Archiv für den 23. Juni 2018

Editorial

Samstag, 23. Juni 2018

Well met, alle zusammen!

Sommersonnwende (wozu auch das Bild, das uns Ina gespendet hat, hervorragend passt!) und eine kleine Pause für den Sommer, die ich persönlich schon ganz gut finde.

Sommersonnwende copyright Ina

In unserem heutigen Update findet Ihr wieder ein Märchen von Veleda, „Garten der Göttin„.
Der Teil III beendet Martins Serie „Tacitus und die faulen Germanen„.

Wie immer wünschen wir Euch viel Lesevergnügen und uns Eure Kommentare (da ja fb dafür nicht mehr verfügbar ist zur Zeit!) oder Eure Mitarbeit in Form von Selbstgeschriebenem, das Ihr bitte an redaktion (klammeraffe) wurzelwerk.at schickt.

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

 

Garten der Göttin, geschrieben von Veleda Alantia

Samstag, 23. Juni 2018

Die junge Frau hatte sich zur Pause abseits ihrer Kollegen gesetzt. Eine nervöse Stimmung war seit dem Morgen in ihrem Magen.

Als sie saß, schloss sie die Augen und fand sich in einem Garten wieder.

Weiße symetrische Flächen aus Kieselsteinen und kleinere Sträucher und Bonsaibäume zierten den Weg den sie lang ging.

Ihr Weg führte sie zu einer niedrigen Brücke über einen Teich. Ein goldener und ein silberner Koi zogen kalligraphieartig ihre Bahnen.

Eine Frau in einem dunklen Kimono mit rotem Lippenstift und Haarknoten erwartete sie.

“Schön, daß du meiner Einladung gefolgt bist.”

“Wie kann ich nicht?” fragte die Frau zurück.

Die Göttin schmunzelte. Ihre Augen waren dunkelbraun und schmal wie die Augen eines Fuchses.

“Du hast dich lange nicht sehen lassen. Dachte schon du hättest mich fallen gelassen.”

Die Göttin holte aus ihrem langen Ärmel eine kleine dunkelblaue Glasphiole und schüttete es elegant, als würde sie Matcha oder Sake eingießen, in das Wasser.

“Ich bin immer da. Auch bei deinen Reisen mit den Begleitern. Wo immer du bist, bin auch ich, Tochter.”

Ein Klang drang aus dem Garten. Jemand schlug eine Kodô-Trommel. Ihr Rhytmus wurde eins mit dem Körper, Geist und Seele der jungen Frau.

“Wie ist dein Name in dieser Gestalt?”

Ein Lachen wie der Klang einer Bambusflöte.

“Namen sind egal…aber wenn du willst nenn mich ‘die Mitfühlende ‘, oder ‘Himmels- und Erdkaiserin‘. Mein sind die täglichen kleinen Rituale, der Tee und die Wege des Alltags. Ich bin die Kirschblüte und der Ahorn.”

Die junge Frau hatte plötzlich ein Sakeschälchen in der Hand.

“Auf dich, Tochter, und den Alltag.”

Als die junge Frau zum zweiten Mal ihren Geist auf Reisen schickte war sie an den Klippen einer Insel.

Unter ihr fühlte sie die tiefe Kraft der Wellen, auf dem Boden, auf dem sie stand spürte sie die ruhige Kraft der Erde.

Die Luft roch nach Blüten und weiße Apfelblüten tanzten im Wind.

Wieder hatte die Göttin eine andere Gestalt. Ihr Haar war silbrigblond, ihr Kleid war wie ein Saphir und silberne verschlungene Knoten waren als Zier und Zauber eingewoben.

Ein kleiner rauchender Kessel erschien vor ihr und sie bat die junge Frau sich dazu zu setzen.

“Dies ist die Heimat vieler meiner Töchter und Söhne. Jene welche meinen Ruf hören und einen Weg der Priesterschaft folgen der nicht das sein muss was sich andere darunter als Bild malen.”

Die junge Frau schwieg.

“Aber…sind Priester denn wichtig?”

“Ja und Nein. Ein jeder der den alten Weg geht, lebt seine eigene Form davon. Nur wenige können tatsächlich einer Gemeinschaft dienen. Statt an Altem sollten neue Formen entstehen und das tust du zum Beispiel, Tochter von Erde und Meer.”

Salzige Luft vermischte sich mit dem Duft des erhitzten gusseisernen Kessels.

“Dann wozu das alles?”

“Weil ihr es immer wart. Nicht jeder kann dem Ruf folgen. Es erfordert Hingabe an das Unberechenbare. Aufmerksamkeit für den jetzigen Moment. Phantasie und Vertrauen. Und ganz wichtig ist die Erdung. Wer so stark mit uns verwoben ist brauch eine Kraft die alles überwinden kann. Selbsterkenntnis und den Weg dahin. Du weißt selbst, daß ich jene hart prüfe die ich liebe und doch verlange ich nur daß ihr euer Leben lebt.“

Die junge Frau verstummt. Denkt an ihre dunkle Zeit. Ihre Prüfungen die nie enden.

“Selbst wenn du scheiterst lernst du. Es gibt weder einen richtigen Weg noch Zeit. Alles ist jetzt.”

Autorin: Veleda Alantia

Tacitus und die faulen Germanen – Teil III, geschrieben von MartinM

Samstag, 23. Juni 2018

Fast alle Menschen in der „Germania magna” arbeiteten also in der Landwirtschaft. Nun weiß jeder, dass Landarbeit unter vorindustriellen Bedingungen harte Arbeit ist, vor allem zur Erntezeit, und das der bäuerliche Arbeitstag lang war und früh begann. Außer einigen reichen Großbauern / „Adligen” könnte es demnach eigentlich keine Faulenzer gegeben haben.
Das stimmt nicht ganz. Die Germanen waren nicht nur kriegerisch, sie waren im großen und ganzen, im Vergleich zu den Römern, aber auch den Kelten, rückständig und arm – wobei es starke regionale Unterschiede gab. Ihre „Produktivkräfte” waren im Allgemeinen wenig entwickelt. Es gibt mehrere Gründe, wieso das so war, einer war sicherlich die aus der modernen „Entwicklungspolitik” wohl bekannte „Armutsfalle” – um die Produktivkräfte zu entwickeln, etwa durch bessere Verkehrswege und bessere Geräte, braucht man Kapital, und um Kapital – nicht unbedingt in Form von Geld – anzusammeln, braucht man aber erst einmal eine Produktion, die Überschüsse abwirft. Übrigens waren die Raubzüge, für die die Germanen (wie später auch die Wikinger) berüchtigt waren, auch ein Versuch der „Kapitalbeschaffung”. Im Falle der Wikinger sehr erfolgreich. Reichtum erleichtert den Übergang vom „Räuber” zum „ehrbaren Kaufmann” enorm, und nach ein paar Jahren fragt keiner mehr nach der Herkunft des Startkapitals.
Etwas verallgemeinert fehlte es rechts vom Rhein und nördlich der Donau so ziemlich an allem, was ein Römer unter „Zivilisation” verstand. Es gab keine Städte, keine befestigten Straßen und keine zentrale Verwaltung, nur Stämme, die sich selten einig waren, kurz gesagt, keinen Staat. Ein Nachteil: Missernten führten, wenn die eigenen Vorräte aufgebraucht waren, zu Hungersnöten, weil es kaum Möglichkeiten gab, Nahrungsmittel aus Gegenden mit besserer Ernte einzuführen.
Der Vorteil, vor allem für die „Freien”, die keine „Großbauern” / „Stammesfürsten” waren: Es gab auch keine Steuern und Abgaben! Den sächsischen Bauern, die einige Jahrhunderte später unter die Herrschaft fränkischer Könige kamen, kamen Steuern zuerst wie räuberische Erpressung vor – und erst recht empört waren sie über den an die Kirchen abzuliefernden „Zehnten”. Diese materiellen Nachteile der freien Bauern waren wesentliche Gründe dafür, wieso die Sachsenkriege Karls des „Großen” so lang und blutig waren.
In der Zeit vorher konnte ein freier Bauer das, was er über den Eigenbedarf seiner Sippe / Großfamilie hinaus erwirtschaftete, verkaufen oder eintauschen. Nur gab es wenig, was er hätte kaufen und tauschen können. Es gab, in einer Gesellschaft, in der praktisch jeder Landwirtschaft betrieb und in der keine Städte und kein Berufsheer versorgt werden mussten, nur wenige Abnehmer für überschüssige Lebensmittel. Also bestand auch wenig Anlass, die Erträge zu steigern.

Weil unser germanischer Bauer nur so viel Land bestellte, dass er genug für den Eigenbedarf nebst Notvorräten und dem einen oder anderen Erzeugnis, dass er verkaufen oder eintauschen konnte, ernten konnte, war er natürlich außer zur Erntezeit bereits nach wenigen Stunden mit seiner Arbeit durch – nicht deshalb, weil er den Müßiggang bevorzugt hätte, sondern weil er schlichtweg keine produktive Tätigkeit mehr finden konnte. Im Schnitt arbeitete ein mittelalterlicher Bauer aufs Jahr gerechnet weniger Arbeitsstunden als ein Vollzeit arbeitender Arbeitnehmer unserer Zeit. Sein von Steuern, Zehnten und gegebenenfalls Pachtzinsen freier Vorfahre im Altertum wird eher noch weniger Zeit mit Ackern verbracht haben, trotz geringerer Erträge je Hektar.
Germanenknaben bei der Kampfausbildung, Seifenpulversammelkarte um 1900
Klischee-Germanenknaben des ausgehenden 19.Jahrhunderts bei der Waffenausbildung – Seifenpulver-Sammelkarte
Wenn also ein römischer Reisender einen germanischen Hof besuchte, sah er dort wahrscheinlich, außer zur Erntezeit im Spätsommer, dass gerade die kräftigen Männer viel Zeit mit Faulenzen und Kampfübungen verbrachten – nur die, an denen die Hausarbeit hängen bliebt, also Frauen, noch nicht wehrfähige Minderjährige und nicht mehr wehrfähige Alte, sah er eventuell arbeiten. Wenn der Römer, was anzunehmen ist, vor allem vornehme Großbauern und Kleinfürsten besuchte, ertappte er, weil die meisten Arbeiten von Halbfreien und Sklaven erledigte wurde, dort praktisch nie einen freien germanischen Bauern bei der Arbeit.

Das ist etwas vereinfacht, weil es gerade auf den größeren Höfen auch außerhalb der Landwirtschaft produktive Arbeiten gab, z. B. Handwerk. Hätte die „alten Germanen” tatsächlich den ganzen Tag im Schweiße ihres Angesichts ackern müssen, hätte ihr Handwerk nicht das Niveau erreicht, das es hatte. Die Probe aufs Exempel ist die materiell ärmliche Jastorf-Kultur im heutigen Niedersachsen: Wegen der karge Böden und einem zu dieser Zeit ungünstigen Klima war viel Aufwand nötig, um sich zu ernähren. Weniger freie Zeit und keine Überschüsse, die z. B. gegen Rohmaterial und Werkzeuge getauscht werden könnten zogen eine ärmliche Sachkultur nach sich – trotz kultureller Verwandtschaft dieser Frühgermanen mit der frühkeltischen Hallstattkultur und später der keltischen Latènekultur.
Den Kelten, als unmittelbare Nachbarn der Germanen, war es vor allem durch ihr hervorragendes Schmiedehandwerk gelungen, aus der „Armutsfalle” zu entkommen – sie hatten etwas Wertvolles zu exportieren. Zur Römerzeit stand diese Option Völkern außerhalb des Imperiums nicht mehr offen, denn die Konkurrenz der römischen „Metallindustrie” – die zum großen Teil ursprünglich keltisch war – wäre dafür zu hart gewesen.

Schon in der Antike wurde Armen vorgehalten, sie seinen wegen ihrer Arbeitsscheu arm. Dieses Schema wurde auch auf ganze Völker angewendet – waren sie arm, lag es nach römischer Ansicht daran, dass diese Barbaren eben faul und vergnügt in den Tag gelebt hätten, anstatt sich ordentlich anzustrengen!
Allerdings wäre niemand, auch Tacitus nicht, auf die Idee gekommen, dass die Germanen, wenn sie nur fleißiger wären, bald genau so wohlhabend wie die Römer sein würden. Er erwähnt die widrige Umständen, wie etwa das raue Klima, und auch, dass ein Germanenstamm, der zu Wohlstand gekommen wäre, mit räuberischen und kriegerischen Übergriffen anderer, germanischer und nichtgermanischer, Völkerschaften rechnen musste.
Da Fleiß nach antikem Verständnis stets Mittel zum Zweck war, nicht, wie im Christentum, eine Tugend an sich, und da körperliche Arbeit sowieso etwas war, was ein zivilisierter Mensch möglichst den Sklaven überließ, trübte der Vorwurf der Faulheit das idealisierte und den „dekadenten Römern” als Beispiel traditioneller Tugenden vorgehaltene Germanenbild des Tacitus jedoch wenig.