Archiv für September 2017

Editorial

Samstag, 30. September 2017

Well met, alle zusammen!

Warm scheint noch die Sonne (wenn es auch schon eindeutig früher finster wird und die Nächte schon empfindlich kalt sind) – Herbst von seiner schönsten Seite (danke fürs Bild, XVII!)

Das neue Märchen von Veleda Alantia „Samhain“ bietet schon einen Vorgeschmack aufs letzte Erntefest in diesem Jahr.
In den Aussichten und Einsichten bringen wir Euch den Teil III von Satis Reihe zum Thema „Heilung und Heilkunst„.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns Eure Kommentare oder die eine oder andere ArtikelSpende!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Heilung und Heilkunst – Teil 3

Samstag, 30. September 2017

Stichwort Blockaden

Ein weiterer „Evergreen“ der virtuellen Heilerszene ist, dass Blockaden grundsätzlich und immer gelöst werden müssen. Es gibt wohl kaum eine Heilmethode, die sich so sehr mit grob- und feinstofflichen Blockaden auseinandersetzt wie die Osteopathie. Ganz gleich ob es sich um handfeste Gelenksblockaden handelt oder um eingeschränkte Dynamiken, der verschiedenen Zirkulationen und Rhythmen des Menschen wie etwa in der Kraniosakralen Therapie. Ob eine Blockade aufgelöst werden muss, hängt immer davon ab was wie bewirkt. Sie kann sowohl schaden und freien Fluss behindern, als auch stabilisieren und kompensativen Halt bieten. Menschen bestehen im körperlichen, psychischen wie auch im spirituellen Bereich oft aus einer Vielzahl von Kompensationen, die sogar ganz wunderbar funktionieren. Es ist Teil unserer menschlichen Natur und Ausdruck von Gesundheit überhaupt kompensieren zu können. Kompensation ist also mitnichten ein Zeichen von Krankheit, sondern ein Zeichen von Gesundheit.

„Road Closed sign along Nevada State Route 317“ von Famartin, Wikimedia Commons

Manchmal besteht eine Kompensation darin eine „Blockade“ aufzubauen um durch ein kleineres Übel ein größeres zu verhindern oder zumindest in Schach zu halten. Wenn ich als Therapeut nun dem Klienten diese wichtige Stabilisierung wegnehme, in der festen Überzeugung, dass Blockaden grundsätzlich aufgelöst werden müssen, bewirke ich unter Umständen eine völlige Destabilisierung des gesamten Systems und einen noch viel größeren Schaden. Das kann man – mit entsprechendem Können – natürlich auch bewusst wagen um dann hinterher das Gesamtsystem neu zu sortieren, aber die meisten scheinen ihre Klienten an genau diesem Punkt mit stolzgeschwellter Brust ob der Destabilisierung (und der entsprechenden heftigen emotionalen Reaktion) wieder heim zu schicken ohne sich der unliebsamen Arbeit anzunehmen, die nun eigentlich beginnen würde. Nämlich den Scherbenhaufen aufzusammeln und daraus brauchbare neue Konzepte zu bauen.

Körper und Seele

Ein Begriff, der bei oft mangelnder Kenntnis beinahe inflationär benutzt wird, ist die Psychosomatik. Viele scheinen unter Psychosomatik die wissenschaftliche Variante von „alles ist Geist, also auch jede Krankheit“ zu verstehen, dabei ist die Psychosomatik eigentlich ganz klar definiert. Zu meinen Patienten zählen auch Ärzte und mit einer Fachfrau für Psychosomatik durfte ich mich einmal ausgiebig über diesen Bereich unterhalten. Psychosomatik bedeutet, dass der Körper organisch gesund ist, aber der Patient aufgrund einer sogenannten Somatisierungsstörung, die Bestandteil von unterschiedlichen psychischen Krankheitsbildern ist, Symptome entwickelt. Hier sei nochmal betont: der Körper ist dabei vollständig intakt! Wer also Krankheitsbilder, die mit einer echten Gewebeschädigung einhergehen, wie Krebs, Magengeschwüre oder Bandscheibenvorfälle als psychosomatisch bezeichnet, der irrt gewaltig und begibt sich mitunter auf gefährliches Terrain, wenn er glaubt den Umkehrschluss ziehen zu können, dass Krebs durch viel Gedankenkraft heilbar ist. Der sogenannte Placeboeffekt ist alles andere als ein Kraft des Geistes herbeigeführtes Wunder, sondern ein Phänomen des menschlichen Körpers, der biochemische und immunologische Prozesse umfasst, die bis heute noch nicht vollständig, aber immerhin teilweise erforscht sind. Sicherlich ist hier Gedankenkraft beteiligt, denn diese nimmt unmittelbaren Einfluss auf das Nervensystem und den Hormonhaushalt, aber deswegen ist das noch lange keine Zauberei. Während die Schulmedizin dies als ebensolche und als Täuschung weitgehend von sich weist, springen die alternativen Heiler nur allzu gern aber oft  unreflektiert darauf an, eben WEIL es wie Zauberei erscheint. Fachärzte für Psychosomatik, sind die Experten, die sich mit diesen Prozessen bis ins Detail auseinandergesetzt haben und wissen, wie sie diesen Effekt in die richtigen Bahnen lenken können um einen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Das sollte aus meiner Sicht auch ein spirituell orientierter Heiler anstreben ohne sich den Zaubererhut aufzusetzen.

The Soul Hovering over the Body von Robert Blair, Wikimedia Commons

„Energien“

Besonders konfus wird es immer, wenn es um den Begriff „Energie“ geht. Einer genauen Definition des Begriffes, will sich auch hier niemand so recht widmen und es wird sehr selbstverständlich davon ausgegangen, dass man immer irgendwie Energie „reinstecken“ muss. Natürlich gibt es unterschiedliche Imaginationsbilder von Energie zB. als „weißes Licht“ oder „grüner Strahl“ bis zu „leuchtende Glitzernebel“ oder ähnliches, aber was diese Energie wo genau macht, scheint keiner so genau zu wissen, wohl aber was sie idealerweise machen SOLL und das ganz allgemein und meist sehr schwurbelig. Ob sie das dann auch tut, wird selten überprüft.

In der Osteopathie zB. haben wir sehr viele verschiedene Ausdrucksformen der körperlichen und seelischen Energie, die sich in verschiedensten Rhythmen und Dynamiken ausdrückt und von einer großen Zahl osteopathischer Gründerväter bis ins Detail nach jahre- und jahrzehntelanger Forschung beschrieben wurde. Und sie ist vor allem eins: spürbar. Es erfordert zum Teil sehr viel Übung bestimmte Rhythmen zu spüren, aber es ist möglich. Es wurde unermüdlich geforscht und mit Studiengruppen experimentiert und quergecheckt, bis man sich auf bestimmte Ordnungen und Normen festlegte. Dazu gehören Dinge wie die sog. intrinsischen Eigenbewegungen der Organe, der sogenannte PRM oder „Kraniopuls“, der Atemrhythmus, die Bewegungen des Flüssigkeitskörpers genannt „Fluida“ usw. Sogar wie der Nahrungsbrei durch den Verdauungstrakt rutscht, die Lymphe durch das Gewebe zirkuliert oder das Blut durch die Adern fließt hat eine ganz spezifische Art sich zu bewegen, sonst wäre das so reibungslos gar nicht möglich und wir würden innerhalb weniger Augenblicke an multiplen Blutgerinnseln oder Darmverschlüssen sterben.

Bergbach, Foto: Sati

Leben ist Bewegung und Bewegung ist der Ausdruck von Lebensenergie, zumindest sieht das die Osteopathie so. Wird diese Energie blockiert oder behindert kann es freilich zu einer Unterversorgung oder Energielosigkeit in bestimmten Bereichen kommen, genauso kann und wird es aber auch zu einem Übermaß oder Stau in anderen Bereichen kommen. Wenn ich einen Gartenschlauch zu halte, kommt vorne kein Wasser raus und wenn der Gartenschlauch ein bisschen spröde ist, dann platzt er sehr wahrscheinlich vor dem Knick. Da hilft es auch nicht, wenn ich den Wasserhahn noch mehr aufdrehe, selbst wenn dann vorne vielleicht ein bisschen Wasser herauströpfeln mag, der Druck für den Schlauch vor dem Knick kann trotzdem zu groß sein und enormen Schaden anrichten.

Bei der Arbeit mit Energie geht’s vor allem um eins: Die Kunst des sinnvollen Ausgleichens.
In der Osteopathie fassen wir das unter dem Schlagwort „Salutogenese“ zusammen, das heißt wir suchen nicht das was krank ist – das wäre Pathogenese (von „pathos“=Leiden) – wir suchen das was bereits oder noch gesund ist und versuchen dieses „gesund“ auszuweiten und mit den erkrankten Anteilen in Verbindung zu setzen. Das funktioniert auf der körperlichen Ebene ebenso wie auf der seelischen. Statt in den Schwächen und Verletzungen herum zu bohren und zu riskieren, dass wir Patienten retraumatisieren – also erneut und noch mehr verletzen –  fragen wir, „Wo geht es Dir gut? Was kannst Du? Wo bist Du stark?“ und diese Eigenenergie kann man wunderbar nutzen um die Dinge zu heilen, die nicht so gut funktionieren ganz ohne etwas Fremdes in den seelischen und körperlichen Organismus hineingeben zu müssen in der naiven Annahme, dass die Energie dann schon weiß, was sie genau tun muss. Selbst bei Klienten/Patienten mit einem echten Energiemangel, wird ein Osteopath bestrebt sein, dessen eigene Fähigkeit sich selbstständig mit Energie zu versorgen wieder herzustellen anstatt ihm irgendeine Form von Energie einzuflößen.

Im nächsten und letzten Teil wird es vor allem um unterschiedliche Fallgruben im direkten Umgang mit Klienten oder Patienten gehen. Denn gerade in puncto Selbsteinschätzung kann man einigen Irrtümern erliegen.

Samhain – Märchen, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 30. September 2017

Diese Geschichte wurde mir auf einem stillen Friedhof anvertraut. Er liegt mitten im Herzen einer lebendigen Stadt. Die Naturwesen wachen über jenen Ort der schon seid 189 Jahren existierte. Freud und Leid hatte er gesehen. Geheimnisse und Offenbarungen lagen unter dem Stein der teils kunstvollen Grabmäler. 

Der Herbst hatte das Land in seine Umarmung gezogen. Blätter fielen und bildeten eine Decke auf so manches Grab. Was die geschäftigen Menschen nicht mehr wahrnehmen konnten war, daß die Toten nicht immer tot blieben. Gerade in den Zeiten zwischen den Zeiten, wo Leben und Tod sich die Hände zum Tanzen reichten, wenn die Nebel manch Sehenden alte Magie neu offenbarten, dann kamen sie als Geister zurück. Viele bedauerten nicht mehr am Leben zu sein, wollten sich nicht fügen.

Frau Tod ging umher und bot jedem ihre Gaben an. Vergessen und Wiedergeburt..aber auch Treffen mit ihren Familien schenkte sie her. So wie sie Königin des Todes war,  so war sie zugleich auch Herrin des Lebens.

An einem Mausoleum angelangt sah die Göttin eine junge Tote. Sie weinte bitterlich, knickste vor der Göttin. “Warum weinst du Kind?” fragte die Todesfrau voller Mitgefühl. “Ich vermisse meinen Liebsten so. Oh Herrin..könnte ich ihn doch nur einmal im Fleische sehen.” Das Herz der Göttin war nicht aus Stein und so schenkte sie ihr die Stunden von Samhain als Lebende.

Ihre Seele, nun in Fleisch und Spitze gekleidet, fand das Haus ihres einstigen Geliebten. Mit flatterndem Herzen klopfte sie an die Tür und eine schöne Frau öffnete ihr.

“Ich suche den Herrn des Hauses…Ich..war..bin seine Verlobte.” Die Frau runzelte die Stirn. ”Das kann nicht sein. Ich bin seine angetraute Frau. Sie müssen sich irren.”

Das Herz der jungen Toten brach entzwei. Sie stiess einen Fluch aus. Da sie früher eine Hexe gewesen war bekam ihr Fluch mit dem Wort der Macht, in Zorn ausgesprochen, erst recht Kraft und  Gewicht.

Danach stürzte sie sich in einen Fluss wodurch sie zweifachen Frevel begang.

Die Göttin aber liess das nicht gelten. Den Fluch wandte sie in Segen um. Denn der Mann hatte seine verstorbene Verlobte nie vergessen und hielt regelmässig am Grab Zwiesprache.

Der Toten jedoch..nun in den Mantel des Hasses gekleidet, erwartete ein andres Schicksal.

“Vergangen hast du dich an meinen Geschenken. Sowohl das geheime Wort als auch der Fluch war nicht dein Recht. Mein Urteil lautet…du wirst erst dann wieder Ruhe finden wenn du diese Familie, die deine hätte sein können, beschützt. Als Schutzgeist wirst du wachen bis deine Schuld abgegolten ist. Deine Kraft nehme ich dir nicht, denn ich stehe zu meinen Geschenken. Beobachte das Leben. Und sieh was geschieht.”

Die Jahre vergingen. Das Leben ging seinen Lauf im Lebenskreis. Die Tote war eine gute Schützerin und die Familie lauschte auf ihre lautlosen Ratschläge und Weisungen. Auch wurde das Grab gehegt und oft Zwiesprache mit ihr gehalten. So waren Leben und Tod statt durch einen Fluch, in tiefster Magie verbunden.

Autorin: Veleda Alantia
Bilder: Veleda Alantia

Editorial

Samstag, 23. September 2017

Well met, alle zusammen!

Diesmal kann ich Euch ein wunderschönes Bild mitschicken, auf dass mich eine gute Bekannte in den Niederlanden hingewiesen hat. Die Malerin ist ihre Schwester, Carina – vielen Dank für die BildSpende!
Zwar schon kleiner Anklang an Samhain aber ich finde es auch für die Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche durchaus passend.

 

copyright Carina Dumais

In unserem heutigen Update findet Ihr einen sehr aktuellen Artikel von Sati, „Heiliger Kakao – Ein Stoff der Liebe?“ – scheint ja auch gerade ein neuer Trend zu werden, von Kakaoritual bis Kakao geschnupft …
Als zweiten Artikel setzen wir die „NATuQuTAN“ Serie von Magister Botanicus fort, mit dem Teil VIII.

Wieder möchte ich Euch einladen dem WurzelWerk und damit auch unseren Lesern, Eure Gedanken oder Erkenntnisse zukommen zu lassen, weil unsere Vielfalt genau davon abhängt!
Ansonsten wünsche ich, wie immer, viel Lesevergnügen und ein ausgeglichenes Jahreskreisfest.

Bright blessings
Anufa

Heiliger Kakao – Ein Stoff der Liebe?

Samstag, 23. September 2017

Ein neuer Trend in der Neoschamanenszene ist in letzter Zeit im Kielwasser der sich häufenden Ayahuasca Zeremonien zu bemerken. Wer einen nicht ganz so psychedelischen, milden Rausch bevorzugt und eine wohlschmeckende Variante dem bitterem Pflanzengebräu vorzieht, der probiert die Kakaozeremonie. Zentrum dieses neuen Trends scheint Berlin zu sein, wo der selbsternannte Kakao-Schamane Keith dieses spirituelle Happening anbietet. Auch die Partyszene soll davor nicht halt gemacht haben, die sanft anregende Wirkung des Kakaos, die weit länger hält als das Koffein der Energydrinks soll für Ausdauer beim Feiern sorgen.

Kakaofrüchte; Foto: Rhaessner, Wikimedia Commons

Was ist eigentlich drin im Kakao?

Tatsächlich enthält Kakao Wirkstoffe, die eine anregende, pulsbeschleunigende Wirkung haben. Allen voran ist hier das Theobromin von größtem Interesse, das in einer Konzentration von 1,2% in der Kakaobohne zu finden ist. Theobromin ist dem Koffein chemisch nicht unähnlich hat aber eine beinahe konträre Wirkung. Im Gegensatz zu Koffein wirkt es gefäßerweiternd, harntreibend und entspannend auf die glatte Muskulatur, also auf den Verdauungstrakt. Außerdem wirkt es in höheren Dosen pulsbeschleunigend, was als anregende Wirkung empfunden wird. In der modernen Pharmakologie hat es kaum Bedeutung lediglich bei Pferden wird es als Dopingsubstanz angewendet. Für Hunde und Katzen dagegen ist Theobromin giftig.

Neben dem Theobromin enthält Kakao auch noch Serotonin und Dopamin, die beide anregend und stimmungsaufhellend wirken würden, nur leider sind die beiden Moleküle so groß, dass sie die Bluthirnschranke nicht passieren können und die gewünschte Wirkung wahrscheinlich äußerst überschaubar bleibt. Serotonin wirkt durchaus auch in der Körperperipherie, allerdings besteht die Wirkung vor allem darin Übelkeit und vermehrte Darmbewegungen zu verursachen.

Kakao enthält aber auch die Serotoninvorstufe Tryptophan eine Aminosäure, die die Blut-Hirn-Schranke passieren kann und von der Hirnanhangdrüse in Serotonin umgewandelt werden kann. Die Passage funktioniert dann besonders gut, wenn mit dem Tryptophan auch Zucker aufgenommen wird und anschließend sofort irgendeine Form von körperlicher Aktivität folgt. Die stimmungsaufhellende Wirkung von Schokolade erklärt sich auf diese Weise. Abends eingenommen bewirkt Tryptophan eher Schläfrigkeit, da es vorzugsweise in das Schlafhormon Melatonin umgewandelt wird.

Auch der hohe Magnesiumgehalt hat eine relaxierende Wirkung auf die Muskulatur und gilt als nervenstärkend insbesondere zusammen mit den B-Vitaminen. Kakao ist also definitiv ein gesundes Lebensmittel. In der Schwangerschaft konsumiert, senkt es sogar das Risiko einer Präklampsie.

Kakao in Maya Schrift, Wikimedia Commons, Bild: VVVladimir

Mythologie des Kakaos – Blutopfer und kriegerische Götter

Der Name des Kakao stammt aus dem Nahuatl, der auch heute noch gesprochenen Sprache der Azteken, von dem Wort „cacahuatl“. Es bedeutet „bitteres Wasser“. Es stammt von einer Pflanze namens Theobroma cacao, dem Kakaobaum, ein Malvengewächs.

Den Berichten über die heilige Kakao Zeremonie ist nun zu entnehmen, dass ein indigener Mythos erzähle, „dass, wann immer das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur bedroht ist, der Geist des Kakaos aus dem Regenwald kommt, um die Herzen der Menschen zu öffnen und den Planeten wieder in einen Zustand der Harmonie zu begleiten.“ Kakaozeremonie bedeute Heilung durch Liebe, heisst es dort.

Menschenopfer bei den Azteken, Wikimedia Commons, Darstellung aus dem Codex Magliabechiano

Die historische Realität sieht leider ein wenig anders aus. In der Maya Mythologie wurde Kakao den Menschen von der gefiederten Schlange gegeben, die mit dem Gott Quetzalcoatl assoziiert wird. Bei den Azteken gibt es einen ähnlichen Mythos der besagt, dass Kakao vom gleichnamigen Quetzalcoatl, einem wichtigen Schöpfer- und Weltengott, entdeckt wurde. Bei den Maya wurde alljährlich zu Ehren des Gottes Ek Chuah, auch bekannt als der „schwarze Kriegsherr“ oder der schwarze Skorpion“, ein Fest gefeiert bei dem traditionell eine Hund geopfert wurde, der vorher mit Kakao bemalt war, sowie weitere Tiere. Bei den Azteken wurden Quetzalcoatl zu Ehren Priestern die Ohrläppchen durchbohrt um den Kakao mit Blut zu benetzen und anschließend dem Gott zu opfern. Für Frauen und Kinder, so glaubte man, sei Kakao giftig.

Diese sehr archaischen Rituale waren durchaus üblich in den frühen mesoamerikanischen Kulturen. Der Mythologie zufolge standen die Menschen in der Schuld der Götter, die für das Fortbestehen der Welt und der Menschen ihr eigenes Leben hingaben. Man vermutet dass der Brauch Menschen und auch Tiere zu opfern, daher stammt. Das frische Blut sollte die Lebenskraft der Götter anregen und damit den Weltuntergang auch künftig verhindern. In Nahuatl heißt Opfer „Nextlaoalli“, was wörtlich übersetzt “die Schuld bezahlen” bedeutet.

Kakao war kein Grundnahrungsmittel, sondern vor allem eine Opfergabe an die Götter und ein Ritualtrunk. Kakaobohnen wurden u.a. auch als Währung verwendet.

Kakao heute – Sklaverei und Cadmium

Über die spanischen Eroberer kam Kakao auch nach Europa. Als die Azteken in einem blutigen Krieg von den Spaniern besiegt wurde, fand das „braune Gold“ schnell Anklang als Exportgut. Bereits zur Kolonialzeit wurde Kakao mithilfe von Sklavenarbeit für den europäischen Markt angebaut.

Auch heute ist Kakao neben Kaffee ein wichtiger Exportstoff von Entwicklungsländern. Insbesondere in Westafrika wird Kakao auch mit Hilfe von Kinderhandel und -sklaverei angebaut. Kleinbauern und Landarbeiter müssen oft weit unter dem Existenzminimum für den Anbau arbeiten. Gerade bei Kakao lohnt es sich also auf FairTrade Produkte zurückzugreifen.

Kinderarbeit in Afrika, Wikimedia Commons, Foto: Julien Harneis

Kritisch ist häufig auch die hohe Cadmiumbelastung des Kakaos, der aus dem Böden stammt, wo Kakao angebaut wird. Im Moment gibt es dafür noch keine Grenzwertregelung. Das gleiche gilt auch für Pestizide, die in hohem Maße eingesetzt werden, das trifft nicht nur die Kakaokonsumenten sondern in hohem Maße auch die Plantagenarbeiter.

Kakao – ein Stoff der Liebe?

Die biochemische Wirkung des Kakao ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber der Mythos, der darum geschürt wird, ist leider als weitgehend erfunden einzustufen. Auch die menschenunwürdigen Anbaubedingungen wirken im Zusammenhang mit der propagierten „Liebe der Götter“ fast ein wenig zynisch. Ob das der ideale Stoff ist um „sein Herz zu zentrieren“ wie es der Erfinder dieser Zeremonien verspricht bleibt mehr als fraglich.

Wer sich übrigens über die moderne Mexika („aztekische“) Tradition informieren möchte, dem sei dieses Interview mit einem modernen Mexika Paganen empfohlen:

Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus