Geistestraining – Dharma – Teil I, geschrieben von Enrico

Immer wieder geben buddhistisch Praktizierende den Dharma auf, wenn sie sich großen Schwierigkeiten und Herausforderungen gegenüber sehen. Das ist einfach aufgrund der Person selbst, da sie eine falsche Vorstellung vom Dharma hat. Der Dharma wird nicht praktiziert, um Macht, Ruhm, Ansehen, Reichtum, angenehme Lebensumstände o.ä. zu erlangen. Allein das Wort „Dharma“ – befreiende Information – verweist schon auf den Zweck der Übung. Es geht darum, Befreiung von den wiederkehrenden quälenden Geisteszuständen – dem Leiden – zu erlangen und die Natur des Geistes, diesen beständigen Strom präsenten Erkennens, zu erlangen.

Wenn man beispielsweise den Ansatz des Vajrayana verfolgt, dann ist es zunächst wichtig, einen passenden Lehrer und eine ungebrochene Übertragungslinie zu finden. Dann erbittet man von dieser Person die entsprechenden Ermächtigungen, Einweihungen, Übertragungen und aufzeigenden Lehren. Natürlich soll man dabei wie ein hungriger Yak sein, der sich, noch während er den einen gegenwärtigen Grashalm verschlingt, schon nach einem nächsten umsieht. Aber das ist eine bildhafte Beschreibung für die Motivation, dass man im Bestreben nicht nachlassen soll und möglichst viele Verbindungen zu Lehrern und Praktiken herstellen soll. Jedoch soll und kann es nicht dabei bleiben.

Geist – die Wurzel von allem

Empfangene Übertragungen wollen auch praktiziert werden. Es genügt nicht, Einweihungen und hochrangigen Lamas nachzujagen. Wenn man das auf diese Weise verfolgt, landet man irgendwann in der Sackgasse der eigenen oberflächlichen Gedanken und Ansichten. Und das sind dann die Ursachen dafür, dass man das unmittelbare Training im Dharma, die Praxis auf dem Kissen und ggf. das Ausführen von Pujas, Wunschgebeten etc. aufgibt, wenn große Schwierigkeiten auftauchen. Stattdessen ist es erforderlich, den Dharma auch zu studieren, sich mit den Lehren eingehender und tiefer zu befassen.

Daher soll man sich auch mit den grundlegenden Lehren wie den Belehrungen zum Stufenpfad und dem Geistestraining vertraut machen. Selbst wenn man hunderte Ermächtigungen empfangen hat und man unzählige Praxisutensilien für die Rituale besitzt, wird man keinen Nutzen daraus ziehen, solange man nicht sich mit der Wurzel von allem – dem Geist – vertraut gemacht hat. Vielmehr werden diese Ermächtigungen und Praxisutensilien sich in Ursachen für aufgeblasenes Verhalten, Stolz, kleingeistiges Anhaften und dogmatische Fixierungen verwandeln. Die Praxis des Geistestrainings ist daher fundamental wichtig.

Geistestraining

Die Notwendigkeit für ein Geistestraining ergibt sich aufgrund des Zähmens des gewöhnlichen Geistes. Und dies geschieht am Besten über die Anwendung im Alltag. Am Meditationskissen, bei Pujas etc. kann man die besten Zuständen kultivieren und sich sogar darin verlieren. Der Erfolg einer Übung zeigt sich aber erst, wenn man außerhalb der Trainingssituation in den Zwischensitzungszeiten auf ganz gewöhnliche Herausforderungen des Alltags stößt. Dann erst zeigt sich, wie gut Sichtweise und Geisteszustände kultiviert wurden. Ist man sich des momentanen Geisteszustandes gewahr? Verlangt man nach besseren Gefühlszuständen? Lehnt man schwierige Lebensmomente ab, will sich diesen sogar verweigern? Oder hat man es tatsächlich geschafft, sich mit der überweltlichen Sicht vertraut zu machen und ist der Geistesstrom von dieser Sicht durchdrungen worden?

Erste Erfolge zeigen sich beispielsweise darin, dass man sich des üblichen reflexartigen Reagierens auf Situationen überhaupt einmal bewusst wird. Es kann sich auch dadurch zeigen, dass man Ursache-Wirkungszusammenhänge erkennt und nicht immer andere oder eine diffuse Schicksalsmacht – manchmal als „Leben“ oder in einer falschen Auffassung als „Karma“ bezeichnet – dafür verantwortlich macht. Denn mal Hand auf’s Herz. Wer oder was ist den das „Leben“? Wer oder was ist das „Karma“? Sind Leben und Tun (Karma) verschieden von der Person, die lebt und tut?

Das gewöhnliche Leben mit allen seinen Anforderungen muss in den Pfad gebracht werden. Für Praktizierende des Sutrayana-Ansatzes wie auch für jene des Vajrayanas gilt dies gleichermaßen. Bloß die Sichtweisen, wie eben Phänomene gesehen werden, ist verschieden. Ob man den fühlenden Wesen durch geschickte Mittel wie den Bodhisattva-Handlungen auf der Basis der unterscheidenden Weisheit in die Leerheit nützt oder ob man die „reine Sicht“, den „Yidam-Stolz“ etc. des Vajrayana dabei pflegt, ist einerlei. Denn auch in der „reinen Sicht“ des Vajrayana sieht man nicht nur sich rein, sondern auch andere. Somit besteht auch hier keine schiefe Ebene zwischen einem selbst und den Wesen, bloß die gesamte Sichtweise ist einfach noch etwas weiter verfeinert worden.

Reichtum, Nahrung und Sicherheit bringen auf körperlicher Ebene eine gewisse Sicherheit und einen Komfort. Jedoch gelingt dies nicht auf geistiger Ebene, da eben Reichtum, Nahrung und Sicherheit materielle Dinge sind bzw. darauf basieren. Der Geist jedoch ist nicht materiell und wird nicht durch Materie erzeugt. Deshalb ist Leiden und Qual eben geistiger Natur und der Zweck des Dharmas ist es, durch ein Verständnis der Natur des Geistes und der Phänomene Befreiung davon zu erlangen.

Ende Teil I

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