Betrachtungen zu den Erntedankfesten von Roadman und Anufa

Den Anfang macht diesmal Roadman, der sich so seine Gedanken auf „facebook“ gemacht hat.

Als ich heute morgen wie üblich meinen Kontroletti im Fratzenbuch gemacht habe, wurde ich erst mal von lauter „Happy Mabon“, „Geiles Herbstblot“ oder „schnuckeligen Herbstanfang“-Beiträgen erschlagen. Das hat schon fast etwas von den „Merry Christmas“-Grüßen, nur auf neuheidnisch/schamagisch/Wicca oder sonstwie schpürütüüll wabernd. Man merkt vielleicht: ich bin von so Floskeln eher abgenervt. Indes hat dieser Overkill dann doch mal was in mir in Bewegung gebracht – und zwar, wie ich das so sehe. Und weil eh jeder in Fratzenbuch jeden Flatus lauthals dokumentiert, denk ich´s mir: mei, auch wenn ich mich aus der Schmagieszene zurückgezogen habe, sag ich halt doch mal, wie ich das Ganze so sehe.

Für mich ist der 22. der Beginn der dunklen Jahreszeit. Einige werden sagen, dass es der 1. November ist, aber ich zähle hier ab dem Zeitpunkt, ab dem die Nächte länger werden. Vor einer Woche war noch hochsommerliche Hitze, und jetzt herbstelt es deutlich – fast auf den Termin genau. Am Morgen sind Nebelschwaden zu sehen, die Luft ist kälter und „klarer“, und die Sonne hat am Abend ein goldenes Licht. Als naturgeisteraffiner Welcher sage ich: ab jetzt beginnt die Zeit der abbauenden Kräfte, der Kräfte des Wassers, des Zerfalls und der Verwesung. Drastischer gesagt: so langsam zieht der Unseelie Court ein. Dieser Begriff stammt vom Feenglauben der britischen Inseln und bezeichnet die „bad Fairies“, also jene Naturgeister, die eher düster und weniger menschenfreundlich sind. Aber auch sie gehören gewürdigt und sogar geehrt. Ohne sie gäbe es im Frühling und Sommer kein Wachsen. Sie lassen das, was nicht durch den Winter kommen kann, über die Klinge springen. Der König ist alt geworden, stirbt und geht unter die Erde, um als dunkler, harter und die Klingen wetzender Erlkönig auf den Nebeln zu reiten und dabei mitzuwirken, dass Altes, Überholtes weichen kann. Die Königin dieser Zeit ist die Hel, die Göttin des Totenreiches und der Seelen. Sie fliegt als „Mother Goose“ oder Gänsemutter durch den Himmel.
Die meisten Leute werden zu dieser Zeit eher depri. Ich selber nehme die Zeitqualität eher als ein Komprimieren und klarer Werden wahr, und man kann sich ganz gut überlegen, was man als „Ernte“ so eingefahren hat – nicht nur ackerbautechnisch. In diversen Ritualen (die aufzuzählen wäre jetzt zu viel, da bietet der esoterische Markt Angebote zur Genüge an) ist es möglich, zu schauen, was in das nächste Jahr hinüber genommen werden kann und wo man getrost die Sense ansetzen darf. Der Samen kann dann etwas später, auf den ersten November hin, gesät werden.
Bei näherem Betrachten kommt da durchaus Freude auf, die ähnlich der Freude von Schwammerlsuchern ist, wenn sie fette Beute finden. In alten Zeiten oder auch heute noch in bäuerlichen Gemeinschaften war und ist das die Zeit des Erntedanks. Dieses Fest wird von der katholischen Kirche noch aufrecht gehalten, und es macht durchaus Sinn, mit einer gewissen Dankbarkeit Rückschau zu halten. Wir haben ein Dach überm Kopf, sauberes Wasser und täglich viel – zu viel – zu futtern. Damit gehören wir schon mal zu einer Minderheit – und es ist in diesem Zusammenhang irgendwie grotesk, über das Ehe-Aus von Brangelina zu diskutieren. Das sollte man sich in so Zeiten vielleicht mal ins Gedächtnis rufen. Die Volksfeste und Besäufnisse á la Oktoberfest sind vielleicht noch ein recht verzerrter Widerhall der Feierlichkeiten der alten Zeit, als es das Reinheitsgebot noch nicht gab und die Biere mit ordentlichem Lauchzauber gewürzt wurden. Einer Zeit, als Menschen und Naturkräfte vielleicht einander noch näher waren.
In diesem Sinne: genießt diese Zeit!

Roadman hat mir seine Gedanken zum Thema „Mabon“ zum Frühstück serviert. Weil ich da auch so meine Aufstoßer habe, hat mich das natürlich zu einem Artikel angestiftet …

Für mich als Hexe gibt’s ja massenhaft Gelegenheit zu feiern – ganze acht Jahreskreisfeste!. Da ich diese „Feiern“ aber vornehmlich als Marker durch das Jahr ansehe, die mich mit dem Lauf der Zeit durchs Jahr begleiten und nicht so sehr als „sozialisiertes Weihnachten“ kann ich mit den weitläufigen Glückwünscherein auch nicht besonders viel anfangen. Gerade deshalb find ich Roadmans Hinweis auf die Sinnhaftigkeit dieser Feste so notwendig.

Worum geht’s denn bei diesen ganzen Festeln überhaupt?

Wenn mich einer fragt, bei diesem hier (egal wie mensch es nennen mag, ob Herbstanfang, Mabon, Modron, Herbst-Tag-und-Nachtgleiche, Herbstäquinox, …) meiner Ansicht nach um Dankbarkeit.
Genauso wie gerade im Netz bunte Bilder über reale Inhaltslosigkeit hinweg täuschen („können“, nicht „müssen“, weil es nicht immer der Fall ist!) so tut genau das nur ansozialisiertes Verhalten auch. Höflichkeit ist eine sinnvolle Sache, weil sie durchaus das Leben erleichtern kann. Deshalb macht es auch Sinn die „Bitte“ und „Danke“, die ich als Kind noch gelernt habe, auch als Erwachsene beizubehalten. Allerdings nicht als Floskel sondern ehrlich gemeint.
Wenn ich etwas möchte, dann ist es für mich normal darum zu bitten (auch wenn jemand dafür bezahlt wird, dass ich einen gewissen Service erhalte) und wenn ich ausreichend versorgt bin, mich dafür zu bedanken.
Natürlich gab es immer wieder Phasen in denen ich das nicht tat … als Kind z. B. weil ich einfach nicht tun wollte, was von mir verlangt wurde. Oder in der Pubertät, weil ich ja keinen Grund sah, irgendwem für irgendwas dankbar zu sein, weil das ja logisch ist, dass mir der Kellner meinen Kaffee bringt. Der kriegt ja bezahlt dafür, also warum sollte ich mich da noch extra bedanken. Die Verkäuferin kriegt ja auch bezahlt dafür, dass sie mir war verkauft, also warum soll ich drum bitten, dass sie einen Job hat? An diesen Beispielen ist schon deutlich, woran es meiner Ansicht nach, bei, ich nenne es mal „mangelndem Benehmen“, hapert. Die Selbstverständlichkeit hat sich eingenistet.

Wenn ich so zurückdenke an meine Jugend, wir hatten zu Hause einen gastwirtschaftlichen Betrieb in dem ich von klein auf mitarbeiten musste, dann war ich so erzogen, dass es selbstverständlich war, den Kunden gegenüber „dankbar“ zu sein hatte, weil ich ja (genauso wie meine Eltern) davon lebte, dass die bei uns essen und trinken wollten. Sie hätten ja auch woanders hingehen können … Damit war mir eine „wenn-dann“ Sicht immer schon vertraut. Natürlich kriege ich meinen Kaffee auch wenn ich mich ned bedanke … aber die Atmosphäre in der ich den dann bekomme ist vielleicht ein bisschen anders.

Wie war das mit dem Wald?

Wie mensch in den Wald hinein ruft, so kommt es auch zurück! Ein Spruch meiner Oma, der nicht immer stimmt, aber eine gewisse Berechtigung will ich ihm nicht absprechen. Wenn ich grantig und grußlos in ein Geschäft reinrausche und „Das Vollkornbrot dort!“ auf die Theke knalle, dann wird es dem Verkaufspersonal eher auch nicht so leicht fallen, mich freundlich zu bedienen. Ein Teufelskreis … der sich aber durchbrechen lässt. Es kostet nichts freundlich zu sein, genauso kostet es nichts dankbar zu sein!

Dankbarkeit ist ein Gefühl, dass meiner Ansicht nach, mehr von einem selber und der jeweiligen Weltsicht abhängt als von den äußeren Umständen. Ich für meinen Teil betrachte so gut wie nichts als selbstverständlich – es entspricht einfach nicht meiner Erfahrung, dass jederzeit alles mühelos zu meiner Verfügung steht.
Das wird aber einigen wohl nur schwer verständlich sein, warum sie dafür dankbar sein sollen, dass andere für sie samstags bis 18 Uhr im Geschäft stehen um noch den Einkauf zu ermöglichen. Ein Grund dafür mag sein, dass sie es gar nicht anders kennen! Womit wir wieder bei bereits erwähnter „Selbstverständlichkeit“ wären.

Bewusstsein macht´s!

Die Idee wäre sich einmal – gerade um diese Zeit und bei einem der drei Erntedankfeste – ein paar Stunden zu reservieren um einmal darüber nachdzudenken, was alles wir in unserem Leben als selbstverständlich ansehen. Für viele Verunfallte war es auch undenkbar, dass sich das Leben mit einem Schlag ändern könnte. Ein Dach über dem Kopf ist ebenso nicht selbstverständlich, wie gerade jetzt in Italien wieder deutlich wird – und da kann niemand was „dagegen“ tun. Geld ist als gerechter Lohn auch so eine Sache – wie oft hat Recht mit Gerechtigkeit nur wenig zu tun? Selbstverständlich ist – wenn mensch es genau betrachtet – nicht einmal, dass wir saubere Luft zu atmen haben (wenn wir uns manch Metropole so ansehen). Von Kriegsgebieten will ich hier gar nicht zu schreiben anfangen.

Was ich noch erwähnen möchte ist, dass es mir hier – wie meistens – um Gleichgewicht geht. Wenn mir das Leben die Extreme von Mangel und Überfluss nicht sowieso schon serviert hat (was in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unsrigen durchaus der Fall sein kann), dann wäre es sinnvoll sich diese selber bewusst zu machen. Die Folge davon könnte ein wenig mehr Zufriedenheit und Dankbarkeit sein und deshalb könnte es dann sein, dass wir der Welt ein wenig freundlicher begegnen.

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