Archiv für die Kategorie ‘SchamanenBlick’

Heiliger Kakao – Ein Stoff der Liebe?

Samstag, 23. September 2017

Ein neuer Trend in der Neoschamanenszene ist in letzter Zeit im Kielwasser der sich häufenden Ayahuasca Zeremonien zu bemerken. Wer einen nicht ganz so psychedelischen, milden Rausch bevorzugt und eine wohlschmeckende Variante dem bitterem Pflanzengebräu vorzieht, der probiert die Kakaozeremonie. Zentrum dieses neuen Trends scheint Berlin zu sein, wo der selbsternannte Kakao-Schamane Keith dieses spirituelle Happening anbietet. Auch die Partyszene soll davor nicht halt gemacht haben, die sanft anregende Wirkung des Kakaos, die weit länger hält als das Koffein der Energydrinks soll für Ausdauer beim Feiern sorgen.

Kakaofrüchte; Foto: Rhaessner, Wikimedia Commons

Was ist eigentlich drin im Kakao?

Tatsächlich enthält Kakao Wirkstoffe, die eine anregende, pulsbeschleunigende Wirkung haben. Allen voran ist hier das Theobromin von größtem Interesse, das in einer Konzentration von 1,2% in der Kakaobohne zu finden ist. Theobromin ist dem Koffein chemisch nicht unähnlich hat aber eine beinahe konträre Wirkung. Im Gegensatz zu Koffein wirkt es gefäßerweiternd, harntreibend und entspannend auf die glatte Muskulatur, also auf den Verdauungstrakt. Außerdem wirkt es in höheren Dosen pulsbeschleunigend, was als anregende Wirkung empfunden wird. In der modernen Pharmakologie hat es kaum Bedeutung lediglich bei Pferden wird es als Dopingsubstanz angewendet. Für Hunde und Katzen dagegen ist Theobromin giftig.

Neben dem Theobromin enthält Kakao auch noch Serotonin und Dopamin, die beide anregend und stimmungsaufhellend wirken würden, nur leider sind die beiden Moleküle so groß, dass sie die Bluthirnschranke nicht passieren können und die gewünschte Wirkung wahrscheinlich äußerst überschaubar bleibt. Serotonin wirkt durchaus auch in der Körperperipherie, allerdings besteht die Wirkung vor allem darin Übelkeit und vermehrte Darmbewegungen zu verursachen.

Kakao enthält aber auch die Serotoninvorstufe Tryptophan eine Aminosäure, die die Blut-Hirn-Schranke passieren kann und von der Hirnanhangdrüse in Serotonin umgewandelt werden kann. Die Passage funktioniert dann besonders gut, wenn mit dem Tryptophan auch Zucker aufgenommen wird und anschließend sofort irgendeine Form von körperlicher Aktivität folgt. Die stimmungsaufhellende Wirkung von Schokolade erklärt sich auf diese Weise. Abends eingenommen bewirkt Tryptophan eher Schläfrigkeit, da es vorzugsweise in das Schlafhormon Melatonin umgewandelt wird.

Auch der hohe Magnesiumgehalt hat eine relaxierende Wirkung auf die Muskulatur und gilt als nervenstärkend insbesondere zusammen mit den B-Vitaminen. Kakao ist also definitiv ein gesundes Lebensmittel. In der Schwangerschaft konsumiert, senkt es sogar das Risiko einer Präklampsie.

Kakao in Maya Schrift, Wikimedia Commons, Bild: VVVladimir

Mythologie des Kakaos – Blutopfer und kriegerische Götter

Der Name des Kakao stammt aus dem Nahuatl, der auch heute noch gesprochenen Sprache der Azteken, von dem Wort „cacahuatl“. Es bedeutet „bitteres Wasser“. Es stammt von einer Pflanze namens Theobroma cacao, dem Kakaobaum, ein Malvengewächs.

Den Berichten über die heilige Kakao Zeremonie ist nun zu entnehmen, dass ein indigener Mythos erzähle, „dass, wann immer das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur bedroht ist, der Geist des Kakaos aus dem Regenwald kommt, um die Herzen der Menschen zu öffnen und den Planeten wieder in einen Zustand der Harmonie zu begleiten.“ Kakaozeremonie bedeute Heilung durch Liebe, heisst es dort.

Menschenopfer bei den Azteken, Wikimedia Commons, Darstellung aus dem Codex Magliabechiano

Die historische Realität sieht leider ein wenig anders aus. In der Maya Mythologie wurde Kakao den Menschen von der gefiederten Schlange gegeben, die mit dem Gott Quetzalcoatl assoziiert wird. Bei den Azteken gibt es einen ähnlichen Mythos der besagt, dass Kakao vom gleichnamigen Quetzalcoatl, einem wichtigen Schöpfer- und Weltengott, entdeckt wurde. Bei den Maya wurde alljährlich zu Ehren des Gottes Ek Chuah, auch bekannt als der „schwarze Kriegsherr“ oder der schwarze Skorpion“, ein Fest gefeiert bei dem traditionell eine Hund geopfert wurde, der vorher mit Kakao bemalt war, sowie weitere Tiere. Bei den Azteken wurden Quetzalcoatl zu Ehren Priestern die Ohrläppchen durchbohrt um den Kakao mit Blut zu benetzen und anschließend dem Gott zu opfern. Für Frauen und Kinder, so glaubte man, sei Kakao giftig.

Diese sehr archaischen Rituale waren durchaus üblich in den frühen mesoamerikanischen Kulturen. Der Mythologie zufolge standen die Menschen in der Schuld der Götter, die für das Fortbestehen der Welt und der Menschen ihr eigenes Leben hingaben. Man vermutet dass der Brauch Menschen und auch Tiere zu opfern, daher stammt. Das frische Blut sollte die Lebenskraft der Götter anregen und damit den Weltuntergang auch künftig verhindern. In Nahuatl heißt Opfer „Nextlaoalli“, was wörtlich übersetzt “die Schuld bezahlen” bedeutet.

Kakao war kein Grundnahrungsmittel, sondern vor allem eine Opfergabe an die Götter und ein Ritualtrunk. Kakaobohnen wurden u.a. auch als Währung verwendet.

Kakao heute – Sklaverei und Cadmium

Über die spanischen Eroberer kam Kakao auch nach Europa. Als die Azteken in einem blutigen Krieg von den Spaniern besiegt wurde, fand das „braune Gold“ schnell Anklang als Exportgut. Bereits zur Kolonialzeit wurde Kakao mithilfe von Sklavenarbeit für den europäischen Markt angebaut.

Auch heute ist Kakao neben Kaffee ein wichtiger Exportstoff von Entwicklungsländern. Insbesondere in Westafrika wird Kakao auch mit Hilfe von Kinderhandel und -sklaverei angebaut. Kleinbauern und Landarbeiter müssen oft weit unter dem Existenzminimum für den Anbau arbeiten. Gerade bei Kakao lohnt es sich also auf FairTrade Produkte zurückzugreifen.

Kinderarbeit in Afrika, Wikimedia Commons, Foto: Julien Harneis

Kritisch ist häufig auch die hohe Cadmiumbelastung des Kakaos, der aus dem Böden stammt, wo Kakao angebaut wird. Im Moment gibt es dafür noch keine Grenzwertregelung. Das gleiche gilt auch für Pestizide, die in hohem Maße eingesetzt werden, das trifft nicht nur die Kakaokonsumenten sondern in hohem Maße auch die Plantagenarbeiter.

Kakao – ein Stoff der Liebe?

Die biochemische Wirkung des Kakao ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber der Mythos, der darum geschürt wird, ist leider als weitgehend erfunden einzustufen. Auch die menschenunwürdigen Anbaubedingungen wirken im Zusammenhang mit der propagierten „Liebe der Götter“ fast ein wenig zynisch. Ob das der ideale Stoff ist um „sein Herz zu zentrieren“ wie es der Erfinder dieser Zeremonien verspricht bleibt mehr als fraglich.

Wer sich übrigens über die moderne Mexika („aztekische“) Tradition informieren möchte, dem sei dieses Interview mit einem modernen Mexika Paganen empfohlen:

Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus

Über die Kraft echten Schamanentums – Teil II, geschrieben von Frank

Samstag, 01. Juli 2017

Schamane werden durch Absolvierung einiger Wochenendkurse? Oder im Zuge einer einjährigen Ausbildung? Und das kann dann also »jeder«? Da ist schon etwas mehr nötig! Die Verbündeten – reale Geister! – müssen ihrem Schamanenmeister zur Seite stehen. Denn er braucht ihre Kraft und Unterstützung, um sich mit all den widrigen Kräften auseinanderzusetzen, die aus schamanischer Sicht Krankheit und Leid verursachen. Die Grundlage dafür ist die Fähigkeit, Bewusstseinszustände willentlich wechseln zu können. Und mit dem umgehen zu können, was in diesen Zuständen gesehen und erfahren werden kann. Schamanische Trancen, die zugehörigen Methoden sowie der Erwerb von hilfreichen und zuverlässigen Schutzgeistern: Sowas fällt niemandem einfach in den Schoß! Das Schamanenhandwerk muss im Gegenteil durch langwieriges Training erlernt werden. »Langwierig« meint viele, viele Jahre praktischer Erfahrung.
Neben all dem kommen im Einzelfall viele weitere Wissensgebiete dazu, die, je nach Typ, ebenfalls erarbeitet werden müssen. Ritualistik, Kräuterkunde, Astrologie oder umfangreiches Medizinwissen als Beispiele.

Ich kenne eine Reihe »echter«, also tatsächlicher Schamanen persönlich. Mit einigen pflege ich langjährige Freundschaften. Viele dieser wahrhaftigen Schamanen im ursprünglichen Sinn des Ausdrucks sind es inzwischen gründlichst leid, sich immer und immer wieder diverseste Interpretationen überstülpen lassen zu müssen. Diese esoterisch, psychologisch oder »wissenschaftlich« verzerrten Projektionen kommen von Menschen, die oft genug keinerlei eigene Erfahrung mit echtem Schamanismus haben. Nun, echte Schamanen werden es wohl von Haus aus besser wissen müssen, was sie da eigentlich tun? Aufgrund intensiver, über mindestens ein bis zwei Jahrzehnte gewachsener Erfahrungen, verfügen sie über ein empirisches Wissen und eine daraus resultierende Gewissheit und Befähigung, die weit über Glauben, Wunschvorstellungen oder angelesenes Wissen hinausgeht.

Ich kann natürlich nicht für andere Schamanen sprechen. Jedoch was mich betrifft: Wer von mir schamanischen Rat erbittet, wer bei mir behandelt werden will, der möge bitte meine Arbeit als das akzeptieren, was sie ist. Nämlich eine für ihn oder sie wenigstens mögliche REALITÄT. Im Rahmen dessen: Ich kann und werde nur das sagen und bearbeiten, was ich sehe. Das gilt in meiner naturheilkundlichen Arbeit als Heilpraktiker ebenso, wie der als »Schamane«. Was ich nicht sehe, werde ich nicht behaupten – auch wenn Klienten da vielleicht noch so gerne etwas hören wollen. Wer zu mir kommt, den treibt der Wunsch nach wirksamer schamanischer Beratung und Behandlung. Dass Dinge in Bewegung gebracht werden, die manchmal auch unangenehme Informationen und Handlungen mit sich bringen, gehört dazu. Es ist eben keine seichtesoterische Wunschveranstaltung, aus der man sich das raussuchen kann, was einem zusagt und das Lügen straft, was vielleicht auch mal unangenehm ist, weh tut oder aus irgendwelchen Gründen nicht mit der eigenen Erwartungshaltung übereinstimmt. Wer mich beauftragt, schamanisch zu arbeiten, kann schlecht erwarten, dass beschädigte Selbstbilder und leidmotivierende Störungen von mir bedient werden. Nein – im Zweifel wird das aufgedeckt, angesprochen, bearbeitet. Dafür werde ich beauftragt und bezahlt. Und ich erwarte von Klienten, dass sie das nicht nur akzeptieren, sondern obendrein, dass sie kräftig daran mitarbeiten.
Was tausende Internetdiskutanten mit dem Schwerpunkt »Esoterik« über das Schamanentum denken, was sie glauben, was Schamanismus denn nun tatsächlich sei, und dergleichen: Nun, ich finde das zwar interessant. Man kann auch gern mal auf dieser Ebene Gespräche führen. Ein X für ein U vormachen lasse ich mir aber nicht. Wer als Anfänger, etwa als esoterisch vorgebildete Person, die seit zwei Jahren den Schamanismus für sich entdeckt zu haben glaubt, mir oder anderen »alten Hasen« auf dem Gebiet erzählen will, was denn nun wirklich Sache sei mit dem Schamanismus – ist bei mir an der falschen Adresse. Sowas kann ich nicht ernst nehmen. Ich selbst kann zum Beispiel recht gut Auto fahren. Ich weiß auch, wie man ein Auto betankt, und kann einige wenige Reparaturhandgriffe sogar selbst erledigen. Ich würde mir trotzdem nicht im Traum erlauben, einem ausgebufften Autoschrauber, der seit Jahren nichts anderes tut, mit meinem »Wissen« entgegen zu treten! Oder ihn gar für unwissend erklären und seine Methoden und seine Kenntnisse im Umgang mit Autos als »falsch« bezeichnen. Zu Recht würde ich bestenfalls ausgelacht, sollte ich mich auf diese Art in einem KFZ-Forum im Internet darstellen wollen!

Schamanismus ist lebendige Erde und Wildnis, ist Arbeit mit Geistern und deren eigenem Wollen, deren Über- und Einblick und deren Wohlgesonnenheit. Schamanentum ist das absichtsgelenkte Spiel mit Bewusstseinszuständen, ist Kraft, jahrelang geschliffene Technik und Wissen im Umgang mit diesen Kräften. Das Schamanische sprengt im Zweifel alle Fesseln, die uns die Erziehung und Sozialisierung unserer sogenannten Bildungsgesellschaft in Hirn und Energiesystem gepflanzt hat. Ein Grundmaß an Respekt und Akzeptanz gegenüber einem Jahrtausende alten Phänomen scheint also dringend angeraten. Und ebenso gegenüber denen, die sich schon lange Zeit mit einem solchen Mysterium auseinandersetzen und es, aller Widerstände und Widrigkeiten zum Trotz, erfolgreich leben. Es ist wahr: Esoterik kann vom Schamanentum eine Menge lernen. Synonym ersetzen allerdings kann sie es nicht. Das Gleiche gilt für reduktionistische Naturwissenschaften oder westliches Psychologieverständnis.

Über die Kraft echten Schamanentums – Teil I, geschrieben von Frank

Samstag, 24. Juni 2017

Eine Kritik an neuzeitlichen Erklärungsprojektionen des Schamanismus

Schamanismus ist in aller Munde! So zumindest könnte man meinen, wenn man einen Blick in die »Esoterikszene« unserer Tage wirft. Diese führt schon lange kein Nischendasein mehr. Sie hat sich im Gegenteil zu einem regelrechten Boom gemausert, der inzwischen auch wirtschaftlich erhebliche Umsätze generiert. Umsatz aber wächst durch möglichst zahlende Kunden. Und die müssen durch geeignete Marketingstrategien motiviert werden. Hinzu kommt – dank einem entseelten und entzauberten Weltverständnis, welches sich im Westen durchgesetzt hat – ein spürbar wachsender und natürlich verständlicher Bedarf nach spirituellem Lebenssinn. Beides subsumiert sich und zieht durch größer werdende Massenverbreitung bedauerlicherweise eine gewisse Verflachung des alten esoterischen Denkens nach sich. Was früher eine »Wissenschaft und Kunst«, wenn nicht die Königsdisziplin praktischer Philosophie schlechthin war, ist heute problemlos für jeden zugänglich und kann, vermeintlich ohne großen Aufwand, praktiziert werden.

Auffällig ist das inzwischen nahezu beliebige und unkritische Vermengen verschiedenster esoterischer Ideen und Ansätze. Auch den Schamanismus hat diese Branche schon längst für sich entdeckt und in ihr Geflecht eingebunden. Der Markt ist in den letzten Jahren mit Publikationen zum Thema regelrecht geflutet worden. Eine aktuelle Googlesuche ergibt unter dem Stichwort »Schamanismus« weit über eine Millionen Ergebnisse. Zahlreiche Anbieter preisen bunte »Ausbildungssysteme« an. Die Zahl der dem Anschein nach praktizierenden – also Klienten beratenden und behandelnden – »Schamaninnen und Schamanen« geht alleine im deutschsprachigen Raum in die Tausende. Tendenz steigend.

Bezeichnend ist die Menge verschiedenster Meinungen und Ansichten, die mit dem Ausdruck »Schamanismus« verknüpft zu sein scheinen. Neben der auch hier vorherrschenden Durchmischung mit beliebigem esoterischen Gedankengut stechen manche Ideen besonders ins Auge. Rein psychologische Interpretationen des Schamanismus etwa. Oder die Reduktion auf reine »Energieparadigmen«. Von Geistern, Trancen oder Geisterwelten ist da teilweise gar keine Rede mehr. Oder diese im eigentlichen Sinne wahrhaftig schamanischen Konzepte werden esoterisch-psychologisch uminterpretiert.

»Jeder ist ein Schamane« – und das sei keine Frage der Begabung, der jahrelangen Ausbildung und persönlichen Entwicklung: Auch diese Ansicht scheint inzwischen weit verbreitet. Kein Wunder, mit derartigen Aussagen werben einige Ausbildungs-Anbieter ja auch seit Jahren ihre Kunden. Auch wenn es aus Respekt vor dem echten Schamanentum angebracht wäre: Wenn es ums Wirtschaftliche geht, scheint es wohl weniger erfolgversprechend, auf Faktoren wie »Begabung« oder gar »Berufung«, harte Arbeit oder eine mögliche lange Leidenszeit im Zuge echter Schamanenausbildung hinzuweisen. Oder auf die nicht unrealistische Möglichkeit des Scheiterns auf einem solchen Weg.

Dass hinter solchen Entwicklungen einmal mehr vor allem das Geldverdienen, weniger eine tatsächliche Realität steckt, das geht im Zuge esoterischen Konsumverhaltens leicht unter. Hauptsache, das Verlangen nach esoterischer Sinngebung, Märchenträumerei, Einhörnern, Drachen, Engeln und dem romantischen, hochweisen Schamanen, am besten erleuchtet und sowieso amerikanischer Ureinwohner, oder wenigstens als solcher verkleidet, vegan soll er oder sie bitte auch sein, wird irgendwie befriedigt.

 

 

Schamanenkonferenz copyright Frank

Wer als Klient zum Schamanen geht, der erwartet insgeheim gar nicht selten ein Bedienen der eigenen Erwartungshaltungen. Etwa, was Schamanismus gemäß der eigenen Vorstellungen, seien sie auch noch so oberflächlich oder verzerrt, denn nun zu sein habe. Solange das der Fall ist, ist alles gut. Schamanische Beratung soll möglichst das Klischee des erleuchteten Schamanen bedienen und die erhaltenen Auskünfte sollen bitte die sein, die man selbst ohnehin schon wusste. Und die dann auffällig oft das eigene Ego bestätigen und stärken. Heilung kann sowieso nie unbequem oder gar schmerzhaft werden. Tut sie es doch, ist der Schamane wohl noch nicht weit genug entwickelt, nicht erleuchtet genug, irgendwas derer Art. Dasselbe gilt, wenn die Ansichten des seit Jahren trainierten und erfahrenen Schamanen so gar nicht mit der Erwartungshaltung des esoterisch vorgebildeten Klienten übereinstimmen wollen.

Faszinierend bei all diesen Entwicklungen finde ich die hohe Wertung »persönlicher Ansichten«, und stehen diese auch auf noch so papierenen Füßen: Jeder hat aus seiner Sicht Recht, irren kann sich in der esoterischen Spiritualität genau genommen niemand, also kann auch niemand »falsche« Ansichten haben, falsche Aussagen machen oder falsche Werbeversprechen äußern. Die urtümlichen Gesetzmäßigkeiten des Schamanentums, die werden im Rahmen esoterischer Umerziehung durch »moderne« Vorstellungen ersetzt. Schamanentum ist nicht mehr das, was es ist – sondern was der Einzelne damit zu identifizieren glaubt. Mit der Forderung »nicht zu werten, das ist doch gänzlich unschamanisch!« hat sich esoterisches Denken eine geniale Rückschlagsicherung eingebaut. In der Esoterik und damit auch im hier versponnenen Schamanismus kann jetzt wirklich jeder wirklich jeden Quatsch öffentlich und im Brustton der Überzeugung verkünden. Wenn es unbequem wird in der Diskussion, wenn man sich auf Grund stärkerer Argumente eingestehen müsste, dass man wohl auf dem Holzweg gewesen ist: Nun was solls, auch das ist ja schließlich nur eine Meinung, und die gehört schließlich zu einem anderen Narren. Da interessiert es auch nicht, wenn dieser andere Narr tatsächlich mal ein mit allen Wassern gewaschener Schamane wäre, der auf zehn, fünfzehn, zwanzig oder gar dreißig Jahre Erfahrung zurückblicken kann. Wenn er oder sie mir als erfahrenen Esoteriker verkündet, meine Vorstellungen wären »falsch« oder hätten mit echtem Schamanismus nichts zu tun – nun, DAS kann doch gewiss kein Schamane sein. Er oder sie wertet ja!

Echtes Schamanentum

Die Realität schaut meiner Ansicht nach anders aus: Schamanismus, und also auch schamanisches Heilen, sind eben kein seichter Erlebnisraum für sonst nicht erfüllbare Märchenträumereien. Keine »sanfte Alternativ-Methode«, keine exotische Spielart westlicher Psychologie, kein leicht zu erschließender »spiritueller Lebensweg«, denn jeder ist ja an sich schon ein Schamane, man wusste es eben vorher nur nicht.

Es ist ganz im Gegenteil eine ausgesprochen wilde, kraftvolle Methode, die sich keiner persönlichen Wunschinterpretation, keiner westlichen Bildungsdoktrin und keiner »eigenen Meinung« beugt.

Schamanische Heilmethoden gehen tief ins System, bewegen Energie und Kraft, Psyche und Bewusstsein! Manchmal ist dafür viel Arbeit nötig. Manchmal genügen drei Sätze. Aber immer gilt: Echtes Schamanentum ist Effizienz, seine ersten und wesentlichsten Gebote sind maximale Wirksamkeit und deren Feststellbarkeit, mithin Empirie.

Schamanisches Heilen bekämpft vor allem Leid, Krankheit, Unglück. Damit das funktionieren kann, müssen Schamanen eine Mittlerposition zwischen mindestens zwei Welten einnehmen. Die eine ist die der Menschen. Die andere die der Geister. Diese uralte Wahrheit schert sich nicht um »moderne Esoterik«, um Erwartungshaltungen, was Schamanismus denn nun sein sollte, um psychologische, energetische buddhistische oder yogische Interpretationen. Das ist die schlichte und für viele so unbegreifliche Wahrheit.

Ende Teil I

Schamanöser Beipackzettel, geschrieben von Richard Chao

Samstag, 22. April 2017

Ich hab in den letzten 4 Wochen genau 4 „Klientinnen und Klienten“ ablehnen müssen. Zum Einen finde ich lustig, dass nach einer gewissen Pause plötzlich so viele ungetriggerte Anfragen kamen (Liegt vielleicht am Frühling?), und zum anderen wollten alle das ungefähr gleiche, was mich auch zu einer kleinen Erklärung auf meiner fb-Seite führte, die ich hier nochmal wiedergeben und vielleicht erweitern will.

 

Was ist eine „Schamanische Behandlung“ (bei mir)

 In den meisten Fällen würde ich dich, nach mindestens einem Vorgespräch, „anreisen“. Dich als Person, System, mit deinem Umfeld. Um zu sehen oder wahrzunehmen, wie du als Person, System, mit Umfeld „drüben“ aussiehst. Manche Dinge, die hier schwer oder nicht erkennbar sind, sind drüben sichtbar und in der Regel auch manipulierbar.
Das ist die extrem simplifizierte Erklärung dessen, wie ich meistens vorgehe.
Viel wichtiger ist, was ich nicht tue (auch nicht, wenn du mich dafür bezahlen willst):

-Ich werde dir nicht deine eigenen „Diagnosen“ bestätigen sondern möchte im Gegenteil so wenig von dir über vermutete Hintergründe hören, wie möglich.

(Viele Interessenten kommen z.B. mit der bereits gefestigten Information, dass sie dämonische Anhaftungen haben, die beispielsweise auch sexuell an ihnen interessiert sind usw. . Ich schau mir das lieber selbst an.)


-Ich werde nicht mit dir streiten, wenn deine vorherige Eigendiagnose dir wichtiger ist als meine Reiseergebnisse

(Vielleicht hast du ja mehr recht als ich  , aber wozu dann streiten?)


-Ich bin nicht dazu da, dein Ego zu streicheln oder dich zu etwas „Besonderem“ zu krönen

(Kommt auch immer häufiger. Ich werde jetzt nicht die Phrase benutzen, dass ja jedes Kind etwas Besonderes ist, aber natürlich zeigen sich manche Dinge drüben, manche Menschen, anders als sie im materiellen Leben ausschauen. Gelegentlich auch unmenschlich. Aber das heißt nicht, dass man in diesem Fall eine total unmenschliche Wesenheit im Körper eines missverstandenen Menschen ist. Mags schon geben, aber ist doch eher selten. Bitte erwarte also nicht von mir, dass ich dir erkläre, dass du ein Drache, Engel, eine Fee, ein Bandwurm oder Odin im missverstandenen Menschenkörper bist. Dafür gibt’s ganze Horden anderer „Kollegen“, einen richtigen Tiergarten.)


-Bitte verschone mich mit Partnerrückführungen
(Nur der Vollständigkeit halber :D)


-Ich mache nur Seelenteilrückholungen wenn ich auch der eigenen Überzeugung bin, dass es da etwas gibt, was zurückgeholt werden kann/will/soll

(Die Konzepte der Seele(n), der Seelenteile, der Seelenrückholungen, Verluste usw. sind für mich ein sehr aktuelles und wichtiges Thema. Ich habe dazu eine sehr eigene und möglicherweise heikle Meinung, die nicht in das extrem simple Harner-Konzept passt. Hajo, mal eben nen Seelenanteil verloren, ma eben zurückholen und alles ist gut. Kannste schon machen, kann schon klappen. Bin ich aber der Falsche.

-Obwohl Schadens- und Verwünschungsmagie kein Tabu für mich sind, werde ich das in der Regel nicht machen, außer ich empfinde es für unser „schamagisches Verhältnis“ als zumindest taktisch oder strategisch notwendig. Wenn du dagegen ein Problem mit übergriffigen „Kollegen“ hast, bin ich genau der Richtige und in der Regel macht mir das auch richtig Spaß.

 

Organisatorisch ist noch Folgendes wichtig

-Terminabsprachen könnten etwas tricky sein, da ich gut beschäftigt bin. Aber eben nicht nur deshalb. Manchmal braucht es für eine bestimmte Sache eine bestimmte Zeit. Diese Zeit kann auch die Effektivität beeinflussen, ist also in deinem Interesse. Wenn du mir überzeugend darlegst oder ich in einem Vorgespräch der Meinung bin, dass es sich um eine akute Angelegenheit handelt, dann ist das was anderes.

(Ich habe keine Praxis, ich bin kein Heilpraktiker. Ich arbeite Vollzeit, pflege eine Art rudimentäres Sozialleben, habe Verpflichtungen, Ehrenämter, Hobbies. Manche Dinge müssen schnell erledigt werden, manche nicht. Und bei einigen, und das sind nicht wenige, ist wirklich auch eine bestimmte Zeit erforderlich)

-Ich bin kein Arzt, kein Heilpraktiker und vor allem bin ich kein Psychiater. Abgesehen davon darf ich diese Funktionen auch gar nicht wahrnehmen (wobei das letzte Beispiel oft sehr verlockend wäre)

-Ich bin im Allgemeinen ein möglichst höflicher und freundlicher Mensch. Ich erwarte von dir, dass du dich ähnlich verhältst, wenn du mit mir zu tun hast. Wenn dir das nicht möglich ist, kann ich dir gerne ähnlich gesinnte „Kollegen“ empfehlen.

(Und damit meine ich genau die Leute, von denen ich dir sonst abraten würde)

-Ich mache diese Sache nicht, um etwas zu verdienen. Ich setze zwar voraus, dass dir klar ist, dass es nicht umsonst ist, aber das ist nicht mein Fokus. Ich mache es aufgrund einer Berufung, und zwar im wörtlichen Sinne.

(Wenn du hier rauslesen kannst, dass ich mich nicht darum reiße, dann denk dir deinen Teil)

-Es kann sein, dass ich eine Einzelbehandlung ablehne und dir stattdessen anbiete, in einem mehr oder weniger kleinen Gruppenritual mitzuwirken oder dich dort schamanisieren zu lassen. Das kann spirituelle oder auch praktische Gründe haben (ich würde dir den Grund natürlich mitteilen). Da das nicht immer jedermanns Sache ist, können intime Informationen natürlich im Vorfeld besprochen werden oder es kann, wenn dies gar nicht gehen sollte, eine andere Lösung gefunden werden.

(Da das ein heikles Thema ist, kann hier aber immer eine Lösung gefunden werden)

Und noch etwas zum Schluss. Du bist bei mir sicher.
(Das mag eine blöde und nichtssagende Phrase sein. Für mich ist es das nicht. Was ich beginne, das bringe ich sinnvoll zu Ende. Für die schamanische Arbeit bin ich in der Rolle genau dieser Instanz die zwischen dir und Problemen mit „der geistigen Welt“ steht.)

Mein Murmelgleichnis  zum Thema Seelenverlust – oder warum es wichtig ist, seine Murmeln beisammen zu haben, geschrieben von Beate Helene Reither

Samstag, 11. März 2017

Es mag vielleicht etwas humorvoll anmuten, wie ich meine Sichtweise des Themas „Seelenverlust“ schildere, aber dieser Vergleich beschreibt meine Sicht der Dinge ziemlich treffend.
Da ich mich in letzter Zeit immer wieder mit unterschiedlichen Definitionen dieses, in schamanischem Kontext oft verwendeten Begriffes, konfrontiert sah – von denen mich einige ziemlich schockierten – möchte ich nun diesen bildhaften Vergleich meiner persönlichen Meinung zum Besten geben.

Nehmen wir einmal die Seele als Menschen an. Ein Mensch ist im Prinzip normalerweise und von Natur aus unzerteilbar. So betrachte ich auch die Seele, als unzerteilbare Einheit.

Dieser Mensch trägt immer ein Beutelchen mit Murmeln bei sich, nehmen wir an, das sind seine Seelenanteile. Sie gehören ihm, haben eine einzigartige Farbe, ein bestimmtes Gewicht, eine bestimmte Größe. Niemand sonst hat genau die gleichen Murmeln wie er.

Begegnet dieser Mensch einem anderen Menschen, so kann es sein, dass die beiden miteinander spielen wollen. Sie packen ihre Murmeln aus, bewundern oder kritisieren sie, lassen sie zusammen prallen und und und… manchmal ist es ein gutes, faires Spiel und man spielt gerne öfters miteinander, manchmal kann man sich nicht einigen, manchmal betrügt man einander, manchmal beginnt man zu streiten – wie das beim Spielen eben so vorkommt.

Manchmal mag es passieren, dass der Mensch eine Murmel verliert, weil er auf dem Weg stolpert, sein Beutelchen aufplatzt oder eine Murmel durch die Erschütterung heraus springt. Im besten Falle merkt er dies relativ bald, nachdem er wieder aufgestanden ist, entweder weil er die Anzahl gleich überprüft, er die Murmel wegspringen sah, oder weil das Gewicht des Beutelchens nicht mehr stimmt.
Dann wird dieser Mensch seine nächste Umgebung genau absuchen, unter jedes Grasbüschel schauen, bis er seine fehlende Murmel wieder gefunden hat. Ist er bereits weiter gegangen, bemerkt er möglicherweise erst beim nächsten Murmelspiel mit einem anderen die fehlende Murmel, weil er seinem Mitspieler gegenüber plötzlich im Nachteil ist. Dann gilt es sich zu erinnern, wo er diese Murmel verloren haben könnte, sich zu erinnern an Zeit und Ort, und wieder dahin zurückzukehren und seine Murmel einzusammeln.

Manchmal passiert es, dass ein Mitspieler einfach eine Murmel mitnimmt, weil sie ihm besser gefällt als die eigene.
Manchmal passiert es auch, dass man Murmeln bewusst oder unbewusst vertauscht, vor allem, wenn es ein chaotisches Spiel ist, in dem beide Spieler ihre Murmeln schlecht voneinander unterscheiden können, weil sie sie schon länger nicht genau betrachtet haben.
In diesem Fall vergeht oft mehr Zeit, bis der Mensch aufmerksam wird, dass da in seinem Murmelbeutelchen etwas nicht stimmt. Irgendwie mag sich das Gewicht nicht richtig anfühlen, vielleicht ist das Beutelchen plötzlich schwerer oder leichter, als er es kennt. Schwierig ist es auch, wenn er nur flüchtig zählt, aber die Anzahl der Murmeln korrekt ist. Da heißt es dann, sich jede einzelne Murmel genau anzusehen und nachzuschauen, welche nicht dazu passt. Wodurch auch immer sie sich von den eigenen Murmeln unterscheidet – Gewicht ? Farbe? Größe? – Nimmt der Mensch jede Murmel in seine Hand, erkennt er den Unterschied durch genaue Beobachtung und durch das Erfühlen des Gewichtes oder der Größe. Das braucht natürlich etwas Zeit, aber weil der Mensch wieder gute Chancen beim Spielen haben möchte, ist es ihm wert, darauf Zeit zu verwenden.

Früher oder später findet er die fremde Murmel und dann heißt es sich zu erinnern, wer solche Murmeln hatte. Manchmal besucht der Mensch dann seine letzten Spielgefährten und bittet sie, ihm ihre Murmeln noch einmal zu zeigen. Meist ist der andere Mensch, der die Murmel genommen hat auch sehr erleichtert, dass er sie wieder gegen seine eigene Murmel tauschen kann, da – auch wenn die fremde Murmel vielleicht ästhetischer ist – sie trotzdem sein Spiel stört, weil er damit immer anders spielen muss, als mit seinen gewohnten Murmeln. Im Endeffekt hat er dadurch auch schlechtere Chancen. Manchmal braucht es erst klärende Worte und längere Verhandlungen. Sie sprechen miteinander so lange, bis ein Mensch versteht, was der andere sagt. Meist geschieht der Rücktausch in dieser Erkenntnis und Versöhnung. Beide Menschen verstehen dann, dass sie mit ihren eigenen Murmeln am erfolgreichsten spielen können und testen dies ein paar Mal, ob es wirklich stimmt. Wenn sie wieder Spaß und Erfolg dadurch beim Spielen haben, können auch die Wehmut und der Neid vergehen, die vorher vielleicht bestanden haben.

Im Laufe des Lebens und der vielen Spiele, die man spielt, kann es passieren, einmal die eine oder andere Murmel zu verlieren. Nicht die strikte Vermeidung des Verlustes ist anzustreben, denn es kann trotz gebotener Achtsamkeit passieren. Man will ja auch nicht sein ganzes Leben mit Murmelsuchen verbringen.
Wichtig ist nach der Erkenntnis, dass mir etwas fehlt, auf die Suche danach zu gehen und die Murmel wieder zurück zu holen. Mit Gewalt ist dies nicht möglich, denn da verliert man möglicherweise sogar noch mehr Murmeln, wenn das Beutelchen zerreißt. Wohl aber liegt es in der Natur der Seele, sich zu vertragen und miteinander zu kommunizieren. Wenn man einander respektvoll begegnet. Wenn man sich Zeit nimmt für die Geschichte, die damit verbunden ist. Wenn man hört, was gemeint ist und nicht, was man verstehen will.
Wenn man in Beziehung geht, ist das Zurückholen kein Problem mehr, jedoch kann es meiner Meinung nach immer nur von dem Menschen – von der Seele selbst vollzogen werden, damit es wahrhaftig und selbst erfahren ist.

Meine Inspiration zum Murmelgleichnis: Die Geschichte von Peter Pan lehrt schon in ihrer einfachen und liebenswerten Art und Weise, dass es wichtig ist, seine Murmeln beinander zu haben. Ihr erinnert euch vielleicht an den alten Onkel Tootles in der Verfilmung mit Robin Williams, der seine Murmeln nicht mehr beisammen hatte und sich dadurch nicht mehr erinnern konnte, wie das Fliegen geht.

So wünsche ich uns allen ein spannendes Weiterspielen,
Eure Beate Helene