Archiv für den 09. Juni 2018

Editorial

Samstag, 09. Juni 2018

Well met, alle zusammen!

Es stürmt in ziemlich vielen Wassergläsern zur Zeit und auch wir sind davon ein bisschen betroffen, Wie Ihr vielleicht gemerkt habt, haben wir unsere fb-WurzelWerk Page auf „unsichtbar“ gesetzt. Leider ist die Gesetzeslage zur Zeit so unklar, dass wir abwarten wollen, bis wir sicher sein können, nicht von irgendwelchen windigen Abmahnanwälten aufs Korn genommen zu werden.
Die Datenschutzvereinbarung findet Ihr auf unserer WurzelWerk Page, falls es irgendjemanden tatsächlich interessiert (da wir ja so wohl non profit als auch non-bescheiss sind!!!)

Und jetzt zu etwas wesentlich Sinnvollerem (auch wenn ich gerade ungefähr denselben Gesichtsausdruck mit mir rumtrage, wie das folgende Drachentier) – dem heutigen Update. Das Bild, das ich Euch heute beipacken darf ist von David (many thanks for letting us share, Dave!!)

copyright David Heslington

Der Teil II von Martins Betrachtungen zum Germanischen Selbst- und Fremdbild „Tacitus und die faulen Germanen“ und der Teil IV von Uwes „Entstehen in Abhängigkeit“ machen das dieswöchige Update vollständig.

Wie immer wünsche ich Euch viel Lesevergnügen und uns Eure tätige Mitarbeit, damit wir auch in Zukunft weitere Updates für Euch online stellen können!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Tacitus und die faulen Germanen – Teil II, geschrieben von MartinM

Samstag, 09. Juni 2018

Tacitus schrieb zum Aussehen der Germanen

„(..) truci et caeruli oculi, rutilae comae, magna corpora (…)”

Das kann man mit
„trotzige blaue Augen, rotblondes Haar und hoher Wuchs”
übersetzen. Muss man aber nicht. Klebt man eng am Wörterbuch, wie ich es, aufgrund meiner eher miesen und zudem eingerosteten Lateinkenntnisse notgedrungen mache, kommt man auf
„grausame und blaue Augen, rote Haare, große Körper”
, was gleich viel weniger nett klingt.

Es handelt es sich bei dieser Beschreibung um einen sogenannten Wandertopos, oder, anders gesagt, ein allgemein verbreitetes Barbarenklischee, welches auf das klassische Griechenland zurück ging. Auch die Thraker, die Skythen und die Kelten wurden von griechischen Autoren wie Herodot als blauäugig und rothaarig beschrieben. Rothaarige galten schon im klassischen Griechenland als jähzornig, außerdem als unberechenbar und verschlagen – der „listenreiche Odysseus” wurde deshalb gern als „Rotschopf” dargestellt. Blondes Haar, bei den Griechen eher selten, galt dagegen als besonders attraktiv, geradezu als göttlich – die „schöne Helena” und der „lichte Apollon” waren daher auf vielen Bildwerken und bemalten Statuen hellblond. Also hatte ein anständiger Barbar kein „goldenes”, sondern „feuerhaftes” Haar zu haben!

Tacitus war nie in Germanien gewesen und seine Quellen kennen wir nicht. Wandertopoi, die vielen „Barbarenvölkern” zugeschrieben wurden, gibt es in der Germania so einige, nebst spezifischeren Klischees, die wahrscheinlich aus den Berichten römischer Militärs und deren Blickwinkel – präzise beobachtet, was die potenzielle Kampfkraft angeht, hingegen anekdotisch, mit Vorliebe für „exotische” Details, die ruhig einmal nicht so ganz wahrheitsgemäß sein dürfen, wenn es um den Alltag geht – herrühren.
Es schien Tacitus im wesentlichen darum gegangen zu sein, seinen römischen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten: Naive, aber unverdorbene Wilde als mahnender Kontrast zum dekadenten, von politischen Intrigen zerfressenen, von ehrgeizigen Herrschern gegängelten Rom, wie er es z. B. in seinen berühmten „Annales” schilderte.
Aber für Tacitus waren die Germanen nicht nur moralisch vorbildhaft, sondern vor allem militärisch gefährlich. Schon 210 Jahre siege man an Germanien herum, mokierte er sich. In der Tat, nördlich der Donau und östlich des Rheins errang das Imperium immer nur Teilerfolge nebst einiger herber Rückschläge. Tacitus, der ein ausgesprochen stadtrömisches Weltbild hatte und nostalgisch den Tugenden aus republikanischer Zeit hinterhertrauerte, meinte, dass, wenn die Germanen schon nicht die Römer lieben lernen könnten, sie bitte untereinander entzweit bleiben sollten, da ja nichts so hilfreich für Rom sein könne wie die Uneinigkeit seiner Feinde. Herbe Kritik an der oft selbstherrlichen Machtpolitik des kaiserzeitlichen Roms!
Jedenfalls ist die „Lehnstuhlethnografie”, wie der Altphilologe Christopher B. Krebs die „Germania” nennt, alles andere als eine objektive und neutrale Quelle.

„Unvermischt mit anderen Völkern” waren die Germanen bekanntlich nicht, das war ein weiteres Barbarenklischee, dem Tacitus aufsaß. Wie er auf die Idee kam, dass ihre Körperbeschaffenheit „trotz der großen Menschenzahl bei allen die Gleiche” sei, ist nicht ganz klar, denn er hatte ja in Rom einige richtige, lebendige Germanen mit eigenen Augen gesehen. Ich vermute, dass es ihm dabei mehr um die knackige Aussage als die Wahrheit ging und male mir an dieser Stelle aus, wie Tacitus auf dem Forum seine arglosen Mitrömer mahnte: „Ihr wisst doch, wie die germanischen Leibgardisten des Kaisers aussehen, ja? Die Germanen sind alle so gebaut! Stellt euch mal ein ganzes, riesiges Land voller solcher baumlangen Muskelprotze vor.”
In der Tat waren viele Bewohner Germaniens tatsächlich blond. Moorleichenfunde bestätigen weitgehend eine vorherrschende helle Haarfarbe, wobei rot und rotblond nicht auffällig häufig war.
Skelettfunde zeigen, dass die Germanen tatsächlich im Schnitt größer waren als die Römer. Allerdings waren sie keine „Riesenkerle”: Untersuchungen von Skeletten zeigen, dass der germanische Mann der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters zwischen 1,70 und 1,75 Meter groß war (Frauen waren um rund 10 cm kleiner). Skelette aus dieser Epoche mit reichen Grabbeigaben waren im Schnitt um einige Zentimeter größer als der große, vergleichsweise ärmlich bestattete Rest (das zeigen unter anderem die Untersuchungen der alamannischen Gräber von Weingarten und Bohlingen). Wie in späterer Zeiten hing die Körpergröße außer von genetischen Faktoren von der Qualität der Ernährung ab. Die Unterschiede zwischen arm und reich beweisen, dass die Germanen der Völkerwanderungszeit sozial gesehen nicht „alle gleich” waren.
Daran, dass die Germanen bzw. die Völker und Stämme, die Tacitus so bezeichnete, tatsächlich kriegerisch waren, besteht wenig Zweifel. Die kulturell ähnlichen Stämme, die die Römer als Germanen zusammenfassten, waren zersplittert, dauernd gab es Streit, der oft mit bewaffneten Mitteln ausgetragen wurde, in Form von Kleinkriegen und dem, was man im Mittelalter „Fehden” nannte – was für Stammesgesellschaften nicht untypisch ist. Jedenfalls war das Kriegerideal hoch geschätzt, auch in Friedenszeiten, und dazu gehörte es selbstverständlich, permanent kampfbereit zu sein.

Aber waren die „alten Germanen” wirklich faul? Die meisten Germanen – von den wenigen spezialisierten Handwerkern, Händlern und fahrenden Sängern, die man als Vorgänger der Skalden ansehen kann, abgesehen – betrieben Landwirtschaft. Das galt auch für die Oberschicht – ein „richtiger” Adel sollte sich erst im Mittelalter herausbilden – die allerdings Halbfreie, also abhängige Bauern, und Sklaven auf ihren Höfen arbeiten ließen. Was im Prinzip bei der landbesitzenden römischen Oberschicht nicht anders war. Berufssoldaten, die nur kämpften, aber nicht ackerten, gab es innerhalb der Stammesgesellschaft nicht, hingegen dienten viele Germanen in den Hilfstruppen der römischen Armee, später auch in der regulären Legion. Auch wenn unter patriarchalischen Verhältnisse die meiste Arbeit an den Frauen hängen bleibt, kann man nicht sagen, dass nur die Frauen arbeiteten, von den „Altern und Schwachen” gar nicht zu reden.

 

Ende Teil II

Entstehen in Abhängigkeit, eine persönliche Betrachtung – Teil IV, geschrieben von Uwe

Samstag, 09. Juni 2018

Zwei Wirklichkeiten

„Wenn dies existiert, ist jenes. Mit der Entstehung von diesem entsteht jenes“ Die buddhistische Sichtweise schließt keine Theorie grundsätzlich aus, nur Und haben dennoch, wie wir aus der tagtäglichen Erfahrung mit Computern, Smartfones und anderen technischen Errungenschaften Auswirkungen auf die relative Ebene, das eigene Leben.

So könnte man natürlich sagen, auch ein Schöpfergott hat diese Auswirkungen. Allerdings haben wir bei einem solchen Gott das „Problem“ der Herkunft und der Unmöglichkeit des Einwirkens auf relative Erscheinungen. Wie ich das im letzten Artikel dargelegt habe. Insbesondere ist es fahrlässig, mit den Erklärungen des verborgenen im Bereich der relativ erfahrbaren Wirklichkeit mutwillig herumzupfuschen.
Es nützt vor allem nichts wenn es um den großen Bereich der eigenen Gefühle, des eigenen Selbst, des Lebens an sich geht. Zumindest solange man nicht selbst die absolute Wirklichkeit durchdrungen hat.
Es nützt nichts, wenn es um relativ erlebbares Karma und ja, auch Wiedergeburt geht. Nützt nichts bei der Frage, wie man aus diesem Schlamassel der Verstrickungen in die eigenen Gefühle und Verflechtungen, den „karmischen Gestaltungen“, in denen man brutal feststeckt, eigentlich rauskommt.

Weil sich ja dennoch, trotz aller Beteuerungen und Theorien alles immer und immer weiterdreht, ohne Unterlass. Ohne Anfang, ohne Ende. In einer Art Dauerschleife der Wiederholungen. Und was ist nun der Ausweg aus dem Dilemma? Der Versuch einer Beschreibung folgt.

Die schreckliche Wirklichkeit

„Wenn dies existiert, ist jenes. Mit der Entstehung von diesem entsteht jenes“ Auf der Ebene der relativen Wirklichkeit haben Bedingungen keinen Anfang, wenn wir sorgfältig darüber nachdenken.
Wo sollte es denn bitteschön auch irgendwo einen Anfang für Bedingungen geben? Wann hat „Evolution“ tatsächlich begonnen? Oder, was die Astrophysik ja auch nicht beantworten kann, was war vor dem Urknall? Und was war die Ursache für den großen Knall? Wo kein Anfang da kein Ende. Das sagt zumindest die buddhistische Lehre. Sie spricht definitiv von unendlichen Zeitaltern, in denen Welten entstehen und vergehen. So verlockend es nun auch sein mag, es ist grundsätzlich nicht empfehlenswert, im alltäglichen Erleben, in diesem relativen Zusammenhang mit relativen überschaubaren Zusammenhängen unserer Erfahrungen mit der Traumebene zu argumentieren.

Zuerst gilt es, die relative Wirklichkeit anzuerkennen, wie sie ist. Und da gibt es nun mal Anfang und Ende. Man akzeptiert, dass Geburt geschieht, Krankheit, Alter. Und auch Sterben. Das da erfahrbares Glück ist wenn was Hübsches geschieht und Leiden, wenn Mist passiert. Dass all dies aufgrund von Bedingungen geschieht. Und nicht aus dem Nichts, zufällig, schicksalhaft.
Geht man hierbei aus dem Kontext der Relativität hinaus und argumentiert mit Quantensprüngen, schwarzen Löchern und Leerheit mag das für die esoterische Stammtischdiskussion ganz nett sein. Bringt aber ansonsten rein gar nichts. Nicht für das relative eigene Leben. Im Gegenteil. Das wäre, als würde man einem Menschen, der soeben sein Kind durch einen Verkehrsunfall verloren hat auf die Schultern klopfte und sagte, dass dies doch alles nur ein Traum sei.
Letztlich stimmt das. Alles ist wie ein Traum. Wer schon die 60 Jahre überschritten hat wird dies ohne Umschweife bestätigen. Denn woran erinnert man sich mit 60 noch konkret aus seiner Kindheit. Oder erscheint nicht doch alles wie ein langer Traum? Dennoch wird dies in einer traumatischen Situation wie dem Verlust eines Kindes keinen Nutzen haben.

In einer solchen Situation hilft zuerst nur die Anerkennung dieser relativen, scheinbar wahrhaft existenten Ursachen und Wirkungsprinzipien folgende Wirklichkeit, wie wir sie als Menschen erfahren.
Hier ist ein Kind gewesen. Das man aufgezogen hat. Mit dem man Zeit verbracht, das man geliebt hat. Und nun ist es tot, gestorben. Plötzlich und unvermutet, zufällig, durch einen Unfall. Durch eine plötzliche, heftige Krankheit. Durch Selbstmord.
Statt über Träume zu faseln nimmt man einen solch verwaisten Menschen in den Arm und versucht, sein Leid zu lindern durch Anwesenheit. Wobei dieser Mensch mit seinem Leiden immer allein sein wird. Und kaum zu trösten.

Ein abgehobenes, intellektuelles Geplappere über eine „Absolute Wirklichkeit“ hilft wirklich nicht. Nicht in einem solchen Moment. Bewirkt eher das Gegenteil. Wichtig ist zuerst der Blick auf die relative, scheinbare Wirklichkeit, wie sie ist.
Dann gilt es, Hilfe zu geben. Und Formalitäten zu regeln. Die Beerdigung. Die Benachrichtigung der Verwandten. Die Wochen und Monate danach zu überstehen helfen.
Und wenn man mal so weit ist und der Schmerz nicht gar so groß ist und man irgendwann ansprechbar für solche Themen, dann ist man vielleicht auch fähig für eine kleine Einsicht.

Dann ist es vor allem wichtig zu begreifen, dass alles was uns umgibt und was uns ausmacht, alles, was wir erfahren, genießen und erleiden auf einem unendlich vielfältigen Zusammenspiel von Bedingungen beruht. Die nur mit einem selbst zu tun haben. Mit nichts anderem.

Ende Teil IV