Von bösen Wölfen, Rosinen und Weltuntergängen

Es erinnert mich die momentane Situation (nach den Anschlägen der letzten Monate/Jahre und noch einigen anderen Katastrophen) an meinen Großvater. Jedes Mal, wenn er zum Frühstück die Regionalzeitung las und darin unter den Todesanzeigen einen bekannten Namen fand, sagte er: „Jaja, die Einschläge kommen näher!“ und grinste dann breit.
Jeder hat so seine eigene Art mit dem Leben und den Schlägen, die es zeitweilig auch austeilt, umzugehen und fertig zu werden. Deshalb halte ich Binsenweisheiten durchaus für Leuchtfeuer (an denen mensch sich orientieren kann) aber sicher nicht für Allheilmittel oder gar Lösungsanleitungen.

Vor etlicher Zeit habe ich schon einen Vierteiler zum Thema „Die dunkle Nacht der Seele“ geschrieben, in dem ich mich besonders mit dem Thema „Warum hast Du mich verlassen?“ beschäftigt habe. Da habe ich meinen Schluss dargestellt, dass ich meinen Hauptpunkt dabei in der Eigenverantwortung verorte. Das möchte ich gerne voraussetzen und als gedankliche Basis etablieren.

Heute geht es mir mehr darum, wie es möglich ist – für einen selber – sinnvoll mit Dingen umzugehen, die von außen auf einen einwirken.


Der böse Wolf

Wir haben heute viele böse Wölfe … vor denen wir uns zu Recht oder Unrecht fürchten. Für mich ist der erste Zugang ein eher rationaler (für den ersten Anlauf). Im Anlassfall stelle ich mir Fragen – wie z. B. : Was ist das Schlimmste was mir passieren kann?
Diese Frage führt schon in einige Denkschleifen, da ich sie nur wirklich sinnvoll beantworten kann, wenn ich dazu einige Informationen schon parat habe. Was ist mir lebenswichtig? Was oder wen brauche ich unbedingt für mein Leben? Je umfassender und ehrlicher ich diese Fragen beantworten kann, desto leichter fällt mir eine Antwort auf die Eingangsfrage. Mir ist dabei besonders wichtig zwischen „wirklich brauchen“ und „haben wollen“ zu unterscheiden.
Sich gesund zu ernähren, ist beispielsweise für mich ein wichtiger Faktor (weil meine Lebensqualität dadurch steigt) das will ich haben. Den Göttern sei Dank leide ich nicht unter Allergien, wenn ich es aber täte, dann wäre es für mich unbedingt nötig, mich allergenfrei zu ernähren. Meine Bücher will ich haben (weil ich dem Netz allein nicht traue), aber wirklich brauchen tue ich sie nicht. Was ist Luxus, was Sicherheitsbedürfnis, was Wohlfühlminimum? Diese Maßstäbe können imho nicht allgemein gültig etabliert werden, sondern sind sehr individuell. Womit der eine zurecht kommt, das bringt den anderen auf die Dauer schon um.

Bei den bösen Wölfen ist es ähnlich. Mich erschreckt es wesentlich mehr langsam vor mich hinsiechen zu müssen (und nichts dagegen tun zu können) als einen plötzlichen Tod zu sterben. Dass mich der plötzliche Tod weniger schreckt ist dem Faktum geschuldet, dass ich dafür möglichst gute Vorkehrungen getroffen habe, dass „nach mir“ alles geregelt ist (oder es auf niemandes Kosten geht, dass etwas nicht geregelt wurde). Das beruhigt …

Jeder kann an seinen eigenen Antworten ablesen, was es eigentlich ist, das ihm wichtig ist (und vor dessen Entzug er sich fürchtet). In meinem Beispiel wäre das qualitatives Leben, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung.


Da such ich mir doch die Rosinen raus!

Auch dabei will ich wieder bei meinem Beispiel bleiben. Ein qualitatives Leben heißt für mich nicht, dass ich in den Tag hinein lebe und es mir gutgehen lasse, im Sinne von „keine Notwendigkeiten zu erfüllen habe“. Für mich ist klar, dass Katzen Katzenklos haben und die jemand saubermachen muss – und das bin nun mal ich, weil ich Daumen habe und das Schauferl halten kann. Also muss ich eben auf Katzengesellschaft verzichten, sofern ich es nicht gebacken kriege, die Klos sauber zu machen.
Selbstbestimmung heißt für mich nicht, dass ich alles machen kann/darf, wonach ich grad lustig bin (egal was andere davon halten). Wenn ich im Grünen wohnen will, ohne Nachbarn aber nur mit maximal Anreise von ein paar Minuten in die nächste Stadt – kann ich bestimmen, was ich will, das wird nicht möglich sein. Für einen Millionär wäre es vielleicht machbar, für mich aber nicht!
Eigenverantwortung ist nicht die platte Ansage, dass ich für mein Tun schon verantwortlich bin und fertig. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, dann kann ich zwar sagen „Ok, für den Unfall bin ich verantwortlich!“ aber die Sache ist damit nicht erledigt. Je nach angerichtetem Schaden wird sich das massiv auf mein Leben auswirken – also ist es meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass für den Fall der Fälle Vorsorge getroffen ist.

In unserer Zeit jetzt, sind viele Menschen in unseren Breitengraden, so etwas wie einen Sozialstaat gewohnt. Vater Staat sorgt schon dafür, dass jeder das Nötigste bekommt und Notfälle versorgt werden. Durchaus eine erstrebenswerte Sache, das soziale Denken. Es hat leider auch den Nachteil, dass sich immer weniger darüber Gedanken gemacht wird, was selber beigetragen werden könnte zum eigenen Leben – darum das für einen selber „wertvoller“ zu gestalten. Allerdings müsste das auch erlernt werden – dieses „wertvoll“ überhaupt zu (er)kennen und auch die Fähigkeiten müssten erworben werden um das selber etwas tun zu können! All das geht bei einer Vollversorgung nur schwerlich von allein … Wie soll ich auf die Idee kommen, dass ich etwas erfragen sollte, von dem ich gar nicht weiß, dass es existiert?

Was vorgelebt wird in der Gesellschaft ist vielfach mehr das Haben als das Sein. Daraus entsteht natürlich zu allererst der Gedanke, dass mensch glücklich wäre, sofern mensch nur „genug hätte“. So einfach ist das aber leider nicht. Jedes Haben hat auch Konsequenzen – und sei es nur die des wieder Verlierens. Da wären wir bei der Binsenweisheit, dass jede Medaille zwei Seiten hat.


Das ist für mich jetzt ein Weltuntergang

Und jetzt komme ich zu den Katastrophen – die ich tatsächlich für notwendig halte. Mir persönlich hat jede Katastrophe in meinem Leben aufgezeigt, dass meine Skala an Wichtigkeiten verschoben werden musste. Jeder schwere Krankheitsfall (von einem selber oder im nahen Umfeld), jeder Todesfall (von Mensch oder Haustier), jeder heftigere Unfall oder Verlust an Geld und Gut – das alles rückt die Skala zurecht. Natürlich nur, wenn ich es zugelassen habe.
Ich habe kein Problem wenn Menschen beschließen ihrem Leben ein Ende zu bereiten, sofern sie keinen Weg sehen, es für sich selber sinnvoll zu gestalten (und ja, ich hatte Freitod in der Familie). Die Dokumentation von Terry Pratchett war für mich da sehr erhellen, weil bis dahin seltenst offen über dieses Thema diskutiert werden konnte. Nur am Rand: natürlich bin ich mir im Klaren, dass auch hier Missbrauch immanent sein kann!
Bei jedem Haustier, das je bei mir lebte, war das jeweilige Ableben für mich eine kleinere oder größere Katastrophe und jede davon hat in meiner Welt etwas zurecht gerückt. Vorstellung zu Realität ist in meinen Augen immer etwas das anzustreben ist. Vorstellen kann ich mir so gut wie alles, ob ich das aber in der Realität dann so gebacken kriege, ist eine völlig andere Sache. In der Vorstellung brauche ich keine Grundvoraussetzungen, in der Realität sin die unabdingbar. In der Vorstellung gibt es keine Konsequenzen (weder meines Tuns noch meines Lassens) in der Realität geht es nicht ohne ab.

Materielle Realität kann hart sein – aber sie ist in meiner Welt nie bösartig. Dinge passieren mir, weil ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und in bestimmte Vorgänge involviert bin. Sie passieren mir nicht, weil das Leben böse ist (oder jemand anderes oder ich selber oder oder oder). Sie passieren!
Je besser meine Vorstellung in der Realität verwurzelt ist, desto besser kann ich in diesem Realitätsfluss meinen Vorstellungen entsprechend steuern. Damit werden mich böse Wölfe nicht in Panik versetzen, die Handvoll Rosinen im Kuchen für mich völlig ausreichend und Katastrophen durchaus schon mal schlimm aber nicht der Weltuntergang sein.

 

Hinterlasse eine Antwort