Archiv für Juni 2018

Tacitus und die faulen Germanen – Teil III, geschrieben von MartinM

Samstag, 23. Juni 2018

Fast alle Menschen in der „Germania magna” arbeiteten also in der Landwirtschaft. Nun weiß jeder, dass Landarbeit unter vorindustriellen Bedingungen harte Arbeit ist, vor allem zur Erntezeit, und das der bäuerliche Arbeitstag lang war und früh begann. Außer einigen reichen Großbauern / „Adligen” könnte es demnach eigentlich keine Faulenzer gegeben haben.
Das stimmt nicht ganz. Die Germanen waren nicht nur kriegerisch, sie waren im großen und ganzen, im Vergleich zu den Römern, aber auch den Kelten, rückständig und arm – wobei es starke regionale Unterschiede gab. Ihre „Produktivkräfte” waren im Allgemeinen wenig entwickelt. Es gibt mehrere Gründe, wieso das so war, einer war sicherlich die aus der modernen „Entwicklungspolitik” wohl bekannte „Armutsfalle” – um die Produktivkräfte zu entwickeln, etwa durch bessere Verkehrswege und bessere Geräte, braucht man Kapital, und um Kapital – nicht unbedingt in Form von Geld – anzusammeln, braucht man aber erst einmal eine Produktion, die Überschüsse abwirft. Übrigens waren die Raubzüge, für die die Germanen (wie später auch die Wikinger) berüchtigt waren, auch ein Versuch der „Kapitalbeschaffung”. Im Falle der Wikinger sehr erfolgreich. Reichtum erleichtert den Übergang vom „Räuber” zum „ehrbaren Kaufmann” enorm, und nach ein paar Jahren fragt keiner mehr nach der Herkunft des Startkapitals.
Etwas verallgemeinert fehlte es rechts vom Rhein und nördlich der Donau so ziemlich an allem, was ein Römer unter „Zivilisation” verstand. Es gab keine Städte, keine befestigten Straßen und keine zentrale Verwaltung, nur Stämme, die sich selten einig waren, kurz gesagt, keinen Staat. Ein Nachteil: Missernten führten, wenn die eigenen Vorräte aufgebraucht waren, zu Hungersnöten, weil es kaum Möglichkeiten gab, Nahrungsmittel aus Gegenden mit besserer Ernte einzuführen.
Der Vorteil, vor allem für die „Freien”, die keine „Großbauern” / „Stammesfürsten” waren: Es gab auch keine Steuern und Abgaben! Den sächsischen Bauern, die einige Jahrhunderte später unter die Herrschaft fränkischer Könige kamen, kamen Steuern zuerst wie räuberische Erpressung vor – und erst recht empört waren sie über den an die Kirchen abzuliefernden „Zehnten”. Diese materiellen Nachteile der freien Bauern waren wesentliche Gründe dafür, wieso die Sachsenkriege Karls des „Großen” so lang und blutig waren.
In der Zeit vorher konnte ein freier Bauer das, was er über den Eigenbedarf seiner Sippe / Großfamilie hinaus erwirtschaftete, verkaufen oder eintauschen. Nur gab es wenig, was er hätte kaufen und tauschen können. Es gab, in einer Gesellschaft, in der praktisch jeder Landwirtschaft betrieb und in der keine Städte und kein Berufsheer versorgt werden mussten, nur wenige Abnehmer für überschüssige Lebensmittel. Also bestand auch wenig Anlass, die Erträge zu steigern.

Weil unser germanischer Bauer nur so viel Land bestellte, dass er genug für den Eigenbedarf nebst Notvorräten und dem einen oder anderen Erzeugnis, dass er verkaufen oder eintauschen konnte, ernten konnte, war er natürlich außer zur Erntezeit bereits nach wenigen Stunden mit seiner Arbeit durch – nicht deshalb, weil er den Müßiggang bevorzugt hätte, sondern weil er schlichtweg keine produktive Tätigkeit mehr finden konnte. Im Schnitt arbeitete ein mittelalterlicher Bauer aufs Jahr gerechnet weniger Arbeitsstunden als ein Vollzeit arbeitender Arbeitnehmer unserer Zeit. Sein von Steuern, Zehnten und gegebenenfalls Pachtzinsen freier Vorfahre im Altertum wird eher noch weniger Zeit mit Ackern verbracht haben, trotz geringerer Erträge je Hektar.
Germanenknaben bei der Kampfausbildung, Seifenpulversammelkarte um 1900
Klischee-Germanenknaben des ausgehenden 19.Jahrhunderts bei der Waffenausbildung – Seifenpulver-Sammelkarte
Wenn also ein römischer Reisender einen germanischen Hof besuchte, sah er dort wahrscheinlich, außer zur Erntezeit im Spätsommer, dass gerade die kräftigen Männer viel Zeit mit Faulenzen und Kampfübungen verbrachten – nur die, an denen die Hausarbeit hängen bliebt, also Frauen, noch nicht wehrfähige Minderjährige und nicht mehr wehrfähige Alte, sah er eventuell arbeiten. Wenn der Römer, was anzunehmen ist, vor allem vornehme Großbauern und Kleinfürsten besuchte, ertappte er, weil die meisten Arbeiten von Halbfreien und Sklaven erledigte wurde, dort praktisch nie einen freien germanischen Bauern bei der Arbeit.

Das ist etwas vereinfacht, weil es gerade auf den größeren Höfen auch außerhalb der Landwirtschaft produktive Arbeiten gab, z. B. Handwerk. Hätte die „alten Germanen” tatsächlich den ganzen Tag im Schweiße ihres Angesichts ackern müssen, hätte ihr Handwerk nicht das Niveau erreicht, das es hatte. Die Probe aufs Exempel ist die materiell ärmliche Jastorf-Kultur im heutigen Niedersachsen: Wegen der karge Böden und einem zu dieser Zeit ungünstigen Klima war viel Aufwand nötig, um sich zu ernähren. Weniger freie Zeit und keine Überschüsse, die z. B. gegen Rohmaterial und Werkzeuge getauscht werden könnten zogen eine ärmliche Sachkultur nach sich – trotz kultureller Verwandtschaft dieser Frühgermanen mit der frühkeltischen Hallstattkultur und später der keltischen Latènekultur.
Den Kelten, als unmittelbare Nachbarn der Germanen, war es vor allem durch ihr hervorragendes Schmiedehandwerk gelungen, aus der „Armutsfalle” zu entkommen – sie hatten etwas Wertvolles zu exportieren. Zur Römerzeit stand diese Option Völkern außerhalb des Imperiums nicht mehr offen, denn die Konkurrenz der römischen „Metallindustrie” – die zum großen Teil ursprünglich keltisch war – wäre dafür zu hart gewesen.

Schon in der Antike wurde Armen vorgehalten, sie seinen wegen ihrer Arbeitsscheu arm. Dieses Schema wurde auch auf ganze Völker angewendet – waren sie arm, lag es nach römischer Ansicht daran, dass diese Barbaren eben faul und vergnügt in den Tag gelebt hätten, anstatt sich ordentlich anzustrengen!
Allerdings wäre niemand, auch Tacitus nicht, auf die Idee gekommen, dass die Germanen, wenn sie nur fleißiger wären, bald genau so wohlhabend wie die Römer sein würden. Er erwähnt die widrige Umständen, wie etwa das raue Klima, und auch, dass ein Germanenstamm, der zu Wohlstand gekommen wäre, mit räuberischen und kriegerischen Übergriffen anderer, germanischer und nichtgermanischer, Völkerschaften rechnen musste.
Da Fleiß nach antikem Verständnis stets Mittel zum Zweck war, nicht, wie im Christentum, eine Tugend an sich, und da körperliche Arbeit sowieso etwas war, was ein zivilisierter Mensch möglichst den Sklaven überließ, trübte der Vorwurf der Faulheit das idealisierte und den „dekadenten Römern” als Beispiel traditioneller Tugenden vorgehaltene Germanenbild des Tacitus jedoch wenig.

Editorial

Samstag, 16. Juni 2018

Well met, alle zusammen!

Immer noch Unwetter, Temperaturunterschiede von 15 Grad innerhalb einiger Stunden oder gar Kilometer – ein Auf und Ab für das mensch schon eine gute Mitte braucht. Dafür gibt es ein wunderschönes Bild vom XVII, diesmal in herzrosa …

copyright XVII

Wir schauen auch wieder auf unsere Mitte im dieswöchigen Update. Der Teil II von Mikes Artikel über „Burn on statt Burn Out“ bringt ein paar gute Hinweise, wie das auch gehen könnt – mit der Mitte.
Mit dem letzten Teil, Teil V, beenden wir Uwes Serie „Entstehen in Abhängigkeit„, gelebt wäre das auch ein Weg in die eigene Mitte (wenn auch ein nicht ganz einfacher).

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und vor allem auch uns Eure Mitarbeit in Form von ArtikelSpenden!!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Burn on statt Burn out – Teil II, geschrieben von Mike

Samstag, 16. Juni 2018

Wenn wir wirklich für etwas brennen, dann fühlen wir uns selten überfordert, sicher manchmal erschöpft, ja, angenehm erschöpft vielleicht, weil wir auch bei diesem Tun Energie einsetzen, sehr viel sogar, aber durch die Begeisterung bekommen wir auch etwas zurück, wie Kinder beim Spielen. Kinder. Überhaupt ein gutes Beispiel. Kleine Kinder tun keine Sekunde lang etwas, das ihnen nicht richtig Spaß macht. Ist etwas uninteressant, wird es sofort fallen gelassen. Deswegen verfügen sie auch über soviel Energie, die sie den ganzen Tag vibrieren lässt. Aber irgendwann geraten auch diese lebendigen Aktivitätsmaschinen ins Stocken. Meist mit dem Eintritt in das Schulsystem. Weil es plötzlich nicht mehr möglich ist, den Alltag frei nach Lust und Laune zu gestalten. Und dann? Macht sich immer öfters Müdigkeit breit. Langeweile. Lustlosigkeit. Weil wir auch lernen müssen, Dinge zu tun, die wir nicht unbedingt wollen. Das bremst den Flow. Aber müssen wir das wirklich? Ja, bis zu einem gewissen Grad. Vielmehr geht es um die Balance. Wer acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, Dinge tut, die keinen Spaß machen, wenig mit der Persönlichkeitsstruktur, mit den Begabungen und dem individuellen Potential zu tun haben, der darf sich nicht wundern, wenn er müde ist, selbst wenn die eigentlichen Anforderungen dieses Tuns nicht unbedingt schwer belastend sind. Deswegen wird in Bezug auf Burnout oft auch von Bored out gesprochen. Der Geist ist über-, die Seele unterfordert. Der Geist verglüht, ohne dass die Seele jemals gebrannt hat.

An der International Academy for Hara Shiatsu arbeiten wir in einem Fachpraktikum mit Burnout-KlientInnen. Shiatsu sucht in der Behandlung den Weg über den Körper und das System der Meridiane ist die Brücke zur Psyche. Als ich als Leiter und Initiator mit diesem Projekt anfing, war ich über die Resultate unserer Diagnose überrascht. Bei 90% der KlientInnen war der Kopf müde. Aber der Körper immer noch voller Energie, Energie, die sich nie wirklich entladen konnte, Energie, die wie Wasser hinter dem Staudamm der ungenutzten Möglichkeiten zurückgehalten und durch die lange Nichtbewegung brackig wurde. Bei den meisten Behandlungen ging es daher nicht darum Energie aufzubauen, sondern freizusetzen, gezielt freizusetzen, denn Energie braucht eine klare Richtung, ansonsten zerstreut sie sich oder wartet in den Startlöchern auf das richtige Signal. Das macht auf die Dauer müde, das macht auf die Dauer mürbe. Um dieser Energie jedoch eine konstruktive Richtung zu geben, muss man zuerst wissen, was man will. Um zu wissen, was man will, muss man wissen, wer man ist. Und hier, genau hier, beginnt die Burnout-Prävention. Und die Burnout-Heilung.

Wer bin ich? Was will ich? Wie erreiche ich meine Ziel?

Wer bin ich? Das ist eine gute Frage, die man psychologisch, philosophisch oder praktisch angehen kann. Psychologisch und philosophisch ist die Frage nicht wirklich geklärt. Und die Antworten nicht eins zu eins alltagstauglich. Daher lieber praktisch. Praktisch heißt: Was zeichnet mich aus? Welche Talente und Stärken habe ich? Was macht mir Spaß? Wo sitzt meine Leidenschaft? Was sind meine Träume? Unsicherheit oder Unklarheiten in Bezug auf diese Frage unterhöhlen das Selbstwertgefühl. Und ein schwaches Selbstwertgefühl ist immer noch eine der besten Eintrittskarten in das Burnout-Theater. Weil wir in diesem Fall für Anerkennung vieles, wenn nicht sogar alles tun würden. Wir wollen uns im Leben nicht beweisen. Wir müssen uns beweisen, um Bestätigung zu bekommen. Der deutsch-amerikanische Psychologe Herbert Freundenberger, der 1974 den Begriff Burnout salonfähig gemacht hat, stellte ein zwölfstufiges Burnout-Modell in den Raum, dass die progressive Entwicklung des Symptoms in Phasen deutlich macht. Erste Phase: Der Zwang sich zu beweisen. Was folgt: Vermehrter Einsatz, Vernachlässigung von Bedürfnissen, Umdeutung von eigenen Werten, in weiterer Folge Rückzug bis hin zum völligen Zusammenbruch. Entscheidend ist wie oft der erste Schritt, weil dieser die Weiche stellt. Wenn jemand seine Kompetenzen und Stärken nicht kennt, können Selbst- und Fremdbild auseinanderklaffen und verhindern, dass jemand seine Fähigkeiten, Stärken und Talente wirksam einsetzt. Es entsteht Reibung. Oder Druck. Weil das innere Potential mit dem äußeren Tun in ein Spannungsfeld gerät. Das ist weit verbreitet. Wir spüren das. Nicht ohne Grund explodiert die Anzahl an Personen, die sich eine Auszeit nimmt, ein Sabbatical-Jahr oder unbezahlten Urlaub. Um wieder mehr in Kontakt zu kommen, mit sich selber. Wer in Kontakt mit sich selbst ist, kann sich besser steuern. Wer sich besser steuert, muss sich nicht zwanghaft beweisen. Und weiß, wann die Balance zwischen Einsatz und Ressourcen nicht mehr schlüssig ist. Der Forscher June Tangney hat herausgefunden, dass die Fähigkeit der Selbstregulierung stark negativ mit den meisten Merkmalen des Burnout-Syndroms korreliert. Und: Das Konzept der Selbststeuerung scheint zahlreiche, empirisch belegte positive Auswirkungen auf die Überwindung des Burnout-Syndroms zu haben.

Wer weiß, wer er ist, weiß auch, was er will. Ziele sind der schnellste Weg aus der emotionalen Müdigkeit heraus, sofern sie mit den inneren Werten übereinstimmen. Je klarer das Ziel, desto direkter der Weg dorthin. Ein gutes Ziel erkennt man daran, dass es zugleich begeistert und herausfordert. Ein gutes Ziel lässt uns brennen ohne zu verbrennen. Ein gutes Ziel lässt uns Sorgen und Schwierigkeiten vergessen. Ein gutes Ziel macht uns wach. Haben Sie ein gutes Ziel?


Was kann ich tun?

Tipps gegen Burnout finden Sie im Web zuhauf: Auszeiten nehmen, Nein-Sagen, sich selbst belohnen, FreundInnen treffen etc… Das ist alles gut, das ist alles richtig. Und je nach Stadium des Burnouts, sollte auf jeden Fall auf externe Hilfe zurückgegriffen werden. Aber: Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, packen Sie das Übel direkt bei den Wurzeln. Denn sonst sind auch die besten Tipps nicht mehr als ein Tropfen auf den erhitzten Stein. Nehmen Sie sich ernst. Es ist ihr Leben. Was wollen Sie? Wirklich? Was wollen Sie arbeiten? Wie wollen Sie leben? Was wollen Sie erreichen? Diese Fragen erfordern etwas, dass in der heutigen Gesellschaft selten geworden ist: Mut. Zeit. Und Entschlusskraft. Nehmen Sie sich Zeit, lassen Sie sich Zeit. Und lassen Sie sich nicht mitreißen von dem kollektiven Wahnsinn, der im stetigen Mehr den einzigen Schlüssel zur Erfüllung sieht. Vielmehr: Seien Sie kompromißlos. Und warten Sie nicht auf den Ruhestand, um ihren Träumen nachzujagen. Das einzige Heilmittel gegen die sich immer breiter machende kollektive Müdigkeit ist Aktivität. Aktivität in dem Sinne, aus einer nicht fruchtbaren passiven Rollen auszusteigen und das Ruder am eigenen Schiff zu übernehmen. Was zeichnet ihr Schiff aus? Wohin soll die Reise gehen? Dazu müssen Sie nicht immer gleich das ganze Leben umbauen. Ein großes Feuer beginnt auch mit einem kleinen Funken. Dieser aber will geschürt werden. Finden werden Sie den Funken dort, wo sich ihre Leidenschaft verborgen hält. Für was auch immer. Fangen Sie genau dort an. Jetzt.

Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil V, geschrieben von Uwe

Samstag, 16. Juni 2018

Die Freiheit in der Wirklichkeit
„Wenn dies existiert, ist jenes. Mit der Entstehung von diesem entsteht jenes“ Alles was geschieht und erfahren wird ist ein Geschehen, dass nur geschieht, weil ich hieran beteiligt bin. Ich als „Selbst“ in einem relativen Geschehen. Und dass dies alles, das Geschehen als auch dieses Selbst, nur ein zusammengekommenes ist, vorübergehende Erscheinungen ohne jede wirkliche Substanz.
So wie ein Kind, das plötzlich verstirbt, zustande gekommen ist aufgrund verschiedener Bedingungen. Und aufgrund verschiedener Bedingungen wieder gegangen ist.

Genau so ist es mit allem, jedem, immer und überall. Was macht man nun mit dieser Brutalität des Zusammengesetzten, Vorübergehenden, unabwendbar Auseinanderfallenden, das erlebt wird?
Die Wertschätzung für das, was einen umgibt und was einen ausmacht ist der erste Schritt, um mit sich, mit dem Erleben von vorübergehendem Leiden und Glück ins „Reine“ zu kommen.
Vor allem ist es die Einsicht, dass man für alles, was einem widerfährt selbst Verantwortung trägt. Denn ohne definitive Beziehung zu dem, was einem widerfährt gäbe es keine Erfahrung. Und wer in Beziehung mit etwas steht, sei es nun angenehm oder unangenehm, der steht in der Verantwortung. Vor allem für das eigene Erleben und das agieren auf das, was erlebt wird. Ob einem das, was da geschieht, nun passt oder nicht. Sei es nun etwas Beglückendes. Oder etwas Leidvolles.
Dabei geht es um die grundlegende Fähigkeit, für alles, was geschieht, Achtsamkeit zu entwickeln. Besser ausgedrückt, ein Gewahrsein walten lassen zu können. Wer die Fähigkeit entwickelt, Gewahrsein zu entfalten für das Geschehen im eigenen Geist übernimmt automatisch Verantwortung.

Für das eigene Leben. Und wird tatsächlich fähig, Freiheit zu erlangen. Freiheit von der krankhaften Vorstellung, die Dinge müssten genau so laufen, wie es einem gerade in den Kram passt. Freiheit von Wünschen und Hoffnungen. Freiheit von Ängsten und Sorgen. Freiheit von mentalen Upps und Downs. Freiheit von der psychischen Abhängigkeit von anderen Menschen, von Bedingungen und Umständen.
Wie sagt es Dzongsar Khyentse Rinpoche so schön dazu, wenn dieser Zustand erreicht ist? Wenn man im Gleichmut durch die Wellen des Lebens surfen kann, ohne in diesen zu ersaufen, ohne von irgendetwas mental abhängig sein zu müssen? „Was will man mehr an Erleuchtung“.

Die verborgene Ebene

Ich habe mich nun über viele Worte hinweg über das ausgelassen, was unsere Wirklichkeit ausmacht. Das was wir erleben, erfühlen, genießen und erleiden. Doch was steckt hinter all diesem Erleben? Es ist eine Ebene, die uns verborgen ist. Die wir intellektuell durchaus durchdringen können. Besser tatsächlich, als das weit schwierigere Phänomen Unbeständigkeit.
Aber was heißt schon intellektuell. Was nützt aller Hirnschmalz, wenn es nicht ins Herz dringt? Apropos Herz.
Es gibt eine buddhistische Lehrrede, die sich Herz-Sutra nennt. Dieses sehr kurze Sutra bringt die verborgene Ebene brillant auf den Punkt. Das Herz-Sutra ist in den Lehren des Prajnaparamita enthalten, einem umfangreichen Werk, das Leerheit beschreibt. In einem Gespräch zwischen dem Bodhisattva Avalokitesvara und einem Schüler des Buddha, Sariputra, kommt es in diesem kurzen Herz-Sutra zu folgender Aussage:

„Form ist Leerheit. Leerheit ist Form. Leerheit ist nichts anderes als Form. Form ist nichts anderes als Leerheit. So Sariputra, sind alle Erscheinungen ganz und gar leer, sind ohne Eigenschaft, sind nicht entstanden, enden nicht, sind ohne Makel, ohne Freisein von Makel, ohne Schwinden und ohne Wachsen.“

Aus diesem Grund habe ich in meiner letzten Abhandlung schon davon gesprochen, dass es keine wirkliche Ursache für etwas gibt. Sei es nun Form, Geräusch, Geruch, Geschmack, Tastbares oder rein geistig Erfahrbares wie Gedanken, Gefühle oder aber Träume. Alles erscheint klar und wohlgeordnet, ist jedoch leer von einer unabhängigen, dauerhaften Existenz.
Aus diesem Grund kann es all die Dinge wie Teller, Tasse, Honig, Multiversen, Bananen, Wiedergeburt, Multivitamintabletten, Schwarzarbeit, Kapitalismus, Liebe, Karma, Berge, Kleinste Teilchen, Ausbeutung, Stringtangas, Quarks, Panama und Paradies Papers geben. All das ist letztlich so wahrhaft vorhanden wie ein Traum, eine Illusion, eine Fata Morgana.
Das Problem ist, dass wir normal gestrickte Menschen diesen Traum nicht durchschauen. Wer schon mal geträumt hat weiß, wie real sich ein Traum anfühlen kann. Wir sind meist in unserem Traum vollkommen überzeugt davon, dass alles wahr ist.

Dann sprechen wir mit diesen Traummenschen, besteigen das fliegende Traumpferd und reiten auf dem rosaroten Traumwolkenteppich hinauf zur Traumburg des Traumriesen um dort die Traumhenne zu finden, die goldene Traumeier legt. Und wenn der Riese uns erwischt und das riesige Maul, das uns gleich verschlucken wird immer näher kommt…
…dann wachen wir schweißgebadet und mit laut klopfendem Herzen auf. Hurra, nur ein Traum. Und merken dabei nicht, dass wir uns in einem weiteren Traum befinden.
Oder wir sitzen in einem Kino und heulen Rotz und Wasser, nur weil jemand schlaflos in Seattle rumhängt und um seine filmtote Frau trauert. Freuen uns, wenn tatsächlich Liebe den britischen Premierminister befällt und der schusselige Schriftsteller seine portugiesische Haushaltshilfe heiratet. Und schreiben bescheuerte Wut-Emails an die Macher von Games of Thrones, weil sie ein Detail aus dem Roman falsch ausgelegt haben.

Insbesondere halten wir jedoch unsere Gedanken, Konzepte, Ideen und Gefühle für so real und wichtig, dass wir dafür Kriege anfangen, Menschen umbringen, Banken ausrauben oder uns in anderen kleinen und großen Dummheiten verirren. Wir gehen fremd, erwürgen unsere Frauen und Kinder, kaufen hässliche Hunde, klauen kleinen Kindern Kekse, gehen zum Billigfriseur, besitzen Smartfones und Kleider, die von Sklaven gefertigt wurden, essen Tiere von dem Supermarkt, dem das Tierwohl scheißegal ist, lieben vögelkillende Katzen, hassen Kinderficker, wählen AfD, CDU, SPD, BND oder ARD und orientieren uns an Rumpelstielzchen, Angela Merkel, Jesus, Günter Jauch, Buddha, Mohamed oder Bon Jovi. Nur, weil wir nicht erkennen, dass alles, was da ist, nur klar erscheint. Und dabei leere Erscheinung in jeder denkbaren Form ist.
Und so nehmen wir fühlenden Wesen immer und immer wieder Form an. Eine Form, die nur leere Erscheinung ist, eine leere Erscheinung, die Form ist. Wir werden geboren, sterben, werden wieder geboren und sterben. Mal als langlebige, mal als kurzlebige, gesunde und kranke, arme und reiche Wesen, den Trieben unterworfen, dumm wie Brot oder mit Intelligenz geschlagen. Wir tun dies und jenes, setzen Handlungen, die Bedingungen schaffen die wiederum zu Formen führen und Lebenswelten kreieren, ob sie einem nun passen oder nicht. All das geschieht ganz einfach. Sehr simpel eigentlich. Alles geschieht in einem klaren absehbarem Zusammenhang. Wenn man denn die Bedingungen kennt.
Ein professioneller Magier, der weiß, wie ein Trick funktioniert, wird sein Publikum im wahrsten Sinne des Wortes verzaubern. Ein ebenfalls professioneller Zauberkünstler, der genau weiß, was da vor sich geht wird dabei nicht mit solch offenem Mund dasitzen wie ein kleines Kind oder ein erwachsener Hillibilli, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.
Und wir gleichen in gewisser Weise einem Kind, einem Einfaltspinsel. Wir sitzen im Fieberwahn Samsaras und wundern uns, was abgeht. Und beschweren uns dann auch noch, wenn mal was nicht so läuft, wie wir das gerne hätten.
Der Buddha ist der Magier, der alles durchschaut. Das unterscheidet uns vom Buddha. Nicht mehr. Nicht weniger.

Wir haben die Bedingungen selbst gelegt unter denen wir nun leben und leiden. Die einzige Möglichkeit hier rauszukommen, ist dieses Spiel zu durchschauen. Und auszusteigen.
Wenn nicht, dann hat man ein gewaltiges Problem. Dann ist man dem Schicksal unterworfen, dem Zufall, dem lieben Gott, hängt in einem scheinbar ewigen Kreislauf, „Samsara“ genannt. Oder man glaubt allen Ernstes, dass nur der jetzige Moment wahr ist. Dass es keine früheren Handlungen gibt, keine früheren Existenzen und dass später eh alles egal ist.
Doch das ist alles nicht mehr als ein Irrtum. Selbst der jetzige Moment ist leer von einer wahrhaften eigenständigen Existenz. Ist nicht mehr als leer, weit, klar, licht. Gefüllt mit einer ganzen Menge Erscheinung. Ohne Anfang, ohne Ende.

Und wie passt das dann zur Aussage des Buddha „Weil dieses existiert, ist jenes“? Form ist Leerheit. Leerheit ist Form. Leerheit ist nichts anderes als Form. Form ist nichts anderes als Leerheit. Nichts anderes sagt der Buddha. Weil Form und alles andere Leerheit ist, kann sie überhaupt Form und alles sein. Und weil Form und alles ist, ist alles Leerheit. Und was ist dann die absolute Ebene des abhängigen Entstehens, von der ich zu Beginn meiner langen Abhandlung gesprochen habe? Tja, das ist noch was anderes. Wovon ich keine Ahnung habe

Editorial

Samstag, 09. Juni 2018

Well met, alle zusammen!

Es stürmt in ziemlich vielen Wassergläsern zur Zeit und auch wir sind davon ein bisschen betroffen, Wie Ihr vielleicht gemerkt habt, haben wir unsere fb-WurzelWerk Page auf „unsichtbar“ gesetzt. Leider ist die Gesetzeslage zur Zeit so unklar, dass wir abwarten wollen, bis wir sicher sein können, nicht von irgendwelchen windigen Abmahnanwälten aufs Korn genommen zu werden.
Die Datenschutzvereinbarung findet Ihr auf unserer WurzelWerk Page, falls es irgendjemanden tatsächlich interessiert (da wir ja so wohl non profit als auch non-bescheiss sind!!!)

Und jetzt zu etwas wesentlich Sinnvollerem (auch wenn ich gerade ungefähr denselben Gesichtsausdruck mit mir rumtrage, wie das folgende Drachentier) – dem heutigen Update. Das Bild, das ich Euch heute beipacken darf ist von David (many thanks for letting us share, Dave!!)

copyright David Heslington

Der Teil II von Martins Betrachtungen zum Germanischen Selbst- und Fremdbild „Tacitus und die faulen Germanen“ und der Teil IV von Uwes „Entstehen in Abhängigkeit“ machen das dieswöchige Update vollständig.

Wie immer wünsche ich Euch viel Lesevergnügen und uns Eure tätige Mitarbeit, damit wir auch in Zukunft weitere Updates für Euch online stellen können!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team