Archiv für den 02. Juni 2018

Editorial

Samstag, 02. Juni 2018

Well met, alle zusammen!

Unwetter und wunderschönes Sommerwetter – Felder die vertrocknen und Keller voll mit Schlamm. Zur Zeit haben wir das im Abstand von knappen hundert Kilometern … zur selben Zeit. Nichts isses mit „Sicherheit“ oder „Kontrolle“ … Ein wenig mehr Ruhe bringt unser heutiges Bild (gespendet von Ferdinand)

Licht am Ende des Tunnels copyright Ferdinand

Martin hat für unser „Es war einmal“ eine neue Serie gespendet. Vielen Dank für „Tacitus und die faulen Germanen„.
Den zweiten Teil des WurzelWerk Updates bestreitet wieder einmal Veleda. „Auf der Strasse und Heimat“ wunderbar passend zum momentanen Wetter …

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns Eure Mitarbeit im Schreiben (oder Finden!!!) von lesenswerten Artikeln, die besonders für spirituell engagierte Menschen von Interesse sein können.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Tacitus und die faulen Germanen – Teil I, geschrieben von MartinM

Samstag, 02. Juni 2018

Jene Deutschen, die sich für besonders „deutsch” halten, halten sich auch gerne für besonders fleißig. Daher ist einer der härtesten Vorwürfe, den nationalistisch gesonnene (pardon, unverkrampft patriotische) Deutsche Nichtdeutschen machen können, derjenige faul zu sein. Faul und damit auch „selber Schuld” an nahezu jeder Misere.
Germanengelage, auf einer alten Sammelkarte (um 1900)
Klischee-Germanen des ausgehenden 19.Jahrhunderts beim Saufen und Fressen – Seifenpulver-Sammelkarte
National gesonnene Deutsche halten sich außerdem gern für „echte Germanen”, ungeachtet der Tatsachen, dass zwischen „Germanen” und „Deutschen” Jahrhunderte lagen, und dass auch Niederländer, Dänen, Schweden, Norwegen, Engländer usw. usw. usw. „germanische Völker” sind, deren Angehörige aber mehrheitlich deutlich angesäuert darauf reagieren würden, als „beinahe deutsch” vereinnahmt zu werden.
Wer einerseits stolz darauf ist, als „richtiger Deutscher” zu einem enorm tüchtigen und fleißigen Volk zu gehören, und zugleich stolz darauf, echter Nachkomme der von Cornelius Tacitus einst als blond, groß, blauäugig, sittenstreng und kämpferisch charakterisierten „alten Germanen” zu sein, hat ein Problem: Eben dieser Tacitus hielt die Germanen nämlich für ausgesprochen arbeitsscheu.

„[…]Nec arare terram aut exspectare annum tam facile persuaseris quam vocare hostem et vulnera mereri. Pigrum quin immo et iners videtur sudore adquirere quod possis sanguine parare.
Quotiens bella non ineunt, non multum venatibus, plus per otium transigunt, dediti somno ciboque, fortissimus quisque ac bellicosissimus nihil agens, delegata domus et penatium et agrorum cura feminis senibusque et infirmissimo cuique ex familia; ipsi hebent, mira diversitate naturae, cum idem homines sic ament inertiam et oderint quietem.[…]

[…]Man wird ihn (den Germanen) nicht so einfach dazu bringen, den Acker zu pflügen und die Ernte abzuwarten, als den Feind zu rufen und Wunden zu erhalten. Es gilt als faul und geradezu träge, sich im Schweiß zu erwerben, was man auch durch das Blut erhalten kann.
Sooft sie nicht im Krieg sind, verbringen sie mehr Zeit mit der Muße als mit der Jagd, sie sind mehr dem Schlaf und dem Essen ergeben: keiner der starken und kriegerischen Männer arbeitet etwas, sie haben die Besorgungen für Haus, Hof und Acker auf die Frauen, Alten und Schwachen übertragen: jene sind träge, durch einen auffallenden Widerspruch ihrer Natur, da sie die Trägheit ebenso sehr lieben, wie sie die Ruhe hassen. […]“

Publius Cornelius Tacitus, „De origine et situ Germanorum” („Über Herkunft und Wohnsitz der Germanen”) – kurz:„Germania”

Nicht alle „vaterländisch gesonnenen” Deutschen störten sich am auf Tacitus zurückgehenden Klischee der nicht unbedingt arbeitssamen, dafür aber umso trinkfreudigeren Germanen. In einem aus dem 19. Jahrhundert stammenden korporationsstudentischen Sauflied, heißt es zum Beispiel:

Es saßen die alten Germanen zu beiden Ufern des Rheins./
Sie lagen auf Bärenhäuten und tranken immer noch eins.

Das ist natürlich, rein historisch gesehen, haarsträubender Blödsinn, aber ein Blödsinn, der zumindest vermuten lässt, dass diese Studenten lieber fröhlich albernd Bier tranken als („typisch deutsch”) alles Bierernst zu nehmen. Anderer haarsträubender Blödsinn, den vor allem ehemalige Burschenschaftler und Corpsstudenten im durchaus nüchternen Zustand verzapften, ist weit weniger spaßig.

„Typisch germanisch” wäre also blond, blauäugig, groß, stark, sittenstreng, tugendhaft, räuberisch, arbeitsscheu und versoffen.
(Eine gewisse innerliche Widersprüchlichkeit ist diesem Bild nicht abzusprechen.)

Tacitus schrieb sozusagen im twitterfreundlichen Stil, im Vor-Internetzeitalter hätte man gesagt, er schriebe so, als ob er Telegraphengebühren bezahlen müsse. Altrömische Autoren neigten ohnehin zu einem knappen, lapidaren Stil, denn Schreibmaterial war sehr teuer, und es war, auch wenn man Schreibsklaven hatte, aufwendig, Texte durch Abschreiben zu kopieren. Einige Eigenarten der lateinischen Grammatik erleichterte es ihnen, sich kurz zu fassen, etwa der Ablativ. Beliebtes Beispiel: „Ponte facto Caesar transit” – zu deutsch: „Es wurde eine Brücke gebaut, auf der Caesar (den Rhein) überquerte”.
Der Nachtteil des knappen Stils ist, dass die Begrifflichkeiten öfter mal etwas unscharf werden. So wird nur aus dem Kontext deutlich, dass es der Rhein war, den Caesar da überquerte. Fehlt der Kontext oder ist er unklar, sind Fehlübersetzungen und Fehlinterpretationen unvermeidlich.
Tacitus war unter den kurz und knapp schreibenden Lateinern ein unbestreitbarer Meister der Kürze. Sein im Jahre 98 unserer Zeitrechnung verfasstes Germanenbüchlein umfasst im lateinischen Original in der mir vorliegende Ausgabe 22 Druckseiten (für eine Wortzählung bin ich zu germanisch bzw. faul). Es ist also kein Wunder, dass nicht immer klar ist, was C. T. eigentlich meinte. Seriöse Forscher haben ihre liebe Mühe, aus den kargen, mitunter kryptisch anmutenden Informationsbrocken des Tacitus ein schlüssiges Bild der römerzeitlichen Völkerscharen rechts des Rheins zu gewinnen. Völkische Ideologen und andere Germanentümler sparten sich diese Mühe und füllten die kargen Aussagen mit viel weltanschaulichem Schrott auf. Das Ergebnis waren tugendhafte, starke, schier unbesiegbare und selbstverständlich rassereine Super-Vorfahren. Ärgerliche Kleinigkeiten wie die von Tacitus erwähnte Trunk- und Spielsucht und eben die Arbeitsscheu müssen dabei allerdings unterschlagen werden.

Ende Teil I

 

Auf der Strasse und Heimat, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 02. Juni 2018

Auf der Strasse (Begegnungen III)

Der Wind pfiff durch die grauen, wie durch eine Schnur angelegte, Strassen des Gewerbegebietes. Ein paar Bäume und etwas Wiesengrün auf dem wildes, leicht fliederfarbenes Schaumkraut wuchs, das sich im Wind wiegte, bildete eine Abwechslung.

Es roch metallisch nach Regen und Gewitter. Kein gutes Zeichen um draußen rumzulaufen.

Doch brauchte die junge Frau Abstand. Zuviele drangen auf sie ein. Wollten ein Stück von ihr.

Durch das graue Wolkenmeer, fast schwarz, brach ein Sonnenstrahl. Dann hörte sie das leise Trommeln der schweren Regentropfen.

Unterschlupf fand sie unter einem Baum. Zurück gehen konnte sie eh nicht.

Während sie so da stand schien der Wind ihr was zuzuflüstern.

Ein seltsam zeitloser Mann stand neben ihr. Er trug einen dunkelgrauen Hoodie, die Kapuze so tief übers Gesicht gezogen, daß ein Auge verdeckt blieb. Er roch nach Moos und Metall. Warmen Holz und Leinen.

“Ihr meckert beständig über das Leid. Seht nur dies den ganzen Tag. Fühlt euch einsam wo ihr es nicht seid.” Zwei Raben flogen krächzend über ihre Köpfe hinweg. Der Mann lächelte.

“Wir sind alle Wanderer. Jeden Tag. Für manche Weisheit und Wissen muss man etwas hergeben. Bequemlichkeit, Sicherheit…oder auch das eigene Bild von sich.”

Es donnerte und mehrere Äste fielen auf das Gras, das die Wurzeln des schützenden Baumes bedeckte.

Raidho und Ansuz, erschrak die Frau innerlich.

“Es gibt viele Welten. Doch eint sie alle der Stamm und die Wurzel.” Er lächelte sie an und laut riefen wieder die Raben.

Der unheimliche Mann, der graue Wanderer, war verschwunden. Hatte er existiert?

Die Wolken klarten lang genug auf, daß sie sicher zurück fand.

Ende

 

Heimat.

Ein Wort und Ort der umtreibt.

Scheint für viele verborgen in einem Nebel.

Umherirren. Von einem zum anderen sinnen.

Ist der Ort greifbar?

Ja und Nein.

Er ist am Meer, im heimischen Hain, auf der Arbeit. Sogar im Bus.

Der Ort ist im Herzen. Hinter den Nebeln aus alltäglichen Sorgen und Schmerzen.

Meine Schwestern,

meine Brüder,

dort und an jedem Ort finde ich euch.

Gemeinsam weben und leben wir an etwas Zeit- und Ortlosem.

Es ist der Kraftort, uns allen unter anderem gemein.

Sie, die Göttin, Mutter, Herrin des Sees, wacht in der Nacht,

verteilt wissend schwere Aufgaben und ‘Macht’.

Er der Gott, der Vater, Sohn und Lehrer, König des grünen Waldes,

wacht über den Tag.

In Efeu und Eiche.

(Spirit II)
Autorin: Veleda Alantia