Heiliger Kakao – Ein Stoff der Liebe?

Ein neuer Trend in der Neoschamanenszene ist in letzter Zeit im Kielwasser der sich häufenden Ayahuasca Zeremonien zu bemerken. Wer einen nicht ganz so psychedelischen, milden Rausch bevorzugt und eine wohlschmeckende Variante dem bitterem Pflanzengebräu vorzieht, der probiert die Kakaozeremonie. Zentrum dieses neuen Trends scheint Berlin zu sein, wo der selbsternannte Kakao-Schamane Keith dieses spirituelle Happening anbietet. Auch die Partyszene soll davor nicht halt gemacht haben, die sanft anregende Wirkung des Kakaos, die weit länger hält als das Koffein der Energydrinks soll für Ausdauer beim Feiern sorgen.

Kakaofrüchte; Foto: Rhaessner, Wikimedia Commons

Was ist eigentlich drin im Kakao?

Tatsächlich enthält Kakao Wirkstoffe, die eine anregende, pulsbeschleunigende Wirkung haben. Allen voran ist hier das Theobromin von größtem Interesse, das in einer Konzentration von 1,2% in der Kakaobohne zu finden ist. Theobromin ist dem Koffein chemisch nicht unähnlich hat aber eine beinahe konträre Wirkung. Im Gegensatz zu Koffein wirkt es gefäßerweiternd, harntreibend und entspannend auf die glatte Muskulatur, also auf den Verdauungstrakt. Außerdem wirkt es in höheren Dosen pulsbeschleunigend, was als anregende Wirkung empfunden wird. In der modernen Pharmakologie hat es kaum Bedeutung lediglich bei Pferden wird es als Dopingsubstanz angewendet. Für Hunde und Katzen dagegen ist Theobromin giftig.

Neben dem Theobromin enthält Kakao auch noch Serotonin und Dopamin, die beide anregend und stimmungsaufhellend wirken würden, nur leider sind die beiden Moleküle so groß, dass sie die Bluthirnschranke nicht passieren können und die gewünschte Wirkung wahrscheinlich äußerst überschaubar bleibt. Serotonin wirkt durchaus auch in der Körperperipherie, allerdings besteht die Wirkung vor allem darin Übelkeit und vermehrte Darmbewegungen zu verursachen.

Kakao enthält aber auch die Serotoninvorstufe Tryptophan eine Aminosäure, die die Blut-Hirn-Schranke passieren kann und von der Hirnanhangdrüse in Serotonin umgewandelt werden kann. Die Passage funktioniert dann besonders gut, wenn mit dem Tryptophan auch Zucker aufgenommen wird und anschließend sofort irgendeine Form von körperlicher Aktivität folgt. Die stimmungsaufhellende Wirkung von Schokolade erklärt sich auf diese Weise. Abends eingenommen bewirkt Tryptophan eher Schläfrigkeit, da es vorzugsweise in das Schlafhormon Melatonin umgewandelt wird.

Auch der hohe Magnesiumgehalt hat eine relaxierende Wirkung auf die Muskulatur und gilt als nervenstärkend insbesondere zusammen mit den B-Vitaminen. Kakao ist also definitiv ein gesundes Lebensmittel. In der Schwangerschaft konsumiert, senkt es sogar das Risiko einer Präklampsie.

Kakao in Maya Schrift, Wikimedia Commons, Bild: VVVladimir

Mythologie des Kakaos – Blutopfer und kriegerische Götter

Der Name des Kakao stammt aus dem Nahuatl, der auch heute noch gesprochenen Sprache der Azteken, von dem Wort „cacahuatl“. Es bedeutet „bitteres Wasser“. Es stammt von einer Pflanze namens Theobroma cacao, dem Kakaobaum, ein Malvengewächs.

Den Berichten über die heilige Kakao Zeremonie ist nun zu entnehmen, dass ein indigener Mythos erzähle, „dass, wann immer das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur bedroht ist, der Geist des Kakaos aus dem Regenwald kommt, um die Herzen der Menschen zu öffnen und den Planeten wieder in einen Zustand der Harmonie zu begleiten.“ Kakaozeremonie bedeute Heilung durch Liebe, heisst es dort.

Menschenopfer bei den Azteken, Wikimedia Commons, Darstellung aus dem Codex Magliabechiano

Die historische Realität sieht leider ein wenig anders aus. In der Maya Mythologie wurde Kakao den Menschen von der gefiederten Schlange gegeben, die mit dem Gott Quetzalcoatl assoziiert wird. Bei den Azteken gibt es einen ähnlichen Mythos der besagt, dass Kakao vom gleichnamigen Quetzalcoatl, einem wichtigen Schöpfer- und Weltengott, entdeckt wurde. Bei den Maya wurde alljährlich zu Ehren des Gottes Ek Chuah, auch bekannt als der „schwarze Kriegsherr“ oder der schwarze Skorpion“, ein Fest gefeiert bei dem traditionell eine Hund geopfert wurde, der vorher mit Kakao bemalt war, sowie weitere Tiere. Bei den Azteken wurden Quetzalcoatl zu Ehren Priestern die Ohrläppchen durchbohrt um den Kakao mit Blut zu benetzen und anschließend dem Gott zu opfern. Für Frauen und Kinder, so glaubte man, sei Kakao giftig.

Diese sehr archaischen Rituale waren durchaus üblich in den frühen mesoamerikanischen Kulturen. Der Mythologie zufolge standen die Menschen in der Schuld der Götter, die für das Fortbestehen der Welt und der Menschen ihr eigenes Leben hingaben. Man vermutet dass der Brauch Menschen und auch Tiere zu opfern, daher stammt. Das frische Blut sollte die Lebenskraft der Götter anregen und damit den Weltuntergang auch künftig verhindern. In Nahuatl heißt Opfer „Nextlaoalli“, was wörtlich übersetzt “die Schuld bezahlen” bedeutet.

Kakao war kein Grundnahrungsmittel, sondern vor allem eine Opfergabe an die Götter und ein Ritualtrunk. Kakaobohnen wurden u.a. auch als Währung verwendet.

Kakao heute – Sklaverei und Cadmium

Über die spanischen Eroberer kam Kakao auch nach Europa. Als die Azteken in einem blutigen Krieg von den Spaniern besiegt wurde, fand das „braune Gold“ schnell Anklang als Exportgut. Bereits zur Kolonialzeit wurde Kakao mithilfe von Sklavenarbeit für den europäischen Markt angebaut.

Auch heute ist Kakao neben Kaffee ein wichtiger Exportstoff von Entwicklungsländern. Insbesondere in Westafrika wird Kakao auch mit Hilfe von Kinderhandel und -sklaverei angebaut. Kleinbauern und Landarbeiter müssen oft weit unter dem Existenzminimum für den Anbau arbeiten. Gerade bei Kakao lohnt es sich also auf FairTrade Produkte zurückzugreifen.

Kinderarbeit in Afrika, Wikimedia Commons, Foto: Julien Harneis

Kritisch ist häufig auch die hohe Cadmiumbelastung des Kakaos, der aus dem Böden stammt, wo Kakao angebaut wird. Im Moment gibt es dafür noch keine Grenzwertregelung. Das gleiche gilt auch für Pestizide, die in hohem Maße eingesetzt werden, das trifft nicht nur die Kakaokonsumenten sondern in hohem Maße auch die Plantagenarbeiter.

Kakao – ein Stoff der Liebe?

Die biochemische Wirkung des Kakao ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber der Mythos, der darum geschürt wird, ist leider als weitgehend erfunden einzustufen. Auch die menschenunwürdigen Anbaubedingungen wirken im Zusammenhang mit der propagierten „Liebe der Götter“ fast ein wenig zynisch. Ob das der ideale Stoff ist um „sein Herz zu zentrieren“ wie es der Erfinder dieser Zeremonien verspricht bleibt mehr als fraglich.

Wer sich übrigens über die moderne Mexika („aztekische“) Tradition informieren möchte, dem sei dieses Interview mit einem modernen Mexika Paganen empfohlen:

Auf den Spuren der Azteken – Moderner Mexica Rekonstruktionismus

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