Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil I, geschrieben von Raimund Karl

Raimund Karl, tätig an der Prifysgol Bangor University in Wales, hat uns einen seiner Fachartikel gespendet, der besonders für die Beziehung „Archäologie-Laie“ interessant zu lesen ist. Vielen lieben Dank, Ray!

Zusammenfassung: Das innerfachlich beliebte Bonmót, dass es keine HobbyarchäologInnen geben dürfe, weil es ja schließlich auch keine HobbychirurgInnen und HobbypolizistInnen gäbe, zeugt von einem unter vielen ArchäologInnen verbreiteten, höchstgradig bedenklichen Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnis. Es ist nämlich nicht nur tatsächlich falsch und beruht auf einem gravierenden logischen Kategorienfehler, sondern dient ausschließlich dem Zweck der Aneignung von Macht mit unlauteren Mitteln, die wir dann noch dazu massiv missbrauchen, um anderen BürgerInnen das Grund- und Menschenrecht der Forschungsfreiheit zu nehmen; ein Recht, das wir selbst für uns nicht nur in Anspruch nehmen, sondern das auch für das Funktionieren der Wissenschaft unumgänglich notwendig ist. Mehr noch, es verrät auch, dass unser Fach an einem fachlichen und eine bedeutende Anzahl unserer KollegInnen an einem persönlichen Minderwertigkeitskomplex leiden. In diesem Beitrag wird gezeigt, dass das so ist und weshalb wir uns dagegen wehren müssen, wenn wir nicht die Fehler unserer fachlichen Ahnen während und seit dem 3. Reich wiederholen wollen.

Schlüsselworte: Archäologie, Denkmalschutz, Hobbyarchäologie, Wissenschaftsverständnis,

Grundrechte, Totalitarismus

Abstract: The popular archaeological witticism that there can’t be hobby archaeologists, since there are no hobby surgeons or hobby policemen either, demonstrates that many archaeologists have a severely deficient understanding of scholarship and society. Not only is the witticism demonstrably false and based on a serious logical category error, but serves, exclusively, the purpose to assume power by illicit means. This power, on top of everything, we then abuse to violate the fundamental civil and human right of freedom of research of all other citizens; a right that we not only claim for us, but that is essential for the very functioning of academic scholarship. In addition, it also demonstrates that our discipline and indeed a significant percentage of archaeologists harbour a serious inferiority complex. In this contribution, I demonstrate why we must resist this if we do not want to repeat the mistakes of our disciplinary ancestors during and since the 3rd Reich.

Keywords: Archaeology, Heritage Protection, Amateur Archaeology, Understanding of Scholarship, Civil Rights, Totalitarianism

In einem Zeitraum von nur etwa einem Monat um den Jahreswechsel 2015/16 habe ich von den jeweiligen Zeitschriftenherausgebern insgesamt 6 Peer-Gutachten zu drei sich mit archäologischer

Bürgerbeteiligung und/oder der „Metallsucherproblematik“ beschäftigenden Artikeln (Karl 2016a; b; Karl & Möller 2016) zugeschickt bekommen. Fünf stammten von professionellen ArchäologInnen (alle bis auf einen blieben anonym); vier davon – sowohl solche die sich überwiegend positiv also auch solche die sich gänzlich negativ äußerten – waren sich jedoch in einem Punkt einig: es gäbe schließlich auch keine HobbychirurgInnen und/oder HobbypolizistInnen, vollständig eigeninitiativ und selbstverantwortlich im Feld tätige HobbyarchäologInnen solle es daher auch nicht geben (dürfen).

Wenn überhaupt wäre es vorstellbar (oder sogar nützlich und empfehlenswert, hier gingen die Gutachtermeinungen auseinander), dass sich archäologisch interessierte BürgerInnen an von studierten ArchäologInnen geleiteten und durchgeführten Forschungsprojekten freiwillig beteiligen könnten; oder nach entsprechender Ausbildung durch z.B. die Landesämter in eng beschränkten Gebieten unter von den Ämtern vorgegebenen strengen Regeln bestimmte wissenschaftliche Dienstleistungen (z.B. in der archäologischen Landesaufnahme) erbringen dürften. In jenen, die sich mit Artikeln befassten, in denen die Forschungsfreiheit erwähnt wurde, sahen die GutachterInnen durch solche Einschränkungen diese nicht gefährdet; weil diese ja auch dadurch nicht gefährdet werde, dass auch nicht jeder, sondern nur ein studierter Chirurg, „Herzoperationen durchführen darf“.

Auf wen das archäologische Bonmot, dass es schließlich auch keine Hobbychirurgen oder Hobbypolizisten gäbe, zurückgeht, ist nicht geklärt; vermutlich wurde es auch unabhängig voneinander von mehreren ArchäologInnen erfunden. Es ist aber jedenfalls in der Archäologie sehr beliebt, weil es so schön und leicht verständlich zu illustrieren scheint, dass es falsch ist, wenn nicht universitär archäologisch ausgebildete BürgerInnen archäologische Feldforschung betreiben wollen. Schließlich will niemand von einem Hobbychirurgen operiert oder von einem Hobbypolizisten erschossen werden, und damit erübrigt sich jede weitere Diskussion, ob es eine Berechtigung für eine Hobbyarchäologie, oder wenigstens eine Berechtigung für eine Hobbyfeldarchäologie geben kann.

So einleuchtend dieses Argument auf den ersten Blick auch erscheinen, und so effektiv es in der Anwendung auch sein mag, weil es ganz fundamentale Existenzängste weckt (auf Englisch nennt man so etwas scaremongering), so falsch ist es auch. Was noch schlimmer ist, ist allerdings, dass es wenigstens eines von drei Dingen über den oder die verrät, der oder die es verwendet: 1) die Person plappert bloß unreflektiert etwas nach, was sie gehört hat, ohne zu wissen, dass es falsch ist, 2) sie weiß, dass es falsch ist und benutzt es dennoch, weil ihr sinnvolle Argumente fehlen oder ausgegangen sind, oder 3) sie hat ein Wissenschaftsverständnis, oder sogar ein Gesellschaftsverständnis, das höchst bedenklich ist. Weshalb eines dieser drei Dinge zutreffen muss, werde ich in diesem Beitrag zeigen.

Ende Teil I

Tags: , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist – Teil I, geschrieben von Raimund Karl”

  1. Mc Claudia sagt:

    Lieber Ray,

    ich liebe Dich, – äh – also Deine ganzen coolen Schriften. Und ich freu mich schon auf Teil 2.

    Und ich fühle mich gerade erinnert an damalige Aussagen (oft von echten Wiccas, aber womöglich auch anderne Priester/innen oder Magier/innen), wo dasselbe Argument kommt, weshalb man natürlich initiiert werden muss oder bestimmtes nur unter Aufsicht eines Ober-Zauber-Bosses darf, weil man stirbt ja auch, wenn man sich selbst den Blinddarm rausoperiert.

    jojojo

    Also, ich denke, ich weiß schon, wo Dein Artikel hin will (hihi).

    Polizei und Chirurgen haben verflucht viel Verantwortung, auch über Menschenleben (so wie auch Flugzeugpiloten oder so), die Polizei ist noch dazu Teil der staatlichen Exekutive, also Teil der Staatsmacht. Während weder durch einen falschen Archäologen noch durch einen diletanten Zauberer jemand für gewöhnlich stirbt oder verletzt wird (es sei denn, der Hobbyarchäologie erschlägt einen Wanderer absichtlich mit seiner Schaufel und der Zauberer bringt ein Menschenopfer – aber beides könnten auch fiese Archäologen und echte fundi-Priester machen).

    Der Vergleich ist also Apfel mit Birne. Das einzige Recht, das echte Archäolog/innen haben und haben sollten, ist m.E. wie das mit dem Gewerbeschein. Braucht man halt, wenn man xy machen will – hat aber nicht immer mit dem wirklichen Können und Wollen was zu tun. Aber jede Dilletantin oder xy-Philer sollte das Recht haben, sich mit dem geliebten Fach auch praktisch auseinanderzusetzen. An die Gesetze muss man sich halten. Fertig. (Und auch Nicht-Polizisten haben das Recht, einen Kriminellen festzuhalten, wenn man ihn bei einer Tat erwischt, auch sie haben das Recht, einen Waffenschein zu erwerben und auf den Schießplatz zu gehen, und auch Nicht-Chirurgen sollten Erste Hilfe leisten können usw. ….)

    Schon neugierig!

    LieGrü

    Mc Claudia
    Freizeitkeltologiedilletantin ;-)

Hinterlasse eine Antwort