Archiv für Januar 2018

Editorial

Samstag, 27. Januar 2018

Well met, alle zusammen!

Heute mal ein passendes Klaubild aus dem Netz (von mir geklaut) … ein Spiegel der von Zeit zu Zeit gute Dienste leistet um sich selber ansehen zu können. Genau dort, wo mensch ansonsten nicht hinsieht und/oder auch nicht hinsehen will.

Uwe hat uns wieder einen superfeinen Artikel gespendet, nach dem ich das TitelBild ausgesucht habe. „Vergänglichkeit – Ein Neujahrsgruß“ sinnvolle Gedanken, die mensch sich viel zu selten macht!
XVII hat uns von einem „Waldspaziergang“ geschrieben, der es in sich hat … und richtig schlüssig auf Uwes Artikel passt.

Wie immer wünsche ich Euch viel Lesevergnügen und wenn jemand von Euch ebenfalls seine Gedanken zu Papier oder Computer bringen will oder schon gebracht hat, dann freuen wir uns, wenn Ihr sie mit uns teilt! Einfach an redaktion klammeraffe wurzelwerk.at mailen und ich melde mich bei Euch.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Ein Waldspaziergang, geschrieben von XVII

Samstag, 27. Januar 2018

Bild: Author: RhinoMind, From Riis Skov. A cold foggy winters day., https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fog_in_Riis_Skov.JPG This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Endlich mal wieder so richtig gemütlich auf dem Waldweg entlang gehen.

War schon ewig nicht mehr hier. Ahhhh. Die frische Luft. Waldluft.

Es ist zwar heute nebelig,

aber das macht mir gar nichts aus. Herrlich. Entspannend.

Nicht der Elektrosmog des Büros. Kein Rattern der Drucker, kein Zwitschern vom Fax.

Kein ständiges Email Checken. Kundengespräche.

Sogar der Boden, ich fühle den Erdboden durch meine Wanderschuhe durch.

Herrlich.

Oh…was ist da vorne? Ist da wer? Am Weg?

Ich gehe rascher. Da liegt wer. Eine alte Frau, wie in Lumpen gehüllt. Fuchtelt mit den Armen.

Versucht aufzustehen. Klappt nicht.

„Oh, was ist Ihnen passiert, kann ich Ihnen helfen.“

-“Bin gestrauchelt. Mein Knöchel.“ Sie deutet auf ihren Schuh und ihren Knöchel.

Altes Leder, alte Schuhe, rissig. Ihr Knöchel…rot.

Ich knie mich zu ihr hin.

„Lassen Sie mich kurz Ihren Fuß anschauen…“

Ein paar medizinische Kenntnisse hab ich ja. Zumindest um zu sehen, ob sie sich wohl stärker verletzt hat, oder ich ihr wirklich aufhelfen kann und soll.

Ok…das wird ne massive Schwellung geben…aber beim Abtasten kann ich so nichts wahrnehmen, was da nicht so sein sollte, wie es sein soll…wahrscheinlich überdehnt.

„Glauben Sie, daß Sie den Fuß belasten können, wie stark tut es weh?“

-“Das geht schon, geht schon, hilf mir nur auf, das geht schon.“

Ich stütze sie. Sie belastet vorsichtig ihren Fuß…zappelt ein bißchen…

„Gehts? Soll ich Hilfe rufen?“

-“Nein…nein. Bring mich nur nach Hause.“

„Wo wohnen Sie?“

-“Gleich da…am Waldrand. Kleine Hütte.“

„Wie weit? Geht das für Sie?“

-“Nicht weit, 200 Meter vielleicht, nicht weit.“

Ich halte sie. Sie legt ihren alten Arm um mich…und so humpeln wir ein paar Meter.

„Haben Sie Schmerzen, geht’s?“

-“Ja, es geht. Wir sind gleich da.“

Ein paar Minuten später sind wir tatsächlich vor einer kleinen Wegabzweigung, die zu einem kleinen Häuschen führt. Direkt am Wald. Ist mir hier noch nie aufgefallen.

Nun, meistens geh ich von der anderen Seite und bin tief in Gedanken versunken.

Hier sind sogar ein paar kleinere Häuser…fällt mir auf, jetzt wo wir näher kommen.

Und eine Strasse.

Vor uns eine niedrige Gartentür.

Sie reicht mir einen großen Schlüssel.

-“Sperrst du bitte auf?“

Ein schöner Schlüssel. So richtig alt. Mit Verzierungen.

Ein kleiner Garten. Viele unterschiedliche Pflanzen. Eine Holzbank.

Wir steuern auf das Häuschen zu.

Sie reicht mir noch einen Schlüssel.

Der ist um einiges moderner. Aber auch mit viel Verzierungen und golden.

Ich sperr die Türe auf. Eine alte Holztüre, die sehr stark beim Öffnen knirscht.

Wir gehen rein.

Ein kleiner Vorraum…und ein riesiges Wohnzimmer. Es wirkt innen viel größer, als es von Außen den Anschein hat.

Und lauter Kram. Wie in einem Museum. Alles voll geräumt. Mit obskuren, eigenartigen Gegenständen und Bildern. Kleine Statuen. Kelche. Kerzenhalter.

Sie zündet ein Räucherstäbchen an.

Uah…ich hasse diese Dinger.

-“Es macht Dir doch nichts aus? Es beruhigt die Nerven.“

Ich werde eh gleich wieder gehen.

„Nein, nein…“

-“Du bleibst doch noch ein bißchen?“

„Kann ich noch was für Sie tun?“

-“Nein, nein…aber bleib doch noch.“

Wie kann ich einer alten Dame den Gefallen abschlagen. Wahrscheinlich hat sie keinen zum Plaudern und will mir jetzt ihre Lebensgeschichte erzählen.

-“Willst Du vielleicht einen Tee?“

„Ja, gerne. Aber soll den nicht ich machen, sie müssen…“

-“Nein, meinem Fuß geht es auch schon besser.“

Sie humpelt in die Küche. Ich höre, wie sie durch einige Kästen geht….Wasser rinnt, Geschirr klappert.

Ich schaue mich weiter in der Wohnung um.

Eigentlich fast gemütlich. Ein altes Fell als Teppich. Keine elektronischen Geräte.

Viele Bücher. Die Couch auf der ich sitze….angenehm. Und sogar das Räucherstäbchen ist dezent..und wirkt in der Tat beruhigend.

Ich höre wie sie in der Küche hin- und herhumpelt…aber der Schritt verändert sich auf einmal.

Ein Zischen des Teekochers bedeutet wohl, daß der Tee schon fertig ist.

-“Du hast es hoffentlich gemütlich? Schau dich derweil ruhig um.“

Ihre Stimme klingt anders. Wesentlich jugendlicher.

Jemand kommt von der Küche. Eine Frau so in meinem Alter. Hübsch. Gut gekleidet.

Bißchen farbenfroh, ein langer Hosenrock mit vielen Mustern…aber gut sitzende hübsche Bluse.

Gute Figur.

-“Du hast ein reines, gutes Herz. Kann ich etwas für Dich tun?“

„Danke, das ist aber nett, daß Sie das sagen…wie geht es Ihrer Mutter?“

Sie lächelt.

-“Uns…uns geht es gut. Doch nun zu dir…wie wäre es wenn ich…“

Sie zückt Karten. Einen ganzen Stapel voll Karten.

-„…ich dir die Karten lege?“

Wohl so eine typische Esotante. Oh, Mann. Kartenlegen.

„Nein, nicht nötig…ich…“

-“Du glaubst nicht an die Karten? Musst du auch nicht….komm…zieh drei.“

Ich mache ihr den Gefallen. Ziehe drei Karten.

Sie legt sie vor mir auf den Tisch. Dreht sie um.

Ich sehe auf einer Leute mit vielen Münzen. Eine…da sind Schwerter drauf…und auf einer sind so ägyptische Symbole und Wesenheiten mit so Tierköpfen.

-“Oh…beruflich bist du sehr gefordert. Viel zu sehr. Das ist nicht gut für dich. Du solltest kürzer treten. Ja, vielleicht ist sogar dein Job gar nicht der richtige für dich.“

Da sagt sie mir ja wirklich nichts Neues. Mein Job fordert mich irre. Aber ist das heute…nicht normal? Anderer Job? Lächerlich. In meinem Alter. Was neu anfangen.

-“Veränderung. Es wird sich etwas tun in deinem Leben. Ein Neuanfang, der dir vorbestimmt ist.“

Leben ist Veränderung. Yeah…ich kann dann wohl auch Karten lesen.

Sie blickt mir tief in die Augen. Viel zu tief. Ich versuche zuerst weg zu sehen…dann versuche ich zu lächeln…aber ihr Blick…ihre Augen…unheimlich…ich…ich…

-“Es gibt viel mehr, als du meinst. Viel mehr als deinen Job und deine Kleinigkeiten mit denen du dein Leben erträglich machst. Wenn du dir etwas wünschen würdest….egal was, wie würde der Wunsch lauten?“

„Glück. Ich hätte gern mehr Glück.“

-“Glück?“ Sie lacht laut. „Du glaubst nicht an Kartenlegen aber an Glück glaubst du?“

Sie schenkt mir eine Tasse Tee ein. Kichert noch immer.

Schenkt sich selbst ein. Trinkt genüßlich. Ich mache auch einen Schluck.

Lecker. Der Tee ist wirklich lecker. Als würde man Früchte trinken. Also echte Früchte.

„Glaubt nicht jeder an Glück? Ich meine, es wäre doch erträglicher, wenn einem etwas mehr zufällt…wenn es einem öfter gut geht…einfach so, ohne viel Tun.“

-“Ich glaube nicht an Glück.“

Ich merke wie ich eine Augenbraue nach oben bewege und viel zu lange oben lasse.

Ich schaue sie an.

„Nun, ihre Mutter hatte wohl Glück, daß ich ihr helfen konnte.“

Sie lächelt.

-“Manches ist nicht so wie es erscheint.“

Wir trinken dann noch Tee…aber irgendwie ist die Unterhaltung da erlahmt.

Gut, ich will sowieso noch ein bißchen spazieren gehen.

„Gut, also, Danke für den Tee und gute Besserung ihrer werten Mutter, ich werde mich dann wieder auf den Weg machen.“

-“Es hat mich sehr gefreut. Wirklich. Dich kennen zu lernen. Kate wird dich noch zum Wald bringen und die Türen versperren.“

Sie nimmt das Teegeschirr auf und verschwindet in die Küche.

Herumgepolter in der Küche. Und eine ganz junge Mädchenstimme.

Ein vielleicht 12 Jahre junges Mädchen hüpft fröhlich ins Wohnzimmer…

-“Kommst du?“

„Hm. Ja, laß mir Deine Verwandten lieb grüssen, und Deiner Oma solls bald wieder besser gehen!“

-“Meine Verwandten? Oma?“ Sie grinst….und nimmt meine Hand.

Ein süßes Mädchen. Sie hoppelt neben mir…wie ein junger Hase.

Sperrt die Türe hinter uns zu. Ich kann nun ein Namensschild sehen.

Da steht… „H. Cate“

Sie hoppelt weiter, lässt meine Hand nicht aus…Richtung Gartentor.

Ich gehe durch. Wundere mich, warum sie die Tür vorher auch zu gesperrt hat.

Sie reicht mir den Schlüssel von der anderen Seite des Tores.

Den großen, stark verzierten.

-„Zwei Sachen heute sag ich dir…dein Buchhalter ist unehrenhaft und…die Diagnose deines Arztes ist falsch. Das könnte dir…zu dem Verhelfen, was du „Glück“ nennst.“

Sie reicht mir den Schlüssel.

-“Es liegt an dir nun diesen Schlüssel zu drehen, behalte ihn….als Erinnerung. Und, wenn du mich brauchst so rufe mich.“

Ich finde das alles gerade höchst merkwürdig. Sperre das Schloß aber von meiner Seite zu…möchte ihr den Schlüssel geben…sie wendet sich aber ab…und humpelt in Richtung der Haustüre.

In alte Lumpen gehüllt. Ich seh nur eine Gestalt in Lumpen.

Ich traue meinen Augen nicht.

Halte den Schlüssel in der Hand. Stecke ihn ein.

Woher weiß sie von der Buchhaltung? Und wer ist sie? Was war das jetzt?

Hab ich da was in dem Tee gehabt?

Ich gehe langsam wieder zum normalen Weg.

Und…nein, es wundert mich fast nicht…als ich mich dann umdrehe…war da keine Wegabzweigung.

Kein Häuschen zu sehen. Den Blutbefund muß ich morgen abholen.

Ich werde den dann nochmal kontrollieren lassen.

Ich schaue ungläubig auf den Schlüssel in der Hand.

DAS…das glaubt mir niemand.

Bild: The Minneapolis Institute of Arts, Robert Koehler, Head of an Old Woman, The author died in 1917, so this work is in the public domain in its country of origin and other countries and areas where the copyright term is the author’s life plus 100 years or less. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Robert_Koehler_-_Head_of_an_old_woman_(1881).jpg

Autor: XVII

 

Vergänglichkeit – Ein Neujahrsgruß, geschrieben von Uwe

Samstag, 27. Januar 2018

„Werde dir bewusst, was geschieht, wenn du stirbst“. Oha, jetzt kommen wir mal dahin, wo es brenzlig wird. Das kann man doch mal ausführlicher beleuchten, eindringlicher, persönlicher.

Tja, was geschieht, wenn es denn so weit ist?

Man verliert die Kontrolle erst über den Körper, dann über den Geist. Das ist alles andere als schön. Und man fühlt sich nicht wirklich gut dabei. Ich meine, wenn man nicht grade zackbumm tot umfällt. Oder zwischen zwei Lastern in einem Kleinwagen zerquetscht wird.
Wenn du heute 20, 30, 40, oder auch 50 Jahre alt bist, ist die Wahrscheinlichkeit, statisch betrachtet, natürlich ziemlich hoch, dass du auch nächstes Jahr noch lebst.
Wir leben ja nicht mehr vor 100 Jahren, als die spanische Grippe mal soeben ratzfatz ein Zehntel der Weltbevölkerung dahinraffte oder der erste Weltkrieg ne Menge Tote forderte. Oder gar im Mittelalter, als das Sterben noch eine Alltäglichkeit war.
Heute ist Sterben verbannt in Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheime.
Und tatsächlich sterben rund 80 Prozent der Menschen in einem Alter über 70 Jahren.
Also könnte man, wenn man denn unter 70 ist, ziemlich beruhigt sein und sich zurücklehnen. Aber leider, leider geht doch alles ziemlich schnell im Leben.

Da war gerade noch das Jahr 2000, die einstmals viel beschworene SPD Agenda 2010 ist Geschichte und heute ist schon 2018 und der Berliner Flughafen ist immer noch nicht eröffnet. Also, was soll´s, ob man nun 20, 30, 40 oder doch 80 Jahre alt wird, der Tod kommt gewisslich. Und meist mit Ansage.
Und die allermeisten Menschen gehen in ihr Sterben, als hätten sie eine Reise gewonnen bei irgendeinem Preisausschreiben ohne dass ihnen jemand gesagt hätte, wohin es gehen wird. Zumindest kann man es bei Menschen, seien sie nun alt oder jung, die ans Ende des Lebens gekommen sind und die das einigermaßen bewusst erleben, ziemlich gut beobachten.
Sicher, es gibt ein paar wenige, die im Sterben Größe haben. Doch sie sind selten. Und ich werde garantiert nicht zu ihnen gehören.

Ich dachte einstmals, es sei einfach. Aber ich wurde eines besseren belehrt.
Erst kürzlich starb ein Freund von mir.

Jeder der ihn kannte, auch ich, glaubte, er könnte die Sache mit dem Sterben gut hinbekommen. Weil er sich seit über 35 Jahren damit intensiv befasst hatte. Als Buddhist. Aber der Krebs hatte ihn nach einem Jahr schließlich in die Knie gezwungen.
Am Ende war einfach nur noch Angst. Und Reue um eine verpasste Gelegenheit. Das wurde ihm schmerzlich bewusst in der Zeit, als er nicht mehr arbeiten, sich nicht mehr ablenken konnte von seinen immerzu drängenden Gedanken, von seinem eigentlichen Wissen um die Kostbarkeit der menschlichen Existenz.
Es war nicht leicht für ihn, dieses Leben zu verlassen. Aber er musste. Keine Chance. Der „Reiseveranstalter“ hatte ihn schließlich einfach so mitgenommen, ohne auf seine Einwände zu achten.

Anderen geht es noch schlimmer. Sie werden beim Sterben richtig unzufrieden. Weil sie erkennen, wie viel Mist sie im Leben gemacht haben. Oder weil sie es einfach gewöhnt sind, ein Arschloch zu sein und ihnen diese Tatsache erst beim Abgang auffällt.
Manche, insbesondere alte Menschen blicken gar nichts mehr, weil sie in einen dementen Zustand des großen Vergessens verschwinden. Viele werden einfach medikamentös ruhig gestellt, weil sie ansonsten völlig ausrasten und durchdrehen.
Etliche der Todgeweihten verweigern die Realität des nahenden Abgangs und hoffen auf Gesundung. Klammern sich an Homöophatie und Wunderheilung.
Viele verzweifeln und fallen in einen apathischen Zustand, der allerdings nichts mit echtem Loslassen zu tun hat.
Wieder andere Menschen sterben unter großen Schmerzen. Sie haben verständlicherweise Angst, unerträgliche Angst. Weil sie nichts mehr unter Kontrolle haben. Freiheit? Ach Gott.
Oft sind Sterbende so mit Opiaten vollgepumpt oder vegetieren in einem komatösem Zustand, dass sie nicht viel von ihrem Sterben erleben können oder bekommen im Gegenteil jeden beschissenen Tag ihres Dahinvegetierens noch erst recht mit. Und unsere gottverdammt großartige Medizintechnik hält sie am Leben, schlimmer als es ein geschickter Folterknecht in einem Keller der Inquisition tun könnte.

Vor allem jedoch …
… alle Menschen sterben allein.

Egal wie viele Leute um ihr Sterbebett herumstehen mögen. Und gerade die machen es einem häufig dann mit ihrem Gejammere und Geheule noch schwerer zu gehen.
Wie ist das für mich? Wenn ich mal so drüber nachdenke.
Was wird auf mich zukommen?

Werde ich zufrieden sein mit meinem gelebten Leben, wenn es soweit ist?
Oder werde ich etwas bereuen, mir wünschen, etwas anders gemacht zu haben?
Vielleicht hätte ich noch mal jemanden um Verzeihung bitten, etwas freundlicher sein sollen?
Vielleicht hätte ich doch etwas verschenken, etwas vergeben, verzeihen müssen?
Vielleicht hätte ich doch die beschissene Arbeit kündigen, die lang ersehnte Reise machen, das wunderbare Buch lesen sollen.
Vielleicht hätte ich ja doch mehr das Sitzen üben sollen, das Ruhen in diesem Denken, Fühlen und Erfahren. So wie es der Buddha seinen Schülern, also mir, dringlichst ans Herz gelegt hat.

Damit ich dann nicht so eine Scheissangst haben müsste vor dem, was da an Ungewissheit lauert in diesen letzten Stunden des Lebens. Diese Scheissangst, die kommen wird, die ich beobachten kann bei so vielen Menschen, seien sie alt oder jung.
Die Angst, die ich kenne, die da lauert, schon zu normalen Lebzeiten, dort um die Ecke, hinter den dicken Pfeilern meiner Ignoranz, die sich Langeweile nennen oder Warten, Ungeduld, Trägheit, Dumpfheit.
Die Angst, der ich jedesmal, wenn es mal still ist im äußeren und nichts geschieht mit einem innerlichen Pfeifen begegne, wie damals als Kind, allein im Keller.
Die Angst, die nichts anderes als die Angst vor dem Sterben ist, vor dem Unausweichlichen.
Vor dem großen unbekannten Ding, was wir gemeinhin „Geist“ nennen.
In einem hübschen Merkspruch für buddhistische Meditierer heißt es:
Derjenige Meditierende mit den geringsten Fähigkeiteiten bereut nichts, wenn es ans Sterben geht.
Derjenige mit mittleren Fähigkeiten hat keine Angst vor dem Sterben.
Derjenige mit den höchsten Fähigkeiten geht mit großer Neugier, gar mit Freude ans Sterben.

Die buddhistische Meditation hat tatsächlich nichts anderes im Sinne, als uns auf unser eigenes Sterben vorzubereiten. Wer glaubt, Meditation dient dazu, ein ruhigeres, beschaulicheres Leben zu führen irrt.
Denn tatsächlich sterben wir an jedem Tag, jeden Augenblick. Und Wiedergeburt geschieht ebenfalls in jedem Moment, jeden Tag.
Doch ich habe weder geringe noch mittlere, geschweige denn höchste Fähigkeiten. Aber manchmal packt es mich, dann nehme ich mir doch vor, diesen Geist etwas besser kennen lernen zu wollen. Dieses merkwürdige Ereignis Geist, diesen scheinbar vorbeigleitenden Strom von Erfahrungen, Phänomenen und Erscheinungen in dieser vergänglichen Geschichte.
Denn dieser Körper ist nicht mehr als eine ziemlich kaputtgehbare Hülle.
Ganz nett. Aber wirklich nicht mehr.

Und jetzt denk´ selbst nach

Wie sieht es bei dir aus?
Kennst du deinen Geist?
Deine Gedanken, Gefühle, Gewohnheiten?
Also, mach´ was

Editorial

Samstag, 20. Januar 2018

Well met, alle zusammen!

Irgendwie könnte mensch meinen, wir wären im April. Das Wetter schaut grad danach aus und die Tagesnachrichten klingen so. Es schaut nach Frühling aus .. bevor wieder der nächste Kälteeinbruch da ist.

 

copyright Uli Stein

In unserem Update findet Ihr – sehr passend zur Grippewelle – den Teil II meines „Haaaaatschi„. Und wie im Artikel schon erwähnt: Falls Ihr Hausmittel in der Familie weitergegeben bekommen habt, dann schickt sie mir einfach und es gibt auch noch einen Teil III.
Martin ist diesmal auch mit einem Teil III dabei, „Erfundene Traditionen für traditionelle Textilien – Teil III„.

Wie immer wünsche ich Euch viel Lesevergnügen und uns Eure (an uns geschickten) Beiträge oder Kommentare.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Von wegen „uralt“: Erfundene Traditionen für traditionelle Textilien – Teil III, geschrieben von MartinM

Samstag, 20. Januar 2018

Zunächst nach Schottland:

DER KILT

Das „klassische“ Beispiel für eine erfundene Tradition im englischen Sprachraum ist der „Kilt“. Es wurde, folgt man Hugh Trevor-Roper, nach 1725 vom englischen (!) Fabrikbesitzer Thomas Rawlinson erfunden worden: Da er einige Hochlandschotten an seinem Hochofen beschäftigt hätte und sie durch das Tragen ihres voluminösen Plaids gefährdet gesehen hätte, hätte er den „great belted plaid” kürzen und die zuvor durch Wicklung hervorgerufenen Falten in das Kleidungsstück mit einschneidern lassen.
Falsch, ereifern sich Anhänger der schottischen Kilt-Tradition, schon „The Armorial Bearings of the Chief of the Skenes” von 1692 zeigt diese „Chiefs“ bereits im féileadh beag (“Kilt”), und schon im 30-Jährigen Krieg trugen schottische Regimenter den “Schottenrock”. Und überhaupt: Plaids, die im Winter lang, im Sommer kurz getragen wurden, die gab es schon im späten Mittelalter! Eine Frechheit, zu behaupten, so ein blöder Engländer hätte diese ehrwürdige schottische Tradition erfunden!! Eine unverschämte Lüge!!1!!eins-elf!1!!!

Zur Erklärung: Mit seiner Ursprungsgeschichte lag Trevor-Roper sehr wahrscheinlich daneben, egal übrigens, ob Rawlingson tatsächlich eine „hochofentaugliche“ Plaid-Version erfand oder nicht.

Hobsbawm hat hingegen sehr wahrscheinlich recht, wenn er die „Kilt-Tradition“ samt der „traditionellen“, für bestimmte Clans charakteristischen Karomuster („Tartan“) als Erfindung schottischer Nationalromantiker des frühen 19. Jahrhundert einordnet. Übrigens war die nationalromantische Traditionserfindung eine Reaktion auf das langjährige Verbot der Plaids (lang wie kurz) durch die Engländer zwischen 1746 und 1782. Ein volkstümliches Kleidungsstück wurde erst durch Verbot tatsächlich zum „Symbol der schottischen Identität“, und dieses Symbol wurde dann mit dazu passenden erfundenen Traditionen weiter zur „Nationaltracht“ überhöht.

NUN KOMMEN WIR ZUM DIRNDL

Mädchen im Dirndl, ca 1933
Mädchen im Dirnd mit spielenden Kindern – „Verschiedene Porträtaufnahmen von Charakterköpfen“, gesammelt vom „Rassepolitischen Amt der NSDAP“, 1933 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 119-5592-12A / CC-BY-SA 3.0)

Im deutschen Sprachraum dient das „Dirndl“ als klassisches Beispiel einer erfundenen Tradition – und zwar zurecht, auch wenn es dieses mit Schürze versehene Kleid schon gab, bevor es um 1870 unter Frauen der städtischen Oberschicht in Österreich und Altbayern Mode wurde.
Eine „alpenländische Festtagstracht“ war das Dirndl übrigens nie. Festtrachten waren und sind Repräsentationskleidung. Sie sind aufwendig gefertigt, die Kleider typischerweise hochgeschlossen und nicht eben auf Tragekomfort und Bewegungsfreiheit ausgelegt. Kein halbwegs authentisches festtägliches Trachtenkleid hätte es geschafft, Massenmode zu werden.

Schon der Name verweist auf den tatsächlichen Ursprung: Dirn war die gebräuchliche Bezeichnung für eine in der Landwirtschaft arbeitende Magd oder eine häuslicher Dienstbotin, „Dirndl“ ist die Verkleinerungsform, in etwa „Dienstmädchen“. Die Schürze sollte das ursprünglich eher schlichte Kleid vor Verschmutzung bei der Hausarbeit schützen. Dieses Kleid nannte man folglich Dirndlgwand, was dann zu Dirndl verkürzt wurde. Aus den Städten stammenden „Sommerfrischlerinnen“, die zur Erholung in die Alpen führen, lernten dort das praktische und bequeme Kleid kennen und übernahmen es als Freizeitkleidung.

SYMBOL ANTI-PREUSSISCHER IDENTITÄ

Nach dem verlorenen „Deutschen Krieg“ 1866 zwischen Österreich und seinen Verbündeten, darunter Bayern, und Preußen nebst Verbündeten nahmen der „deutsch-österreichische Patriotismus“, wie das in Österreich-Ungarn damals hieß, und auch der bayrische Patriotismus geradezu hysterische Züge an. Viele, vor allem städtische, Österreich- bzw. Bayernpatrioten grenzten sich durch demonstrativ gelebte Tradition gegen die verhassten „Piefkes“ bzw. „Saupreißen“ ab.
Zu diesen Traditionen gehörten Trachten. Weil echte Trachtenkleider teuer waren und außerdem so eng mit der jeweiligen Herkunftsregion verbunden waren, dass sie nicht für überregionale Identitätskonstruktionen taugten, bildete sich unter anderem so etwas wie eine „vereinfachte altbayrisch-salzburgisch-tirolerische Klischee-Einheitstracht“ heraus, zu der bei den Herren typischerweise Lederhosen gehörten. Bei den Damen übernahm das Dirndl diese Funktion.

Ein schlichtes Dienstmädchenkleid oder auch ein daraus abgeleitetes Freizeitkleid taugte als Symbol anti-preußischer Identität nicht. Es musste also zur „traditionellen Tracht“ aufgewertet werden – was sich dann auch in der pseudo-folkloristischen Gestaltung und Verzierung der „Festagsdirndl“ niederschlug. In dieser Form wurde das Dirndl dann in München, Salzburg, Linz und schließlich Wien Mode.
Nach einigen Jahrzehnten hatte sich die gegenseitige Abneigung der einstigen Kriegsparteien so weit gelegt, dass das Dirndl, in Folge des Erfolgs der Operette „Zum weißen Rössl“ sogar in Berlin bekannt und beliebt wurde.
In der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Dirndl in schlichterer Ausführung dann wirklich volkstümlich, und zwar als bequemes und vor allem preiswertes Sommerkleid.

Moderne Dirndlkleider
Frauen in verschiedenen modernen Dirndln
By Florian Schott – Eigenes Photo, mit freundlicher Genehmigung aller abgebildeten Personen., CC BY-SA 3.0Link

WÄHREND DIESE KONSTRUKTION DES DIRNDL ALS „TRADITIONELLE“ TRACHT NOCH WEITGEHEND SPONTAN ERFOLGTE, WURDEN IN DER NS-ZEIT DANN SYSTEMATISCH „URALTE ÜBERLIEFERUNGEN“ ERFUNDEN.

Wie eine Satire auf die bürokratieverliebten, regulierungswütigen und gleichschaltungsbesessenen Nazis mutet die für Trachtenfragen zuständige „Mittelstelle Deutsche Tracht“ der „NS-Frauenschaft“ an, geleitet von Gertrud Pesendorfer, die den Titel einer der „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ trug.

Weitaus weniger komisch ist die ideologische Grundlage, auf der Frau Pesendorfer arbeitete. Die Tirolerin entwarf eine im „nationalsozialistischen Sinne erneuerte Tracht“, und zwar ausgerechnet auch auf der Grundlage von Schnitten, die unter anderem aus einem jüdischen Unternehmen stammten, dem der Brüder Wallach in München. In den 1920er Jahren war „Wallach“ der Anbieter für bayerische Trachten, Volkskunst und Interieurs schlechthin – sowohl authentisch – die Wallachs unterhielten auch eine renommierte volkskundliche Sammlung – wie modisch. Nach 1933 konnte ein Teil der Familie rechtzeitig emigrieren, der andere wurde deportiert und größtenteils ermordet. Und das Unternehmen fiel 1938 der „Arisierung“ zum Opfer.

Eine „Arisierung“ anderer Art betrieb die überzeugte völkische Antisemitin Pesendorfer, als sie eine „neumodische“ Form des Dirndls aufgriff, die in traditionalistischen und völkischen Kreisen als „sittenlos“ und „jüdisch“ (Wallach!) verpönt war. Schon in den 1920er Jahren gab es modernisierte und, vor allem durch tiefe Ausschnitte und betonte Taillen, erotisierte Dirndlvarianten. Diese Kleider, die etwa so „traditionell“ waren wie die zur gleichen Zeit in Mode gekommenen Charleston-Kleider, nahm sich Frau Pesendorfer zum Vorbild, um die „Tracht „von „Überwucherungen […] durch Kirche, Industrialisierung, Moden und Verkitschungen“ und „artfremden Einflüssen“ zu befreien.

Dass diese Dirndl überaus „sexy“ waren, passte ins Weltbild der „Deutschen Frauenschaft“: Sie propagierte einerseits das Ideal der „kinderreiche Bauernfamilie“ nebst treusorgender Mutter, andererseits auch das der selbstbewussten, körperlich „gestählten“, einen Beruf ausübenden und Freude am Sex habenden „Kampfgefährtin“. (An inneren Widersprüchlichkeiten ihrer „Weltanschauung“ haben sich Nazis noch nie gestört.)
Pesendorfer war nicht nur Antisemitin, sondern gehörte, wie ihr Mann Ekkehard Pesendorfer und der Gauleiter von Tirol, Franz Hofer, zu jenen Nazis, die einen Rochus auf die römisch-katholische Kirche hatten. (Andere Nazis arbeiteten umso besser mit katholischen Würdenträgern zusammen.) Hofers sah das „germanische Wehrbauerntum“ in den Tirolern geradezu idealtypisch angelegt, in seiner Weltanschauung stand „die Kirche“ für „Rom“ und „jüdischen Geist“ und hätte im erneuerten Germanentum nichts zu suchen. Gertrud Pesendorfer warf der Kirche ihre Leibfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit vor. Ganz im Sinne von Himmlers „Ahnenerbe“, in dem sie Mitglied war, suchte und fand sie überall Traditionselemente, die sie für „germanisch“ hielt. Ihre Vorliebe für „Fruchtbarkeitssymbole“ angebliche heidnischer Herkunft wie Lebensbaum, Lebensrad, Vogelpaare oder Dreispross schlug sich in den Verzierungen ihrer „entkatholisierten“ Dirndl nieder.

Die Tirolerin kreierte und propagierte ein kragenloses, dafür tief dekolletiertes Dirndl mit hoher Taille, geschnürtem oder geknüpftem engen Mieder, welches für stramme Haltung sorgte, und einem kurzärmeligen weißen Blüschen, das die bloßen Oberarme sehen ließ. Vorzugsweise waren ihre Dirndl kürzer als die einstige Dienstmädchenkleider, wahrscheinlich, um stramme Waden zu zeigen, einige „Jungmädeldirndl“ hatten sogar nur Minirocklänge. Daneben gab es mondäne Abendkleidausführungen in Bodenlänge. Die „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“ war unbestreitbar eine hervorragende Modeschöpferin. Als Volkskundlerin zeichnete sie sich eher durch weltanschauliche Linientreue als durch Sachkenntnis aus. Dennoch war sie 1939 – 1945 Leiterin des Tiroler Volkskunstmuseums. Sie blieb auch nach 1945 die einflussreichste „Expertin“ nicht nur für die „erneuerte Tiroler Bauerntracht“, sondern für „alpenländische Trachten“ überhaupt.

In der Tat ist die heutige „Trachtenmode“ im großem Maße von der „Pesendorfer Schule“ geprägt.

Schon bald avancierte das nazifizierte Mode-Dirndl zum Festtagskleid des „Bund deutscher Mädel“ und der NS-Frauenorganisationen. Es wurde, mit kräftigem Anschub durchs Propagandaministerium und vorgeführt durch die Frauen der NS-Prominenz, weit über die Grenzen Bayerns und des 1938 „ans Reich angeschlossenen“ Österreichs hinaus zur „Nationaltracht“ bei allen Anlässen forcierter Fröhlichkeit – den überkommenen wie dem Oktoberfest, aber vor allem den von der Diktatur inszenierten wie Führergeburtstag, Reichsparteitag und Reichsbauerntag.

Das weit verbreitete Misstrauen, dass die „Trachtenhuberei“ rechts bis extrem rechts sei, ist jedenfalls nicht völlig unberechtigt. Selbst seriöse Trachtenvereine tun sich mit der Auseinandersetzung mit völkischem Gedankengut schwer.

Zugespitzt zusammengefasst:

Das Dirndl beruht auf Aneignung von Dienstbotenkleidung durch Privilegierte, und das „sexy Wiesn-Dirndl“ verdankt seine Popularität den Nazis!

Nur am Rande erwähnt: die besondere Bedeutung von Schleifen am Dirndl, die je nach Position anzeigen sollen, ob die Trägerin ledig, verheiratet oder verwitwet sei, ist auch eine erfundene Tradition.

GEHÖRT DAS DIRNDL DESHALB AUF DEN MÜLLHAUFEN DER MODEGESCHICHTE?

Meiner Ansicht nach nicht. Es gibt Menschen, vor allem Frauen, die es bei passenden Anlässen gerne tragen. Allerdings sollten das Dirndl und andere Kleidungsstücke der „Trachtenmode“ ausdrücklich als Mode, und nicht als „Tracht“, und auch nicht als „traditionelle Kleidung“, wahrgenommen werden.