Archiv für Februar 2018

Editorial

Samstag, 24. Februar 2018

Well met, alle zusammen!

Ein wunderschön sonniger – aber kalter – Wintertag hat mich heute Morgen erwartet: blauer Himmel, strahlende Sonne und auf der Sonnenseite vom Haus zehn Grad plus (auf der anderen allerdings fünf Grad minus). Irgendwie finde ich das schon sehr sprechend …

Auch in unserem heutigen Update gibt es „kalt-warm“.
Martin hat uns seinen Artikel gespendet, den er anlässlich eines Projekts, das sich um die Swastika dreht, geschrieben hat. „Heiden-TV-Projekt „Swastika“: Einladung an Nazis und völkische Verharmloser„. Ein heikles Thema mit vielen Ecken und Kanten, die es zu betrachten gilt. Aufklärung macht Sinn – sofern sie sinnvoll und objektiv eingesetzt wird!
Mit Teil V von Morganas „Ein Treffen mit Dayonis“ schliesst diesen Serie.

Wie immer wünsche ich viel Lesevergnügen und uns Eure Kommentare oder auch Eure schreibende Mithilfe bei der Darstellung, wie das Heidentum aussehen kann.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Heiden-TV-Projekt „Swastika“: Einladung an Nazis und völkische Verharmloser, geschrieben von MartinM

Samstag, 24. Februar 2018

Thomas „Voenix“ Vömel ist ein begabter Zeichner und ist als Künstler in „Heidenkreisen“ sehr beliebt. Auch ich schätze viele seiner künstlerischen Arbeiten. Nicht alle, da viele seiner Karikaturen unübersehbar sexistisch sind. Und vieles, was es so schreibt und sagt, kommt mir ausgesprochen esobärmlich vor: Unreflektiert und mitunter naiv bis zur Weltfremdheit. Bei vielen von seinen vermutlich immer gut gemeinten und manchmal auch wirklich guten Aktionen fiel mir ein unschönes „Wir-gegen-die“-Denken auf. Völkische Esoteriker, rassistische Germanenschwärmer, sogar offensichtliche Nazis? „Egal, wir sind doch alle Heiden und müssen doch zusammenhalten!einself!!!! Wir müssen auch anderen Auffassungen gegenüber tolerant sein!!!!“
Dumm nur, dass Toleranz gegenüber Intoleranten eine schlechte Idee ist. Wenn es jemanden gib, auf den der alte Singvøgel-Song „Freundchen“ zutrifft, dann auf Voenix.
Als seinerzeit auf einer u. A. von Voenix organisierten Demonstration gegen das Bonifatius-Denkmal in Fritzlar der zumindest in Heidenkreisen als solcher bekannte „Nazi-Druide“ „„Burgos von Buchonia“ teilnahm, da kamen Zweifel daran auf, ob Voenix nur fahrlässig naiv ist. Oder ob er nicht doch Sympathien für völkische Esoterik und extrem rechte „Weltdeutungen“ hegt.

Nun hat er über sein Projekt „Heiden TV“ angekündigt, dass er die Swastika rehabilitieren will. Eine mehrteilige Video-Reihe zu diesem Thema ist geplant. (Facebook-Link.) Blickfang ist ein lachendes und winkendes gelbes Hakenkreuz.

Das Hakenkreuz ist allerdings zu Recht extrem negativ besetzt. Schließlich wurde unter diesem Symbol millionenfach gemordet. Es steht für eine offen menschenfeindliche Ideologie und eine historisch bespiellose brutale verbrecherische Praxis. Deshalb ist das Hakenkreuz in sämtlichen Formen in Deutschland und Österreich auch als verfassungsfeindliches Symbol verboten. Das fröhliche Hakenkreuzmännchen, das wie das NS-Hakenkreuz auf einer Spitze steht, ist eine Verhöhnung der Opfer des Naziregimes.

Ja, es stimmt, die Swastika hat im Buddhismus und im Hinduismus ganz andere, positive, Bedeutung. Ja, es stimmt auch, sie war vor den Nazis auch in Europa ein weit verbreitetes Symbol. Aber: Um die Swastika, das „Sonnenrad“ rehabilitieren zu können, muss zunächst das Hakenkreuz gebrochen werden! Mit anderen Worten: Der Kampf gegen Nazis und andere Menschenfeinde hat absolute Priorität. Erst wenn es auch die Strukturen, aus denen heraus alte wie neue Nazis agierten und agieren, nicht mehr gibt, kann auch nur daran gedacht werden, das Sonnenrad wieder öffentlich als Symbol zu verwenden. Also, wie es in Europa und Nordamerika gerade aussieht, auf Jahrhunderte hinaus nicht!

Dass seitens Heiden-TV auch eindeutig extrem rechte Kommentare nicht unterbunden wurden, spricht für sich. Angenommen, es ginge der Aktion wirklich darum, die Swastika zu rehabilitieren, vom „Nazidreck“ zu reinigen, dann müssten doch wenigstens die menschenverachtenden „Wir sind doch keine Nazis, aber …“-Sager konsequent ‚rausgeworfen werden.
Es ist schon angesichts der Facebook-Kommentare deutlich zu erkennen, wohin dieser Versuch, die Swastika zu „reinigen“ führt. Wohin wohl jeder Versuch, hier und jetzt dieses Symbol zu rehabilitieren, zwangsläufig führen wird, auch ohne den Kuschelkurs gegenüber Menschenfeinden, der leider für Voenix und seine Anhänger typisch ist. Nämlich zu einer widerwärtigen Relativierung und Verharmlosung der abscheulichsten Verbrechen der deutschen Geschichte. Schöne „Reinigung“, bei der so viel brauner Dreck hochgespült wird!

Es ist auch absehbar, welche Folgen solche Aktionen für uns haben: Es wird noch schwieriger werden, sich als Heide von der braunen Scheiße abzugrenzen. Vor allem in Zeiten wie diesen, in denen verdammt viele Parolen wieder sagbar werden, die jahrzehntelang zurecht tabu waren. In denen de-facto faschistische Parteien in die Parlamente gewählt werden.

Sie signalisieren nämlich, dass alle Abgrenzung einzelner Heiden oder heidnischer Gemeinschaften von extremen Rechten vielleicht nur Lippenbekenntnisse sein könnten. Wir werden, als Heiden, nicht „verfolgt“. Wir werden beargwöhnt. Und zwar in manchen Fällen leider gar nicht mal zu Unrecht.

Nutzen aus solchen Aktionen wie der versuchten „Hakenkreuzreinwaschung“ ziehen einzig und allein die Kackbraunen!

Ein Treffen mit Dayonis – Teil V , geschrieben von Morgana, übersetzt von Anufa, bearbeitet von Chris

Samstag, 24. Februar 2018

Über Seelenrückholung und Schamanismus

Einer der einflussreichsten Wege ihres Lebens war aber der Schamanismus. „Er hat mir einen Weg nach innen zu gehen aufgezeigt. Den Geist zu gebrauchen hat ist relevant für die Art und Weise, wie ich Wicca erlebt habe. Wie der Geist die Fähigkeit besitzt eine Lebenswelt zu erschaffen. In Wicca erschafft er einen Kreis als sicheren Ort, einen getrennten heiligen Raum. Und du kannst dort alles tun.
Ich bin fasziniert davon, wozu der Geist imstande ist. Der Kreis birgt die Kraft in diesem „Ort zwischen den Welten“. Schamanismus bietet diese Art des sicheren Raumes in deinem Geist ebenfalls.“

Obwohl Dayonis und ihr Ehemann Schamanismus zuerst durch Michael Harner entdeckten, war es Sandra Ingerman – die bei Harner gelernt hatte – die ihnen etwas beibrachte und sie inspirierte. „Es war Sandra, die mich am meisten inspirierte. Besonders ihre Herangehensweise an die Seelenrückholung erregte meine Aufmerksamkeit.“ 1991 schrieb Sandra „Soul Retrieval – Mending the Fragmented Soul”. (herausgegeben von Harper Collins San Francisco ISBN 0-06-250406-01)“

In der Einleitung beschreibt sie das „Konzept des Seelenverlusts – als – das Verlieren lebenswichtiger Teile von uns selbst, die uns mit Leben und Vitalität versorgen. Diese Teile gehen durch Traumata verloren und wer hat die meisten Traumata erlebt, wenn nicht die Kinder, die in uns leben? Hier biete ich einen Einblick in die Seelenrückholung, eine alte Technik des Schamanismus, die diesen Kinder helfen kann nach Hause zu kommen.“
Mit Sandra lernten sie nach unten, in die „unteren Welten“ zu gehen. Dayonis beschrieb es als „einen Wasserfall aus Feuer hinunter zu fliegen, wie im Zentrum eines Vulkans. Es war wunderbar frei, an all dieses wunderschönen Plätze gehen zu können.“ Durch die Technik der Seelenrückholung war es möglich diese Plätze zu bereisen. Sie erinnert sich an eine Erfahrung, als sie sich während einer Übung mit ihrem Übungspartner in diesem Workshop(,) an einem wunderschönen Strand wiederfand und dort einige Goldmünzen sah. Dann fand sie heraus, dass ihr Partner finanzielle Probleme hatte!
Natürlich war ich neugierig, wie Dayonis die Craft heute sieht. Wir sprachen ausführlich über unsere eigenen Erfahrungen der letzten 35 Jahre und Dayonis war begeistert zu hören, wie sich in Europa alles gewachsen war und sich entwickelt hatte. Sie hatte allerdings einige Ansichten über gegenwärtige Trends, besonders bezüglich dessen, was man als „Dogmatisierung“ des initiatiorischen Wicca sehen könnte.

Sie kommentierte dies und hatte auch einige Tipps:

„Die Craft hat sich so sehr verändert, dass ich denke, dass was ich auch vorschlagen würde, nicht wirklich von Wert wäre. Die einzige Sache, die ich vorschlagen würde, ist „Keep It Sweet and Simple, KISS.“

Ja, halte es einfach. Je komplizierter du die Dinge machst, desto weniger an Wert haben sie. Je mehr du hinzufügst, desto weniger bekommst du heraus. Was wir in Bricket Wood gemacht haben, das haben wir, wie ich es nenne, in aller Unschuld getan. Wir waren wie die Kinder und das alles war völlig neu. Die Craft war das Zuhause, zu dem wir alle fühlten, zurückgekehrt zu sein. Wir waren alle so glücklich in unserem „Spielzimmer“, dass wir nicht wirklich an etwas anderes dachten als an das, was wir im Moment machten. Das war alles sehr, sehr fokussiert.

Es war alles voller Staunen! Das Staunen ist von allen wirklich die wichtigste Sache, die wir in der Craft an die Leute weitergeben sollten. Verkompliziert das nicht! Haltet es einfach. Ich habe schon Bücher der Schatten gesehen, die viele Zentimeter dick und gefüllt mit was auch immer waren. Meines waren nur sechs Seiten lang, vielleicht maximal zehn.“ Sie lachte, als ich ihr sagte, das der „Kern“ von meinem Buch der Schatten ungefähr zwölf Seiten habe…

Auf das Buch der Schatten zurück kommend fügte Dayonis noch hinzu: „Natürlich spreche ich nur von meinen eigenen Erlebnissen, die ziemlich am Anfang waren. Nachher kamen dann noch andere Sachen dazu und nicht alles davon ist schlecht. Warum sollte es keine Entdeckungen geben, dass andere Dinge auch funktionieren? Gerald sagte immer zu uns, „wenn etwas funktioniert, dann ist das gut.“ Aber du solltest es als etwas kennzeichnen, das du hinzugefügt hast. Die Menge an intellektueller Arbeit, die vom Beginn an geleistet wurde, ist gewaltig. Wir dachten, dass wir eine ganze Menge wussten, aber wir hatten gerade mal an der Oberfläche gekratzt. Die Forschung, die da gemacht wurde, versetzt mich in Ehrfurcht. Das ist wirklich faszinierend.“
Natürlich ist Forschung und ein Verständnis, wo die Dinge herkommen, von Wert. Wir kamen beide überein, wie wichtig es ist, über die eigene kulturelle Geschichte Bescheid zu wissen. Zu wissen, woher wir kommen und das große Bild zu sehen, mit der Absicht zu verstehen, was heute in der Welt passiert. Man sollte aber auch kritisch sein!

Als ich Dayonis nach ihrer Verbindung mit den Göttern fragte und wo sie ihre Inspiration hernimmt, war sie sehr deutlich, was den Einluss der Natur angeht. „Sie sind die Gesamtheit des Lebens. Ich mag „Old Hornie“ weil das meine Lieblingsfacette von Ihm ist. Wann immer ich das Symbol zeichne, zeichne ich es immer mit Hörnern nach oben, weil ich nie herausgefunden habe, wie man es anders herum zeichnet. Die Göttin aber ist vielschichtiger. Sie ist die wundervolle Erdmutter, aber in ihrem Inneren gibt es auch ein gewisses Feuer. Ich habe keine wirklich konkrete Vorstellung von Ihr, aber ich kann Ihn sehr klar als eine waldige Version von Gerald sehen!“

Bei meinem Besuch fragte Dayonis mich, ob ich die Canyons in Südutah besuchen wollte. Ja, natürlich, wollte ich! Und was für ein wundervolles Wochenende wir beim Besuch vom Bryce Canyon und dem Zion National Park hatten. Ich kann wirklich behaupten, dass ich nie etwas so Atemberaubendes gesehen habe. Die Geschichte der Entstehung dieses gesamten Gebietes ist faszinierend und äußerst sehenswert. Hier einige Fotos:

Während wir nach Südutah reisten, sahen wir die sich verändernde Landschaft. Von trockener Savanne bis zu überwältigenden Bergen, der Heimat der Ute und Navajo. Wir sprachen über die Wichtigkeit des Naturschutzes und den Respekt für Mutter Erde. Während wir durch den Zion National Park fuhren, machte ich einige Bilder. Ich war plötzlich von einem bestimmten Schnappschuss gefesselt, auf dem es so aussah, als ob die Göttin über den Bergen wachen würde … fast im Schlaf … aber immer aufmerksam. Wir konnten sehen, wie diese Canyons mit ihren „Hoodoos“ die Indianer beeinflusst haben mussten. An diesem Wochenende war auch Vollmond. Wir nennen ihn „Blutmond“ – und das Panorama der Berge in rot, rosa und orange erinnerte mich an das „Feuer im Inneren“ und daran, wie Dayonis beschrieben hatte, wie sie die Göttin wahr nahm. Auch an das Eisen das unser Blut rot färbt und die Rosa- und Weißfärbung den weißen Kalksteins verursacht.

Der Indianische Name für den Bryce Canyon lässt sich sinngemäß als „Rote Felsen, die wie Männer in einer schüsselförmigen Vertiefung stehen“ übersetzen

Auf unserem Weg zurück nach Salt Lake City sprachen wir über die wunderbaren Dinge, die wir gesehen hatten, und wie belebend das gewesen war. Wie Dayonis gesagt hatte, „Wenn wir die Dinge einfach halten, können wir das Wundersame sehen!“
Was für eine wunderbare Art diese gemeinsame Woche abzurunden!

Beschreibung „A Goddess Arrives“

Gardners erster Roman entstand als Resultat eines Traumes oder besser einer Reihe von Träumen, in denen er für den Bau einer Verteidigungsmauer zuständig zu sein schien, um Eindringlinge abzuwehren. Er nahm an, dass es sich um die Erinnerung aus einem vorherigen Leben irgendwo im Mittelmeerraum oder dem Mittleren Osten gehandelt habe. Die Träume waren so lebensnah, dass Gardner dazu inspiriert wurde, „A Goddess Arrives“ zu schreiben.
Der Roman handelt zur Zeit der Ägyptischen Invasion Cyperns 1450 und erzählt wie sie schlussendlich zurückgeschlagen wurde. Die Heldin der Geschichte, Dayonis, wird als Hexe beschrieben, aber sie scheint in ihren Ritualen Tier- und in manchen Fällen – Menschenopfer zu benötigen. Er wurde Ende 1939 veröffentlicht, knapp nach der Einweihung Gardners in die Craft. Das zeigt, dass er schon vor dieser Zeit an Hexentum und Ritual interessiert war, obwohl er dazu gezwungen war, einige seiner Ideen zu ändern, beispielsweise über Menschen- und Tieropfer, nachdem er tatsächlich einige Hexen kennen gelernt hatte.
Anna Korn hat mir gesagt: „Es war Gerald, der ihr ihren Craftnamen gegeben hat und er schrieb den Namen auf eine Armspange, die er für sie gemacht hatte. (Sie wusste nicht, dass „Dayonis“ die Hauptfigur in „A Goddess Arrives“ war, bis ihr das von uns Ur-ur-ur etc Enkeln erzählt worden war)“. (privates Gespräch)

Editorial

Samstag, 17. Februar 2018

Well met, alle zusammen!

Draußen ist es kalt und grauslich, deshalb hatte ich Zeit ein wenig „Vergangenheit“ aufzuarbeiten. Durch ein erledigtes (oder eher erledigt geglaubtes) Computerproblem ist mein derzeitiges Problem ein wenig kleiner. Diese Woche hatte ich extreme Schwierigkeiten ein Update zustande zu bekommen, weil unsere Speicher kaum mehr Artikel bieten. Den Göttern sei es gedankt, dass ich auf ein altes File gestoßen bin, in dem die Rohfassung einer ArtikelSerie, die uns Mara für die BücherTruhe, gespendet hatte, zu finden war. Weil ich nichts ungesehen lösche hat sich herausgestellt, dass in dem „UmlaufFile“ aus dem ich die Updates bestritten hatte, die letzten Teile einfach gefehlt haben. Somit freue ich mich, Euch einen weiteren Teil, den Teil XIV, der Serie „Fantasy und Neuheidentum“ diese Woche bringen zu können.
Den zweiten Artikel bestreitet unsere wohlwerte Nummer XVII, ohne den es diese Woche nur einen Artikel gegeben hätte. Sehr passend „Das Begräbnis“ …

Wie immer wünsche ich Euch viel Lesevergnügen und ohne Eure Mitarbeit wird es die nächsten Wochen wohl wieder eine Phase mit nur einem Artikel im Update geben müssen, da ich selber eine Übersetzung pro Woche zeitlich leider nicht schaffe.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Das Begräbnis, geschrieben von XVII

Samstag, 17. Februar 2018

 

Was für ein schöner Tag! Was für ein verdammt schöner Tag. Herrlich…die Sonne!

Die Strahlen werden von den Blättern der Bäume aufgefangen und…und ich hier,

da würde ich doch wirklich lieber Fotos machen oder im Wald spazieren gehen.

Eingang beim Friedhof.

Es sind ganz schön viele Leute hier. Alle in Schwarz.
Also fast alle…Charlotte kann ich da sehen,
die bei den anderen Freunden steht…stilgerecht in Regenbogenfarben gekleidet.

Ich kanns zwar von hier nicht ausnehmen, aber ich bin überzeugt sie hat auch irgendeinen pinken oder grellgrünen Lippenstift.

Ich werde mal langsam zu den anderen rübergehen.

Ah…da…der alte Herr, der die Blätter mit seinem Rechen auf die Seite kehrt…ich glaub das ist der Friedhofswärter. Ich gehe ihm entgegen. Er schaut auf.

-“Jungchen, du auch hier?“

Ja, kenn ich den? Ich bleib bei ihm stehen.

„Jungchen?“

-“Es ist selten, daß jemand von euch hier auch wirklich vorbeischaut.“

„Wie meinen sie das? Es ist doch alles voll hier?“

Ich deute auf die zahlreichen Gäste.

-“Ja, ja, sicher….“

Er zieht eine Augenbraue hoch…und kehrt weiter.

Na, sowas brauch ich…Merkwürdigkeiten.

So, endlich bei den Freunden.

–“Er würd sicher zu seiner eigenen Beerdigung zu spät kommen.“

Das war jetzt Elfie. Ich mag Elfie. Sie konnte wirklich in den schlimmsten Momenten irgendwas daran hübsch oder lustig finden. Gerade eben…sie fängt an zu weinen. Ist wohl nicht so ein Moment. Karl legt seinen Arm um sie.

Ja, genau Karl, gute Gelegenheit sich endlich an sie ran zu machen, du lässt auch echt keine Gelegenheit aus.

„Na, wenigstens kommen wir mal so zusammen, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.“

Ich wollte irgendwie die Stimmung auflockern.

Hans…wiederholt mich fast im Wortlaut.

—“Schön, daß wir wenigstens so zusammen kommen. Wir sehen uns zu selten.“

Das macht er ja gern. Gut, gibt meinen Worten bißchen mehr Gewicht, aber ich konnte so recht diese Art von ihm nicht verstehen. Er gibt einfach gern was von sich, was gar nicht von ihm kommt. Und verkaufts dann als seine Idee. Aber sonst…ich kann nichts sagen, er ist schon ein cooler Kerl, der sonst das Herz auch am rechten Fleck hat. Jeder hat halt so seine Eigenheiten.

Charlotte meldet sich zu Wort…und sie sieht wirklich aus wie ein Vogel aus dem Amazonas…

—-“Wirds nicht…Zeit, daß wir reingehen? Zum Sarg, oder so? Ich mein…wir können hier ja auch nicht ewig…und…es ist ja sowieso unvermeidlich.“

–“Gut, Charlie…gehen wir langsam rein.“

So trotten wir mal Richtung…ja, wie nennt man das eigentlich?
….Aufbewahrungshalle?

Ein Haufen Leute schon da drinnen. Musik spielt.

Oh…sehr cool….so 80er Musik…und Ska! Eine gute Wahl. Würde mir auch gefallen.

Betretene Gesichter. Ich weiß nicht, warum alle bei so Begräbnissen immer so traurig sind.

Ich sag immer…das soll eine Feier sein! Ändern kann mans eh nicht. Und den Zeitpunkt selbst kann man sich doch auch nur selten aussuchen. Eine Feier zu Ehren des Toten.

Die Etrusker tanzten auf den Gräbern…genauso sollte es sein. Eine große Abschiedsfeier und ab und an ein Glas am Grab des Verstorbenen heben…so….genau so.

Na, super…jetzt hab ich die Rede von dem Sprecher voll verpasst, so in Gedanken versunken.

War kurz, sehr kurz offenbar. Ein paar lachen sogar, also muß am Schluß wohl noch ein Witz dabei gewesen sein…ah…Elfie geht jetzt auch vor. Will wohl auch noch ein paar Worte verlieren.

–“Er war schon…ach was soll ich euch sagen, ihr kanntet ihn ja…unzuverlässig, ist am Leben irgendwie vorbeigegangen, hatte kaum Struktur, nie einen ordentlich Job, oder nur kurz…und er war jemand, der dem Leben und dem Lebenssinn nachjagte…stets auf der Suche. Aber er war jemand, dem man alles erzählen konnte…und er hatte nicht nur ein Ohr offen, sondern zwei. Und er half mir immer wieder aus düsteren Lagen und Stimmungen, obwohl ich immer so tat, als wäre ich die Lustige und würde alles locker nehmen. Er hat mich verstanden. Er war einfach ein verdammt guter Freund…den ich sehr vermissen werde und ich wünschte ich könnte ihm sagen wie wertvoll er für mich war. Und ist. Ich hab die Feier heute ja auch organisiert und…wir werden ihm zu Ehren heute feiern! Es dürfen Tränen fließen, keine Frage, aber wir werden unsere Gläser erheben, am Grabe, und werden ein paar Raketen abfeuern. Ich hab alles mit der Stadtgemeinde arrangiert. Also, werte Gäste, keine Bedenken, wir werden ihm zu Ehren ein kleines Feuerwerk abbrennen, so hätte er es sich gewünscht.“

Na, das ist mal ein Begräbnis nach meinem Geschmack. Seeehr cool.

Ich mochte ja Begräbnisse gar nicht. Ich finde auch…man solle ja nicht dann auf einmal meinen, ach ich hätte das und jenes ihm oder ihr noch so gerne gesagt oder mit ihm oder ihr unternommen…pffff…bitte…dann ists doch einfach zu spät. Das Leben leben.

Mit den Leutchen um einen herum.

So…jetzt begleiten wir bereits den Sarg Richtung Grabstätte.

Zum Glück nicht weit…und hier wieder der Friedhofswärter. Laub kehrend.

-“Jungchen, wie findest du` s?“

Wie eigenartig.

„Ja, schön. Wir werden sogar Raketen anzünden. Und am Grab etwas trinken. Wollen sie auch ein Glas?“

-“Ach…ich gehe einfach meiner Pflicht nach. Das Rundherum hier, das ist nicht so meine Sache. Aber feier nur. Hab Freude.“

Wir stehen am Grab. Viele Kränze. Der Sarg ist schon hinuntergelassen worden.

Und tatsächlich Elfie hat schon mehrere Flaschen Sekt stehen, wie zu einer Neujahrsfeier…und teilt Gläser aus.

Und Charlotte…Charlotte fängt auf einmal zu singen an.

Laut. Aber sie kann singen…das kann sie wirklich, der Regenbogenfalter.

Wie schrill…sie singt „Girl from Ipanema“. Sehr cooles Lied.

Es lockert aber wirklich die Stimmung. Ein paar lächeln jetzt sogar.

Und prosten sich gegenseitig zu. Ein paar schütten absichtlich ein bißchen was von ihrem Glas ins Grab. Und murmeln dazu etwas.

Karl richtet das Feuerwerk her. Zisssssssssch….BUMMMMMM.

Man sieht natürlich nicht viel, es ist mitten am Tag…und das hätte ich denen hier sagen können, daß man dafür spezielles Tagesfeuerwerk braucht…welches nicht umsonst so einen Namen hat.

Aber so….auch cool. Ein paar kräftige Farben sind trotzdem zu erkennen.

Endlich mal ein anderes Begräbnis. Nicht so fetzenlangweilig.

Nein…cool.

Der Friedhofswärter nähert sich mir wieder.

-“Ist was besonderes heute. Tolle Freunde. Hat nicht jeder. Das kann ich dir sagen.“

„Ja, es ist echt schön. Gefällt mir.“

-“Es wird aber langsam Zeit.“

Er macht eine einladende Geste….

„Zeit…Zeit wofür?“

Ich verstehe nicht. Schaue meinen Freunden zu….sie lachen nun alle…und witzeln.

Und noch eine gewaltige Rakete, die mit einer Wahnsinnsexplosion eine Fülle an bunten Farben in den Himmel streut. Die letzte Rakete.

-“Kommst du?“

Ellie hat einen großen bunten Luftballon in der Hand…auf dem mein Name steht.

Sie fängt zu reden an…

–“Wir wollen dir noch zum Abschied diesen Ballon gen Himmel schicken. Hab, wie der Ballon…eine tolle Reise…und dort, wo du angelangen wirst, habs gut dort..und, verdammt wir sehen uns wieder. Machs gut. Und…wir werden jetzt hier auf deinem Grab tanzen.“

Sie lässt den Ballon los. Er steigt ganz langsam hoch….alle schweigen.

Bis er nicht mehr sichtbar ist.

Charlotte fängt wieder zu singen an….und ein paar schwingen ihren Körper zunächst dezent im Takt.

Und ja…tanzen dann letztlich sogar. Schön.

Ausgelassene Stimmung…so wie ich es mir gewünscht hätte.

So…wie…

-“Kommst du?“

Er lächelt. Ich beginne zu verstehen. Nein…es ist nicht der Friedhofswärter.

Und ich nicht nur Gast.

„Ja, ich bin soweit.“

Und wir gehen langsam Richtung Ausgang.


Autor: XVII

Bild:  By Whippetsgalore – CC BY-SA 4.0, commons wikimedia