Archiv für den 08. April 2017

Editorial

Samstag, 08. April 2017

Well met, alle zusammen!

Gerade in den letzten Monaten gib´s immer öfter Diskussionen um „fake news“. Im spirituellen Bereich liefert es regelmässig Gesprächsstoff, wo denn welche Infos genau herkommen und welchen mensch so glauben darf/kann/soll.

Da versteckt sich sogar der Osterhase …

Gerade wieder taucht z. B. auf facebook dieses Meme hier wieder auf …
und wie gesagt: da versteckt sich sogar der Osterhase. Hier findet Ihr einen wunderschönen Beitrag, der ein paar Fakten aufdröselt, die ein wenig Licht ins Dunkel bringen können.
Zu diesem Thema möchte ich auch gerne einen (schon sehr alten aber dennoch lohnenden) GastAutoren-Artikel aus dem WurzelWerk empfehlen. Ostara – eine germanische Göttin?

In unserem heutigen Update gibt´s natürlich, wie vor vielen Jahren versprochen, möglichst gut recherchierte Fakten und persönliche Sichtweisen, die auch als solche gut erkennbar sind.
Persönlich beschrieben hat Sati, im Teil II ihres Artikels „Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer„.
Rays Teil IX der ArtikelSerie „Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist“ ist, wie gewohnt, eine gute Mischung aus persönlicher Erfahrung und beruflicher Praxis.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns würden – für die kommenden Updates – ein paar ArtikelSpenden wieder einmal gut bekommen!
Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil IX, geschrieben von Ray

Samstag, 08. April 2017

 

Abschließende Bemerkungen

Man mag zur archäologischen Bürgerbeteiligung und dem „Metallsucherproblem“ stehen wie man möchte; man sollte allerdings als WissenschafterIn bedenken, welche Argumente man in Debatten über diese Themen führt bzw. ob man sich auf demagogische Propagandamittel wie die „Hobbychirurginnen“-Metapher stützen möchte; und was die Verwendung solcher Mittel über die sagt, die sie verwenden. Ein gutes Licht wirft die Verwendung dieser Metapher jedenfalls nicht auf unser Fach und das Selbstverständnis vieler unserer KollegInnen.

Archäologische Qualitätssicherung ist durchaus wichtig und richtig; und ich will mit diesem Beitrag keineswegs sagen, dass jeder wo auch immer es ihm beliebt archäologisch tun und lassen können soll, was er will, egal ob er oder sie es kann oder nicht. Was ich jedoch sehr wohl sagen möchte ist, dass wir uns dafür hüten sollten, demagogische Propagandamittel zu benutzen, um die Notwendigkeit der archäologischen Qualitätssicherung „öffentlich“ zu verkaufen, die letztendlich die

Wissenschaftsfreiheit, die gerade für uns selbst besonders wichtig ist, untergraben. Wenn wir für die durchaus notwendige archäologische Qualitätssicherung argumentieren wollen, dann brauchen wir dafür bessere Argumente als hinkende Vergleiche, die noch dazu falsch und ethisch bedenklich sind.

Wer die „Hobbychirurgen“-Metapher dennoch benutzt, hat also entweder nicht ausreichend darüber nachgedacht und plappert bloß gedankenlos etwas nach, was zwar schlau klingt, aber grundfalsch ist; oder weiß, dass die Metapher grundfalsch ist und benutzt sie dennoch, um mit unlauteren, propagandistischen Argumenten Ziele zu erreichen, die mit sachlichen Argumenten nicht zu erreichen sind; oder hat ein unzulässig verkürztes demokratisches Grundrechtsverständnis (VG Wiesbaden 3.5.2000, 7 E 818/00) bzw. ein höchst bedenkliches, weil „totalitäres“, Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnis. Egal welchen dieser drei Fehler eine Person, die diese Metapher benutzt, im jeweils konkreten Einzelfall macht: sie disqualifiziert sich selbst als WissenschafterIn, weil keiner davon für WissenschafterInnen akzeptabel ist. Mitläufer, gefährliche Demagogen und Menschen mit mangelndem Respekt für die Rechte ihrer Mitmenschen haben wir – und zwar nicht nur, aber auch, in der Archäologie – schon genug gehabt, gerade im deutschen Sprachraum.

Wir sollten darüber hinaus auch bedenken, dass nicht nur „die HobbyarchäologInnen“ dazu verpflichtet sind, sich an denkmalschutzrechtliche Bestimmungen zu halten, auch wenn sie ihnen nicht passen, wie wir das immer – durchaus zurecht – verlangen, wenn wir gegen „Raubgrabungen“ und sonstige „illegale Archäologie“ wettern; sondern umgekehrt auch wir uns und die – wenigstens in ihren relevanten Inhalten von uns vorgegebenen – Denkmalschutzgesetze sich an die verfassungsgesetzlich garantierten Grund- und Menschenrechte zu halten haben, auch wenn sie uns

im konkreten Fall nicht passen mögen. Denn was auch immer wir im stillen Kämmerlein glauben oder uns wünschen würden: auch wir und die von uns veranlassten Gesetze (siehe Karl 2016a) stehen in modernen, demokratischen Gesellschaften nicht über dem Gesetz, sondern haben sich insbesondere an unsere jeweiligen Verfassungen zu halten. Wir haben eben keine Standesvorrechte, sondern sind

wie alle anderen Menschen auch – vor dem Gesetz allen anderen Menschen gleich.

Das bedeutet nicht zuletzt, dass wir auch akzeptieren müssen, dass die archäologische Forschungsfreiheit kein Privileg graduierter, promovierter oder gar habilitierter ArchäologInnen ist, sondern sich alle Menschen auf sie berufen können, wenn sie archäologische Forschung – und zwar selbstverständlich auch archäologische Feldforschung – betreiben wollen. Selbst wenn das für „die Archäologie“ schlecht sein sollte: alle Menschen haben ein Recht darauf; wir hingegen kein Recht, ihnen dieses Recht zu nehmen. Und ob es tatsächlich so unerträglich schlecht für „die Archäologie“ ist, dass man sich deswegen große Sorgen machen oder gar anderen Menschen Grundrechte entziehen müsste, lässt sich anhand des Beispiels von Großbritannien, wo jeder (außer auf unter Denkmalschutz stehenden Bodenflächen) frei der archäologischen Feldforschung nachgehen darf und trotzdem „die Archäologie“ nicht untergegangen ist, wenigstens stark bezweifeln.

Nehmen wir über 99,9% (Aitchison et al. 2014, 19) aller Menschen dieses Recht – ob nun dadurch, dass wir, wie das österreichische Bundesdenkmalamt, das örtlich geltende Denkmalschutzgesetz so auslegen, als ob jede Art archäologischer Feldforschung nicht graduierten ArchäologInnen komplett untersagt wäre, auch wenn das rechtlich gar nicht der Fall sein kann (Karl 2016a); oder dadurch, dass wir, wie manche deutsche Landesämter für Denkmalpflege, angeblich „notwendige“ Ausbildungen von „Ehrenamtlichen“ derart verknappen, dass die, die innerhalb des örtlich geltenden gesetzlichen

Rahmens ihren archäologischen Feldforschungen nachgehen wollen, jahrelang darauf warten müssen, sie absolvieren zu können – dann sind nicht jene, die sich nicht an unsere Auslegung der von uns vorgegebenen Denkmalschutzgesetze halten, die „bösen“ Rechtsbrecher, sondern wir, weil wir die (weit wichtigeren) Verfassungsgesetze brechen, die diesen „HobbyarchäologInnen“ das Recht auf freie archäologische Feldforschung einräumen. Wir sollten also weit vorsichtiger sein, wen wir des

kriminellen“ Handelns beschuldigen, als wir es normalerweise sind; weil es sehr gut möglich ist, dass es nicht „die“, sondern „wir“ sind, die die weit schwereren „Verbrechen“ begehen.

Dass wir uns dank des „autorisierten Denkmaldiskurses“ (Smith 2006, 29-34) die Macht dazu angeeignet haben, in der Praxis jenen, die wir aus „unserem Wirkungsbereich“ ausschließen wollen, auch tatsächlich (und oft mit Unterstützung durch die Gerichte, die wir zu diesem Zweck auch gerne einmal mit Halb- und Unwahrheiten täuschen; siehe Karl 2016a) ausschließen zu können, macht das um nichts besser, sondern nur noch schlimmer. Denn unrechtmäßig angeeignete Macht auch noch zu missbrauchen, weil man es kann, zeugt keineswegs von der „moralischen“ Überlegenheit, die wir so gerne für uns in Anspruch nehmen, sondern nur von jener moralischen Korruption, die auch unsere fachlichen Ahnen im dritten Reich charakterisiert hat und die nahezu immer mit (zu viel) Macht einhergeht.

Ende Teil IX

Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer (Teil 2)

Samstag, 08. April 2017

Nisut (AUS) und Priesterschaft

Vielen modernen Heiden sind hierarchische Strukturen natürlich ein Greuel, daher möchte ich hier kurz auf die Organsiationsstruktur des House of Netjer eingehen. Da in der altägyptischen Religion wie auch in der Kemetischen Orthodoxie zwischen Staatskult und privatem Kult unterschieden wird, ist für ersteren eine priesterliche Struktur erforderlich um den entsprechenden Staatskult zu verrichten. Dieser dient dazu das kemetische Volk, dass ja nicht mehr geographisch sondern rein virtuell besteht, zu schützen und mit dem Segen der Götter zu versorgen. Nisut (AUS) -mit diesem Titel wird Rev. Tamara Siuda angesprochen, was soviel wie „Pharaonin“ oder „Königin“ bedeutet- fungiert dabei als oberste Priesterin, ähnlich wie der Papst für die katholische Kirche. Der Pharao bzw. die Pharaonin ist der Träger des „königlichen Ka“ also des Ka des Horus, damit sich die göttlichen Kräfte auf Erden für alle Menschen manifestieren können.

Politische Aufgaben sind damit freilich nicht mehr verknüpft, weil Kemet als Staat nicht mehr existiert. Die Priester und Priesterinnen sind dabei sozusagen der verlängerte Arm der Nisut, denn sie kann ja nicht überall gleichzeitig sein. Man legt auf eine umfassende, jederzeit verfügbare Betreuung größten Wert und diese Aufgabe übernehmen vor allem die Priester und Priesterinnen. Im Tempel in USA selbst gibt es natürlich auch noch Priester die unmittelbar an den Kulthandlungen teilnehmen, die außerhalb des Internets stattfinden.

Das Amt der Nisut ist also ein rein dienendes Amt zum Wohle aller Kemeten, die sich dem House of Netjer angeschlossen haben. Davon vollkommen unabhänig ist der private Kult. Jedes Mitglied der Kemetischen Orthodoxie kann ganz wie es ihm gefällt Kontakt mit den Göttern aufnehmen und seinen privaten Kult betreiben. Priester wie Nisut, oder auch andere erfahrene Remetj stehen einem dabei über die bekannten Medien jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung oder auch einfach nur zum lockeren Austausch.

Die Pharaonin Hatschepsut, ca. 1473-1458 v.Chr.

Aufnahme in das House of Netjer

Gegen Ende und mit Abschluss des „Beginner’s course“ wird man einige Male gefragt, ob man nun bereit ist Remetj zu werden. Hierzu erhält man nochmals großzügige Bedenkzeit, füllt nochmals einen Fragebogen aus und spricht auch nochmal persönlich in einem Einzelgespräch mit der betreuenden Priesterin, hat die Möglichkeit Feedback bzgl. des Kurses zu geben, Fragen zu stellen und persönliche Eindrücke zu schildern. Stimmt man nun dem Eintritt zu, werden nochmal alle Bewerbungen von Rev. Tamara L. Siuda geprüft und nach 2-3 Wochen erhält man ein persönliches Willkommensmail als neuer Remetj. Dem folgen noch weitere Mails verschiedener Priester mit interessanten Informationen über Online-Veranstaltungen wie Themen-Chats, abermals neue Forenbereiche oder aktuelle News aus dem House of Netjer, welches sich laufend für die kemetische Gemeinschaft im hohen Maße engagiert und wertvolle Informationen bereitstellt.

House of Netjer, Illinois/Chicago

Was hat sich für mich geändert seit ich Remetj bin?

Da ich bereits vorher Kemetin war, hat sich in meinem Alltag nicht allzu viel für mich geändert. Ich habe einige neue Rituale aus der Kemetischen Orthodoxie in meine regelmäßige Praxis mit aufgenommen und empfinde es als positiv Teil einer spirituellen Gemeinschaft zu sein, die mich in keiner Weise einengt, jedoch irgendwie trägt. Ich schaue ab und zu in die Foren, was es Neues gibt, versuche an den Themen Chats teilzunehmen, sofern es mein Terminkalender zulässt, feiere unsere religiösen Feste, genieße den „Service“ immer rechtzeitig über relevante Zeitpunkte informiert zu werden und halte regelmäßigen Kontakt zu einigen anderen Mitgliedern, die mir persönlich ans Herz gewachsen sind und zu Freunden geworden sind.

Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte man eine große Familie in der ganzen Welt verstreut mit vielen entfernten Brüdern und Schwestern. Unsere Nisut ist eine überaus mütterliche, herzliche, liebevolle und engagierte Person, so dass man sich trotz aller Virtualität ein bisschen im House of Netjer zu Hause fühlen darf. Ich glaube, wenn Tamara könnte, würde sie am liebsten für jeden höchstpersönlich da sein und manchmal mache ich mir ernsthaft Sorgen um sie, ob sie sich nicht ein bisschen übernimmt. Aber es sieht so aus, als haben sie die Götter tatsächlich mit einem derart großen Maß an Kraft gesegnet, dass sie ihr Amt als Nisut mit bewundernswerter Hingabe führt. Für jemanden wie mich, die in Deutschland kaum Anschluss an die Heidenszene hat und als Kemetin eher ein Außenseiterdasein fristet ist das wirklich etwas durchweg Schönes.

 

Fotos: Wikimedia Commons, Google Street View