Über die Kraft echten Schamanentums – Teil I, geschrieben von Frank

Eine Kritik an neuzeitlichen Erklärungsprojektionen des Schamanismus

Schamanismus ist in aller Munde! So zumindest könnte man meinen, wenn man einen Blick in die »Esoterikszene« unserer Tage wirft. Diese führt schon lange kein Nischendasein mehr. Sie hat sich im Gegenteil zu einem regelrechten Boom gemausert, der inzwischen auch wirtschaftlich erhebliche Umsätze generiert. Umsatz aber wächst durch möglichst zahlende Kunden. Und die müssen durch geeignete Marketingstrategien motiviert werden. Hinzu kommt – dank einem entseelten und entzauberten Weltverständnis, welches sich im Westen durchgesetzt hat – ein spürbar wachsender und natürlich verständlicher Bedarf nach spirituellem Lebenssinn. Beides subsumiert sich und zieht durch größer werdende Massenverbreitung bedauerlicherweise eine gewisse Verflachung des alten esoterischen Denkens nach sich. Was früher eine »Wissenschaft und Kunst«, wenn nicht die Königsdisziplin praktischer Philosophie schlechthin war, ist heute problemlos für jeden zugänglich und kann, vermeintlich ohne großen Aufwand, praktiziert werden.

Auffällig ist das inzwischen nahezu beliebige und unkritische Vermengen verschiedenster esoterischer Ideen und Ansätze. Auch den Schamanismus hat diese Branche schon längst für sich entdeckt und in ihr Geflecht eingebunden. Der Markt ist in den letzten Jahren mit Publikationen zum Thema regelrecht geflutet worden. Eine aktuelle Googlesuche ergibt unter dem Stichwort »Schamanismus« weit über eine Millionen Ergebnisse. Zahlreiche Anbieter preisen bunte »Ausbildungssysteme« an. Die Zahl der dem Anschein nach praktizierenden – also Klienten beratenden und behandelnden – »Schamaninnen und Schamanen« geht alleine im deutschsprachigen Raum in die Tausende. Tendenz steigend.

Bezeichnend ist die Menge verschiedenster Meinungen und Ansichten, die mit dem Ausdruck »Schamanismus« verknüpft zu sein scheinen. Neben der auch hier vorherrschenden Durchmischung mit beliebigem esoterischen Gedankengut stechen manche Ideen besonders ins Auge. Rein psychologische Interpretationen des Schamanismus etwa. Oder die Reduktion auf reine »Energieparadigmen«. Von Geistern, Trancen oder Geisterwelten ist da teilweise gar keine Rede mehr. Oder diese im eigentlichen Sinne wahrhaftig schamanischen Konzepte werden esoterisch-psychologisch uminterpretiert.

»Jeder ist ein Schamane« – und das sei keine Frage der Begabung, der jahrelangen Ausbildung und persönlichen Entwicklung: Auch diese Ansicht scheint inzwischen weit verbreitet. Kein Wunder, mit derartigen Aussagen werben einige Ausbildungs-Anbieter ja auch seit Jahren ihre Kunden. Auch wenn es aus Respekt vor dem echten Schamanentum angebracht wäre: Wenn es ums Wirtschaftliche geht, scheint es wohl weniger erfolgversprechend, auf Faktoren wie »Begabung« oder gar »Berufung«, harte Arbeit oder eine mögliche lange Leidenszeit im Zuge echter Schamanenausbildung hinzuweisen. Oder auf die nicht unrealistische Möglichkeit des Scheiterns auf einem solchen Weg.

Dass hinter solchen Entwicklungen einmal mehr vor allem das Geldverdienen, weniger eine tatsächliche Realität steckt, das geht im Zuge esoterischen Konsumverhaltens leicht unter. Hauptsache, das Verlangen nach esoterischer Sinngebung, Märchenträumerei, Einhörnern, Drachen, Engeln und dem romantischen, hochweisen Schamanen, am besten erleuchtet und sowieso amerikanischer Ureinwohner, oder wenigstens als solcher verkleidet, vegan soll er oder sie bitte auch sein, wird irgendwie befriedigt.

 

 

Schamanenkonferenz copyright Frank

Wer als Klient zum Schamanen geht, der erwartet insgeheim gar nicht selten ein Bedienen der eigenen Erwartungshaltungen. Etwa, was Schamanismus gemäß der eigenen Vorstellungen, seien sie auch noch so oberflächlich oder verzerrt, denn nun zu sein habe. Solange das der Fall ist, ist alles gut. Schamanische Beratung soll möglichst das Klischee des erleuchteten Schamanen bedienen und die erhaltenen Auskünfte sollen bitte die sein, die man selbst ohnehin schon wusste. Und die dann auffällig oft das eigene Ego bestätigen und stärken. Heilung kann sowieso nie unbequem oder gar schmerzhaft werden. Tut sie es doch, ist der Schamane wohl noch nicht weit genug entwickelt, nicht erleuchtet genug, irgendwas derer Art. Dasselbe gilt, wenn die Ansichten des seit Jahren trainierten und erfahrenen Schamanen so gar nicht mit der Erwartungshaltung des esoterisch vorgebildeten Klienten übereinstimmen wollen.

Faszinierend bei all diesen Entwicklungen finde ich die hohe Wertung »persönlicher Ansichten«, und stehen diese auch auf noch so papierenen Füßen: Jeder hat aus seiner Sicht Recht, irren kann sich in der esoterischen Spiritualität genau genommen niemand, also kann auch niemand »falsche« Ansichten haben, falsche Aussagen machen oder falsche Werbeversprechen äußern. Die urtümlichen Gesetzmäßigkeiten des Schamanentums, die werden im Rahmen esoterischer Umerziehung durch »moderne« Vorstellungen ersetzt. Schamanentum ist nicht mehr das, was es ist – sondern was der Einzelne damit zu identifizieren glaubt. Mit der Forderung »nicht zu werten, das ist doch gänzlich unschamanisch!« hat sich esoterisches Denken eine geniale Rückschlagsicherung eingebaut. In der Esoterik und damit auch im hier versponnenen Schamanismus kann jetzt wirklich jeder wirklich jeden Quatsch öffentlich und im Brustton der Überzeugung verkünden. Wenn es unbequem wird in der Diskussion, wenn man sich auf Grund stärkerer Argumente eingestehen müsste, dass man wohl auf dem Holzweg gewesen ist: Nun was solls, auch das ist ja schließlich nur eine Meinung, und die gehört schließlich zu einem anderen Narren. Da interessiert es auch nicht, wenn dieser andere Narr tatsächlich mal ein mit allen Wassern gewaschener Schamane wäre, der auf zehn, fünfzehn, zwanzig oder gar dreißig Jahre Erfahrung zurückblicken kann. Wenn er oder sie mir als erfahrenen Esoteriker verkündet, meine Vorstellungen wären »falsch« oder hätten mit echtem Schamanismus nichts zu tun – nun, DAS kann doch gewiss kein Schamane sein. Er oder sie wertet ja!

Echtes Schamanentum

Die Realität schaut meiner Ansicht nach anders aus: Schamanismus, und also auch schamanisches Heilen, sind eben kein seichter Erlebnisraum für sonst nicht erfüllbare Märchenträumereien. Keine »sanfte Alternativ-Methode«, keine exotische Spielart westlicher Psychologie, kein leicht zu erschließender »spiritueller Lebensweg«, denn jeder ist ja an sich schon ein Schamane, man wusste es eben vorher nur nicht.

Es ist ganz im Gegenteil eine ausgesprochen wilde, kraftvolle Methode, die sich keiner persönlichen Wunschinterpretation, keiner westlichen Bildungsdoktrin und keiner »eigenen Meinung« beugt.

Schamanische Heilmethoden gehen tief ins System, bewegen Energie und Kraft, Psyche und Bewusstsein! Manchmal ist dafür viel Arbeit nötig. Manchmal genügen drei Sätze. Aber immer gilt: Echtes Schamanentum ist Effizienz, seine ersten und wesentlichsten Gebote sind maximale Wirksamkeit und deren Feststellbarkeit, mithin Empirie.

Schamanisches Heilen bekämpft vor allem Leid, Krankheit, Unglück. Damit das funktionieren kann, müssen Schamanen eine Mittlerposition zwischen mindestens zwei Welten einnehmen. Die eine ist die der Menschen. Die andere die der Geister. Diese uralte Wahrheit schert sich nicht um »moderne Esoterik«, um Erwartungshaltungen, was Schamanismus denn nun sein sollte, um psychologische, energetische buddhistische oder yogische Interpretationen. Das ist die schlichte und für viele so unbegreifliche Wahrheit.

Ende Teil I

6 Antworten zu “Über die Kraft echten Schamanentums – Teil I, geschrieben von Frank”

  1. Alexander Truppe sagt:

    Dann gehe ich vielleicht recht in der Annahme, dass 20 oder mehr 2 Tages-Seminare in 5 Jahren – auch Schwitzhütte nur 2 Tage, zum Vergleich bei Sonja Emilia dauert diese Ausbildung weitaus länger – bei Kurt Brückler für eine grundlegnde schamanische Ausbildung nicht reichen können.

    LG
    Alexander Truppe

  2. Dracaris sagt:

    „Schamanisches Heilen bekämpft vor allem Leid, Krankheit, Unglück. Damit das funktionieren kann, müssen Schamanen eine Mittlerposition zwischen mindestens zwei Welten einnehmen. Die eine ist die der Menschen. Die andere die der Geister. “

    Was ihn … übrigens … per Definition zum Priester und zur einer Brücke werden lässt !

    Ob Leid, Krankheit, Tod etwas ist – das es zu bekämpfen gilt – oder als Chance zur Integration ergriffen wird – ist eine Frage – die sicherlich in Theorie und Praxis unterschiedlich gesehen wird – wichtig ist nur – das – dieses Verständnis zu unterschiedlichem Erleben führt.

    Es ist also … für beide … sowohl für den Schamanen & den Ratsuchenden von herausragender Bedeutung wie das Selbstverständnis ist:

    Liegt bei beiden – ein ESOTERISCHES WELTBILD zu Grunde – erübrigt sich die Mittlerfunktion – denn ein esoterisches Weltbild – kennt – wie der Schamanismus – keine Trennung vom Mensch und der Welt.

    Deshalb ist auch die Esoterik – keine Gefahr – nichts das es mit Argwohn zu betrachten gilt – denn das Verständnis von der Welt ist gleich – nur werden die Dynamiken anders interpretiert und so wird die Kommunikation zwischen beiden .. das klärende Ereignis –

    Eine Gegenüberstellung – von Esoterik und Schamanismus ist kontraproduktiv insofern sie es nicht versteht – das Verbindende zu sehen – und das ist …

    Das Esoterische Weltbild … es ist exakt … Gleich und deshalb liegt dort eine breite Schnittmenge zu Grunde !

  3. Frank sagt:

    Lieber Dracaris,

    „Was ihn … übrigens … per Definition zum Priester und zur einer Brücke werden lässt ! “

    Die Frage, ob Schamanen im Allgemeinen -> Priester sind oder nicht, ist schon verschiedenenorts diskutiert worden. Allgemein könnte man vielleicht am ehesten sagen: „Schamanen können auch Priester sein – aber nicht jeder Priester ist ein Schamane.“ Da stimme ich unumwunden mit Harner, Hultkrantz, Eliade und anderen überein.

    Überschneidungen gibt es natürlich beim „Beruflichen Fachbild“, wenn man das so nennen möchte. Jenseits dessen: Explizit für den Schamanen ist die Vermittlertätigkeit nur EINES von weiteren entscheidenden Kennzeichen. Dazu gehört zum Beispiel auch die – zumeist in irgend einer Form extatische – Trancetechnik. Die ist KEIN typisches Zeichen eines „normalen“ Priesters.

    Die Frage, ob „Leid, Krankheit und Tot etwas ist, was es zu bekämpfen gilt“: Nun, Schamanen verschiedener indigener Ethnien zumindest scheinen das grundsätzlich so zu sehen. Selbstverständlich ist das nur eine grobe Zusammenfassung der Möglichkeiten schamanischen Umgangs mit all diesen Zuständen. Eine Untersuchung schamanischer Pathologie und der damit verknüpften zahlreichen Möglichkeiten würde aber den Umfang eines solchen Artikels weit überfordern.

    Ehrlicherweise ist dieser Einwand übrigens nur Haarspalterei: „Bekämpfen“ als Ausdruck stört Dich also. Nun gibt es aber zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, was allein „Bekämpfen“ so alles beinhalten könnte. Es kann zum Beispiel auch das „Integrieren, allen anfänglichen Widerständen zum Trotz“ bedeuten. Wie gesagt: Haarspalterei letztlich, und nicht das erklärte Thema dieses Aufsatzes.

    „Liegt bei beiden – ein ESOTERISCHES WELTBILD zu Grunde…“
    Zunächst müssen wir hier eine unterscheidung treffen: Ursprüngliche ECHTE Esoterik v/s dessen neuzeitliche Interpretation.

    Echter Schamanismus ist natürlich echte Esoterik im alten Sinne, ein weiterer Ausdruck in dieser Richtung ist der Begriff „okkult“. Die Behauptung, das zugrundeliegende Weltbild sei „exakt gleich“ mag also allenfalls für die tatsächlich echte Esoterik gelten. Wobei auch das diskutiert werden kann.

    Für die Interpretation „Esoterik der Neuzeit“ gilt ein „exakt gleich“ ganz sicher nicht. Und es ist genau diese Art Esoterik, die im Artikel dem ECHTEN und nicht etwa „neuzeitesoterischem“ Schamanismus gegenübergestellt wird. Das wird im Übrigen im Text DEUTLICH erwähnt, Zitat: „…und zieht durch größer werdende Massenverbreitung bedauerlicherweise eine gewisse Verflachung des alten esoterischen Denkens nach sich. Was früher eine »Wissenschaft und Kunst«, wenn nicht die Königsdisziplin praktischer Philosophie schlechthin war, ist heute problemlos für jeden zugänglich und kann, vermeintlich ohne großen Aufwand, praktiziert werden.“

    Dass „die Mittlerfunktion des Schamanen sich erübrigt, wenn beiden – Klient wie Schamanen – ein NEUZEITesoterisches Weltbild zu Grunde liegt“: Nun, das mag eben in dieser Art Esoterik und dem DARAUS RESULTIERENDEN Schamanismus der Fall sein. Nur ist es dann kein Schamanentum mehr -> im Sinne ursprünglich geltender Definition und dann auch vorhandener Wirksamkeit. Tatsache ist, dass in diesem Sinne eben nicht jeder Mensch in der Lage sein kann, einfach so die Rolle eines Schamanen zu übernehmen. Ganz gleich ob Trennung vorhanden oder nicht. Denn hier bestimmen schlussendlich die Geister, wen sie als „Schamanen“ oder „Vermittler“ akzeptieren, bzw. wer dafür geeignet ist. Und das bringt zu einer zentralen Aussage im obigen Text, die ich als abschließende Antwort auf Deinen Post noch einmal zitieren möchte:

    „Es ist ganz im Gegenteil eine ausgesprochen wilde, kraftvolle Methode, die sich keiner persönlichen Wunschinterpretation, keiner westlichen Bildungsdoktrin und keiner »eigenen Meinung« beugt.“

    Die Wildheit und Kraft ursprünglichen Schamanentums beugt sich natürlich auch keiner neuzeitlich-esoterischen Interpretation. Genau die liegt nach meinem Dafürhalten Deiner Argumentation zumindest streckenweise zu Grunde.

    Herzliche Grüße
    Frank

  4. Frank sagt:

    Lieber Alexander,

    ich kenne Kurt nur von Erzählungen mir bekannter Schamanen und Praktiker, die ein oder mehrmals bei ihm zu Gast waren. Über die Qualität seiner Kurse kann ich also nichts sagen.

    Grundsätzlich mag es hilfreich sein: Es gibt keine Ausbildung, die garantieren kann, „Schamanen auszubilden“. Was unterrichtet werden kann sind die verschiedenen schamanischen Techniken. Da können einige wenige Seminare vollkommen ausreichend sein.

    Ob jemand wirklich ein Schamane im ursprünglichen Sinne werden wird: Da gibt es viele Einflussgrößen, die daran mit „schrauben“ werden. Entscheidend in klassischen Sinne ist, neben dem Durchstehen der harten und langwierigen Ausbildungszeit, die „Berufung“ durch die Geister und die damit einhergehende „Neigung/persönliche Geeignetheit“ des Novizen. Die „Berufung“ kann stattdessen auch durch eine „Anerkennung durch die Geister“ ersetzt werden: Es ist auch in klassisch schamanisch geprägten Regionen – solchen in Sibirien oder der Mongolei beispielsweise – möglich, sich zu ENTSCHEIDEN, ein Schamane zu werden und den Wunsch zu äußern. Das muss letztlich von den Geistern anerkannt und dann unterstüzt werden, sonst kanns in diesem Sinne nicht klappen ;)

    Meiner persönlichen Ansicht nach gibt es grundlegend drei Faktoren, die entscheiden, ob jemand Schamane ist oder nicht:

    – Anerkennung durch die Geister
    – Anerkennung durch die Menschen
    – Selbstanerkennung

    Wie Du siehst: Ich kenne kein Kriterium, welches eine wie auch immer geartete feste Ausbildungsstruktur für die Schamanenwerdung vorsieht. Was man sicher sagen kann ist, dass die Geister bei einer solchen Ausbildung traditionell erheblich was dazu beizutragen haben. Demzufolge sind irgendwelche Zertifikate einer wie auch immer gearteten „Schamanenausbildung“ ein lustiges Spiel der Menschen – aber für echtes Schamantum vollkommen irrelevant.

    Herzliche Grüße
    Frank

  5. Heike sagt:

    Lieber Frank,

    ich danke Dir für Deine offenen klaren Worte. Du sprichst mir aus der Seele! Danke.

    liebe Grüße
    Heike

  6. Martin sagt:

    Lieber Frank,

    ich danke Dir sehr für diesen Beitrag, aus Deinen Worten spricht ein echter Schamane – und Du sprichst mir aus der Seele – eine Klarstellung par excellence !

    Ich kenne diese verbalen „Auseinandersetzungen“ mit all den neuesoterisch geprägten Instantmeistern, Instantheilern und Instantschamanen sehr gut !
    Sie machen es einem manchmal echt schwer, da nicht „zornig“ zu werden – Informationen und Ansichten treffen da auf Wissen durch Erfahrung und Überzeugung durch Erkenntnis des gewachsenen Schamanen

    Aloha, mein Freund

    Martin

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