Das Lied der Banshee, von Veleda Alantia

Geschichten aus den Nebelreichen

 

 

Diese Geschichte erzählte mir meine Freundin, die Banshee..-
Jedes Jahr zu Samhain sitzen wir ein paar Tage zusammen.
Teilen Met und Brot und erneuern unsere Freundschaft.
Folgendes vertraute sie mir an einem nebeligen Morgen an…

Vor Urzeiten wurde aus Erde und Wasser und der sanften Wärme der Herbstsonne die Banshee geboren. Mit ihr wurden noch acht weitere Schwestern aus Nebel erschaffen. Das Geschenk, das sie von der alten Göttin erhielten war die Kraft ihrer Stimme. Da ihre Erscheinung flüchtig war konnten sie bei dem Menschen weilen und wenn ihre Zeit, durch die Schere der Norne, in diesem Leben endete, so begleitete sie die Totenklage der Banshee in die Anderswelt.

Doch gab es einst eine Banshee, die die Menschen nicht nur betrachten wollte. Sie wollte mit ihnen sein. Die Sonne fühlen, zu der Musik tanzen und lachen und lieben.

So ging sie ans Meer. Der Wind ließ ihre Gewänder wie Nebelfahnen aussehen. Ihre Schwestern sagten, daß sie hier Hilfe bekäme. Doch schien sie ganz allein. Sie brauchte Hilfe um ihre Sehnsucht zu stillen!

“Hör mich, du tiefe See! Ich brauche deine Hilfe!”

“Ich habe gehört.” Ein Mann mit den Augen der Nordsee, farblich zwischen sturmgrau und grün schwankend, stand vor ihr. Er war alterslos, doch waren seine Augen uralt. Die Banshee sank nieder. Der Mann lächelte. Hob sie auf.

”Ich habe den tiefen Wunsch gehört. Ich werde ihn dir gewähren doch wisse, daß Leid dich begleiten wird.”
“Das ist mir gleich, unerwarteter Gott. “
So nickte er und verwandelte ihre Gestalt, so dass sie aus Fleisch und Blut war.
”Geh nun..doch höre die Bedingung. Kein Mensch darf deinen Gesang vernehmen. Denn das grosse Lied darf nicht durch dein Fehlen verändert werden. Zu jedem Neumond solltest du alleine singen dürfen. Kein Mensch darf dich hören. Tut er das verlierst du deinen Körper.” sagte der Gott sanft aber mit Melancholie. Er erahnte den  Fortgang.

Die Banshee dankte ihm dafür und begab sich in die Stadt am Meer. Mit ihrer aussergewöhnlichen Art, der schlichten Schönheit aus dem Inneren und ihrem Geschichtenreichtum die sie aus der Anderswelt mitgebracht hatte, war sie bald ein wichtiger Teil des Lebens der Menschen. Doch ..bald verlief ihr Leben anders. Sie verliebte sich und heiratete einen Menschenmann. In der Weihenacht hatte sie ihn gebeten ihr zu jedem Neumond ihre Zeit allein zu lassen und sie nie zu fragen warum.

Im ersten Jahr konnte die Banshee zu jedem Neumond mit ihren Schwestern singen und das grosse Lied webte das Gleichgewicht von Leben und Tod.

Im zweiten Jahr wurde ihr Mann misstrauisch. Seine Frau verschwand nächtelang. Spurlos. Keiner konnte sie finden.

Im dritten Jahr reichte es ihm. Statt sich um die Familie zu kümmern und um ihn, ihren Herren, war die Banshee draussen. Bei Nacht und Nebel am Meer. Dort hatten manche der Stadtbewohner sie gesehen. Allein mit dem Nebelreich, den Elementen.

Eines Nachts, die Kinder schliefen, folgte er ihr zum Strand. Ein Lied flog mit dem Wind, rauschte in den Wellen, ruhte im Stein. Dort war seine Frau und sang! Doch sang sie nicht allein. “Hier bist du, Hexe! Beschwörst du den Sturm herauf, der die Fischer zum Kentern bringt?!” Unbedacht hatte er diese Worte gesprochen, doch waren sie gehört und nicht zurückzunehmen.

Mit traurigem Blick sah die Banshee zu ihrem Mann während ihr Fleisch sich nach und nach zum Nebel verwandelte. Fleisch zu Geist wurde.

Der unerwartete Gott mit den Meeraugen tauchte als Silhouette hinter ihr auf. Legte mitfühlend die Hand auf ihre Schulter.

“Durch deine eigene Unsicherheit hast du das beendet. Ich werde unsere Kinder ihr Leben lang begleiten. Doch Mensch werd ich nicht mehr werden können.“
Und die Banshee wurde zu Nebel.

In der Anderswelt begrüssten ihre acht Schwestern sie. Sie hatten sie vermisst und teilten ihr Leid.

Die Kinder wurden erwachsen, gründeten selber Familien.
So ist es, daß das Blut des Anderweltlichen und Fernen sich in vielen Menschen dieser Zeit bewahrt hat.

Ende

 

Autorin: Veleda Alantia

Bilder: Veleda Alantia

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