Archiv für September 2018

Das letzte Editorial

Samstag, 29. September 2018

Well met, alle zusammen!

Wie Ihr dem Titel schon entnehmen könnt, ist das heute mein letztes Editorial. Es wird in Zukunft keine weiteren Updates mehr geben.
Nicht nur wird es keine Updates mehr geben, sondern es gibt auch keinen Verein WurzelWerk mehr!


Wie das kam?

Eine lange Geschichte … der Anfang vom Ende, aus dem Jahr 2008!, ist hier nachzulesen.

Letztes Jahr im Mai mussten wir einen Spendenaufruf starten, weil die Konto-und Servergebühren unsere letzten Ressourcen, die wir uns in unseren mitgliederstarken Jahren erwirtschaften konnten, verbraucht hatten.
Es haben sich auf mehrere Aufrufe drei Wackere gefunden, die das WurzelWerk mit insgesamt 40 Euro unterstützt haben (herzlichen Dank Leon, Anne-Marie und Sabine!).
Also haben Gwynnin und ich beschlossen, in Zukunft die Finanzen selber zu tragen, weil wir ja immer noch die Statistiken laufen hatten, die belegt haben, dass wir ziemlich weiträumig und viel gelesen werden. Der Griff in unsere Börseln wäre mit nächstem Jahr dann fällig geworden.

Davor hat uns eine Grazer Rechtsanwaltskanzlei „bewahrt“.
Angeblich wurden sie von einem Fotografen beauftragt uns wegen einer mangelhaften Wikimedia-Copyrightangabe zu verklagen, sofern wir nicht fünfhundert Euro „Schadenersatz“ zahlen würden.
Lange Rede kurzer Sinn: nach etlichen Mails, Anrufen, Abklärungen, anwaltlicher Unterstützung und und und (Nervenverschleiß und Zeitverscheiß nicht zu vernachlässigen) konnte ich die Summe „runterhandeln“ – was aber immer noch 300 Euro gewesen wären – und ja, es war so gestaltet, dass wir es auf einen Prozess hätten ankommen lassen können (Chancen ohne Kosten rauszukommen gleich Null, weil ein Anwalt erforderlich gewesen wäre).

Zeitgleich mit dem ersten Einschreiben von der Anwaltskanzlei habe ich eine kleine Umfrage in den Editorials gestartet.  Wie ich gefürchtet – aber ehrlich gesagt auch erwartet hatte – haben wir ganze 11 Kommentare geerntet, die Kund taten, dass das WurzelWerk für sie eine wichtige Ressource wäre. Eine sehr wichtige Entscheidungshilfe!

Die Artikelbeschaffung war schon 2001 nicht einfach – und sie ist mit den Jahren nicht einfacher (wie ich gehofft hatte!!) geworden, sondern immer schwieriger.
Anfangs war geplant, dass sich 16 RubrikVerantwortliche die Arbeit des Artikelbeschaffens und/oder -schreibens eigenständig teilen würden. Schlussendlich waren es noch drei Rubriken, die auf (mehr oder minder beharrlichen Zuruf *zwinker*) dem WurzelWerk ihre Beiträge zur Verfügung gestellt haben und eine letzte Beharrliche, die mit unserem Webmaster Gwynnin und mir konstante ihre Aufgabe selbstverantwortlich wahrgenommen hat.
ABER was auch mehr als wichtig ist zu erwähnen: das Ende wäre schon viel früher da gewesen, wenn wir nicht seit 2008 immer wieder auftauchende Einzelkämpfer bei uns im WurzelWerk gehabt hätten, die sich für kurze oder sogar längere Zeit in die Bresche geworfen haben und uns alle an ihren Gedanken teilhaben ließen!! Es waren sogar einige so aktiv, Gastautoren zu gewinnen, was ich besonders erwähnenswert finde.

Euch allen ein ganz großes und herzliches Dankeschön!! Ohne Euer aller Investition an Zeit, Energie und (als wir noch Mitgliedsbeiträge hatten! oder die Ihr gespendet habt) Geld wäre das WurzelWerk nicht fast volljährig geworden – also fast 18 Jahre alt, sondern dem verflixten 7. Jahr schon zum Opfer gefallen.


Das Ende der Geschichte ergibt sich wie folgt

Nach Sichtung aller Fakten war der einzig sinnvolle Schluss: den Verein abmelden, das Konto schließen, das Restgeld vom Konto an die Kanzlei in Graz überweisen.
Das ist dann auch passiert.

Das WurzelWerk, wie Ihr es kennt, wird auf jeden Fall noch bis Jänner 2019 lesbar sein (und damit könnt Ihr auch die für Euch interessanten Artikel runterladen!). Danach wird es dann irgendwann, sobald die Servergebühren nicht mehr bezahlt werden, offline gehen.
Danach lassen sich zwar (unter Umständen) etliche Inhalten noch in den diversen Internetcaches auffinden, aber das liegt natürlich nicht mehr in unserer Verantwortung …

Nochmal meinen ganz persönlichen Dank an ALLE, die in diesen langen Jahren, ihren Beitrag zur Vielfalt im WurzelWerk geleistet haben. Nur gemeinsam konnten wir das ins Leben bringen, was das WurzelWerk schlussendlich geworden ist und über lange Zeit hat sich das auch für alle ausgezahlt.

Ich persönlich verabschiede mich wohl von den meisten von Euch und werde erst einmal die gewonnene freie Zeit nutzen, mir Gedanken zu machen, wie ich das, was ich zu sagen habe, in Zukunft weiter unter die Leuts bringe *zwinker*

SonnenUntergang copyright Sati

Damit vielleicht bis bald an anderem Ort und
Bright blessings
Anufa, fürs nicht mehr existente WurzelWerk-Team

Editorial

Samstag, 22. September 2018

Well met, alle zusammen!

Heute hat er uns erreicht, der Herbst. Wenn ich vor die Haustür gehe, rascheln schon die Blätter unter den Sohlen, mensch riecht den Regen und ein kalter Wind erinnert an das Herannahen des Winters.

Hagebutten @copyright Rothani

Heute findet Ihr den letzten Teil von Michaels „Geismar“ in unserem Update zu dem ich Euch viel Lesevergnügen wünsche.

Bright blessings
Anufa

Geismar – Teil VI, geschrieben von Michael

Samstag, 22. September 2018

Was danach geschah

Nur drei Tage nachdem Bonifatius vor unzähligen Zeugen, beim Versuch, die heilige Eiche von Geismar zu fällen, vom Hammer des Donnergottes, der direkt vom Himmel auf ihn herabgefallen war, niedergestreckt wurde, ließen die Franken die Feste Büraberg auf. Die geistlichen Begleiter des Missionars, allen voran seine persönlichen Assistenten und Günstlinge Wunibald und Witta, die vor allem die Aufgabe gehabt hatten, die Lebensgeschichte des Bischofs aufzuschreiben und die Fortgänge der Heidenbekehrung aufs Günstigste festzuhalten, hatten eingesehen, dass ihres Bleibens in den spontan repaganisierten Landen nicht länger sicher sein konnte, und beschlossen, den wie durch ein Wunder am Leben gebliebenen „geliebten Sohn“ Papst Gregors Richtung Süden zu übersiedeln. Vorzugsweise ins Italische.

In der Aufregung wagte keiner, weder Franke noch Chatte, den Hammer aus der Nähe zu betrachten, oder gar ihn anzurühren. Als man später, nachdem sich die Wogen ein wenig gelegt hatten, auf dem leeren Platze danach suchte, war er tatsächlich verschwunden, was die meisten für logisch erachteten, kehrte doch der Hammer des Donnerers , wenn hier auch ein wenig zeitverzögert, stets in dessen Hand zurück. Lediglich Brun, der Sohn des Schmiedes und dessen viertelkretinesker Freund Gerwulf

kannten die Wahrheit über das Werkzeug und waren es wohl auch, die es heimlich in die Schmiede zurückgehängt hatten. Allein sie hätten aus Angst vor Strafen nicht gewagt darüber zu sprechen, also bewahrten sie Schweigen bis sie selbst die offizielle Version des Hammerfalls glaubten, oder sich zumindest als Werkzeuge einer höheren Macht verstanden.

Das Ereignis selbst, dessen Bericht als streng geheimgehaltenes Dokument Papst Gregor Wochen später erreichte, wurde als Blendwerk des Teufels deklariert, das Schriftstück selbst verbrannt und Witta beauftragt, eine Gesta Bonifatii, eine ab der Fällung fiktiv weitergeführte Lebensgeschichte des Bonifaz zu konstruieren, die in Form von sporadischen Briefen in Rom zu den Akten gesammelt wurde. Darüberhinaus wurde Witta angewiesen, dann und wann, so es nottat, auch selbst als Bonifatius aufzutreten, damit niemand an der Lauterkeit der Berichte Zweifel anmelden konnte.

Ein gewisser Lullus, der dann ab den vierziger Jahren vom Lateran dazu bestellt wurde sich der Causa anzunehmen, sichtete und filterte das Material, wobei aufs Strengste darauf geachtet wurde, Bonifatius nur im allerbesten Lichte glänzen zu lassen. Zu den mithin kühnsten Konstruktionen zählten unter anderem die bis ins Detail fingierte Gründung des Klosters Fulda, zu deren Geschichte Spezialisten der Kirchenführung eine Menge gefälschter und artifiziell durch Kuhpisse gealterte Dokumente beisteuerten. Ebenso erfand man die Ernennung des Protagonisten zum Erzbischof und die Gründungen der Bistümer Eichstätt, Erfurt und Würzburg. Dass Witta sich selbst zum Bischof von Büraberg ernennen ließ, grenzte allerdings an Vermessenheit.

Rund dreißig Jahre nach Geismar, als Lullus als Biograph des mittlererweile zum Erzbischof mutierten Bonifaz langsam das Gefühl beschlich, dessen Lebenserwartung würde so nach und nach über das Maß des Plausiblen hinauswachsen, erfand er, ganz nach dem ursprünglichen Willen seines Herren, einen schneidigen Märtyrertod für den Verehrten und ließ ihn auf dem Papier von einer Horde entfesselter Friesen in der Nähe von Dokkum ermorden. Die Anzahl der Begleiter wurde später von zwölf auf zweiundfünfzig – für jede Woche im Jahr einer -korrigiert, weil jenes dann doch zu sehr an die Apostel gemahnte. Lullus ́ Schüler Willibald wiederum erhielt das gesammelte Konzept und die Order eine stimmige Art Heiligenlegende daraus zu verfassen, die man, nach Abnahme durch den Vatikan, (mittlerweile trug der dritte Gregor die Tiara) den Klösterskriptoren zum Kopieren ausleihen konnte, denn nun, nach dem offiziellen Ableben des Protagonisten konnte man endlich daran gehen, sie zu verbreiten. Kurze Zeit später schickte man den Oberkieferknochen eines Maulesels nach Rom, der dort bis zu seinem spurlosen verschwinden

während des Papstbasilikabrandes im Jahre 1823 als Bonifatius – Reliquie verehrt wurde.

Bonifaz selbst nannte sich wieder Wynfreth und verbrachte den Rest seiner Tage – bis zu seinem friedlichen Strohlagertod im siebenundneunzigsten Lebensjahr – damit, den Pförtner eines Klosters in der Nähe Ravennas zu machen. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals, oder zu welchem Zweck in deutschen Landen gewesen zu sein, aber das trübte seinen Sinn kaum. Abgesehen davon, dass er manchmal mit seinem Trinkbecher Konversation machte oder vereinzelt die eine oder andere Kerze verspeiste, konnte sich niemand über Auffälligkeiten beklagen und er war allseits geschätzt und beliebt.

Allgemein blieb Deutschland heidnisch, obgleich die neue Zeitrechnung größtenteils beibehalten wurde. Rom blieb das Zentrum der Christenheit, der Sektenchef, weiterhin Papst genannt, behielt dank kluger Verhandlungen seinen Sitz daselbst, allerdings in Form einer zwei Zimmer Wohnung mit Blick auf den Tiber. Die Christen existierten als Glaubensgruppierung weiter, führten aber ein Schattendasein gleich jenem der ersten Säugetiere neben den Dinosauriern und hatten sich vollständig abgewöhnt, irgendjemanden bekehren zu wollen. Nicht zuletzt aufgrund dieses Umstandes ließ man sie in Ruhe und gestattete ihnen schließlich mit Toleranzedikten, wie zum Beispiel jenes von König Balrabuwids des Bartfreien, aus dem Jahr 1024, die Ausübung ihrer Rituale, solange sie niemanden damit behinderten.

Lediglich zweimal fielen sie in all den Jahren unangenehm auf. Erstens, als gegen Ende des 11. Jahrhunderts ein seltsamer Prediger aus Frankreich einige Stammesfürsten aufsuchte, um sie zur Unterstützung eines fragwürdigen Projektes zu gewinnen: Man sollte Krieg gegen Jerusalem führen um das, wie er es nannte, heilige Land, – was seltsam war, zumal doch jeder wusste, dass das heilige Land vor der Tür lag und sicher nicht in irgendeiner fernen Wüstenei – von irgendwelchen Sarazenentämmen zurückzuerobern. Die Fürsten fanden die Geschichte recht amüsant, ließen den Mann, man nannte ihn Peter den Einsiedler, aber bald entfernen, als er vehement versuchte, Gelder für sein wahnwitziges Projekt zu lukrieren und allen damit auf die Nerven fiel.

Vier Jahrhunderte Später versuchte ein gynophober Neurotiker Namens Heinrich Kramer, der sich Instinktoris oder so ähnlich nannte und selbst einer Minderheitengruppe , welche ein gewisser Dominikus ins Leben gerufen haben soll, zurechnete, eine Frau anzuklagen, die ihn angeblich versucht hatte zu verhexen, worauf beim Thing in Speyer entschieden wurde, er solle sich doch freuen, wenn sich, anhand seines Äußeren, überhaupt eine Frau für ihn interessiere.

Die Eiche jedoch wurde vermittelst eines Blitzschlages im Sommer des Jahres 1207 von Donar selbst gefällt, womit er, wie viele heute noch meinen, ganz deutlich zu verstehen geben wollte, dass nur er selbst die ihm geweihten Bäume umzuhauen befugt ist.

Das Bier wurde übrigens nie mit Hopfen gebraut, weil es keine Verordnung gab, die das anaphrodisische und beruhigende Gewächs als praktikable Zutat vorschrieb. So etwas konnte nur für die keuschprüden Klostergemeinschaften, die ja auch alle Sinnesfreuden sowie Rauschzustände fürchteten, von Nutzen sein. Da sie aber kaum Einfluss auf die Gesellschaft hatten, und keine Stammesobrigkeiten ihre Grundsätze übernahmen, würzt man das Hausbier nach wie vor mit Gundermann, Beyfuß und fallweise Bilsenkraut , und das nicht zum Nachteil des Getränkes.

Adalmar blieb übrigens in seiner Hütte, baute nach einem recht plastischen Traum der von den Nornen gehandelt haben soll, das Kreuz aber zur Weltensäule um und verlegte sich auf das Ritzen von Runen. Er habe es sich anders überlegt, meinte er eines Tages und gab das rituelle Brotverteilen auf. Hrodgar gegenüber soll er später einmal beiläufig erwähnt haben, man hätte es eigentlich nicht nötig, das ohnehin schon reiche Pantheon der Altvorderen um noch ein paar Protagonisten zu erweitern.

Ach ja, und Norpe der schiefäugige, hat aufgrund all des Durcheinanders an jenem Junitag den Milcheimer, den er heimholen hätte sollen, nicht mehr vorgefunden.

Weshalb er einen neuen besorgte, was ihm seitens seiner Frau ein dickes Lob einbrachte.

Editorial

Samstag, 15. September 2018

Well met, alle zusammen!

Nach dem Regen gestern, scheint gerade wieder die Sonne bei mir durchs Fenster. Nach Regen kommt Sonnenschein – sagte meine Oma schon. Auch wenn die Wolken sehr dunkel sind …

Spuckdrachen copyright Julia

Im Update findet Ihr heute den vorletzten Teil von Michaels „Geismar“ und das Zwischenergebnis unserer Sinnhaftigkeitsumfrage in Bezug aufs WurzelWerk kann ich Euch auch schon präsentieren.
Es haben sich bis jetzt 11 Leute gefunden, denen es einen Kommentar wert war um uns wissen zu lassen, dass unsere Arbeit gelesen und auch (zumindest teilweise) geschätzt wird. Sonstige Beiträge, Artikel oder Ähnliches sind leider nicht bei uns eingelangt …

Habt trotzdem beim Lesen in der Landgodhtru viel Vergnügen!

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Geismar – Teil V, geschrieben von Michael

Samstag, 15. September 2018

Zwei Tage vorher, am selben Platz

Die beiden Jungen Männer schirmen ihre Augen mit der Hand vor der Sonne ab. Sie umkreisen langsam den gigantischen Stamm der heiligen Eiche am Anger vor dem Dorfe und scheinen etwas in ihrem Blattwerk zu suchen. Zwei Raben diskutieren die Welt irgendwo im Geäst und hinter einem Birkenwäldchen hört man eine Ziege ihr Nachmittagslied meckern. „Ich sag dir was, da hat sicher ein Schrat, der in dem Baum wohnt, seine Hand im Spiel. Weggezaubert, verstehst du?“ Der etwas Größere wirkt unentspannt. Der Kleinere, Stämmigere lacht ihn aus: „Schweinemist! Ich hab ihn einfach so hoch geworfen, dass er jetzt da irgendwo in der

Baumkrone hängt. Ich seh bloß nicht , wo.“ Er grinst, nicht ohne gewissen Stolz. Immer noch wandert sein Blick durchs Geäst. „Du willst damit sagen, du könntest ein so schweres Werkzeug so hoch werfen, dass es sich tatsächlich außer Sichtweite in den Zweigen verfangen hat? Überschätzt du dich da nicht ein bisschen?“ „Wart ́s ab, Schlauschnauze, spätestens im Winter, wenn die Blätter weg sind, wirst du es sehen. Er hängt da oben. Immerhin hast du mir doch zugeschaut, wie ich ihn geschleudert hab!“ Der muskulöse Jüngling ahmt noch einmal seine Bewegung nach. Drei Schwünge, ein starkes Ausholen und : „Hopp! Ich hab ́s dir gesagt, ich kann es. Du hast ihn nichtmal auf Höhe der ersten Astreihe gebracht du Ziegenzumpf!“

Der Größere, es ist Gerwulf, zuckt die Achseln und scheint zu resignieren: „Meintewegen, Brun. Sagen wir du hättest gewonnen… möglicherweise. Aber was, wenn dein Vater dich nach dem Werkzeug fragt? Es sieht nicht so aus, als bekäme er es vor dem Winter wieder.“ „Sorgenfrei, Waldi,“ beruhigt ihn der Andere: „Der hat so viele davon, der merkt das nicht.“ „Wie du ,meinst,“ Gerwulf fügt sich in sein Schicksal, doch mangels eines letzten sichtbaren Beweises nicht halb so beeindruckt wie Brun es gern hätte: „Könnten wir aber vielleicht jetzt gehen? Ich meine, bevor uns jemand fragt, was wir hier tun….“ Der Sohn des Schmiedes grinst: „Einverstanden, Aber nur wenn du Auda erzählst, dass ich dich im Kräftemessen besiegt hab.“ Gerwulf lacht rauh: „Nicht ehe das Bier mit Hopfen gebraut wird.“

Vierter Tag nach Sonnwend, Festung Büraberg

Witta schreitet auf und ab, als wäre der Schrittzähler schon erfunden. Ständig schüttelt er sein Haupt, wie um die sperrigen Brocken des Geschehenen gleichsam durch einen Trichter doch noch in seinen Verstand zu zwingen. „Das können wir seiner Heiligkeit nicht schreiben! Wir können ihm nicht schreiben, was wirklich passiert ist!“ „Aber es IST passiert! Frag jene der Soldaten, die plötzlich auf die Knie gefallen sind und gerufen haben – Vergib uns, großer Herr des Donners, dass wir an dir gezweifelt und dich verraten haben! – Willst du leugnen, dass sie uns alle davon gelaufen sind? Ja dass sie uns bedroht haben, wir sollen ihre Taufe rückgängig machen? Einige haben uns die Hemden nachgeschmissen.“ Der andere, Wunibald, der zusammengesunken am Tisch kauert, windet sich wie unter Koliken. Witta läuft weiter: „Ich leugne nicht!“ „Und,“ hebt der andere erneut an, einen Tick hysterischer als zuvor: „willst du nicht gesehen haben, wie das Dorf in Jubel ausbrach, als das Unglaubliche geschehen ist?! Wie sich bereits gewonnene Getaufte plötzlich mit unverbesserlichen Heiden in den Armen lagen und wir mit einem Schlag allein gegen den Rest standen?“ Der Andere wird lauter: „Nein! Ich leugne es nicht!“ Jetzt aber kommt Wunibald richtig in Fahrt: „Und willst du

schlussendlich leugnen, dass der Bischof Bonifatius, von allen sichtbar, grauenhafterweise, als er den vierten Hieb auf den Höllenbaum tat, tatsächlich von einem…“ „Sprich nicht weiter!“ Witta wirbelt herum und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass der Sitzende zurückzuckt. „Ich ertrage es nicht!! Wenn ich zuließe, das zu glauben, was ich gesehen, was ALLE gesehen haben, so müsste ich MEINEM Glauben abschwören und zum Heidentum übertreten!!!“

Beide schweigen. Ein dritter Mann in fränkischer Rüstung betritt den Raum. Er räuspert sich verlegen: „Es wird Zeit zum Aufbruch, ihr Herren.“ Die beiden scheinen ruckartig zu erwachen. „Natürlich….“ murmelt Witta, mühsam zusammengerafft : „Wir sollten dann… aufbrechen. Du hast recht. Wie…wie geht es ihm? Kann er gehen?“ Der Gerüstete nickt kurz: „Doch, doch. Er scheint körperlich recht in Ordnung, wenn man bedenkt, dass das Ding direkt aus dem Himmel gekommen ist,…direkt aus dem Himmel!“ „Ja, ja!“ schnappt Wunibald, worauf der Franke verstummt. Dann setzt er tonlos hinterher: „Aus dem Himmel kam er. Wir haben es alle gesehen.“ Der Franke schüttelt den Kopf und spricht halb zu sich selbst: „Ich meine gestern, als wir ihn vom Platz getragen haben, dachten wir, er sei tot. Und heute, abgesehen davon , dass er nichts redet, scheint er ganz munter.“ „Genug jetzt,“ befiehlt Witta: „Machen wir, dass wir hier wegkommen. Sag deinen Soldaten, wir brechen auf.“ „Das werde ich, Herr,“ erwidert der Geharnischte: „Bringen wir den Bischof nach Süden.“

Ende Teil V