Archiv für die Kategorie ‘Polaritäten’

Wiederbelebung der Medusa, geschrieben von David Halpin, übersetzt von Anufa

Samstag, 23. Januar 2016

Tausende Jahre lang wurde das Symbol der Medusa dazu benutzt, die Macht der Angst und das Wissen, dass wir – sofern wir uns dieser Angst in einem erleuchteten Geisteszustand – stellen, einen Weg finden sie zu beherrschen, zu symbolisieren.

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, schien Sigmund Freud einen archaischen Mythos, entschuldigt mein Wortspiel, auf den Kopf zu stellen. Er wandelte diese transformatorischen Motive in etwas weit repressiveres um.

In seinem schwach argumentierten Essay „Das Medusenhaupt“ behauptet Freud, dass die Medusa ein Symbol der Kastration sei. Er sieht die Enthauptung der mythologischen weiblichen Figur als die männliche Antwort auf das erstmalige Erblicken der weiblichen Genitalien und die daraus resultierende Kastrationsangst.

Diese ganz spezielle Sicht wird heute abgelehnt, ganz besonders von feministischen Autoren und Denkern, die zu Recht argumentieren, dass Freud die Medusa auf ein rein bildliches Konstrukt für Männer reduziert hatte, mit keinerlei innerem Zusammenhang oder eigenständiger Rolle.

Offensichtlich finden wir in der Medua alle Arten an phallischen Symbolen, von Schlangen bis zu ihrer Kraft zu „versteinern“. Das passt natürlich gut zu Freuds Besessenheit mit dem Penisneid. Aber Freud scheint sich seiner eigenen Theorie selber nicht sicher zu sein, weil er im „Medusenhaupt“ schreibt
„Um diese Theorie handfest zu belegen wäre es nötig die Ursprünge dieser isolierten Symbole des Grauens innerhalb der Griechischen Mythologie und parallel dazu in anderen Mythologien zu erforschen.“

Vielleicht wird Freuds Scheitern am besten von Todd Dufresne, Freudianischer Wissenschaftler und Professor der Philosophie an der Lakehead Universität, zusammengefasst. „Es ist die Psychoanalyse selbst, die den Westen mit ihrem Penisneid infiziert hat, mit ödipalen Konflikten, Todessehnsucht und so weiter. Denn diese Ideen finden sich nicht einfach so in der Welt. Sie müssen geschaffen werden.“

Wenn wir zu dem originalen Mythos zurückkehren, dann stellen wir fest, dass die Rolle der Medusa nicht mit ihrer Enthauptung endet. Tatsächlich ist es nur durch ihren Tod, dass Perseus die Geschenke findet, die in der Gorgone verborgen sind.

Das ist es auch, was Freud versäumt hat, mit einzubeziehen und das vielleicht sogar ganz absichtlich übersehen hat um seine Theorie zu stützten und ihr Boden zu verleihen.

Wer also ist diese Medusa?

Und was war ihre ursprüngliche Rolle? Wahrscheinlich sind wir jetzt erstaunt, wenn wir erfahren, dass sie Medusa ziemlich sicher die griechische Version des „Green Man“ ist.
Der „Green Man“ ist eine Naturgottheit, die üblicher Weise mit aus seinem Kopf wachsenden Schlingpflanzen abgebildet wird. Das passt gut mit dem Schlangenhaar der Medusa. Seine erste Inkarnation war die eines Osiris, der mit grüner Haut dargestellt wurde, genauso wie die Medusa und der ein Repräsentation der ersten Erkenntnis.

Logos wurde oft als „das Wort“ fehlinterpretiert, aber eigentlich ist seine wirkliche Bedeutung „Verstand“ oder „Muster“, was es eher mit dem Tao verbindet als mit der anthropomorphisierten christlichen Bedeutung.
Jetzt können wir den griechischen Mythos neu beurteilen und damit beginnen seine wahre Lehre zu verstehen.

An der Oberfläche muss Perseus einen Weg finden, jemand umzubringen, dessen direkter Blick eine Person in Stein verwandeln kann. Sofort bekommen wir einen Hinweis auf die archaische, aber auch sehr gut beobachtete Psychologie, die da in der Geschichte am Werk ist. Was wir gesagt bekommen ist, dass die Angst manchmal am besten durch List überwunden werden kann und eher durch einen unorthodoxen Kniff als durch eine direkte Konfrontation.
Die griechischen Götter können somit als Repräsentanten unseres Geistes angesehen werden. In diesem Kontext wären dann die Geschenke, die Perseus erhält, allegorisch für die psychologische Taktik.

Die Geschenke

Diese Geschenke sind Athenes Schild, ein Mantel der Unsichtbarkeit von Hades, die geflügelten Sandalen von Hermes und ein Schwer von Hephaistos. Im archaischen Symbolismus stellen sie die gleichen Aspekte in der Gnosis dar. Diejenigen Attribute, die der Geist benötigt um eine Angst oder Blockade im spirituellen Fortschreiten zu überwinden.

Mit dem verspiegelten Schild zeigt uns Perseus, dass wir einen neuen Betrachtungswinkel unserer Angst finden müssen. Manchmal ist die frontale Konfrontation sinnlos und wir müssen eine neue Perspektive finden, die uns dann Vorteile bringt, derer wir uns vorher nicht bewusst waren.

Die geflügelten Sandalen repräsentieren die Möglichkeit des lateralen Denkens. Hermes ist der Bote eines höheren Bewusstseins, das die Dinge überblickt. Das erlaubt Perseus zu fliegen und das bedeutet, dass er die ausgetretenen Pfade von früher verlassen kann und die Perspektive von Athenes Schild erweitert.

Das Schwert war in fast jeder Kultur das Symbol der direkten Tat und der Willenskraft. Hephaistos, der das Schwert erschaffen hat, erhält oft den Beinamen „Polumetis“, der „geschickt“ oder „gewitzt“.

Schlussendlich erhält Perseus das Geschenk der Unsichtbarkeit. Interessanter Weise mag das auf den Synkretismus griechisch-buddhistischer Philosophien basieren, die in der hellenistischen Kultur bis ins fünfte Jahrhundert zurückreicht.

In diesem Hinblick ist das Konzept der Unsichtbarkeit direkt verwandt mit den vorherrschenden Orphischen oder Asklepischen Praktiken der sensorischen Deprivation. Der Suchende entzog sich selbst allen Sinneseindrücken um die Kommunikation mit den Göttern oder dem höheren Bewusstsein zu erlangen.

All diese Geschenke stellen alternative Wege des Denkens dar, die dazu erwendet werden können, die Angst zu besiegen.

Peter Kingsley schreibt in seinem philosophischen Werk „in dhe Dark Places of Wisdom“ über die geheimen Pythagoreischen Meditationstechniken. Er sagt, „Das ist der wirkliche Grund für das Praktizieren der Stille bei der sensorischen Deprivation. Es war eine Methode um so nahe wie möglich an die göttliche Welt heran zu kommen.“ „Die Stille selbst war etwas, das den Göttern und Helden selbst gehörte“.

Damit ist Perseus, der das Selbst repräsentiert, das über seine Angst hinauswachsen muss, voll ausgestattet um die Medusa überwältigen zu können. Er verwendet die Götter oder das höhere Bewusstsein . Er ist ein Teil davon und sie waren ein Teil des Potential seines Selbst.

Wenn Perseus seine Angst überwunden hat, hat er sich in seiner Evolution auf eine neue Stufe bewegt. Das wird durch die beiden Brüder symbolisiert, die aus dem toten Körper der Medusa entspringen: Pegasus, das geflügelte Pferd und Chrysaor, ein Jüngling, der ein goldenes Schwert trägt.
Dabei sehen wir, dass das was überwunden wurde auch transformiert wurde: Pegasus und Chrysaor stehen als Symbol für die Fähigkeit aus einer höheren Perspektive heraus zu denken und mit neuem Scharfsinn zu unterscheiden.

Natürlich sind diese Mythen nicht nur deshalb tiefsinnig weil sie psychologische Weisheit enthalten sondern auch durch die klar ersichtliche Weisheit der Zeitalter. Indem wir verstehen, wie diese Mythen zu uns sprechen, können wir hinter die literarischen und kulturellen Motive blicken und die nach innen gehenden Lehrstunden, die Gnosis, die sie schon immer enthalten haben anwenden.

  1. Sigmund Freud. On Sexuality P311.
  2. Sigmund Freud. Medusa’s Head (Das Medusenhaupt, 1922)
  3. http://articles.latimes.com/2004/feb/18/opinion/oe-dufresne18
  4. The Mythic Forest, the Green Man and the Spirit of Nature: The Re-emergence he Spirit of Nature from Ancient Times into Modern Society. Gary R. Varner (P.129.)
  5. http://www.theguardian.com/artanddesign/picture/2012/jul/25/gorgon-s-head-british-art
  6. Foltz, Religions of the Silk Road, p. 43
  7. Peter Kingsley. In the Dark Places of Wisdom. (P 186.)

Da wird der liebe Gott aber schauen!?

Samstag, 07. November 2015

Ziemlich oft lese ich hier im Netz von Göttern, die ihre Kontaktmenschen mit Fähgikeiten ausrüsten, deren schlechte Eigenschaften beseitigen und ihre guten stärken würden, also alles in allem, eine große Mama oder ein großer Papa wären, die für die Entwicklung, Förderung und für das Wohlergehen ihrer Kinder zuständig wären. Die idealen Ersatzeltern, wie sie im Buche stehen.

Wie viele meiner Leser nun schon vermuten werden, ganz genau, ich bin da ganz anderer Ansicht.

Pietro Perugino: Gott und Engel, 1507 - 08, Stanza dell' Incendio di Borgo, im Vatikanspalast

Der liebe Gott!!

Manch einer, wie z. B. meiner Eine, mag mit diesem „lieben Gott“ aufgewachsen sein. Schon im Kindergarten wurde zum lieben Gott gebetet, wenn meine Großmutter mich mit in die Kirch nahm, wohnte dort der Sohn vom lieben Gott und wenn ich vor irgendwas Angst hatte, dann würde der liebe Gott schon auf mich aufpassen. Aber auch wenn ich was verbockt hatte, dann war besonders der liebe Gott aber jetzt ganz böse auf mich oder „nur“ ganz traurig (je nach Schweregrad dessen, was ich angestellt hatte). Damit ist der liebe Gott mehr oder weniger eine Institution meiner Kindheit. Wohingegen die „Mutter Maria“ erst in den späten Jahren meiner Großmutter an Bedeutung gewann und damit spielte sie in meiner Kinderwelt so gut wie keine Bedeutung. Der Rest meiner Familie war eher atheistisch und/oder areligiös, deshalb kam der Einfluss meiner Großmutter so stark zum Tragen.
Das zeigt für mich ein paar Dinge recht schön auf. Kindgerechtes Einbinden einer spirituellen Lebensweise seh ich (trotzdem) als sehr wichtig an. Götter könnten als „ganz normale Familienmitglieder“ den Alltag durchaus begleiten. Was ich als eher nicht sinnvoll ansehe, ist diese Trennung in „gut und böse“.

Besonders heftig wird diese Teilung schon mal in Heidenkreisen betrieben, aber natürlich nicht nur. DIE Göttin wird dabei zur blütenreinen und überguten Supermutter hingebastelt – wohlmeinend, immer den Rücken stärkend, sich in Liebe verströmend … Ich drücke das deshalb so despektierlich und ironisch aus, weil ich der Ansicht, bin, dass das völlig an der Sache vorbei geht.
Genauso vorbei, wie die Vorstellung von der einen oder anderen Göttin als üblen missgünstigen Dämon, wie es z. B. der Lilith im christlichen Umfeld widerfahren ist.

Alles eine Frage des spirituellen Weltbildes

Wie so oft ist die Sicht auf die Götter (und alles andere eigentlich auch, aber das hatten wir schon des öfteren in Artikelform) dem jeweiligen spirituellen Weltbild geschuldet. Jeder von uns hat durch seine Erziehung (egal ob von anderen oder durch sich selbst) Brillen auf der oder eher hinter der Nase, mitten im Hirn, durch die er die Welt betrachtet und die jegliche Bedeutung einfärben.
Deshalb ist es auch heftig schwierig sich eine andere Denkweise vorzustellen, als diejenige die mensch selber schon persönlich kennen gelernt, erfahren hat. Wir in unserem, in den meisten Fällen, dualistischen Denken, haben schon seit langer Zeit Strömungen, die darauf hinarbeiten, nicht zu werten. Gerade dieses Werten baut das Weltbild des „gut versus schlecht“ auf und hält es am Laufen. Ob wir aus einem Universum des „All-Einen“ kommen und uns in diese Dualität entwickelt haben oder ob es immer schon so war und einige von uns über diese Dualität hinaus wollen, das vermag ich natürlich nicht zu sagen. Was ich aber sagen kann, ist dass ich persönlich das möchte.

Dementsprechend nehme ich natürlich auch meine Götter nicht als „gut“ oder „böse“ wahr, sondern als sehr ambivalent. Das erklärt sich sehr einfach aus meinen Ansatz der „Naturreligion“. Natur ist für mich alles rund um mich herum … das bedeutet aber, dass für mich Kulturlandschaften ebenso Natur sind und die Stadt genauso als Wesenheit beseelt wie der älteste Baum der Welt (der gerade eben beschlossen hat Eibenbeeren zu bilden, nachdem er sein ganzes Leben lang Pollen produziert hat … wobei Eiben normaler Weise zweihäusig sind). Ein Gletscher ist nicht böse, nur weil ich unter der Lawine begraben werden kann, eine Klapperschlange ist auch nicht böse, wenn sie mich beißt und wenn ich vom Auto am Zebrastreifen angefahren werde, dann ist auch nicht das Auto böse (und meistens der Fahrer auch nicht, weil er das wohl kaum absichtlich gemacht haben wird!).

Mein Götter sind das, was ich als menschlich bezeichnen würde. Sie haben Eigenschaften, die auf mich sowohl positive oder auch negative Auswirkungen haben können. Wenn sie mit mir interagieren, dann kann das für mich sowohl gesunde oder auch ungesunde Folgen haben. Wenn Schamanen mit manch einer Misterpflanze arbeiten, dann sterben sie eben früher. Zumindestens mache davon tun das … andere leben genauso lange wie jeder andere Mensch im Durchschnitt auch. Genauso wie manch einer im Pflegedienst ganz normal in Pension geht und andere mit Bandscheibenvorfällen und Burn-Out krankeitsbedingt schon sehr früh arbeitsunfähig attestiert werden. Es ist immer alles eine Mischung aus persönlichen Ressourcen, eigenem Vermögen, Willen und Interaktion mit der Umwelt in der mensch sich befindet. Nicht Pflegeberufe per se sind schlecht sondern die Kombination die sich ergibt kann für den einzelnen Menschen positive oder negative Folgen haben.

Sich die Rosinen aus dem Kuchen holen

Unter dem Blickwinkel, dass die einen Rosinen mögen und die anderen sie hassen – mag es erstrebenswert sein, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu holen um sie genussvoll zu essen oder um sie wegzuwerfen, damit der Kuchen besser schmeckt.
Götter sind für mich aber kein Rosinenkuchen! Sie sind in meinem Weltbild, Entitäten, die eigenständige Eigenschaften haben und in sich selber geschlossene Systeme, so wie Menschen es auch sind.

Genauso wie es sinnvoll sein kann, mit Wölfen zu arbeiten und (mit ihnen notgedrungener Weise auch zu leben) von und mit ihnen zu lernen, genauso kann es sinnvoll sein mit Seth oder Lilith zu arbeiten. Nur dass es sich dabei um das Wolfsrudel in einer Person handelt …

Mit Wölfen sinnvoll verhaltensbiologisch zu arbeiten bedingt, dass ich die Kommunikation der Wölfe verstehe. Nicht die Tiere müssen meine Sprache erlernen, sondern ich die ihre. Sonst wäre das Domestizierung und damit eine völlig andere Geschichte (Götter zu domestizieren, würde ich eher nicht raten). Ich muss mich ihrem Lebensraum anpassen und nicht sie sich dem meinigen. Ohne die Wölfe in möglichst eigener Umgebung zu erforschen und neutral zu beobachten projiziere ich womöglich immer noch den Schäferhund meiner Kindheit auf sie. Beim einen oder anderen Wolf mag das funktionieren aber es kann genauso gut schief gehen und selbst der schwächste Wolf ist stärker als ein unbewaffneter Mensch.

Mit einer Gottheit zu arbeiten oder auch nur Kontakt zu haben, bedeutet für mich ähnliches. Zuerst kriege ich den ganzen Kulturkreis quasi mitgeliefert und das durch die Sprache (seien das Bilder oder Gefühle oder tatsächliches Wort). Dabei müssen die Bedeutungen in keinster Weise mit den meinigen überein stimmen. Meistens muss ich erst herausfinden, wie die Dinge gemeint sind …
Dann macht die Gottheit genauso ihre Erfahrungen durch mich, wie ich durch sie. Das bedeutet, dass die Gottheit in Invokationssituationen durch mich „denkt“ und handelt und das in mir Spuren hinterlässt. Je nach meiner eigenen Ausrichtung, werden dadurch Anteile in mir verstärkt oder unterdrückt.
Schon der Kontakt mit Menschen verändert uns merkbar, warum also sollten wir uns also durch Wesenheiten nicht verändern?

Damit lässt sich dann auch einfach erklären, warum ich den Rosinenkuchen angesprochen habe. Wenn ich mit einer ägyptischen Gottheit engen Kontakt habe, dann werde ich langsam aber sicher mehr und mehr ägyptische Elemente in meinem Leben wiederfinden. Dabei spreche ich nicht von Dekoobjekten sondern von tiefgehenden Veränderungen im Umgang mit der Welt. Genauso wie ich mich ganz automatisch verändere, wenn ich neue Freunde finde … Da werde ich auch Sprachmuster, Bedeutungen und vielleicht sogar Weltsichten teilweise oder ganz übernehmen, bewusst oder unbewusst.

Solange ich mir bewusst bin, was sich wie verändert, kann ich das bis zu einem gewissen Maß auch steuern. Ansonsten NICHT!! Mir also von Seth das Beherrschen „beibringen“ lassen zu wollen und zu erwarten, dass er so nett ist und mir beibringt, wie ich mich einer Mobbinsituation erwehrt und mich ansonsten nicht verändert – das wäre für mich eine Rosine oder der Kuchen aber nicht der Rosinenkuchen. Wenn ich mich auf den Rosinenkuchen einlasse, dann werde ich mich verändern, und diese Veränderungen werden nicht alle sozialkonform, „nett“ oder positiv sein.

Und noch eins oben drauf …

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Wie bei den Wölfen bin ich auch der Ansicht, dass den Göttern ziemlich egal ist, ob es dem Menschen gutgeht, der mit ihnen arbeitet oder nicht. Wir werden geduldet, sofern wir uns einordnen und manchmal, in Ausnahmefällen, werden kleine Kinder durchaus von Wölfen aufgezogen … aber die Regel ist das nicht. Abgesehen davon, dass diese Wolfskinder kaum Mogli heißen …

Wie immer kann ich euch nur meine Sicht der Dinge schildern aber nicht nur um des WurzelWerk-Gedankens Willen, würde ich mich natürlich sehr über die Euren freuen!

Was uns zieht … und wohin

Samstag, 08. August 2015

Durch einen Blogbeitrag angeregt, habe ich mir so meine Gedanken gemacht … passend zum Thema „Polaritäten“

Vorausschickend sei erwähnt, dass ich hierbei keinen Unterschied mache, zwischen Männern und Frauen – was die Sicht auf oder die Reaktionsweisen und -muster in Beziehungen betrifft. So bin ich der Ansicht, dass der oben genannte Beitrag durchaus auch von einer Frau geschrieben hätte sein können … Auch ist die hauptsächlich erwähnte Zweierbeziehung nur eine Form von Beziehungen und damit nur ein Anfang (als Denkanstoß) und bei weitem nicht der Weisheit letzter Schluss oder gar ein erstrebenswertes Ideal. In meiner Sichtweise hat jede Beziehungsform Vor- und auch Nachteile.


Das Beste wollen und das Schlechteste liefern

Einer der Knackpunkte in Beziehungen ist für mich die Erwartungshaltung.
Wenn sich Menschen kennen lernen, dann versuchen die meisten sich instinktiv von der Schokoladenseite zu zeigen. Beste Manieren, immer super gestyled, pünktlich und maximal aufmerksam … für den Anfang einer Beziehung also die besten Voraussetzungen. Oder nicht? Eher nicht, wenn mich einer frägt. Die am Anfang gelegten Standards können, was Wunder, nicht in eine gemeinsame Zukunft transportiert werden, wenn sie extra zum Starten einer Beziehung etabliert wurden und nicht sowieso täglich gelebt werden.

Der Druck, der durch diesen Aufwand entsteht, staut sich unangenehm auf und steigert die Erwartungen an den anderen. Wenn man selber sich derartig anstrengt um dem anderen zu gefallen, dann wird das vom anderen genauso erwartet. Damit ist der Einstieg in eine Negativspirale geebnet.

Emotional guidance scale

Es kostet enorm Kraft sich als Idealbild zu präsentieren, wenn man das nicht tatsächlich ist, und es muss die ganze Zeit bewusst aufrecht erhalten werden. Diese Anstrengung ist natürlich mühsam und verschlechtert die persönliche Situation noch zusätzlich, weil jeder irgendwo schon weiß, dass soetwas auf Dauer nicht machbar sein wird. So kommt es zum freien Fall vom Enthusiasmus (durch den die Geschichte überhaupt erst ins Rollen kommt) in die Enttäuschung.

Ab dem Zeitpunkt geht’s dann rasant abwärts. Weil das Echo nicht wie gewünscht aussieht, die Kräfte einem auch schon ausgegangen sind und damit brechen genau die schlechtesten Eigenschaften, die mensch so im Keller hat, ans Licht. Danach gibt es Phasen in denen einem klar wird, dass der andere ja garnichts dafür kann und es kommt noch schlechtes Gewissen und ein Haufen an Selbstzweifeln dazu – was wieder weiter nach unten zieht. Je nach persönlicher Leidensfähigkeit endet es dann in Depression oder Beendigung der Beziehung.

Das klingt jetzt vielleicht ein wenig seltsam, eine Beziehung so auseinander zu nehmen, aber anhand der abgebildeten Spirale schaffe ich es durchaus meine erlebten Beziehungen nachzuvollziehen.

Wo bin ich denn zu Hause?

Der Weg, hin zu einer Lösung, die ich sehe (und die sehe ich für viele Problemstellungen!) ist, sich diese Prozesse erst einmal wirklich bewusst zu machen. Sich selber klar zu werden, wo auf diesen beiden Spiralen mensch selbst zu Hause ist und zu welchen Gelegenheiten … da wir ja alle mehrschichtig unterwegs sind. Was wir in Beziehung zu unseren Verwandten oder Kindern hinbekommen, das schaffen wir bei Partnern oder Liebesbeziehungen vielleicht nicht oder umgekehrt. Die Erweiterung von „ausschließlich Liebesbeziehung“ zu „Beziehung generell“ ist durchaus beabsichtigt! Für mich besteht dieselbe Dynamik, hie wie dort.

Sobald ich mir für die jeweilige Situation klar geworden bin, wo ich mich auf der Spirale befinde, kann ich mir ansehen, wie denn die Stationen weiter unten und weiter oben aussehen würden. Eine Veränderungen macht diesbezüglich nur in kleinen Schritten Sinn. Aber dazu gleich.

Theorie ist gut – Praxis ist besser

Es gibt ja auch Beziehungen, die tatsächlich funktionieren – für BEIDE Protagonisten, wohlgemerkt. Wie das geht?
Was meine Erfahrung bis dato sagt: die Positivspirale wäre die Lösung und zwar in kleinen Schritten!

Einzig die Möglichkeiten dafür sind, gerade in unserer Gesellschaft, nicht annähernd so gut automatisiert wie die der Negativspirale. Den Enthusiasmus hätte ich ja schon erwähnt – der bildet aber nicht die Basis. Die wäre nämlich die Zufriedenheit. Das allein wäre schon einen ganzen Artikel wert …

Zufriedenheit ist, was ich vielfach beobachte, generell betrachtet kein Gefühl, das heute einen besonders hohen Stellenwert zu haben scheint. Höher, schneller, weiter, besser reicher und eine Ekstase nach der anderen, ist wohl eher, was sich viele Menschen wünschen. Das ist für mich eine Paradeerklärung dafür, dass Beziehungen heute eher kurzlebig sind und seriell gehandhabt oder manchmal garnicht erst angestrebt werden. Die Idee der Beziehung besteht bei vielen durchaus, aber derartig virtuell und idealisiert, dass eine Umsetzung kaum den Alltag erreicht und wenn, dann nicht auf Dauer. Was ich eingangs mit der Beschreibung des „Idealbildes“ schon erwähnt habe.

Stelle ich also fest, dass ich mich irgendwo auf der Negativspirale wiederfinde, dann habe ich die Möglichkeit, bewusst etwas dagegen zu unternehmen. Ein grundsätzliche Änderung meiner Einstellung wäre vorzunehmen und das, wie schon erwähnt, in kleinen Schritten. Wenn ich bereits im Stadium der Depression gefangen bin, dann macht es wenig Sinn mir vorzunehmen, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird das zum Scheitern verurteilt sein, weil es viel zu viel Kraft benötigen würde, mich bleibend auf diesem Status zu halten. Eine heftige Kraftanstrengung (mit oder ohne Hilfsmittel der unterschiedlichsten Arten – von Medikamenten bis zu künstlichen oder natürlichen Drogen oder Mentaltechniken) kann diesen Effekt durchaus hervorrufen, aber wie stehen wieder vor dem Problem, dass das nur eine kurzfristige Sache sein kann – weil eben künstlich hevorgerufen.
Viel erfolgversprechender ist es sich den Weg nach oben Schritt für schritt bewusst zu machen. Dazu gehört es (leider) sich den nicht gerade angenehmen Gefühlen auf dem Weg zu stellen und sie als Teil des Weges zu akzeptieren. Diese Aktzeptanz ist für mich absolut unabdingbar! Dass ich etwas gegen die Schwerkraft aufheben muss, wenn ich es oben haben will, das ist ein Naturgesetz, solange wir uns in einer materiellen und polar aufgebauten Welt befinden …Runter fallen die Dinge wesentlich einfacher. Gegen Gewohnheiten zu arbeiten ist damit auch wesentlich mühsamer als das zu machen,was mensch schon immer gemacht hat, und so weiter.

Sofern ich mir der einzelnen Stationen bewusst bin und auch verstanden habe, dass es ausschließlich darum geht Relationen zu erkennen (und nicht „Schuld“ zu verteilen!), kann ich damit beginnen meine Lebensrealität zu durchforsten ob ich mich irgendwo auf der Positivspirale wiederfinden kann. Der Plan ist, dass ich das schaffe und sei es nur in einer einzigen Situation!

Damit kann ich meine Basis bilden oder besser festigen! Die Basis, geformt durch die Zufriedenheit – weil ich zumindestens mit EINER Sitution zufrieden sein KANN.


… und wozu brauch ich das alles?

Für mich ist die Frage der Beziehungskisten eine sehr umfassende – weil ich der Ansicht bin, dass so gut wie alles in meinem Leben „Beziehung“ ist und Zufriedenheit ist für mich der Schlüssel. Wie auf den beiden Spiralen schön ersichtlich, ist die Basis auf der einen Seite (nach oben) die Zufriedenheit und die auf der anderen Seite (nach unten) die Langeweile. Täglich müssen wir uns neu entscheiden, was wir wählen und tun wir es nicht, dann entscheidet das Leben.

Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive – Teil II, geschrieben von Thursa

Samstag, 17. Januar 2015

Spätestens seit ich gegen 2009 begann, mich in queerfeministischen Kreisen herumzutreiben, geriet meine Vorstellung von Geschlechtern endgültig ins Fließen. „Es gibt so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt“, bestätigt sich für mich seitdem immer wieder und ich nehme seitdem die gender-Verortung, die mir Leute von sich geben, jeweils so an – möglichst ohne dem mein eigenes Kategoriensystem überzustülpen.

Männer*i und ich

Eins könnte ja denken, daß ich eher wenig mit Männern* zu schaffen hätte und sie mir im Grunde fremde Wesen sind. Nichts falscher als das. Nur weil ich keine Intimbeziehungen mit ihnen führ(t)e, heißt das nicht, daß ich mich in Männer nicht einfühlen kann! Immerhin hatte und habe ich ja Lehrer, Bandkollegen, Freunde, Weggefährten, und zwar solche der verschiedensten sexuellen Orientierungen, manche davon sind trans*ii. Im Lauf der Zeit ist mir die Überzeugung gewachsen, daß wir Menschen verschiedenen Geschlechts mehr gemeinsam haben, als uns trennt.

Wie ich Polytheistin wurde

Auch ich begann meinen Weg im Bereich der Göttinnenspiritualität. Auch für mich war es, vor allem am Anfang meines Coming Out, ermächtigend, eine weibliche Vorstellung vom Göttlichen zu kultivieren; andererseits war ich niemals in eine patriarchale Religion hineinerzogen worden. Mit meiner feministischen Sozialisation war eine Große Göttin kein revolutionärer Akt.

Irgendwann im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Maskulinität/Feminität wurden männliche Gottheiten für mich interessant – zuerst über Starhawks „Der Hexenkult“, dann auch über Jan Fries‘ Buch „Helrunar“. Immer weniger fühlte ich mich fähig und willens, für alles weibliche Bilder zu finden, wo Gestalten wie Thor, Loki und Tyr immer unmittelbarer zu mir zu sprechen schienen. Daß ich mir dabei, wie mit meinem zunehmenden Interesse an den Germanen, wie eine schlechte Feministin vorkam: es hielt mich nicht davon ab, und doch trieb es mich um.

Obwohl ich mich damals schon jahrelang im Studium immer wieder mit gender und queer theory auseinandergesetzt hatte, hatte ich bis Ende 2006 noch ein recht wolkiges duotheistisches Verständnis vom Göttlichen. Es waren folgende Dinge, die dieses Verständnis und meine Beziehung zu Gottheiten veränderten: ein Buch, das gemeinsame Praktizieren mit anderen und zwei Erlebnisse mit Gottheiten.

Bei dem Buch handelte es sich um Jenny Blains Nine Worlds of Seid Magic, das mir Seiten der Wikinger-Kultur zeigte, die sonst oft nicht sichtbar waren. In der gemeinsamen Praxis mit anderen stieß mir auf, daß vieles, was für mich allein unproblematisch war, auf einmal zum Problem wurde, weil es von anderen ernster und tatsächlicher gemeint schien, als ich für möglich gehalten hatte.

Das erste der beiden Erlebnisse war ein erhörtes Gebet, das verbunden war mit meinem ersten Opferritus. Wenige Tage vor meiner Abschlußklausur teilte ich auf einem Stück Brachland mitten in Berlin-Neukölln mit Odin, Loki und Pallas Athene ein Sandwich und eine Flasche Bier, verbunden mit einigen Bitten. Als ich die Klausur schrieb, hatte ich die besten Bedingungen, die eins sich nur vorstellen kann (einen komfortablen Raum für mich allein, einen klaren Kopf und soviel Papier, wie ich wollte).

Das zweite war eine schamanische Reise zu meinen männlichen Gottheiten (ja, exakt die, wegen derer ich mich so entsetzlich politisch unkorrekt fühlte). Auf dieser Reise wurde mir klar: Männlichkeiten sind so verschieden wie die Götter, die sie (unter anderem) verkörperten – und darüber hinaus entsprachen etliche von ihnen nicht klassischen Männlichkeitsidealen. Es war ein trivialer Schritt, das auf Weiblichkeiten zu übertragen und die Weder-nochs, die Sowohl-Als-Auchs, die Ganz-Anders, die wechselhaften Gestalten mit einzubeziehen. Von da an fühlte es sich für mich logischer an, meine Gottheiten als viele verschiedene und als diskrete Persönlichkeiten zu verstehen.

Wo spielt das gender meiner Gottheiten heute für mich eine Rolle? Immer und nirgends. Es spielt eine Rolle, wenn meine eigene Geschlechtlichkeit eine Rolle spielt. Es spielt dann eine Rolle, wenn es mit menschlichen Gegenübern eine Rolle spielen würde, das heißt: oft spielen ganz andere Dinge eine wesentlich größere Rolle.

iIch verwende in diesem Text den Genderstern (Männer* und Frauen*), um darauf hinzuweisen, daß ich Mann* und Frau* als Positionen in einem sozialen Gefüge ansehe. Mehr dazu in diesem Artikel von Distelfliege.

iiIm Fall von trans* ist der Stern ein Platzhalter für alle möglichen Arten von trans-Sein: transgender, transidentisch, transsexuell,… und soll auf die Vielfalt der Trans-Möglichkeiten hinweisen. Trans* bezeichnet in meinem Sinne alle Menschen, die nicht mit dem Geschlecht leben (wollen), das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive – Teil I, geschrieben von Thursa

Samstag, 20. Dezember 2014

Als ich letztens Anufas Artikel Gott – göttlich, Mann – männlich? las, regte sich bei mir der Impuls, heftig zu widersprechen. Ich begann schon, mein „Ich erlebe das gaaaanz anders“ niederzuschreiben, als ich bemerkte: Das würde eine lange Replik! Darum machte ich einen eigenständigen Artikel daraus.

Eins vorweg: Ich habe kein Problem mit wiccanesken Vorstellungen, ich habe auch kein Problem mit dem Konzept der Polarität an sich (oder doch, sofern ich angehalten werde, es auf mich selbst anzuwenden; aber dazu weiter unten). Sie sind eben nicht mein Weg, nicht mein Paradigma. Woran ich mich kratze, ist die dominante, quasi-normative Stellung dieser Paradigmata, die eines quasi-Standardzustands, auf den zurückgegriffen wird, wenn nichts anderes angegeben ist.

Meine Vorstellung vom Göttlichen

Vielleicht ist das Wichtigste: meine Vorstellung vom Göttlichen und damit zusammenhängend vom Sinn meines spirituellen Tuns ist ein anderes als das der Craft. Ich habe sie hier und hier schon genauer dargelegt. Sehr kurz zusammengefaßt: Meine Gottheiten sind viele, und ihre Geschlechtlichkeiten sind viele und verschiedene. Ich begegne meinen Gottheiten nicht durch Identifikation, sondern als Gegenüber, das mir durchaus fremd sein kann.

Wer steht im Fokus meines spirituellen Tuns steht, variiert je nach Ritual. Manche Rituale sind eher auf die Gemeinschaft der Teilnehmenden oder, wenn ich allein arbeite, auf meine eigenen Fragen zentriert. Mehr und mehr nehmen jedoch Handlungen einen Raum ein, die sich auf die Verehrung von Gottheiten fokussieren und weniger auf meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche.

Ironischerweise war es genau das Thema Geschlecht, das mich zum diesem Verständnis von Gottheiten brachte. Dazu später.

Der Begriff „Natur“

Ohne das ganz große erkenntnisphilosophische Faß aufzumachen: Ich mißtraue dem Begriff „Natur“ (dem Begriff, nicht den tatsächlichen Bäumen, Bergen, Steinen, Gräsern, Flüssen und Tieren). Die heidnische Romantisierung der Natur ist mir suspekt; ich hinterfrage, wieviel wirklich „Natur“ ist und was wir nur darauf projizieren. Zu oft finde ich „Natur“ gedacht als einen idealisierten Urzustand vor jeder Kultur, als etwas „Eigentliches“, dem kulturelle und gesellschaftliche Verhältnisse übergestülpt werden. Ich halte das für eine Täuschung, eine gefährliche obendrein, denn allzu oft sehen die unterstellten „natürlichen Zustände“ reaktionären Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität, Familie etc. zum Verwechseln ähnlich. Und last not least wird „Natur!!!“ zu gern als Totschlagargument gegen Menschen wie mich und viele meiner Lieben ins Feld geführt.

Und doch: Naturerfahrung ist ein Teil meiner Spiritualität – jedoch weit ab von etwas, das überhaupt konzeptualisierbar oder verbalisierbar wäre. Draußen zu sein, mich den Elementen auszusetzen, wirft mich auf meine Menschlichkeit, meine Grenzen, meine Körperlichkeit zurück, bringt mich mit jener körperlichen, instinktiven, sinnlichen Ebene in Verbindung, ohne die mein Leben unvollständig wäre. Darüber hinaus: Der nichtmenschlichen Welt wirklich zu begegnen, heißt für mich, meine menschlichen Kategorien und Wertungen so weit wie möglich beiseite zu lassen und wahrzunehmen, ohne das Wahrgenommene gleich in begriffliche Schubladen zu stecken – ein Unterfangen, das niemals perfekt gelingen kann.

Mein Empfinden über Geschlechtlichkeit und seine Folgen

Seit meinem lesbischen Coming Out 1996 hat sich mein Empfinden und Denken über meine Geschlechtlichkeit immer wieder verändert (ich habe mich allerdings stets cisgenderi verortet). Konstant blieb mein Begehrenii: Das richtet sich auf Feminität, die sich für mich nicht an einfachen Markern wie Kleidungsstücken, Haarlänge etc. festmacht.

Ich bin immer schon als feminin gelesen worden, egal, was ich tat und wie ich mich stylte. Und: Meine Feminität war und ist für mich etwas, das ich als gut, ermächtigend, kraftgebend empfinde – aber meine Weiblichkeit hängt nicht an einer potentiellen Mutterschaft oder an meiner Menstruation, nicht einmal an bestimmten körperlichen Merkmalen (auch wenn ich eben diese Körperteile mag!), auch nicht an bestimmten Tätigkeiten oder Interessen. Erst recht verhält sie sich nicht komplementär zu einer wie auch immer gearteten Männlichkeit/Maskulinität!
Eine Konfiguration, die nicht nur in der schwullesbischen Szene unbegreiflich war (die Maskulinität/Androgynie immer noch zum Leitbild erhebt und immer noch dazu neigt, Feminität abzuwerten), sondern mich auch im Spirituellen in besondere Widersprüche katapultierte. Ist ein Begehren, das nicht entlang der Achse maskulin-feminin strukturiert ist, wirklich derart undenkbar, wie es mir immer wieder schien?

In Zusammenhängen von Frauenspiritualität hatte ich oft das Gefühl, daß mir eine Lebensrealität unterstellt wird, die nicht die meine ist. In der Wicca-geprägten Art, Rituale zu gestalten, mit der ich eine Weile arbeitete, neigte ich dazu, mich mit dem männlichen Part zu identifizieren, weil er meiner Lebenswirklichkeit und meinem Begehren näher kam, weniger im Weg stand und widersprach als die Entwürfe von Weiblichkeit, die mir da präsentiert wurden, meine Feminität hin oder her.

Es blieb stets das unbefriedigende Gefühl des Nicht-Vorkommens, das Gefühl, mich in eine Form pressen zu sollen, die schmerzhaft nicht zu mir paßte, und das Gefühl des Mich-Zerreißens zwischen Möglichkeiten, die jeweils wichtige Teile von mir ausschlossen. Es blieb mir die Frage: Wo finde ich den rituellen Raum, in dem meine Lebenswirklichkeit gewürdigt und gesehen wird, wo Geschlecht und Sexualität offener, weniger festgelegt repräsentiert werden, und/oder wo der Komplex Geschlecht und Sexualität nicht diese zentrale Rolle spielt und nicht-heteronormative Leben vorkommen dürfen?

Und dann war da noch meine eigene Vielseitigkeit. Vielleicht, weil mein Begehren nicht diese (geschlechter)polare Struktur hat, vielleicht aber auch, weil ich den größeren Teil meines Lebens ohne Partnerschaft (und wenn eine vorhanden war, dann ohne gemeinsame Wohnung) zugebracht habe – was ich übrigens nicht als Defizit gewertet wissen will -, vielleicht durch meine künstlerische Arbeit als Sängerin -, habe ich nie das Gefühl gehabt, nur „eine Seite“ zu verkörpern. Bis zu einem gewissen Grad mußte ich alles sein, um in der Welt klarzukommen.

Und in der Tat konnte ich sehr vieles in mir finden, ob es nun Härte und Aggressivität war oder einfühlsame Weichheit, ‚Feminität‘ oder ‚Maskulinität‘; ich konnte vieles nach Bedarf entwickeln. Irgendwann begann ich außerdem, Gegensätzlichkeiten anzuzweifeln und lieber Sowohl-als-Auchs und/oder etwas Drittes (Viertes, Fünftes, Sechstes) zu sehen, wo die dominante Kultur in Entweder-Oders denkt (das ist ein andauernder Prozeß). Im Lauf meiner eigenen Auseinandersetzung mit Weiblichkeit/Feminität lösten sich zudem die üblichen Zuordnungen von Eigenschaften, Tätigkeiten und Fähigkeiten zu Geschlecht weitgehend auf. Es wurde für mich ausgesprochen wohltuend, wenn nicht an allem ein gender-Etikett hing.
Ende Teil I

iDas Wort cisgender bezeichnet Menschen, die mit dem Geschlecht leben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

iiAls „Begehren“ bezeichne ich mein romantisches und erotisches Angezogensein von anderen Menschen (und zwar so, wie ich es durch langjährige Selbstbeobachtung beschreiben kann). Ich ziehe diesen Begriff oft dem der „sexuellen Orientierung“ vor, da letztere oft mit Begriffen wie lesbisch, schwul, bisexuell,… arbeitet, die mir meistens zu unspezifisch sind und zwar als solidarische Identifikation taugen, das Spezifische der Situation jedoch nicht abbilden können.