Gestaltwandler in der nordisch-germanischen Mythologie – Teil I, geschrieben von Sue

Wenn man von Gestaltwandlern in der nordisch-germanischen Mythologie erzählen will, muss man zuallererst mit den Göttern anfangen:

Odin, der oberste Gott, wird als gestaltmächtig beschrieben. Er verwandelt sich in einen Adler und eine Schlange, um an den Skaldenmet zu kommen, der von einer Riesin bewacht wird. Er streift gern verkleidet durch die Welt und hat über 150 heiti – das sind Beinamen, die allein schon für seine Wandlungsfähigkeit sprechen. Namen wie „Svipall“- der Veränderliche oder „Grimnir“ – der Maskierte, Behelmte, sprechen Bände.

Abbildung von Loki mit einem Fischernetz aus der isländischen Eddahandschrift NKS 1867 4to von Ólafur Brynjúlfsson (1760)

Sein Blutsbruder Loki ist ähnlich gestaltmächtig. Er verwandelte sich in eine Stute, um den Bau von Asgard zu verzögern. Er verführte den Hengst des Bauherrn Svadilfari, der daraufhin die Frist nicht einhalten konnte und von Thor erschlagen wurde. Aber damit nicht genug, er wurde als Stute trächtig und gebar Sleipnir, Odins berühmtes achtbeiniges Pferd. Auch hat sich Loki in einen Lachs verwandelt, um den wütenden Asen zu entfliehen, ebenso in eine Fliege, einen Adler oder eine alte Frau.

Die Göttin Freya hat ein Falkengewand, mit dem sie fliegen oder sich auch in einen solchen verwandeln kann.

Der Gedanke von Menschen, die sich in Tiere verwandeln ist uralt

In Ägypten wurden die Götter oft mit Tierköpfen dargestellt und verwandelten sich auch in solche. In der griechischen Mythologie wurde König Lykaon (von: ho lykos – der Wolf) von Zeus in einen Wolf verwandelt, weil er ihm Menschenfleisch vorsetzte. Sein Name lebt bis heute im Begriff „Lykanthropie“ (von lykos – Wolf und athropos – Mensch) fort.
Im außereuropäischen Bereich gibt es beispielsweise auch Werlöwen oder –leoparden. Man nimmt an, dass gewisse Tierkulte von den Skythen in unseren Kulturkreis kamen. Der Geschichtsschreiber Hesiod sagt: „… die Skythen und die im Skythenland wohnenden Hellenen behaupten, jährlich einmal verwandle sich jeder der Neuren für wenige Tage in einen Wolf und trete dann wieder in den menschlichen Zustand zurück.“
Der Tierkult wurde aufgegriffen und weiterentwickelt. Constantin der VII., der König von Byzanz hatte beispielsweise die sogenannte „Warägergarde“, die rituelle Tänze in Wolfsverkleidungen vollführte.

Das Wort „Werwolf“ ist germanisch und leitet sich von „wer“- Mann und „Wolf“- Wolf ab. Indem man sich ein Tierfell überwarf und es nachahmte, wurde man eins mit dem Tier – verwandelte sich in eins. Ebenso gab es Erzählungen, dass wenn man sich das Blut oder gewisse andere Körperteile (wie das Herz z. B.) eines Tieres einverleibte, sich seine Kraft zu Eigen machte.
Wölfe haben in der germanischen Mythologie eine große Bedeutung. Zwei Wölfe, Geri und Freki, begleiten Odin auf Schritt und Tritt. Ebenso sind es zwei Wölfe, die Sonne und Mond über den Himmel jagen. Der Fenriswolf wird von den Göttern gefesselt und wartet auf Ragnarök um den Göttervater zu fressen. Wie man sieht, hat der Wolf nicht unbedingt ein positives Bild. Er ist eng mit dem Tod assoziiert, da er nach Schlachten über die Schlachtfelder streift, um die Toten zu fressen. Ebenso ist Odin auch als Totengott bekannt. Ein „vargr“, Wolf, war auch ein Gesetzloser, Vogelfreier, der heimatlos umherstreifte und überall getötet werden durfte.

Auch der Bär hat eine große Bedeutung. Er war das größte Landraubtier im mittel- und nordeuropäischen Raum und galt als der König der Tiere, bevor ihm der Löwe den Rang abtrat. In vielen Kulturen, galt die direkte Benennung des Bären als Tabu und man erfand Alternativbegriffe. Man nimmt an, dass das Wort Bär sich auf das Wort brun – braun bezieht, welches einen dieser Alternativbegriffe darstellt („der Braune). In fast allen anderen Sprachen stammt der Name aus dem Griechischen – arctos.
Er wird oft mit dem Menschen in Verbindung gebracht, weil er viele augenscheinlich menschliche Verhaltensweisen hat. Er ist Allesfresser und kann sich auf die Hinterbeine stellen. Weibliche Bären sind sehr um ihre Jungen besorgt, die selbst wiederum verspielt und neugierig sind. Durch ihre Winterruhe haben auch Bären gewisse Todesnähe, aber durchaus gekoppelt mit Wiedergeburt. In der Winterruhe bringen die Bärinnen ihre Jungen zur Welt, und wenn sie die Höhle verlassen, sind sie schon relativ groß und mobil. Dies muss auf die damaligen Menschen beeindruckend gewirkt haben.

In der damaligen Zeit war der Glaube an Gestaltwandel weit verbreitet

 Das bezeugen die vielen Namen, die Tierelemente in sich tragen („Bär“: Bruno, Björn-, Bjarn- „Wolf“: Ulf-, Wolf- , ect.). Ebenso reich sind die Begriffe, die es dafür gab: der Begriff „hamhleypa“ bezeichnet meist eine gestaltmächtige Hexe. „hamrammr“ bezeichnet eher Männer. Auch das Wort „hamask“ bezieht sich darauf.
Alle diese Begriffe beziehen sich auf das Wort „hamr“ – „Hülle“ oder auch „Haut“. Das Wort „hamask“ möchte ich hier besonders betonen. „hamask at“ heißt nicht allein die Gestalt wandeln, sondern auch eine Art Bessenheit, Wüten. „hamrammr“ und „hamask“ ist meistens Kriegern vorbehalten, die sich in Tierfelle kleiden um sich in solche zu verwandeln: Berserkir und Ulfhednar.
Die sprichwörtliche Berserkerwut, hat sich bis heute in unserem Wortschatz gehalten (ebenso im englischen „go berserk“ und skandinavischen Sprachen „go berserksgang“).

Die Berserker und Ulfhednar werden ausdrücklich als „Odins Männer“ bezeichnet, was auch zur Eigenschaft Odins als Gott des Krieges, der Wut und der Ekstase passt. Sein südgermanischer Name „Wodan“ bedeutet „der Wütende“. Adam von Bremen drückt es so aus: „Wodan id est furor“ – Wodan ist Wut. Fundstücke aus verschieden Zeiten und Orten zeigen Krieger mit Waffen und Tiermasken, die entweder mit einer Figur tanzen, die möglicherweise Odin darstellt) oder laufen.

Zur Etymologie der Wörter

Berserker (Plural: Berserkir): das Wort stammt aus dem Nordischen und ist von umstrittener Bedeutung. Man nimmt an, dass es entweder von „ber“ – Bär oder „berr“ – bloß, nackt stammt. „Serk“ bedeutet Hemd oder auch Rüstung. Darauf lässt sich schließen, dass diese Männer entweder ohne Rüstung kämpften, oder in Tierverkleidungen.
Ulfhedin (Plural: Ulfhednar): dieses Wort stammt auch aus dem Nordischen und stammt von „Ulf“ – Wolf und „hedin“ ist ein Mantel (meist mit Kapuze). Man könnte es also als „Wolfsmantel“ übersetzen. Man geht davon aus, dass sie eine ähnliche Funktion wie die Berserker hatten, mit dem Unterschied in der Kleidung und dem Verhalten.

Die Sagas drücken diesen Verhaltensunterschied wie folgt aus:
„grenjuðu berserkir, guðr vas á sinnum, emjuðu Ulfheðnar ok ísörn dúðu.“
„Es brüllten die Berserker, der Kampf kam in Gang, es heulten die Wolfspelze und schüttelten die Eisen.“[4]

Mal abgesehen von dieser Beschreibung gilt in dem nachfolgenden Text alles genauso für die Ulfhednar, auch wenn nur von Berserkern die Rede ist. Beide werden in den Sagas sehr oft erwähnt, wenn es um Schlachten ging. Sie standen meist in der vordersten Reihe, da sie auch wegen ihres psychologischen Effekts auf die Gegner äußerst beliebte Kampfeinheiten waren. Ihnen wurden diverse magische Eigenschaften nachgesagt:
„Aber seine [Odins] eigenen Mannen gingen ohne Brünnen, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Menschenvolk, und weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Man nannte dies ‚Berserkergang‘.“
Auch hieß es, dass sie mit ihrem Blick Klingen stumpf machen könnten. Sie kämpften oft noch mit Verletzungen weiter, die für andere tödlich gewesen wären.

Über den Berserkergang selbst heißt es, dass er mit Unruhe, Zittern, veränderter Gesichtsfarbe anfing, später dann in Brüllen und Beißen in den eigenen Schild überging. Das Schildbeißen muss wohl sehr charakteristisch gewesen sein, da sogar Schachfiguren gefunden wurden, die das Motiv eines schildbeißenden Kriegers zeigten. Dann fielen die Männer in ein rauschhaftes Verhalten, dass aber ihre (kämpferischen) Fähigkeiten nicht etwa verminderte, sondern im Gegenteil – stärker werden ließ.

In der Egils Saga heißt es: „What people say about shape-changers or those who go into berserk fits is this: that as long as they’re in the frenzy they’re so strong that nothing is too much for them, but as soon as they’re out of it they become much weaker than normal.“
“Was die Leute über Gestaltwandler, und diese Leute, die Berserkeranfälle haben sagen, ist dies: So lange sie in Wut sind, sind sie so stark, dass ihnen nichts zu viel ist, doch sobald sie draußen sind, werden sie viel schwächer als normal.“

Nach dem Anfall folgte tatsächlich eine Phase der Schwäche und des Schlafes. Viele Sagahelden nutzen diese Phase, um dem Berserker den Garaus zu machen.
Diese Anfälle konnten entweder willentlich herbeigeführt werden oder kamen zu unerwarteten Zeiten, meist während harter körperlicher Arbeit.
Es heißt: “This fury, which was called berserkergang, occurred not only in the heat of battle, but also during laborious work.” (Fabing)
Hrolfs Saga beschreibt es so: “On these giants fell sometimes such a fury that they could not control themselves, but killed men or cattle, whatever came in their way and did not take care of itself. (Ibid.)“

Über diese Riesen kam manchmal eine solche Wut, dass sie sich nicht kontrollieren konnten, sondern Mensch und Vieh töteten, was auch immer ihren Weg kreuzte und nahmen auf sich selbst keine Rücksicht.
Allgemein scheint es in aufregenden Situationen passiert zu sein. In der Egils Saga wird erzählt, wie Egil mit seinem Vater Skalla-Grim und einem Freund ein Ballspiel spielte und am Verlieren war, weshalb er in Rage geriet und den Spielgefährten seines Sohnes hochnahm und ihn zu Boden schmiss, wo er tot liegen blieb. Danach ging er auf seinen eigenen Sohn los und hätte auch ihn umgebracht, wenn nicht eine mutige Magd dazwischen gegangen wäre, die im Anschluss übrigens im hohen Bogen über die Klippe flog.

Ende Teil I

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