Archiv für die Kategorie ‘SchamanenBlick’

Mein Murmelgleichnis  zum Thema Seelenverlust – oder warum es wichtig ist, seine Murmeln beisammen zu haben, geschrieben von Beate Helene Reither

Samstag, 11. März 2017

Es mag vielleicht etwas humorvoll anmuten, wie ich meine Sichtweise des Themas „Seelenverlust“ schildere, aber dieser Vergleich beschreibt meine Sicht der Dinge ziemlich treffend.
Da ich mich in letzter Zeit immer wieder mit unterschiedlichen Definitionen dieses, in schamanischem Kontext oft verwendeten Begriffes, konfrontiert sah – von denen mich einige ziemlich schockierten – möchte ich nun diesen bildhaften Vergleich meiner persönlichen Meinung zum Besten geben.

Nehmen wir einmal die Seele als Menschen an. Ein Mensch ist im Prinzip normalerweise und von Natur aus unzerteilbar. So betrachte ich auch die Seele, als unzerteilbare Einheit.

Dieser Mensch trägt immer ein Beutelchen mit Murmeln bei sich, nehmen wir an, das sind seine Seelenanteile. Sie gehören ihm, haben eine einzigartige Farbe, ein bestimmtes Gewicht, eine bestimmte Größe. Niemand sonst hat genau die gleichen Murmeln wie er.

Begegnet dieser Mensch einem anderen Menschen, so kann es sein, dass die beiden miteinander spielen wollen. Sie packen ihre Murmeln aus, bewundern oder kritisieren sie, lassen sie zusammen prallen und und und… manchmal ist es ein gutes, faires Spiel und man spielt gerne öfters miteinander, manchmal kann man sich nicht einigen, manchmal betrügt man einander, manchmal beginnt man zu streiten – wie das beim Spielen eben so vorkommt.

Manchmal mag es passieren, dass der Mensch eine Murmel verliert, weil er auf dem Weg stolpert, sein Beutelchen aufplatzt oder eine Murmel durch die Erschütterung heraus springt. Im besten Falle merkt er dies relativ bald, nachdem er wieder aufgestanden ist, entweder weil er die Anzahl gleich überprüft, er die Murmel wegspringen sah, oder weil das Gewicht des Beutelchens nicht mehr stimmt.
Dann wird dieser Mensch seine nächste Umgebung genau absuchen, unter jedes Grasbüschel schauen, bis er seine fehlende Murmel wieder gefunden hat. Ist er bereits weiter gegangen, bemerkt er möglicherweise erst beim nächsten Murmelspiel mit einem anderen die fehlende Murmel, weil er seinem Mitspieler gegenüber plötzlich im Nachteil ist. Dann gilt es sich zu erinnern, wo er diese Murmel verloren haben könnte, sich zu erinnern an Zeit und Ort, und wieder dahin zurückzukehren und seine Murmel einzusammeln.

Manchmal passiert es, dass ein Mitspieler einfach eine Murmel mitnimmt, weil sie ihm besser gefällt als die eigene.
Manchmal passiert es auch, dass man Murmeln bewusst oder unbewusst vertauscht, vor allem, wenn es ein chaotisches Spiel ist, in dem beide Spieler ihre Murmeln schlecht voneinander unterscheiden können, weil sie sie schon länger nicht genau betrachtet haben.
In diesem Fall vergeht oft mehr Zeit, bis der Mensch aufmerksam wird, dass da in seinem Murmelbeutelchen etwas nicht stimmt. Irgendwie mag sich das Gewicht nicht richtig anfühlen, vielleicht ist das Beutelchen plötzlich schwerer oder leichter, als er es kennt. Schwierig ist es auch, wenn er nur flüchtig zählt, aber die Anzahl der Murmeln korrekt ist. Da heißt es dann, sich jede einzelne Murmel genau anzusehen und nachzuschauen, welche nicht dazu passt. Wodurch auch immer sie sich von den eigenen Murmeln unterscheidet – Gewicht ? Farbe? Größe? – Nimmt der Mensch jede Murmel in seine Hand, erkennt er den Unterschied durch genaue Beobachtung und durch das Erfühlen des Gewichtes oder der Größe. Das braucht natürlich etwas Zeit, aber weil der Mensch wieder gute Chancen beim Spielen haben möchte, ist es ihm wert, darauf Zeit zu verwenden.

Früher oder später findet er die fremde Murmel und dann heißt es sich zu erinnern, wer solche Murmeln hatte. Manchmal besucht der Mensch dann seine letzten Spielgefährten und bittet sie, ihm ihre Murmeln noch einmal zu zeigen. Meist ist der andere Mensch, der die Murmel genommen hat auch sehr erleichtert, dass er sie wieder gegen seine eigene Murmel tauschen kann, da – auch wenn die fremde Murmel vielleicht ästhetischer ist – sie trotzdem sein Spiel stört, weil er damit immer anders spielen muss, als mit seinen gewohnten Murmeln. Im Endeffekt hat er dadurch auch schlechtere Chancen. Manchmal braucht es erst klärende Worte und längere Verhandlungen. Sie sprechen miteinander so lange, bis ein Mensch versteht, was der andere sagt. Meist geschieht der Rücktausch in dieser Erkenntnis und Versöhnung. Beide Menschen verstehen dann, dass sie mit ihren eigenen Murmeln am erfolgreichsten spielen können und testen dies ein paar Mal, ob es wirklich stimmt. Wenn sie wieder Spaß und Erfolg dadurch beim Spielen haben, können auch die Wehmut und der Neid vergehen, die vorher vielleicht bestanden haben.

Im Laufe des Lebens und der vielen Spiele, die man spielt, kann es passieren, einmal die eine oder andere Murmel zu verlieren. Nicht die strikte Vermeidung des Verlustes ist anzustreben, denn es kann trotz gebotener Achtsamkeit passieren. Man will ja auch nicht sein ganzes Leben mit Murmelsuchen verbringen.
Wichtig ist nach der Erkenntnis, dass mir etwas fehlt, auf die Suche danach zu gehen und die Murmel wieder zurück zu holen. Mit Gewalt ist dies nicht möglich, denn da verliert man möglicherweise sogar noch mehr Murmeln, wenn das Beutelchen zerreißt. Wohl aber liegt es in der Natur der Seele, sich zu vertragen und miteinander zu kommunizieren. Wenn man einander respektvoll begegnet. Wenn man sich Zeit nimmt für die Geschichte, die damit verbunden ist. Wenn man hört, was gemeint ist und nicht, was man verstehen will.
Wenn man in Beziehung geht, ist das Zurückholen kein Problem mehr, jedoch kann es meiner Meinung nach immer nur von dem Menschen – von der Seele selbst vollzogen werden, damit es wahrhaftig und selbst erfahren ist.

Meine Inspiration zum Murmelgleichnis: Die Geschichte von Peter Pan lehrt schon in ihrer einfachen und liebenswerten Art und Weise, dass es wichtig ist, seine Murmeln beinander zu haben. Ihr erinnert euch vielleicht an den alten Onkel Tootles in der Verfilmung mit Robin Williams, der seine Murmeln nicht mehr beisammen hatte und sich dadurch nicht mehr erinnern konnte, wie das Fliegen geht.

So wünsche ich uns allen ein spannendes Weiterspielen,
Eure Beate Helene

 

Die schamanische Praxis ist notwendige spirituelle Selbstermächtigung, geschrieben von Tunritha

Samstag, 14. Januar 2017

DSC_0545_6_7_HDRps4_FBWenn die Widrigkeiten des Lebens uns so richtig erwischen, fühlen wir uns dem oft ohnmächtig ausgeliefert. Ohnmächtig – Ohne Macht. Wir meinen damit, das wir keinen Einfluss, keine Macht haben über das was in unserem Leben geschieht. Die Dinge passieren einfach, zufällig. Sie fallen uns einfach zu. Die guten wie auch die schlechten Erfahrungen und wir können nichts dagegen tun allerdings auch nichts dafür.

 

trommelnfbIm magischen oder schamanischen Weltbild, sieht das anders aus. Alles ist beseelt, voller eigener Kraft und ein Ausdruck dessen was auf anderen, nicht materiellen Ebenen geschieht. Die materielle und die geistige Wirklichkeit oder Welt beeinflussen und durchdringen einander. Und der Schamane, Zauberer oder schamanische Praktiker nimmt Einfluss auf die geistige und damit auch auf die materielle Ebene. Er oder sie ist nicht ohnmächtig, nicht ohne Macht und ohne Einfluss.

dsc_0493_ps2048_fbDiese Art Macht ist keineswegs nur besonders begabten Menschen vorbehalten. Jeder Mensch trägt in sich die Fähigkeiten zu Trance, Vision, schamanischer Reise und Kraft. Jeder von uns kann erlernen mit geistigen Verbündeten zu komunizieren und Hilfe aus der Anderswelt im HIER und  im JETZT zu manifestieren. Dafür braucht es nichts weiter als einen offenen Geist, ein schamanisches Weltbild und die Bereitschaft Dinge wieder neu zu lernen die uns in den letzten Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden abhanden gekommen sind. Fähigkeiten und Fertigkeiten die uns Menschen eigentlich selbstverständlich sein sollten.  Um sich ohne Schaden zu nehmen, durch die geistigen Welten zu bewegen, bedarf es einiger spezieller Fähig- und Fertigkeiten, diese kann jeder erlernen. Zumindest jeder der dies möchte.

Seminar2Die Menschen müssen (wieder) lernen willentlich (und bitte ohne Drogen) ihren Bewusstseinszustand zu wechseln. Die meisten Menschen kennen eigentlich nur zwei Bewusstseinszustände: Wachend und Schlafend. Es existieren jedoch weit mehr als diese beiden Extreme.  Unser Geist, unser Bewusstsein ist ein wunderbares Werkzeug und perfekt für das Leben auf diesem Planeten, in diesem Universum geeignet – doch so viele Menschen sind nicht mehr in der Lage dieses Werkzeug mit Präzision und all seinen Funktionen zu nutzen und zu lenken.  Die Art wie der moderne Mensch seinen “Geist” benutzt, erscheint mir oft als hätten wir alle einen Porsche, würden aber die ganze Zeit mit angezogener Handbremse fahren, und uns dann wundern wenn es zu diversen Schwierigkeiten kommt.  Die Fähigkeit zum Tagträumen, zu Trance, zu Vision, Meditation, Kontemplation, voller Konzentration etc. sind Fähigkeiten die unserem Geist nicht ohne Grund zur Verfügung stehen. Um auf allen Ebenen gesund zu bleiben muss unser Geist diese Bewusstseinszustände erfahren und wir müssen in der Lage sein diese willentlich zu steuern.

meditation1Forscher konnten nachweisen, dass durch Meditation unser Immunsystem, Herz und Kreislauf  gestärkt, Depressionen und Angstzustände gemildert werden. Mediziner sind sich zunehmend sicherer: geistige Zustände und körperliches Wohlbefinden hängen eng zusammen.

Während der  Trance verbraucht das Gehirn nachweisbar mehr Glukose und arbeitet auf einem höheren Energieniveau als im Wachzustand. Die Hirnhälften synchronisieren sich und tauschen wesentlich mehr Informationen aus als vorher. Beim Übertritt zur Trance dominieren im EEG (Elektroenzephalogramm) vorerst noch die Alpha-Wellen, wie sie typisch sind, wenn sich Geist und Körper entspannen. Beim Eintritt in die echte Trance  zeigen sich im EEG andere Wellen, sogenannte Theta-Wellen. In diesem Zustand zeigen sich  neue Ideen, Einblicke, Erkenntnisse und Gefühle beinahe wie von selbst. Es ist ein Zustand maximaler Konzentration und Kreativität. Trance macht uns also kreativer, lässt uns neue Wege beschreiten. Die neuronalen Erregungsmuster in der Trance sind dabei ähnlich wie bei tatsächlich Erlebtem. Menschen in Trance machen daher wirkliche und nachhaltig verändernde Erfahrungen.

_dsc0043_ps2_tunritha_fbNatürlich gehört zur schamanischen Praxis noch mehr als “nur” Trance. Auf der schamanischen Reise, dem Seelenflug, wollen wir ja nicht nur durch unser eigenes Bewusstsein navigieren sondern auch die Schwelle zur Anderswelt überschreiten. Dies erfordert etwas mehr an Vorbereitung, Schutz, Wissen und auch geistige Verbündete. Daher ist es immer eine gute Idee sich in die Grundlagen der schamanischen Reise bzw. der schamanischen Arbeit, von einem erfahrenen Schamanen oder schamanischen Praktiker, einweisen zu lassen. Die schamanische Praxis ist kein Kinderspiel und auch wenn sie uns Menschen, meiner Auffassung nach, imanent ist, so ist sie doch nicht ohne Risiken und sollte gerade am Anfang entsprechend begleitet werden.

 

Schamanismus ist wohl die älteste und ursprünglichste Lehre der Menschheit, um ganzheitlich, im Zusammenwirken mit dem Universum und seinen Kräften, Heilung und Unterweisung in allen nur denkbaren Lebensbereichen zu erhalten.  Dafür braucht es nicht immer einen Fachmann, Guru oder Schamanen sondern ein jeder und eine jede die dies möchten können diese Kraft, Heilung und Unterweisung für sich selbst erlangen.

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Meiner persönlichen Erfahrung nach kann jeder, der es möchte, grundlegende schamanische Techniken lernen und anwenden.

 

 

Die grundlegende schamanische Arbeit für uns selbst, die Fähigkeit selber in die Anderswelt zu reisen um von dort Kraft und Heilung für uns selbst zu holen ist etwas das uns die “spirituelle” Macht über unser Leben  und unsere eigene Spiritualität zurückgibt. Wir sind nicht mehr Ohnmächtig. Jede Frage die ein schamanisch Praktizierender hat, kann er mit auf die schamanische Reise nehmen und dort seinen geistigen Verbündeten und Lehrern stellen. KEIN schamanisch Praktizierender ist angewiesen auf einen Priester, Guru, Iman oder anderen Mittler zur geistigen Welt.

source-of-power_fbSelbst praktizierter Schamanismus ist immer auch spirituelle Selbstermächtigung!

 

 

Natürlich gibt es Menschen die in der Lage sind, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere zu reisen und zu arbeiten, Menschen die besonders viel Kraft mobilisieren und vor allem auch materialisieren können. Nicht immer sind wir selber in der Verfassung für uns alleine zu arbeiten. Manchmal sind wir betriebsblind oder brauchen mehr Kraft oder Willen als wir aufbringen können, dann ist der Gang zum Schamanen, zur Schamanin des Vertrauens sicher eine gute Idee.

Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa – Teil III geschrieben von Frank Röpti

Samstag, 18. Juni 2016

13219733_1039282382784670_1523101410_nModerner Seidr

Nach Hans Stucken ist Seidr »die Ausübung okkulter Praktiken vor dem Hintergrund nordisch-germanischer Mythologie«. Laut Christian Kordas sei diese Definition inzwischen von den meisten ihm bekannten Seidr-Praktikern übernommen worden. Nun, ich hoffe doch, nicht. Mir persönlich erscheint diese Fesselung an eine genauestens definierte Mythologie zu altbacken. Zu starr und unflexibel. Was mich mehr interessiert, sind Phänomene wie lebendige, beseelte Wahrnehmung, Region und Klima, typische regionale Vegetation und Tierwelt, und dergleichen Phänomene. Mythologie ist oft eng mit solchen Gegebenheiten verknüpft, das betrifft natürlich auch die nordisch-germanischen Formen. Mythologie ist so gesehen immer ein sekundäres Phänomen. Oft genug ist sie bildhafter Natur – also ein »Bild der Natur«. Sie kleidet das, was um uns herum wahrnehmbar ist, in Metaphern, Bilder und Zusammenhänge, von denen viele vermutlich in tiefen, tranceartigen Versenkungszuständen entdeckt wurden – und auch heute noch aufgespürt werden können. Die für mich geltende Definition – und auch das nur, wenn ich wirklich darauf festgenagelt werde – ist daher: »Seidh ist die Ausübung zauberischer und mithin schamanischer Praktiken vor dem Hintergrund nordisch-germanischer Regionalität«. Dazu zählen vor allem eben die uns umgebende Natur, das herrschende Klima und der Lauf der Jahreszeiten, aber auch die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen wirtschaftlichen und vor allem sozialen Strukturen. Mythologie spielt im Rahmen dessen eine Rolle, ebenso wie die wenigen »historischen Fakten« über das traditionelle Seidr. Keinem von beiden steht jedoch ein alleingültiger »Definitionsanspruch« zu.

»Keep it close to Nature!« – Das ist eine Empfehlung von Annette Host vom Scandinavian Center for shamanic Studies. Wir müssen die Historie, unsere Ahnen und deren Seidr respektieren und ehren. Dazu gehört auch, in unserer Zeit Neues zu entdecken, das Seidr weiter zu entwickeln oder auch neu entstehen zu lassen. Dieser Weg beginnt im eigenen Herzen, in der eigenen Seele, schlussendlich im eigenen Geist und im Verbund mit den eigenen Geistern. Wir müssen selbst auf die exstatische Trancereise in die Welten des Wyrd oder die »nichtalltägliche Wirklichkeit« gehen. Wir müssen selbst zu den hiesigen Geistern gehen, uns mit ihnen verbünden und von ihnen lernen. Möglicherweise begegnen Dir da draußen, in der Wildnis, Wesen wie Wotan, Freya oder Thor, oder die Runengeister. Das ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn Du diesen Pfaden nachspürst. Doch ist es meiner Ansicht nach ein Unterschied, gemessen an Ausdrücken wie Lebenskraft und authentischer In-spiration, ob Dir das mit der Nase ausschließlich in alte Texte versenkt widerfährt – oder auf der eigenen Geistreise ins Unbekannte, begleitet von Deiner Trommel oder Rassel, in Kontakt mit Deinen Geistern, geführt von Deinem Seidh-Stab durch die Wildnis, die Stürme oder den Sonnenschein und das Vogelgezwitscher da draußen.

Der kleinste gemeinsame Nenner des Seidh im Speziellen, wie des Schamanischen im Allgemeinen ist: Willentliches Eintreten in veränderte Bewusstseinszustände, um mit normalerweise verborgenen Wirklichkeiten in Berührung zu kommen und sie auszuwerten, um Wissen, Kraft, Hilfe und Wirksamkeit zu erhalten. Manchem Leser wird auffallen, dass dieser Satz nahezu identisch mit Harners pragmatischer Definition eines »Schamanen« ist. Das ist natürlich Absicht. Die Techniken des Schamanismus im Allgemeinen sind potente Methoden, ein eigenes, starkes Seidh zu entwickeln, wenn es Dir gelingt, sie im Hier und Jetzt zu verankern. Wie oben angedeutet war das einer der ganz zentralen Gedanken des Kernschamanismus nach Michael Harner. Dort geht es um eine schamanische Basis, ein Skelett, das in der eigenen Praxis mit Fleisch und Blut zu tatsächlichem Leben erweckt werden kann. Schamanisches Training ist auch hervorragendes Seidh-Training. Es spricht zudem nichts dagegen, weitere »Kernmethoden« aufzuspüren und bei Gefallen in die eigene Seidh-Praxis zu integrieren. Eine Menge urschamanisches Wissen ist in den Ansätzen traditioneller westlicher Magie zu finden, ebenso in unseren Märchen oder im hiesigen Brauchtum. Hilfreich mag es sein, die verschiedenen Haupttechniken des traditionellen Seidr zu untersuchen und mit all dem Gesagten in Bezug zu setzen. Was hat Utiseta (»Draußensitzen«) mit Meditation zu tun? Gibt es eine Verbindung zwischen »Galdr« und verschiedenen Gesangstechniken oder schamanischen Kraftliedern? Ist »Spa« (vielleicht »spähen«?) tatsächlich eine ganz eigene Disziplin – oder ganz normaler Bestandteil dessen, was wir heute »schamanisches Reisen um Wissen zu erlangen« nennen?

Ein neues und individuelles Seidh ist eine gute Möglichkeit, einen eigenen, kraftvollen Schamanenweg entdecken und tatsächlich gehen zu können. Dieser Weg ist stark genug, Verbindungen zur jahrtausendealten mystisch-spirituellen Strömung unserer Ahnen herzustellen. Und trotzdem den Erfordernissen des Hier und Jetzt und dessen, was noch kommen mag, Rechnung zu tragen.

Autor:
Frank Röpti – München (2016)
mailto: frank.roepti@meine Internetseite*.net (*Internet: www.seidh.net) – sämtliche Fotos: (c) J. Hügelschäffer, Zeichnung: F. Röpti

Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa – Teil II geschrieben von Frank Röpti

Samstag, 04. Juni 2016

Was Seidr wirklich gewesen sein mochte, sein tatsächlicher Stellenwert in den prächristlichen Gesellschaften West-, Mittel- und vor allem Nordeuropas – es ist meiner Ansicht nach unmöglich, darüber vollständig Sinnerfassendes aus den spärlichen Überlieferungen zu rekonstruieren. Eine ganze Reihe der Texte wurden erst lang nach Beginn der Christianisierungen niedergeschrieben. So die Sagas nach Snorri Sturluson. Selbst von den Berichten, die angeblich aus der Zeit davor stammen: Wir wissen nicht, welche Veränderungen daran im Lauf der Zeit vorgenommen wurden. Wir wissen aber, dass der christlich geprägten Obrigkeit spirituell selbstbestimmte Methoden, die es wagen, sich dem Allherrschaftsanspruch der Kirche zu entziehen, schon immer ein Dorn im Auge gewesen sind. Rufmord ist auch heute noch eine Technik, die im öffentlichen Diskurs verwendet wird. Politik und Medien greifen immer noch gern auf solche Methoden zurück. Auch in kleineren Sozialstrukturen tauchen immer wieder derartige »Kampfmethoden« auf. Der noch relativ neue Begriff des »Mobbings« geht oft mit rufangreifenden Aktionen und gut getarnter übler Nachrede einher – im Kleinen wie im Großen. Rufmord, Debunking und dergleichen Unsäglichkeiten: Genau genommen sind SIE es, die »ergi« sind. Dreckig, unwürdig, die Art von »argen«, rücksichtslosen Menschen. Könnte es sein, dass auch die uns überlieferte Berichterstattung über das Seidr selbst selbst »ergi« ist? Es wäre nicht das erste oder letzte Mal, dass der eigene Schatten als Argument gegen das, was da niederdiskutiert werden soll, gewendet wird.

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Kurzum sind die Sagas und sonstigen Berichte allenfalls als Hinweis auf eine geheimnisvolle und schamanisch anmutende spirituelle Praxis unserer Vorfahren tauglich. Sie geben uns ganz wenige Hinweise, dass eine Art nord- und mitteleuropäischer Schamanismus in den Vorzeiten existiert haben muss. Ein Phänomen, welches sich wahrscheinlich über Jahrtausende entwickelt hat und dessen letzte Ausläufer gerade noch fragmentarisch dokumentiert werden konnten. Der Ansatz rein intellektuell-gelehrter Vertreter, aus diesen Fragmenten allgemeingültige und unumstößliche Aussagen abzuleiten, was Seidr nun sei und was nicht – ist schlichtweg unrealistisch und manchmal sogar selbstüberheblich. Die tatsächlichen Praktiker kommen mir da zu selten zu Wort. Jedoch haben nur sie Kontakt zu den Geistern. Traditionell schamanische Aufgabe ist es, die Geister zu befragen, wenn Themen im Unklaren und Dunklen liegen. Nur in der schamanischen Praxis, in meinem Fall im Stil dessen, was ich »Seidh« nenne, finden sich einigermaßen verlässliche Angaben und Wege, sich an mögliche Wahrheiten heranzutasten.

Aus alt mach neu

Ich persönlich neige dazu, den alten Berichten und dem Bild, was sie vom Seidr zeichnen, mit Respekt und Faszination zu begegnen. Dass Seidr erfolgreich zerschlagen wurde und dem lange Zeit währenden Vergessen anheimgefallen ist, ist kein Grund, sich dieser alten Kunst nicht von Neuem zu nähern. Das ist einer der erklärten Grundgedanken des Coreschamanismus nach Michael Harner! Die von ihm erarbeiteten Methoden bieten sich an, die jeweils regionalen, damit eigenen und euchthonen Wurzeln des Schamanischen aufzuspüren – und neu zu beleben. Aus Respekt vor dem alten Seidr bezeichne ich das in meinem Verständnis im Laufe vieler Jahre der Praxis Herangewachsene als »Seidh«. Wenn ich also vom Seidh mit »dh« spreche, dann meine ich damit die Art »neuen« Seidr, die ich praktiziere.

Wenn wir den Ausdruck genauer unter die Lupe nehmen, dann finden wir eine erstaunliche Anzahl von Möglichkeiten, die mit dem Wort verbunden sind. Dieses spezielle Phänomen gleicht dem des Ausdrucks »Schamanismus« ganz erstaunlich. Auch dieser Begriff kennt eine Anzahl Vermutungen bezüglich seiner Bedeutungen. Einige davon zeigen mehr als offensichtliche Berührungspunkte zur Seidr-Wendung.

Eine (vor allem nach Jan Fries) verbreitete Annahme ist die Bedeutung des »Siedens«. Demnach hat Seidr etwas mit Hitze zu tun, mit dem Zusammenspiel von Feuer und Wasser, der prozesshaften Alchemie des Siedekessels. Das Zittern und innere Brodeln einer siedenden Flüssigkeit lässt sich als Metapher auf den vor Erregung bebenden, schwankenden und zitternden Körper eines ekstatischen Seidhpraktikers übertragen. Fries untersucht das Phänomen in seinem Buch »Seidhways«. Auf der Basis seiner Annahme entwickelt er eine schlüssige und funktionierende Trancetechnik, die er als »Sieden« bezeichnet. Im Übrigen schreibt er unmissverständlich dazu, dass er sich diese Freiheit – Seidr mit dem »Sieden« zu verknüpfen – zunächst mal willkürlich und nicht etwa auf Basis historischer Authentizität nimmt. So oder so sind das schon mal bedeutende, wenn nicht gar schwerwiegende Ideen. Assoziationen zum Feuer, zur Hitze, zur Ekstase und zum außer sich sein. All diese Phänomene finden wir im Schamanen-Ausdruck wieder. Hier tauchen Ableitungen wie »mit Hitze und Feuer arbeiten«, »toben, tobendes Umherschlagen« oder »außer sich sein« auf.

Eine andere Idee, nämlich die des »Bandes«, bringt Seidr mit Ausdrücken wie knüpfen und binden in Verbindung. Das bezieht sich dann mehr auf Inhalte und Zwecke der Seidhpraxis. In der nordisch-germanischen Mythologie ist das »Wyrd« ein wichtiger Bestandteil. Die drei Nornen Urd (Ursprung, Vergangenes), Verdandi (Werden, Gegenwart) und Skulda (Schuld, Zukünftiges) sind es, die das Schicksalsgewebe knüpfen und weben. Seidhtechniken greifen nach dieser Vorstellung in das Geflecht ein. Sie geben die Möglichkeit, selbst an den Schicksalsfäden zu knüpfen und zu weben.

Wortwurzeln wie »sei« (Singen), »soida« (Klang) und »soittaa« (auf einem Instrument spielen) legen einen weiteren Aspekt nahe, der im Zusammenhang mit Seidr Stehen könnte. Gesang, Musik und Instrumente sind dem Anschein nach nicht nur im vorchristlichen Europa eng mit Zauberei verbunden. Das selbe Phänomen ist auch im Schamanismus Zentralasiens oder zum Beispiel Südamerikas charakteristisch. Instrumente wie Trommel oder Rassel, oder seltenere Formen wie Maultrommeln und Flöten spielen dort ebenso große Rollen wie spezielle Gesangstechniken. Icaros (Kraftlieder) gehören untrennbar in den schamanischen Kontext südamerikanischer Methoden wie verschiedene Obertonstile in die Regionen Sibiriens oder der Mongolei.

Es gibt eine weitere Idee, die zumindest klanglich nahe am Seidr-Ausdruck haftet. Das indoeuropäische »gheis« bedeutet »zittern«, »erregt«, »aufgeweckt« und ist nach Jan Fries die Wurzel unseres Ausdrucks für »Geist«. All das deutet auf das »Geistige« im Allgemeinen als Quelle des Lebens oder der »Lebenskraft« an sich hin. Damit kann sowohl der Geist des Seidhkundigen als auch die Geister, mit denen er arbeitet gemeint sein. Eine interessante Idee, nicht wahr? Sind Seidhleute vielleicht am Ende einfach »Geist-Leute«?

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Wie dem auch sei, keine dieser auf den ersten Blick unterschiedlichen Ideen erhebt Anspruch auf absolute Wahrheit. Im Gegenteil, wirklich atmosphärisch und lebendig wird Seidr erst, wenn solche Einzelaspekte zu einem Ganzen verbunden werden. In der Tat funktionieren komplexe Sprachen nach genau dieser Art. Worte haben mehr mit dem verhäkelten Geflecht einer Vielzahl von Einflüssen zu tun, denn mit genauestens definierten Bedeutungen. Manchem Stubengelehrten mag das hinderlich erscheinen. Dem lebendigen Praktiker kann diese Vielfalt jedoch nur von Vorteil sein.

Seiðr, die Schamanentechnik des nordischen Europa – Teil I geschrieben von Frank Röpti

Samstag, 21. Mai 2016

 

13242067_1039282336118008_1492012894_oKaum war die Nacht da, frischte der Wind auf. Wütend heulte er um die Ecken, riss am Dachfirst und lies die massiven Holzwände knarren. Hrut stand nachdenklich an einem der Fenster und spähte in die Nacht hinaus. Eine bedrückte Stimmung legte sich wie ein gigantisches Ungetüm auf das Haus.

Hinter dem Sturm war noch etwas Anderes. Töne. Geräusche. An- und abschwellende Rufe, die sich zu verschlungenen Melodien knäulten. Betörender Gesang erklang aus allen Richtungen, drängte mit dem Wind und der Finsternis durch die Ritzen der schweren Holzbalken. Fraß sich in die Ohren von Hruts Leuten. Niemand konnte sagen, welche Wesen solche Klänge hervorbringen mochten. Faszinierend fanden es die Einen, bösartig und bedrohlich die Anderen. Hrut kannte diese Lieder. Entsetzt fuhr er herum. »Niemand verlässt das Haus! Schließt die Tür – und schlaft heute Nacht nicht! Schlaft nicht ein! Haltet Euch wach bis zum Morgengrauen – dann ist der Bann gebrochen. Die Dunkelheit hat sich mit Sturm und Feind gegen uns verschworen! Schlaft nicht ein!«

Stunde um Stunde pulsierte der Gesang. Durch die Finsternis schleichend zermarterte er den Widerstand der Menschen, die sich zusammenkauerten. Ein Augenpaar nach dem anderen schloss sich und tiefer, traumloser Schlaf überspülte seine Besitzer. Schließlich lag auch Hrut, der am längsten durchgehalten hatte, selbstvergessen in der Dunkelheit.

Nur Kari lauschte immer noch fasziniert den Gesängen. Sie schienen ihn zu anzusprechen, zu bitten, zu beschwören und locken. Bald hielt er es nicht mehr aus. Er stürzte zur Tür und lief, trotz der Warnung seines Vaters, hinaus in die Schwärze. Da sah er die sich wiegenden Schatten, unförmig und groß. Jenseits des Hauses hatten sie sich nahe der Wälder verschanzt. Von drei Seiten traf ihn der Blick glühender Augen. Sprühende Funken tanzten vor seinem Gesicht, als er im Kreuzungspunkt des Seidr-Fluchs zu Boden stürzte.

Als er tot war, zog sich der Gesang zurück, aufgesogen von den Schatten der Finsternis. Grimas Leute hinterließen keine Spuren, als sie mit dem Wind in die Dunkelheit davon schlichen.

Diese Geschichte – als Auszug nacherzählt aus der Laxdaela-Saga – ist eines von wenigen Fragmenten, welche uns als Aufzeichnungen aus den nebelhaften Vorzeiten des nordischen Europas erhalten sind. Hin und wieder findet sich dort der geheimnisvolle Ausdruck »Seidr«. Verzweifelt wird versucht, aus dem wenigen Überlieferten allgemeingültige Angaben abzuleiten, was Seidr genau gewesen sein mochte. Die Thesen bewegen sich zwischen verschiedenen Hauptannahmen. Während manche glauben, dass es sich beim Seidr um eine nordisch-germanische Form des Schamanismus gehandelt habe, lehnen andere diese Annahme grundsätzlich ab. Wieder andere nehmen an, Seidr sei eine spezielle, extatisch-schamanisch geprägte Form der spirituellen Praxis unserer Vorfahren.

Laut Kurt Oertel besteht zumindest unter Sprachwissenschaftlern Einigkeit bezüglich der tatsächlichen Bedeutung des Ausdrucks. Demnach sei »Seidr« der Oberbegriff für jedwede Form von Magie und Zauberei im nordischen Europa gewesen. Oertel wiederum zieht in seiner Begriffsuntersuchung deutliche Grenzen zwischen dem »Völventum« als eine Art isolierter Wahrsagekunst (Spa-Kunst) und Seidr, als dem Oberbegriff für Zauberei aller Art. Dabei ist es nur natürlich anzunehmen: Wahrsagerei oder »Divination« war immer schon ein natürlicher Teil der Magie in allen ihren Spielformen.

Schaut man sich die wenigen Berichte näher an, fallen unweigerlich Parallelen zu Schamanismen anderer Kulturen auf. Odin – der Götterkönig nordischer Mythologie – war ein Meister des Seidr. Unterrichtet wurde er darin von Freya. Zu seinen Fähigkeiten gehörte es, tierische Gestalt anzunehmen und augenblicklich in ferne Länder reisen zu können, um Informationen zu sammeln. Er konnte Wind und Wetter beschwören und selbst die Geister der Toten, um sie nach ihrem Wissen zu befragen. Zahlreiche Tierische »Geisthelfer« sind untrennbar mit ihm verbunden: Die Raben Hugin und Munin, die Wölfe Frik und Freki oder das achtbeinige Pferd Sleipnier gehören zu den prominentesten Vertretern. Er war ein Meister der Runenkunst. Sein Weg zu dieser Meisterschaft ist unzweifelhaft schamanischer Art. Neun Tage und Nächte hing er am windigen Weltenbaum. Sich »selbst geweiht« erwirbt er am Ende der Tortur das Wissen und die Kräfte der Runen. Dann beschreibt er, wie er sich durch Anwendung seiner neuen Technik regelrecht selbst zusammensetzt, mit Kraft und Leben füllt. Sein Runenlied geht konform mit den Initiationszyklen im beispielsweise zentralasiatischen Schamanentum. Dort wird der Schamanenanwärter gründlich von den Geistern zerstückelt – und anschließend wieder zusammengesetzt, um fortan als Schamane wirken zu können.


Erzählungen

Nach den alten Geschichten und Sagas kann schnell der Eindruck aufkommen, dass Seidr eine verruchte Kunst gewesen sein mochte. Die negativen Darstellungen, Anwendungen von Schadenszaubern und dergleichen, überwiegen deutlich. Trotzdem tauchen auch positive Elemente auf, solche, die von den Menschen als hilf- und segensreich empfunden wurden. Heilungen etwa, typischerweise auch Weissagungen, für die Seidhleute verantwortlich waren. Dass Seidr trotz allem stark negativ belegt gewesen sei, das wird uns von den damaligen Autoren immer wieder vor Augen geführt. »Ergi« etwa – arg oder dreckig – sei die Kunst von den Menschen empfunden worden. Vor allem auch dann, wenn sie von Männern praktiziert wurde. Odin wurde im Streit mit Loki von diesem direkt in solcher Manier angesprochen. Dass er als Weib verkleidet Seidr-Zauber betrieben habe. Das eben dünge Loki »von des Argen Art«.

Ende Teil I