Archiv für den 23. Dezember 2017

Editorial

Samstag, 23. Dezember 2017

Well met, allez zusammen!

Die Sonne hat sich wieder einmal erfolgreich gewendet und die Hoffnung auf längere Tage wird somit erfüllt werden. Diesmal hab ich das Bild eines Kunstwerks von Debra Bernier für Euch, das wunderschön dazu passt …


In unserem Update findet Ihr heute eine ebenso schöne Geschichte von Veleda Alantia, „Vom Brunnen der Weisheit„.
Martin hat uns fürs „Es war einmal“ wieder ein paar Mistverständnisse in einer Artikelserie beleuchtet, „Von wegen „uralt“.
Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen – diesmal in den Feiertage – und ein wenig Ruhe um vielleicht den einen oder anderen Gedanken zu Papier zu bringen. Falls Ihr den mit uns teilen wollt, meldet Euch einfach!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Vom Brunnen der Weisheit, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 23. Dezember 2017

 (Märchen aus dem Nebelreichen II)

Bild: Veleda Alantia

Diese Geschichte vertrauten mir die Kristalle der Hünenpforte an, während ich bei einer erneuten Seelenreise ihnen und dem Frieden, in Schatten und Licht, lauschte. Gwynn ap Nudd erzählte mir jene Teile, denen er selber beigewohnt hatte, wachend in der Erde…

In den nebelverhangenen Ländern des Nordens, wo Eis und Schnee das Leben zum Verharren brachte, ging ein einsamer Wanderer durch einen Birkenwald. Sein Gesicht war unter einer großen Kapuze verborgen. Ein Stab mit seltsamen Zeichen half ihm beim Vorankommen, denn der Weg ins nächste Dorf war lang und beschwerlich.Kalt zerrten die Winterwinde an den Gewändern des Alten. Dort in der Ferne war eine kleine Stadt. Elektrisches Licht statt warmen tanzendem Feuer empfing ihn.

Der Alte hielt Ausschau. Denn er hatte einen Grund weswegen er sich unter die Menschen wagte. Eine junge Frau suchte er, die in ihrem Inneren den Schlüssel zu Mimirs Brunnen verwahrte. Und diese Frau musste er suchen. Das alte Wissen brauchte eine neue Form und Sprache. Eine Sprache die alles berühren vermochte. Eine magische Sprache.

So ging er durch die Straßen. Die neuen Schluchten der Menschen. Glatt geschliffen und gleichmachend. Doch wusste er, daß es hier Herzen gab die den Ruf der alten Wege und Götter gehört hatten und nach den Zyklen von Ebbe und Flut und dem Jahresrad lebten. Und diese Herzen anzuleiten und zu lieben war das Kostbarste was es zu tun gab für ihn und viele andere die so waren wie er.

Der Regen verwandelte sich in Schnee und er dachte an Skadi. Diese mied bis heute die Menschen in Midgard oder offenbarte sich nur wenigen.

Während er so weiterging sandte er seine Gedanken aus. Irgendwo hier im betäubenden Licht musste jene junge Frau sein, die bereit war die Prüfungen zu bestehen und den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Eine Tochter von Erde und Wasser und eine Tochter seines Geistes. Eine Wanderin zwischen den Welten.

Doch wo war sie nur….?

Eine junge Frau ging durch die Straßenschluchten ihrer Stadt. Alles wuselte, war laut. Sie suchte eher die Stille. So ging sie in eine Kirche, wo sie immer die Energie der Göttin fühlen konnte. Stille hüllte sie ein. Ein Mann saß auf einer der Holzbänke. Bei sich trug er einen grossen Stab mit Runen verziert. Ein seltsamer Gegenstand..wobei ..auch nicht seltsamer als ihren Medizinbeutel, den sie in ihrem Rucksack von Ort zu Ort trug. Der Alte sah sie an. Ein Auge voll unausprechlicher Traurigkeit und Tiefe. Das andere…nun es gab kein anderes.

Statt Angst ging die junge Frau zu ihm hin. Setzte sich neben ihn. Ein Duft von Met und Feuern ging von ihm aus, von nassem Laub auch. “Tochter dich habe ich gesucht. Ich muss dich bitten etwas zu wagen was nur ich einmal wagte. Finde den Schlüssel zum Brunnen der Weisheit der tief verborgen an den Wurzeln des Weltenbaumes liegt.” Die junge Frau blickte ihn unerschrocken an auch wenn ihr Herz vor Angst bebte. Sie sollte das verbringen?  Wie? Sie war nur ein Mensch. Doch hier..an diesem uralten Ort, wo die Kraft der Göttinnen aus der Erde in sie strömte, fand sie in sich den Mut und sagte dem fremden Einäuigen Ja.

Er sagte ihr, daß er ihren Mut schätzte und daß er sie nur bis ans erste Tor führen durfte. So nahm er ihre Hand und ging mit ihr zu einem kleinen Becken, das die Form eines Auges hatte.

“Lass es einfach geschehen Tochter. Keine Angst. Auf der anderen Seite wirst du jene finden die dich so lange begleiten. Von Leben zu Leben.”Ein Rabenschrei von draussen und der Wanderer war fort. Bebend stand sie da. Das Becken schien grösser zu werden. Es wurde zu einem Tor und immer weiter bis sie ganz vom Wasser umgeben war. Sie erinnerte sich an die alten Sagen und sanft berührte das Wesen des Wassers ihr Herz. Sie fühlte. Floss mit dem Rhythmus des Mondes. In ihrem Bild spiegelten sich die Sterne.

Plötzlich fühlte sie Wurzeln und sie zog sich daran raus. Ein Hain erstreckte sich vor ihrem Blick. Über dem Wald standen die Sonne und der Mond. Unsicher, aber voller Vertrauen ging sie vorwärts. Ein Rascheln im Geäst. Ein wilder Duft. Hatte der Wanderer nichts von Verbündeten gesagt? “Helft mir…ich brauche euren Rat und Weisung.” flüsterte sie zu Sonne und Mond hinauf.

Und die Gestirne der Nacht und des Tages erhörten sie. Aus der Dunkelheit flog eine Eule auf sie zu, setzte sich vertrauensvoll auf ihre Schulter. ”Lang habe ich auf dich gewartet. Du und Ich wir sind eins. Verbunden durch alle Zeit.” sagte sie mit einer Stimme, die nur in ihrer Seele erklang.

Gemeinsam schritten sie durch den Wald. Bis sie in einer Waberlohe gefangen waren. Die Flammenwände waren wie ein Kreis um sie geschlossen. Über den beiden, Eule und Frau flog ein riesiger Schatten der landete. Augen wie Lava und Schuppen von Rubin und Schwarz . Ein Drache. Die junge Frau dachte nicht daran ihrer Angst zu erliegen. So blickte sie ihm ruhig in die Augen.

“Grosser Drache, ich bitte dich, hilf mir hier heraus. Ich kam nicht eigennützig hierher. Der graue Wanderer schickte mich auf Fahrt den Brunnen der Weisheit wieder zu finden. Bitte hilf uns und wir werden weiterziehen!”

Ihre Hände auf ihr Herz gelegt vergingen mehrere Minuten ehe der Herr des Feuers antwortete. Mit einer Stimme wie eine bronzene tiefe Glocke sprach er: ” Ich habe dich geprüft Kind der Erde. Dein Wille und Herz ist rein. Du darfst dich Freundin der Drachen nennen und auf meinem Rücken bringe ich euch zur letzten Prüfung. Denn zwei habt ihr bereits erfüllt.”

Die Lohe pustete er sanft aus und das Mädchen kletterte auf den Drachenrücken. Sie hielt sich voller Vertrauen fest.

Der Drache flog mit ihnen in eine Schlucht. Nur Dunkelheit und Stille herrschte da. ”Dies ist das Tal der Ängste, das den Brunnen umschliesst. Gehe hindurch und egal was du siehst oder hörst, verlier nicht den Mut und sag kein Wort.”

Dann verschwand ihr neuer Freund und die junge Frau war mit Eule allein. Doch wusste sie instinktiv das der Drache und sein Feuer immer in ihrer Seele sein würden. Wie die Ruhe des Waldes…das Fliessen des Wassers. So ging sie also hinein und völlige Schwärze umfing sie.

Bis die Stimmen wie in einem Sturm losbrachen. Stimmen die sie verhöhnten. Ihr hässliche Namen gaben. Daß es sinnlos sei was sie tue und sie wertlos und hässlich sei.

All dies stürmte auf sie ein und sie biss sich auf die Lippen während sie sich auf den steinigen Boden sinken ließ.

Immer lauter dröhnte es und es sah aus als hätte sie aufgegeben. Doch sagte sie sich innerlich, daß sie den Schutz…die Weisheit…den Mut und die Kraft in sich hatte. So rappelte sie sich auf und ging weiter. Erhobenen Hauptes und mit Tränen in den Augen zwar, doch stolz. Sie hatte es überstanden und würde alles überstehen. Ihr Ziel war klar.

Aus der Dunkelheit tauchten riesige Wurzeln auf. Und da drin standen drei webende Frauen.

“Der Schlüssel zum Schloss ist erschienen. Durch die Prüfungen wurde sie geschmiedet. “ wisperten die verhüllten Göttinnen. Die erste wandte sich ihr zu. ”Durch die Vergangenheit gegangen um den Mut zu finden.”

Die zweite sagte etwas gegenwärtiger. ”Durch die Gegenwart gestärkt ist sie. Sie die Freundin der Drachen.”

Als die letzte sich zu ihr umdrehte erklang ihre Stimme wie aus einem Grab. ”Durch die Nacht ihrer eigenen Seele ist sie geschritten.”

Und sie sah, daß ein Brunnen da war. Das Wasser schwarz und ölig wirkend. Ranken wuchsen darum, vergifteten das Wasser. Mit der Kraft des Feuers in ihr zerschnitt sie es und der Baum des Lebens konnte um Yule neue Blüten und Knospen tragen.

Etwas zog sie dann zurück und sie erwachte wieder in der Kirche, unter dem Bild der Göttin. Doch war sie innerlich verwandelt. Ab und zu begegnete sie den Göttern und Göttinnen auf ihren Weg.

Ende

Autorin: Veleda Alantia

Bild: Veleda Alantia

Von wegen „uralt“: Von Adventskränzen und Dirndln – Teil I, geschrieben von MartinM

Samstag, 23. Dezember 2017

Es gibt angeblich uralte „Traditionen“, die vor gar nicht so urlangen Zeiten mehr oder weniger frei erfunden wurden. Es aber auch Traditionen, die relativ neu und trotzdem authentisch sind. Sie sind echte neue Traditionen, sogar dann, wenn sie auf „kulturelle Innovationen“ zurückgehen.

Adventskranz, in der von Wichern eingeführten FormMädchen im Dirndl, ca 1933

Erfundene Tradition (oder auch: konstruierte Tradition) ist ein ideologiekritisches Konzept, das von den Historikern Eric Hobsbawm und Terence Ranger mit der Aufsatzsammlung „The Invention of Tradition“ (1983) in die Geschichtswissenschaft eingeführt wurde. Allerdings war die Erkenntnis, dass nicht alles, was unter dem Label „altes Brauchtum“ firmiert, wirklich „alt“ und wirklich „Brauchtum“ ist, schon damals ein „alter Hut“. Kritischen Volkskundlern war das sogar schon im 19. Jahrhundert aufgefallen. Unter Historikern sah man das lange Zeit allenfalls als ein Problem der Quellenkritik. Vor allem Hobsbawm kommt das Verdienst zu, in den 1980er Jahren eine überfällige, ebenso ideologiekritische wie selbstkritische, Debatte unter Historikern angestoßen zu haben. – übrigens deutlich später als die entsprechenden Debatten unter Soziologen.

„Erfundene Traditionen“ werden in ihrer jeweiligen Gegenwart konstruiert, und in eine bestimmte Vergangenheit zurückprojiziert. Diese „Traditionen“ gab es, nach Auskunft ihrer Erfinder, also „schon immer“ oder „von altersher“ und sie werden in der Regel als „wiederentdecktes Brauchtum“ getarnt.
Hobsbawm, als marxistischer Historiker, betonte, dass Traditionen dazu dienen, gesellschaftliche Normen und Strukturen gesellschaftlich zu legitimieren. Traditionen verkörpern das Erkennungszeichen einer Volksgruppe, ein Ritual und der nationalen, regionalen und auch lokalen Geschichte. Ein Stück Identität. Also ist es auch kein Wunder, dass erfundenen Traditionen vor allem deshalb erfunden werden, um das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe zu stärken.

MITTEL ZUM ZWECK

Es gibt allerdings auch „Traditionen“, die aus anderen Interessen erfunden wurden, wie der „Sirtaki“, ein erst 1964 für den Film „Alexis Sorbas“ erfundener „traditioneller griechischer Volkstanz“. Der Sirtaki fördert das Zusammenheitsgefühl der Griechen nur insofern, als dass sie sich weitgehend einig sind, dass Anthony Quinn, der Hauptdarsteller des Films, ein miserabler Tänzer war. Für die griechische Tourismuswerbung ist er hingegen so unverzichtbar wie der Ouzo beim „Griechen“ um die Ecke.

Das „traditionelle südafrikanische Blasinstrument“ Vuvuzela gibt es erst seit den 1990ern. Von Anfang an war es ein Lärminstrument südafrikanischer Fußballfans, das sich zur kollektiven Gehörschädigung ähnlich wirksam erwies wie die beliebten, aber verbotenen, Böller, und das sich in seiner originalen Ausführung mit aus einem Stück bestehendem Rohr auch als Argumentationsverstärker gegenüber Fans der gegnerischen Mannschaft eignete.
Die Gerüchte über eine alte folkloristische Tradition des technisch zu den Blechblasinstrumenten zählende Plastikhorns tauchten sicher nicht zufällig zuerst auf, als sich Südafrika für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 bewarb.

„Es war schon immer so“ ist eine beliebte Verteidigung der Anhänger bestehender Normen und Strukturen gegenüber einem gegenwärtigen Wandlungsdruck.
Die „traditionelle Familie“, die von rechtskonservativen Kreisen gegen Kinderkrippen, „Schwulenehe“, „Frühsexualisierung“, Frauenemanzipation und vieles andere, was ihnen nicht passt, angeführt wird, ist ein Musterbeispiel dieses Traditionsgebrauchs- bzw. -missbrauchs. Das funktioniert sogar dann, wenn die „gute alte Zeit“, zu der die Tradition Kontinuität herstellt, gar nicht so „gut“ war. Im Falle erfundener Traditionen ist diese Kontinuität künstlich, aber wirksam. Und manchmal ist auch die dazugehörige „gute alte Zeit“ erfunden.

DIE ERFINDUNG DER HEXEN ALS „UNTERGRUND-HEIDEN“

Übrigens sind sehr viele vielleicht sogar die meisten jener „Traditionen“, auf die sich Neu-Heiden und moderne Hexen berufen, um ihre spiritueller Orientierung historisch zu unterfüttern, relativ neuen Datums. Ein Beispiel ist die Tradition der Hexen-Coven aus Margaret Alice Murrays „Der Hexen-Kult in Westeuropa“ (1921). Ihre Hypothesen von einer von der Steinzeit bis in die Frühe Neuzeit fortbestehenden Hexen-Religion sind gut ausgedrückt und wirken plausibel. Sie sind aber das Ergebnis von Fehlinterpretationen, Wunschdenken und Überspitzungen, unter reichlicher Verwendung unbestätigter Quellen und gelegentlicher absichtlicher Verfälschungen. Ich halte das Werk der wohl zu recht in ihrem eigentlichen Fach einen guten Ruf genießenden Ägyptologin für ein hervorragendes Fantasy-Epos in Form eines Fachbuchs, in dem außer Phantasie auch viel Recherchearbeit und Sachkunde steckt. Das lässt sich allerdings auch über Tolkiens Silmarillion sagen. Murrays These vom universalen heidnischen Kult, der parallel zum christlichen in Westeuropa existiert hätte, hat mit der historischen Wirklichkeit etwa genau so viel zu tun.

Liebe Mithexen und -heiden: Bitte spart Euch Eure Bannflüche. (Die wirken eh nicht, jedenfalls bei mir.) Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es Überreste der vorchristlichen Zeit im überlieferten Volksbrauchtum gibt. Sehr wahrscheinlich „überlebte“ auch die Verehrung einiger heidnische Gottheiten in der Form christlicher Heiliger oder als Volksglauben an Feen, Dämonen usw. . Aber das sind eben Überreste vergangener Traditionen, keine im Untergrund fortlebenden heidnischen Kulte.

Dass erfundene Traditionen an reale überlieferte Objekte anknüpfen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Sogar der für einen Film erfundene „Volkstanz“ Sirtaki lehnt sich an überlieferte griechische Tänze an.
Auch den etwas klobigen aus Schweden stammenden Turmleuchter gab es schon, bevor das „Ahnenerbe“ der SS die entsprechende „alte Tradition“ zum weder mittelalterlichen noch heidnischen Kerzenständer alias „Julleuchter“ hinzudichtete.

Weiter: 2. Eine im 19. Jahrhundert neu begründete „echte“ Tradition: Der Adventskranz.