Archiv für März 2018

Editorial

Samstag, 31. März 2018

Well met, alle zusammen!

Grad noch Ende März haben wir schon Aprilwetter (zwar noch ein bissl kalt, aber eindeutig unbeständig!). Ostern ist heuer wieder etwas früher, aber keiner muss die Eier im Schnee suchen – „lächle, es könnte schlimmer kommen!“. Was übrigens durchaus ein guter Rat für die momentane Zeitströmung sein könnte …
Unser Foto heute stammt wieder einmal von Sati und zeigt für mich auch eine ähnliche Qualität. Schönheit im Durchhalten und in der Unsicherheit.

Frühling copyright Sati

Der Teil II von Christians „Wenn man auf ganz alten Pfaden wandelt“ schließt den Blick in meine Wohngegend ab. Nochmals vielen Dank, für diese Spende, Christian!
Der zweite Artikel stammt wieder einmal aus der Tastatur von XVII, ein weiterer Teil des „Der Necromant“.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns die Erkenntnisse Eurer Praxis!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

 

Wenn man auf ganz alten Pfaden wandelt – Teil II geschrieben von Christian

Samstag, 31. März 2018

 

Erster Eindruck als wir auf dem Wall ankamen: eine eher sanfte Anhäufung von Erdmaterial. Links befand sich die Siedlung, rechts fällt das Gelände steil zur Schwechat im Helenental ab. Lediglich die Geradlinigkeit gibt Preis, dass es sich hier um eine von Menschenhand errichtete Konstruktion handelt.

Aber bevor wir darüber sprechen, wollen wir uns dem vorchristlichen Wall zuwenden. Als mein Bruder und ich in der Gegend ankamen, die uns vom Museumsdirektor Rudolf beschrieben wurde, mussten wir bald den ausgetretenen Wanderweg verlassen und uns durch dichtes Gestrüpp arbeiten, bis wir schließlich zuerst einem sanften Anstieg folgten, der dann relativ abrupt ins Schwechattal abfiel. Zuerst war nichts Außergewöhnliches zu vermerken, nichts was eine von Menschenhand errichtete Konstruktion andeuten würde. Bis wir uns um 90 Grad wandten. In diesem Moment wurde offensichtlich, dass wir uns auf dem Wall befanden. Als wir nämlich die leichte Anhöhe der Länge nach betrachteten, bemerkten wir, dass diese über hunderte Meter einer schnurgeraden Linie folgte. Die eindeutig geometrische Rundung und die Geradlinigkeit schloss ein natürliches Entstehen dieser Landschaftsform aus, war eindeutig von Menschenhand errichtet.

First impression when arriving at the rampart wall. Rather mellow (left is where the dwelling was, to the right the landscape falls down to the valley „Helenental“ with the „Schwechat“ river}. Only the straightness for about 100 meters indicates that it’s not a natural structure.

Ein Bereich wo die Aufschüttung besser erkennbar ist.

Und in diesem Moment wurde uns auch klar, dass wir auf einem Stück Erde standen, dass unsere Ahnen zwischen zwei und dreitausend Jahren vor uns aufgehäuft hatten. Damals patrouillierten Krieger entlang der Bastion, die Schilder über ihre Schultern gehängt, sich angeberisch über ihre heldenhaften Taten im Krieg und im Bett unterhaltend; andere wiederum standen Wache, an ihre Speere gelehnt und das Tal zu ihren Füßen beobachtend; Kinder spielten dereinst am Fuß des Walls, und stachelten sich gegenseitig an, das Verbotene zu tun, nämlich auf die Barrikade hinauf zu laufen um auch für einen Moment Krieger zu sein; Liebespaare könnten sich im Schatten des Walls in mondlosen Nächten geküsst haben. Und mein Bruder und ich standen einfach da und sorgten Geschichte über die Fußsohlen in uns auf.

 

Ein Eckpunkt der Wallanlage. Hier könnten durchaus Wachen gestanden haben. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Abhang bis ins Tal geschlägert und von Buschwerk befreit war, damit man jede Bewegung unten beim Fluss erkennen kann.

Als es Zeit war zu gehen, entschlossen wir uns nicht wieder direkt zum Wanderweg zurückzugehen, sondern dem Wall entlang zu marschieren. Wir wussten zwar nicht, wo genau wir hinkommen würden, aber das Gebiet ist so überschaubar, dass man sich nicht verirren kann. Was wir nicht erwartet hatten war, dass, nachdem der zuerst kerzengerade Wall sich später in einer sanften Kurve nach links wandte, er tatsächlich den Wanderweg kreuzte. Letzterer schnitt einfach durch die Aufschüttung. Wir hatten, als wir zuvor in das Gebiet gekommen waren, gar nicht bemerkt, dass dies der Fall war. Wir sahen einander an und fragten uns, wie viele tausende Menschen da schon durchgewandert waren ohne zu realisieren, dass sie gerade durch einen von unseren Vorfahren vor zig-tausend Jahren errichteten Wall hindurchgingen.

Obwohl, es musste in früheren Zeiten einmal ein Wissen um die Wehranlage gegeben haben, da der Flurname des Ortes „Burgstall“ ist. Obwohl es dort keine Burgruine gibt, oder irgendwelche Hinweise, dass dort einmal eine stand. Hatten die Leute im Mittelalter noch um den Verteidigungswall gewusst?

 

Das gelbe Oval zeigt die Stelle vom Burgstall an. Rechts die westlichen Ausläufer der Stadt Baden.

Nicht nur der Wall selbst, und die steile, vom Tal zu ihm hinaufführende Böschung trugen zum Schutz der Bewohner der Ansiedlung bei.

 

Gelber Punkt: Chateau de Thuriès nahe Pampelonne, Frankreich, den Galliern als Uxellodunum bekannt (uxellos: hoch und dunum: Hügelbefestigung). Dort kämpfte der Rest der von Vercingetorix aufgestellten gallischen Streitmacht ihre letzte Schlacht gegen Caesar, nach dem Debakel von Alesia

Auch der Verlauf des Flusses selbst bot den Menschen dort Sicherheit. Wie in der Karte zu sehen ist, windet sich die Schwechat dort in einer Schleife um den Burgstall. Und wenn Sie jetzt erraten haben, dass wir bei heiligen Landkarten angelangt sind, liegen Sie richtig. Zwar dient die Schleife durchaus auch militärischen Zwecken, so ist doch auffallend, dass solche Orte bei den Kelten ganz besonders beliebt waren. Graham Robb, ein britischer Radfahrer und Historiker hat sich die Mühe gemacht, das Gallische Frankreich zu „vermessen“, und das alles in einem Buch „The Ancient Paths“ detailliert beschrieben. Das untenstehende Bild zeigt eine befestigte Stadt der Gallier an einer ähnlichen Stelle.

Für mich persönlich ist das hervorragendes Material um im Lehnstuhl vor dem Feuer im offenen Kamin zu sitzen und Betrachtungen über unsere Vorfahren anzustellen. Wenn Robb recht hat mit seinen Theorien der Druidenmathematik und –geografie, kann es sein, dass deren Vorfahren bereits um solche Stellen wussten. Wir werden es wahrscheinlich nie wissen, aber es ist immer spannend darüber zu sinnieren.

Der Nekromant – Fortsetzung, geschrieben von XVII

Samstag, 31. März 2018

 -“Bist du soweit? Chad? Bist du soweit?“ Iver steht rechts knapp hinter mir. Ob ich soweit bin.

Sein Tonfall wirkt harsch, fordernd.

Gerade noch waren wir in Salzburg…Flowers und ich haben Iris abgeholt.

Die Fahrt war..nun, ja…lustig, unterhaltsam.

Bißchen wie ein Schulskikurs bei dem sich zwei alte Freundinnen getroffen haben.

Es war natürlich sofort klar, daß Iris vorne sitzt, neben Flowers.

–“Shotgun“ hat sie gerufen…mich zum Rücksitz bugsiert und sich lachend auf den Beifahrersitz fallen lassen.

Flowers hat sie mal ein paar Minuten lang umarmt…und dann ging die Fahrt schon los.

Die beiden Damen haben sich über alte Geschichten unterhalten…so „weißt du noch…damals und wie wir…hahaha…und dann…wuahahaha“…und die andere dann…“ja, genau…hihi…und wir…haha“

Schulskikurs.

Ab und an haben sie nach hinten geblickt…Iris hat manchmal mit Flowers über mich gesprochen, als wäre ich gar nicht da…aber später hat sie dann auch begonnen von sich zu erzählen, hat auch persönliches mit mir geteilt und war auch dann locker zu mir.

Sie ist schon in Ordnung. Kam mir halt so vor wie…Revierabstecken und Hierarchien bestätigen.

Aber eben letztlich…passt schon. Ich glaub` sie hat schon das Herz am rechten Fleck.

-“Chad?“

Ich nicke kurz.

Dann haben wir Iver abgeholt, der sich noch rasch `nen Mantel übergeworfen hat und dann sind wir schon direkt hierher gefahren.

Hierher. Uff. Psychiatrie. Das hier ist eine Psychiatrie.

Iver ist von mehreren weißbekleideten Herrschaften schon erwartet worden.

Einige Wortfetzen bekam ich mit…in denen es stets „Herr Professor…“ hieß.

Wir wurden als sein Team vorgestellt. Bekamen auch weiße Mäntel.

Mit dem Lift gings in den dritten Stock. Weiße leere Gänge.

Einzelne Betten, die auf den Gängen standen. Sonst leer. Und erschreckend leise.

Gemeinsam sind wir auf eine Tür zugesteuert.

Iver wurde kurz instruiert. Bekam die Krankenakte in die Hand gedrückt.

Wir öffneten die Tür. Ein kleines Zimmer. Ziemlich leer. Kein Fenster.

Mittig ein Bett. Darin ein junges Mädchen. Ich schnappe auf, daß sie wohl gerade mal 16 sei. Dann noch ein kleiner Tisch. Davor ein Sessel. Ein Nachtkästchen. Und irgendein medizinisches Gerät.

Lina heißt sie. Sie liegt in dem Bett. Fixiert. Venenzugang. Zwei Infusionen hängen über ihr.

Iver sagt den anderen Ärzten, daß er mit seinem Team ungestört sein will.

Das wird überraschenderweise akzeptiert…Wir sind nun alleine mit dem Mädchen im Zimmer.

Iver sagte noch zu Flowers: -“Du achtest bitte darauf, daß wir auch wirklich ungestört sind, ja?“

Iris, Iver und ich. Und das Mädchen. Ein Bett. Sie darauf fixiert.

-“Chad…brauchst du noch was? Oder…“

Ich denke nach.

„Ja, einen starken Geruch, etwas was stark riecht.“

-“Iris?“

Iris gibt mir ein kleines Fläschchen. Unbeschriftet.

Ich stelle es auf das kleine Nachtkistchen und rücke dieses vom Bett weg.

Ich schau mir das Mädchen an. Ihr Nachthemdchen ist vollkommen durchnässt.

Sie selbst zuckt leicht. Ein leichtes Vibrieren am ganzen Körper.

Man bemerkt das aber am stärksten bei den Händen und Füssen.

Ich prüfe ihren Puls. Das Herz schlägt schnell.

Ich streiche ihr die Haare aus dem Gesicht und lege meine Hand auf ihre Stirn.

Ich versuche wahrzunehmen. Mich selbst frei zu machen und wahrzunehmen.

Was kommt. Was kommt….

„Die Infusionen. Wir sollten die Infusionen kappen.“

-“Iris, hol bitte Flowers, die soll das machen.“

Die Stirn ist kalt. Auch schweißig.

Das Mädchen selbst sieht nicht mich an…es sieht durch mich hindurch.

Manchmal rollen auch ihre Augen umher. Und sie öffnet und schließt rasch ihre Augenlider.

Flowers kommt. Mit ein paar gekonnten Handgriffen befreit sie das Mädchen von den Infusionen.

Sie vergewissert sich noch ob sonst noch Hilfe von ihr gewünscht wird…und geht dann wieder nach draußen.

Rasch kommt eine noch größere Unruhe in das Mädchen.

-“Chad, was siehst du und was hast du vor zu tun?“

Iver, mein großer Lehrmeister, setzt mich unter Druck. Er selbst ist vollkommen ruhig.

Das ist schon mal gut…und seine Ruhe geht zum Glück auch etwas auf mich über.

„Ich könnte aus dem Rituale Romanum….“

Chad unterbricht mich gleich.

-“Bist Du Christ?“

„Nein, aber…“

-“Jetzt schau mal genau hin.“

Ich lege ihr nochmal die Hand auf die Stirn.

Der Kopf zuckt hin- und her. Sie rüttelt am Bett.

Iris macht hinter mir einen tiefen Atemzug.

Mist. Ich weiß es nicht ich weiß es nicht. Ich sehe da….nichts…ich….

—“Chad? Jetzt mal ganz ruhig. Ganz ruhig. Du kannst das. Außerdem sind wir bei Dir. Frag Iris ob sie dir helfen kann.“ Flowers. Flowers schickt mir diese Gedanken. Ich höre Flowers deutlich, als stünde sie vor mir, obwohl sie tatsächlich gerade irgendwo draußen vor der Tür ist.

„Iris kannst du mein Wahrnehmungsfeld bitte erweitern?“

Ich muß einen verdammt flehenden Blick drauf haben.

Ein kleines Lächeln kann ich im Gesicht von Iris erkennen.

Sie macht einen Ausfallsschritt, legt ihre rechte Hand nach vorne, ihre linke nach hinten…zieht mit der rechten einen Kreis…einen Kreis…der sich manifestiert.

Ich sehe einen Kreis. Nein, vielmehr so etwas wie einen Wirbel. Der Wirbel stülpt sich über das Mädchen…wird größer weitet sich links und rechts neben dem Bett aus.

Ich schau in diesen Wirbel hinein. Sehe viele Leute. Menschen die wirr durcheinander gehen.

Wie…wie in einem komischen Zombiefilm. Einer schaut aus dem Wirbel hinauf, sieht mich, schreit. Das Mädchen beginnt auch zu schreien. Die anderen gehen ungestört weiter hin- und her.

Ich bin versucht in den Wirbel hineinzugreifen und den Schreihals zu greifen…Iver hindert mich.

-“Nein. Du bleibst hier. Die Gefahr ist zu groß. Handle von hier.“

Und dann…als hätte ich einen Eingebung…beginne ich auch zu schreien.

Ich stimme mich auf das Klagelied der Zwei ein.

Wir schreien in einer Art von Harmonie. Wir schreien gleichsam. Egal was wir beschreien, aber es ist dasselbe. Es wird zu einem Schrei. Einem einzigen Schrei. Den ich langsam übernehme. Es ist als würde ich den Schrei dirigieren. Ich werde langsam leiser. Und die zwei werden leiser. Es dauert ein paar Minuten…bis wir alle erstummt sind. Das Wesen im Wirbel schaut mich noch kurz an…und wandert dann wie alle anderen da unten auch wieder hin- und her. Ohne Blick nach oben.

Das Mädchen ist vollkommen ruhig.

Der Wirbel wird kleiner…und verschwindet.

Ich bin fix und fertig.

-“Gut gemacht, Chad. Ungewöhnlich, aber gut.“

Ich setze mich auf den einen Sessel.

Flowers kommt herein.

—“Das war gut, Chad. Wirklich.“

„Ohne Iris…“

–“Ach, das hättest du auch ohne mich hinbekommen. Vielleicht auch mit dem Rituale Romanum. Hätt` dich gerne da jetzt ne Stunde lateinische Texte zitieren gesehen…“

Sie lächelt.

Flowers überprüft die Vitalfunktionen von dem Mädchen. Eine Infusion schließt sie wieder an.

—“Die braucht sie noch, ist besser so. Die andere können wir aber lassen.“

„Was ist jetzt mit dem Mädchen, ist sie jetzt geheilt?“

-“Nein. Aber du hast im wahrsten Sinne des Wortes…eine Stimme in ihr…zum Schweigen gebracht. In den nächsten Sitzungen wäre es hilfreich…zb. Was du als Menschen gesehen hast, die hin- und hergehen…diese in die gleiche Richtung gehen zu lassen…und dann nach und nach, wenn die Szenarie dem tatsächlichen Geiste des Mädchens entspricht, wird sie wieder völlig gesund sein…was gesund auch immer sei. Die meisten Menschen sind „gesund“ und es rennen ein Haufen von Wesen hin- und her. Oder liegen. Oder spielen miteinander. Also in dieser Art der Wahrnehmung gesprochen.“

—-“Könnte ich….könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?“

Das Mädchen schaut mich groß an.

Jetzt erst sehe ich, daß auch ein kleines Waschbecken im Raum ist. Ein Spiegel und eine Ablagefläche mit einem Plastikbecher. Sofort gehe ich dort hin…fülle den Becher.

Flowers löst die Fixierungen. Das Mädchen setzt sich auf.

Ich reiche ihr den Becher.

Sie trinkt ein paar Schlucke recht hastig.

Während dem letzten Schluck beginnt sie schon zu reden und verschluckt sich fast…

—-“Wo…wo…bin ich? Ich bin Lina.“

„Hi, Lina. Ich bin Chad. Schön dich kennen zu lernen.“

Ich lächle sie an…und meine Augen werden leicht feucht und ich fange fast zu heulen an.

———-Fortsetzung folgt——

Bild: Rituale Romanum von Eaden, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41394407 This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Text: XVII

Editorial

Samstag, 24. März 2018

Well met, alle zusammen!

Da hätten wir ihn hinter uns – den Frühlingsanfang. Sowohl den astronomischen als auch den meteorologischen … was den real gefühlten angeht, da lässt er wohl noch für einige von uns auf sich warten. Deshalb freut mich das wunderbare Bild, das ich Euch heute mitschicken darf, umso mehr. Ein Hase, der nicht alltäglich für die „Ostara“Feiern sein mag, aber mir gefällt er umso besser!

 

Hase copyright Lynne Saunders

In unserem heutigen Update findet Ihr den Teil II von Sacribas Blick auf Yin und Yang. Fast möchte ich sagen, ein sehr treffendes Frühlingsthema!
Der zweite Artikel ist eine Spende von Karin, die sich mit einem alten Brauch aus den Alpen, aus schamanischer Sicht betrachtet, dem „Scheibenschlagen“ beschäftigt und uns das Ergebnis gespendet hat. Vielen lieben Dank, Karin!

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns Eure Kommentare (die in letzer Zeit leider wieder extrem selten geworden sind …)

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Yin und Yang – Teil II, geschrieben von Sacriba

Samstag, 24. März 2018

Was sind Fraktale?

Dieser Artikel mag auf den ersten Blick nicht zur Artikelreihe passen. Inwiefern das Thema für Yin und Yang relevant ist, werde ich erklären.

Das Konzept über Fraktale, die Fraktaltheorie, wurde von Benoît Mandelbrot entwickelt und 1975 publiziert. Mittlerweile wird es als die größte Weiterentwicklung der Mathematik seit dem 18. Jahrhundert angesehen. In seiner Grundidee besagt es, dass alle von selbst wachsenden Strukturen (direkt: wie Lebewesen, indirekt: wie Sterne) sich selbst ähnliche Strukturen bilden. Eine solche Struktur wird dann ein Fraktal, oder mehrere Fraktale, genannt.

Beispiele:
Ein Baum besteht erst einmal aus Wurzeln. Dann wächst ein Stamm, von dem Äste wegstehen, die wiederum Zweige entwickeln. Das Netzwerk aus Wurzeln sieht dem Netzwerk aus Ästen ähnlich, und wie die Äste vom Stamm wegwachsen, sieht ähnlich aus wie die Zweige, die von den Ästen wegwachsen, usw. Die Wurzeln sind ein Fraktal von den Ästen, und die Äste sind fraktal zu den Zweigen. Die Reihenfolge ist allerdings nicht wichtig, sondern nur die Ähnlichkeit: So sind auch die Wurzeln fraktal zu den Zweigen, usw.

Die korrekte Formulierung ist dabei entweder “ist ein Fraktal von” oder “ist fraktal zu”, mit der gleichen Bedeutung.

Eine häufige Anwendung erfahren die Gleichungen der Fraktaltheorie in Computerspielen mit hohem Anspruch an lebensechte Grafik, um genau über solche Ähnlichkeiten Lebewesen realitätsnah zu animieren.

Aber nicht nur physische, sondern auch psychische Strukturen (wie Ideen und Konzepte) wachsen selbst – und bestehen daher aus Fraktalen, welcher wieder neue Fraktale ausbilden können. Diese beiden Fraktalmöglichkeiten beeinflussen sich sogar gegenseitig – und so kommen Konzepte wie Yin und Yang in der Evolution physisch und psychisch an immer wieder neuen Orten vor.

Wie bereits gesagt, ist die Reihenfolge zur Bestimmung von Fraktalen irrelevant. Allerdings kann es hilfreich sein, die jeweils älteste Form eines Fraktals zu kennen, da sich so andere Fraktale, die sich aus diesem entwickelt haben, leichter identifizieren lassen. Bei Yin und Yang ist das älteste (bekannte) Fraktal die Aufgabenteilung bei der sexuellen Fortpflanzung. Um weitere Fraktale zu finden, macht es daher Sinn, die Evolution der Sexualität zu durchforsten.

 

Sex ist mehr als nur Fortpflanzung

 Evolution funktioniert nach dem Faulheitsprinzip: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Klar, denn ein Lebewesen, das unnötigerweise Energie verbraucht, wird die nächste Verknappung an Ressourcen schwerer überleben. Daher muss jeder hohe Energieaufwand durch einen entsprechenden Nutzen gerechtfertigt sein, denn sonst bleibt der Spezies nur, das “teure” Merkmal rechtzeitig wieder zurückzubilden – oder auszusterben. Eine interessante Folge daraus ist, dass Vorgänge mit einem hohen Energieverbrauch, die bereits einen Nutzen haben, sich oftmals so weiterentwickeln, dass sie noch mehr Vorteile bringen.

Genau das ist mit der sexuellen Fortpflanzung passiert, die verglichen mit der asexuellen Fortpflanzung einen höheren Energieaufwand benötigt. In allen genügend komplexen Lebewesen haben sich Belohnungsmechanismen entwickelt, die sich einschalten, sobald dasjenige Lebewesen eine Handlung setzt, die förderlich für das eigene Überleben ist. Handlungen, die zwar das Überleben fördern, aber gleichzeitig einen hohen Energieaufwand und damit ein gewisses Risiko beinhalten, haben besonders starke Belohnungsmechanismen. Die Belohnung für Sex ist die sexuelle Lust und die anschließende Befriedigung. Beim Menschen und einigen anderen besonders intelligenten Tierarten hat genau dieser Belohnungsmechanismus beim Sex einen weiteren Nutzen bekommen: Zusätzlich zum Sex für Fortpflanzung haben diese Lebensformen eine weitere Form von Sex entwickelt, deren Ziel nicht mehr die Schaffung von Nachkommen ist – nämlich Sex zum Spaß. Bisher ist bekannt, dass große Aras (eine Papageienart), Delfine, Elefanten, einige Menschenaffen wie Schimpansen und Bonobos, sowie Menschen selbst das Konzept von Sex zum Spaß kennen.

Alle diese Lebensformen haben gemeinsam, dass sie eine gewisse Mindestintelligenz haben und in sozialen Gruppen zusammenleben. Sex ist eine lustvolle Handlung, die ein Mitglied der Gruppe mit den anderen Mitgliedern teilen kann. Wenn Individuen der Gruppe nun miteinander lustvollen Sex haben, stärkt das den sozialen Zusammenhalt: Schließlich werde ich einem Gegenüber, das mir Lust bereitet, und mir positive Erfahrungen verschafft, eher helfen, wenn es in einer Notlage ist, als einem anderen Gegenüber, das mir mögliche lustvolle Erlebnisse vermiest, oder mir sogar mein Fressen und andere Ressourcen wegnimmt. Sex zum Spaß erhöht so die Bereitschaft der Gruppenmitglieder, sich gegenseitig zu helfen, also Solidarität zu zeigen, und macht damit die gesamte Spezies überlebensfähiger.

Wenn du der obigen Beschreibung von Solidarität innerlich zugestimmt hast – Gratulation: Du hast die Fairness einer solchen Situation instinktiv verstanden. Das bedeutet, dass du ein unbewusstes evolutionäres Erbe (nämlich das Verständnis von und das Bedürfnis nach Solidarität) im Bewusstsein hast. Während alle Menschen dieses Erbe in ihren Gehirnwindungen mit sich herumtragen, schlummert es bei der Mehrheit unbewusst und ungenutzt vor sich hin, weswegen sich die meisten erwachsenen Menschen immer wieder in Lebenssituationen wiederfinden, in denen sie entweder ausgebeutet werden oder selbst ausbeuten – also eben keine Solidarität erfahren oder zeigen.

Ende Teil II