkten Tat und der Willenskraft. Hephaistos, der das Schwert erschaffen hat, erhält oft den Beinamen „Polumetis“, der „geschickt“ oder „gewitzt“.

Schlussendlich erhält Perseus das Geschenk der Unsichtbarkeit. Interessanter Weise mag das auf den Synkretismus griechisch-buddhistischer Philosophien basieren, die in der hellenistischen Kultur bis ins fünfte Jahrhundert zurückreicht.

In diesem Hinblick ist das Konzept der Unsichtbarkeit direkt verwandt mit den vorherrschenden Orphischen oder Asklepischen Praktiken der sensorischen Deprivation. Der Suchende entzog sich selbst allen Sinneseindrücken um die Kommunikation mit den Göttern oder dem höheren Bewusstsein zu erlangen.

All diese Geschenke stellen alternative Wege des Denkens dar, die dazu erwendet werden können, die Angst zu besiegen.

Peter Kingsley schreibt in seinem philosophischen Werk „in dhe Dark Places of Wisdom“ über die geheimen Pythagoreischen Meditationstechniken. Er sagt, „Das ist der wirkliche Grund für das Praktizieren der Stille bei der sensorischen Deprivation. Es war eine Methode um so nahe wie möglich an die göttliche Welt heran zu kommen.“ „Die Stille selbst war etwas, das den Göttern und Helden selbst gehörte“.

Damit ist Perseus, der das Selbst repräsentiert, das über seine Angst hinauswachsen muss, voll ausgestattet um die Medusa überwältigen zu können. Er verwendet die Götter oder das höhere Bewusstsein . Er ist ein Teil davon und sie waren ein Teil des Potential seines Selbst.

Wenn Perseus seine Angst überwunden hat, hat er sich in seiner Evolution auf eine neue Stufe bewegt. Das wird durch die beiden Brüder symbolisiert, die aus dem toten Körper der Medusa entspringen: Pegasus, das geflügelte Pferd und Chrysaor, ein Jüngling, der ein goldenes Schwert trägt.
Dabei sehen wir, dass das was überwunden wurde auch transformiert wurde: Pegasus und Chrysaor stehen als Symbol für die Fähigkeit aus einer höheren Perspektive heraus zu denken und mit neuem Scharfsinn zu unterscheiden.

Natürlich sind diese Mythen nicht nur deshalb tiefsinnig weil sie psychologische Weisheit enthalten sondern auch durch die klar ersichtliche Weisheit der Zeitalter. Indem wir verstehen, wie diese Mythen zu uns sprechen, können wir hinter die literarischen und kulturellen Motive blicken und die nach innen gehenden Lehrstunden, die Gnosis, die sie schon immer enthalten haben anwenden.

  1. Sigmund Freud. On Sexuality P311.
  2. Sigmund Freud. Medusa’s Head (Das Medusenhaupt, 1922)
  3. http://articles.latimes.com/2004/feb/18/opinion/oe-dufresne18
  4. The Mythic Forest, the Green Man and the Spirit of Nature: The Re-emergence he Spirit of Nature from Ancient Times into Modern Society. Gary R. Varner (P.129.)
  5. http://www.theguardian.com/artanddesign/picture/2012/jul/25/gorgon-s-head-british-art
  6. Foltz, Religions of the Silk Road, p. 43
  7. Peter Kingsley. In the Dark Places of Wisdom. (P 186.)