Archiv für den 22. September 2018

Editorial

Samstag, 22. September 2018

Well met, alle zusammen!

Heute hat er uns erreicht, der Herbst. Wenn ich vor die Haustür gehe, rascheln schon die Blätter unter den Sohlen, mensch riecht den Regen und ein kalter Wind erinnert an das Herannahen des Winters.

Hagebutten @copyright Rothani

Heute findet Ihr den letzten Teil von Michaels „Geismar“ in unserem Update zu dem ich Euch viel Lesevergnügen wünsche.

Bright blessings
Anufa

Geismar – Teil VI, geschrieben von Michael

Samstag, 22. September 2018

Was danach geschah

Nur drei Tage nachdem Bonifatius vor unzähligen Zeugen, beim Versuch, die heilige Eiche von Geismar zu fällen, vom Hammer des Donnergottes, der direkt vom Himmel auf ihn herabgefallen war, niedergestreckt wurde, ließen die Franken die Feste Büraberg auf. Die geistlichen Begleiter des Missionars, allen voran seine persönlichen Assistenten und Günstlinge Wunibald und Witta, die vor allem die Aufgabe gehabt hatten, die Lebensgeschichte des Bischofs aufzuschreiben und die Fortgänge der Heidenbekehrung aufs Günstigste festzuhalten, hatten eingesehen, dass ihres Bleibens in den spontan repaganisierten Landen nicht länger sicher sein konnte, und beschlossen, den wie durch ein Wunder am Leben gebliebenen „geliebten Sohn“ Papst Gregors Richtung Süden zu übersiedeln. Vorzugsweise ins Italische.

In der Aufregung wagte keiner, weder Franke noch Chatte, den Hammer aus der Nähe zu betrachten, oder gar ihn anzurühren. Als man später, nachdem sich die Wogen ein wenig gelegt hatten, auf dem leeren Platze danach suchte, war er tatsächlich verschwunden, was die meisten für logisch erachteten, kehrte doch der Hammer des Donnerers , wenn hier auch ein wenig zeitverzögert, stets in dessen Hand zurück. Lediglich Brun, der Sohn des Schmiedes und dessen viertelkretinesker Freund Gerwulf

kannten die Wahrheit über das Werkzeug und waren es wohl auch, die es heimlich in die Schmiede zurückgehängt hatten. Allein sie hätten aus Angst vor Strafen nicht gewagt darüber zu sprechen, also bewahrten sie Schweigen bis sie selbst die offizielle Version des Hammerfalls glaubten, oder sich zumindest als Werkzeuge einer höheren Macht verstanden.

Das Ereignis selbst, dessen Bericht als streng geheimgehaltenes Dokument Papst Gregor Wochen später erreichte, wurde als Blendwerk des Teufels deklariert, das Schriftstück selbst verbrannt und Witta beauftragt, eine Gesta Bonifatii, eine ab der Fällung fiktiv weitergeführte Lebensgeschichte des Bonifaz zu konstruieren, die in Form von sporadischen Briefen in Rom zu den Akten gesammelt wurde. Darüberhinaus wurde Witta angewiesen, dann und wann, so es nottat, auch selbst als Bonifatius aufzutreten, damit niemand an der Lauterkeit der Berichte Zweifel anmelden konnte.

Ein gewisser Lullus, der dann ab den vierziger Jahren vom Lateran dazu bestellt wurde sich der Causa anzunehmen, sichtete und filterte das Material, wobei aufs Strengste darauf geachtet wurde, Bonifatius nur im allerbesten Lichte glänzen zu lassen. Zu den mithin kühnsten Konstruktionen zählten unter anderem die bis ins Detail fingierte Gründung des Klosters Fulda, zu deren Geschichte Spezialisten der Kirchenführung eine Menge gefälschter und artifiziell durch Kuhpisse gealterte Dokumente beisteuerten. Ebenso erfand man die Ernennung des Protagonisten zum Erzbischof und die Gründungen der Bistümer Eichstätt, Erfurt und Würzburg. Dass Witta sich selbst zum Bischof von Büraberg ernennen ließ, grenzte allerdings an Vermessenheit.

Rund dreißig Jahre nach Geismar, als Lullus als Biograph des mittlererweile zum Erzbischof mutierten Bonifaz langsam das Gefühl beschlich, dessen Lebenserwartung würde so nach und nach über das Maß des Plausiblen hinauswachsen, erfand er, ganz nach dem ursprünglichen Willen seines Herren, einen schneidigen Märtyrertod für den Verehrten und ließ ihn auf dem Papier von einer Horde entfesselter Friesen in der Nähe von Dokkum ermorden. Die Anzahl der Begleiter wurde später von zwölf auf zweiundfünfzig – für jede Woche im Jahr einer -korrigiert, weil jenes dann doch zu sehr an die Apostel gemahnte. Lullus ́ Schüler Willibald wiederum erhielt das gesammelte Konzept und die Order eine stimmige Art Heiligenlegende daraus zu verfassen, die man, nach Abnahme durch den Vatikan, (mittlerweile trug der dritte Gregor die Tiara) den Klösterskriptoren zum Kopieren ausleihen konnte, denn nun, nach dem offiziellen Ableben des Protagonisten konnte man endlich daran gehen, sie zu verbreiten. Kurze Zeit später schickte man den Oberkieferknochen eines Maulesels nach Rom, der dort bis zu seinem spurlosen verschwinden

während des Papstbasilikabrandes im Jahre 1823 als Bonifatius – Reliquie verehrt wurde.

Bonifaz selbst nannte sich wieder Wynfreth und verbrachte den Rest seiner Tage – bis zu seinem friedlichen Strohlagertod im siebenundneunzigsten Lebensjahr – damit, den Pförtner eines Klosters in der Nähe Ravennas zu machen. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals, oder zu welchem Zweck in deutschen Landen gewesen zu sein, aber das trübte seinen Sinn kaum. Abgesehen davon, dass er manchmal mit seinem Trinkbecher Konversation machte oder vereinzelt die eine oder andere Kerze verspeiste, konnte sich niemand über Auffälligkeiten beklagen und er war allseits geschätzt und beliebt.

Allgemein blieb Deutschland heidnisch, obgleich die neue Zeitrechnung größtenteils beibehalten wurde. Rom blieb das Zentrum der Christenheit, der Sektenchef, weiterhin Papst genannt, behielt dank kluger Verhandlungen seinen Sitz daselbst, allerdings in Form einer zwei Zimmer Wohnung mit Blick auf den Tiber. Die Christen existierten als Glaubensgruppierung weiter, führten aber ein Schattendasein gleich jenem der ersten Säugetiere neben den Dinosauriern und hatten sich vollständig abgewöhnt, irgendjemanden bekehren zu wollen. Nicht zuletzt aufgrund dieses Umstandes ließ man sie in Ruhe und gestattete ihnen schließlich mit Toleranzedikten, wie zum Beispiel jenes von König Balrabuwids des Bartfreien, aus dem Jahr 1024, die Ausübung ihrer Rituale, solange sie niemanden damit behinderten.

Lediglich zweimal fielen sie in all den Jahren unangenehm auf. Erstens, als gegen Ende des 11. Jahrhunderts ein seltsamer Prediger aus Frankreich einige Stammesfürsten aufsuchte, um sie zur Unterstützung eines fragwürdigen Projektes zu gewinnen: Man sollte Krieg gegen Jerusalem führen um das, wie er es nannte, heilige Land, – was seltsam war, zumal doch jeder wusste, dass das heilige Land vor der Tür lag und sicher nicht in irgendeiner fernen Wüstenei – von irgendwelchen Sarazenentämmen zurückzuerobern. Die Fürsten fanden die Geschichte recht amüsant, ließen den Mann, man nannte ihn Peter den Einsiedler, aber bald entfernen, als er vehement versuchte, Gelder für sein wahnwitziges Projekt zu lukrieren und allen damit auf die Nerven fiel.

Vier Jahrhunderte Später versuchte ein gynophober Neurotiker Namens Heinrich Kramer, der sich Instinktoris oder so ähnlich nannte und selbst einer Minderheitengruppe , welche ein gewisser Dominikus ins Leben gerufen haben soll, zurechnete, eine Frau anzuklagen, die ihn angeblich versucht hatte zu verhexen, worauf beim Thing in Speyer entschieden wurde, er solle sich doch freuen, wenn sich, anhand seines Äußeren, überhaupt eine Frau für ihn interessiere.

Die Eiche jedoch wurde vermittelst eines Blitzschlages im Sommer des Jahres 1207 von Donar selbst gefällt, womit er, wie viele heute noch meinen, ganz deutlich zu verstehen geben wollte, dass nur er selbst die ihm geweihten Bäume umzuhauen befugt ist.

Das Bier wurde übrigens nie mit Hopfen gebraut, weil es keine Verordnung gab, die das anaphrodisische und beruhigende Gewächs als praktikable Zutat vorschrieb. So etwas konnte nur für die keuschprüden Klostergemeinschaften, die ja auch alle Sinnesfreuden sowie Rauschzustände fürchteten, von Nutzen sein. Da sie aber kaum Einfluss auf die Gesellschaft hatten, und keine Stammesobrigkeiten ihre Grundsätze übernahmen, würzt man das Hausbier nach wie vor mit Gundermann, Beyfuß und fallweise Bilsenkraut , und das nicht zum Nachteil des Getränkes.

Adalmar blieb übrigens in seiner Hütte, baute nach einem recht plastischen Traum der von den Nornen gehandelt haben soll, das Kreuz aber zur Weltensäule um und verlegte sich auf das Ritzen von Runen. Er habe es sich anders überlegt, meinte er eines Tages und gab das rituelle Brotverteilen auf. Hrodgar gegenüber soll er später einmal beiläufig erwähnt haben, man hätte es eigentlich nicht nötig, das ohnehin schon reiche Pantheon der Altvorderen um noch ein paar Protagonisten zu erweitern.

Ach ja, und Norpe der schiefäugige, hat aufgrund all des Durcheinanders an jenem Junitag den Milcheimer, den er heimholen hätte sollen, nicht mehr vorgefunden.

Weshalb er einen neuen besorgte, was ihm seitens seiner Frau ein dickes Lob einbrachte.