Archiv für Dezember 2017

Editorial

Samstag, 30. Dezember 2017

Well met, alle zusammen!

Zwischen den staatlichen Feiertagen und bei erfolgreich gewendeter Sonne – wie das erstaunliche Foto von Sati (vielen Danke für die Spende!!) – bewegen wir uns in Richtung Kalenderjahreswechsel.

Sol invictus copyright Sat Ma´at

In unserem heutigen Update bleiben wir auch bei den Feiertagsthemen. „Ein altägyptisches Weihnachtsmärchen: Isis sucht Herberge“ , wieder ein breit recherchierter Artikel, geschrieben von Sati.
Für alle, die mit den Neujahrsvorsätzen zu Gange sind, eine Spende, von Mike Mandl (Danke Mike!!) „Das Ziel ist der Weg„.

Wir wünschen Euch viel Lesevergnügen und uns Eure ArtikelSpenden, von denen wir hoffentlich im nächsten Kalenderjahr genauso viele bekommen werden wie heuer!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Ein altägyptisches Weihnachtsmärchen: Isis sucht Herberge

Samstag, 30. Dezember 2017

Die Metternichstele aus der 30. Dynastie (380-342 v.Chr.) also zur Regierungszeit des Pharaos Nektanebos II, erzählt eine Geschichte der Isis, die auf den Rat des Gottes Thot hin mit ihrem neugeborenen Sohn Horus in die Sümpfe flieht um ihn vor Seth zu schützen. Seth hat zuvor seinen Bruder Osiris, den Vater des jungen Horus, getötet und trachtet nun auch dem Sohn nach dem Leben um den Thron des Osiris zu erben.

 

Detail der Metternich Stele, Horus, das Kind steht auf einem Krokodil, zwei Schlangen, zwei Skorpione, einen Löwen und eine Oryx-Antilope haltend, Foto: Eb.Hoop, Wikimedia Commons

Detail der Metternich Stele, Horus, das Kind steht auf einem Krokodil, zwei Schlangen, einen Löwen und eine Oryx-Antilope haltend, Foto: Eb.Hoop, Wikimedia Commons

Die Geschichte wird in Ich-Form erzählt, es ist also Isis selbst, die berichtet.

<<Ich bin Isis und floh aus dem Spinnhaus, in das mein Bruder Seth mich gesteckt hatte. Aber Thot, der große Gott, das Oberhaupt der Wahrheit im Himmel und auf Erden, hat mir gesagt:
Komm doch, göttliche Isis! Es ist gut zu hören: Der eine lebt, wenn der andere ihn leitet. Verbirg dich mit deinem Sohn, damit er zu uns komme, wenn sein Körper stark ist und seine Kraft voll entwickelt, auf daß man ihn auf seines Vaters Thron setze und ihm das Amt des Herrschers der beiden Länder verleihe.>>

Isis wird von sieben Skorpionen begleitet, allesamt weiblich, wie den Namen zu entnehmen ist. Skorpione galten als Symbol magischer Heilkunst, die Gifte von Skorpionen und Schlangen beherrschen zu können, galt als heilsame Magie. Nicht umsonst trug Isis den Beinamen „die an Zaubern Reiche“.

<<Und so ging ich zur Abendzeit, und sieben Skorpione gingen hinter mir her, und sie dienten mir: Tefun und Befun dicht hinter mir; Mostet und Mostetef unter meiner Sänfte; Pitet, Titet und Matet sicherten mir den Weg. Ich rief ihnen ganz eindringlich zu, und meine Worte drangen in ihre Ohren:
Kennet keinen Schwarzen, begrüßet keinen Roten, machet keinen Unterschied zwischen vornehm und gering! Haltet euer Gesicht nach unten auf dem Weg! Hütet euch, den zu leiten, der mir nachstellt [Seth], bis wir das „Haus des Krokodils“ erreichen, die „Stadt der beiden Schwestern“ vor dem Sumpfgebiet hinter Buto!>>

Auf ihrem beschwerlichen Weg sucht Isis Unterschlupf bei einer wohlhabenden („verheirateten“) Frau, die die Göttin nicht erkennt und ihr den Einlaß verweigert. Stattdessen findet Isis aber Schutz bei einer armen Frau, die in den Sümpfen lebt. Die reiche Frau wird nun aber für die unterlassene Hilfeleistung bestraft, indem alle Skorpione ihr Gift sammeln, einem einzige Skorpion eingeben und dieser den Sohn der reichen Frau sticht. Außerdem geht ihr Haus in Flammen auf.

Isis lactans, Rollette Museum, Baden NÖ

Feuer und Gift tauchen in den Mythen oft sehr eng verbunden auf, so wird vom Schlangengift auch als Feueratem gesprochen. Vermutlich ist dies auf den oft brennenden Schmerz zurückzuführen, der durch Gifte verursacht wird.

<<Endlich erreichte ich die Häuser der verheirateten Frauen. Aber sobald mich eine vornehme Dame von weitem sah, schloss sie ihre Türe vor mir. Das verdroß meine Begleiter[die Skorpione].
Sie berieten sich miteinander über sie und legten ihr Gift zusammen auf den Stachel der Tefun. Da öffnete mir ein [armes] Sumpfmädchen seine Tür, und wir traten in ihre armselige Hütte ein. Tefun war schon unter den Flügeln der [ersten] Tür hineingeschlüpft und hatte den Sohn der Reichen gestochen. Da brach im Hause der Reichen Feuer aus, und es war kein Wasser da, um es zu löschen.>>

Verzweifelt vor Sorge um ihren Sohn läuft die reiche Frau in der Stadt umher und ruft um Hilfe, doch niemand erhört sie. Durch die laute Klage der reichen Frau wird nun aber doch das Mitgefühl der Isis geweckt, die ja selbst bald Mutter wird, ist sie doch auch die einzige die den unschuldigen Jungen von seiner Qual befreien kann. Sie nimmt sich des Kindes an und befiehlt dem Gift aus dem Körper des Jungen zu fließen und rettet ihm somit damit das Leben.

<<Sie rannte unter Wehklagen durch die Stadt, aber keiner kam auf ihren Ruf herbei. Da ward auch mein Herz betrübt um den Kleinen ihretwegen, weil es [das Herz] den Unschuldigen leben lassen wollte. Ich rief zu ihr: Komm zu mir! Siehe, mein Mund hat Lebenssprüche. Ich bin eine Tochter, in ihrer Stadt bekannt, weil sie das giftige Gewürm mit ihrem Spruche austreibt. Mein Vater hat mich die Wissenschaft gelehrt. Denn ich bin seine geliebte, leibliche Tochter.

Dann legte ich meine Arme auf das Kind, um den Verröchelnden zu beleben [und sagte]:
Gift der Tefun, komm, fließe aus zu Boden! Ich bin Isis, die Göttin, die Herrin des Zaubers, die den Zauber ausübt, glänzend im Beschwören. Jedes beißende Gewürm gehorcht mir. Tropfe herab, Gift der Mostet! Sause nicht herum, Gift der Mostetef! Steige nicht auf, Gift der Pitet und der Titet! Wandre nicht herum, Gift der Matet! Falle also ab, Maul des Beißenden! (…)>>

In diesem Moment erkennt die reiche Frau natürlich die göttliche Kraft der Isis. Aus Dankbarkeit über die Rettung ihres Sohnes vermacht sie nun all ihr Hab und Gut der armen Frau im Sumpf.

<<Das Feuer war erloschen und der Himmel wieder still durch den Ausspruch der Isis, der Göttin. Die Reiche kam herbei und brachte mir ihre Habe und füllte auch das Haus des Sumpfmädchens für das Sumpfmädchen, weil es mir seinen hintersten Winkel geöffnet hatte, während die Reiche krank war vor Leid die ganze Nacht hindurch. Sie hatte die Folgen ihrer Worte zu spüren bekommen: Ich Sohn war gebissen worden. Und jetzt brachte sie mir ihre Habe als Buße dafür, dass sie mir nicht geöffnet hatte.>>

Die Geschichte über die Herbergssuche der Isis hat erstaunliche Ähnlichkeit mit der klassischen Geschichte der Weihnachtsnacht. Auch hier wird das Göttliche, das in menschlicher Gestalt um Einlass bittet verkannt und abgelehnt. Ähnlich wie in der Weichnachtsgeschichte soll auch dieses altägyptische Märchen lehren, dass Götter auch im Mitmenschen in Erscheinung treten können und es daher wichtig ist füreinander zu handeln ungeachtet des sozialen Standes. Dies wird auch in dem Satz “ Der eine lebt, wenn der andere ihn leitet.“ zum Ausdruck gebracht. Mit Leiten ist gemeint, dass derjenige der mehr hat, denen geben soll, die weniger haben oder jene die mehr Macht haben, den weniger mächtigen zur Unterstützung moralisch verpflichtet sind. Denn dadurch „lebt“ der einzelne, das heißt durch diese Handlungsmaxime der vertikalen Solidarität wird eine Gemeinschaft zur Lebensgrundlage des Einzelnen.

Der Gott Horus, Sohn der Isis

Bei der Metternich-Stele handelt es sich um eine magische Stele, deren Inschriften davon handeln Gifte und wilde Tiere zu beschwören um Menschen vor ihnen zu schützen bzw. sie davon zu heilen. So darf auch bei diesem Märchen von einem magisch wirksamen Märchen ausgegangen werden, eine Art erzählerischer Zauberspruch. Die Stele wurde durch das Übergießen mit Wasser aktiviert.

Eine weitere Interpretation der Geschichte der Herbergssuche besagt, dass Horus selbst durch Seth mit Skorpiongift vergiftet wurde und Isis ihn heilt. Der Sinn bleibt der gleiche, es geht also letztlich um die Heilung und Rettung des Horus, damit dieser den Thron des Osiris erben kann und somit die Linie der Königsgenerationen weiterführen kann – ein Garant für Frieden und Gerechtigkeit im Alten Ägypten. Von der Kraft des Horus versprach man sich gleichsam magische Heilung von Giften.

Literatur und Zitate:

  • Emma Brunner-Traut, Altägyptische Märchen: Mythen und andere volkstümliche Erzählungen

Das Ziel ist der Weg, geschrieben von Mike Mandl

Samstag, 30. Dezember 2017

Simon Matzinger

Wer das Setzen von Zielen auf Kosten des Weges vernachlässigt liegt genau so falsch wie die Person, die den Weg auf Kosten des Zieles opfert. Es braucht Ziele. Es braucht Wege. Das ist das Yin und Yang des Gehens…

Im internationalen Ranking gerne zitierter Lebensweisheiten nimmt der dem chinesischen Gelehrten Konfuzius zugeordnete Spruch „Der Weg ist das Ziel“ definitiv einen Spitzenplatz ein, wenn nicht sogar die führende Position. Kein Lebenshilferatgeber kann ohne ihn. Kein Tagessprüchleinkalender kann ohne ihn. Kein Managerseminar kann ohne ihn. Keine von Räucherstäbchen geschwängerte Facebook-Seite kann ohne ihn. Kein es gut meinender, im Endeffekt jedoch tendenziell aufdringlicher, da immer und unaufgefordert mit klugen Ratschlägen um sich schmeißender Halberleuchteter kann ohne ihn.

Natürlich, die Essenz der „Der Weg ist das Ziel“-Aussage hat ihre Berechtigung. Denn der ausschließliche Fokus auf ein Ziel macht uns oft blind für das, was links und rechts neben dem Wegesrand gedeiht. Wer allzu überengagiert die große Karriere, den tollen Erfolg, das ultimative Erlebnis oder die Weltherrschaft anvisiert, dem fällt es oft schwer, den Prozess dorthin zu genießen. Der ständige Fokus auf die Zukunft verhindert die Gegenwart. Permanentes Wollen steht in Opposition zum entspannten Sein. Haben müssen nimmt dem könnenden Werden die Offenheit und den Weitblick, beides immer wieder notwendig, um zu überprüfen, ob der mittels einengender Willenskraft eingeschlagene Weg nicht doch schon längst in eine Sackgasse führt. Oder in den Untergang. Siehe Wirtschaftswachstum. Siehe Finanzsektor. Siehe Bitcoin. Siehe Kapitalismus generell. Ein allzu stur eingebildetes Ziel rechtfertigt jedoch fast jedes Mittel. Hindernisse am Weg werden einfach platt gewalzt. Oft muss sogar die Realität ein bisschen nachjustiert werden, müssen offensichtliche Zusammenhänge ignoriert werden, um überfällige Kurskorrekturen zu vermeiden. Auf Kosten vieler. Auf Kosten vieler Einzelner. Siehe Klimawandel: So schlimm ist das ja gar nicht. Hat es ja schon immer gegeben. Vielleicht ein bisschen extrem zur Zeit, das Wetter und so, aber unsere Öl-Gesellschaft wäscht sich diesbezüglich gerne die schmutzigen Hände mit dem Weihwasser des Konsumdiktats: Profit. Das Ziel um jeden Preis?

Nein. Da tut es dann schon gut, manchmal auch ein bisschen lockerer zu lassen und sich am Geschehen und nicht nur am Ergebnis zu erfreuen. Da ist es hin und wieder sogar mehr als notwendig, stehen zu bleiben und sich umzuschauen, zu reflektieren und sich gegebenenfalls neu zu orientieren. Aber in unserer leistungs- und spaßorientierten Manie wollen wir ja immer nur so schnell wie möglich irgendwo ankommen, egal wo, egal wie. Und haben dabei einfach das Gehen verlernt, weil das ist uns so oder so schon viel zu langsam geworden. Das ist die eine Seite. Die andere Seite?

Das ist die Angst vor dem Scheitern. Die Angst, die Karten wirklich auf den Tisch zu legen. Die Angst, für ein Ziel „all in“ zu gehen. Die Angst, sich mit seinem individuellen Potential aus dem Fenster zu lehnen und dabei abzustürzen. Nur: Wer das Springen nicht riskiert, wird niemals fliegen lernen. In solchen Fällen ist die Huldigung der Weg gleich Ziel Mentalität oft nur eine schöner formulierte Version des guten österreichischen „schaun ma moi, don sehn ma eh“. Sprich: Lieber nicht bewegen, lieber nichts riskieren, lieber einen komfortablen Schaukelstuhl am Wegesrand beziehen und beobachten, was so an Leben und Möglichkeiten an einem vorbeizieht. Gerne wird auch bei den ersten auftretenden Schwierigkeiten einer längerfristigen Wanderung, bei den ersten mit größerem Aufwand zu überwindenden Passagen, bei den ersten mühsamen Anstiegen, sofort das Ziel gegen den Weg eingetauscht. Der Gipfel schön und gut. Aber es könnte ja anstrengend werden. Bedürfnisaufschub und Durchhaltevermögen entsprechen nicht dem Zeitgeist 2.0. Dann schon lieber: Weg mit dem Ziel! Der Weg ist das Ziel. Party am Straßenstand.

Letztendlich verfolgt aber jeder auf seine Art und Weise ein Ziel im Leben. Auch kein Ziel zu haben ist letztendlich ein Ziel. Die Sinnhaftigkeit von Zielen zu negieren ist ein Ziel. Nur am Weg sein zu wollen ist ein Ziel. Nicht-Wollen ist ein Ziel. Nicht-Tun ist ein Ziel. Loslassen ist ein Ziel. Absichtslosigkeit ist ein Ziel. Erleuchtung ist ein Ziel. Das alles immer und permanent in Frage zu stellen ist ein Ziel. Aber welches Ziel auch immer, ob Alles oder Nichts, ob Nichts und Alles, entscheidender sollte vielmehr die Kongruenz des Vorhabens mit dem sein, was man gemeinhin als Innenleben oder von mir aus auch Seele nennt, wohl wissend, dass man auch hier schon wieder eine Grundsatzdiskussion lostreten kann, wenn man das als Ziel hat, weil Kopf ist nicht Herz und Herz ist nicht das wahre Sein und letztendlich sind wir ja alle irgendwie Sternenstaub oder Licht oder Unendlichkeit oder so etwas, ja, sind wir, auf einer absoluten Ebene müssen wir gar nichts, da können wir ruhig im Moment und im Sein und im Nichttun verweilen, aber wir sind auch Lebewesen der Polarität und in dieser sehe ich oft, sorry an dieser Stelle, mehr halbgelebte Halbweisheit als richtiges Wachstum, weil Wachstum heißt, unser Potential, unsere Talente, unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen und das tun wir nur, wenn wir ohne Wenn und ohne Aber ein Ziel verfolgen, eines das Kopf, Herz und Seele gleichermaßen berührt, das Kopf, Herz und Seele zu einer wirklichen Einheit formt, zu einer Einheit, wo die unterschiedlichsten Aspekte unsere Seins lernen müssen, als Team zu funktionieren. Wo kein Platz mehr ist für Nörgeleien oder Widerstand oder aufreibenden inneren Dialog. Wer nicht mitmacht, bleibt zurück, das betrifft vor allem alte Muster, Glaubenssätze und Überzeugungen. Und unter uns: Die meisten nicht wirklich fruchtbaren Ziele der Gegenwart entspringen kollektiven Glaubenssätzen wie: Man muss. Erfolg haben. Ansehen erlangen. Einen Flat-Screen mit 3000 Zoll besitzen. Und so weiter.

Ein gutes, wirklich von Innen kommendes Ziel aktiviert unser gesamtes Potential. Ein gutes, wirklich von Innen kommendes Ziel aktiviert unsere Berufung, unsere Kernfunktion, unsere Bestimmung. Ob das ein Flat-Screen ist, wage ich zu bezweifeln. Ich bezweifle auch, dass es das ist, was wir gemeinhin als Erfolg bezeichnen. Weil gerade in der Erfolgsschicht das Burn Out Symptom wie ein Flächenbrand die letzten Reste der Workaholic-Seelen verbrennt und immer mehr leere Hüllen zurücklässt, die sich zu gar nichts mehr aufraffen können, weder zu einem Ziel. Noch zu einem Weg. Die Karriereleiter ist halt oft ein Ziel, dass alleine dem Kopf entspringt, nicht aber unserem wirklichen Potential entspricht und dementsprechend oft in einer Sackgasse mündet. Viel erreicht, wenig erlebt, wenig gelebt.

Ein gutes Ziel liefert jedoch ein ernsthaft erstrebenswertes Motiv. Und ein ernsthaft erstrebenswertes Motiv ist die Basis einer persönlichen Vision, die dem Schiff der Möglichkeit das Segel setzt, um den sicheren Hafen der Komfortzone zu verlassen und unbekanntes Terrain zu erobern. Ein wirklich gutes Ziel infiltriert, absorbiert und definiert uns zugleich. Ein gutes Ziel eröffnet erst den Weg: Deinen. Meinen. Einen.

Die Sache ist so: Wer also das Setzen von Zielen auf Kosten des Weges vernachlässigt liegt genau so falsch wie die Person, die den Weg auf Kosten des Zieles opfert. Es braucht Ziele. Es braucht Wege. Das ist das Yin und Yang des Gehens. Einseitigkeit bedeutet auf der Stelle zu treten, auch wenn man im Eilzugtempo unterwegs ist. Die Essenz der „Weg ist das Ziel“ Aussage bedeutet nur, uns nicht alleine über das Ziel zu definieren bzw. nicht so sehr am Ziel festzuhalten, dass der Prozess dabei in den Hintergrund gerät. Denn der Prozess ist es, der uns formt, der uns zu dem macht, was wir sein könnten. Das ist der wirkliche Gewinn.

Der Prozess heißt: Den Gipfel niemals aus den Augen zur verlieren. Um ihn zu erreichen, muss man aber vielleicht klettern lernen. Muss man wochenlang eine Schlechtwetterfront im Zelt aussitzen. Muss man hungern, frieren, schwitzen, leiden. Man kann dabei aber auch unvergeßliche Momente erleben. Wie sternenklare Nächte, in denen die Milchstraße den Horizont küsst. Oder Sonnenaufgänge, die zu Tränen rühren. Das ist der Weg. Der Weg, der uns wachsen lässt, der uns teilweise uns hinauswachsen lässt. Ja. Und natürlich: Der Weg ist das Ziel, weil selbst sollten wir 100 Meter vor dem Gipfel umdrehen müssen, haben wir doch viel gelernt und definitiv mehr gewonnen als verloren. Wer sich nur über den Gipfel definieren würde, würde im Fall eine Niederlage erleben. Wer Weg UND Ziel als Einheit erlebt, gewinnt immer. Aber eben: Ohne Ziel kein Weg. Erst durch das Ziel machen wir uns auf in Richtung Gipfel. Ohne Ziel würden wir das Haus nicht verlassen. Das Ziel ist quasi der Weg. Erst wer ein gutes Ziel hat, kann den Weg zum Ziel machen. Am Weg, den jemand eingeschlagen hat, kann man auch sein Ziel erkennen.

Jetzt: Was ist ein gutes Ziel? Das neue Jahr nähert sich. Und mit ihm der Drang Neujahresvorsätze in den Raum zu stellen. Die meisten sind jedoch schon vorab zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil es keine wirklichen Ziele sind, sondern eher kleinere Wünsche, meist diversen Erwartungshaltungen von außen folgend: Zum Beispiel ein bisschen mehr für die Gesundheit tun. Ein bisschen weniger dies, ein bisschen mehr das. Aber wie schon erwähnt: Ein gutes Ziel macht es niemanden recht, ein gutes Ziel mobilisiert unser gesamtes Potential. Ein gutes Ziel ist eine Vision. Ein gutes Ziel soll Gänsehaut hervorrufen und keinen Zwang. Ein gutes Ziel macht uns weit, anstatt uns einzuschränken. Für ein gutes Ziel soll man bereit sein, wirklich Risiko einzugehen. Klingt pathetisch, ist aber so.

Nun: Was sind eigentlich deine Ziele?

Editorial

Samstag, 23. Dezember 2017

Well met, allez zusammen!

Die Sonne hat sich wieder einmal erfolgreich gewendet und die Hoffnung auf längere Tage wird somit erfüllt werden. Diesmal hab ich das Bild eines Kunstwerks von Debra Bernier für Euch, das wunderschön dazu passt …


In unserem Update findet Ihr heute eine ebenso schöne Geschichte von Veleda Alantia, „Vom Brunnen der Weisheit„.
Martin hat uns fürs „Es war einmal“ wieder ein paar Mistverständnisse in einer Artikelserie beleuchtet, „Von wegen „uralt“.
Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen – diesmal in den Feiertage – und ein wenig Ruhe um vielleicht den einen oder anderen Gedanken zu Papier zu bringen. Falls Ihr den mit uns teilen wollt, meldet Euch einfach!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Vom Brunnen der Weisheit, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 23. Dezember 2017

 (Märchen aus dem Nebelreichen II)

Diese Geschichte vertrauten mir die Kristalle der Hünenpforte an, während ich bei einer erneuten Seelenreise ihnen und dem Frieden, in Schatten und Licht, lauschte. Gwynn ap Nudd erzählte mir jene Teile, denen er selber beigewohnt hatte, wachend in der Erde…

In den nebelverhangenen Ländern des Nordens, wo Eis und Schnee das Leben zum Verharren brachte, ging ein einsamer Wanderer durch einen Birkenwald. Sein Gesicht war unter einer großen Kapuze verborgen. Ein Stab mit seltsamen Zeichen half ihm beim Vorankommen, denn der Weg ins nächste Dorf war lang und beschwerlich.Kalt zerrten die Winterwinde an den Gewändern des Alten. Dort in der Ferne war eine kleine Stadt. Elektrisches Licht statt warmen tanzendem Feuer empfing ihn.

Der Alte hielt Ausschau. Denn er hatte einen Grund weswegen er sich unter die Menschen wagte. Eine junge Frau suchte er, die in ihrem Inneren den Schlüssel zu Mimirs Brunnen verwahrte. Und diese Frau musste er suchen. Das alte Wissen brauchte eine neue Form und Sprache. Eine Sprache die alles berühren vermochte. Eine magische Sprache.

So ging er durch die Straßen. Die neuen Schluchten der Menschen. Glatt geschliffen und gleichmachend. Doch wusste er, daß es hier Herzen gab die den Ruf der alten Wege und Götter gehört hatten und nach den Zyklen von Ebbe und Flut und dem Jahresrad lebten. Und diese Herzen anzuleiten und zu lieben war das Kostbarste was es zu tun gab für ihn und viele andere die so waren wie er.

Der Regen verwandelte sich in Schnee und er dachte an Skadi. Diese mied bis heute die Menschen in Midgard oder offenbarte sich nur wenigen.

Während er so weiterging sandte er seine Gedanken aus. Irgendwo hier im betäubenden Licht musste jene junge Frau sein, die bereit war die Prüfungen zu bestehen und den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Eine Tochter von Erde und Wasser und eine Tochter seines Geistes. Eine Wanderin zwischen den Welten.

Doch wo war sie nur….?

Eine junge Frau ging durch die Straßenschluchten ihrer Stadt. Alles wuselte, war laut. Sie suchte eher die Stille. So ging sie in eine Kirche, wo sie immer die Energie der Göttin fühlen konnte. Stille hüllte sie ein. Ein Mann saß auf einer der Holzbänke. Bei sich trug er einen grossen Stab mit Runen verziert. Ein seltsamer Gegenstand..wobei ..auch nicht seltsamer als ihren Medizinbeutel, den sie in ihrem Rucksack von Ort zu Ort trug. Der Alte sah sie an. Ein Auge voll unausprechlicher Traurigkeit und Tiefe. Das andere…nun es gab kein anderes.

Statt Angst ging die junge Frau zu ihm hin. Setzte sich neben ihn. Ein Duft von Met und Feuern ging von ihm aus, von nassem Laub auch. “Tochter dich habe ich gesucht. Ich muss dich bitten etwas zu wagen was nur ich einmal wagte. Finde den Schlüssel zum Brunnen der Weisheit der tief verborgen an den Wurzeln des Weltenbaumes liegt.” Die junge Frau blickte ihn unerschrocken an auch wenn ihr Herz vor Angst bebte. Sie sollte das verbringen?  Wie? Sie war nur ein Mensch. Doch hier..an diesem uralten Ort, wo die Kraft der Göttinnen aus der Erde in sie strömte, fand sie in sich den Mut und sagte dem fremden Einäuigen Ja.

Er sagte ihr, daß er ihren Mut schätzte und daß er sie nur bis ans erste Tor führen durfte. So nahm er ihre Hand und ging mit ihr zu einem kleinen Becken, das die Form eines Auges hatte.

“Lass es einfach geschehen Tochter. Keine Angst. Auf der anderen Seite wirst du jene finden die dich so lange begleiten. Von Leben zu Leben.”Ein Rabenschrei von draussen und der Wanderer war fort. Bebend stand sie da. Das Becken schien grösser zu werden. Es wurde zu einem Tor und immer weiter bis sie ganz vom Wasser umgeben war. Sie erinnerte sich an die alten Sagen und sanft berührte das Wesen des Wassers ihr Herz. Sie fühlte. Floss mit dem Rhythmus des Mondes. In ihrem Bild spiegelten sich die Sterne.

Plötzlich fühlte sie Wurzeln und sie zog sich daran raus. Ein Hain erstreckte sich vor ihrem Blick. Über dem Wald standen die Sonne und der Mond. Unsicher, aber voller Vertrauen ging sie vorwärts. Ein Rascheln im Geäst. Ein wilder Duft. Hatte der Wanderer nichts von Verbündeten gesagt? “Helft mir…ich brauche euren Rat und Weisung.” flüsterte sie zu Sonne und Mond hinauf.

Und die Gestirne der Nacht und des Tages erhörten sie. Aus der Dunkelheit flog eine Eule auf sie zu, setzte sich vertrauensvoll auf ihre Schulter. ”Lang habe ich auf dich gewartet. Du und Ich wir sind eins. Verbunden durch alle Zeit.” sagte sie mit einer Stimme, die nur in ihrer Seele erklang.

Gemeinsam schritten sie durch den Wald. Bis sie in einer Waberlohe gefangen waren. Die Flammenwände waren wie ein Kreis um sie geschlossen. Über den beiden, Eule und Frau flog ein riesiger Schatten der landete. Augen wie Lava und Schuppen von Rubin und Schwarz . Ein Drache. Die junge Frau dachte nicht daran ihrer Angst zu erliegen. So blickte sie ihm ruhig in die Augen.

“Grosser Drache, ich bitte dich, hilf mir hier heraus. Ich kam nicht eigennützig hierher. Der graue Wanderer schickte mich auf Fahrt den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Bitte hilf uns und wir werden weiterziehen!”

Ihre Hände auf ihr Herz gelegt vergingen mehrere Minuten ehe der Herr des Feuers antwortete. Mit einer Stimme wie eine bronzene tiefe Glocke sprach er: ” Ich habe dich geprüft Kind der Erde. Dein Wille und Herz ist rein. Du darfst dich Freundin der Drachen nennen und auf meinem Rücken bringe ich euch zur letzten Prüfung. Denn zwei habt ihr bereits erfüllt.”

Die Lohe pustete er sanft aus und das Mädchen kletterte auf den Drachenrücken. Sie hielt sich voller Vertrauen fest.

Der Drache flog mit ihnen in eine Schlucht. Nur Dunkelheit und Stille herrschte da. ”Dies ist das Tal der Ängste, das den Brunnen umschliesst. Gehe hindurch und egal was du siehst oder hörst, verlier nicht den Mut und sag kein Wort.”

Dann verschwand ihr neuer Freund und die junge Frau war mit Eule allein. Doch wusste sie instinktiv das der Drache und sein Feuer immer in ihrer Seele sein würden. Wie die Ruhe des Waldes…das Fliessen des Wassers. So ging sie also hinein und völlige Schwärze umfing sie.

Bis die Stimmen wie in einem Sturm losbrachen. Stimmen die sie verhöhnten. Ihr hässliche Namen gaben. Daß es sinnlos sei was sie tue und sie wertlos und hässlich sei.

All dies stürmte auf sie ein und sie biss sich auf die Lippen während sie sich auf den steinigen Boden sinken ließ.

Immer lauter dröhnte es und es sah aus als hätte sie aufgegeben. Doch sagte sie sich innerlich, daß sie den Schutz…die Weisheit…den Mut und die Kraft in sich hatte. So rappelte sie sich auf und ging weiter. Erhobenen Hauptes und mit Tränen in den Augen zwar, doch stolz. Sie hatte es überstanden und würde alles überstehen. Ihr Ziel war klar.

Aus der Dunkelheit tauchten riesige Wurzeln auf. Und da drin standen drei webende Frauen.

“Der Schlüssel zum Schloss ist erschienen. Durch die Prüfungen wurde sie geschmiedet. “ wisperten die verhüllten Göttinnen. Die erste wandte sich ihr zu. ”Durch die Vergangenheit gegangen um den Mut zu finden.”

Die zweite sagte etwas gegenwärtiger. ”Durch die Gegenwart gestärkt ist sie. Sie die Freundin der Drachen.”

Als die letzte sich zu ihr umdrehte erklang ihre Stimme wie aus einem Grab. ”Durch die Nacht ihrer eigenen Seele ist sie geschritten.”

Und sie sah, daß ein Brunnen da war. Das Wasser schwarz und ölig wirkend. Ranken wuchsen darum, vergifteten das Wasser. Mit der Kraft des Feuers in ihr zerschnitt sie es und der Baum des Lebens konnte um Yule neue Blüten und Knospen tragen.

Etwas zog sie dann zurück und sie erwachte wieder in der Kirche, unter dem Bild der Göttin. Doch war sie innerlich verwandelt. Ab und zu begegnete sie den Göttern und Göttinnen auf ihren Weg.

Ende

Autorin: Veleda Alantia

Bild: Veleda Alantia