Heilung und Heilkunst – Teil 3

Stichwort Blockaden

Ein weiterer „Evergreen“ der virtuellen Heilerszene ist, dass Blockaden grundsätzlich und immer gelöst werden müssen. Es gibt wohl kaum eine Heilmethode, die sich so sehr mit grob- und feinstofflichen Blockaden auseinandersetzt wie die Osteopathie. Ganz gleich ob es sich um handfeste Gelenksblockaden handelt oder um eingeschränkte Dynamiken, der verschiedenen Zirkulationen und Rhythmen des Menschen wie etwa in der Kraniosakralen Therapie. Ob eine Blockade aufgelöst werden muss, hängt immer davon ab was wie bewirkt. Sie kann sowohl schaden und freien Fluss behindern, als auch stabilisieren und kompensativen Halt bieten. Menschen bestehen im körperlichen, psychischen wie auch im spirituellen Bereich oft aus einer Vielzahl von Kompensationen, die sogar ganz wunderbar funktionieren. Es ist Teil unserer menschlichen Natur und Ausdruck von Gesundheit überhaupt kompensieren zu können. Kompensation ist also mitnichten ein Zeichen von Krankheit, sondern ein Zeichen von Gesundheit.

„Road Closed sign along Nevada State Route 317“ von Famartin, Wikimedia Commons

Manchmal besteht eine Kompensation darin eine „Blockade“ aufzubauen um durch ein kleineres Übel ein größeres zu verhindern oder zumindest in Schach zu halten. Wenn ich als Therapeut nun dem Klienten diese wichtige Stabilisierung wegnehme, in der festen Überzeugung, dass Blockaden grundsätzlich aufgelöst werden müssen, bewirke ich unter Umständen eine völlige Destabilisierung des gesamten Systems und einen noch viel größeren Schaden. Das kann man – mit entsprechendem Können – natürlich auch bewusst wagen um dann hinterher das Gesamtsystem neu zu sortieren, aber die meisten scheinen ihre Klienten an genau diesem Punkt mit stolzgeschwellter Brust ob der Destabilisierung (und der entsprechenden heftigen emotionalen Reaktion) wieder heim zu schicken ohne sich der unliebsamen Arbeit anzunehmen, die nun eigentlich beginnen würde. Nämlich den Scherbenhaufen aufzusammeln und daraus brauchbare neue Konzepte zu bauen.

Körper und Seele

Ein Begriff, der bei oft mangelnder Kenntnis beinahe inflationär benutzt wird, ist die Psychosomatik. Viele scheinen unter Psychosomatik die wissenschaftliche Variante von „alles ist Geist, also auch jede Krankheit“ zu verstehen, dabei ist die Psychosomatik eigentlich ganz klar definiert. Zu meinen Patienten zählen auch Ärzte und mit einer Fachfrau für Psychosomatik durfte ich mich einmal ausgiebig über diesen Bereich unterhalten. Psychosomatik bedeutet, dass der Körper organisch gesund ist, aber der Patient aufgrund einer sogenannten Somatisierungsstörung, die Bestandteil von unterschiedlichen psychischen Krankheitsbildern ist, Symptome entwickelt. Hier sei nochmal betont: der Körper ist dabei vollständig intakt! Wer also Krankheitsbilder, die mit einer echten Gewebeschädigung einhergehen, wie Krebs, Magengeschwüre oder Bandscheibenvorfälle als psychosomatisch bezeichnet, der irrt gewaltig und begibt sich mitunter auf gefährliches Terrain, wenn er glaubt den Umkehrschluss ziehen zu können, dass Krebs durch viel Gedankenkraft heilbar ist. Der sogenannte Placeboeffekt ist alles andere als ein Kraft des Geistes herbeigeführtes Wunder, sondern ein Phänomen des menschlichen Körpers, der biochemische und immunologische Prozesse umfasst, die bis heute noch nicht vollständig, aber immerhin teilweise erforscht sind. Sicherlich ist hier Gedankenkraft beteiligt, denn diese nimmt unmittelbaren Einfluss auf das Nervensystem und den Hormonhaushalt, aber deswegen ist das noch lange keine Zauberei. Während die Schulmedizin dies als ebensolche und als Täuschung weitgehend von sich weist, springen die alternativen Heiler nur allzu gern aber oft  unreflektiert darauf an, eben WEIL es wie Zauberei erscheint. Fachärzte für Psychosomatik, sind die Experten, die sich mit diesen Prozessen bis ins Detail auseinandergesetzt haben und wissen, wie sie diesen Effekt in die richtigen Bahnen lenken können um einen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Das sollte aus meiner Sicht auch ein spirituell orientierter Heiler anstreben ohne sich den Zaubererhut aufzusetzen.

The Soul Hovering over the Body von Robert Blair, Wikimedia Commons

„Energien“

Besonders konfus wird es immer, wenn es um den Begriff „Energie“ geht. Einer genauen Definition des Begriffes, will sich auch hier niemand so recht widmen und es wird sehr selbstverständlich davon ausgegangen, dass man immer irgendwie Energie „reinstecken“ muss. Natürlich gibt es unterschiedliche Imaginationsbilder von Energie zB. als „weißes Licht“ oder „grüner Strahl“ bis zu „leuchtende Glitzernebel“ oder ähnliches, aber was diese Energie wo genau macht, scheint keiner so genau zu wissen, wohl aber was sie idealerweise machen SOLL und das ganz allgemein und meist sehr schwurbelig. Ob sie das dann auch tut, wird selten überprüft.

In der Osteopathie zB. haben wir sehr viele verschiedene Ausdrucksformen der körperlichen und seelischen Energie, die sich in verschiedensten Rhythmen und Dynamiken ausdrückt und von einer großen Zahl osteopathischer Gründerväter bis ins Detail nach jahre- und jahrzehntelanger Forschung beschrieben wurde. Und sie ist vor allem eins: spürbar. Es erfordert zum Teil sehr viel Übung bestimmte Rhythmen zu spüren, aber es ist möglich. Es wurde unermüdlich geforscht und mit Studiengruppen experimentiert und quergecheckt, bis man sich auf bestimmte Ordnungen und Normen festlegte. Dazu gehören Dinge wie die sog. intrinsischen Eigenbewegungen der Organe, der sogenannte PRM oder „Kraniopuls“, der Atemrhythmus, die Bewegungen des Flüssigkeitskörpers genannt „Fluida“ usw. Sogar wie der Nahrungsbrei durch den Verdauungstrakt rutscht, die Lymphe durch das Gewebe zirkuliert oder das Blut durch die Adern fließt hat eine ganz spezifische Art sich zu bewegen, sonst wäre das so reibungslos gar nicht möglich und wir würden innerhalb weniger Augenblicke an multiplen Blutgerinnseln oder Darmverschlüssen sterben.

Bergbach, Foto: Sati

Leben ist Bewegung und Bewegung ist der Ausdruck von Lebensenergie, zumindest sieht das die Osteopathie so. Wird diese Energie blockiert oder behindert kann es freilich zu einer Unterversorgung oder Energielosigkeit in bestimmten Bereichen kommen, genauso kann und wird es aber auch zu einem Übermaß oder Stau in anderen Bereichen kommen. Wenn ich einen Gartenschlauch zu halte, kommt vorne kein Wasser raus und wenn der Gartenschlauch ein bisschen spröde ist, dann platzt er sehr wahrscheinlich vor dem Knick. Da hilft es auch nicht, wenn ich den Wasserhahn noch mehr aufdrehe, selbst wenn dann vorne vielleicht ein bisschen Wasser herauströpfeln mag, der Druck für den Schlauch vor dem Knick kann trotzdem zu groß sein und enormen Schaden anrichten.

Bei der Arbeit mit Energie geht’s vor allem um eins: Die Kunst des sinnvollen Ausgleichens.
In der Osteopathie fassen wir das unter dem Schlagwort „Salutogenese“ zusammen, das heißt wir suchen nicht das was krank ist – das wäre Pathogenese (von „pathos“=Leiden) – wir suchen das was bereits oder noch gesund ist und versuchen dieses „gesund“ auszuweiten und mit den erkrankten Anteilen in Verbindung zu setzen. Das funktioniert auf der körperlichen Ebene ebenso wie auf der seelischen. Statt in den Schwächen und Verletzungen herum zu bohren und zu riskieren, dass wir Patienten retraumatisieren – also erneut und noch mehr verletzen –  fragen wir, „Wo geht es Dir gut? Was kannst Du? Wo bist Du stark?“ und diese Eigenenergie kann man wunderbar nutzen um die Dinge zu heilen, die nicht so gut funktionieren ganz ohne etwas Fremdes in den seelischen und körperlichen Organismus hineingeben zu müssen in der naiven Annahme, dass die Energie dann schon weiß, was sie genau tun muss. Selbst bei Klienten/Patienten mit einem echten Energiemangel, wird ein Osteopath bestrebt sein, dessen eigene Fähigkeit sich selbstständig mit Energie zu versorgen wieder herzustellen anstatt ihm irgendeine Form von Energie einzuflößen.

Im nächsten und letzten Teil wird es vor allem um unterschiedliche Fallgruben im direkten Umgang mit Klienten oder Patienten gehen. Denn gerade in puncto Selbsteinschätzung kann man einigen Irrtümern erliegen.

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