Archiv für den 04. November 2017

Editorial

Samstag, 04. November 2017

Well met, alle zusammen!

Zumindest das große Trick-or-Treat ist wieder einmal Geschichte, in Österreich dürfte das Vermummungsverbot auch für einen Tag aufgehoben gewesen sein und damit kann alles wieder seinen gewohnten Gang gehen. Ich warte mit Samhain noch bis es sich auch nach Samhain anfühlt …

Das – für mich sehr treffende – Bild heute ist eine Spende von XVII. Vielen lieben Dank!

Into the Dark copyright XVII

In unserem heutigen Update kommt wieder einmal Damh, the Bard zu Wort (dessen Artikel ich übersetzen durfte!) „Die schönste Zeit im Jahr …“ und der sich so seine Gedanken zu Samhain macht.
Als zweiten Teil unseres Updates darf ich Euch diesmal einen Blick von Uwe auf das Thema „Meditation“ ans Herz legen.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns Eure Kommentare.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Meditation? Um Gottes Willen… Über ein schwieriges Unterfangen – Teil I, geschrieben von Uwe

Samstag, 04. November 2017

Vorsicht, könnte Spuren von Sarkasmus und Ironie beinhalten

Meditation? Ich ertappe mich in den meisten Fällen tatsächlich dabei, dass ich „meditiere“ wenn ich meditiere.
Ja genau, ich tu dann „meditieren“.
Dann sitz´ ich auf einem Kissen rum, hab´ die Beine verschränkt und meditiere.
Dass sieht, so glaube ich, von außen betrachtet fantastisch aus.
Phänomenal.
Manchmal setz´ ich mich vor einen großen Spiegel um mich selbst zu bewundern.
Zumindest wenn andere mich sehen, spüre ich deren bewundernde Blicke auf mir ruhen.
Das macht mich dann erst recht meditierend.
Und dann die Kommentare.
„Oh, du meditierst. Toll. Ja, so die Ruhe weg zu haben, dass muss toll sein“, höre ich dann.
Oder auch „Ich könnt nicht mal zwei Minuten still sitzen. Also, dass du da rumsitzt und so meditierst das finde ich unheimlich gut“.
Und „Ich habe dich vorhin so sitzen sehen und das sah so ruhig und toll aus. Aber ich könnte das nicht, ehrlich, das wäre mir zu schwer. Ich würde nicht mal die Beine so toll hinbekommen“.
Oh Gott, denke ich dann in einem lichten Moment.
Was bin ich für ein Scharlatan.

Überhaupt, wer hat jemals behauptet, Meditation sei leicht? 

Oder dass sie so einfach funktioniert, wie sie beschrieben wird?
Wie viele Leute, so frage ich mich manchmal, meditieren wohl wirklich und reden nicht nur drüber? Oder tun nur so.
Und wenn ja, wie oft „tun“ sie es? Und wie lange?
Keine Ahnung.
Ob es wohl eine Statistik der durchschnittlichen Meditationsdauer bei deutschen Buddhisten gibt?
Eher nicht, aber wahrscheinlich meditieren alle viel mehr als ich.
Aber was ist viel? Was wenig?
Zwanzig Minuten morgens? Oder Abends? Oder vielleicht morgens und abends? Oder vielleicht sogar 30 Minuten? Eine Stunde …
Klar.
Ich Buddhist, meditiere …
Grunz.
Zu Hochform laufe ich auf wenn Leute mich fragen. „Wie ist das mit der Meditation? Wie geht das? Kannst du das mal erklären? Sieht so einfach aus, obwohl das mit dem Sitzen würde ich glaube ich nicht hinkriegen… aber so ein bisschen Ruhe, das wäre schon was Tolles“.
Manche Leute stellen viele Fragen.
Dann sagt man, ja, es ist toll, so ein bisschen Ruhe reinzubekommen.
Nur welche Ruhe?
Manchmal möchte ich dann eigentlich so richtig losbrüllen.
Glaubt bloß nicht, dass es wirklich so einfach ist, die Sache mit der Meditation.

Von wegen „Ruhe“.

Denn irgendwer kommt immer und erzählt irgendeinen Scheiß wie:
„Oh, ich hätte auch gern so einen ruhigen Geist wie du. Ich kann nicht fünf Minuten still sitzen, ständig muss ich an was anderes denken. Irgendwie ist immer was los in meinem Kopf. Wie machst du das nur. Mein Alltag ist da viel zu durcheinander“.
Ha. Das ist es doch.
Warum soll es denn ausgerechnet bei der Übung der „Meditation“ anders sein als im ganz normalen Alltagsleben? Zumindest bei mir?
Die Frage ist doch, fällt es mir im Alltag auf, wenn ich abgelenkt bin durch eine Menge Gedanken? Oder bin ich einfach meist viel zu beschäftigt um das überhaupt zu bemerken?
Warum, Herrgott nochmal, soll also bei der „Meditation“ plötzlich alles anders sein als im „Alltagsleben“? Ich persönlich habe im Leben auch nichts anderes als Alltag. Alle Tage dasselbe. Und meine Meditation ist Alltag.
Ich möchte allen Meditierwilligen und -sehnsüchtigen nur mal auf den Weg mitgeben, wenn euch nach „Ruhe“ ist und ihr es „Schön“ haben wollt, angenehm und friedlich …
… dann ist Kiffen eindeutig besser.

Lasst euch vom Arzt einen Burnout bescheinigen und dann auf Rezept zwei Kilogramm Cannabis. Das ist heute möglich, nur zu.
Und zwar so richtig gutes Gras mit mindestens zehn Prozent THC Gehalt, das stellt fantastisch ruhig.
Dazu noch nen gut gefüllten Kühlschrank um den Heißhunger zu stillen. Dann gibt auch der Bauch endlich Ruhe …
Was auch hilft, um zur Ruhe in den Karton zu kommen ist viel schlafen.
Das hat auch deutlich weniger Nebenwirkungen als das Kiffen.
Autogenes Training kann auch super sein, um Ruhig zu werden.
Was ganz hervorragend ist, ein Schaumbad mit lauschiger Meditationsmusik.
Ich empfehle da Andreas Vollenweiders Harfengepinsel aus den frühen 80-er Jahren, düdeldüdüklimpfklampfklumpf dideldadeldumm, schrummschrummschrumm …
… oder auch gut und modern, Unheilig „Wir sind geboren um zu leben“.
Da kann man sich nämlich gleich ertränken dabei. Wobei zum Ertränken passt dann besser noch Helene Fischers „Atemlos“.
Noch besser ist es, während man so im Schaumbad liegt und Herr Unheilig vor sich hin rülpst oder Frau Fischer keucht den Fön anzumachen und vor sich ins Wasser plumpsen zu lassen.
Dann ist garantiert Ruhe im Kopf, und zwar dauerhaft.
Richtig Ruhe.

RUUUHEEE

Zumindest für dieses Leben.
Ne, also soooo war das nun nicht gemeint, wispern dann einige Tollejünger und säkulare Wellnessbuddhisten.
Ich wollte doch meditie…
Ah, du willst MEDITIEREN.
Na, das ist was anderes. Da geht es darum, was zu erfahren.
Na gut, probieren wir es halt mal aus. Ohne gleich an RUHE zu denken.
Zuerst mal hinhocken, auf ´nen Kissen, mit gekreuzten Beinen.
Wie war das? Sah so schick aus auf den Plakaten der AOK.
Okay, nach einigen Anläufen und Korrekturen bekommst du es tatsächlich hin und dann sitzt du. Auf deinem 20 Zentimeter hohen, mit Haferspelzen gefüllten und obendrauf mit einem OM bedrukten rot-blauen Kissen aus Biobaumwolle aus Bangladesh das du dir extra dafür im Eine-Welt-Laden gekauft hast.
Da hockste dann, okay, du sitzt also, zehn Minuten schon…
… und es klingelt das Telefon.
Verdammt, warum gerade jetzt.
Die letzten fünf Stunden hat es nicht geklingelt, kaum setze mich hin klingelt dieses Scheißding.
Nein, ich bleib hocken.
Es klingelt. Warum geht der Anrufbeantworter nicht dran?
Es klingelt. Muss dringend sein, wer sonst lässt es so lange klingeln.
Dann plötzlich hat es aufgehört. Endlich Ruhe …

Ende Teil I

„Die schönste Zeit im Jahr …“, geschrieben von Damh, the Bard, übersetzt von Anufa

Samstag, 04. November 2017

Das singt die Stimme im Weihnachtsspot, den ich garantiert in den nächsten Wochen zu sehen bekomme. Für viele meiner Freunde ist jetzt aber wirklich ihre Lieblingszeit. Meine ist es nicht aber ich verstehe völlig, warum sie es für meine heidnischen Freunde ist.

Ich mag daran fast alles außer dem plötzlichen Frösteln, das in der Luft hängt. Gestern war es schon da, als wir , unter dem Long Man of Wilmington, den Kreis des offenen Anderida Gorsedd Samhain Rituals geöffnet haben. Zur Herbst-Tag-und-Nachtgleiche ist das letzte Mal, bis zur Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche des nächsten Jahres, dass er die Sonne sieht. Ab Samhain berührt ihn die Sonne kaum mehr. Sein kleiner Teil des Hügels taucht in die Schatten ein, genauso wie es der ganze Hügel tut, auf dem wir für unsere Ritualkreise stehen. In diesem Schatten fühle ich auch die Kälte des Atems der Cailleach. Tritt in den Sonnenschein hinaus und es gibt noch ein bisschen Wärme und das ist, für mich, der Grund, warum ich Samhain nicht so sehr mag.


Sobald der Kreis intakt war, bekamen wir Begleitung von einigen über uns kreisenden Krähenvögeln. An Samhain forme ich den Kreis als Rand des Cauldron of Annwn, auf dem wir alle stehen. Ich lade die Nebel der Anderswelt ein, den Kessel vor uns zu füllen und in diesen Nebel sprechen wir die Namen unserer Lieben, unserer Freunde, Familie und der Ahnen unserer Tradition, die schon vor uns gegangen sind. Während wir in den Nebel eintreten, sprechen wir ihre Namen laut aus, damit sie uns auch hören und wissen, dass wir uns an sie erinnern. Dann teilen wir ein mit ihnen ein symbolisches Mahl, die Leute singen, rezitieren Gedichte und erzählen Geschichten die in die Jahreszeit passen, bevor wir den Geistern danken und den Kreis wieder schließen. Das ist ein sicherer Raum, ein Platz den dem die Tränen vergossen werden können, wenn sie kommen. Ein Platz um den Verlust zu empfinden aber auch die Verbundenheit. Mir wurde einmal erklärt, dass unsere Augen überlaufen, wenn sich unsere Herzen auffüllen. Das ist niemals so wahr, wie im Samhain-Kreis. Wir machen genau dieses Ritual nun seit 17 Jahren. Es fühlt sich schlichtweg nicht richtig an, daran etwas zu verändern. Es tut, was es tun soll. Wir Briten sind eigentlich nicht sehr offen, wenn es um unsere Gefühle geht, aber es ist wichtig tatsächlich zu fühlen. Samhain gibt uns dazu die Gelegenheit.
Ich habe neulich in einigen Blogs und Facebookposts gelesen, dass es historische Beweise gäbe, dass Samhain niemals ein „Totenfest“ gewesen wäre. Das ist mir ziemlich wurscht.Wenn es das nicht gewesen ist, dann hätte es eines sein sollen. Es macht einfach Sinn. Was wir haben sind Wagenladungen voll von Brauchtum, dass uns sagt, dass Feen um diese Zeit des Jahres unterwegs wären – dass der Schleier dünn ist. In der Anderswelt, in Annwn, steht der Kessel der Wiedergeburt. Die Geschichten erzählen, dass diejenigen, die in den Kessel geworfen werden, wiedergeboren würden, aber ohne die Fähigkeit zu sprechen. Das macht auch Sinn. Der Geist der Verstorbenen sollte niemals den Lebenden über das erzählen, was sie gesehen haben. Wenn sie also wiedergeboren werden, dann können sie nicht sprechen, genauso wie Neugeborene nicht sprechen können. Vielleicht sind diese ersten Schreie der Kinder, „Oh Götter! Ich glaubt nieee wo ich gerade gewesen bin!! Es war erstaunlich! Verflucht nochmal! Warum versteht mich denn keiner!!!“ Alles was wir hören, sind die Schreie von neugborenen Babies … aber das Brauchtum legt nahe, dass der Geist derer, die vor uns gegangen sind, zum Kessel zurück kehren, um wiedergeboren zu werden. Deshalb funktioniert das erstellen eines Kreises und die Nebel zu Samhain zu rufen, wenn die Tore offen sind, für mich hervorragend.

Sobald neue Forschungsergebnisse ans Licht kommen, wird oft angenommen, dass das was wir uns unter einem Fest vorgestellt haben, nicht das ist, was es mal gewesen ist. Ich habe auch oft festgestellt, dass es nicht darauf hindeutet was es tatsächlich war, dass halt unsere moderne Art es zu feiern nicht 100%ig mit der Vergangenheit zusammen passt. Mein Leben unterscheidet sich von meinen eisenzeitlichen Druidenvorfahren. Ich denke, dass sogar wenn es eine ununterbrochene Linie von Samhain-Ritualen bis dahin zurück gegeben hätte, dann hätten wir diese Veränderungen über die Jahrhunderte beobachten können. Ich bin mir 100%ig sicher dass Weihnachten, Ostern, Ramadan, jede dieser Feiern in jeder anderen Religion unserer modernen Gesellschaft, nicht mehr in genau derselben Art gefeiert werden, wie vor 100 Jahren. Aber sie funktionieren für diejenigen, die heute diesen Wegen folgen und das ist, was mir wichtig ist.

Wenn Samhain nicht das heidnische Fest der Toten gewesen sein mag, dann schlage ich vor, dass es das jetzt ist und für die letzten 50 Jahre gewesen ist. Ich habe einen Haufen meines Wachstums als Heide und Druide für den Blick über die Schulter in die Vergangenheit verbraucht. Natürlich ist es wichtig zu wissen, wo man herkommt – die alten Geschichten und Gedichte des Mabinogion und von Taliesin erfüllen mich und es sind großartige Lehrstücke darin enthalten. Aber ich bin weniger von wissenschaftlichen Erkenntnissen beunruhigt, wenn es darum geht, wie wir Dinge wie das Jahresrad feiern. Natürlich ist das immer noch interessant aber ich bin in meiner eigenen, modernen heidnischen Haut sehr glücklich.