Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus

Also ich hörte, dass es tatsächlich so etwas wie aztekischen bzw. „Mexica“ Rekonstruktionismus gibt, war ich freudig überrascht. Ich nahm sofort Kontakt auf und bat um ein Interview. Angel Rivera Rubio folgt der wiederbelebten Religion der Azteken und war so nett meine Fragen über seine religiöse Praxis zu beantworten.

Wenn man an die Azteken denkt, sind die ersten Dinge die einem in den Sinn kommen beeindruckende pyramidenartige Bauten, ein Haufen wilder Verschwörungstheorien und natürlich Menschenopfer. Aber natürlich gibt es weit mehr über die mesoamerikanische Nahua Kultur zu berichten.

Aztekische Ruinen, Wikimedia Commons, Foto: Rationalobserver

Was mich am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass die Menschen im aztekischen Polytheismus sich in der Schuld der Götter sehen. Während die meisten mitteleuropäischen Heiden nie müde werden zu betonen, dass sie sich weigern Götter „anzubeten“ oder ihr Haupt ehrfürchtig vor ihnen zu senken, wie es nur die Christen täten, haben die aztekischen Heiden ganz und gar ihre mythische Schuld gegenüber den Göttern akzeptiert. Diese Schuld sehen sie darin begründet, dass sich die Götter einst selbst geopfert haben um alles Leben und die Welt vor dem Untergang zu retten. Offensichtlich gehört also ein großes Maß an Hingabe zum Mexica Polytheismus.

Eines der Schöpfungsmythen, die sogenannte Legende der Sonnen, berichtet von der Erschaffung der fünf Sonnen. Jede von diesen repräsentiert ein Zeitalter, welches von einer bestimmten Gottheit regiert wird und von jeweils unterschiedlichen Wesen besiedelt ist. Die ersten vier dieser Zeitalter endeten in einer riesigen Katastrophe, das fünfte jedoch ist das aktuelle Zeitalter, das von Menschen und den uns bekannten Wesen besiedelt ist.

Der Grund warum dieses Zeitalter noch besteht ist die Selbstopferung einer kleineren Gottheit, der sich in einem Feuer verbrennt um der Sonne seine Lebenskraft zu schenken. Um den Fortbestand der Sonne auch weiterhin zu garantieren, müssen sich weitere Götter stets aufs Neue opfern. Man geht davon aus, dass dieser Mythos auch den Antrieb für die bei den Azteken üblichen Menschenopfer bildete. Natürlich werden Menschenopfer heute nicht mehr praktiziert, doch die Menschen, die der aztekischen Religion heute folgen, erkennen die Schuld der Menschen gegenüber den Göttern nach wie vor an und ehren diese Selbstopferung der Götter in ihren Riten.

Mexica Tänze in Ixcateopan nahe des Grabes des letzten aztekischen Herrschers Cuauhtemoc, Wikimedia Commons, Foto: Claudio Giovenzana www.longwalk.it

Die spanische Conquista hat die Erinnerung an die Aztken sowie an andere mesoamerikanische Völker weitestegehend ausgelöscht. Die spanischen Eroberer erachteten es als ihre heilige Pflicht die „aztekische Götteslästerung“ auszulöschen und das Christentum in Mittelamerika zu etablieren. Es ist nach wie vor nicht ganz sicher, was von den Horrorgeschichten spanische Übertreibung und was authentische Überlieferung darstellt.

Eines jedoch ist unbestritten, die Azteken waren eine faszinierende, vielschichtige und hochentwickelte Zivilisation, die es definitiv wert ist studiert zu werden. Neben all den finsteren Eigenarten gibt es doch viele interessante und inspirierende Fakten über die aztekische Kultur zu erfahren, die es allemal wert ist auch heute als lebendige Praxis weitergeführt zu werden.

INTERVIEW

1. Wie würdest Du den Mexica Rekonstruktionismus jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Die Wiederbelebung der prehispanischen polytheistischen Religion der Nahuas (deren Teil die Mexicas/Azteken waren) auf der Basis einer rekonstruktionistische Herangehensweise.

2. Was ist Deiner Ansicht nach der Kern der Mexica Praxis?
Nun, zunächst ist dies die Schuld zu akzeptieren, die wir den Teteoh (den Göttern) gegenüber haben für das Leben, dass sie uns gaben und zum zweiten, zu verhindern, dass Tlazolli (die Dinge die nicht in Ordnung/an ihrem Platz sind) außer Kontrolle gerät.

3. Gibt es heute immer noch eine lebendige Mexica Polytheismus Kultur und wie viele gehören dieser ungefähr an?
Leider ist der Polytheismus mit der spanischen Eroberung ausgestorben, es gibt jedoch einige synkretistische Formen und Volksbräuche, die uns helfen können die Tradition zu rekonstruieren. Was die Zahl der Rekonstruktionisten angeht, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber nach dem was ich im Internet wahrnehme würde ich vermuten, dass es sich um einige Duzend oder vielleicht einige hundert handelt.

4. Welches sind die wichtigsten Götter die im Mexica Rekonstruktionismus verehrt werden. Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Ich würde sagen die vier Tezcatlipocas könnte man als die wichtigsten Gottheiten bezeichnen, denn sie sind die Schöpfer der Welt. Diese sind Tezcatlipoca, Xipe Totec, Quetzalcaatl und Huitzilopochtli.

5. Welches sind die wichtigsten Feste oder Rituale die ihr feiert und wie begeht ihr diese?
Üblicherweise opfere ich den Teteoh Copal und Blut (ich steche mir dazu in den Finger). Leider gibt es nicht sehr viele Informationen über den privaten Kult, so dass wir uns auf moderne Vermutungen und UPG [unbewiesene persönliche Erkenntnisse – Anm. der Autorin] verlassen müssen.

Aztekischer Kalenderm Wikimedia Commons, Foto: Rengarajang

Was die Feste angeht, so hatten die Mexicas zwei verschiedene Kalender, den Tonalpohualli, ein 260 Tage Ritualkalender der dazu diente die Zukunft der Menschen vorherzusagen je nachdem in welchem Zeichen sie geboren wurden, und der Xiuhpohualli, ein 365 Tage Kalender des täglichen Gebrauchs der in 18 Monate zu je 20 Tagen eingeteilt war. Letzterer ist ausschlaggebend für die Berechnung der Festtage, denn jeder Monat ist einer bestimmten Gottheit gewidmet.

6. Wie ist die Mexica Vorstellung vom Leben nach dem Tod?
Das Leben nach dem Tod hängt davon ab, wie man gestorben ist, das heißt die Menschen die im Krieg zu Tode kommen gehen zu Tonatiuh, dem Sonnengott, und folgen ihm auf seiner Reise durch den Tag und Menschen die Aufgrund von Umständen sterben, die mit Wasser zu tun haben gehen nach Tlalocan wo Tlaloc, der Regengott, herrscht.

7. Sehr viele Leute denken an Menschenopfer wenn sie von den Aztken hören. Wie gehst Du damit als moderner Rekonstruktionist um?
Menschenopfer waren ein bedeutender Bestandteil der Mexica Religion. In Nahuatl, der Sprache der Azteken, heißt Opfer Nextlaoalli, das bedeutet „die Schuld bezahlen“, da sich die Götter selbst für uns geopfert haben. Nanahuatzin sprang in ein Feuer um Tonatiuh, die Sonne zu werden und Quetzalcoatl gab sein Blut um die menschliche Spezies wieder herzustellen. Obwohl die Selbstopferung natürlich auch wichtig war, ist es letztere Praxis, die von modernen Rekonstruktionisten genutzt wird um ihren Dank an die Teteoh auszudrücken.

Aztektisches Menschenopferritual, auf Seite 141 des Codex Magliabechiano 16. Jahrhundert, Wikimedia Commons

8. Viele europäischen Heiden sehen die Christianisierung als Hauptgrund für das Verschwinden der prächristlichen Kulturen. Gibt es eine ähnliche Begebenheit für die prächristliche Kultur Mittelamerikas?
Nun, ja, das Eintreffen der spanischen Eroberer stellt einen „point of no return“ für die traditionellen Religionen dar.

9. Wie wird man zu einem Praktizierenden des Mexica Polytheismus? Kann jeder sich entscheiden Teil dieser Bewegung zu werden? Wie bist Du Teil davon geworden?
Nun, ich denke, jeder der den Ruf der Teteoh vernimmt kann dieser Religion folgen. Was mich betrifft, so habe ich mich zuerst mit den europäischen polytheistischen Traditionen beschäftigt, spürte aber schon lange eine starke Verbindung zu den Mexikas. Indem ich Polytheist wurde, erkannte ich, dass ich mich den Teteoh gleichermaßen nähern konnte, wie andere Leute sich anderen Gottheiten nähern und von da ab folgte ein Schritt dem anderen.

Aztekische Krieger aus dem Codex Mendoza, Wikimedia Commons

10. Kannst Du Bücher zu diesem Thema empfehlen, falls sich jemand eingehender mit diesem Pfad auseinandersetzen möchte?
Leider gibt es nicht sehr viele Bücher über den Mexika Rekonstruktionismus, aber ist gibt einige akademische Bücher, die hilfreich sein könnten, wenn jemand das Weltbild der Mexica näher verstehen möchte:
• The Aztecs: People of the Sun (Civilization of the American Indian) by Alfonso Caso
• Daily Life of the Aztecs by Jacques Soustelle
• The Gods and Symbols of Ancient Mexico and the Maya by Mary Millerand Karl Taub
• The Slippery Earth: Nahua-Christian Moral Dialogue in Sixteenth-Century Mexico Louise M. Burkhart
• The Myths of the Opossum: Pathways of Mesoamerican Mythology and Human Body and Ideology Concepts of the Ancient Nahuas by Alfredo L. Austin

Lieber Angel, ich danke Dir sehr für Deine Zeit und Deine Geduld uns einen so spannenden Einblick in den aztekischen Polytheismus und wie er heute praktiziert wird zu gewähren!

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Huehue Tlamanitiliztli: Nahua Polytheism – Prehispanic Reconstructionism

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