Archiv für September 2018

Editorial

Samstag, 08. September 2018

Well  met, alle zusammen!

Ein Abschiedsgruß vom Sommer dürfte uns nächste Wochen nochmal ein wenig entspannen lassen – nicht zu heiß, aber schön sonnig. Eine Atempause in der es sich gut und in Ruhe ernten lässt.

 

Wein copyright Rothani

Im heutigen Update findet Ihr den Teil IV von Michaels „Geismar“ –  einer Neuerzählung der Ereignisse um die Donarseiche.

Mein Aufruf an Euch darf natürlich auch nicht fehlen:
Bis Ende September bleibt die Frage offen, ob weitere Updates fürs WurzelWerk Sinn machen und/oder möglich sind. Sinnvoll, weil wir eine Menge an Lesern haben und möglich, weil wir genügend Artikel für diese Leser zur Verfügung stellen können.
Während den letzten drei Woche haben uns ganze neun Kommentare erreicht, die uns bestätigt haben, dass das WurzelWerk für Euch Sinn macht.

Leider gibt es (wie schon oft erwähnt!) auch weiterhin kaum freiwillige ArtikelSpenden und wir wollen ganz bestimmt keinen „persönlichen Blog“ aus dem WurzelWerk machen, sondern die Vielfalt weiter ausbauen.

Also harre ich der Antworten, die da bei uns in der Redaktion noch bis Ende September eintrudeln und halte Euch auf dem Laufenden.

Viel Lesevergnügen beim Mitleben in Geismar

Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

 

Geismar – Teil IV, geschrieben von Michael

Samstag, 08. September 2018

Johannistag, drei Tage nach Sonnwend, am heiligen Platz

Das weite Rund um die altehrwürdige Eiche ist angefüllt mit hunderten Menschen. Viele sind gekommen, weil sie es nicht glauben konnten, was sie da gehört hatten. Andere aus purer Sensationslust, wieder andere, weil wieder andere sie mitgeschleppt haben. Einige haben sich auf ein Fest unter freiem Himmel eingestellt, reichlich mit Met vorgespült und jede Menge Pilzteigtaschen, Hühnchen in Honigkruste und Brotsuppe mitgebracht. Nur Norpe, der schiefäugige ist da, weil er den Milcheimer seiner Frau, nach einem kleinen Opfer, gestern hier stehengelassen hat und ihn wieder holen will.

Angetan mit Mitra und Stab, in einer schwarzweißen Soutane, hat Bonifatius, den sie den Missionar nennen, eine beeindruckende Prozession hierhergeführt. Fränkische Soldaten, flankiert von einer stattlichen Anzahl Kuttenträger, Handwerker und, wie es scheint, jede Menge mitgebrachter Claqueure. Die Sonne leuchtet hell vom Himmel, entfernt lagern ein paar Federwolken im herrlichen Blau. Ein zärtliches Lüftchen spielt durch die

Gewandsäume und lässt die smaragdenen Blätter der umstehenden Buchen und Linden ein perlendes Leggiero tanzen. Ebenso jene der titanesken, turmhohen Eiche, die das Zentrum des Platzes aus festgestampfter Erde bildet. Just vor ihr hat der Bischof Aufstellung genommen. Sein mitgebrachtes Gefolge bildet als lebendes Bühnenbild für das bevorstehende Drama einen offenen Halbkreis in seinem Rücken. Gegenüber lagern die Chatten, als neugierig-unschlüssiges Auditorium.

Zunächst verrichtet der Bärtige ein stilles Gebet, dann zeichnet er das Kreuz in alle Himmelsrichtungen. Seine Fraktion verneigt und bekreuzigt sich ebenfalls. Nun wendet er sich dem „Publikum“ zu und verfällt in eine Art hochfeierlichen Singsang:

Vernehmt ihr Menschen, deren Irrglaube euch den Weg in das Himmelreich bis heute verboten hat! Nicht die Sonnengötze, die lediglich eine Lampe des Herrn ist, sondern das Licht des wahren Glaubens ist in euren Schlupfwinkel gedrungen . Alle Teufelsopfer, die ihr unwissend gebracht, alle Unholde, die ihr ahnungslos angebetet habt weichen dem einzig wahren Licht: Christus , der am Kreuz gestorben ist. Er bringt euch allein die Erlösung. Ihr alle,…“ er greift mit weiter Bewegung ins Rund: „…könnt gerettet werden. Ihr seid wie Schafe, die einem falschen Hirten folgen. Deshalb bin ich, Diener des einzig wahren Hirten, gekommen, eure Blendwerke zu zerstören. Ehe das Saeculum zu Ende geht, werden alle Götzenbilder dieser Lande dem heiligen Kreuz gewichen sein.“

Hrodgar stößt seine Frau an : „Seit wann bin ich ein Schaf? Und was ist ein Säckelbum?“ Oda zuckt die Achseln. „Keine Ahnung, er will uns vor irgendwas retten. Aber schau mal, da!“

Tatsächlich produziert einer der fränkischen Soldaten eine rund meterlange Axt unter seinem Mantel hervor und reicht sie mit feierlichem Blick dem unwidersprochen vor sich hin funkelnden Kleriker.

Wie ihr alle wohl schon gehört habt,…“ hebt nun Wunibald, einer der anderen Kuttenträger an, indes Bonifaz sich meditativ versenkt wie ein Zauberkünstler vor dem Zersägen der Jungfrau: „…wird der Bischof nun diesen Baum umhauen, so dass ihr Zeugen werdet, wie schwach eure Götzen sind. Hernach werden wir aus seinen Brettern ein Oratorium zu Ehren Petri bauen und einen Zaun drumherum auch gleich. Danach ist der große Bonifaz bereit euch der Reihe nach zu taufen. Und die eine oder andere Frage zu beantworten.“

Nun, unvermittelt , setzt der Bischof den ersten Streich. Doch der Schlag ist nicht allzu kraftvoll geführt. Lediglich eine Schramme bleibt an der tiefschrundigen Borke zurück. Der erwartete Aufschrei der heidnischen Menge unterbleibt. Bonifaz hebt kurz den Blick. Schlecht, wenn bei einer

missionsdramaturgischen Handlung der Effekt versagt. Also nochmal. Bonifazius holt aus und prügelt mit aller Kraft auf den Stamm ein. Einmal- zweimal-dreimal. Borkensplitter fliegen, das Axtblatt gleitet beim letzten Schlag einmal halb ab, singt einen hellen Ton und verfehlt nur knapp das Knie des harzrünstigen Holzknechts.

Zugegeben – jetzt klafft eine Ritze im Holz des Riesen. Doch noch immer reißt sich niemand die Kleider vom Leib, noch immer stürzt keiner mit dem Ausruf: „Taufe mich!“ in die Knie, noch immer glotzen die Geismarer lediglich, als hätte ihnen jemand die Butter geklaut. Das lauteste Geräusch im Rund ist das Keuchen des Missionares.

Alles wartet

Im Hintergrund bellt ein Hund. Leise rasselt eine Rüstung. Norpe, der schiefäugige, schnäuzt sich in den Ärmel. Ein Sack Korn fällt um und einer der fränkischen Soldaten tritt einen Schritt vor. Offenbar überlegt er, Bonifaz beizuspringen, doch dieser wehrt ab. „Seht ihr?“ ruft er der Menge zu, nun wieder bei Atem: „Euer Götze tut mir nichts! Er ist ein Teufel, der gegen den Willen des einzig wahren, allmächtigen Gottes nichts auzurichten vermag. Er muss zusehen, wie ich sein sogenanntes Heiligtum zerstöre!“

Leises Gemurmel weht, einer blassen Rauchfahne gleich, durch die Menge. Von weiter hinten tönt es halblaut: „Naja, wirklich zerstört…ist irgendwie…anders.“ Bonifaz ergrimmt und stemmt die Axt erneut empor. In heiligem Trotz reckt er den Bart vor : „So seht, wie ich das Werk vollende! Und wisset: In Bäumen wohnt nichts. Sie sind leere Kreaturen, die Gott der Herr erschaffen hat, doch uns zur Nutzung. In ihnen steckt weder Gott noch Wesen.“ Womit er ein viertes Mal auf die mächtige Pflanze eindrischt.

Diesmal jedoch erfolgt eine Reaktion.

Ende Teil IV

Editorial

Samstag, 01. September 2018

Well met, alle zusammen!

Hier im Osten weint der Himmel (vielleicht in Einklang mit etlichen Schülern …) aber für die Natur war es schon bitter nötig. So wie sich langsam der Herbst meldet, ändert es grad rundherum so einiges – ob das zum Besseren ist, wird sich noch zeigen. Dafür ist ja dann im Winter noch genügend Zeit … Noch ist die Ernte in vollem Gang und deshalb ist gut im Überfluss schwelgen.
Den Drachen an der  gut gefüllten Tränke haben wir von Lisa gespendet bekommen. Herzlichen Dank dafür!

Lisas Drachen

In unserem Update findet Ihr den Teil III von Michaels „Geismar“ – auch das eine ArtikelSpende, für die wir uns – wie immer – herzlich bedanken. Da uns sonst nichts an Artikeln erreicht hat, bleibt es leider wieder beim Sololesestück.

Dafür stelle ich Euch wieder meinen Aufruf ins Editorial:

Wer weiter von uns Updates lesen möchte, der möge uns das bitte Kund tun. In Anbetracht der ganzen neuen Internetregelungen haben wir keine Statistiken mehr laufen und stehen somit im Dunkeln. Kommentare und Artikel trudeln auch mehr als sparsam in der Redaktion ein. Die Heidenlandschaft hat sich seit den 2000ern massiv verändert und damit ist es für mich nicht mehr klar, ob wir ausreichend Leser erreichen um die Arbeit an neuen Updates überhaupt zu rechtfertigen!

Wenn Plattformen, auf denen Material aus den unterschiedlichsten Richtungen zu finden ist, kaum mehr frequentiert werden, was anhand der obigen Punkte fast anzunehmen ist, weil sie durch Whatsapp, facebook, persönliche Blogs und Co ersetzt wurden, dann ist das eine Zeiterscheinung, der Rechnung zu tragen ist.

Solltet Ihr also weiter neue Artikel im WurzelWerk lesen wollen, dann lasst uns das wissen (per Mail oder per Kommentar im Blog oder vielleicht sogar durch Zusendung eines Artikels). Ende September werde ich Euch dann das Ergebnis gerne mitteilen.

Trotzdem viel Lesevergnügen und bis nächste Woche
Bright blessings
Anufa, fürs WurzelWerk Team

Geismar – Teil III, geschrieben von Michael

Samstag, 01. September 2018

Diese Zurückgebliebenen mit ihrem magischen Weltbild, die einfach zu dumm waren, um über die Schrift der Herrlichkeit des einzige wahren Gottes einsichtig werden zu können, glaubten an Zauberei und an die Stärke ihrer Götter. Er konnte sie nur packen, indem er ihnen zeigte, dass er sehr wohl auch „Wunder“ tun konnte und dass sein Gott, der einzig wahre, eben schlussendlich stärker war, als all ihr erstunkenes Gegötzere zusammen. Wichtig würde in der Folge natürlich auch sein, dass die, des Abends an den Feuerstellen der alten Sippen erzählten Geschichten, über die großen Taten der Götter und die verschiedenen beseelten Welten von spitzfindigen christlichen Schreibern in neue Formen gegossen wurden. Solche, in denen die alten Götter nicht gut wegkamen. Ihre Heldentaten sollten zu feigem Betrug, sie selbst zu hinterhältigen, lasterbehafteten Dummköpfen umgemünzt werden. Doch klug an Maß und Verteilung, denn wäre es zuviel auf einmal, würde es den Effekt ins Gegenteil verkehren.

Den Fehler hatte Willibrord von Echterach gemacht, als er auf die Frage des Friesenkönigs Radbod, wo denn seine ungetauften Vorfahren wären, mit : „in der Hölle,“ geantwortet hatte. Radbod hat den Fuß aus dem Taufbecken gezogen und sich für die Familiäre Gemeinschaft in der Hölle, statt das einsame Dasein im Himmel entschieden.

Doch das war nun über zwanzig Jahre her, und die Mission hatte dazugelernt. Überhaupt fand Bonifatius nicht zu viel Freude an manchen Methoden Willibrords. Er selbst würde effizienter vorgehen. Bonifatius wusste, dass man den zu Bekehrenden ihre Jahreskreisfeste wie ihre heiligen Plätze lassen, doch umbenennen musste. Und nach und nach , und hier musste man in Generationenschritten denken, würden die neuen Bedeutungen ins Volk sickern und die alten vergessen werden. Und entsprechende Geschichten mussten die unausrottbaren Bräuche unter christliche Deutung zwingen. Der Zweck heiligte hier die Mittel. So wie die irischen Stämme das Zeichen des Kreuzes annahmen, weil sie es davor schon kannten, so würden auch die hiesigen Stämme ihre Ochsen zu Ehren Christi schlachten und nicht mehr zu Ehren Baldurs. Und so wie das Fest Johannes des Täufers an die Stelle ihrer Sonnwendfeiern treten würde, genauso würden an allen alten Wotansheiligtümern bald Kapellen des Erzengel Michael wachsen.

Nur in einem Punkt gab es nichts zu drehen: Ihre verquere Pflanzenverehrung mit Kräuterbuschen und Wurzelzauber, Blütenorakeln und Baumkulten musste ersatzlos ausradiert werden. Sonst würde eines Tages beispielsweise der Hollunder, das verfluchte Altweibergehölz, noch zu einem Symbol der Gottesmutter umgedeutet werden, indem irgendwer erzählte, Maria habe die Windeln des Heilands auf seinen Ästen getrocknet.

Ein Mann in fränkischer Kriegerrüstung betritt den Raum ehrfürchtig und ohne aufzublicken. Danach ein weiterer, in naturwollenem, einfachen Mönchshabit: „Ihr habt gerufen, ehrwürdiger Bischof?“ Bonifaz schreckt aus seinem Gedankenlabyrinth, dreht sich langsam um und rollt den Papstbrief wieder zusammen: „Ja, das habe ich, mein guter Witta.“ Er setzt das gütigste Lächeln nördlich der Alpen in sein Gesicht und breitet die Arme aus: „ Ich bin sehr zufrieden, wie wunderbar schnell und flächendeckend ihr die Neuigkeit verbreiten habt lassen.“ Dann, amüsiert: „Sogar ich habe es schon von mehreren Seiten erzählt bekommen.“ Die Männer lachen und nicken. Bonifaz fährt in etwas geschäftlicherem Ton fort: „ Wir brauchen jedes Publikum, das wir kriegen können für unser Vorhaben. Denn der Effekt soll Wellenkämmen gleich das Land überrollen. Und danach wird unsere Überzeugungsarbeit ungleich einfacher sein.“ Er winkt die beiden näher an seinen Tisch und weist auf die Sitzbank: „Doch nun wollen wir noch den genauen Hergang dieses, unseres Vorhabens erörtern. Denn es wird unsere Namen in das Antlitz der Geschichte meisseln, und ich will nicht, dass dann irgendwer wieder patzt. Und du, mein treuer Witta, wirst dafür sorgen, dass es für die Nachwelt in der rechten Form erhalten bleibt.“

Ebendann, vor Hrodgars Haus, just nachdem Oda die beiden Jungs zur Ordnung gerufen hat

Im Flüsterton: „Kannst du nicht! Wetten?“ Der blonde Schlaksige im grauen Hemd mit den drei Pickeln am Kinn, zieht die Augen zu provakativen Schlitzen zusammen. Sein brünettes Gegenüber, klein und breit, grinst und hebt die Stimme ein wenig : „Komm, Gerwulf, du weißt, dass ich ́s kann. Ich habe geübt. Ich pack es bis auf Höhe der dritten Astreihe.“ „Du bist ein Blödmann, Brun. Glaubst, nur weil du der Sohn deines Vaters bist, schaffst du es höher als ich. Aber ich sage dir, weil ich ́s mit dem viel leichteren Besen meiner Mutter probiert hab: Schon bis zur ersten Reihe ist zu hoch.“ Darauf Brun, zähneknirschend und deutlich kräftiger: „Bei Donar, ich werde es dir zeigen.“ Kurze Stille. Die beiden Halbstarken fixieren einander. Gerwulf nickt langsam: „Dann morgen. Aber am heiligen Platz. Wenn du dich überhaupt traust, du Großsprecher.“ Brun kontert: „Glaub was du willst, du Brettloch! Morgen, am Sonnwendtag, wirst du sehen, wer der Stärkere ist!!“ Nun wird Gerwulf lauter: „Wer ist hier ein Brettloch?“ Brun, mit Drohgebärde, noch lauter: „Na du, du Ei ohne Muskeln!“ Gerwulf röhrt stimmbrüchig: „Sag das nochmal, du Krautkopf!!“ Der andere beginnt vor seinem Freund wie ein balzender Auerhahn herumzuhüpfen und johlt: „Ei ohne Muskel, Ei ohne Muskel!“ Dann trifft ein eisigkalter Wasserschwall die beiden und setzt dem Spiel ein jähes Ende. Oda steht mit einem Eimer im Fenster und schnaubt verächtlich: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Sie schmeckt kurz ihre eigenen Worte nach, dann, nach einer Pause, strafft sie ihren Leib und wendet sich dem Innenraum zu: „ Hey Hrodgar, ich glaub ich hab da grad ein Sprichwort erfunden.“

Ende Teil III