Hausgeister, geschrieben von Ulrike

Ich hatte in letzter Zeit Anlass, über Hausgeister nachzudenken, und erinnerte mich an ein Buch, das ich im letzten Jahr gelesen hatte, einer Doktorarbeit, die sich mit der im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlichten Hausgeist-Überlieferung befasst.[1]  Hier geht es also um sehr junge Vorstellungen, aber die Arbeit dokumentiert sehr genau, was über Jahrhunderte lebendig geblieben ist: der wenn auch verebbende Glaube an nicht-menschliche oder nicht-mehr-menschliche Hausgenossen, die Individualität und Eigenart besitzen und mit denen man sich auseinandersetzen oder mit ihnen auskommen muss.

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Hausgeist ist der wissenschaftliche Begriff für diese Wesen, der volkstümliche Name scheint hauptsächlich ‚Kobold‘ gewesen zu sein, ein Begriff, der im 13. Jahrhundert zuerst dokumentiert wurde und der möglicherweise ‚Hauswalter‘ oder ‚Walter des Platzes‘ bedeutet. [2] Er wurde mit lateinisch penates übersetzt, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Kobold einen Bezug zum Ahnenglauben hat. Andere Bezeichnungen aus dem Althochdeutschen sind ingesid und ingoumo, was „etwas, das man im Haus wahrnehmen kann“ bedeutet. Hausgeister haben aber auch persönliche Namen, die sich auf ihr Aussehen oder ihre Eigenschaften beziehen können, oder Menschennamen sind wie Langhut, Wertla, Peter oder Klopfer. Belegt sind aber auch Namen, die auf Fetischpuppen hinweisen, Kose- und damit Tabunamen sind.

Insgesamt können wir die Hausgeister zu den Wichten und Alben stellen, wobei eine genaue Abgrenzung innerhalb dieser Kategorien nicht möglich ist. Fest steht, ein Hausgeist lebt ihm Haus, auf dem Hof, normalerweise in einer ländlichen Umgebung. Er ist ein Einzelgänger und kommt – anders als die Heinzelmännchen – nicht in einer Gruppe vor. Er hat Menschengestalt, ist männlich, von kleiner Gestalt und uralten Aussehen. Manchmal sieht er einem toten Familienmitglied ähnlich, was uns wieder auf den Ahnenglauben hinweist. Da sich die Menschen aber sicher waren, dass die Toten nach dem Tod genauso aussehen wie zum Zeitpunkt des Todes, belegt die Kleinwüchsigkeit des Hausgeistes, dass diese Vorstellung jung ist, es ist tatsächlich eine Verkleinerung der Glaubensvorstellung.

A witch and her familiars, illustration from a discourse on witchcraft, 1621; in the British …
Courtesy of the trustees of the British Library

Manche Hausgeister können auch Puppenform oder Tierformen annehmen und tragen dann entsprechende Namen, bei letzterem denken wir an die Familiaren der Hexen.

Üblicherweise sind Hausgeister an das Haus und den Hof gebunden, obwohl es auch Fälle gegeben hat, dass Hausgeister mit der Familie umgezogen sind, oder gar vertrieben wurden. Die sehr junge Vorstellung, dass Hausgeister auf dem Markt gekauft werden können, zeigt einen erheblichen Machtverlust des Hausgeistes. Hausgeister arbeiten und helfen im Haushalt, in der Werkstatt, im Stall, selten auf dem Feld. Es sind ein paar Sagen belegt, in denen Hausgeister auf Schlössern und in Adelshäusern wirken, interessanterweise waren diese Hausgeister nicht von kleiner Gestalt, sondern normal groß und auch weiblich.

Hausgeister haben die gleichen Rechte wie alle anderen Familienmitglieder, auch das Recht des Aufenthalts im Haus. Manchmal sind sie still und freundlich, manchmal launisch. Sie sind meist einzelgängerisch und für sich, aber manchmal auch gesellig und zu Späßen aufgelegt. Allerdings ist ihr Wesen immer ambivalent, daher ist es immer wichtig, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen das zu geben, was ihnen zusteht. Sie sind weise und bereit, ihr Wissen zu teilen, wenn man sie wertschätzt, sie geben Rat, finden verlorene Dinge, warnen vor Gefahren, verjagen verdächtige Personen. Ihre Hilfe auf dem Hof lässt die Arbeit glatter gehen und verhilft oft zum Erfolg. Generell bringen sie Glück und Gedeihen, Hausgeister agieren als Katalysatoren für das Erlangen von Wohlstand, sie werden allgemein als Schutzgeister wahrgenommen.

Andererseits spiegeln Hausgeister in der Regel den Fleiß der anderen Hofbewohner, dadurch sind auch Kontrollinstanz für soziale und moralische Normen. Wenn sie sich falsch behandelt fühlen oder mit dem Verhalten der Hausbewohner nicht einverstanden sind, dann reagieren sie empfindlich: das Spektrum der Bestrafung reicht vom Streiche spielen oder dem Verstecken von Gegenständen bis hin zu körperlichen Strafen oder dem Verenden von Haustieren, auch dem Verlassen des Haushalts unter Mitnahme des Hausglücks, was in der Regel den Ruin der Familie bedeutet.

Dass Hausgeister ambivalente Wesen sind – einerseits wichtig für das Glück der Familie, andererseits bedrohlich und nicht berechenbar – deutet auf eine vorchristliche Tradition hin. Geschichten, in denen Hausgeister vollends verteufelt sind sind in der Regel sekundär und christlich überformt.

Hausgeister handeln aus ihrer eigenen Kraft und Macht, durch schiere Präsenz und Mithilfe. Sie sind „mächtige, übernatürliche Hauswalter mit unbenommener numinoser Autorität.“[3]

Sie verlangen das Beachten einiger Regeln im Zusammenleben: in der Regel mögen sie es ruhig und ordentlich, sie möchten respektvoll behandelt werden, schätzen Höflichkeit und gutes Essen. Ihre bevorzugte Speise ist Milch, Getreidebrei mit Butter, Brot, und was immer die Familie isst. Die Speisung steht ihnen zu, sie hat einen gewissen Opfercharakter, aber in der späten Überlieferung kann sie nicht als Opfer kategorisiert werden, da die Speisung nicht in einem rituellen Kontext und mit einem magischen, quasireligiösen Bewusstsein erfolgt. Allerdings belegen zwei Sagen, dass die Koboldspeisung einen kultischen Charakter hatte, daran zu erkennen, dass dem Hausgeist entweder der erste oder der letzte Bissen zugestanden wird (Primitialopfer bzw. Restopfer). Die Speise wird oft vor den Herd gestellt, da dort der Hausgeist seine bevorzugte Schlafstätte hat.

Milch und Getreideprodukte sind außerdem bevorzugte Opferspeisen im Ahnenglauben, ihre Verwendung verstärkt den Verdacht, dass die Hausgeisttradition mit dem Ahnenglauben verwandt ist.

Weitere Verhaltensregeln betreffen den Wunsch der Hausgeister nach Unsichtbarkeit – weder wollen sie gerne gesehen werden, noch lassen sie sich bei der Arbeit beobachten. Sie pochen auf ihr Recht, am gleichen Schlafplatz zu bleiben, und höflich und korrekt angesprochen zu werden. Tabuüberschreitungen werden hart bestraft.

Hausgeister sind Kollektivschutzgeister, sie beschützen und leben bei intakten (Groß-)Familien, manchmal über Generationen. Sie bringen Glück, das ist der zentrale Punkt der Überlieferung. Je fleißiger und verantwortlicher die Familie als Gemeinschaft agiert, desto mehr Glück bringt der Hausgeist. Auf diese Weise wirkt der Hausgeist als Beschützer sozialer Normen, die als stabilisierend und kontinuitätswahrend angesehen werden.

Das Gros der Überlieferung zeigt, dass Hausgeister in der Vergangenheit als real geglaubt wurden, aber der Ton der Erzählungen suggeriert, dass dieser Glaube der Vergangenheit angehört, das heißt, man war sich bewusst, dass die Älteren an Hausgeister geglaubt haben, tat dies aber als zur Vergangenheit gehörend ab. In der jüngeren Überlieferung werden Hausgeister oft als machtlos oder mit verminderter Macht dargestellt, und rituelle Begegnungen und die Beschreibung von Speisegaben sind kaum noch vorhanden, was in der Regel auch mit einem geringen Respekt einhergeht.

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Die Wurzel des Hausgeistglaubens ist nicht klar und umstritten. Zum einen scheint es Beweise für eine Zuordnung der Hausgeister zu den genii loci zu geben, zum anderen gibt es Parallelen zum Ahnenglauben, und es lässt sich nicht sagen, welche Traditionswurzel älter oder authentischer ist.

Es wird davon ausgegangen, dass sowohl die genius loci – Vorstellung als auch die Ahnenverbindung bereits zu vorchristlicher Zeit schon nicht mehr voneinander zu trennen war, und dass sich die Totenseelenvorstellung über den genius loci gelegt hat.

Allgemein lässt sich sagen, dass der Glaube an Hausgeister in deutschsprachigen Gebieten durch die Jahrhunderte starke Veränderungen und Entwicklungen durchgemacht hat. Hausgeister verloren an Funktion, sie wurden verteufelt oder entmachtet, bis sie schließlich nicht mehr geglaubt wurden. Dies lag nicht notwendigerweise an der Christianisierung, sondern sowohl an der ‚Entzauberung‘ durch Reformation und später Aufklärung, als auch an veränderten Lebensumständen durch Industrialisierung und Urbanisierung.

[1] Lindig, Erika (1987): Hausgeister. D. Vorstellungen übernatürl. Schützer u. Helfer in d. dt. Sagenüberlieferung. Zugl.: Freiburg i. Br., Univ., Diss., 1986 (Artes polulares 14).

[2] Baechtold-Stäubli, Hanns (2005): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Knoblauch-Matthias. s.v. Kobold. Unveränd. photomechanischer Nachdr. der Ausg. Berlin [u.a.] 1937. Augsburg: Weltbild (5).

[3] Lindig aaO. S. 110

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